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Peter Feldbauer - Christof Parnreiter

Einleitung

Quelle: HSK 12: Mega-Cities Die Metropolen des Südens zwischen Globalisierung und Fragmentierung. Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 1997 (Historische Sozialkunde 12). Herausgegeben von Karl Husa, Erich Pilz, Irene Stacher. S.9 - 20.

Einleitung: Megastädte - Weltstädte - Global Cities

Das dritte Jahrtausend verspricht, ein Jahrtausend enormer Verstädterung und riesiger Stadtagglomerationen zu werden. Um das Jahr 2025 dürften 85 Prozent der EinwohnerInnen des industriellen Nordens in Städten wohnen, im Süden, d.h. in den Ländern der sogenannten Dritten Welt, werden es mehr als 55 Prozent sein. Damit werden zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit deutlich mehr Menschen nicht mehr auf dem Land, sondern in urbanen Zonen leben.
Noch im Jahr 1970 existierten weltweit lediglich drei Städte mit einer Einwohnerzahl von über 10 Millionen Menschen. Lediglich 30 Jahre später werden mehr als ein Dutzend diese Marke überschritten haben, sich die einwohnermäßig größten dieser Megastädte der 20- oder gar 25-Millionen-Grenze annähern und aufgrund ihrer Dimensionen eine neue Qualität von Urbanität oder städtischer Bedrohung darstellen.
Zwar dürfte in Europa, in den USA und in Japan der Urbanisierungsgrad noch erheblich zunehmen, der Prozeß der extremen Wachstumsdynamik der Megastädte des Nordens ist aber bereits seit Mitte unseres Jahrhunderts weitgehend abgeflacht und die Bevölkerungszahl der großen Weltstädte ist zuletzt nur mehr gebremst bzw. regional selektiv expandiert. In den Peripherieländern des Südens steht hingegen ein weiterhin rapides Stadtwachstum bevor. In den 1990er Jahren soll die tägliche Zunahme der städtischen Bevölkerung in der Dritten Welt bei etwa 160.000 Personen liegen, und die Zahl der Megastädte, d.h. von Städten mit über fünf Millionen EinwohnerInnen, wird ebenfalls beträchtlich zunehmen. Die enorme Dynamik des Wachstumsprozesses zeigt sich etwa an der Tatsache, daß es in Dritte Welt-Ländern im Jahr 1950 nur drei Städte mit mehr als vier Millionen EinwohnerInnen gegeben hat - außerhalb von China fiel nur Calcutta in diese Kategorie -, in den Industriestaaten dagegen immerhin neun, darunter London, Paris und Moskau. Im Jahr 1985 war die Zahl entsprechender "Giant-Cities" in der Dritten Welt auf 28 gestiegen, im Jahr 2000 dürfte es zwischen 40 und 50 geben und im Jahr 2025 sollen nach derzeitigen Hochrechnungen nicht weniger als vier Fünftel aller Stadtagglomerationen entsprechender Größe in der Peripherie liegen, möglicherweise sogar noch mehr. Selbst in Afrika südlich der Sahara, der bislang am wenigsten verstädterten Region, sind bis zum Jahr 2010 einige 10-Millionen-Städte zu erwarten, so zum Beispiel Lagos (Nigeria), Kinshasa (Zaire) und Abidjan (Elfenbeinküste). Andere Metropolen wie Dakar (Senegal), Addis Abeba (Äthiopien) und Nairobi (Kenia) - dessen Entwicklung zur Metropole Irene Stacher in ihrem Beitrag behandelt hat - werden sich dieser Marke nähern. Auf Grund dieser Entwicklung ist im Jahr 2000 mit mehr als 300 Millionenstädten in Afrika, Asien und Lateinamerika zu rechnen. Die Dynamik der Urbanisierungsprozesse in der Peripherie geht aber auch aus der unglaublichen Geschwindigkeit hervor, mit der die Einwohnerzahl von Mexiko-Stadt, São Paulo, Kairo und mehreren asiatischen Megastädten in nur zwei bis drei Jahrzehnten um jene acht Millionen anwuchs, für die New York etwa 150 Jahre benötigt hatte. Hinzuzufügen ist allerdings, daß sich das Wachstum der Megastädte gegenwärtig bereits etwas abschwächt. Der Anteil der in Megastädten des Südens wohnenden Bevölkerung wird jüngsten Schätzungen nach zwar ebenso weiter zunehmen wie die absoluten Einwohnerzahlen, das Wachstum wird aber nicht mehr im Ausmaß der letzten zwanzig bis dreißig Jahren erfolgen.
Megastädte sind aber nicht nur wegen ihrer Dimension Gegenstand einer rasch wachsenden wissenschaftlichen Literatur. Vielmehr scheint sich eine bislang unbekannte globale Dynamik städtischer Entwicklung auszubilden, die eng mit den Veränderungen der Weltwirtschaft in den letzten Jahrzehnten zusammenhängt. Die Globalisierung der Produktion, die enorme Ausweitung und Internationalisierung von Finanzmärkten und die Revolutionierung von Informations-, Kommunikations- und Transporttechnologien schlagen sich auch in einer neuen Geographie des Kapitalismus nieder. Als Knoten- und Kristallisationspunkte des 'globalen Fließbandes' spielen Megastädte eine immer wichtigere Rolle. Städte wie New York. Tokyo oder London sind zu 'Global Cities' aufgestiegen, die immer weniger im nationalstaatlichen Kontext operieren und statt dessen als Zentren der Kontrolle und des Managements der Weltwirtschaft fungieren.
