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Helmut Lukas

Einleitung

Quelle: HSK 10: Das pazifische Jahrhundert? Wirtschaftliche, ökologische und politische Entwicklung in Ost- und Südostasien. Herausgegeben von Edith Binderhofer, Ingrid Getreuer-Kargl und Helmut Lukas. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel; Wien: Südwind; 1996. S. 11 - 20.

Abgrenzung und Charakterisierung der Regionen

Ostasien

Folgende Merkmale kennzeichnen nach Ansicht des Geographen Kolb (1963) den "Kulturerdteil" Ostasien (Volksrepublik China ohne Innere Mongolei, Tibet und Xinjiang; Japan; Südkorea; Nordkorea; Taiwan; Hongkong; Macao): (1) eine einheitliche kulturelle Prägung (Konfuzianismus, Buddhismus, Daoismus etc.), (2) eine spezifische Kombination natürlicher und sozialer Faktoren der Raumgestaltung, (3) Besonderheiten der geistigen sowie sozialen Ordnung und (4) Zusammenhänge des historischen Ablaufs v.a. aufgrund der langen staatlichen Geschichte Chinas, wobei sich außerhalb des Reiches die politisch-kulturelle Dominanz nicht nur in Tributzahlungen, sondern v.a. in der Nachahmung des chinesischen Modells der Staatsorganisation manifestierte. In ähnlicher Weise wie Kolb, d.h. ebenso vergangenheitsorientiert, versucht auch der Geograph Schoeller (1978) die Eigenständigkeit der Region mit der Prägung durch die chinesische Kultur - insbesondere den Konfuzianismus, die mit diesem verbundene Staatsauffassung und Gliederung der Sozialstruktur - zu begründen, die auch in den weiter vom Zentrum liegenden Ländern wie Japan und Korea lebensfähige "Tochterkulturen mit ethnischer Eigenständigkeit und starker nationaler Identität" geschaffen habe. Zentrale Bedeutung mißt er hiebei dem kultursozialen Wertsystem zu: Als ostasiatische Charakteristika verzeichnet er die genossenschaftliche und kollektivistische Orientierung sowie die starke Ausrichtung auf die Familie, die eine ausgesprochene Einordnung, Disziplinierung und Ergebenheit der Menschen nach sich ziehen. U.a. sollen folgende spezifische Züge die Kulturlandschaft Ostasiens kennzeichnen: Ein dem Staat verpflichtetes Bauerntum, das sich auf die Ebenen konzentriert und sich vorwiegend dem intensiven Naßfeld-Reisbau widmet, der durch Sonderkulturen und Hausgewerbe ergänzt wird. Dem nahezu viehlosen Feldbau steht die räumlich weit entfernte Viehwirtschaft, z.T. noch in Form nomadischer Herdenwirtschaft gegenüber. In den Feldbauzonen werden Fleisch und tierische Produkte nur in äußerst geringen Mengen konsumiert; Zug- und Arbeitstiere werden kaum eingesetzt; der fehlende tierische Mist bedingt eine Düngung mit menschlichen Fäkalien. Auch Dürr (1982) hebt wie Kolb und Schoeller die einheitliche kulturelle Prägung durch die "Ziviltheologie" des chinesischen Reiches, den Konfuzianismus, hervor, dessen leitende Prinzipien ("Herrschaft durch Tugend", die "Fünf Beziehungen" etc.) von der späten Han-Zeit an (im 2. Jh. n. Chr.) bis zum Ende des Kaiserreichs im Jahr 1911 die Beziehungen zwischen Herrscher und Untertan, Vater und Sohn, Mann und Frau, Älteren und Jüngeren im Sinn der Menschenliebe (ren), der Gerechtigkeit (yi) und der Ehrerbietung (xiao) regelten. Korea übernahm von China die Schrift und die Sprache (für Bildung und Verwaltung), v.a. aber die konfuzianische Ethik und das System einer extrem zentralisierten Verwaltung. Ähnliches gilt für Japan, das jedoch die Kultur der Tang-Zeit indirekt und auf friedlichem Weg von Korea übernahm. Trotz der Tatsache, daß besonders der Norden Vietnams einer langen und intensiven Sinisierung ausgesetzt war und eine 1000-jährige chinesische Herrschaft erdulden mußte, wird es von Dürr nicht als Teil der ostasiatischen Kulturregion angeführt (s.u.). Im Gegensatz zu vielen anderen Geographen betont aber Dürr, daß moderne soziopolitische Merkmale wie v.a. die außerordentliche "Effizienz des Entwicklungshandelns" und die ehrgeizigen Entwicklungsziele ein übereinstimmendes Merkmal des Kulturerdteils Ostasien seien und führt dies auf bestimmte, historisch und kulturell bedingte soziologische Strukturmerkmale ostasiatischer Gesellschaften zurück.
