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Gerd Hardach

Von Marienthal nach Kenosha: Krisen im Zentrum der Weltwirtschaft

Quelle: HSK/IE 15: Von der Weltwirtschaftskrise zur Globalisierungskrise. Wohin treibt die Peripherie? (Historische Sozialkunde/IE 15) Herausgegeben von Peter Feldbauer, Gerd Hardach, Gerhard Melinz. Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 1999. S. 33 - 50.

Die Arbeitsmarktkrise

Es gibt Krisen, die im Wechsel mit Aufschwungsphasen zur wirtschaftlichen Normalität gehören. Dies sind die Schwankungen im Auslastungsgrad des gesamtwirtschaftlichen Produktionspotentials, die sich in Fluktuationen der gesamtwirtschaftlichen Produktion und Beschäftigung zeigen. Die regelmäßigen Krisen sind bedauerlich, aber vorübergehend. Sie fügen sich in das Bild des zyklischen Wirtschaftswachstums, das als ein wesentliches Merkmal des Industriekapitalismus gilt. Die meisten dieser Krisen sind bald vergessen, und sie hinterlassen wenig Spuren in der Geschichte.
Es gibt andere Krisen, die schon im Bewußtsein der Zeitgenossen und später auch im historischen Rückblick als Wendepunkte der wirtschaftlichen Entwicklung erscheinen. Zum einen sind diese Krisen, gemessen am Rückgang der Produktion und Beschäftigung, ungewöhnlich schwer. Zum anderen, und das ist vielleicht noch wichtiger, folgt auf die Krise nicht die beruhigende Rückkehr zur Normalität des wirtschaftlichen Wachstums, sondern eine längere Phase der Instabilität, der Störung des wirtschaftlichen Gleichgewichts, der Stagnation. Die erste umfassende Krise dieser Art war die Weltwirtschaftskrise von 1929-39, die eine Periode wirtschaftlicher, sozialer und vor allem auch politischer Destabilisierung nach sich zog. Neuerdings herrscht die Auffassung, daß die Krise von 1974-75 nicht nur ungewöhnlich schwer war, sondern daß sich seit dieser Krise die Welt insgesamt zum Schlechteren verändert hat. Die Beschreibung, die Definition und erst recht die Erklärung dieser Instabilität, die auch als Globalisierungskrise bezeichnet wird, sind umstritten. In der Peripherie der Weltwirtschaft wird die Globalisierungskrise vor allem als Schuldenkrise erfahren, in den ehemals kommunistischen Ländern als eine umfassende Transformationskrise. In den postindustriellen Gesellschaften, die das Zentrum der Weltwirtschaft bilden, steht die Massenarbeitslosigkeit, die auch im Konjunkturaufschwung nicht überwunden wird, im Vordergrund.
Der Arbeitsgesellschaft geht die Arbeit aus. 1997 waren in den Mitgliedsländern der OECD insgesamt 35 Millionen Menschen arbeitslos. Im Unterschied zu der traditionellen Arbeitslosigkeit in der Peripherie der Weltwirtschaft, mit fließenden Übergängen zur Unterbeschäftigung, geht es hier um die Arbeitslosigkeit in industriellen und postindustriellen Gesellschaften. 1948 als Organisation zur Förderung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit in Westeuropa gegründet, hat sich die OECD zu einer weltweiten Organisation der entwickelten kapitalistischen Länder entwickelt, die in den neunziger Jahren auch einige Schwellenländer und osteuropäische Transformationsländer aufnahm. 1997 hatte die OECD 29 Mitglieder: Australien, Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Island, Italien, Japan, Kanada, die Republik Korea, Luxemburg, Mexiko, Neuseeland, die Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, die Schweiz, Spanien, Tschechien, die Türkei, Ungarn und die USA. 19 Millionen Arbeitslose, mehr als die Hälfte der Gesamtzahl, entfielen auf die Europäische Union mit ihren 15 Mitgliedsländern. Die Arbeitsmarktkrise ist nicht nur, aber in besonderer Weise ein europäisches Problem. Während die Arbeitslosenquote im gewichteten Durchschnitt der OECD-Mitgliedsländer 7 Prozent ausmachte, betrug sie in der Europäischen Union 11 Prozent, in den USA 5 Prozent und in Japan 3 Prozent (OECD 1998:9).
Die Massenarbeitslosigkeit erschüttert die Grundlagen des modernen Sozialstaats. Einerseits wird allgemein über die wachsenden Kosten der sozialen Sicherung geklagt. Andererseits verzichten die entwickelten Länder aber durch die Hinnahme der Massenarbeitslosigkeit Jahr für Jahr auf eine Produktionsleistung von einer Dimension, als würde man das größte europäische Mitgliedsland der OECD vom Spielbrett nehmen. Die Zahl der Erwerbstätigen in der Bundesrepublik Deutschland entsprach 1996 mit 36 Millionen ziemlich genau der Zahl der Arbeitslosen in den OECD-Ländern (Statistisches Bundesamt 1997:109). Die Massenarbeitslosigkeit bedeutet aber nicht nur wirtschaftliche Verluste, sondern vor allem auch eine große soziale Belastung. Amartya Sen hat eine Liste von zehn "Strafen der Arbeitslosigkeit" aufgestellt: (1) Einbußen an Produktion und Staatseinnahmen; (2) Freiheitsverluste und soziale Ausgrenzung; (3) Verlust von beruflicher Qualifikation; (4) Psychische Schäden; (5) Beeinträchtigung der Gesundheit und der Lebenserwartung; (6) Verlust an Motivation; (7) Belastung des Familienlebens und der sozialen Beziehungen; (8) Zunehmende geschlechtsspezifische Ungleichheit und Diskriminierung von Minderheiten; (9) Schwächung von sozialen Werten und Verantwortung; (10) Wirtschaftliche Inflexibilität und technischer Konservatismus (Sen 1997:160-165).

Marienthal

Der Hinweis auf die sozialen Folgen der Arbeitslosigkeit ist wichtig, aber er ist nicht neu. 1933 erschien die Studie von Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel über die Arbeitslosen von Marienthal (Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel 1975). Die Untersuchung ging aus einer Synthese von Austromarxismus und empirischer Sozialforschung hervor, in aufklärerischer Absicht, nicht zuletzt auf der Suche nach einer Antwort, warum die Revolution von 1918 gescheitert war und auch die Weltwirtschaftskrise die Arbeiterschaft offenbar nicht zur Revolution trieb. Paul Lazarsfeld bemerkte später einmal im Rückblick auf die Anfänge der empirischen Sozialforschung ironisch: "Ich erinnere mich an eine Formel, die ich damals aufstellte: Eine beginnende Revolution muß die wirtschaftlichen Verhältnisse auf ihrer Seite haben (Marx); eine siegreiche Revolution braucht vor allem Ingenieure (Sowjetunion); eine erfolglose Revolution bedarf der Psychologie (Wien)" (Lazarsfeld 1975:149). Die Intellektuellen entdeckten also Marienthal, ein kleines Fabrikdorf in Niederösterreich, südöstlich von Wien, mit damals 1486 Einwohnern. Dort spürten sie 1931-32 den sozialen Folgen der Arbeitslosigkeit nach.
Marienthal war bis zur Krise wirtschaftlich von der Textilfabrik der Marienthal-Trumauer AG beherrscht worden, einer Gründung aus dem neunzehnten Jahrhundert. Es gab nur wenige Handwerker und Kaufleute im Ort und in der Umgebung etwas Landwirtschaft. Die Textilfabrik florierte in den zwanziger Jahren, geriet aber in der Weltwirtschaftskrise in Schwierigkeiten. 1930 wurde sie stillgelegt und bald darauf abgerissen. Fast die gesamte örtliche Erwerbsbevölkerung wurde durch die Fabrikschließung arbeitslos. Den SozialwissenschaftlerInnen aus Wien stellte sich Marienthal nur ein Jahr später als eine "müde Gemeinschaft" dar; "hier leben Menschen, die sich daran gewöhnt haben, weniger zu besitzen, weniger zu tun und weniger zu erwarten, als bisher für die Existenz als notwendig angesehen worden ist" (Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel 1975:55). Die Lebenssituation der Arbeitslosen war durch zwei Faktoren beherrscht, die materielle Not und die psychische Verarmung.
