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Peter Feldbauer, Gerd Hardach

Von der Weltwirtschaftskrise zur Globalisierungskrise: Wohin treibt die Peripherie?

Quelle: HSK/IE 15: Von der Weltwirtschaftskrise zur Globalisierungskrise. Wohin treibt die Peripherie? (Historische Sozialkunde/IE 15) Herausgegeben von Peter Feldbauer, Gerd Hardach, Gerhard Melinz. Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 1999. S. 9 - 22.

Zentrum und Peripherie: Strukturelle und konjunkturelle Aspekte

Zentrum und Peripherie, Entwicklung und Unterentwicklung, reiche und arme Länder, Gewinner und Verlierer im Welthandel und in der internationalen Arbeitsteilung sind in der modernen Weltwirtschaft aufeinander bezogen. Die wissenschaftliche Neugier hat sich zumeist auf die langfristige Struktur und Dynamik dieser asymmetrischen Beziehung gerichtet. Sozial- und Wirtschaftshistoriker, Ökonomen, Soziologen und Politologen haben auf unterschiedlichen Abstraktionsebenen gezeigt, daß die Modernisierung des Zentrums die Rahmenbedingungen für die abhängige Modernisierung der Peripherie geschaffen hat und weiterhin prägt. Vor diesem Hintergrund sind in einem früheren Band dieser Reihe verschiedene Entwicklungsbedingungen und Entwicklungsstrategien an Beispielen, die vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart reichen, untersucht worden (Feldbauer/Gächter/Hardach/Novy 1995). Im Unterschied zu dem damaligen Ansatz betrachten die Beiträge des vorliegenden Bandes die Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie nicht aus einer strukturellen, sondern aus einer konjunkturellen Perspektive. Die "Akkumulation im Weltmaßstab", die Entwicklung und Unterentwicklung einschließt, ist in ihrer Bewegung nicht stetig, sondern zyklisch.
Samir Amin hat schon vor einiger Zeit im Rahmen seiner Entwicklungstheorie den Einfluß der Konjunktur auf die Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie untersucht. Er beschränkte sich allerdings auf die Zirkulationssphäre und berücksichtigte nicht den für die Entwicklung der Peripherie fundamentalen Bereich der Produktion (Amin 1976, Bd. 2: 225-311).
Unterdessen diskutierten Dependenztheoretiker den Einfluß der Weltwirtschaftskrise von 1929-39 auf die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Entwicklung der lateinamerikanischen Staaten. Die Regionen der Peripherie, die zum Teil schon vorher unter der Primärgüterkrise der späten zwanziger Jahre litten, wurden durch die Weltwirtschaftskrise von 1929-39 schwer getroffen. Die Dependenztheoretiker bestritten nicht die wirtschaftlichen Probleme und das Massenelend, betrachteten die Weltwirtschaftskrise aber auch als Ursache positiver Struktureffekte. Die Krise brachte es mit sich, daß die Integrationskraft des Zentrums gegenüber der Peripherie des kapitalistischen Weltmarktes nachließ. Diese zeitweilige Abkoppelung vom Weltmarkt förderte eine eigenständige Modernisierungspolitik der peripheren Länder. Beispiele für einen Entwicklungsschub unter dem Einfluß der Weltwirtschaftskrise waren die Importsubstitution in Indien, vor allem aber die Industrialisierungspolitik der "populistischen" Regime in einigen lateinamerikanischen Staaten. Die optimistische Bewertung der Weltwirtschaftskrise war geprägt durch die entwicklungspolitische Debatte der 1970er Jahre. Die Dissoziation vom Weltmarkt war eine Grundlage der autozentrierten Entwicklung, die von den Depenztheoretikern als entwicklungspolitische Strategie empfohlen wurde (Senghaas 1977). Inzwischen liegen etliche neuere Untersuchungen über die Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie in der Weltwirtschaftskrise von 1929-39 vor (Brown 1989; Latham 1981; Thorp 1984; Rothermund 1993). Der Befund ist bisher kontroversiell. Die These, daß die Krise die Peripherie vorübergehend gegenüber dem Weltmarkt abschirmte und damit eine autonome Entwicklung förderte, ist nicht mehr auf die Dependenztheorie beschränkt (Brown 1989). Im Gegensatz zu der "optimistischen" Interpretation der Krise als Modernisierungsimpuls betonen "pessimistische" Autoren wie etwa Rothermund aber nach wie vor die nachteiligen Folgen der Krise (Rothermund 1993).
Der vorliegende Band greift den Diskurs über die Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie in der Weltwirtschaftskrise von 1929-39 auf, weitet ihn aber auf die aktuelle Globalisierungskrise aus. Inwieweit die vielfältigen Krisenphänomene, die seit den 1970er Jahren mit wechselnder Intensität die ökonomische, soziale und politische Entwicklung in den Ländern der Ersten, Zweiten und Dritten Welt prägen, ein Gegenstück zur Weltwirtschaftskrise von 1929-39 darstellen, ist bislang ziemlich kontroversiell. Während manche Autoren die Krise von 1974-75 als Auftakt zu einer neuen Weltwirtschaftskrise sehen und andere zumindest die Schulden- und Staatskrisen vieler lateinamerikanischer, asiatischer und afrikanischer Staaten in den Rahmen einer allgemeinen Krise des kapitalistischen Weltsystems stellen, bevorzugen viele Ökonomen weniger weitreichende Erklärungsansätze, die stärker auf externe Schocks nach Art der Ölpreiserhöhungen von 1973 und 1979, auf regional oder sektoral begrenzte Konjunktureinbrüche, auf Irrtümer staatlicher Wirtschaftspolitik oder auf Managementfehler internationaler Banken und anderer multinationaler Unternehmen abstellen. Nahm die Destabilisierung der Weltwirtschaft zunächst in den kapitalistischen Ländern des Zentrums und der Peripherie ihren Anfang, so hat sie sich seit den späten achtziger Jahren durch die noch viel massivere Krise der sozialistischen Länder, das Scheitern des sozialistischen Modernisierungsweges und die folgende Transformationskrise zu einer echten Weltkrise ausgeweitet.
