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Gerald Hödl, Karl Husa, Christof Parnreiter, Irene Stacher

Internationale Migration: Einleitung

Quelle: HSK/IE 17: Internationale Migration. Die globale Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Herausgegeben von Karl Husa, Christof Parnreiter, Irene Stacher. Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 2000 (Historische Sozialkunde/IE 17), S. 9-23.

Internationale Migration: Globale Herausforderung des 21. Jahrhunderts?

Die türkisch- und kurdischsprachige Einwanderergemeinde in Berlin würde für sich genommen zahlenmäßig einer Großstadt in der Türkei entsprechen, in Kalifornien ist Spanisch ob der massiven Zuwanderung aus Mexiko so gegenwärtig, daß schon von einer Re-Mexikanisierung gesprochen wird, und selbst Japan, das bis in die achtziger Jahre kaum Immigration kannte, ist mittlerweile Ziel für - allerdings zumeist irreguläre - Zuwanderer von den Philippinen, aus China, Korea oder aus Thailand geworden.
Heute überschreiten nicht nur Kapital-, Güter- und Informationsströme in bisher nie gekanntem Ausmaß nationale Grenzen, sondern auch Menschen. Doch während sich Kapitaltransfers und Finanztransaktionen in der Regel unserer Wahrnehmung entziehen, gehört die Gegenwart von ImmigrantInnen zu den augenfälligsten Ergebnissen der vielzitierten "Globalisierung". Tatsächlich bilden grenzüberschreitende Wanderungen einen zentralen Bestandteil der ökonomischen, politischen, und sozialen Dynamiken, die die Welt der späten neunziger Jahre prägen. In den einschlägigen mit Bevölkerungsfragen befaßten Wissenschaften existieren allerdings unterschiedliche Einschätzungen, was das Ausmaß der internationalen Migration betrifft: Während manche ExpertInnen davon ausgehen, daß das ausklingende 20. Jahrhundert "the age of migration" schlechthin sei (z.B. Castles/Miller 1998) und daß Umfang und Dynamik der internationalen Migrationen gegenwärtig einen historischen Höchststand erreicht hätten (Martin/Widgren 1996), meinen andere, die internationale Migration der letzten Jahrzehnte hebe sich weder in ihrem Volumen noch in ihren Wachstumsraten von früheren "ages of migration" ab (Skeldon 1998).

Das ausklingende 20. Jahrhundert - das "Zeitalter der Migration"? Fakten, Trends und regionale Unterschiede

1990 lebten rund 120 Millionen Menschen außerhalb ihres Geburtslandes, was gegenüber 1965 eine Steigerung um 45 Millionen Menschen oder 60 Prozent bedeutet (vgl. Tab. 1). Im Jahresdurchschnitt nahm der "migration stock", also die kumulierte Anzahl jener Personen, die zum jeweiligen Erfassungszeitpunkt (z.B. Volkszählungen) außerhalb ihrer Herkunftsländer lebten, zwischen 1965 und 1990 um 1,9 Prozent zu. Angesichts der erheblichen absoluten Zunahme des "migration stock" überrascht es, daß der Anteil der internationalen MigrantInnen an der Gesamtbevölkerung im Zeitraum von 1965 bis 1990 zwischen 2,1 Prozent und 2,3 Prozent oszilliert, also kaum gestiegen ist. Dies erklärt sich daraus, daß das jährliche Durchschnittswachstum des "migration stock" nur knapp über der Wachstumsrate der Weltbevölkerung (im selben Zeitraum im Jahresdurchschnitt 1,8 Prozent) liegt (Zlotnik 1999:42).
Allerdings hat sich in den letzten Jahren - parallel zu den Prozessen der Globalisierung - die Zunahme der internationalen Migration deutlich beschleunigt. Betrug das durchschnittliche jährliche Wachstum des "migration stock" zwischen 1965 und 1975 noch 1,2 Prozent, so belief es sich zwischen 1985 und 1990 bereits auf 2,6 Prozent (Zlotnik 1999:48). Damit liegt, laut Expertenschätzungen aus dem Jahr 1999, die Zahl der internationalen MigrantInnen zur Jahrtausendwende bei rund 150 Millionen, was bedeutet, daß etwa 2,5 Prozent der Weltbevölkerung außerhalb ihres Geburtslandes oder dem Land ihrer Staatsbürgerschaft leben. Im letzten Jahrzehnt kamen auf diese Weise jährlich etwa drei Millionen neue MigrantInnen zum bestehenden "migration stock" hinzu. Diese Zahl umfaßt allerdings nur die dokumentierten ImmigrantInnen, also Personen, die entweder legal in ein anderes Land eingereist sind oder deren Aufenthalt dort im nachhinein legalisiert wurde. Dimensionen und Dynamik der internationalen Migration würden sich wesentlich eindrucksvoller ausnehmen, bezöge man die große Zahl undokumentierter MigrantInnen - die wahrscheinlich zumindest jener der dokumentierten entspricht (siehe unten) - mit ein.