Fast alle MarienthalerInnen lebten zur Zeit der Untersuchung von der Notstandsunterstützung. Die Erste Republik hat die Anfänge eines Sozialstaats geschaffen, der auch Hilfe bei Arbeitslosigkeit vorsah. Im November 1918 war eine staatliche Arbeitslosenfürsorge eingeführt worden. 1920 wurde die staatliche Fürsorge durch eine Arbeitslosenversicherung abgelöst, die von Unternehmern, Arbeitern und Staat finanziert wurde. Die Arbeitslosenunterstützung betrug bis zu 80 Prozent des letzten Lohns und wurde für eine Dauer von höchstens 30 Wochen gewährt. Seit 1922 gab es im Anschluß an die Arbeitslosenunterstützung bei anhaltender Bedürftigkeit eine reduzierte Notstandsunterstützung. Im Durchschnitt hatten die arbeitslosen Haushalte 1932 ein monatliches Einkommen von 100 Schilling; das entsprach je nach dem früheren Status 25 bis 50 Prozent des normalen Einkommens. Überall herrschte bittere Armut. Eltern und Kinder wohnten gedrängt in einem oder allenfalls zwei Zimmern, Kleidung und Schuhe wurden immer wieder ausgebessert, bis nur noch schäbige Reste blieben, die Ernährung reduzierte sich in eintöniger Wiederholung auf Malzkaffee, Brot, Kartoffeln, Erbsen und Bohnen. Mit der wirtschaftlichen Not ging eine psychische Veränderung einher, die von Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel als Reduktion des Anspruchs- und Aktivitätsbereichs, Zeitverfall und Abgleiten in die Resignation beschrieben wurde. "Die Ansprüche an das Leben werden immer weiter zurückgeschraubt; der Kreis der Dinge und Einrichtungen, an denen noch Anteil genommen wird, schränkt sich immer mehr ein; die Energie, die noch bleibt, wird auf die Aufrechterhaltung des immer kleiner werdenden Lebensraums konzentriert." (Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel 1975:101)
"Die Bourgeoisie hat durch die Exploitation des Weltmarktes die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet" (Marx/Engels 1969:466). Leben und Arbeiten in der kleinen Gemeinde Marienthal hing von den Konjunkturen eines abstrakten Weltmarktes ab, an dem alle als Produzenten und Konsumenten partizipierten und auf den doch niemand Einfluß zu haben schien. Die Gewerkschaften und die staatliche Sozialpolitik, die Schutz vor den Risiken des Kapitalismus gewähren sollten, erwiesen sich als machtlos. Die Arbeitslosen von Marienthal teilten ihr Schicksal mit vielen anderen Arbeitslosen in Österreich. 1933 gab es auf dem Tiefpunkt der Krise 557.000 Arbeitslose; das entsprach 1933 einer Arbeitslosenquote von 26 Prozent aller ArbeitnehmerInnen. Bis 1937 ging die absolute Zahl auf 464.000 Arbeitslose und die Arbeitslosenquote auf 22 Prozent zurück (Stiefel 1979:112). Auf die Arbeitslosigkeit folgten der Anschluß und der Zweite Weltkrieg. Bessere Zeiten würden erst mit dem Aufschwung der fünfziger Jahre kommen.
Der Weltmarkt hatte in der Weltwirtschaftskrise von 1929-39 schon ungefähr die Struktur, die wir auch heute kennen. Das Zentrum der Weltwirtschaft bestand im wesentlichen aus Europa, Nordamerika und, als neue Industriemacht in Ostasien, Japan. Nach einer Schätzung des Völkerbundes hatten 1926-29 Nordamerika (USA, Kanada) einen Anteil von 45 Prozent an der Industrieproduktion der Welt, Westeuropa (Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Schweden) 34 Prozent, Japan 3 Prozent. Die restlichen 18 Prozent entfielen auf weitere europäische Länder, die neuindustrialisierten Länder und Schwellenländer der zwanziger Jahre und die Sowjetunion (LEIAue of Nations 1945:13).
Nach der Weltwirtschaftskrise von 1920-21 gab es in den meisten Ländern eine kräftige Aufschwungsphase, die nur durch kurze Rezessionen unterbrochen wurde. Die Rückkehr zum Gold, die Rekonstruktion des Welthandels und umfangreiche Kapitalbewegungen ließen die nationalen Märkte enger zusammenwachsen. 1929 lag das reale Bruttoinlandsprodukt je Einwohner nach den Schätzungen von Maddison in den USA um 30 Prozent, in Westeuropa um 18 Prozent und in Japan sogar um 46 Prozent über dem Niveau von 1913 (Maddison 1995:212). Der Erste Weltkrieg, die Revolutionen, die in einigen Ländern auf den Krieg folgten, die Ausdehnung des Wahlrechts hatten in vielen europäischen Staaten die Forderung der Arbeiterschaft nach einer stärkeren Teilhabe am wirtschaftlichen Wachstum gestärkt. Die soziale Demokratie sollte die kapitalistische Marktwirtschaft durch staatliche Regulierung und Transferleistungen ergänzen. Im Alltag scheiterte die soziale Demokratie allerdings schon vor der Krise oft daran, daß wirtschaftliche Probleme den Verteilungsspielraum einengten. Der Erste Weltkrieg mit seinen Folgen, die Weltwirtschaftskrise von 1920-21 und die Hyperinflationen verzögerten die Rückkehr zur Stabilität. Deutschland schloß die Währungsstabilisierung erst 1924 mit der Einführung der Reichsmark ab, Österreich im gleichen Jahr mit der Einführung des Schilling. Nach der wirtschaftlichen Stabilisierung bremste in den späten zwanziger Jahren in Großbritannien, Deutschland, Österreich und den skandinavischen Ländern eine Deflationspolitik, mit der die Parität der überbewerteten Währungen gegenüber dem Dollar verteidigt wurde, das Wachstum von Produktion und Beschäftigung (Feinstein/Temin/Toniolo 1997).
In den USA, die nach dem Ersten Weltkrieg zur führenden Wirtschaftsmacht der Welt aufgestiegen waren, stellte der republikanische Präsidentschaftskandidat Herbert Hoover in seinem Wahlkampf im Sommer 1928 ein goldenes Zeitalter in Aussicht: "We in America today are nearer to the final triumph over poverty than ever before in the history of any land. The poorhouse is vanishing from among us. We have not yet reached the goal, but, given the chance to go forward with the policies of the last eight years, we shall soon, with the help of God, be in sight of the day when poverty will be banished from this nation." (Walton/Rockoff 1990:478) Hoovers Wahlkampfrede vom Sommer 1928 nimmt in der Liste wirtschaftspolitischer Fehlprognosen einen prominenten Platz ein, denn nur ein Jahr später stürzte die Weltwirtschaft in ihre bis dahin schwerste Krise.
Die Weltwirtschaftskrise von 1929-39 begann mit einer Vielzahl von nationalen zyklischen Krisen, die sich dann durch den Zusammenbruch des Welthandels und des internationalen Kreditsystems zu einer weltweiten Katastrophe verdichteten. Insofern ist die verbreitete Vorstellung, daß die Krise mit dem amerikanischen Börsenkrach vom Oktober 1929 begann und von dort in alle Welt ausstrahlte, nicht richtig. Die USA als weltwirtschaftliche Führungsmacht waren aber gleichwohl das Epizentrum der Krise, zum einen durch ihre ungewöhnliche Tiefe und Dauer in diesem Land, zum anderen durch die Auswirkung auf den Welthandel und die internationalen Kapitalmärkte.
Der demokratische Präsident Franklin D. Roosevelt kündigte im März 1933 eine systematische Stabilisierungspolitik an, den "New Deal". Eine Erholung war noch nicht in Sicht. Die Weltwirtschaftskrise erreichte in den USA erst 1933, ein Jahr später als in den meisten anderen Ländern, ihren Tiefpunkt. Das reale Bruttosozialprodukt je Einwohner war 1933 auf 69 Prozent des Niveaus von 1933 gesunken, die Arbeitslosigkeit war auf 13 Millionen angewachsen und die Arbeitslosenquote auf 25 Prozent gestiegen (Maddison 1995:196; Chandler 1970:5). Der Weg aus der Krise war langsam, stockend und unvollständig. Die Arbeitslosenquote betrug 1937 immer noch 14 Prozent, als die Rezession von 1937-38 zu einem neuen Rückgang von Produktion und Beschäftigung führte. Amerikas längste Depression dauerte zwölf Jahre, bis sie 1941 unter dem Einfluß der Rüstungskonjunktur endete.