Der die Länder China, Japan, Nord- und Südkorea sowie Vietnam einschließende "konfuzianische Kulturkreis" wird von einigen Autoren noch weiter differenziert in den familienzentrierten Konfuzianismus Chinas und den staatszentrierten Konfuzianismus Japans und Koreas, der eine stärkere Identifizierung mit der bestehenden Staats- und Regierungsform mit sich bringt (Menzel 1994). Demgegenüber geht Oskar Weggel (1993) davon aus, daß der sog. "Metakonfuzianismus" in ganz Ostasien - VR China, Taiwan, Nord- und Süd-Korea, Hongkong, Singapur, Japan und Vietnam (sic!) - das bestimmende Wertsystem sei. Unter Metakonfuzianismus versteht Weggel nicht den Konfuzianismus des Mandarinats, des alten Beamtenstaates, "sondern das von ihm nur rahmenhaft beeinflußte Regelwerk des Kleinen Mannes (also eine Art Bauern-, Händler- und Handwerker-Konfuzianismus)" (ebda) als langfristige Nachwirkung des Konfuzianismus.
Trotz seiner kulturellen Einheitlichkeit weist Ostasien sowohl in naturräumlicher, als auch in ethnisch-kultureller, ökonomischer und politischer Hinsicht eine starke interne Differenzierung auf. Diese wie auch andere Abgrenzungen der Region Ostasien - so werden manchmal auch die Innere und Äußere Mongolei, Tibet/Xizang und Xinjiang, die sonst als Teile Zentral- bzw. Hochasiens angesehen werden, zu Ostasien gerechnet (Menzel 1994) - sind v.a. dann nicht befriedigend, wenn man die innerhalb der einzelnen Länder bzw. zwischen den Ländern der Region herrschenden wirtschaftlichen Entwicklungsunterschiede in Betracht zieht: In der Volksrepublik China beispielsweise befinden sich neben den meist im Westen und Südwesten liegenden "unterentwickelten" Regionen (Gansu, Qinghai, Heilongjiang, Xinjiang etc.) die im Osten liegenden, küstennahen dynamischen industriellen Zentren mit modernsten Produktionstechnologien und entwickelter Infrastruktur (Jiangsu, Guangdong, Shanghai, Shandong etc.). Hochindustrialisierten Ländern wie Japan und den sog. "Tigerstaaten" Hongkong, Taiwan und Südkorea stehen wenig entwickelte Länder (z.B. Nordkorea, Mongolei) gegenüber.