In der Folge wird unterstellt, daß die verschiedenen Krisenerscheinungen am Ausgang des zwanzigsten Jahrhunderts als Aspekte einer Globalisierungskrise interpretiert werden können, die kohärent genug ist, um einen Vergleich mit der Weltwirtschaftskrise von 1929-39 als sinnvoll erscheinen zu lassen. Mit einem Bündel von Fallstudien wird versucht, historische Erfahrungen aufzuarbeiten, um Erkenntnisse für den Einfluß der aktuellen Krise auf die Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie zu gewinnen. Außerhalb der Betrachtung bleiben Ursachen, Verlauf und Folgen der Krise der sozialistischen Weltwirtschaft und ihre Interdependenz mit der kapitalistischen Welt, die ein eigenes Projekt wären.

Die Weltwirtschaftskrise 1929-39: Eine, zwei oder mehrere Krisen?

Der Erste Weltkrieg 1914-18 unterbrach eine lange Expansionsphase der Weltwirtschaft. Auf den Krieg folgte ein kurzer Nachkriegsboom, der in der Weltwirtschaftskrise von 1921-22 endete. Die Krise führte in den meisten Ländern des Zentrums und der Peripherie zu einem scharfen Rückgang von Produktion und Beschäftigung. Deutschland, Österreich, Polen und einige andere mitteleuropäische Länder blieben aufgrund ihrer starken Nachkriegsinflation von der Krise von 1920-21 verschont. 1922 begann ein neuer Aufschwung, der in den meisten Ländern des Zentrums, allenfalls durch eine milde Rezession unterbrochen, bis 1929 anhielt. Der temporäre Vorteil, den Deutschland und einige andere Länder durch die inflationäre Abwehr der Krise von 1920-21 hatten, wurde nunmehr dadurch aufgehoben, daß die Länder nach einer Hyperinflation und einer mühsamen Stabilisierung ihrer Währungen erst mit großer Verzögerung in den Aufschwung der zwanziger Jahre eintraten. Aber nicht nur die Dauer, sondern auch die Intensität des Aufschwungs war in den Ländern des Zentrums nicht einheitlich. Während die USA eine ausgeprägte Prosperitätsphase erlebten, wurde der Aufschwung in Großbritannien durch eine deflationäre Geldpolitik gedämpft. Die wirtschaftliche Situation war daher zu Beginn der Krise in den einzelnen Ländern des Zentrums recht unterschiedlich. In den USA und den meisten westeuropäischen Ländern waren die späten 1920er Jahre eine ausgeprägte Wachstumsphase. Das reale Pro-Kopf-Einkommen lag 1929 deutlich über dem Vorkriegsniveau von 1913. In Deutschland, Großbritannien und Österreich dagegen ging das Pro-Kopf-Einkommen 1929 nur knapp über das Niveau von 1913 hinaus, zum Teil durch den späten Eintritt in den Aufschwung, zum Teil durch das langsame Akkumulationstempo bedingt (Bairoch 1994:22).
In der Peripherie der Weltwirtschaft trat in den 1920er Jahren eine Differenzierung ein, die im Unterschied zum Zentrum nicht nur konjunktureller, sondern struktureller Art war. Nach der Freihandelsdoktrin des 19. Jahrhunderts sollte der komplementäre Welthandel, der Austausch von Industriewaren und Primärgütern, auf der Basis des Theorems der komparativen Kosten beiden Seiten Vorteile und Wachstumschancen bieten, dem Zentrum ebenso wie der Peripherie. Dieses liberale Programm scheiterte in den 1920er Jahren. Länder wie Australien, Kanada, Neuseeland und Südafrika traten in die Industrialisierung ein und näherten sich dem Zentrum an. Die anderen Regionen, die auf die Primärgüterproduktion fixiert blieben, stagnierten. Da im Prozeß des wirtschaftlichen Wachstums ein zunehmender Anteil der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage auf Industrieprodukte und Dienstleistungen entfiel, bedeutete die Fixierung auf Primärgüter langfristig einen Verzicht auf Wachstumschancen. Seit der Mitte der 1920er Jahren zeichnete sich auf den Märkten für typische Lebensmittel und Rohstoffe der Peripherie ein Überangebot ab. Die Regierungen rEIAierten mit verschiedenen Versuchen der Marktregulierung. Damit war das Problem aber nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Die strukturelle Differenzierung führte dazu, daß sich in den Ländern, die in der Peripherie blieben, die Konstellation von Primärgüterproduktion, Stagnation und Abhängigkeit verfestigte.