Die lange Dauer der Krise ist zum Teil durch einen industriellen Strukturwandel zu erklären, da alte Industrien stagnierten, während die neuen Investitionsgüterindustrien und Konsumgüterindustrien unter den deflationären Bedingungen keine ausreichenden Finanzierungsmöglichkeiten fanden (Bernstein 1987). Die Bankenkrise von 1933 lähmte den Banksektor auf längere Zeit. Neben den strukturellen Faktoren haben wirtschaftspolitische Fehler wesentlich zur Verschärfung der Krise beigetragen. Das "Federal Reserve System" blieb zunächst passiv und schlug 1936 sogar in Erwartung einer inflationären Tendenz einen restriktiven Kurs ein, mit dem es die neue Krise von 1937-38 verschärfte. Die Finanzpolitik war durchwegs konservativ. Hoover strebte ein ausgeglichenes Budget an, mußte allerdings unfreiwillig wachsende Defizite hinnehmen. Auch Roosevelt hielt grundsätzlich an dem Ziel eines ausgeglichenen Budgets fest, konnte dies allerdings ebenso wenig erreichen wie sein Vorgänger. Durch den Versuch, nach einer leichten Besserung der Konjunktur 1936 das Defizit zu verringern, trug die Finanzpolitik dann neben der Währungspolitik eine Mitverantwortung für die Krise von 1937-38. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Regierung mit dem "Employment Act" von 1946 zu einer aktiven Konjunkturpolitik verpflichtet.
Die europäischen Volkswirtschaften wurden mit unterschiedlicher Intensität von der Weltwirtschaftskrise von 1929-39 betroffen. In Deutschland und Österreich führte die Krise zu einem ähnlich starken Rückgang von Produktion und Beschäftigung wie in den USA. Das reale Bruttosozialprodukt je Einwohner fiel bis 1932 in Deutschland auf 75 Prozent, in Österreich auf 79 Prozent des Niveaus von 1929 (Maddison 1995:194). Anfang 1933 gab es in Deutschland 6 Millionen Arbeitslose; die Arbeitslosenquote war 1932 mit 31 Prozent noch höher als in den USA und in Österreich (Gleitze 1960:45). Neben strukturellen Unterschieden beeinflußte die Wirtschaftspolitik den Krisenverlauf. Sowohl in Deutschland als auch in Österreich wurde ähnlich wie in den USA die Krise durch eine restriktive Währungs- und Finanzpolitik verschärft. Als Folge der Banken- und Währungskrise lösten Deutschland sich im Juli 1931, Österreich wenige Monate später im Oktober 1931 vom Goldstandard und führten eine Devisenbewirtschaftung ein. Beide Länder nutzten den Abschied vom Gold aber nicht zu einer aktiven Konjunkturpolitik, sondern versuchten vielmehr, den internationalen Wechselkurs von Reichsmark und Schilling möglichst nahe an der alten Parität zu halten. Der Weg aus der Krise verlief in den beiden Ländern unterschiedlich. In Deutschland führten nach der faschistischen Machtergreifung 1933 eine aktive Konjunkturpolitik und die Aufrüstung zu einem raschen Anstieg von Produktion und Beschäftigung. In Österreich hielten Regierung und Nationalbank dagegen an der strengen Deflationspolitik fest. 1934 wurde der Schilling um 21 Prozent abgewertet, blieb damit aber im internationalen Vergleich immer noch überbewertet. Die strikte Währungspolitik trug dem Schilling die Charakterisierung als "Alpendollar" ein, bremste aber die Erholung von Produktion und Beschäftigung (Stiefel 1988).
Frankreich und Großbritannien wurden durch die Krise nicht ganz so schwer in Mitleidenschaft gezogen. In Frankreich sank das reale Bruttosozialprodukt je Einwohner bis 1932 auf 84 Prozent des Niveaus von 1929. Die Arbeitslosenquote betrug 1932 nach offiziellen Angaben nur 3 Prozent. Daneben gab es allerdings eine erhebliche verdeckte Arbeitslosigkeit. Die realistische Arbeitslosenquote könnte 6 Prozent betragen haben, wäre damit im internationalen Vergleich immer noch relativ niedrig. Die Situation ist zum Teil damit zu erklären, daß sich die Krise in der Landwirtschaft, die zu der Zeit noch einen großen Teil der französischen Arbeitsbevölkerung beschäftigte, eher als Unterbeschäftigung und nicht als offene Arbeitslosigkeit niederschlug. In Großbritannien war der Produktionsrückgang weniger ausgeprägt, das reale Bruttosozialprodukt je Einwohner war 1932 nur geringfügig auf 94 Prozent zurückgegangen. Die Arbeitslosenquote war allerdings 1932 mit 15 Prozent deutlich höher als in Frankreich (Asselain 1995:155-156; Maddison 1995:194-196). Frankreich hatte die Rückkehr zum Gold 1926-28 durch eine gezielte Unterbewertung des Franc erleichtert. In der Krise war die Währungs- und Finanzpolitik jedoch weniger flexibel. Während Großbritannien sich 1931 vom Gold löste, hielt Frankreich als Kern des "Goldblocks" mit wenigen anderen Ländern bis 1936 an der Goldwährung fest.
In Japan nahm die Weltwirtschaftskrise einen im Vergleich zum Rest der Welt ganz untypischen Verlauf. Regierung und Notenbank leiteten 1929 eine Deflationspolitik ein, um die Wiederherstellung der Goldwährung vorzubereiten. Mitten in der Krise kehrte der Yen 1930 zur alten Parität zum Gold zurück. Schon ein Jahr später wurde aber die Goldwährung 1931 nach einer heftigen Währungskrise suspendiert, eine Devisenbewirtschaftung eingeführt und der Yen stark abgewertet. Die Abwertung des Yen leitete eine Exportoffensive der japanischen Industrie ein. Gleichzeitig begann mit dem Angriff auf die Mandschurei (1931) der lange ostasiatische Krieg, der 1937 mit dem Angriff auf das chinesische Kernland eskalierte und 1941 in den Zweiten Weltkrieg überging. Die "Showa Depression" von 1929-32 schlug sich vor allem in einem starken Preisrückgang nieder. Die gesamtwirtschaftliche Produktion und Beschäftigung blieben relativ stabil. Das reale Bruttoinlandsprodukt je Einwohner wird 1932 auf 97 Prozent des Niveaus von 1929 geschätzt. Offiziell wurden 1932 nur 489.000 Arbeitslose registriert; das entsprach einer Arbeitslosenquote von 4 Prozent der nicht-landwirtschaftlichen Erwerbspersonen. Viele Arbeitslose außerhalb der großen Industriezentren wurden allerdings nicht erfaßt (Nakamura 1998:73; Ohkawa/Rosovsky 1973:310). Die Hauptlast der Krise trugen die Kleinbauern, deren Einkommen durch den Preisverfall für landwirtschaftliche Produkte stark zurückgingen.