Weltgesellschaft und Weltwirtschaft werden zunehmend durch Megastädte geprägt sein, während umgekehrt Megastädte immer mehr durch globale Dynamiken geformt werden. Die ökonomischen, soziopolitischen und kulturellen Konsequenzen dieser Entwicklung sind seit den siebziger Jahren zu beobachten und können wohl kaum, weder für die Gegenwart noch auf längere Sicht, überschätzt werden. Der sich in naher Zukunft wahrscheinlich verstärkende globale Strukturwandel der Stadtentwicklung (Infrastruktur, Ökologie, soziale Konflikte, ökonomische und kulturelle Potentiale, etc.) findet innerhalb verschiedenster Wissenschaftsdisziplinen immer größere Beachtung. Viele Beiträge zur internationalen Großstadtentwicklung orientieren sich an der These einer rasanten Globalisierung städtischer Strukturen und Probleme, wobei häufig ein direkter Zusammenhang zwischen Transnationalisierung der Wirtschaftsstrukturen und der Entwicklung von Megastädten hergestellt wird.
Zwar ist unbestreitbar, daß 'Global Cities' wie New York, Tokyo und London die Weltwirtschaft und Weltgesellschaft deutlicher prägen als periphere Metropolen. Die neue Qualität städtischer Entwicklung wird sich aber auch in den Agglomerationen der Dritten Welt bemerkbar machen, da Globalisierung bedeutet, daß der wirtschaftliche Wettbewerb generalisiert wird und jeden Winkel des Erdballs erreicht, und da diese weltweite Konkurrenz mehr und mehr ein Wettbewerb zwischen Standorten (oft der gleichen Konzerne) und nicht zwischen Ländern oder Firmen ist, sind auch Städte der Peripherie in eine globale Ebene integriert. Die neuen Dynamiken urbaner Entwicklungen werden deshalb auch - wenngleich in abgewandelter Form - in den Megastädten des Südens erlebbar sein und zu markanten Veränderungen führen. Aus der Fülle der von Geographen, Historikern und anderen Sozialwissenschaftern aufgeworfenen, in ihrer Mehrzahl überaus brisanten Fragestellungen werden in dem vorliegenden Sammelband einige besonders interessant und relevant erscheinende angesprochen. Dabei ist freilich zu beachten, daß sich der Forschungsansatz, Stadtentwicklung insbesondere im Kontext der internationalen Arbeitsteilung zu betrachten, bislang in erster Linie auf die Weltstädte des industriellen Nordens bezieht und für die Megastädte des Südens erst erprobt wird. Die Frage, welche Rolle Megastädte der Dritten Welt innerhalb der ökonomischen, aber auch kulturellen Globalisierung spielen (können), ist weitgehend offen, bedarf aber weiterer Aufmerksamkeit. Denn es wird zunehmend klar, daß rein quantitative Bestimmungen der Megastadt der Peripherie bzw. ausschließlich nationalstaatlich definierte Rollen (Stichwort: Funktionale Primacy) unzureichend sind.
Um sowohl die politische, ökonomische und kulturelle Bedeutung einer Megastadt der Peripherie im nationalstaatlichen Kontext als auch Form und Ausmaß ihrer Integration in die Weltwirtschaft sowie ihre spezifischen Funktionen im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung angemessen zu bestimmen, müssen zahlreiche Faktoren berücksichtigt werden. In einer Reihe von Fallstudien über asiatische, afrikanische und latein-amerikanische Megastädte werden die historisch recht unterschiedlichen Gründe und Verlaufsformen des dramatischen Bevölkerungs-, Flächen- und oft auch Wirtschaftswachstums deutlich. Stadtwachstum wird in Zusammenhang mit der Industrialisierung, dem Stellenwert staatlicher Wirtschafts- bzw. Entwicklungspolitik, der Rolle von Agrarkommerzialisierung und 'Landflucht', der Integration in globale Produktionsnetzwerke und Kapitalflüsse oder auch den - manchmal bis in die Kolonialära zurückreichenden - Prozessen politischer Zentralisation diskutiert.
Viele der Riesenstädte der Dritten Welt waren ja, teilweise jahrhundertelang, die wichtigsten Administrations-, Handels- und Religionszentren der Kolonialimperien. Als Produktionsstandorte hatten sie, im Unterschied zu den Metropolen des sich industrialisierenden Europa, lange Zeit nur eine marginale Bedeutung, da die Kolonien die Ökonomie der Mutterländer zwar mit Rohstoffen, nicht aber mit billigen, konkurrenzfähigen Fertigprodukten beliefern sollten. Die durchaus unterschiedliche, spezifische koloniale Prägung außereuropäischer Megastädte schlägt sich auch heute noch in den soziopolitischen und wirtschaftlichen Strukturen nieder, ob es sich nun in die Trennung in 'gute' und 'schlechte' Wohnviertel oder um die Eingliederung in Weltmarktzusammenhänge handelt.
