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Friedrich Edelmayer, Bernd Hausberger, Hans Werner Tobler

Die vielen Amerikas: Einleitung

Quelle: HSK/IE 16: Die vielen Amerikas. Die Neue Welt zwischen 1800 und 1930. (Historische Sozialkunde/IE 16) Herausgegeben von Friedrich Edelmayer, Bernd Hausberger, Hans Werner Tobler. Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 1999. S. 9 - 14.

Ob der amerikanische Doppelkontinent eine gemeinsame Geschichte hat oder nicht, ist Gegenstand einer keineswegs neuen, aber anhaltenden Diskussion. Unleugbar besteht ein extremer Gegensatz zwischen den USA und Kanada im Norden und Lateinamerika im Süden des Kontinents. Als einem früheren Band der Reihe Historische Sozialkunde, der sich mit der kolonialen Geschichte der Neuen Welt beschäftigt, deshalb der Titel Die beiden Amerikas gegeben wurde (Edelmayer/Hausberger/Weinzierl 1996), stellte ein Rezensent in einer - ansonsten wohlwollenden - Besprechung gerade diese Zweiteilung in Frage, weil sie andere Bruchlinien innerhalb und quer durch die Regionen sowie Verzahnungen zwischen dem Norden und dem Süden übergehen würde. Als Reaktion darauf und in Anbetracht der politischen Zersplitterung Lateinamerikas nach der Unabhängigkeit haben wir das vorliegende Buch, das die Entwicklung der Neuen Welt von der Unabhängigkeit der amerikanischen Staaten bis ungefähr zur Weltwirtschaftskrise von 1929 behandelt, nicht Die beiden Amerikas II, sondern Die vielen Amerikas genannt. Liest man dann allerdings die abgedruckten Beiträge, so fällt auf, daß praktisch alle Autoren von einer Zweiteilung Amerikas ausgehen, eben von Lateinamerika und von Nordamerika sprechen. Regionale und nationale Besonderheiten werden zwar immer wieder erwähnt, doch scheint niemand so weit gehen zu wollen, darüber die jeweils spezifische Realität der beiden Großräume tatsächlich in Frage zu stellen.
Trennendes und Gemeinsames zwischen den Amerikas wird besonders im Beitrag von Hans-Jürgen Puhle zusammenfassend dargestellt und in den anderen Texten immer wieder anhand von verschiedenen Teilbereichen aufgezeigt. Den Unterschieden scheint dabei letztlich die größere Bedeutung beigemessen zu werden. Der allen Staaten gemeinsame Prozeß der Staats- und Nationsbildung ehemals kolonialer Gebiete warf zwar zahlreiche gleiche Fragen auf. Dies zeigen besonders die Untersuchungen der politischen und institutionellen Neuordnung von Hans Werner Tobler und Peer Schmidt, aber auch die Ausführungen von Friedhelm Schmidt zur Entstehung der neuen Nationalliteraturen. Die Versuche zur Lösung der offenliegenden Probleme und auch die dabei erreichten Erfolge wichen aber stets deutlich voneinander ab, in einigen Bereichen mehr, in anderen weniger.
Wenn also in der historischen Entwicklung seit dem frühen 19. Jahrhundert insgesamt die Unterschiede zwischen dem Norden und dem Süden deutlich überwiegen, so sind doch auch zahlreiche Gemeinsamkeiten unübersehbar, von denen man durchaus eine stärker konvergente Entwicklung in beiden Teilen des Kontinents hätte erwarten können. Dies gilt etwa für die Ähnlichkeiten zwischen dem lateinamerikanischen Großgrundbesitz und den südstaatlichen Baumwollplantagen in den USA vor dem Bürgerkrieg, die Institution der Sklaverei in den USA und gewissen Teilen Lateinamerikas, die Bedeutung der europäischen Einwanderung in die USA und die Länder im cono sur Südamerikas, den Vorgang der Erschließung neuen Siedlungsgebietes im Westen der USA und im Süden Argentiniens oder auch die große Bedeutung agrarischer Exportproduktion in den USA bis zum Sezessionskrieg und in Lateinamerika seit dem späten 19. Jahrhundert. Diese strukturell ähnlichen Gegebenheiten und Entwicklungen bewirkten dennoch keine stärkere Konvergenz des Nordens und Südens auf gesamtgesellschaftlicher, volkswirtschaftlicher und staatlich-politischer Ebene. Warum?