Die USA waren in der Weltwirtschaftskrise von 1919-39 eine zögernde Führungsmacht. Sie nahmen auf dem Weltmarkt eine dominierende Position ein, ohne daß Unternehmer, Staat und Arbeiterschaft ihre Interessen mit der Stabilität der Weltwirtschaft identifiziert hätten. Angesichts der verhältnismäßig geringen Außenhandelsverflechtung der amerikanischen Wirtschaft herrschte nach wie vor die Auffassung, daß der nationale Markt im Grunde unabhängig vom Weltmarkt war. Die Wirtschaftspolitik nahm daher auf die internationalen Konsequenzen wenig Rücksicht (Kindleberger 1973). Trotz ihrer anhaltenden Exportüberschüsse führten die USA 1930 den extrem protektionistischen Smoot-Hawley Zolltarif ein und trugen damit wesentlich zum Niedergang der multilateralen Weltwirtschaft bei. 1933 lösten die USA den Dollar vom Gold, um ihn 1934 bei einer wesentlich niedrigeren Parität zu stabilisieren. Der "Reciprocal Trade Agreements Act" von 1934 ermächtigte die Regierung, aus der Position der Stärke, die durch den Schutzzoll von 1930 aufgebaut worden war, bilaterale Abkommen zum Abbau der Zollschranken abzuschließen. Viele Länder versuchten, dem Beispiel der USA folgend, die Arbeitsmarktkrise mit Zollerhöhungen und kompetitiven Abwertungen auf ihre Nachbarn abzuwälzen. Der Zusammenbruch des internationalen Währungssystems, die Krise der Kapitalmärkte und der starke Rückgang des Welthandels verschärften die Krise. Der Weltmarkt zerfiel in regionale Subsysteme wie den Dollar-Raum, den Sterling-Raum, den Goldblock und den Yen-Raum.
Die Weltwirtschaftskrise von 1929-39 erschütterte das Vertrauen in das kapitalistische System. Die sozialistische Bewegung gewann in vielen Ländern an Einfluß. Ein junger Arbeitsloser aus Marienthal, der nach seinen Zukunftsaussichten gefragt wurde, meinte: "In der heutigen Gesellschaftsordnung stelle ich mir meine Zukunft folgend vor: In der heutigen Weltwirtschaftskrise, wo der Kapitalismus in allen Fugen und Ecken kracht, kann es nicht mehr lange dauern, um das Joch der kapitalistischen Reaktion abzuschütteln. Ich glaube, der Kapitalismus muß demnächst ganz zusammenbrechen und den Weg des Sozialismus ebnen. Und es wäre mir mein größtes Vergnügen, dann beim Aufbau des Sozialismus mitarbeiten zu können." (Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel 1975:79-80) An Einfluß gewann aber auch der Faschismus, der sich antikapitalistisch gab und eine neue, pseudoständische soziale Ordnung propagierte. Der italienische Faschismus radikalisierte sich, neue faschistische Systeme wurden 1933 in Deutschland und 1934 in Österreich etabliert, in Japan entstand ein aggressiver Nationalismus, der deutliche Parallelen zum europäischen Faschismus aufwies. Durch ihre Aggressionspolitik wurden die faschistischen Regime nicht nur zu einer ideologischen, sondern auch zu einer politischen Bedrohung für die internationale Ordnung. Sie übertrugen ihre Modelle autoritärer Herrschaft vom Nationalstaat auf den Weltmarkt. Das Deutsche Reich strebte im Zweiten Weltkrieg die Herrschaft über einen europäischen Wirtschaftsraum an. Japan propagierte 1940 die "daitoa kyoeiken", die "Groß-Ostasiatische Wohlstandssphäre". Nach dem Beginn des Pazifischen Krieges versuchte die japanische Regierung, mit dem Versprechen einer künftigen Unabhängigkeit und wirtschaftlichen Zusammenarbeit Verbündete gegen die Alliierten zu gewinnen. 1943 wurden Repräsentanten aus den von Japan besetzten Gebieten nach Tokyo eingeladen, um die "Groß-Ostasiatische Wohlstandssphäre" zu gründen (Nakamura 1998:208-210).
In den liberalen Demokratien führte der soziale Druck zu einer Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. In den USA, die in den zwanziger Jahren von der europäischen Idee der sozialen Demokratie unberührt geblieben waren, begründete der "New Deal" einen modernen Organisierten Kapitalismus, der auf der Kooperation von Unternehmern, Staat und Arbeiterschaft beruhte. Wichtige Aspekte des neuen Modells waren die Anerkennung der Gewerkschaften und der gesetzliche Schutz kollektiver Tarifverträge durch den "National Labor Relations Act" von 1935, der Ausbau der sozialen Sicherheit durch den "Social Security Act" von 1935, mit dem insbesondere eine Rentenversicherung, eine Arbeitslosenversicherung und eine begrenzte Sozialhilfe für einzelne Bevölkerungsgruppen eingeführt wurde, und eine aktive Wirtschaftspolitik des Staates, auch wenn die fiskalpolitische Orthodoxie einer wirksamen Konjunkturpolitik im Wege stand. Auch in Europa, etwa in Großbritannien und den skandinavischen Ländern, wurden als Reaktion auf die Krise die wirtschafts- und sozialpolitischen Elemente des Organisierten Kapitalismus ausgebaut. Gegen die Herausforderung der faschistischen Regime beschlossen Großbritannien und die USA im August 1941 die Atlantik-Charta. Nach dem Krieg sollte eine offene Weltwirtschaft wiederaufgebaut werden, in der alle Nationen zusammenarbeiten würden.
In den dreißiger Jahren war das Modell eines reformierten Organisierten Kapitalismus, der auf einer Synthese von wirtschaftlichem Wachstum, aktiver Wirtschaftspolitik und modernem Sozialstaat beruhen sollte, noch an den wirtschaftlichen Problemen der Zeit gescheitert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses Modell jedoch im Zentrum der Weltwirtschaft zur Grundlage eines anhaltenden Aufschwungs. Die Weltwirtschaftskrise von 1929-39 hatte die wirtschaftliche Dynamik der industriellen Gesellschaften zwar gebremst, aber keineswegs aufgehoben. Im Anschluß an Herman van der Wee kann man drei Varianten der gemischten Wirtschaftsordnung unterscheiden, das neoliberale Modell in den USA und der Bundesrepublik Deutschland, die kapitalistische Rahmenplanung in Frankreich, Großbritannien, Italien und auch in Japan, und das sozialpartnerschaftliche Modell in Belgien, Dänemark, den Niederlanden, Österreich und Schweden (van der Wee 1984:317-354). Gemeinsam war den drei Varianten der neue Kompromiß zwischen Kapital und Arbeit, der in Europa durch sozialdemokratische und christlich-soziale Traditionen, in den USA durch die Wirtschafts- und Sozialpolitik des "New Deal" geprägt war. Als sich die traditionelle "American Federation of Labor" und der 1935 gegründete "Congress of Industrial Organization" 1955 zusammenschlossen, waren die Gewerkschaften in den USA auf dem Höhepunkt ihres Einflusses. Sie hatten 17 Millionen Mitglieder, der Organisationsgrad betrug 25 Prozent der Arbeitnehmer (Walton/Rockoff 1990:647).
Der Sozialstaat hat durch den Ausgleich zwischen den divergierenden Klasseninteressen zu einer störungsfreien wirtschaftlichen Entwicklung beigetragen, hing aber auch von der regelmäßigen Zunahme des Sozialprodukts ab. Eine keynesianische Wirtschaftspolitik, in den USA im "Employment Act" von 1946, in der Bundesrepublik im Stabilitätsgesetz von 1967 festgelegt, aber auch in vielen anderen Ländern verankert, sollte die Gewähr für ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht von Beschäftigung, Preisstabilität, ausgeglichener Leistungsbilanz und wirtschaftlichem Wachstum leisten. Der Wiederaufbau ging in allen Industrieländern ohne Bruch in ein wirtschaftliches Wachstum über, das alle historischen Erfahrungen übertraf. In dem "Goldenen Zeitalter" von 1950 bis 1973 nahm das reale Bruttoinlandsprodukt je Einwohner in den USA um 2,4 Prozent im Jahr zu, in Westeuropa um 3,3 Prozent, in Japan um 8,0 Prozent (Maddison 1995:23-24). Die Grundlagen des Wachstums waren das Bevölkerungswachstum, hohe Investitionen, der technische Fortschritt und die stetige Expansion des Weltmarktes, mit den Vorteilen der zunehmenden Arbeitsteilung, der Spezialisierung und der "economies of scale". Die weitgehend störungsfreie Entwicklung der Weltwirtschaft und die zunehmende Verflechtung der nationalen Märkte durch Waren- und Dienstleistungshandel, internationale Kapitalbewegungen und Direktinvestitionen erleichterten es den westeuropäischen Ländern und Japan, den Produktivitätsrückstand gegenüber den USA durch die Übernahme moderner Technologien aufzuholen (Crafts/Toniolo 1996). Das wirtschaftliche Wachstum des "Goldenen Zeitalters" schlug sich in steigenden Reallöhnen nieder. In den USA stieg der Stundenlohn im Zeitraum 1959-73 real um 1,8 Prozent jährlich. 1973 betrug der durchschnittliche Stundenlohn in der Privatwirtschaft 3,94 Dollar, der Monatslohn 630 Dollar. Damit hatten amerikanische ArbeitnehmerInnen im internationalen Vergleich eine führende Position inne (Economic Report 1998:336).