Außerhalb der hier enger oder weiter definierten Region findet man in Gestalt der chinesischen Minderheiten (Auslands- oder Überseechinesen: huaqiao bzw. haiwai huaren) ostasiatische Brückenköpfe, das sog. "Vierte China", v.a. in den südostasiatischen Ländern: Menzel zieht daraus den (von den Vertretern der Mehrheitsbevölkerungen Südostasiens gewiß nicht akzeptierten Schluß), daß die Chinesen "als strategische Gruppe ganz wesentlich für das Phänomen der Schwellenländer der zweiten Generation, nämlich Malaysia, Thailand und Indonesien (demnächst vermutlich auch Vietnam), verantwortlich sind. Aus einer entwicklungspolitischen Perspektive müßte das "vierte China" integraler Bestandteil der Analyse sein, will man der Gesamtdynamik der "Dritten Weltwirtschaftsregion" neben Westeuropa und Nordamerika wirklich mit Verständnis begegnen." (Menzel 1994:15; vgl. Weggel 1993:233)

Südostasien

Entstehung des modernen wissenschaftlichen Begriffs "Südostasien"
Der uns heute so geläufige Terminus "Südostasien" hat sich erst im Zweiten Weltkrieg durchgesetzt, um die damals größtenteils von den Japanern besetzten Gebiete des östlichen asiatischen Festlandes (Französisch-Indochina, British Burma und Malaya, Thailand) und der daran anschließenden Inselwelt (Niederländisch-Indien, Philippinen) zu bezeichnen: Der Literatur zufolge bildeten die Alliierten Streitkräfte, indem sie vom indischen Historiker K. M. Pannikar ("Future of Southeast Asia", 1943) den Terminus übernahmen, das "Südostasiatische Oberkommando" ("Allied Supreme Command for Southeast Asia"), das die Rückeroberung dieses von den Weltmächten nun als einheitliche Region aufgefaßten Raumes organisieren sollte. Das sei die Geburtsstunde des Begriffs "Südostasien" gewesen (Hall 1976:3; Villiers 1965:11; Tarling 1966:xii; Weggel 1993:223). Diesem "wissenschaftsgeschichtlichen Irrtum" (Uhlig 1988:21) zum Trotz war es ein Österreicher, nämlich der Wiener Ethnologe und Prähistoriker Robert Heine-Geldern, der 1923 den Begriff "Südostasien" begründete und in die Wissenschaft einführte (Kubitscheck 1984:9, 88 f): "Der eigentliche Begründer der Südostasienwissenschaft war _ Robert Heine Geldern, der 1923 in einem programmatischen Artikel "Südostasien" (Buschans Illustrierte Völkerkunde _) nicht nur die heute noch darunter verstandene Region definierte, sondern auch auf ethnische, linguistische und kulturelle Gemeinsamkeiten der Völker des Raumes aufmerksam machte und ihre Wanderungen und wechselseitigen Beeinflussungen beschrieb. Wenn auch einige seiner Thesen inzwischen überholt erscheinen, so war es er selbst, der die Voraussetzung dafür schuf, indem er in den Vereinigten Staaten, wo er zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in der Emigration lebte, den Anstoß zur Entwicklung der modernen Südostasienwissenschaft gab." (Dahm 1975:13 f) Heine-Geldern (1923) erblickte in Südostasien einen durch die Verteilung, die internen Beziehungen und Schichtungen der rezenten wie auch der verschwundenen Ethnien, Kulturen und Sprachen, d.h. "ethnographisch" definierten Raum, der folgende Gebiete umfaßt: das festländische "Hinterindien" unter Einschluß Assams, der südlichen Ketten des Himalaya, der Gebirgsketten von Chittagong und Teilen Südchinas; ferner den "Malaiischen Archipel" und die Insel Formosa/Taiwan.

Abgrenzung Südostasiens
Südostasien befindet sich im Dreieck zwischen der südwestlichen Spitze Chinas, der Nordküste Australiens und der Südspitze Indiens. Folgende Staaten sind Teil der politischen Region Südostasien: Myanmar/Burma, Thailand, Laos, Kambodscha, Vietnam, Indonesien, Philippinen, Singapur, Malaysia und Brunei. Innerhalb dieses Dreiecks gehören nicht zur politischen Region Südostasien: die zur VR China zählende Insel Hainan, Papua-Neuguinea, Sri Lanka und Bangladesh.