Der Versuch, eine Positionsbestimmung von Megastädten in der komplexen, kontinuierlichem Wandel unterworfenen Hierarchie des globalen Netzes zu unternehmen, muß möglichst viele dieser Faktoren und natürlich auch die keinesfalls immer nur ökonomisch determinierte politische Zentralität berücksichtigen. Eine solche Positionsbestimmung steht aber vor dem bereits erwähnten Problem, daß der Großteil der Literatur über Megastädte der Dritten Welt bislang auf interne Probleme bzw. auf die Position innerhalb eines Nationalstaates abzielt, den Folgen der wachsenden Globalisierung von Wirtschaft und Kultur aber noch relativ wenig Aufmerksamkeit schenkt.
Die Spitzenpositionen der weltweiten urbanen Hierarchie nehmen selbstverständlich die alten (London, New York) und neuen (Tokyo) Metropolen des industriellen Nordens, d.h. die Global Cities im eigentlichen Wortsinn ein. Die riesigen Stadtagglomerationen vieler Dritte-Welt-Staaten sind dagegen durchwegs niedrigeren Rängen zuzurechnen. sofern es momentan überhaupt Megastädte in Peripherieländern gibt, deren regionale oder sogar globale Funktion zumindest eine Beschreibung als 'periphere Weltstadt' sinnvoll erscheinen läßt, sind dies noch am ehesten Seoul, São Paulo, Hongkong und - trotz der vergleichsweise geringen Einwohnerzahl - Singapur. Einige der bevölkerungsreichsten Megastädte des Südens - wie etwa Manila oder Mexiko City, dessen bemerkenswerte Diskrepanz zwischen nationaler Dominanz und einer international relativ marginalen Position im Beitrag von Feldbauer/Mar Velasco/Parnreiter deutlich wird - befinden sich in der internationalen Städtehierarchie einen Rang unter diesen 'peripheren Weltstädten' oder müssen sogar noch tiefer - wie etwa Karachi- eingestuft werden. Dies erklärt sich aus dem trivialen Tatbestand, daß eine Rangordnung der Städte nach Einwohner- und Beschäftigtenzahl keine Entsprechung in wie auch immer konstruierten städtischen Hierarchien im Weltmaßstab findet. Nicht einmal im nationalen Rahmen resultiert ökonomische oder auch politische Dominanz unmittelbar aus der größten Bevölkerung und/oder Flächenausdehnung, wenngleich bei vielen prominenten Beispielen ein entsprechender Zusammenhang nicht von der Hand zu weisen ist.
Die gegenwärtig und in absehbarer Zukunft bestimmenden Faktoren von Stadtwachstum und Stadtdynamik weisen, wie im Rahmen des von Abhängigkeit und Asymmetrie geprägten kapitalistischen Weltsystems nicht anders zu erwarten ist, gravierende Unterschiede zwischen weltbeherrschendem Norden und peripherem Süden auf. Nur in den Industriegesellschaften des 'entwickelten' Nordens konnten sich bislang Megastädte als primäre räumliche Knotenpunkte einer transnational organisierten Weltökonomie oder aber auch als die entscheidendsten Schaltstellen von Weltpolitik, Globalkultur und internationaler Kommunikation entwickeln. Nur hier finden sich die Städte mit weltweiten Kommandofunktionen über Produktions-, Zirkulations- und Verwertungsprozesse, während die meisten Megastädte der Dritten Welt über staatliche und gegebenenfalls regionale Kommandofunktionen kaum hinaus kommen. Allerdings häufen sich in der jüngsten Zeit die Anzeichen dafür, daß auch die 'traditionelle' Hierarchie der Global Cities in den nächsten Jahrzehnten in Bewegung kommen dürfte: so treten zum Beispiel zu den drei gegenwärtigen wirtschaftlichen Weltmächten Europäische Union, USA und Japan in den letzten Jahren zunehmend Teile Südost- und Ostasiens als neue wirtschaftliche Hochwachstumsregionen der Erde hinzu. Eine Aufwertung der Position der Megastädte in dieser Region in der internationalen Städtehierarchie ist längerfristig die wahrscheinliche Folge der Verlagerung der weltwirtschaftlichen Wachstumsdynamik von den alten Zentren des Nordens in die Küstenregionen des pazifischen Asien.
Meist wird die Bedeutung einer Megastadt im globalen Rahmen daran gemessen, in welchem Ausmaß sie Hauptquartier transnationaler Konzerne, internationales bzw. überregionales Finanz- und Dienstleistungszentrum, globales Transport-, Kommunikations-, Forschungs- und Technologiezentrum, Hauptstadt einer Welt- oder Regionalmacht, Sitz internationaler Behörden höchsten Ranges, etc. ist. Durch die Zusammenschau all dieser Faktoren läßt sich den Restrukturierungsprozessen von Weltökonomie und Weltpolitik seit den 1970er und 1980er Jahren insofern Rechnung tragen, als eine Überbewertung der Entwicklungen des Produktionsbereiches vermieden wird. Dadurch wird es möglich zu erkennen, daß die globale Raumstruktur und Hierarchie von Groß-, Mega- und Weltstädten von Veränderungen im Finanz- und Dienstleistungssektor, im Reproduktions-, Kommunikations- und Kulturbereich sowie in der Arena nationaler und internationaler Politik mindestens ebenso stark bestimmt wird. Die Berücksichtigung möglichst vieler Entwicklungslinien führt aber auch dazu, daß die enormen ökonomischen und soziopolitischen Strukturunterschiede zwischen den Metropolen des Nordens und den Megastädten des Südens scharfe Konturen bekommen. Damit könnte es gelingen, den zu einfachen Dualismus - hier die höchste, wenn auch bedrohte Stufe von Urbanität, dort die Zentren von Elend und Chaos - zu überwinden.