Ursachen, Verlauf und Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929-39 werden unterschiedlich interpretiert. Über die Grundzüge der Entwicklung besteht aber ein gewisser Konsens. Die Weltwirtschaftskrise ging nicht von einem zentralen Punkt aus, etwa dem amerikanischen Börsenkrach vom Oktober 1929, sondern begann als ein Bündel nationaler zyklischer Krisen. In den USA, Kanada und Japan setzte die Krise im Frühjahr 1929 ein. In Deutschland ging der Aufschwung schon 1928 in eine Rezession über, die sich 1929 verschärfte. In Frankreich, den Niederlanden, Dänemark, Norwegen und Schweden schlug der Aufschwung erst 1930 in eine Krise um. Anders als in der Krise von 1920-21 gab es keinen plötzlichen Rückgang von Preisen, Produktion und Beschäftigung, sondern ein allmähliches Abgleiten in die Depression. 1929 hielt man den Konjunkturumschwung noch für eine zeitweilige Unterbrechung des Aufschwungs; nach heutigen Begriffen wäre es eher eine Rezession als eine Krise. Es spricht für die Zuversicht der Investoren in den USA, daß die Aktienkurse nach dem Beginn der Rezession noch einige Monate anstiegen. 1930 begann man, Vergleiche zu der Weltwirtschaftskrise von 1920-21 zu ziehen. Erst 1931 setzte sich nach einer Serie von Bankenkrisen und Währungskrisen die Erkenntnis durch, daß man es mit der bis dahin schwersten Krise der kapitalistischen Weltwirtschaft zu tun hatte. 1932 erreichte die Krise ihren Tiefpunkt. Ab 1933 setzte die Erholung ein, der Aufschwung war jedoch in den meisten Ländern schwach. In den USA verharrte die Arbeitslosigkeit auf einem hohen Niveau, und schon 1937 wurde die Erholung durch eine neue Krise unterbrochen. In Belgien, Kanada, den Niederlanden, Österreich und den USA war das reale Pro-Kopf-Einkommen 1938 niedriger als 1929. Auch für die Länder der Peripherie waren die 1930er Jahre eine verlorene Dekade. Wo es einen starken Aufschwung von Produktion und Beschäftigung gab, wie in Deutschland und in Japan, waren Aufrüstung und Krieg die Ursache (Bairoch 1994:21-22).
Für die ungewöhnliche Schärfe und Dauer der Weltwirtschaftskrise von 1929-39 werden drei Ursachenkomplexe verantwortlich gemacht, die in der Forschung unterschiedlich gewichtet werden, sich aber wechselseitig ergänzen. Erstens gab es wirtschaftspolitische Fehler. Sowohl in den USA als auch in Deutschland beschleunigte und verschärfte eine restriktive Geldpolitik die Krise. Im weiteren Verlauf trug in vielen anderen Ländern eine deflationäre Geldpolitik, die den Goldstandard verteidigen sollte, zur Verschärfung der Weltwirtschaftskrise bei. Auch eine orthodoxe Finanzpolitik, die mit Einnahmensteigerungen und Ausgabenkürzungen einen Ausgleich der öffentlichen Haushalte erzwingen wollte, verstärkte in vielen Ländern den Konjunkturrückgang. In den USA trug die Finanzpolitik wesentliche Mitschuld an der neuen Krise von 1937. Das beste, was sich über die Finanzpolitik der meisten Regierungen in der Krise sagen läßt, ist, daß sie ihre Ziele verfehlte und unfreiwillige Defizite hinnehmen mußte.
Eine zweite krisenverschärfende Ursache war der Zusammenbruch des Welthandels. Bei den ersten Anzeichen eines Konjunkturumschwungs versuchten viele Regierungen, Produktion und Beschäftigung durch eine aktive Außenwirtschaftspolitik mit Importrestriktionen und Exportförderung zu stabilisieren. Eine allgemeine Tendenz zu Zollerhöhungen und kompetitiven Währungsabwertungen war die Folge. Die restriktive Außenhandelspolitik führte in Verbindung mit den konjunkturellen Faktoren zu einem Zusammenbruch des Welthandels. Die Handelskrise traf die Peripherie noch stärker als das Zentrum der Weltwirtschaft. In vielen Primärgüter exportierenden Ländern ging der Wert der ExporteE- bei oft nur wenig reduziertem VolumenE- um über 50 Prozent zurück. Die Produkte und Leistungen der Peripherieländer wurden in der Krise immer schlechter bezahlt.
Ein dritter Krisenfaktor war die Schuldenkrise. In den 1920er Jahren waren die amerikanischen Kapitalexporte zu einem Stabilitätsanker des internationalen Währungssystems geworden, ähnlich wie die britischen Kapitalexporte des neunzehnten Jahrhunderts. Umfangreiche Kapitalimporte aus den USA ermöglichten es dem Deutschen Reich, den Reparationstransfer an Frankreich, Großbritannien und andere Reparationsgläubiger zu finanzieren, die wiederum mit diesen Transfereinnahmen ihre Kriegsschulden gegenüber den USA bedienten. Darüber hinaus finanzierten die Kapitalexporte die erheblichen Exportüberschüsse der amerikanischen Wirtschaft. Im Unterschied zu den britischen Kapitalexporten des 19. Jahrhunderts waren die amerikanischen Kapitalexporte der 1920er Jahre überwiegend kurzfristig und konjunkturabhängig. Bereits 1928 führten steigende Zinsen in den USA, die unter anderem durch den Börsenboom bedingt waren, zu einem Rückgang der Kapitalexporte. Der Börsenkrach vom Oktober 1929 und die dadurch verursachte allgemeine Unsicherheit auf den Kapitalmärkten ließen die amerikanischen Kapitalexporte dann völlig versiegen. Bei nachlassenden Unternehmensgewinnen und sinkendem Außenhandel waren viele Länder nicht in der Lage, ihre Schulden zurückzuzahlen. Die Folge war eine allgemeine Schuldenkrise, die in Verbindung mit dem Konjunkturrückgang Bankenkrisen, Zahlungsbilanzkrisen und einen weiteren Rückgang des Außenhandels nach sich zog. Angesichts der verheerenden Wirkungen der Schuldenkrise richteten sich die Erwartungen darauf, daß die USA als führende Weltwirtschaftsnation stabilisierend eingreifen würden. Um so größer war die Enttäuschung, daß die neue amerikanische Regierung unter Präsident Roosevelt eine internationale Stabilisierungspolitik ablehnte und damit die Weltwirtschaftskonferenz von 1933 zum Scheitern brachte (Kindleberger 1973).