Obwohl auch die USA im "Goldenen Zeitalter" im langfristigen historischen Vergleich ein starkes Wirtschaftswachstum aufwiesen, waren die Wachstumsraten in Westeuropa und in Japan deutlich höher. Das Produktivitätsgefälle zwischen den USA und dem Rest des weltwirtschaftlichen Zentrums schrumpfte allmählich. Die Angleichung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit machte es möglich, daß die westeuropäischen Staaten und Japan sich zum Dollarraum öffnen und ihre Währungen konvertierbar gestalten konnten. Ende der sechziger Jahre begann der Abbau der amerikanischen Überlegenheit jedoch, die Stabilität des internationalen Währungssystems zu gefährden. Das Währungssystem von Bretton Woods, ein Regime freier Konvertibilität und fester Wechselkurse mit dem Dollar als internationaler Reservewährung, brach 1973 zusammen und wurde durch ein System flexibler Wechselkurse abgelöst (van der Wee 1984).

Kenosha

Die Autofabrik von Chrysler in Kenosha, im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin, war eine der ältesten Fabriken ihrer Branche in den USA. Ursprünglich eine Fahrradfabrik, nahm der Betrieb 1902 die Autoproduktion auf. Später wurde der Betrieb von der American Motors Corporation übernommen. AMC war der wichtigste Arbeitgeber des Ortes, ohne allerdings eine Monopolstellung wie die Textilfabrik von Marienthal zu haben. 1987 kam AMC, und damit auch die Fabrik in Kenosha, an Chrysler. Schon ein Jahr später kündigte Chrysler die Stillegung des Werkes an. Trotz massiver Proteste der Gewerkschaft, der Stadtverwaltung, des County und auch des Gouverneurs von Wisconsin blieb Chrysler bei der Entscheidung, Ende 1988 rollte in Kenosha das letzte Auto vom Band. 5.500 Beschäftigte, die Hälfte der Industriearbeiterschaft der Stadt, wurden arbeitslos. Ein bescheidener Sozialplan des Unternehmens, die vorgezogene Pensionierung älterer Arbeiter, die öffentliche Arbeitsvermittlung und ein Umschulungsprogramm sollten die sozialen Folgen der Betriebsstillegung auffangen. Trotzdem waren nach zwei Jahren immer noch 3.000 gekündigte Autowerker ohne Beschäftigung. Einkommen, Kaufkraft und Steuereinnahmen gingen zurück. Aber Kenosha wurde kein Marienthal. In den neunziger Jahren entwickelte sich der industrielle Niedergang zum Ausgangspunkt eines tertiären Wandels. Dienstleistungsunternehmen entdeckten Kenosha und sein Arbeitskräftepotential, Pendler aus den nahen Großstädten Chicago und Milwaukee wurden durch die niedrigen Grundstückspreise angezogen, und wo vormals die Silhouette der Autofabrik die Uferfront beherrscht hatte, entstand ein Yachthafen. Während die Industriearbeiter eine wesentlich niedriger bezahlte Arbeit in den Dienstleistungsbetrieben fanden oder abwanderten, nutzten neue Bürger die Dynamik des tertiären Sektors. Für konservative Kommentatoren war Kenosha ein Beispiel erfolgreichen Strukturwandels, Kritiker sahen dagegen in Kenosha einen weiteren Schritt zur Polarisierung der Gesellschaft (Moore 1996).
Der Hintergrund für die Krise in Kenosha war nicht ein dramatischer Einbruch der Produktion, wie man ihn in der Weltwirtschaftskrise von 1929-39 erlebt hatte, sondern ein nachlassendes Wachstumstempo, das zunächst nicht als bedrohlich wahrgenommen wurde. Seit der Krise von 1973-74 ging das wirtschaftliche Wachstum zurück. Von 1973 bis 1992 betrug die durchschnittliche Wachstumsrate des realen Bruttoinlandsprodukts je Einwohner in den USA nur noch 1,2 Prozent, in Westeuropa 2,1 Prozent, in Japan 3,0 Prozent (Maddison 1995:23-24). Mehrere Faktoren haben zur Verlangsamung des wirtschaftlichen Wachstums beigetragen. In vielen Ländern des Zentrums nahm die Bevölkerung nur noch geringfügig zu oder stagnierte. Wichtige Märkte, etwa für Lebensmittel und Textilien, zeigten Sättigungstendenzen, und auf der Angebotsseite verschlechterten sich die Akkumulationsbedingungen, da bei stagnierender Beschäftigung und steigender Kapitalintensität die Kapitalrendite zurückging. Vor allem aber scheint der Übergang von der industriellen zur postindustriellen Ökonomie das wirtschaftliche Wachstum gebremst zu haben. Aus den Industriegesellschaften der fünfziger Jahre wurden seit den siebziger Jahren postindustrielle Dienstleistungsgesellschaften. 1994 waren in den Mitgliedsländern der OECD im Durchschnitt 64 Prozent aller Beschäftigten im tertiären Sektor tätig. In den USA war die Tertiärisierung der Wirtschaft mit einem Anteil von 73 Prozent an der Gesamtbeschäftigung besonders weit fortgeschritten. In der Europäischen Union betrug der Anteil des Tertiären Sektors im Durchschnitt, wie in der OECD insgesamt, 64 Prozent, mit Unterschieden zwischen den Ländern. In Großbritannien etwa lag der Anteil des Tertiären Sektors über dem Durchschnitt, in Deutschland mit 59 Prozent und in Österreich mit 60 Prozent etwas unter dem Durchschnitt. In Japan entsprach die Tertiärisierung mit einem Anteil von 60 Prozent an der Gesamtbeschäftigung ungefähr den europäischen Verhältnissen (OECD 1996:191).
Mit der Abschwächung des Trends nahm auch die Divergenz der Wachstumsraten zwischen den verschiedenen Ländern und Regionen des Zentrums ab. Der "catching up" Effekt, der das wirtschaftliche Wachstum in Westeuropa und Japan begünstigte, ließ dadurch nach. Die Möglichkeiten eines kostensparenden Technologietransfers gingen zurück; alle Volkswirtschaften waren in gleicher Weise an dem Aufwand für Forschung und Entwicklung beteiligt. Auch dies mußte die Rentabilität von Investitionen mindern. Allerdings blieb das Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens in den USA nach wie vor hinter Westeuropa und Japan zurück. Das Produktivitätsgefälle und damit auch das Einkommensgefälle zwischen den USA und dem Rest des Zentrums wurde weiter angeglichen.
Im langfristigen historischen Vergleich waren die Wachstumsraten seit den siebziger Jahren keineswegs niedrig. Der Übergang von den exzeptionellen Wachstumsraten des "Goldenen Zeitalters" zu einem mäßigeren Wirtschaftswachstum kann deshalb durchaus als eine Normalisierung interpretiert werden, mit der die Länder im Zentrum der Weltwirtschaft auf einen langfristigen Entwicklungspfad einschwenkten. Die moderate Expansion reichte jedoch nicht mehr aus, um die Vollbeschäftigung aufrechtzuerhalten. Die ständige Steigerung der Arbeitsproduktivität, die durch die zunehmende Konkurrenz auf dem Weltmarkt gefördert und auch geradezu erzwungen wurde, war eine der Grundlagen des "goldenen Zeitalters" gewesen. Bei nachlassendem wirtschaftlichen Wachstum wurde der anhaltende Produktivitätsfortschritt aber zu einer Belastung für die nationalen Arbeitsmärkte. ArbeiterInnen und Angestellte, die als Folge der Rationalisierungsprogramme entlassen wurden, konnten nicht mehr damit rechnen, in expandierenden Branchen neue Arbeitsplätze zu finden. Dies führte zu einem Szenario, das als "relative Stagnation" bezeichnet werden kann. Da die Produktivität schneller zunahm als die gesamtwirtschaftliche Produktion, kam es zu einem wachsenden Heer von Arbeitslosen (Tomann 1997:46). Während die Massenarbeitslosigkeit in der Weltwirtschaftskrise von 1929-39 durch den Rückgang der Produktion hervorgerufen wurde, breitete sich die Massenarbeitslosigkeit in der Globalisierungskrise bei einem steigenden Sozialprodukt aus.