Die Eigenständigkeit der Region sollte auch im Verhältnis zum pazifischen Raum (Ozeanien) berücksichtigt werden und eine klare Abgrenzung von dieser riesigen, aber weit dünner besiedelten Region (Neuguinea, Melanesien, Mikronesien, Polynesien) erfolgen (Uhlig 1975; Wirthmann 1975). Andererseits darf nicht übersehen werden, daß wahrscheinlich ausgehend vom amerikanischen Sprachgebrauch sich auch im deutschen politischen Vokabular die umfassenderen Begriffe "pazifischer Raum", "asiatisch-pazifischer Raum" bzw. "austral-pazifischer Raum" (Menzel 1994:16; Weggel 1993:223; Uhlig 1975) durchgesetzt haben. Mit dem Begriff des "pazifischen Raums" wird dabei gewöhnlich nicht oder nur am Rande auf die von nur ca. 6 Mio. Menschen besiedelten 10.000 Inseln des Südpazifik (Ozeanien) und deren weit in die prähistorische Vergangenheit zurückreichenden kulturhistorischen Beziehungen mit Südost- und Ostasien angespielt (Besiedlung dieses riesigen Raumes von Südostchina bzw. Südostasien aus). Obwohl eine regionale Kooperationsorganisation unter dem Namen "South Pacific Forum" existiert, traten bisher als Mitglieder einer in der APEC (Asian Pacific Economic Cooperation; gegr. 1989) angestrebten "Pacific Community" nicht die im Kernbereich des Pazifik liegenden, meist wirtschaftlich schwachen Länder (Fidschi, Vanuatu etc.) und zum Teil noch politisch abhängigen Gebiete (Amerikanisch-Samoa, Französisch-Polynesien, Neukaledonien etc.) in Erscheinung, sondern die am Rande des pazifischen Raums liegenden Staaten (wie Australien, Neuseeland, Japan, Südkorea, die ASEAN-Länder, die USA und Kanada). Der Titel des vorliegenden Buches - "das pazifische Jahrhundert" - sollte daher nicht darüber hinwegtäuschen, daß die im Kernbereich des Pazifischen Ozeans liegenden Länder eher zu den Verlierern als zu den Gewinnern der rasanten Entwicklung in Ost- und Südostasien zählen. Der wirtschaftliche Boom dieser Regionen manifestierte sich bestenfalls in einer verstärkten Fremdbestimmung der Wirtschaft durch chinesische, japanische oder südostasiatische Investoren und hat bis jetzt nichts an der chronischen Migration der Bewohner der südpazifischen Inselwelt in die USA und andere Länder geändert (Krosigk 1994).
Der Kulturraum Südostasien, in dem ungefähr 520 Millionen Menschen leben, befindet sich zwischen Ost- und Südasien, Australien und Ozeanien und reicht damit von den Ausläufern des Himalaya-Massivs im Nordwesten (Assam/Indien, Chittagong Hill Tracts/Bangladesh) über Vietnam bis zu den Philippinen im Nordosten, wobei in der Vergangenheit v.a. die Nord-Süd-Richtung der Gebirgszüge auf dem Festland natürliche Barrieren für die Kommunikation in west-östlicher Richtung bildeten. Unter besonderer Berücksichtigung der sprachlichen und ethnisch-kulturellen Faktoren könnten im Norden auch bestimmte Teile Südwestchinas (Yunnan, Guangxi, Guizhou) und Südostchinas (Guangdong), die erst in jüngerer Zeit von Han-Chinesen besiedelt wurden und auch heute noch einen hohen Anteil an ethnischen Minderheiten aufweisen, als Bestandteil Südostasiens betrachtet werden. Sumatra (mitsamt den vorgelagerten Inseln) liegt im äußersten Westen Südostasiens. An die in das insulare und das kontinentale Südostasien differenzierte Kernregion, die von ca. 472 Mio. Menschen bevölkert wird, schließen Randregionen, die sich durch ihre Mischungen und fließenden Übergänge bzw. ihren Enklavencharakter auszeichnen, an:

  1. insulares Südostasien (Indonesien: 195 Mio., Malaysia: 19 Mio., Philippinen: 66 Mio., Brunei: 270.000, Singapur: 3 Mio.), gesamt: ca. 283 Mio.; am nordöstlichen Rand: Enklave Taiwan/Formosa (s.u.)