Bei der Positionsbestimmung von Megastädten der Dritten Welt und der Bewertung der daraus resultierenden Konsequenzen ist natürlich zu beachten, daß ein relativ niedriger Rang in der Städtehierarchie des ökonomischen und politischen Weltsystems zumindest manchmal - wie in den Beiträgen über Bangkok, Jakarta, Lagos, Mexiko und Nairobi deutlich wird - durch eine außergewöhnliche wirtschaftliche, sozialpolitische und kulturelle Dominanz im nationalen Maßstab wettgemacht wird. Generell ist die Zentralisierung und funktionale Konzentration administrativer Einrichtungen, wirtschaftlicher Schaltstellen und Produktionsstätten, verkehrstechnischer und informationsbezogener Infrastruktur, kultureller Institutionen, etc. -einfach die 'Funktionale Primacy' - in den Megastädten der Dritten Welt viel ausgeprägter als in Europa, Nordamerika und Japan. Allerdings stellt sich angesichts der aktuellen Globalisierungstendenzen die Frage, was aus nationalstaatlicher Vormachtstellung wird, wenn eben diese Staaten an Bedeutung verlieren und in größeren Wirtschaftsblöcken aufgehen.
Ob und inwieweit sich aus der 'Funktionalen Primacy' also der nationalstaatlichen Dominanz, ähnliche Folgen für die Entwicklung der Megastadt der Peripherie ergeben wie aus der globalen Vorherrschaft für die Metropolen der Zentren, wird in der Literatur ebenso unterschiedlich beantwortet wie die Frage, ob die zunehmende Globalisierung zu einer strukturellen Konvergenz zwischen Megastädten des hochentwickelten Nordens und des weniger entwickelten Südens beiträgt. Besonderes Augenmerk muß auch auf die Frage gerichtet werden, ob es neben den zahlreichen Indikatoren für eine weitere Beschleunigung der räumlich-hierarchischen Zentralisierung im Weltmaßstab auch Hinweise für eine gegenläufige Entwicklung - das sogenannte 'polarization reversal' - gibt. Damit wäre freilich nicht entschieden, ob eine gesteuerte Trendumkehr überhaupt politisch machbar und wünschenswert sein könnte. Die Antwort darauf fällt in der Literatur der Gegenwart immer seltener eindeutig aus. Es handelt sich dabei im Vergleich zu den Ansichten früherer Jahrzehnte wohl weniger um einen Paradigmenwechsel, als vielmehr um die wachsende Einsicht in die enorme Komplexität dieser riesigen Agglomerate. Auf diese Theoriediskussion wird in mehreren Beiträgen eingegangen. So wird zum Beispiel die Frage, ob erst ein gewisses 'Entwicklungsniveau' erreicht werden muß, damit regionale Disparitäten - und somit auch die überragende Dominanz der Metropolen auf nationalem Niveau - erfolgreich abgeschwächt werden können, von den diversen Planungsinstitutionen in Entwicklungsländern durchaus unterschiedlich beantwortet (vgl. dazu z. B. den Beitrag von Karl Husa und Helmut Wohlschlägl über Bangkok, in dem das Dilemma der thailändischen Planung im Zielkonflikt zwischen Metropolisierung und Dezentralisierung thematisiert wird). Daß aber diese ambivalente Einstellung zu riesigen Stadtagglomerationen durchaus nicht überall zu finden ist, wird im Beitrag von Erich Pilz deutlich, der am Beispiel von Shanghai zeigt, daß in China heute die Beurteilung von Megastädten und ihren Potentialen weitgehend positiv ausfällt.
Mehr Unterschiede als Konvergenzen weisen die Megastädte des Nordens und Südens auch hinsichtlich Bevölkerungswachstum und Zuwanderung auf. Die Global Cities des industriellen Zentrums ziehen in vielen Fällen sowohl regionale, interregionale und internationale Migration in erheblichem Umfang auf sich. Die Zuwanderung in die Megastädte der Peripherieländer zeichnet sich dadurch aus, daß sie generell größer ist und größtenteils aus dem jeweiligen Nationalstaat erfolgt. Allerdings ist in den letzten Jahren vielerorts eine deutliche Differenzierung der Zuwanderungsmuster festzustellen. Es sind nicht mehr nur die 'Landflüchtigen', sondern, je nach funktionaler Spezialisierung der Stadt, auch bestimmte 'high skilled' Arbeitskräfte, die zuwandern. Zu diesen kann auch eine kleine, aber doch beachtenswerte internationale Migration gezählt werden.