Die Weltwirtschaftskrise war nicht nur eine ökonomische, sondern ebenso eine politische Krise. Die Auflösung des internationalen Wirtschaftssystems brachte einen Zerfall des internationalen politischen Systems mit sich. Die wirtschaftliche Krise und der Zusammenbruch des Weltmarktes förderten nationalistische Bewegungen, Autarkiebestrebungen und Aggression. Die Zentren der neuen politischen Instabilität waren Japan, das 1931 die Mandschurei angriff und 1937 den Krieg auf ganz China ausweitete, Italien, das 1935 Äthiopien überfiel, und schließlichE- am verhängnisvollstenE- Deutschland. In einigen Ländern der Peripherie wird der Dissoziation vom Weltmarkt der bereits erwähnte positive Strukturwandel zugeschrieben. Die Industrialisierungspolitik, die in den 1930er Jahren in einigen Ländern der Peripherie eingeschlagen wurde, ist jedoch kontroversiell. Langfristige Erfolge, vergleichbar den neuindustrialisierten Ländern der 1920er Jahre, wurden offenbar nicht erreicht.

Die Globalisierungskrise 1973-1999: Strukturwandel und räumliche Expansion des Kapitalismus

Anfang der 1950er Jahre, in den USA schon früher, trat die Weltwirtschaft in eine lange Expansionsphase ein, die erst durch die Krise von 1974-75 unterbrochen wurde. In der Wirtschaftsgeschichte wird die Phase von 1950-73 inzwischen als das "Goldene Zeitalter" bezeichnet. In den Ländern des Zentrums der Weltwirtschaft nahm das Pro-Kopf-Einkommen von 1950 bis 1973 im Durchschnitt mit einer jährlichen Wachstumsrate von 3,8 Prozent zu, stärker als je zuvor in der Geschichte. Besonders hohe Wachstumsraten verzeichneten die westeuropäischen Länder und Japan, während die amerikanische Wirtschaft vergleichsweise langsamer expandierte (Maddison 1982:44). Das anfangs noch sehr hohe Produktivitätsgefälle zwischen den USA und den anderen Ländern des Zentrums wurde daher allmählich abgebaut; seit Anfang der siebziger Jahre konkurrierten die führenden kapitalistischen Volkswirtschaften auf ähnlichem Produktivitätsniveau.
Auch in der Peripherie nahmen die Pro-Kopf-Einkommen real zu. Das Tempo des Wachstums ist umstritten, denn die offiziellen Statistiken geben, wie Paul Bairoch schon vor einiger Zeit gezeigt hat, ein zu optimistisches Bild der wirtschaftlichen Entwicklung (Bairoch 1975). Nach einer neueren Schätzung Bairochs blieb das durchschnittliche Wachstum in den Entwicklungsländern im Zeitraum 1950-70 mit 1,7 Prozent jährlich deutlich hinter den Ländern des Zentrums zurück (Bairoch 1994:21). Hinzu kam, daß die Einkommensverteilung in den Ländern der Peripherie extrem ungleich war. Während die Oberschichten reich wurden und auch die Mittelschichten am wirtschaftlichen Wachstum partizipierten, verharrte ein großer Teil der Bevölkerung in Not und Elend. Die heterogenen Regionen der Peripherie erhielten insbesondere durch den negativen Bezug zum Zentrum ihre Identität. Im Schatten des "Goldenen Zeitalters" konstituierte sich in Afrika, Asien und Lateinamerika die moderne Gestalt der Peripherie, die nun die "Dritte Welt" zwischen Kapitalismus und Kommunismus genannt wurde.
Etwas distanzierter als die Dritte Welt, aber im Grunde doch ähnlich, waren auch die sozialistischen Länder der "Zweiten Welt" mit dem expandierenden kapitalistischen Zentrum in einer Art antagonistischer Kooperation verbunden. Sie grenzten sich zwar politisch und ideologisch von der kapitalistischen Welt scharf ab, orientierten sich jedoch nicht weniger konsequent an dem Wachstumsparadigma. Kritisiert wurde die kapitalistische Form der Aneignung, aber ein unbegrenztes wirtschaftliches Wachstum wurde als positiv und sogar notwendig anerkannt: "Die volle Befriedigung der ständig wachsenden Bedürfnisse der Mitglieder der Gesellschaft setzt eine kontinuierliche, schnelle Erhöhung und Vervollkommnung der Produktion voraus." (Zagalow 1972:143) Ausdrücklich galt im Systemvergleich ein höheres wirtschaftliches Wachstumstempo als ein "wesentlicher Vorzug" des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus (Zagalow 1972:606). Die eigenen Statistiken wiesen regelmäßig nach, daß die sozialistischen Länder den angestrebten Wachstumsvorsprung gegenüber dem kapitalistischen Zentrum erreichten. Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Weltwirtschaft sind erhebliche Zweifel an der Zuverlässigkeit der offiziellen Statistiken aufgekommen. Auch bei vorsichtigerer Schätzung hat jedoch in der Zweiten Welt ein wirtschaftliches Wachstum stattgefunden.
Unter amerikanischer Führung wurden das 1944 in Bretton Woods vereinbarte internationale Währungssystem, das Konvertibilität bei festen Wechselkursen vorsah, und das 1947 in Havanna beschlossene "General Agreement on Tariffs and Trade" (GATT) als institutionelle Pfeiler einer neuen Weltwirtschaftsordnung aufgebaut. Als das Bretton Woods System 1945 in Kraft trat, umfaßte der "Dollarraum" neben den USA nur einige wenige Länder. Dies änderte sich jedoch, nachdem die westeuropäischen Länder 1958 und Japan 1964 zur Währungskonvertibilität gegenüber dem Dollar übergingen. Für einige Jahre waren bis zum Zusammenbruch des internationalen Währungssystems 1973 die Länder des Zentrums, allerdings nur wenige Länder der Peripherie, durch ein Regime konvertibler Währungen mit festen Wechselkursen verbunden. Das Bretton Woods System hat die Erwartungen nicht erfüllt, allerdings stellte sich im nachhinein heraus, daß feste Wechselkurse nicht die Bedeutung für die internationale Arbeitsteilung hatten, die man angenommen hatte. Seit 1973 expandierte der internationale Handel in einem Regime flexibler Wechselkurse. Dauerhaftere Wirkungen als das Bretton Woods System hatte das "General Agreement on Tariffs and Trade". Seit 1947 fanden acht Verhandlungsrunden zum Abbau von internationalen Handelsschranken statt: die Genf-Runde 1947, die Annecy-Runde 1949, die Torquay-Runde 1951, die zweite Genf-Runde 1956, die Dillon-Runde 1960-61, die Kennedy-Runde 1964-67, die Tokyo-Runde 1973-79, und letztens die Uruguay-Runde 1986-94. Im Ergebnis wurden die Zölle erheblich reduziert und auch andere Handelshindernisse abgebaut (Hoekman/Kostecki 1995).