Diese Zahlen sind allerdings mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten. Zum einen ist daran zu erinnern, daß Binnenwanderungen per Definition ausgeschlossen sind. Migrationen innerhalb staatlicher Grenzen bilden weltweit gesehen aber deutlich die Mehrheit, sodaß das tatsächliche Migrationsaufkommen die Zahl von 150 Millionen MigrantInnen bei weitem übersteigt. Alleine in China wird geschätzt, daß sich in den nächsten Jahren etwa 26 Millionen Menschen pro Jahr auf den Weg in die boomenden Wirtschaftsgebiete des Landes begeben werden (vgl. Giese in diesem Band). Zum anderen ist es ein äußerst schwieriges Unterfangen, einen globalen Überblick über die tatsächliche Anzahl der internationalen MigrantInnen und die vorherrschenden raum-zeitlichen Trends zu geben, und zwar aus zwei Gründen (vgl. Zlotnik 1999). Erstens fehlt in vielen Staaten nach wie vor ein System zur kontinuierlichen Registrierung von internationalen MigrantInnen, oder es werden, wenn ein solches vorhanden ist, die entsprechenden Daten nicht ausgewertet bzw. nicht publiziert. Zweitens weisen der Erhebungsumfang und die Kriterien zur Erfassung der internationalen Migration in jenen Ländern, die über einschlägige statistische Unterlagen verfügen, zum Teil erhebliche Unterschiede auf, sodaß eine direkte Vergleichbarkeit nicht gewährleistet ist (Bilsborrow u. a. 1997). Ferner können "statistische Artefakte" die Wanderungsdaten verzerren. Beispielsweise werden neue internationale MigrantInnen statistisch gesehen auch dadurch "produziert", daß Grenzen über Menschen wandern (Martin/Widgren 1996), wie das etwa beim Zerbrechen der Sowjetunion oder Jugoslawiens zu Beginn der neunziger Jahre der Fall war. In solchen Fällen wird eine Person plötzlich zu einem/einer Fremden in einem neuen Staat, ohne tatsächlich eine Wanderung vollzogen zu haben.
Regional gesehen ist ein Großteil der internationalen MigrantInnen auf relativ wenige Staaten konzentriert. So beherbergten sieben der wohlhabendsten Staaten der Welt - USA, Kanada, Japan, Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien (die sogenannten G7-Staaten) - Mitte der neunziger Jahre ein knappes Drittel der gesamten internationalen MigrantInnen, hatten aber weniger als ein Achtel der Gesamtbevölkerung der Erde aufzuweisen (Martin/Widgren 1996). Die Zuwanderung nach Westeuropa war im vergangenen Jahrzehnt, abgesehen von verstärktem Familiennachzug und der zunehmenden Zahl von Asylsuchenden auch aus entfernteren Ländern Afrikas und Asiens, vor allem durch das Ansteigen der undokumentierten Migration geprägt (vgl. Münz in diesem Band). Durch die Ostöffnung und den Wegfall der restriktiven Ausreiseregelungen in den früheren RGW-Staaten (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) kam es zu einem Anstieg der Zuwanderung aus Osteuropa, diese blieb aber weit hinter dem manchmal prophezeiten Massenexodus zurück (vgl. Fassmann in diesem Band). 1996 hatte die Immigration nach Westeuropa ihren Höhepunkt erreicht, und die Zahl der Zuwanderer stabilisierte sich bei rund 20 Millionen (Salt 1998:6; SOPEMI 1998).