In den USA stellte der südstaatliche Großgrundbesitz lediglich eine (zudem regional begrenzte) Institution neben den im 19. Jahrhundert insgesamt stärker expandierenden kleineren und mittleren Familienbetrieben dar; die Sklaverei war in den USA ebenfalls eine lediglich im Süden verwurzelte peculiar institution. Die bäuerliche Auswanderung aus Europa in den Norden und Süden Amerikas unterschied sich im 19. Jahrhundert nicht grundlegend. Im Ergebnis variierte die agrarische Kolonisation in den beiden Teilen Amerikas angesichts der sehr unterschiedlichen Strukturen in den Aufnahmeländern allerdings erheblich, wie auch der Vormarsch der frontier in den USA und in Argentinien ganz unterschiedliche wirtschaftliche und soziale Effekte zeitigte. Ebenso wirkte sich in den USA der wachstumsstarke Agrarexportsektor des Südens vor dem Bürgerkrieg positiv auf die Entstehung einer dynamischen Industriewirtschaft im Norden des Landes aus, während in Lateinamerika ähnliche Koppelungseffekte fehlten oder viel schwächer waren.
Die Divergenz in der Entwicklung des Nordens und des Südens Amerikas trotz zahlreicher sektorieller Ähnlichkeiten kann deshalb nur unter Bezug auf die Unterschiede im gesamtgesellschaftlichen, das heißt, umfassenden staatlich-politischen, wirtschaftlichen und sozialen System verstanden werden. Diese Unterschiede resultierten letztlich aus der verschiedenartigen kolonialen Tradition des britisch geprägten Nordens und des iberisch geformten Südens, aber auch aus den jeweils verschiedenen Rückwirkungen der Unabhängigkeitsbewegungen, die im Falle der "amerikanischen Revolution" des Nordens wesentlich tiefgreifender waren als im Falle der independencia des Südens.
Die meisten Beiträge in diesem Band betonen denn auch, daß die Verschiedenheit von Nord und Süd in erster Linie den unterschiedlichen kolonialen Erfahrungen entspringt. So hat auch jüngst der Historiker Peter J. Bakewell (1997) in einer Geschichte Lateinamerikas gegen die herrschenden Gepflogenheiten den Schwerpunkt nicht auf die neuere Zeit, sondern auf das 16. Jahrhundert als die konstituierende Epoche des Kontinents gelegt. Aus der präkolonialen Vielfalt wurde durch die europäische Eroberung eine Zweiteilung, wobei Lateinamerika seinerseits in ein spanisches und in ein portugiesisches und der Norden in ein englisches und in ein französisches Gebiet zerfällt. Dazwischen befindet sich die Karibik, in der alle Einflüsse und Sprachenvermischt sind, die aber in der Regel Lateinamerika zugerechnet wird. Trotz der kolonialen Überformung wirken freilich auch präkoloniale Unterschiede weiter. Diese trugen erheblich zu den gegensätzlichen Kolonisationsmustern zwischen Nord und Süd bei und schrieben vor allem tiefgehende regionale Besonderheiten innerhalb Lateinamerikas fest. Die Regionen der altamerikanischen Hochkulturen in Mesoamerika und im Andenraum, in denen die Mehrheit der Bevölkerung bis heute von indigenen oder mestizisierten Bewohnern gestellt wird, haben in vielen Aspekten eine andere Entwicklung genommen als klassische Einwandungsländer wie Argentinien, Uruguay und die USA oder die stark vom Import afrikanischer Sklaven geprägten Staaten wie Brasilien und der Großteil der Karibik. Diese Unterschiede zeigt Christian F. Feest am Beispiel von Mexiko und den USA auf. Gerade im letztgenannten Staat wurde die indigene Bevölkerung immer mehr, fast bis zur Ausrottung, verdrängt.