Die Krise von 1974-75 setzte dem "Goldenen Zeitalter" ein Ende. Ähnlich wie die Weltwirtschaftskrise von 1929-39 war die Krise der 1970er ihrem Ursprung nach ein Bündel nationaler zyklischer Krisen, die jedoch durch den Welthandel und die internationalen Kapitalbewegungen eng synchronisiert wurden. Die Krise von 1974-75 war im Vergleich zu den vorangegangenen Wachstumszyklen ungewöhnlich schwer. Darüber hinaus war sie zwar nicht die Ursache, wohl aber ein Zeitzeichen, daß sich die Weltwirtschaft insgesamt zum Schlechteren veränderte. Die Beschreibung, die Definition und erst recht die Erklärung dieses Wandels sind umstritten. Im Mittelpunkt der Krise stand eine deutliche Abschwächung des wirtschaftlichen Wachstums. In den Ländern des Zentrums ging die Wachstumsrate des realen Pro-Kopf-Einkommens in den Jahren 1973-79 auf 2,0 Prozent zurück (Maddison 1982:44). Die Reduzierung des Wachstumstempos mußte nicht unbedingt eine Krise bedeuten. Im langfristigen historischen Vergleich könnte es sich auch um eine Normalisierung nach dem vorangegangenen ungewöhnlich starken Wachstum handeln. Vor dem "Goldenen Zeitalter" von 1950-73 war das reale wirtschaftliche Wachstum selten über eine jährliche Zuwachsrate von zwei Prozent hinausgegangen (Feldbauer/Gächter/Hardach/Novy 1995). Daß es sich um eine Krise handelte und nicht um eine Normalisierung, machte sich an den Modalitäten des Übergangs fest. Erstens führten die kurzfristigen zyklischen Schwankungen seit den 1970er Jahren, im Unterschied zu den früheren Wachstumszyklen, aufgrund des flacheren Wachsstumstrends immer öfter zu einer absoluten Stagnation oder sogar einem Rückgang des Sozialprodukts. Zweitens stieg bei nachlassendem Wirtschaftswachstum die Arbeitslosigkeit stark an. 1997 betrug die Arbeitslosenquote in den OECD-Ländern im Durchschnitt 7 Prozent. In der Europäischen Union war sie mit 11 Prozent ungewöhnlich hoch, dagegen in den USA mit 5 Prozent und in Japan mit 3 Prozent wesentlich niedriger (OECD 1998). Einige Regierungen versuchten, die Arbeitsmarktkrise mit einer keynesianischen Wirtschaftspolitik zu überwinden, erzielten damit aber statt der erhofften Expansion eine "Stagflation", wirtschaftliche Stagnation in Verbindung mit einer starken Inflation.
Die Krise war nicht auf das Zentrum der Weltwirtschaft beschränkt. Auch in den sozialistischen Ländern schwächte sich das wirtschaftliche Wachstum in den 1970er Jahren ab. Nach den offiziellen Zahlen gingen die Wachstumsraten weniger stark zurück als in den kapitalistischen Ländern. Wenn man davon ausgeht, daß die Statistiken jener Zeit ein zu optimistisches Bild zeigen, begann aber möglicherweise in den späten 1970er Jahren schon die Systemkrise, die dann Ende der achtziger Jahre zum Zusammenbruch der sozialistischen Wirtschaft führte.
In der Dritten Welt hielt nach der Schätzung von Bairoch das moderate Wachstum des realen Pro-Kopf-Einkommens in den Jahren 1970-80 zunächst noch mit durchschnittlich 1,7 Prozent im Jahr an, ging dann aber in der Dekade 1980-90 in eine Stagnation über (Bairoch 1994:21). Aufgrund des prekären Ausgangsniveaus traf die Krise die afrikanischen und lateinamerikanischen sowie die meisten asiatischen Peripherieländer besonders hart. Die Folgen waren wachsende Arbeitslosigkeit, die Verarmung eines großen Teils der Bevölkerung und eine Reihe von Schuldenkrisen, beginnend mit der lateinamerikanischen Schuldenkrise von 1982-83 (Suter 1990). Angesichts der destabilisierenden Einflüsse, die vom Zentrum ausgingen, empfahlen die Dependenztheoretiker den Entwicklungsländern schon seit längerer Zeit eine Dissoziation vom kapitalistischen Weltmarkt. Der Rückgang des wirtschaftlichen Wachstums, der Anstieg der Massenarbeitslosigkeit, die Stagflation und die Schuldenkrise weckten Erinnerungen an die Weltwirtschaftskrise von 1929-39. Einige Interpretationsansätze sollen im folgenden vorgestellt werden.