Die Dynamik der internationalen Migration hat sich in jüngster Zeit in den Ländern des "Nordens", verglichen mit denen des "Südens", deutlich abgeschwächt. Während der "migration stock" in den Industriestaaten zwischen 1965 und 1975 noch um 2,3 Prozent pro Jahr anwuchs, betrug der Vergleichswert für die Entwicklungsländer nur 0,3 Prozent. Mittlerweile hat sich jedoch die Dynamik der internationalen Migration auf die Staaten des Südens verlagert, die zwischen 1985 und 1990 mit 2,7 Prozent das Wachstum des Nordens (2,4 Prozent) bereits deutlich überholte. Der größte Anteil an der Beschleunigung der internationalen Migration in den Entwicklungsländern entfiel in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre dabei auf Südasien, Westasien und auf Afrika südlich der Sahara. Seit Mitte der neunziger Jahre nimmt auch die Bedeutung der internationalen Migration in Südost- und Ostasien sprunghaft zu (vgl. dazu auch Husa/Wohlschlägl in diesem Band). Die neuen Zuwanderungsziele sind vor allem jene Staaten, die entweder als Exporteure von Öl (wie zum Beispiel die Staaten des "Gulf Cooperation Council" im Nahen Osten) oder als sogenannte "Newly Industrializing Countries" in der weltwirtschaftlichen Hierarchie aufstiegen. Insgesamt aber ist der Prozentsatz der internationalen MigrantInnen an der Gesamtbevölkerung infolge der früher vollzogenen Wanderungen mit 4,5 Prozent (1990) in der "entwickelten Welt" immer noch deutlich höher als in den Entwicklungsländern (1,6 Prozent) ( Zlotnik1999).
In einigen Weltregionen haben politische und ökonomische Transformationen dazu geführt, daß Migration unter zum Teil veränderten Rahmenbedingungen stattfindet. So sind die Staaten des ehemaligen RGW, die bis zur sogenannten "Ostöffnung" hauptsächlich Zuwanderern aus kommunistischen "Bruderstaaten" bzw. politischen Flüchtlingen aus Ländern wie Griechenland (unmittelbar nach dem Bürgerkrieg), Südafrika oder Chile offenstanden, seit einigen Jahren sowohl Transitländer für MigrantInnen aus Osteuropa, Asien und Afrika als zunehmend auch Einwanderungs- und Asylstaaten geworden. In einigen westeuropäischen Staaten kam es zu einer Umkehr der traditionellen Migrationsmuster. Italien, Spanien oder Irland, die bis vor einigen Jahren "klassische" Auswanderungsländer waren, sind heute einerseits mit der Rückwanderung ehemaliger EmigrantInnen und andererseits mit der Neueinwanderung aus Südosteuropa, Asien und Afrika konfrontiert. So lebten 1995 rund zwei Millionen MigrantInnen aus dem Maghreb-Raum in westeuropäischen Ländern (Zlotnik 1999:36), unter anderem in Italien und Spanien (vgl. dazu den Beitrag von Demel/Stacher in diesem Band). Die klassischen Einwanderungsstaaten USA und Kanada wiederum erlebten signifikante Verschiebungen, was die geographische Herkunft der ImmigrantInnen betraf. Stammten bis in die dreißiger Jahre die Einwanderer vor allem aus Europa, so kommen sie seit den sechziger Jahren zunehmend aus Zentral- und Südamerika sowie aus Asien (Martin/Widgren 1996).
Während ArbeitsmigrantInnen immer noch zu einem größeren Teil in die traditionellen Industrieländer des Westens und neuerdings auch in die erwähnten "Newly Industrializing Countries" - zum Beispiel in Südost- und Ostasien - wandern, ist die Lage bezüglich der Flüchtlinge umgekehrt. Von den weltweit geschätzten 50 Millionen Binnen- und internationalen Flüchtlingen (davon 22 Millionen von UNHCR registriert) kommt nur ein geringer Anteil nach Europa und Nordamerika, dem größten Teil der Flüchtlinge wird in der jeweiligen Krisenregion Schutz gewährt (UNHCR 1997; siehe auch Sunjic in diesem Band). Dies ist insofern zu unterstreichen, als der ausländerfeindliche Diskurs in der Europäischen Union oder in den USA suggeriert, die reichen Länder würden mit Flüchtlingen "überschwemmt". Tatsächlich aber tragen, wie die Zahlen zeigen, die armen Länder die Hauptlast in der Flüchtlingsbetreuung.