Da die neue Arbeitslosigkeit der Globalisierungskrise im Unterschied zu der Weltwirtschaftskrise von 1929-39 mit einem steigenden Sozialprodukt verbunden war, konnte die Sozialpolitik für eine bessere Unterstützung der Arbeitslosen sorgen. Die absolute Armut wurde begrenzt, obwohl Arbeitslosigkeit immer noch eine Verarmung bedeutete. Trotz der ungleich besseren materiellen Situation brachte die neue Arbeitslosigkeit in der Globalisierungskrise aber psychische Probleme mit sich, die an die alte Arbeitslosigkeit der dreißiger Jahre erinnerten. Auch die neue Arbeitslosigkeit bedeutete eine soziale Reduzierung, wie Marie Jahoda bei einem Vergleich feststellte, weil Arbeit wichtige soziale Erfahrungen vermittelte wie "die Auferlegung einer festen Zeitstruktur, die Ausweitung der Bandbreite sozialer Erfahrungen in Bereiche hinein, die weniger stark besetzt sind als das Familienleben, die Teilnahme an kollektiven Zielsetzungen oder Anstrengungen, die Zuweisung von Status und Identität durch die Erwerbstätigkeit und die verlangte regelmäßige Tätigkeit" (Jahoda 1983:99).
Die Arbeitsmarktkrise überzog alle Volkswirtschaften im Zentrum der Weltwirtschaft, allerdings mit Unterschieden zwischen den einzelnen Regionen und Ländern. 1990 betrug die Arbeitslosenquote im Durchschnitt aller damaligen OECD-Mitgliedsländer 6 Prozent. In den USA entsprach die Quote mit 6 Prozent dem Durchschnitt, in der Europäischen Union lag sie mit 8 Prozent höher, in Japan mit 2 Prozent deutlich niedriger (OECD 1992:148). In den neunziger Jahren ging die Entwicklung weiter auseinander, wie die eingangs referierten Daten zur Arbeitsmarktkrise zeigen. Während die Arbeitslosenquote in den USA zurückging, stieg sie in der Europäischen Union dramatisch an. Die japanische Wirtschaft wies in den neunziger Jahren zwar immer noch eine vergleichsweise günstige Beschäftigungssituation auf, hat aber seit der Asienkrise von 1997-98 viel von ihrer früheren Reputation verloren. Bei internationalen Vergleichen wird daher vor allem die divergierende Entwicklung zwischen der amerikanischen Beschäftigungsökonomie und der europäischen Produktivitätsökonomie behandelt.
In den USA war der Übergang von der Industriegesellschaft zur postindustriellen Gesellschaft mit einem Abschied vom "New Deal" Kompromiß zwischen Unternehmern, Staat und organisierter Arbeiterschaft verbunden. Die gewerkschaftliche Orientierung der Arbeiter und Angestellten ging stark zurück. 1997 waren nur noch 14 Prozent aller Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert. Schwerpunkte der gewerkschaftlichen Aktivität waren die industriellen Großbetriebe und der öffentliche Dienst. Zwischen diesen traditionell aktiven Bereichen gab es jedoch gerade in den expandierenden Branchen ein weites gewerkschaftliches Niemandsland. In der Privatwirtschaft war der Organisationsgrad im Durchschnitt auf 10 Prozent gesunken (Statistical Abstract 1998:444). Die Gewerkschaften verloren damit allmählich ihre Funktion als Interessenvertretung der ArbeitnehmerInnen. Die Entwicklung der postindustriellen Gesellschaft führte zu einer Erosion der kollektiven Tarifverträge und einer neuen Individualisierung der Arbeitsbeziehungen.
Parallel zur Individualisierung der Arbeitsbeziehungen zog sich der Staat aus dem "New Deal" Kompromiß zurück. Die individuelle Verantwortung sollte gestärkt, die staatliche Intervention durch Regulierung und Umverteilung reduziert werden. Die ersten Reaktionen der amerikanischen Wirtschaftspolitik auf die Arbeitsmarktkrise, unter den Präsidenten Gerald Ford 1974-77 und Jimmy Carter 1977-81, waren nicht ermutigend. Gegen Ende der Amtszeit Carters zeigte die amerikanische Volkswirtschaft mit einer hohen Arbeitslosenquote und zweistelligen Inflationsraten alle Symptome einer Stagflation. Zusammen mit der politischen Ohnmacht, die 1980 in dem Geiseldrama von Teheran zum Ausdruck kam, verdichteten sich die wirtschaftlichen Probleme zu dem Eindruck, daß die Globalisierungskrise auch, und vor allem, eine Krise der weltwirtschaftlichen Führungsmacht war. Die Stagflation wurde weithin als Krise des Keynesianismus interpretiert und begünstigte einen ideologischen Kurswechsel zu einer neoliberalen Politik. Schon Präsident Carter leitete mit der Deregulierung des Luftverkehrs eine vorsichtige wirtschaftspolitische Wende ein (Norton 1991:192-212). In den republikanischen Jahren von 1981 bis 1993 kam es dann zu einer umfassenen Neuorientierung der Wirtschafts- und Sozialpolitik.
Präsident Ronald REIAan versprach 1981 in seinem "Program for Economic Recovery" eine angebotsorientierte Politik, die durch Senkung der Steuern, einen Ausgleich des Budgets und eine allgemeine Deregulierung der Wirtschaft einen Aufschwung herbeiführen sollte. Gleichzeitig sollte ein massives Aufrüstungsprogramm die politische Hegemonie der USA stärken (REIAan 1981). Das Programm ist in wesentlichen Punkten gescheitert. Die Verbindung von Steuersenkung und Aufrüstung führte zu großen Defiziten im Haushalt. Die Inflation war gegenüber den wilden siebziger Jahren etwas abgeschwächt, aber immer noch zu hoch. Die öffentliche Kreditaufnahme ließ das Zinsniveau steigen. Dieser Trend wurde noch verstärkt durch die Politik des "Federal Reserve Board" unter seinem Chairman Paul Volcker, das auf die Defizitpolitik der Regierung mit einer restriktiven Währungspolitik rEIAierte, um die Inflation zu bremsen. Das steigende Zinsniveau zog massive Kapitalimporte an und trug zu dem wachsenden Defizit der Handelsbilanz bei. Die Wirtschaftspolitik endete daher mit den bekannten "twin deficits" im Haushalt und in der Handelsbilanz. Erstmals seit 1914 verwandelten sich die USA von einem internationalen Gläubigerland wieder zu einem Schuldnerland. Nachdem die Haushaltsdefizite auf Kritik stießen und der Kongress die Regierung zu einem Ausgleich des Bundeshaushalts aufforderte, versuchte REIAan 1986, mit einer neuen Steuerreform den Fehler von 1981 zu korrigieren. Dabei wurden einerseits die Steuersätze der Einkommens- und Körperschaftssteuer weiter gesenkt, andererseits wurde aber die Steuerbasis durch die Abschaffung vieler indirekter Subventionen verbreitert. Die Notenbank, seit 1987 von Alan Greenspan als Vorsitzendem des "Federal Reserve Board" geleitet, brachte allmählich die Inflation unter Kontrolle. Ende der achtziger Jahre trat in der zeitweilig recht chaotischen amerikanischen Wirtschaftspolitik eine Konsolidierung ein (Campagna 1994).