Die vielleicht wichtigste Veränderung der Migrationsmuster aber betrifft das Ausmaß der Wanderungen. Land-Stadt-Migrationen spielten in den Verstädterungsprozessen der Peripherie eine zentrale Rolle - Anteile von 60 oder 70 Prozent am Stadtwachstum stellten bis in die 1970er Jahre keine Seltenheit dar. Heute ist hingegen trotz großer regionaler Unterschiede zu erkennen, daß die Zuwanderung in die Megastädte der Peripherie trotz ihrer enormen Dimensionen relativ und manchmal sogar absolut abnimmt. Obwohl anzumerken ist, daß das tatsächliche Ausmaß von Land-Stadt-Wanderungsvorgängen gerade in Staaten der Dritten Welt aufgrund von Erhebungsproblemen (vor allem bei MigrantInnen, die sich als temporär deklarieren, tatsächlich aber oft über Jahre, manchmal sogar während eines Großteils ihres Erwerbslebens in der Stadt verweilen) grundsätzlich unterschätzt wird, kann davon ausgegangen werden, daß der Anteil der Zuwanderung am Stadtwachstum sinkt. Die Expansion der Städte beruht inzwischen, abgesehen von Afrika südlich der Sahara, bereits zum größeren Teil auf der natürlichen Zunahme der Bevölkerung städtischer Ballungsräume. Das Stadtwachstum wäre damit, selbst wenn die Zuwanderung vom Land radikal zurückgehen sollte, was momentan nahezu unvorstellbar erscheint, vorerst nicht aufzuhalten.
Allerdings entwickelt sich der Prozeß der Metropolisierung, d.h. des übermäßigen Wachstums und der funktionalen Dominanz einer oder einiger weniger Megastädte, seit den 1980er Jahren uneinheitlich. Während die Zentralisierung von Bevölkerung und Macht in manchen Regionen weiter fortschreiten wird, haben in anderen Staaten vor allem kleinere und mittelgroße Städte die höchsten Wachstumsraten zu verzeichnen (z.B. in Lateinamerika). Diese demographische Trendveränderung verläuft in einigen Fällen parallel mit einer höheren wirtschaftlichen oder politischen Bedeutung sekundärer Städte; ein solcher Hintergrund kann allerdings nicht generell angenommen werden.
Die Erforschung der Ursachen und Verlaufsformen von Binnenwanderungen unterstrich bislang vor allem, daß die Lebenschancen zwischen Land und Stadt in praktisch allen Staaten höchst ungleich verteilt sind, weshalb die großen Städte und insbesondere die Metropolen ihre Anreize trotz der enormen Probleme und des übersehbaren sozialen Elends nicht so schnell einbüßen werden. Dennoch sind Lohn- oder Wohlstandsgefälle nicht der einzige und vielleicht nicht einmal der hauptsächliche Grund für die massiven Wanderungsbewegungen in die Megastädte. Vielmehr ist zu bedenken, daß in den letzten Jahrzehnten ländliche Gebiete immer tiefer in nationale oder internationale Systeme der Arbeitsteilung eingebunden wurden, was einerseits von sozialer Desintegration am Land begleitet war, und andererseits Verbindungen zwischen Stadt und Land schuf, die die Abwanderung stimulierten.
Das Eindringen von Marktkräften höhlte die lokalen Ökonomien aus, indem es die Mechanisierung und Kapitalisierung der Landwirtschaft forcierte, zur Konzentration von Land führte und das lokale Gewerbe einer übermächtigen Konkurrenz durch industriell gefertigte Güter aussetzte. Um nationale Industrialisierungsprogramme zu finanzieren, zogen die nationalen Zentren Ressourcen vom Land ab, und die leistungsfähigsten Menschen wurden zur Arbeit in den Fabriken angeworben. Das Land und seine BewohnerInnen wurden so mehr und mehr peripherisiert und zum 'Hinterland' degradiert. Derselbe Prozeß aber verband das Land und seine Menschen immer enger mit den nationalen (und internationalen) Zentren: Verkehrsverbindungen wurden ausgebaut, um landwirtschaftliche oder mineralische Rohstoffe abtransportieren zu können, 'moderne' Industriegüter weckten Konsumwünsche, die meist nicht bezahlbar waren, und Medien brachten Kunde von urbanen Chancen und Lebensstilen. Kurzum: die immer tiefere, aber sehr ungleiche Einbindung des Landes in die nationale Arbeitsteilung schuf ein Potential für Migrationen und baute zugleich 'Brücken' in die Städte, über die die Binnenwanderer gehen konnten.
Das Verhältnis von Land und Stadt ist ein ambivalentes, wie gerade am Beispiel der Migrationen gezeigt werden kann. Einerseits gibt es eine enorme Polarisierung zwischen Stadt und Land, die auch ein Spezifikum von Millionenstädten in der Dritten Welt darstellt. Der Stadt-Land-Gegensatz als Raumstruktur ist hier trotz des ländlichen Erbes vieler BewohnerInnen von Megastädten und trotz der verfließenden Grenzen der urbanen Agglomerationen zum Umland sehr ausgeprägt und unterscheidet sich von dem in Industriemetropolen des Nordens inzwischen immer häufiger anzutreffenden Stadt-Land-Kontinuum. Diese Antagonismen und Disparitäten zwischen zentraler Megastadt und ländlicher Peripherie werden sich, auch wegen der derzeit in vielen Ländern dominanten neoliberalen Wirtschaftspolitik, in Zukunft sogar noch verstärken. Andererseits aber sind Stadt und Land mittlerweile nicht nur über ungleiche ökonomische und kulturelle Beziehungen, sondern auch über dichte Migrationsnetzwerke miteinander verbunden. Diese Netzwerke halten den Migrationsprozeß in Gang, lassen Informationen über städtische Arbeits- und Wohnchancen fließen und transferieren die Rücküberweisungen der MigrantInnen in die Dörfer.