Seit einigen Jahrzehnten ist bei allen Wanderungsformen und in allen Regionen eine kontinuierlich zunehmende "Feminisierung" der internationalen Migration festzustellen (vgl. dazu auch Aufhauser in diesem Band). Rund jede zweite Person, die eine grenzüberschreitende Migration unternimmt, ist eine Frau, und die Tendenz weiblicher Partizipation an internationalen Wanderungen ist steigend. Bemerkenswert ist dabei vor allem, daß der steigende Anteil von Migrantinnen nicht primär dadurch bestimmt ist, daß Frauen und Kinder bereits gewanderten männlichen Familienmitgliedern nachfolgen. Zunehmend wandern Frauen alleine - um als Arbeiterinnen in den Exportindustrien in Staaten der Peripherie oder als Haushaltshilfen u. ä. in den Zentrumsländern Geld zu verdienen. In den letzten Jahren sind auch in der Migrationsforschung zunehmend "gender"-orientierte Studien erstellt worden, die angesichts der spezifischen Situation von Migrantinnen - sie sind als Frauen, als Personen, die migriert sind und als Ausländerinnen mehrfach diskriminiert - den Betrachtungshorizont der "klassischen" Migrationsforschung erheblich erweitert haben (vgl. Hahn in diesem Band).

Internationale Migration im Zeitalter der Globalisierung - Ursachen und Formen

Das Ansteigen der internationalen Migration erfolgt(e) parallel zu jenen Prozessen der Globalisierung, die in den letzten drei Jahrzehnten die Welt in ökonomischer, politischer, sozialer und kultureller Hinsicht verändert haben. Dieses Zusammentreffen ist kein zufälliges. Zahlreiche AutorInnen argumentieren, daß mit der Globalisierung neue Bedingungen für die räumliche Mobilität der Menschen geschaffen wurden (siehe z.B. Sassen 1988; Castles/Miller 1998; Parnreiter 1999a). Ursachen, Umfang, Muster, räumliche Dimensionen und Organisationsformen von internationalen Migrationen haben sich im Zuge dieser Entwicklung ebenso verändert wie die Migrationspolitik vieler Staaten, wobei der Konnex zur Globalisierung sowohl durch Kausalitäten als auch durch Widersprüche gekennzeichnet ist.
Sowohl grenzüberschreitende Arbeitsmigrationen als auch Binnenwanderungen sind ursächlich und eng mit (welt)wirtschaftlichen Strukturveränderungen verbunden (siehe auch Gächter in diesem Band). Weder wäre die Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert ohne billige Arbeitskraft aus meist ländlichen Räumen denkbar gewesen noch der westeuropäische Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg ohne Arbeitskräfte aus der Türkei, Jugoslawien, der Maghreb-Region sowie aus anderen ehemals kolonialen Gebieten. Historisch wie auch aktuell war und ist es also eine zentrale Funktion der Migration, möglichst billige und/oder spezifische Arbeitskräfte verfügbar zu machen. Der Bedarf an Arbeitskräften stellt einerseits aufgrund der expansiven Natur des kapitalistischen Akkumulationsprozesses, andererseits wegen des Wunsches der UnternehmerInnen, die Arbeitskosten zu senken, eine Konstante der Entwicklung des kapitalistischen Weltsystems dar. Ist zuwenig Arbeit verfügbar, oder kann die erhältliche Arbeit bestimmte an sie gestellte Anforderungen (z. B. Preis, Flexibilität) nicht erfüllen, stellt die Verwendung von "gewanderter Arbeit" einen Ausweg dar. Migration ist also ein Subsystem des Weltmarktes, ein "labor supply system" (Sassen 1988) auf einem "Weltmarkt für Arbeitskraft" (Potts 1988).
Mit zunehmender Globalisierung hat die internationale Arbeitsteilung neue Migrationsmuster hervorgebracht. Erstens müssen immer mehr Menschen wandern, weil sie angesichts der Öffnung der Märkte und der nun globalen Konkurrenz in ihren Städten und Dörfern als ArbeiterInnen oder Bauern und Bäuerinnen kein Auskommen mehr finden. Zweitens wird die Arbeitskraft der MigrantInnen immer häufiger nachgefragt. Die Auslagerung von Produktionsstätten hat neue Industriestädte in Ländern der Peripherie geschaffen, von denen eine starke Nachfrage nach billigen Arbeitskräften, insbesondere nach jungen Frauen, ausgeht. Auch in den Zentren der Weltwirtschaft selbst entstand durch die Flexibilisierung und Informalisierung der Arbeitsmärkte, die in den USA und in Westeuropa zu Wesensmerkmalen der Globalisierung geworden sind, ein neuer Bedarf an zugewanderter Arbeitskraft. Drittens ist durch den weltweiten Transfer von Kapital und Gütern ein globaler Arbeitsmarkt für hochqualifizierte Arbeitskräfte entstanden, die vor allem im Bereich der produktionsbezogenen Dienstleistungen arbeiten und für das "Funktionieren der