Hinter den Turbulenzen der "REIAanomics" zeichnete sich in den achtziger Jahren ein Strukturwandel der wirtschaftlichen Entwicklung ab. Die amerikanische Wirtschaft nahm Abschied vom "Goldenen Zeitalter" und schwenkte, nach einer Formulierung von Lawrence Mishel, auf einen "low-wage path" mit mäßigem Produktivitätsanstieg und stagnierenden Reallöhnen ein (Mishel 1995). Das große Produktivitätsgefälle, das Anfang der fünfziger Jahre zwischen den USA und dem Rest der Welt bestand, wurde im "Goldenen Zeitalter" von 1950-73 durch das rasche wirtschaftliche Wachstum in Westeuropa und in Japan weitgehend ausgeglichen. Im Zeitraum von 1973-90 stieg die Produktivität je Arbeitsstunde in den USA im Durchschnitt um 1,2 Prozent jährlich, langsamer als in vielen anderen Ländern. Der vergleichsweise langsame Produktivitätsanstieg wurde in den USA zeitweilig als eine Gefahr für die internationale Wettbewerbsfähigkeit kritisiert, die sich etwa auch in dem anhaltenden Handelsdefizit niederschlug. Andererseits erleichterten die relativ niedrigen Produktivitätssteigerungen aber die Integration eines zunehmenden Arbeitskräfteangebots durch wirtschaftliches Wachstum, da für jede zusätzliche Scheibe des Bruttosozialprodukts zahlreiche Werktätige gebraucht wurden. Die Arbeitslosigkeit stieg 1982 auf 10 Prozent, ging dann aber bis 1990 auf 6 Prozent zurück (Statistical Abstract 1998:403). Die Arbeiterschaft, durch den Niedergang der Gewerkschaften in ihrer Verhandlungsposition geschwächt, konnte die Löhne nicht an die Inflation anpassen. Der reale Stundenlohn blieb in den siebziger Jahren mit geringen Fluktuationen stabil, ging dann aber in den achtziger Jahren durch die hohen Inflationsraten zurück. Durch die Konstellation von wirtschaftlichem Wachstum und sinkenden Reallöhnen öffnete sich in den achtziger Jahren eine weite Schere zwischen Gewinnen und Löhnen. Der Anteil der Kapitaleinkommen am Volkseinkommen stieg an, zu Lasten der Löhne und Gehälter (Bernstein/Mishel 1995).
REIAan gelang es, den Rückgang der Arbeitslosigkeit und die Zähmung der Inflation als einen Erfolg seiner Wirtschaftspolitik darzustellen. Das mag zu den vier weiteren republikanischen Jahren unter Präsident George Bush beigetragen haben. Aber die Rezession von 1990-92 enttäuschte die Erwartungen, die Steuern wurden erhöht und die Arbeitslosigkeit stieg 1992 wieder auf 8 Prozent an. Der "low-wage path" forderte Opfer. Bill Clinton kritisierte 1992 in seinem Wahlkampf die ungerechte Einkommensverteilung, die "forgotten middle class" und die "working poor" als Opfer von zwölf Jahren republikanischer Politik (Clinton 1992). Die Wähler entschieden, daß die Zeit für einen Wandel der Wirtschaftspolitik gekommen war.
Nach seinem Amtsantritt versprach Clinton 1993 eine Wende der Wirtschaftspolitik. Das Zukunftsprogramm "A Vision of Change for America" sah eine pragmatische Wirtschaftspolitik vor, die sowohl keynesianische, als auch neoliberale Elemente enthielt. Einerseits sollten private Investitionen gefördert und öffentliche Programme für Infrastruktur, Bildung, Technologie, Gesundheitsversorgung und Beschäftigungspolitik aufgelegt werden, andererseits sollte aber auch das Haushaltsdefizit verringert werden, um die Wirtschaft zu entlasten (Clinton 1993). Im Grunde war die wirtschaftspolitische Wende nicht so dramatisch, wie das Programm vermuten lassen könnte. Die Konsolidierung des Bundeshaushalts war schon unter REIAan und Bush eingeleitet worden. Hinzu kam, daß nach dem Ende des Kalten Krieges die Militärausgaben gekürzt wurden. Die "Friedensdividende" trug dazu bei, die Expansion der Staatsausgaben zu bremsen. Die Steuerquote war in den USA wesentlich niedriger als in den meisten europäischen Ländern und nur wenig höher als in Japan. Steuern und Sozialversicherungsbeiträge machten 1997 in den USA 30 Prozent, in Japan 28 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus (Bertelsmann Stiftung 1998:225). Die Notenbank unterstützte den Aufschwung mit einer expansiven Währungspolitik.
Nach dem unklaren Ausgang der zwölf republikanischen Jahre erlebte die amerikanische Wirtschaft seit 1993 eine viel beachtete Revitalisierung. Hohe Gewinne und ein niedriges reales Zinsniveau begünstigten die Investitionen und das wirtschaftliche Wachstum. Der rückläufige Trend des Wirtschaftswachstums wurde aufgehalten. Von 1992 bis 1997 nahm das reale Bruttoinlandsprodukt der USA um 2,9 Prozent jährlich zu, das reale Bruttoinlandsprodukt je Einwohner um 1,8 Prozent jährlich (Statistical Abstract 1998:9, 451). Die Beschleunigung des Wirtschaftswachstums schuf zahlreiche neue Arbeitsplätze, so daß die Arbeitsmarktkrise wenn nicht überwunden, so doch gemildert wurde. Die Arbeitslosenquote ging seit 1993 stetig zurück und hatte 1997 mit 4,9 Prozent der Erwerbspersonen die psychologisch wichtige Fünfprozentklausel unterschritten (Statistical Abstract 1998:404). Der Anstieg der Konsumentenpreise erreichte 1990 mit 5,4 Prozent einen Höhepunkt, ging aber bis 1997 auf 2,3 Prozent zurück (Statistical Abstract 1998:489).
Die Handelsbilanz der USA wies seit den achtziger Jahren regelmäßig einen Importüberschuß auf. Unter Präsident REIAan sorgten die "twin deficits" im Bundeshaushalt und in der Handelsbilanz zeitweilig für heftige wirtschaftspolitische Diskussionen. In den neunziger Jahren erregte das Außenhandelsdefizit aber weniger Aufsehen. Zum einen sah man in Anbetracht des hohen Beschäftigungsstandes keine Gefahr für die amerikanischen Arbeitsplätze. Zum anderen wurde das Handelsdefizit geräuschlos durch Kapitalimporte ausgeglichen (Statistical Abstract 1998:787). Als Stabilitätsinsel in einer turbulenten Weltwirtschaft wurden die USA trotz niedriger Realzinsen für ausländisches Kapital interessant. Die Aussichten für ein anhaltendes Wirtschaftswachstum mit hoher Beschäftigung und niedriger Inflation werden weiterhin als günstig eingeschätzt.
Die neunziger Jahre werden manchmal schon als neue "Prosperität" begrüßt (Economic Report 1998:19). Allerdings war die Grundlage der amerikanischen Beschäftigungsökonomie nach wie vor der "low-wage path", der in den achtziger Jahren eingeschlagen worden war. Die Produktivität je Arbeitsstunde stieg im Zeitraum von 1990-96 um 1,0 Prozent jährlich, etwas langsamer als in den Jahren zuvor (Economic Report 1998:338). Der geringe Produktivitätsanstieg trug dazu bei, daß sich das wirtschaftliche Wachstum zügig in neue Arbeitsplätze umsetzte. Von 1970 bis 1996 kam in den USA auf eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts um 1 Prozent eine Zunahme der Erwerbstätigenzahl von 0,66 Prozent, während etwa in Deutschland bei einem Wirtschaftswachstum um 1EProzent die Beschäftigung nur um 0,07 Prozent zunahm (Ochel 1998:22). Während in Europa die Arbeitsmarktkrise eskalierte, wurden in den USA im Zeitraum von 1990-97 insgesamt 10 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen (Statistical Abstract 1998:403). Das niedrige Produktivitätswachstum hing mit den Besonderheiten des amerikanischen Marktes zusammen. Da die Reallöhne stagnierten, unterlagen amerikanische Unternehmen im Durchschnitt nicht dem gleichen Rationalisierungsdruck wie Betriebe in Westeuropa oder Japan. Außerdem genoß die amerikanische Wirtschaft durch den großen Binnenmarkt und die weit fortgeschrittene Tertiärisierung einen gewissen Schutz gegenüber dem internationalen Wettbewerb. Zwischen den am Weltmarkt orientierten Unternehmen, insbesondere den großen Konzernen, und anderen Unternehmen, die sich auf den weniger kompetitiven Binnenmarkt konzentrieren, gab es ein erhebliches Produktivitätsgefälle, das sich auch in einer relativ breiten Lohndifferenzierung auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt niederschlug.