Schließlich prägt Zuwanderung vom Land trotz ihres abnehmenden Anteils am urbanen Wachstum die Megastadt. MigrantInnen und ihre in der Stadt geborenen Kinder stellen die Mehrheit der Bevölkerung und sind ein zentrales Element des kulturellen, politischen und ökonomischen Wandels. Die Auswirkungen, die die Zuwanderung auf eine Megastadt hat, hängen dabei einerseits davon ab, welchen Zugang die Stadt den Neuankömmlingen gewährt. Migration ist ein Aspekt in Prozessen räumlicher sowie klassen- bzw. schichtspezifischer Segregation, in Umstrukturierungen am Arbeitsmarkt - etwa Verschiebungen von Produktionsbranchen zu Dienstleistungsbranchen, wachsen - der Stellenwert des informellen Sektors, etc. - und von staatlich-kommunalem Umgang mit Massenarmut und Marginalität. MigrantInnen sind Betroffene in ökonomischen, sozialen und entwicklungspolitischen Verdrängungsmechanismen am Boden-, Wohnungs- und auch Kapitalmarkt, und sie sind AkteurInnen in sozialen Kämpfen gegen diese Entwicklungen. Wie eine Megastadt durch Zuwanderung geprägt wird, hängt aber auch von den spezifischen Merkmalen der MigrantInnen ab. Ihre Ressourcen - Geld, Bildung, vor allem aber die Einbindung in soziale Netzwerke - üben wesentlichen Einfluß auf die soziale und wirtschaftliche Dynamik einer Stadt aus. Zuwanderung bewirkt schließlich auch ethnische und nationale Vielfalt, die, positiv gewendet, Grund für kulturelle Diversifizierung und Dynamik, gleichzeitig aber auch Vorwand für Diskriminierung und Herrschaft sein kann (Rassismus, interethnische Konflikte, etc.).
Die zunehmende Komplexität und Diversifizierung der Riesenstädte der Dritten Welt ist aber nicht nur eine Folge selektiver Migrationsvorgänge, sondern auch Ausdruck ihrer steigenden Einbindung in die globalen Megastadt-Hierarchien. Globalisierung bedeutet einerseits das Entstehen einer weitgehend internationalen Gesellschaft und Kultur in den 'Global Cities', in denen Teile aller möglichen Kulturen integriert sind und die durch globale Informations-, Wissens- und Kapitalströme zusammengehalten werden. Die Entwicklung von Megastädten zu Global Cities ist ein Prozeß, der Städte zwar physiognomisch einander ähnlich macht, deshalb aber trotzdem nicht mit zunehmender Homogenisierung verwechselt werden darf. Andererseits erfolgt die Integration einer Stadt in die 'globale Gesellschaft bzw. Wirtschaft' nie vollständig und erfaßt nie die Stadt, ihre Bevölkerung und Wirtschaft als Ganzes, sondern nur ganz bestimmte räumliche, soziale oder ökonomische Segmente. Globalisierung schafft deshalb häufig auf nationaler Ebene ein Land mit zwei Gesichtern, auf städtischer Ebene eine duale Stadt (vgl. dazu zum Beispiel den Grundsatzbeitrag von Rüdiger Korff und die Fallstudie über Bangkok von Karl Husa und Helmut Wohlschlägl). Ein Aspekt dieser Entwicklung ist die zunehmende soziale Polarisierung innerhalb der Megastädte - und zwar im Norden ebenso wie im Süden. Etwas überspitzt könnte man sagen, daß in den Megastädten Erste und Dritte Welt auf engstem Raum aufeinandertreffen. Ein anderer Gesichtspunkt ist, daß Globalisierung ihre Antwort oft im Entstehen neuer lokaler Identitäten findet. Diese bilden sich insbesondere dann und dort heraus, wo Menschen in nachbarschaftlichen zusammenhängen ('barrios', 'localities') um ihre elementaren Anliegen (z.B. Zugang zu Boden oder Infrastrukturen) kämpfen - und zwar oft genug gegen die global operierenden Akteure.