Globalisierung" unverzichtbar sind. Viertens schließlich sind durch die Prozesse der Globalisierung die Verbindungen zwischen Zentren und Peripherien dichter geworden, was internationale Migrationen zusätzlich unterstützt. Informations- und transporttechnische Innovationen haben die Wanderung vereinfacht und verbilligt, und soziale Netze zu bereits migrierten Verwandten oder FreundInnen erleichtern den Schritt, ins Ausland zu gehen. Fünftens spielt neben solchen "informellen" sozialen Netzwerken, die auf persönlichen Beziehungen beruhen, das Entstehen einer sogenannten internationalen "Immigrationsindustrie", in der unterschiedlichste intermediäre Instanzen (z.B. Anwerber, Anwaltskanzleien, Reisebürobedienstete, "Broker" usw., in jüngster Zeit auch zunehmend die organisierte Kriminalität) ein breites Tätigkeitsfeld vorfinden, eine zunehmend wichtiger werdende Rolle im Migrationsgeschehen. Auf diese Weise sind im Lauf der Zeit formelle wie informelle Netzwerke entstanden, deren Bedeutung für neue Migrationen gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Einmal etabliert, erweisen sich solche Netze als extrem starke und kaum mehr kontrollierbare Kraft, durch die die Migrationsströme in Umfang, Richtung und Zusammensetzung erheblich beeinflußt werden können (vgl. Sassen 1988; Parnreiter 1994; Hugo 1995, 1998; Espinosa/Massey 1997).
Stellt die Nachfrage nach zugewanderter Arbeitskraft eine Konstante in der Entwicklung des kapitalistischen Weltmarktes dar, so bilden die Formen der Migration eine Variable, bestimmt durch den jeweiligen Bedarf an Wanderarbeitskräften, der gemäß sozialer und ökonomischer Opportunität einem ständigen Wandel unterlag. Jahrhundertelang war der Weltmarkt für Arbeitskraft bestimmt durch erzwungene oder halb-freie Wanderungen (z.B. Sklavenhandel, asiatische Kuliwanderung) bzw. durch kolonisierende Migrationen wie die europäische Auswanderung in die klassischen Einwanderungsländer in Übersee (v.a. Nord- und Südamerika, Australien und Neuseeland; vgl. dazu z.B. Portes/Walton 1981:49-59; Potts 1988). Heute wird internationale Migration zunehmend komplexer und nimmt neue Formen an. Die meisten Staaten, die gegenwärtig im weltweiten Migrationssystem eine bedeutende Rolle spielen, sind nicht nur mit einem Migrationstyp konfrontiert, sondern mit einer breiten Palette unterschiedlicher Wanderungsformen. Diese umfassen die "klassische" Zuwanderung mit permanentem Charakter, temporäre Formen der Arbeitsmigration, Kettenwanderungen in Form von Familienzusammenführungen, Pendel- und saisonale Wanderungen, Transitmigration (meist zeitlich begrenzter Aufenthalt in einem bestimmten Staat, da eine Weiterreise in das gewünschte Zielland beabsichtigt ist) und "nichtdokumentierte" Zuwanderung (siehe dazu unten). Ein weit verbreiteter Migrationstypus ist die Kettenwanderung. Dabei werden Familienbeziehungen und ethnische Netzwerke von bereits niedergelassenen MigrantInnen genutzt, um den Zugang zu Informationen und Ressourcen zu erleichtern und die Migration erfolgreich und kostengünstig zu realisieren.
Internationale Migrationen werden nicht nur durch den Bedarf an Arbeitskräften in Gang gesetzt, sondern auch durch ökologische (z.B. Naturkatastrophen) und politische Ursachen (Diktaturen, Bürgerkriege etc.). In den neunziger Jahren waren die kriegerischen Auseinandersetzungen und "ethnischen Säuberungen" im ehemaligen Jugoslawien die Hauptursache für die wachsende Zahl von Kriegsflüchtlingen in Europa. Zwischen 1992 und 1995 wurden in Bosnien-Herzegowina rund eine Million Menschen intern vertrieben und ca. 1,2 Millionen flohen ins Ausland, davon fast 600.000 nach Westeuropa. 1998 und 1999 nahm die Flucht von Kosovo-AlbanerInnen vor den Repressionen der jugoslawischen Armee und Polizei nach Ost- und Westeuropa stark zu und führte zu einem Anstieg der Zahl der AsylwerberInnen. Nach dem Beginn der NATO-Operation am 24. März 1999 lösten Vertreibungen und Kampfhandlungen die Massenflucht von weiteren 900.000 Kosovo-AlbanerInnen aus. Von ihnen kam allerdings nur ein kleiner Teil nach Westeuropa, da 90 Prozent der Vertriebenen in den Nachbarstaaten Schutz fanden. Ein Großteil der Flüchtlinge konnte nach dem Ende der Kampfhandlungen im Juni 1999 wieder in den Kosovo zurückkehren. Seither richten sich die Vertreibungen im Kosovo gegen SerbInnen, Roma und andere Minderheiten. Von den 170.000 bis 200.000 Vertriebenen erreicht aber nur ein kleiner Teil West- und Osteuropa (vgl. IOM/ICMPD 1999).