  2. kontinentales Südostasien (Myanmar/Burma: 44 Mio., Thailand: 60 Mio., Laos: 4,5 Mio., Kambodscha: 9 Mio., Vietnam: 72 Mio.), gesamt: ca. 189,5 Mio. Randregionen im Westen (Indien, Bangladesh) bzw. Norden (China) (s.u.)
  3. Randregionen: Bangladesh (Chittagong-Bergvölker: ca. 1 Mio.), Assam, Nagaland, Tripura, Mizoram und Manipur Nordostindiens (Tibeto-Burmanen: Chin, Kachin, Naga u.a.: ca. 2.250.000) im Westen; Südchina (Thai-Kadai-Ethnien: Zhuang, Bouyei, Li in Hainan, Tung Chia, Gelao, Lü u.a.; tibeto-burmanische Ethnien: Yi/Lolo, Woni/Hani und Akha, Naxi, Jingpo u.a.; Miao-Yao-Ethnien: Miao, Yao u.a.; austroasiatische Ethnien: Wa u.a.; ca. 45 Mio.) sowie die isolierte Enklave Taiwan (Atayal, Saisiyat, Paiwan, Puyuma u.a. Gruppen der als "Gaoshanzhu" bezeichneten austronesischen Urbevölkerung: ca. 270.000) im Norden; m.E. könnten auch die Nikobaren und Andamanen zu Südostasien gezählt werden; gesamt ca. 49 Mio. (Kunstadter 1967; LeBar/Hickey/Musgrave 1964; LeBar 1972).
Die Grenzen der Kulturregion Südostasien haben sich im Laufe der Zeit verändert. "Proto-Südostasien" war zweifelsohne größer als der gegenwärtige südostasiatische Kulturraum und schloß v.a. im Norden große Gebiete Südchinas ein, die erst relativ spät von Han-Chinesen auf ihrem "Marsch in den Süden" (Wiens 1954) besiedelt wurden; nur in kleineren Teilen Südchinas (Yunnan, Guizhou, Guangxi, Guangdong) leben heute noch zahlreiche größere und kleinere südostasiatische Völker als ethnische Minderheiten. Dazu kommt, daß die Inseln Hainan und Taiwan einst ausschließlich von südostasiatischen Ethnien bewohnt waren; die Ureinwohner dieser beiden Inseln wurden durch die erst in jüngerer Zeit erfolgte massive chinesische Kolonisation zu einer in die Berge abgedrängten, in jeder Hinsicht völlig unbedeutenden Minderheit.

Charakterisierung Südostasiens
Gewöhnlich wird das kontinentale Südostasien (mit Myanmar, Thailand, Laos, Kambodscha, Vietnam) vom insularen Südostasien (Indonesien, Philippinen, Singapur, Brunei, Malaysia) unterschieden. Der Westteil Malaysias, der sich auf dem Kontinent befindet, wird aufgrund seiner historischen, kulturellen, ethnischen, religiösen, ökonomischen und politischen Beziehungen mit Sumatra und anderen Inseln des Archipels, zum insularen Südostasien gezählt.