Inwieweit den mit spezifischen Migrationsströmen und Segregationsmustern zusammenhängenden Problemlagen durch staatlich-kommunale Sozial-, Infrastruktur-, Sicherheitspolitik, usw. überhaupt angemessen begegnet werden kann, ist eine der großen Fragen der Zukunft. Möglicherweise orientieren sich die stadtbezogenen Politiken im Fall der meisten Megastädte schon längst, und immer stärker, zum einen vorrangig an den Bedürfnissen der konsum- und kulturorientierten Oberschichten, zum anderen an den Interessen der ökonomischen Wachstumsbranchen, die es gegen nationale und internationale Konkurrenz in die Stadt zu ziehen gilt. Zudem ist zu bedenken, daß mit der zunehmenden Weltmarktintegration der Megastädte der Peripherie ihre Eliten einer ähnlichen, wenn auch nicht so stark ausgeprägten Internationalisierung unterworfen sind, wie dies in den Global Cities zu beobachten ist. Städtische Eliten, die in zunehmendem Maße am Weltmarkt agieren, orientieren sich auch immer stärker an diesem. Mit dieser Außenorientierung schrumpft aber das Interesse an einer umfassenden Stadtpolitik. In diesem Kontext wird den sozialen Bedürfnissen der städtischen Massen nicht oder nur wenig Rechnung getragen. Die relativ liberale Haltung, die die Kommunalbehörden vieler Megastädte der Dritten und auch der Ersten Welt gegenüber dem rasanten Anwachsen des sogenannten informellen Sektors - der bis vor kurzem noch als stagnierender und unproduktiver oder sogar entwicklungshemmender Faktor galt - an den Tag legen, könnte in diese Richtung weisen. Andere Beispiele dafür, daß die Bedürfnisse der städtischen Unterschichten oft unbefriedigt bleiben, wären die Vernachlässigung des öffentlichen Wohnungsbaus, das Fehlen eines adäquaten Gesundheitswesens oder die Probleme des öffentlichen Verkehrs.
Doch zurück zum informellen Sektor. Die zunehmende Informalisierung der wirtschaftlichen Aktivitäten ist ein weit verbreitetes Phänomen der Megastädte der Peripherie und auch der Zentren. In den Großstädten der Dritten Welt haben sich weite und effiziente Netzwerke sozioökonomischen Handelns in einem von staatlichen Regulationen weitgehend nicht erfaßten - also informellen - Bereich entwickelt, die oft 50% und mehr aller urbanen Arbeitsplätze stellen. Der informelle Sektor ist aber auch bezüglich seines Outputs ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, wie etwa das Beispiel Mexiko zeigt, wo zwischen 25 und 38 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung informell erbracht werden. Auch in den Megastädten der Zentren, den Global Cities, ist in zunehmendem Maße das Wiederauftauchen von ungeregelten Arbeitsbeziehungen zu beobachten.
Der Begriff des informellen Sektors läßt sich bis in die frühen siebziger Jahre zurückverfolgen. Ursprünglich bezog er sich auf die Darstellung des wirtschaftlichen Treibens der eigentlich Arbeitslosen oder Unterbeschäftigten in den Slumvierteln der Dritten Welt, die sich angesichts fehlender Jobs im Industriesektor durch verschiedenste Aktivitäten Einkommen verschafften. Diese Tätigkeiten wurden als traditionell. wenig produktiv und weitgehend losgelöst vom formellen Sektor angesehen. Informeller Sektor meinte also den 'Raum' der städtischen Armen, in dem Zuwanderer Arbeitsmöglichkeiten finden oder schaffen, in dem die grundlegenden Versorgungserfordernisse erfüllt werden und in dem sich die Marginalisierten ihr Leben organisieren können. Indem man den informellen Sektor als Konsequenz von Migration und Armut begriff und eine bruchlose Fortsetzung der traditionellen Lebens-, Produktions- und Elendsformen der ländlichen Zuwanderer in der Stadt postulierte - bisweilen wurde und wird dieser Prozeß agrarromantisch oder auch basisdemokratisch verklärt -, lag es nahe, seine Strukturen als 'Kultur der Armut' oder als 'Verländlichung' der Stadt zu interpretieren.
Drei Beobachtungen führten schließlich zu einer Änderung der Sichtweise. Erstens wurde mit dem entwicklungspolitisch verlorenen Jahrzehnt der 1980er Jahre und dem gleichzeitigen Fortbestehen und Wachsen des informellen Sektors diesem Bereich zunehmend ein Potential für Wachstum und Entwicklung zugesprochen. Zweitens zeigten immer mehr Untersuchungen, daß der informelle Sektor kein Randbereich, sondern ein integraler Bestandteil der Wirtschaft ist. Vielfältige Verbindungen zwischen der formellen und der informellen Ökonomie bestehen, weil etwa Betriebe Teile ihrer Produktion in den Bereich der ungeregelten und unterbezahlten Arbeit auslagern, oder weil die informelle Herstellung von Gütern und Dienstleistungen Arbeitskräften des formellen wie des informellen Sektors höhere Konsummöglichkeiten oder überhaupt das Überleben ermöglicht. Drittens zeigten das Wachsen von Informalität in den Zentren und die Nutzung ungeregelter Arbeit durch große internationale Konzerne, daß der informelle Sektor nicht mit Rückständigkeit oder Armut assoziiert werden kann, sondern daß er einer dynamischen und modernen Form der Reproduktion des Kapitalismus entspricht.
Schließlich ist der informelle Sektor von nicht institutionalisierten sozio-kulturellen Organisationsformen begleitet, die ein relativ gutes Funktionieren der Städte und ein Überleben für die ständig wachsende Bevölkerung erst möglich machen. Anthropologische Studien zeigen, daß die Einbindung in soziale Netzwerke, die meist, aber nicht ausschließlich, über verwandtschaftliche Beziehungen geknüpft sind, das einzige Kapital der Zuwanderer und Armen darstellt. Solche Netzwerke müssen das Fehlen staatlicher Sicherheiten ausgleichen, den Zugang zu Arbeits- und Wohnmärkten sichern und Ressourcen mobilisieren. Soziale Beziehungen stellen aber auch einen ökonomischen Standortvorteil der Informellen dar, weshalb der informelle Sektor seinen räumlichen Ausdruck oft in gemeinsamen oder benachbarten Wohnsitzen bzw. in der unmittelbaren Nähe von Produktions- und Reproduktionssphäre findet.