Weiters sind Migrationen zu nennen, in denen die ethnische oder religiöse Zugehörigkeit der MigrantInnen eine wichtige Rolle spielt. Es kann sich dabei sowohl um freiwillige Wanderung von Minoritäten in die jeweiligen Kernländer handeln als auch um Migrationen, die durch staatliche und/oder gesellschaftliche Diskriminierung ethnischer bzw. religiöser Gruppen hervorgerufen werden (exemplarisch seien hier einerseits die Migration der sogenannten deutschsprachigen "Aussiedler", andererseits die jüdische Abwanderung aus der früheren Sowjetunion und aus Osteuropa genannt; vgl. dazu Fassmann/Münz).
Globalisierung und internationale Migrationen hängen nicht nur dadurch zusammen, daß der Globalisierungsprozeß eine Zunahme der Wanderungen bewirkt. Auch Migrationen selbst nehmen zunehmend globalen Charakter an, immer mehr Staaten der Erde sind als Ziel- oder Herkunftsgebiete (oder als beides zugleich) in weltumspannende Migrationssysteme eingebunden. Migration ist selbst zu einer Triebfeder globaler Integration geworden, weil und indem sie traditionelle Raumvorstellungen, Identitäten und Staatsbürgerschaftskonzepte in Frage stellt. Die quantitative Zunahme der internationalen Wanderungen und die Beobachtung, daß immer mehr MigrantInnen entweder häufig zwischen Herkunfts- und Zielort hin und her "pendeln" oder aber, auch wenn sie am Zielort seßhaft werden, starke Verbindungen zum Herkunftsort aufrechterhalten, lassen transnationale soziale Räume und Identitäten entstehen. Traditionelle Grenzen und Zugehörigkeiten werden aufgeweicht, Neues bildet sich heraus, das von Forschern als "global population" (Smith 1995:251), "transnational communities" (Kearney 1995:231) oder "deterritorialized nation-states" (Glick Schiller u. a. 1997:124) bezeichnet wird (vgl. Pries 1997).

Internationale Migration im Zentrum der politischen Aufmerksamkeit

Die Beziehungen zwischen Globalisierung und internationaler Migration sind, wie erwähnt, nicht nur durch kausale Zusammenhänge geprägt, sondern auch durch Widersprüche. Der wichtigste besteht darin, daß die Globalisierung zwar dazu beiträgt, weltweit immer mehr MigrantInnen zu mobilisieren, daß aber gleichzeitig von nahezu allen Staaten versucht wird, den Zuzug von MigrantInnen einzuschränken und entsprechend der jeweiligen sozial- und arbeitsmarktpolitischen Nützlichkeit bzw. ideologischer Ziele zu steuern. Für die neunziger Jahre bedeutet dies, daß die meisten wichtigen Aufnahmestaaten des "Nordens" (Europäische Union, Nordamerika, Australien und Japan) eine immer restriktivere Migrationspolitik verfolgen. Verschärfte Grenzkontrollen und Visabestimmungen, Deportationen und sogenannte "Anti-Trafficking"-Gesetze legen davon ein beredtes Zeugnis ab. Während also die globale Mobilität von Kapital, Gütern und Dienstleistungen weiter forciert wird, sind die Europäische Union, die USA und andere Staaten bestrebt, ihre Grenzen vor Zuwanderern zu verschließen (vgl. z.B. Cornelius u. a. 1994; Jacobson 1996; Sassen 1996:59-99); davon ausgenommen sind im wesentlichen nur die bereits angesprochenen hochqualifizierten Arbeitskräfte wie etwa Manager, Rechtsanwälte, Finanzberater usw., die global mobil sein können, weil ihre Tätigkeit für das Funktionieren der Weltwirtschaft unverzichtbar ist. Der Vertrag zur nordamerikanischen Freihandelszone NAFTA etwa, der keine Freizügigkeit für mexikanische Tomatenpflücker vorsieht, erlaubt diese für Angehörige des gehobenen Dienstleistungssektors sehr wohl.