Neben dieser geographischen Unterteilung kann man Südostasien auch nach seinen bestimmenden religiös-kulturellen Traditionen einteilen: Die meisten Länder des kontinentalen Südostasien sind - wenn man von den hinduistischen, muslimischen, christlichen und konfuzianisch-daoistischen Enklaven absieht - buddhistisch. Das insulare Südostasien ist dagegen vorwiegend islamisch (Malaysia und Indonesien, Brunei, Süd-Philippinen). Bedeutendere religiöse Enklaven bilden die balinesischen Hindus in Indonesien, Buddhisten und Daoisten in Singapur, Hindus und Buddhisten in Malaysia, die katholische Mehrheitsbevölkerung in den Philippinen und die christlichen Minderheiten in Indonesien. Die Zahl der muslimischen Bevölkerung Südostasiens ist mit ca. 200 Millionen größer als die der Buddhisten, mit deren religiösem Leben aufgrund der vorherrschenden Klischees die südostasiatische Kulturlandschaft oft gleichgesetzt wird. Der Staat mit der bei weitem größten islamischen Bevölkerung der Welt ist der ASEAN-Staat Indonesien. Obwohl die traditionellen und einheimischen Glaubensformen kaum als organisierte Religionsgemeinschaften in Erscheinung treten, sind die Hochreligionen oft mit "animistischen" und mystischen Elementen synkretistisch verbunden (Geertz 1969). Neben diesen synkretistischen Religionsformen findet man in Südostasien noch zahlreiche kulturgebundene und partikularistische Stammesreligionen. Diesen droht in vielen Fällen der Untergang, zum Teil aber besitzen diese einheimischen religiösen Deutungssysteme ausreichende Fähigkeiten zur Resistenz, Anpassung, Umdeutung und Integration von Außeneinflüssen. In einigen Fällen kam es sogar zur Bildung neuer Minoritäten-Religionen, indem alte Glaubenssysteme zu den neuesten offiziellen Religionen des Landes umgestaltet wurden - wenngleich um den Preis einer universalistischen Neuinterpretation und Restrukturierung der religiösen Theorie und Praxis im Sinne einer "Kanonisierung" bzw. "Theologisierung" der Religion (Atkinson 1983; Kipp/Rodgers 1987; Zinser 1986).
Die Heterogenität Südostasiens wird auch durch die zur geographischen und religiösen Gliederung hinzukommende ethnische und sprachliche Vielfalt erkennbar, die kaum ihresgleichen auf dieser Welt hat: Allein in Indonesien gibt es 25 große und (je nach Zählweise) 250 bis 500 kleinere indonesische Sprachen. Aber auch auf dem Festland, wo in den multiethnischen Staaten der Anteil der tribalen Gesellschaften niedriger ist (Laos: 33 %; Myanmar: 20-25 %; Vietnam: 14 %; Thailand: 2%; Kambodscha: 1%), gibt es 4 große Sprachgruppen, die sino-tibetische (Burmesisch, Kachin, Karen, Hmong, Yao, Chinesisch etc.), die austroasiatische (Vietnamesisch, Khmer, Mnong, Bahnar etc.), Tai-Kadai (Thai, Laotisch, Shan etc.) und die austronesische (Cham, Jarai, Rhadé, Malaiisch etc.) - plus zwei weitere, durch rezente Zuwanderung importierte Sprachfamilien (dravidische und indoeuropäische Sprachen wie Tamil, Hindi und Urdu). Auf dem festländischen Teil Südostasiens befinden sich mehr als 150 verschiedene ethnische Gruppen. Dabei gilt besonders in Laos, Kambodscha und Vietnam die Regel: Je mehr Berge, desto bunter ist das ethnische Bild, desto zahlreicher die Minoritäten; je mehr Wasser und Tiefland, desto einheitlicher wird das Bild und desto dominanter das jeweilige "Staatsvolk". Viele Bergvölker und kleinere Ethnien, die oft lange vor der Ankunft der großen Völker Südostasien besiedelt hatten, wurden in Randlagen abgedrängt. Im nördlichen Teil des kontinentalen Südostasien leben v.a. Bergvölker wie z.B. die Meo/Hmong, die erst in jüngerer Zeit diese Region besiedelten. Die sprachliche Vielfalt äußert sich manchmal darin, daß innerhalb eines Dorfes mehrere Sprachen gesprochen werden; v.a. im Norden von Vietnam, Laos und Thailand wie auch in Süd-China ist die sprachliche Gliederung mit einer anthropogeographischen Höhenschichtung der Bevölkerungs-, Siedlungs- und Wirtschaftsgebiete ("Stockwerksystem") verbunden, d.h. man trifft je nach Höhenlage auf eine von drei bis vier Sprachen der engeren Region (Credner 1935; McCloud 1986; Uhlig 1988; Hanisch 1994; Keyes 1995).