Der Bedeutungszuwachs des informellen Sektors sowohl in den Megastädten des Südens als auch in vielen Weltstädten des Nordens - besonders augenfällig etwa in New York, aber auch in London, Paris und Chicago - kann natürlich nicht ohne weiteres als Hinweis auf strukturelle Konvergenzen der Wirtschaftsentwicklung gedeutet werden. Was im ersten Moment als analoge Entwicklung erscheinen mag, läßt sich unter Umständen als Resultat höchst unterschiedlicher Voraussetzungen und Prozesse erklären. Ähnlich könnte es sich mit der Annäherung des Erscheinungsbildes von Megastädten in Peripherie- und Zentrumsländern - beispielsweise von Kairo, Mexiko, New York und Paris - verhalten. Möglicherweise sind es 'nur' oberflächen Phänomene, die vorschnelle Vergleiche provozieren. Vielleicht sind es aber auch Hinweise auf eine Globalisierung der Kulturmuster, die sich in den Megastädten besonders rasch und auffällig vollzieht.
Trotz der eindrucksvollen Vielfalt der Lebensformen in den behandelten Städten finden sich ja eindeutig Hinweise darauf, daß sich über die Welt ein immer umfassenderes Netz international standardisierter Kulturformen legt, deren eklektizistische Mischung möglicherweise, trotz der gleichzeitigen kulturellen Fragmentierung und Lokalisierung, die Ausformung einer Weltkultur bzw. von Globalkulturen zumindest erahnen läßt. Den Megastädten kommt in diesem Prozeß der Vernetzung und Globalisierung die entscheidende Rolle zu. Mehr noch als in der Gegenwart scheinen sie bereits in der nahen Zukunft zu den eigentlichen Kristallisationspunkten zu werden, in denen nicht nur globaler Austausch betrieben wird, sondern an die sich die globale 'Kulturproduktion' in erster Linie richtet.
Entgegen den zäh haftenden Klischees von der 'Großstadt mit den 1.000 Möglichkeiten' oder dem 'Moloch Stadt' kommt in dem vorliegenden Sammelband kein Autor zu einer eindeutig positiven oder negativen Beurteilung der Stadt. Die Frage "Wie lebenswert sind Megastädte?" muß offen bleiben. Was aber in allen Beiträgen klar ersichtlich wird, ist, daß in den riesigen Städten ein ungeheures Potential an Bedrohung, aber auch an Hoffnung enthalten ist.

Literatur zum Weiterlesen:

Barker, T./ Sutcliff, A., Hg. (1993): Megalopolis: The Giant City in History. Basingstoke/ London: Macmillan
Berner, Erhard/ Korff, Rüdiger: (1995): Globalization and Local Resistance. In: International Journal of Urban and Regional Research 18:208-222
Drakakis-Smith, David, Hg. (1990): Economic Growth and Urbanization in Developing Areas. London/New York: Routledge
Fainstein, Susan S./ Campbell, Scott (1996): Readings in Urban Theory. Oxford: Basil Blackwell Geographische Rundschau (1996): 48/2
Gilbert, Alan/ Gugler, Josef, Hg. (1992): Cities, Poverty and Developrnent: Urbanization in the Third world. Oxford: Oxford University Press
Gormsen, E./Thimm, A., Hg. (1994): Megastädte in der Drittenwelt. Mainz: Universität Mainz (= Interdisziplinärer Arbeitskreis Drittewelt, Veröffentlichungen 8)
Gugler, Josef (1996): The Urban Transformation of the Developing World. Regional Trajectories. Oxford University Press
Kasarda, J.D./Parnell, A.M., Hg. (1993): Third World Cities. Problems. Policies. and Prospects. Newbury Park/London/New Delhi: Sage Publ.
Knox, Paul L./Taylor, PeterJ., Hg.(1995):World cities in a world-system. Cambridge University Press
Komlosy, Andrea/Parnreiter, Christof/Stacher, Irene/Zimmermann, Susan, Hg. (1997): Ungeregelt und unterbezahlt. Der informelle Sektor in der Weltwirtschaft. Frankfurt a.M./Wien: Brandes&Apsel/Südwind (= Historische Sozialkunde11)
Roberts, Bryan (1995): The Making of Citizens. Cities of Peasant Revisited. London: Arnold
Sassen, Saskia (1996): Metropolen des Weltmarkts. Die neue Rolle der Global Cities. Frankfurt: Campus
Smith, David A./Timberlake, Michael (1995): Conceptualising and Mapping the Structure of the World System's City System. In: Urban Studies: 32/2:287-302
Smith, D.A. (1996): Third World Cities in Global Perspective. The Political Economiy of uneven Urbanization. Boulder, Col.: Westview Press


Quelle: HSK 12: Mega-Cities Die Metropolen des Südens zwischen Globalisierung und Fragmentierung. Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 1997 (Historische Sozialkunde 12). Herausgegeben von Karl Husa, Erich Pilz, Irene Stacher. S.9 - 20.
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