In Westeuropa wurden bereits nach der Wirtschaftskrise 1973/1974 und der darauffolgenden Rezession Maßnahmen zur Einschränkung der legalen und nicht-dokumentierten ("illegalen") Migration ergriffen. Die Zuwanderungsbeschränkungen waren mit einem Rückgang der Anwerbungen von Arbeitskräften aus Südosteuropa und Nordafrika verbunden. Anfang der neunziger Jahre führten die meisten europäischen Staaten wesentlich restriktivere Migrations- und Asylpolitiken ein (Thränhardt 1997). Auch in den USA wurde die Einwanderungspolitik seit 1986, als der "Immigration Reform and Control Act" (IRCA) in Kraft trat, zunehmend restriktiver und repressiver. Neben einem Programm zur Legalisierung von bestimmten Kategorien nicht-dokumentierter ImmigrantInnen, die bereits im Land lebten, wurden Sanktionen gegen Unternehmer eingeführt, die wissentlich nicht-dokumentierte Einwanderer beschäftigten; parallel dazu wurde die Überwachung der Südgrenze mit polizeilichen und militärischen Mitteln intensiviert. Mitte der neunziger Jahre wurden Grenzüberwachung und Einwanderungspolitik weiter verschärft, unter anderem durch den Ausbau der Grenzschutztruppen und den erschwerten Zugang von legal im Land anwesenden ImmigrantInnen zum staatlichen Sozialsystem (vgl. Massey in diesem Band).
Zunehmend restriktiver werdende Zuwanderungskontrollen und Verschärfungen der Aufnahmeregelungen für AsylwerberInnen in einer Reihe von wichtigen Immigrationsländern (wie zum Beispiel in Deutschland seit 1993 oder in den Vereinigten Staaten seit 1995) bewirkten zwar eine erhebliche Reduktion der Anzahl von AsylwerberInnen, doch scheitert, wie die eingangs zitierten Zahlen zeigen, die strengere Zuwanderungspolitik an ihrem vorgeblichen Ziel, die Zuwanderung zu unterbinden oder zumindest zu verringern. Die Errichtung legaler Barrieren gegen internationalen Zuzug brachte stattdessen eine exponentielle Zunahme der "irregulären Migration" mit sich, die im angelsächsischen Sprachraum von vielen AutorInnen als "un- oder nicht-dokumentierte" Migration bezeichnet wird (weil die Zuwanderer ohne gültige Papiere und deshalb nicht dokumentiert einreisen), während im deutschsprachigen Raum noch der denunziatorische Begriff "illegale" Migration vorherrscht. Diese sich außerhalb der offiziellen Immigrations-Kontrollsysteme vollziehende Wanderung stellt eine der wichtigsten Neuerungen hinsichtlich der Formen internationaler Wanderung dar. In ExpertInnenkreisen dominiert mittlerweile die Meinung, daß weltweit bereits mindestens ebenso viele undokumentierte internationale MigrantInnen existieren wie offiziell registrierte Zuwanderer (vgl. z.B. Hugo 1998).
Das massive Ansteigen der "nicht-dokumentierten" Zuwanderung in den letzten Jahren geht einerseits auf die immer restriktivere Einwanderungs- und Asylpolitik in westlichen Industriestaaten, in den "Newly Industrializing Countries" Südost- und Ostasiens und zum Teil auch in osteuropäischen Staaten zurück. Andererseits kann dieses Phänomen aber auch als Ergebnis einer Politik bezeichnet werden, die versucht, die Zuwanderer in ihrem rechtlichen Status abzuwerten, um sie zu zwingen, ihre Arbeitskraft noch billiger zu verkaufen (vgl. Parnreiter 1999b). Jedenfalls steigen für die MigrantInnen die Kosten bei irregulärer oder nicht-dokumentierter Migration, da sie immer häufiger die Hilfe von professionellen "Schleppern" (sogenannten "traffickers") in Anspruch nehmen müssen. Diese "Schlepper" organisieren für hohe Geldsummen und unter Umgehung von Gesetzen den Transport vom Herkunfts- zum Zielland, wobei kriminelle Akte auch und gerade gegenüber den nicht-dokumentierten MigrantInnen häufig vorkommen (vgl. dazu den Beitrag von Abou Chabaké in diesem Band).