Der Entwicklungspfad der amerikanischen Beschäftigungsökonomie verlangte von den Arbeitern erhebliche Stabilitätsopfer (Bertelsmann Stiftung 1998; Mester/van Suntum 1998). Der Rückgang der Reallöhne wurde in den neunziger Jahren aufgehalten, da die Arbeitslosigkeit abnahm und Arbeitskräfte allmählich knapp wurden. Im Trend lagen die Reallöhne in den neunziger Jahren aber immer noch unter dem Niveau der späten siebziger Jahre. 1997 betrug der Stundenlohn 12,26 Dollar, der Monatslohn 1838 Dollar. Das bedeutete gegenüber dem Stand von 1979 einen erheblichen nominalen Anstieg, der aber vollständig durch die Inflation aufgezehrt wurde. Der reale Stundenlohn lag 1997 um 8 Prozent unter dem Niveau von 1979, der Monatslohn war durch die Verkürzung der Arbeitszeit sogar um 11 Prozent zurückgegangen. Die Produktivität je Arbeitsstunde lag dagegen 1996 um 21 Prozent über dem Niveau von 1979 (Economic Report 1998:336-338).
Besonders die ungelernten Arbeitskräfte waren von der Stagnation der Reallöhne betroffen. Neben den Branchenunterschieden und regionalen Besonderheiten wirkten sich auch Qualifikationsunterschiede auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt stärker aus als in anderen Ländern. Da die Bedeutung der kollektiven Tarifverträge zurückging, hing das individuelle Einkommen erheblich von der persönlichen Qualifikation ab. Während Fachkräfte relativ gut bezahlt wurden, lagen viele ungelernte Arbeiter in den späten neunziger Jahren mit ihrem Einkommen bei dem gesetzlichen Mindestlohn von 5,15 Dollar (Statistical Abstract 1998:438). Kenosha, mit der Transformation von industriellen Arbeitsplätzen in schlechter bezahlte Beschäftigung im Dienstleistungssektor, war überall.

Traditionen und Optionen

Die europäischen Länder vertrauten im Unterschied zu den USA auch im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert darauf, die Globalisierungs- und Arbeitsmarktkrise im Rahmen des tradierten Organisierten Kapitalismus, mit seiner Synthese von wirtschaftlichem Wachstum und wirtschafts- und sozialpolitischer Intervention, zu überwinden. Daß die Entwicklung von der industriellen zur postindustriellen Gesellschaft die institutionellen Grundlagen dieses Modells bedroht, ist auch in Europa nicht auszuschließen. In Frankreich, dem Land, das den Sozialismus erfunden hat, lag der gewerkschaftliche Organisationsgrad 1994 mit 9 Prozent noch unter dem amerikanischen Niveau. Im allgemeinen waren die europäischen ArbeiterInnen und Angestellten jedoch wesentlich stärker gewerkschaftlich orientiert als ihre amerikanischen KollegInnen. In Deutschland betrug der Organisationsgrad 1994 29 Prozent, in Österreich 42 Prozent und in den skandinavischen Länder war er noch wesentlich höher (OECD 1997:71). Das europäische Modell beruhte nach wie vor auf den Prämissen eines stetigen Produktivitätsfortschritts und einer Teilhabe der Arbeiterschaft am wirtschaftlichen Wachstum durch steigende Reallöhne und staatliche Umverteilung. Die Umverteilung durch Steuern und Sozialabgaben war in den meisten westeuropäischen Ländern im internationalen Vergleich hoch und konnte nach herrschender Auffassung nur durch ein angemessenes wirtschaftliches Wachstum finanziert werden. 1995 betrug die Steuer- und Sozialabgabenquote in Dänemark 51 Prozent, in Schweden 50 Prozent, in Deutschland und in Frankreich jeweils 43 Prozent, in Österreich 42 Prozent und in Großbritannien 34 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (Bertelsmann Stiftung 1998:225). Neben diesen strukturellen Divergenzen gab es transatlantische Unterschiede in den wirtschaftspolitischen Prioritäten. Während die USA in den neunziger Jahren eine pragmatische Wirtschaftspolitik einschlugen, die der Überwindung der Arbeitsmarktkrise erhebliche Bedeutung zuerkannte, orientierten sich die Europäer exklusiv an der Währungsstabilität, eine Haltung, die durch den Maastricht-Vertrag von 1992 und den Weg zur Europäischen Währungsunion noch verstärkt wurde.
Das moderate Wirtschaftswachstum erlaubte zwar einen Anstieg der Realeinkommen, wies aber keinen Ausweg aus der Arbeitsmarktkrise. Die europäischen Volkswirtschaften verharrten im Zustand der relativen Stagnation. Das wirtschaftliche Wachstum reichte auch in den neunziger Jahren nicht aus, um die Arbeitnehmer, die bei den Rationalisierungsprogrammen ihren Arbeitsplatz verloren hatten, an anderer Stelle wieder in den Arbeitsprozeß zu integrieren. Die Produktivitätsökonomie europäischen Typs bot, im Unterschied zur amerikanischen Beschäftigungsökonomie, wenig Ausweichmöglichkeiten vor dem Wettbewerbsdruck. In der Bundesrepublik Deutschland etwa stieg die Arbeitsproduktivität, bezogen auf die Beschäftigten, im Zeitraum von 1991-97 im Durchschnitt um 2,8 Prozent im Jahr (Statistisches Bundesamt 1998:102-103, 658). Eine offensive Arbeitsmarktpolitik könnte einerseits dabei ansetzen, durch die Währungs- und Finanzpolitik das wirtschaftliche Wachstum zu stimulieren. Da wirtschaftliches Wachstum in der Produktivitätsökonomie europäischen Typs aber mehr mit Maschinen als mit Menschen produziert wird, kann man sich nicht allein auf diese Option verlassen. Ein anderer Ansatzpunkt besteht darin, bei moderatem Wirtschaftswachstum das Angebot an Arbeitskraft zu begrenzen und unfreiwillige Arbeitslosigkeit durch freiwillige Freizeit zu substituieren. In internationalen Vergleichen wird zum Beispiel darauf hingewiesen, daß in Österreich der vorzeitige Ruhestand den Arbeitsmarkt entlastet hat (Bertelsmann Stiftung 1998; Mester/van Suntum 1998). Die Arbeitslosenquote lag in Österreich 1997 mit 4,3 Prozent deutlich unter dem Durchschnitt der Europäischen Union (OECD 1998). Die Lebensarbeitszeit kann auch durch längere Ausbildungswege, durch Teilzeitarbeit, und vor allem durch allgemeine Arbeitszeitverkürzung reduziert werden.
Die Überwindung der Arbeitsmarktkrise ist eine vordringliche Aufgabe, für die Politik, die Verbände, die Unternehmen, für alle Betroffenen. Lange Zeit wurde dem europäischen Sozialstaat zugute gehalten, daß er im internationalen Vergleich bei hohem wirtschaftlichen Wachstum das Problem der sozialen Ungleichheit besser bewältigt habe als andere Gesellschaften, insbesondere die USA. Bei der neuen Herausforderung, der Ungleichheit der Beschäftigung, sieht es jedoch anders aus. Der europäische Sozialstaat zeigte sich hier überrascht, hilflos, konzeptions- und erfolglos. Amartya Sen warnte kürzlich die Europäer vor Überheblichkeit. Es geht seiner Ansicht nach derzeit bei einem Vergleich nicht um richtige oder falsche Modelle, sondern um unterschiedliche "types of political commitments". In den USA genießt die Beschäftigung höhere Priorität, in Europa Einkommensgleichheit und soziale Sicherheit (Sen 1997:167). Es darf weiter überlegt werden, wie beides zu verbinden wäre.

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Quelle: HSK/IE 15: Von der Weltwirtschaftskrise zur Globalisierungskrise. Wohin treibt die Peripherie? (Historische Sozialkunde/IE 15) Herausgegeben von Peter Feldbauer, Gerd Hardach, Gerhard Melinz. Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 1999. S. 33 - 50.
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