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Olaf Bockhorn, Ingeborg Grau, Walter Schicho

Einleitung: Wie aus Bauern Arbeiter wurden. Prozesse des gesellschaftlichen Wandels einer Welt

Quelle: HSK 13: Wie aus Bauern Arbeiter wurden. Wiederkehrende Prozesse des gesellschaftlichen Wandels im Norden und im Süden einer Welt. Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 1998 (Historische Sozialkunde 13). Herausgegeben von Olaf Bockhorn, Ingeborg Grau, Walter Schicho. S. 9 - 12.

Wie aus Bauern Arbeiter wurden analysiert - an vergleichenden Studien und an Fallbeispielen aus Asien, Afrika, Südamerika und Europa - die sich wiederholende Dynamik in der Auseinandersetzung von Kapital und Arbeitskraft und die Rolle der beteiligten gesellschaftlichen Institutionen. Die Autorinnen und Autoren vertreten unterschiedliche Sozial- und Kulturwissenschaften - mit ihnen verstehen die Herausgebenden dieses Buch als ein Beispiel für jene Interdisziplinarität mit der, um mit Karl Popper zu sprechen, die künstlich abgegrenzten und daher konstruierten Probleme und Lösungsversuche sogenannter wissenschaftlicher Fächer überwunden werden - zugunsten der Bearbeitung eines gemeinsamen Problems.
Der Titel des Bandes verspricht eine Darstellung des sozialen und ökonomischen Wandels, der viele Gebiete der Erde in ähnlicher Weise betraf (und noch immer betrifft). Wie aus Bauern Arbeiter wurden benennt den Prozeß, um den es in den Beiträgen geht: aus Menschen, die über ihre Arbeit, ihre Zeit und ihre Produktionsmittel selbst verfügen, wurden (und werden) Lohnabhängige, denen die Kontrolle über die eigene Arbeitskraft weitgehend entzogen ist.
Die Gesellschaften der Industrieländer und die von ihnen kontrollierten Gesellschaften der Peripherie stehen heute am Ende dieses vom Kapital initiierten und gesteuerten Prozesses, der in Europa in der frühen Neuzeit einsetzte und in sehr unterschiedlichen Formen der Kolonisierung, bis hin zur Neokolonisierung und Globalisierung, die übrige Welt miteinbezog.
Der Prozeß der Enteignung und Verfremdung betraf, besonders in den Anfängen, vor allem Menschen aus dem ländlichen Lebensbereich - keineswegs alle aber waren in einem klassischen Sinne "Bauern". Schon die Begriffe "Bauern" und "Arbeiter" sind problematisch, weil sie den Eindruck zweier geschlossener und einander gegenüberstehender gesellschaftlicher Formationen vermitteln. Den Bauern und den Arbeiter hat es, wie der Kulturwissenschaftler und Volkskundler Wolfgang Jacobeit pointiert formuliert, "schlechthin nirgendwann und nirgendwo gegeben". Was es gegeben hat, waren soziale Abstufungen innerhalb der beiden Gruppen, und vor allem: mehr oder minder fließende Übergänge. Selbst die sehr allgemeine Definition von Theodor Shanin, nach der "Bauern ... kleine landwirtschaftliche Produzenten (sind), die mit Hilfe einfacher Werkzeuge und der Arbeitskraft der Familie primär den eigenen Bedarf und die Verpflichtungen gegenüber den Inhabern politischer und wirtschaftlicher Macht decken", reicht nicht aus zur Beschreibung einer doch sehr disparaten Gruppe von Menschen ländlicher und halbstädtischer Herkunft, die das Reservoir für die Rekrutierung von Arbeitskraft bildet.
Als Subjekte des historischen Prozesses nennen die Beiträge dieses Bandes einerseits Mitglieder unterbäuerlicher Schichten, Landarme, Kleinbauern, Subsistenzbauern, Kleinhäusler, Pächter, Grundbesitzlose und andererseits (Arbeits)migranten, Saisonarbeiter, Lohnabhängige, Unterbeschäftigte, Taglöhner, Arbeitslose und im informellen Sektor Beschäftigte, anfangs in erster Linie Männer.
Die ersten, meist unter Zwang verpflichteten Arbeiter, waren vor allem unselbständige junge Leute und Marginalisierte der dörflichen Gesellschaft. Über die Zielgruppe "Arbeiter" wurde viel und ausführlich diskutiert, bis hin zur Frage nach dem Entstehen einer "Arbeiterklasse" und einer "Arbeiteraristokratie". Eines ist sicher: höchst selten wurden direkt aus Bauern Arbeiter. Wir haben es vielmehr mit einem Vorgang zu tun, der zeitlich über mehrere Generationen und über unterschiedliche Identitäten und Lebens- bzw. Arbeitskontexte führt.
Wie aus Bauern Arbeiter wurden wird in diesem Sinne nicht wörtlich genommen. Viele der näheren Umstände denken wir aus unserer geschichtlichen Erfahrung heraus mit: Die Freiheit des Bauern und vor allem seiner Angehörigen ist relativ; sie alle aber erleben in der Herkunftsgesellschaft Abhängigkeit verbunden mit sozialer Verantwortlichkeit der Mächtigen. Der Prozeß der Enteignung wiederum hat unterschiedliche Dimensionen des Handelns: die Bauern enteignen sich und werden enteignet. Enteignung, zuletzt, hat ihre spezifischen Ursachen und Verursacher.
Die zu unterschiedlichen Zeiten einsetzenden und durch verschiedene Konzepte der Kolonisierung und "Modernisierung" geprägten Prozesse der "Schaffung fremd gesteuerter Arbeitskraft" im außereuropäischen Raum sind ebenso wie in Europa durch die Bedürfnisse und Wünsche des - in vielen Fällen ausländischen - Kapitals auf der einen und den Widerstand und die Beharrungskraft der einheimischen bäuerlichen Bevölkerung auf der anderen Seite geprägt. Zwischen diesen beiden Akteuren stehen "Staat" bzw. "koloniale Bürokratie" und andere Institutionen, wie Schule, Kirchen, Mission, Konsumgüterhandel, lokale Macht traditioneller Prägung u. a. Sie vermitteln in einem unterschiedlich raschen Vorgang, der ländliche Gesellschaften aufbricht und städtische Gesellschaften verändert oder neu schafft.
Das Kapital entzieht Bauern und Handwerkern die Verfügung über die Produktionsmittel, reglementiert den entstehenden Markt, zerstört zugleich den alten und ersetzt alte Formen der Verteilung von Produktion und Kontrolle von Arbeitskraft durch neue, in seinem Sinne vorteilhafte. Die Betroffenen rEIAieren ihrerseits durch Entziehung, Gegengewalt oder Selbstzerstörung. Beständige und wirklich produktive Arbeitskraft wird erst über länger dauernde wirtschaftliche, politische und soziale Veränderungen geschaffen. Sie zeichnet sich durch "neue soziale Beziehungen und Orientierungen" aus, die durch Sozialisation auch an nachfolgende Generationen weitergegeben werden können. Zur Bildung eines Proletariats, das sich durch ein besonderes Selbstverständnis und eine eigene Kultur bestimmt, führt dieser Prozeß in Außereuropa kaum. Je rascher das Kapital diesen Vorgang der Enteignung vollzogen haben will, desto stärker ist er durch Gewalt und Zerstörung der (lokalen) Gesellschaften gekennzeichnet. Dies betrifft gleichermaßen Stadt und Land, doch holen Staat und Kapital die notwendigen Kontingente an Arbeitskraft primär aus ländlichen Gebieten, und da wieder vor allem aus jenen Teilen, die nicht selbst durch die Produktion von agrarischen Ausfuhrgütern zur fremd bestimmten Wirtschaft des Landes beitragen.
Die Regionen und Gesellschaften eines Landes werden dadurch auf eine neue Art vernetzt, die gekennzeichnet ist durch Ungleichgewicht, Unterordnung und "Arbeitsteilung". Das System begünstigt jene Gruppen und Regionen, in denen Produktion und politische Herrschaft angelegt sind, und beutet Arbeitskraft und Ressourcen der anderen Teile in übergeordnetem oder fremdem Interesse aus. In einem nächsten Schritt der Vernetzung werden diese Systeme in größere Einheiten eingebunden, bis hin zur weltweiten Vernetzung in der Globalisierung, die kein regional bestimmtes Zentrum mehr kennt - womit auch die Peripherie nicht mehr geographisch, sondern nur noch sozial verortet werden kann.
Der historische Prozeß, "wie aus Bauern Arbeiter (gemacht) wurden" wiederholt sich in unterschiedlichen Kontexten und Zeiten. Die Größe der betroffenen gesellschaftlichen Gruppen und das Gewicht der Folgen für die gesamte Gesellschaft (und eventuell noch andere Gesellschaften) entscheiden über ihre Bedeutung für die Geschichtsschreibung. Für den vorliegenden Band erscheint es aber wichtiger, die immer wiederkehrende Dynamik in der Auseinandersetzung von Kapital und Arbeitskraft und die Rolle der beteiligten gesellschaftlichen Institutionen aufzuzeigen, in breiter regionaler und zeitlicher Streuung, an vergleichenden Studien ebenso wie an einzelnen Fallbeispielen.