Die unter kolonialer Herrschaft ausgebildeten Unterschiede zwischen Nord und Süd bestimmen die Entwicklung bis zur Gegenwart. Doch obwohl die Verschiedenheiten schon grundgelegt und auch frühneuzeitlichen Beobachtern augenfällig waren, sollten sie sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts in ein eindeutiges Ungleichgewicht der Macht verwandeln. In der ausgehenden Kolonialzeit mögen die britischen Atlantikkolonien zwar bereits ein höheres Pro-Kopf-Produkt aufgewiesen haben, doch sie waren ungleich schwächer besiedelt und umfaßten einen wesentlich kleineren Raum als die spanischen und portugiesischen Kolonien. Im 19. Jahrhundert vervielfachten die USA allerdings ihr Territorium in einer dynamischen Westexpansion, der nicht nur ein Großteil der indigenen Bevölkerung zum Opfer fiel, sondern die auch weite, ehemals spanische Gebiete im nördlichen Mexiko, in der Karibik und im Pazifik erfaßte. Die Bevölkerungszahl der USA stieg deutlich an und übertraf bald die aller ihrer lateinamerikanischen Nachbarn. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistete die massive europäische Einwanderung, die bevorzugt den USA zugute kam. Ihr Verlauf ist im Beitrag von Renate Pieper zusammengefaßt.
Die staatlichen Strukturen mußten nach der Unabhängigkeit sowohl im Norden wie auch im Süden neu geschaffen werden, wobei der Norden auf die koloniale Tradition einer relativ weit entwickelten lokalen Selbstverwaltung zurückgreifen konnte. Die Ideen der staatlichen Neuorganisation, selbst die dabei geschaffenen Institutionen glichen einander zwar weitgehend, wie besonders Peer Schmidt hervorhebt; im Kontext einer sehr unterschiedlichen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realität konnten sich allerdings lediglich in den USA nach der Unabhängigkeit ein stabiler Staat und tendenziell demokratische Verhältnisse herausbilden. In Lateinamerika dagegen blieben die neuen Staaten anfänglich äußerst schwach und es etablierten sich nach einer langen Kette von Bürgerkriegen überall sozialelitäre politische Regimes, die erst im 20. Jahrhundert durch populistische und korporatistische Herrschaftsformen abgelöst wurden, während sich in den USA nach der Überwindung des tiefen Gegensatzes zwischen dem bürgerlich-industriellen Norden und den Sklavenhalterstaaten des Südens endgültig die demokratische Ordnung durchsetzte. Die Endergebnisse konnten schließlich nicht unterschiedlicher sein. Wurden die politischen Strukturen in den USA zur Grundlage einer demokratischen Regierung in einer bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung - aus der freilich Gruppen wie die Schwarzen oder die indigene Bevölkerung lange ausgeschlossen blieben -, so führten sie in Lateinamerika zu oligarchischen und autoritären Herrschaftsverhältnissen.
Wesentliche Bedingungen für die unterschiedliche politische und soziale Entwicklung waren und sind im Bereich der Wirtschaft zu suchen. Diese Unterschiede werden besonders in den Beiträgen von Gerd Hardach, Gerhard Pfeisinger, Bernd Hausberger und Jochen Meißner herausgearbeitet. Die lateinamerikanischen Staaten waren allesamt durch eine starke Außenorientierung ihrer Ökonomien, den gleichzeitigen Erhalt eines breiten Sektors subsistenzorientierter Landwirtschaft, folglich nur schwach ausgebildete innere Märkte, defiziente Infrastrukturen und schlechte innere Verkehrsverbindungen gekennzeichnet. Die Folgen dieser Entwicklungsdefizite waren eine nur schwache Integration der Regionen, in denen lokale Eliten ihren Einfluß erfolgreich gegen schwache Zentralregierungen verteidigten. In den USA dagegen bestimmten ein gewaltiges Wachstum der Landwirtschaft und eine dynamische Industrialisierung die Entwicklung, die vom Aufbau einer effizienten Infrastruktur und von wachsenden Immigrationsraten begleitet und bald zur wirtschaftlichen und auch politischen Expansion über die Grenzen des Landes hinaus genützt wurde. Die wachsende Dominanz der USA gegenüber Lateinamerika war die Folge; die Europäer, allen voran die Briten, verloren nach dem Ersten Weltkrieg immer mehr an Einfluß. Anzumerken bleibt, daß es den lateinamerikanischen Staaten im Gegensatz zu den meisten anderen Teilen der späteren Dritten Welt gelang, ihre formelle Unabhängigkeit zu bewahren, in erster Linie wohl, weil sich ihre Eliten als willige Partner der ausländischen Interessen erwiesen.