  1. In den späten 1970er Jahren kam es zu einer Renaissance der Theorie der langen Wellen, die von Joseph Schumpeter und anderen Ökonomen in der Zwischenkriegszeit entwickelt worden war. Nach Schumpeter kann man sich die kapitalistische Entwicklung als eine Sequenz von langfristigen Zyklen von 45-60 Jahren Dauer vorstellen, die jeweils von einem Bündel von Basisinnovationen getragen wurden (Schumpeter 1961). Suter hat neuerdings, im Anschluß an J. J. van Duijn, vier Kondratieff-Zyklen unterschieden: (1) Aufschwung 1782-1825 und Abschwung 1825-1845, (2) Aufschwung 1845-72 und Abschwung 1872-92, (3) Aufschwung 1892-1929, unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg und die Nachkriegszeit 1913-20, und Abschwung 1929-48, (4) Aufschwung 1948-73 und Abschwung ab 1973. Die Theorie der langen Wellen weist anschaulich auf einen Wechsel von Expansionsphasen und Stagnationsphasen in der kapitalistischen Weltwirtschaft hin, denen sich nach Suter die verschiedenen Schuldenkrisen seit der ersten großen lateinamerikanischen Schuldenkrise der 1820er Jahre zuordnen lassen (Suter 1990). Die kapitalistische Entwicklung in ein starres Zyklenschema zu pressen, stößt jedoch seit jeher auf erhebliche Interpretationsprobleme. Empirisch ist die Theorie der langen Wellen nicht gesichert. Lange Wellen von 45-60 Jahren lassen sich in den statistischen Reihen der Produktion und Beschäftigung kaum identifizieren. Hinzu kommt, daß eine theoretische Begründung für eine langfristige Zyklizität fehlt. Schumpeters Annahme, daß in einer Kondratieff-Krise Innovationen zur Produktionsreife gebracht werden, die dann den nächsten langen Aufschwung tragen, hat sich in der empirischen Forschung nicht bestätigt. Die Innovationen und ihre Diffusion scheinen sehr viel breiter gestreut zu sein, als man zunächst annahm, und eignen sich daher nicht zur Erklärung langer Zyklen in Produktion und Beschäftigung (Petzina/van Roon 1981). Ein Abschied von der Theorie der langen Wellen heißt allerdings nicht, daß der Rhythmus der Kapitalakkumulation als Ursache von Strukturkrisen ausscheidet, und Strukturkrisen allein aus dem zufälligen Zusammentreffen ungünstiger historischer Bedingungen zu erklären wären.
  2. Ein Vergleich zwischen der Weltwirtschaftskrise von 1929-39 und der gegenwärtigen Globalisierungskrise muß nicht bedeuten, daß sich die Ereignisse wiederholen. Nach Christian Saint-Etienne war das Problem der frühen 1980er Jahre nicht so sehr die Gefahr einer neuen Depression, die wenig wahrscheinlich erschien, als vielmehr eine drohende globale wirtschaftliche Stagnation. Er stellte daher der "Great Depression" der 1930er Jahre die "Great Stagnation" der späten 1970er und frühen 1980er Jahre gegenüber. Als Symptome dieser Stagnation nannte er das nachlassende Wirtschaftswachstum, einen geringeren Anstieg der Investitionen und der Produktivität, die Zunahme von staatlichen Ausgaben, Subventionen und Transferzahlungen, die nachlassende Expansion des internationalen Handels, die steigende Verschuldung der nicht-ölproduzierenden Entwicklungsländer und die Schuldenkrise. Saint-Etienne nahm an, daß Unfähigkeit und wirtschaftspolitische Fehler wesentlich zu der Weltwirtschaftskrise von 1929-39 beigetragen hätten, und erwartete, daß sich aus der Analyse der früheren Fehler Lehren für die Wirtschaftspolitik der Gegenwart ziehen ließen (Saint-Etienne 1984). Die Diagnose einer "Stagnation" mag überraschen, wenn die Volkswirtschaften des Zentrums Wachstumsraten aufwiesen, die nach allen historischen Erfahrungen, mit Ausnahme des "Goldenen Zeitalters" von 1950-73, keineswegs niedrig waren. "Stagnation" kann aber nach einer wirtschaftswissenschaftlichen Definition bereits vorliegen, wenn die Wachstumsrate der Produktion geringer ist als die Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität, so daß im Ergebnis Arbeitslosigkeit entsteht (Tomann 1997:46). Diese Art von Stagnation kann durchaus mit einer, wenn auch im Hinblick auf das Vollbeschäftigungsziel ungenügenden Zunahme des realen Sozialprodukts einhergehen.
  3. Nach der Ansicht prominenter "Weltsystemtheoretiker" wie Samir Amin, Giovanni Arrighi, Andre Gunder Frank und Immanuel Wallerstein war die in den 1970er Jahren einsetzende wirtschaftliche Instabilität nicht auf wirtschaftspolitische Fehler zurückzuführen, sondern hatte tiefere Ursachen. Anfang der 1980er Jahre interpretierten sie in einer gemeinsamen Analyse die Globalisierungskrise als eine Hegemonialkrise der amerikanischen Weltwirtschaft. Die amerikanische Hegemonie, die das Fundament der langen Expansionsphase gewesen war, näherte sich "zwar langsam aber unwiderruflich" ihrem Ende (Amin u.a. 1986:2-3). Da die USA nicht mehr in der Lage waren, stabilisierend in die Weltwirtschaft einzugreifen, kam es zu einer Eskalation der Krise. Die Perspektiven der Entwicklung wurden von den einzelnen Autoren unterschiedlich eingeschätzt. Nach Amin und Wallerstein leitete die Globalisierungskrise den Übergang von dem kapitalistischen Weltsystem zu einem sozialistischen Weltsystem ein. Arrighi und Frank hielten es dagegen für möglich, daß die Krise vorübergehend durch eine gemeinsame Stabilisierungspolitik der führenden Weltwirtschaftsnationen aufgefangen werden könnte.