Themen sind daher u. a.:

Die hier beispielhaft angeführten Punkte umreißen auch schon Ergebnisse des Prozesses des Wandels von Agrar- zu Industriegesellschaften, eines Prozesses, dessen Subjekte, Ursachen und Verursacher hier nur angedeutet wurden. Daß nicht alle Probleme angeschnitten oder ausführlich erörtert werden, entspricht dem Charakter von Sammelbänden; erwähnt sei nur die zweifelsohne untersuchenswerte Frage nach dem Endpunkt der Entwicklung, der Zukunft der Arbeit - und damit auch der Arbeitenden.
Wichtiger als die Behandlung aller themenrelevanten Fragen erscheint den Herausgebern und der Herausgeberin jedenfalls das gemeinsame Ziel der (historischen) Analysen der "Schaffung von Arbeitskraft": die Darstellung eines in vielen Aspekten immer wieder ähnlichen Prozesses gesellschaftlicher Veränderung mit seinen Verursachern und Nutznießern, seiner Folgen in den Ausgangs- und Zielgesellschaften, und zugleich der unterschiedlichen Formen der Einflußnahme und des Widerstands der Betroffenen und Beteiligten. Sichtbar wird dabei, mit welchen Zielsetzungen, Methoden und vor allem mit welcher Macht das Kapital soziale Prozesse steuerte und steuert - und welche Chancen Widerstand und korrektive Ansätze hatten und haben.
Werden solcherart nicht nur wichtige historische Hintergrundinformationen geliefert und abgeschlossene Entwicklungsprozesse analysiert, sondern auch Anstöße zu einer neuen Sicht von Problemen und Vorgängen gegeben, wäre eine weitere Aufgabe dieses Bandes erfüllt.


Quelle: HSK 13: Wie aus Bauern Arbeiter wurden. Wiederkehrende Prozesse des gesellschaftlichen Wandels im Norden und im Süden einer Welt. Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 1998 (Historische Sozialkunde 13). Herausgegeben von Olaf Bockhorn, Ingeborg Grau, Walter Schicho. S. 9 - 12.
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