Eine Besonderheit Südostasiens sind die zahlreichen "transnationalen Minoritäten": Nach Bradley (1983) können Ethnien, die sich aufgrund einer bereits seit langer Zeit anhaltenden Nord-Süd-Migration in mehr als einem Staatsgebiet befinden, als "transnationale" Minoritäten beschrieben werden. So lebt beispielsweise die Mehrheit der Miao in Süd-China (Guizhou, Szechwan, Guangxi, Yunnan), weitere Teile unter dem Namen "Mnong" bzw. "Mlao" in Nordvietnam, in Nord-Laos und unter der Bezeichnung "Meo" in Nord-Thailand; die Kachin leben mehrheitlich in Nord-Myanmar, daneben aber auch noch in Südwest-China (Yunnan) und Nordost-Indien.
Einen speziellen Fall "transnationaler Minderheiten" bilden die Zuwanderergruppen, deren Herkunftsethnie selbst anderswo eine staatstragende Rolle spielt: Diese umfassen die meist als huaqiao bezeichneten Übersee- oder Auslandschinesen (in praktisch allen Ländern Südostasiens), die Inder, Pakistani etc. (in Malaysia, Myanmar und Thailand), sowie die Vietnamesen (in Kambodscha, Laos, Thailand). Diese Minoritäten konnten zumeist dominierende Positionen in bestimmten Nischen, wie z.B. dem Einzel- und Zwischenhandel, im Kredit- und Geldwechselsektor, als Unternehmer etc., erringen und im Rahmen dieser ethnischen Linien folgenden Arbeitsteilung starke, nach außen oft recht abgeschlossene Netzwerke aufbauen. Daher sind sie von politischer Seite oft Diskriminierungen ausgesetzt (Ausweisung der Inder aus Myanmar, Enteignung bzw. Vertreibung der Chinesen in Vietnam, legale Einschränkung der Wirtschaftstätigkeit in den meisten ASEAN-Staaten und Privilegierung "einheimischer" Bumiputera-Unternehmer etc.). Zumindest werden sie in vielen Ländern - obwohl sie schon mehrere Generationen im Land sind - weiterhin als Fremde angesehen. Die ökonomisch bei weitem bedeutendste, aber in sprachlich-kultureller Hinsicht ziemlich heterogene transnationale Minderheit Südostasiens sind die Chinesen, die zusammen etwa 5,6% der Gesamtbevölkerung ausmachen. Aufgrund der unterschiedlichen Bedingungen, unter welchen in der Kolonialzeit die chinesische Immigration, die sich hauptsächlich auf den Zeitraum zwischen 1850 und 1930 beschränkte, vor sich ging, bewegt sich der Anteil der chinesischen Minderheiten an der Gesamtbevölkerung zwischen 2,5% (Indonesien) und 36 % (Malaysia). Länder mit einem höheren Anteil an Chinesen sind allesamt ehemalige britische Kolonien, in welchen durch die liberale Wirtschaftspolitik und die nicht-restriktiven Einwanderungsgesetze die chinesische Immigration begünstigt wurde, während z.B. der niedrige Prozentsatz der Chinesen in Indonesien mit den Einwanderungsbeschränkungen der niederländischen Kolonialregierung in Zusammenhang gebracht werden kann. In Singapur stellen die Chinesen seit der 1959 erlangten Unabhängigkeit bzw. seit der Rückkehr zur Eigenstaatlichkeit im Jahr 1965 mit 76% sogar die überwiegende Bevölkerungsmehrheit. Die in den südostasiatischen Staaten lebenden Chinesen investieren derzeit in zunehmendem Maß große Mengen an Kapital in der VR China, wobei ihnen neben der Vertrautheit mit ihrer Herkunftskultur und -sprache besonders ihre engen verwandtschaftlichen Bindungen mit den Bewohnern des südchinesischen Raumes zugute kommen (vgl. Liem 1986; Wang 1985; Wang 1988; Böttcher 1993; Hanisch 1994; Menzel 1994; Reddies 1994; Wielander 1995).

Literatur

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