  4. Den Gedanken einer Systemkrise greift auch die Theorie des "Fordismus" auf. Der Begriff bezieht sich auf Henry Ford, der 1913 in der Automobilindustrie die Fließbandproduktion einführte. Gemeint ist ein komplexes System, zum einen die technologische Grundlage der modernen industriellen Produktion, zum zweiten das einzelwirtschaftliche System von Massenproduktion und Massendistribution, das von Ford perfektioniert wurde, und drittens ein gesamtwirtschaftliches und gesamtgesellschaftliches System, das in der Zeit des "New Deal" 1933-41 entstanden und nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Westeuropa durchgesetzt wurde. Der Begriff des Fordismus bezeichnet damit insbesondere die historische Gestalt des Kapitalismus in der langen Expansionsphase von 1950-73, als sich Produktivität, Wirtschaftswachstum, Unternehmensgewinne, steigende Reallöhne und expandierender Massenkonsum zu einer dynamischen Synthese verbanden. Eine aktive Wirtschaftspolitik, die Institutionalisierung der Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit, soziale Sicherheit und die weltwirtschaftliche Führungsrolle der USA stützten die Expansion. Das Automobil als Massenkonsumgut kann gewissermaßen als Symbol dieser Epoche gelten (Hirsch 1996). Die Abschwächung des wirtschaftlichen Wachstums erklärt sich nach der Theorie des Fordismus daraus, daß die Möglichkeiten der Produktivitätssteigerung durch Massenproduktion und Massendistribution allmählich erschöpft waren. Durch den Wandel vom Wachstum zur relativen Stagnation geriet das fordistische System in eine strukturelle Krise. Die Abschwächung des wirtschaftlichen Wachstums verschärfte die Verteilungskämpfe zwischen Kapital und Arbeit. Stagnierende Reallöhne brachten das fordistische System dann auch von der Nachfrageseite her unter Druck. Angesichts sinkender Gewinne im Inland suchten die Unternehmer verstärkt nach Investitionschancen auf neuen Märkten. Das führte zu den bekannten Phänomenen, die das Bild der "Globalisierung" prägen, wie die Internationalisierung der Produktion und die Expansion der internationalen Kapitalmärkte, aber eben auch Überspekulation und Schuldenkrisen (Hirsch/Roth 1986).

Der Begriff des "Fordismus" ist als Charakterisierung des sozio-ökonomischen Systems im "Goldenen Zeitalter" von 1950-73 sicherlich nicht besonders glücklich gewählt. Ford verstand seine Unternehmensphilosophie, die auf der Basis von Massenproduktion und Massendistribution sowohl niedrige Preise, als auch gute Gewinne und hohe Löhne versprach, durchaus als gesellschaftliches Modell. Er übersah dabei aber, ebenso wie seine zahlreichen Kommentatoren, daß dieses einzelwirtschaftliche Arrangement auf der Ausnahmesituation hoher Pioniergewinne beruhte. Schumpeter hat in seiner Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung darauf hingewiesen, daß die Pioniergewinne, die ein Unternehmer durch eine Basisinnovation erzielt, durch den Wettbewerb bald verschwinden (Schumpeter1961, Bd. 1:110-117). Schon in der Weltwirtschaftskrise von 1920-21 war Fords Unternehmensphilosophie als gesellschaftspolitisches Modell gefährdet, und in der Weltwirtschaftskrise von 1929-39 ist sie endgültig gescheitert (Chandler 1977). Der "New Deal" der 1930er Jahre ging ebenso wie der westeuropäische Wachstumskapitalismus der Zeit von 1950-73 mit der Kooperation zwischen Kapital, Arbeit, und Staat ganz andere Wege.
Daß die Abschwächung des wirtschaftlichen Wachstums das soziale Arrangement von Produktivität, keynesianischer Stabilisierungspolitik und Sozialpolitik bedroht, wird auch von anderen Autoren als den Fordismus-Theoretikern festgestellt. Das Scheitern der Stabilisierungspolitik in der Stagflation der 1970er Jahre, das nicht minder offenkundige Scheitern der neoliberalen Politik zur Überwindung der Arbeitsmarktkrise, und die Bedrohung des Sozialstaats haben inzwischen zu einer breiten Diskussion geführt. Parallelen und Vergleiche zwischen aktuellen Problemen, im nationalen, regionalen oder globalen Rahmen, und der Weltwirtschaftskrise von 1929-39 scheinen jedoch in den 1990er Jahren seltener geworden. Das hat gute Gründe, denn neben Ähnlichkeiten gibt es auch Unterschiede zwischen den beiden Krisenphasen, die im Laufe der Zeit hervortraten.

  1. Der auffälligste Unterschied zwischen der Weltwirtschaftskrise von 1929-39 und der gegenwärtigen Globalisierungskrise ist inzwischen die zeitliche Dimension. Eine Krise, die fünfundzwanzig Jahre dauert, ist nach der gewohnten Diktion keine Krise mehr, sondern ein Zustand. Andererseits zeigen die anhaltende Arbeitsmarktkrise in Westeuropa, die Transformationskrise in Osteuropa, die nicht endende Serie von Schuldenkrisen und die Strukturkrise der Dritten Welt, daß wir kaum annehmen dürfen, die Krise der Weltwirtschaft überwunden zu haben, um in einen neuen Aufschwung einzutreten. Wenn wir heute von einer Globalisierungskrise sprechen, so meinen wir keine kompakte Krise in der Art früherer Weltwirtschaftskrisen, sondern eine Sequenz von ineinander übergreifenden wirtschaftlichen Krisen und Destabilisierungen in verschiedenen Regionen der Welt, mit wechselnder Intensität und mit wechselnden Schauplätzen. In den 1970er Jahren eröffneten die relative Stagnation, die beginnende Arbeitsmarktkrise und die Stagflation in den Ländern des Zentrums eine neue Ära der wirtschaftlichen Instabilität. Anfang der 1980er Jahre erweiterte die lateinamerikanische Schuldenkrise von 1982-83 die räumliche Dimension der Krise, und Ende der 1980er Jahre begann die Krise der sozialistischen Weltwirtschaft, die 1991 zum Zusammenbruch der Sowjetunion und des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe führte.