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges unterwarfen die Vereinigten Staaten ihre südlichen Nachbarn zunehmend einem immer dominierenderen wirtschaftlichen, politischen und ideologischen Einfluß. Eine solche, gleichsam negative oder hierarchische Verbundenheit in einer gemeinsamen Geschichte, wurde unter anderem von den Anhängern der Dependenztheorie thematisiert. Sie stellten eine direkte dialektische Verknüpfung zwischen den ungleichen Strukturen der entwickelten und der unterentwickelten Welt fest und machten damit für die Probleme und die Armut Lateinamerikas dessen Ausbeutung durch die Metropolen verantwortlich. Deren Rolle wurde ursprünglich von den europäischen Kolonialmächten, dann von Großbritannien und schließlich immer eindeutiger von den USA eingenommen. Es ist auffallend, daß keiner der hier vorgelegten Texte mehr einer solchen Interpretation zu folgen scheint. Am eindeutigsten stellt der Beitrag von John H. Coatsworth die Dependenztheorie in Frage, indem er nicht in der - grundsätzlich wachstumsfördernden - Weltmarktintegration Lateinamerikas den Grund für dessen wirtschaftliche Rückständigkeit sieht als vielmehr in den aus der Kolonialzeit geerbten institutionellen Defiziten. Freilich weist auch Coatsworth darauf hin, daß es selbst den langfristig erfolgreich am Weltmarkt operierenden Ländern Lateinamerikas nicht gelungen ist, die herrschenden sozialen Probleme und damit auch die unvollkommene Demokratisierung zu beheben. Dafür macht er im wesentlichen den Fortbestand der verkrusteten politischen und sozialen Strukturen verantwortlich.
Im Zuge einer sich globalisierenden Welt mag die Frage nach der Einheitlichkeit oder Verschiedenheit der Amerikas schließlich hinfällig werden. Für den Moment erscheint die Idee einer vollzogenen Angleichung - wie sie besonders in Mexiko in den frühen neunziger Jahren nach Abschluß des NAFTA-Vertrages mit den USA recht offen vertreten wurde - angesichts der fortbestehenden, extremen sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten sowohl zwischen Nord und Süd als auch innerhalb der lateinamerikanischen Staaten und trotz der weitgehenden Demokratisierung Lateinamerikas in der jüngeren Vergangenheit als ein Wunschtraum. Die Beiträge dieses Bandes wollen mit Hilfe ihres meist komparativistischen Ansatzes ein besseres Verstehen der zwar vielfach verketteten und oft parallelen, aber eben doch ungleichen Entwicklungen der Gebiete nördlich und südlich des Río Grande ermöglichen.

Literatur

Bakewell, Peter J. (1997): A history of Latin America: empires and sequels, 1450-1930. Cambridge, Mass.: Blackwell Publishers
Edelmayer, Friedrich/Hausberger, Bernd/Weinzierl, Michael, Hg. (1996): Die beiden Amerikas. Die Neue Welt unter kolonialer Herrschaft, Historische Sozialkunde 7. Frankfurt a. M./Wien: Brandes & Apsel/Südwind


Quelle: HSK/IE 16: Die vielen Amerikas. Die Neue Welt zwischen 1800 und 1930. (Historische Sozialkunde/IE 16) Herausgegeben von Friedrich Edelmayer, Bernd Hausberger, Hans Werner Tobler. Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 1999. S. 9 - 14.
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