  2. Das weltweite Krisenszenario hat sich am Ausgang des zwanzigsten Jahrhunderts verändert. Während man in den 1980er Jahren noch den Niedergang der amerikanischen Hegemonialmacht diskutierte, erlebten die USA in den 1990er Jahren eine erstaunliche Stabilisierung. Die erste Amtszeit Präsident Clintons 1993-97 unterscheidet sich vorteilhaft von der ersten Amtszeit seines Vorgängers Roosevelt, der sechzig Jahre früher, in der Distanz eines Kondratieff-Zyklus, 1933-37 einen Ausweg aus der Krise suchte. Während die amerikanische Wirtschaft 1937 in eine neue Krise stürzte, verzeichnete sie 1997 ein Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts von 3,8 Prozent. Die Arbeitslosenquote sank unter die Fünf-Prozent-Schwelle und war im Jahresdurchschnitt 1997 mit 4,9 Prozent so niedrig wie seit langem nicht. Dabei blieb das Preisniveau relativ stabil, und der Bundeshaushalt war nahezu ausgeglichen (OECD 1998). Die USA entwickelten sich immer mehr zur beneideten Stabilitätsinsel in einer instabilen Welt. In Westeuropa verschärfte sich die Arbeitsmarktkrise. Das wirtschaftliche Wachstum war im langfristigen historischen Vergleich immer noch hoch; 1997 betrug die Wachstumsrate des realen Bruttoinlandsprodukts in der Europäischen Union 2,6 Prozent. Dennoch stieg die Arbeitslosenquote in der Europäischen Union 1997 auf 11,2 Prozent. Auch andere Länder des Zentrums und der Peripherie litten unter steigender Arbeitslosigkeit. Im "Bereich der Organisation for Economic Co-operation and Development" (OECD), ursprünglich eine Organisationen der entwickelten Länder, die sich in den 1990er Jahre um einige Schwellenländer und osteuropäische Länder erweiterte, gab es 1997 insgesamt 35 Millionen Arbeitslose (OECD 1998). In Osteuropa sah man in den späten 1990er Jahren in einigen Ländern Anzeichen für eine wirtschaftliche Erholung. Aber nur in Polen wurde das Sozialprodukt der Zeit vor der Transformation wieder erreicht. In Rußland war ein Ende der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Krise nicht abzusehen. Die Asienkrise von 1997-98 ergriff nicht nur die Entwicklungsländer und Schwellenländer Südostasiens, sondern auch China und Japan (United Nations 1997).
Die USA traten aufgrund ihrer wirtschaftlichen Überlegenheit wieder stärker als weltwirtschaftliche Führungsmacht hervor. Die Uruguay-Runde von 1986-94 wurde erfolgreich abgeschlossen. Das für den Warenhandel geltende GATT wurde durch ein Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen, das "General Agreement on Trade in Services" (GATS) und einige weitere Abkommen ergänzt. Eine neue internationale Organisation wurde gegründet, die neue "World Trade Organization" (WTO), um über die Durchführung der verschiedenen Welthandelsabkommen zu wachen (Cohen/Paul/Blecker 1996). Unterhalb der multilateralen Institutionen und Regeln entwickelte sich seit der Mitte der 1980er Jahre eine Vielzahl regionaler Arrangements. Die Europäischen Gemeinschaften wurden mit dem Vertrag von Maastricht 1992 zur Europäischen Union ausgebaut, die USA und Kanada schlossen 1989 ein Freihandelsabkommen, das 1992 mit Mexiko zum "North American Free Trade Agreement" erweitert wurde, Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay gründeten 1991 die Freihandelszone MERCOSUR. Ein besonders ambitioniertes Projekt war das 1989 von Australien, China, Hongkong, Indonesien, Japan, Kanada, der Republik Korea, Malaysia, Mexiko, Neuseeland, Papua Neu-Guinea, den Philippinen, Singapore, Taiwan, Thailand und den USA gegründete "Asia-Pacific Economic Cooperation Forum", das in eine riesige amerikanisch-pazifische Freihandelszone münden sollte, inzwischen aber durch die Asienkrise ins Stocken geraten ist. Neben diesen prominenten Arrangements wurden eine Vielzahl kleinerer Freihandelszonen in Afrika und Asien geschaffen. Die Bedeutung des neuen Regionalismus ist noch schwer einzuschätzen. Ein wichtiges Motiv war oft, durch regionale Kooperation mehr wirtschaftliche Stabilität zu gewinnen. Da Zölle und andere Handelshindernisse im Rahmen der multilateralen Weltwirtschaft kräftig reduziert wurden, haben die regionalen Arrangements jedoch im allgemeinen keine hohen Außenmauern. Sie bedeuten daher keinen Rückfall in die auseinanderbrechende Weltwirtschaft der Krisenjahre 1929-39, im Gegenteil: der neue Regionalismus wird überwiegend als Ergänzung, nicht als Alternative zum Multilateralismus verstanden. Während die Dissoziationsstrategien der 1970er Jahre noch Erinnerungen an die Industrialisierungspolitik lateinamerikanischer Staaten in den 1930ern weckten, richten sich die Stabilitätshoffnungen der 1990er Jahre auf den Weltmarkt. Entwickelte Länder, Entwicklungsländer und Transformationsländer verfolgen ziemlich einhellig eine Politik der "open economy" (United Nations 1997:43). Problemlos ist das sicherlich nicht, wie die sozialen Folgen neoliberaler Modernisierungsstrategien, die neuen Abhängigkeiten und die Internationalisierung der sozio-ökonomischen Risiken zeigen.
Das Ziel des vorliegenden Bandes ist es, im historischen Vergleich unterschiedliche Aspekte der aktuellen Globalisierungskrise deutlich zu machen und zur Diskussion über krisenüberwindende Politiken beizutragen.

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Quelle: HSK/IE 15: Von der Weltwirtschaftskrise zur Globalisierungskrise. Wohin treibt die Peripherie? (Historische Sozialkunde/IE 15) Herausgegeben von Peter Feldbauer, Gerd Hardach, Gerhard Melinz. Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 1999. S. 9 - 22.
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