Wie schon eingangs erwähnt, sollte der Anstieg der Migrationen in den letzten zwei Jahrzehnten aber nicht vergessen lassen, daß nach wie vor nur ein Bruchteil der Weltbevölkerung sein Geburtsland verläßt. Das "offiziell" dokumentierte quantitative Ausmaß der internationalen Migrationen wirft nämlich die Frage auf, warum nicht mehr Menschen wandern (vgl. zum Beispiel Hammar/Tamas 1997). Und: Ist das große Augenmerk, das gegenwärtig auf internationale Migrationen gerichtet wird, überhaupt gerechtfertigt, wenn der geschätzte "migration stock" von weltweit rund 150 Millionen Menschen zu Ende der neunziger Jahre nur knapp über zwei Prozent der Weltbevölkerung ausmacht? Selbst wenn, wie ExpertInnen vermuten, die Anzahl der nicht erfaßten internationalen MigrantInnen in einer ähnlichen Größenordnung liegt, würde das bedeuten, daß nur eine kleine Minderheit von ca. fünf Prozent als internationale MigrantInnen zu klassifizieren wäre. 95 Prozent der gesamten Weltbevölkerung hingegen leben nach wie vor in jenem Land, in dem sie auch geboren wurden. Internationale Migration ist also nach wie vor die Ausnahmestrategie und nicht das Regelverhalten zur Lösung existentieller Probleme.
Eine Antwort auf die provokante Frage, warum nicht mehr Menschen wandern, lautet, daß Migrationen generell einen stark selektiven Charakter aufweisen. Migration ist nicht einfach das Ergebnis von Lohn- und Wohlfahrtsunterschieden in bestimmten Ländern oder von Ungleichgewichten auf Arbeitsmärkten. Menschen wandern nicht automatisch von "arm" zu "reich", so wie Wasser von oben nach unten fließt - Migrationen werden erzeugt und geformt (vgl. Parnreiter in diesem Band). Es ist beispielsweise ein in der Migrationsliteratur weithin anerkanntes Faktum, daß die aktive Rekrutierung von MigrantInnen - durch Unternehmerverbände oder staatliche Institutionen - eine entscheidende Rolle für das Entstehen der Wanderung spielt. Diese Rekrutierung aber ist natürlich immer selektiv - in einem Land, in einem Dorf werden ArbeitsmigrantInnen angeworben, im anderen nicht. Diese "Auslese" setzt sich dann über Migrationsnetze fort. In der Forschung ist es unbestritten, daß Migration fast immer "in den Fußstapfen anderer" stattfindet - wer Verwandte oder FreundInnen hat, die schon gewandert sind, wird viel wahrscheinlicher selbst zum/zur MigrantIn als eine Person, die außerhalb solcher Netzwerke lebt. Weiters sind es meist nicht die Ärmsten, die wandern, setzt doch jede Migration Ressourcen voraus, über die gerade die Ärmsten nicht verfügen. Diese Faktoren - und zahlreiche andere - lassen internationale Migration zu einem derart selektiven Prozeß werden, daß diese Option nur einem Bruchteil der Weltbevölkerung offensteht.
Warum aber wird dann soviel Augenmerk auf die internationale Wanderung gelegt - etwa im Vergleich zu den Binnenmigrationen, die ja viel mehr Menschen betreffen? Eine Antwort lautet, daß die Auswirkungen internationaler Migrationen erheblich größer sind, als die geringen Prozentsätze dies andeuten. Der Wegzug bestimmter Bevölkerungsgruppen kann beträchtliche Konsequenzen für die ökonomische und soziale Situation in den jeweiligen Herkunftsgebieten der MigrantInnen haben, und durch die Konzentration der Immigration auf bestimmte Regionen (meist urbane Räume bzw. stark industrialisierte Gebiete) sind auch die Auswirkungen auf die Aufnahmeländer erheblich (vgl. Castles/Miller 1998).
Obwohl in internationalen Debatten vor allem die Auswirkungen der Migration auf die Zielländer angesprochen werden, sind die destabilisierenden Faktoren der Abwanderung von meist dynamischen und qualifizierten Personen ("brain drain") auf die Herkunftsländer nicht zu vernachlässigen. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, ob die Geldrückflüsse von MigrantInnen an ihre Familien im Herkunftsland eine Kompensation für den Ausfall der Arbeitskraft darstellen. Der tatsächliche ökonomische Impuls solcher Geldtransfers ist umstritten, und es bleibt unklar, ob ein Staat durch Auswanderung, Geldrücksendung und Rückwanderung in Summe eher profitiert oder verliert. Die Frage, ob Emigration einen Beitrag zur Entwicklung der Abwanderungsregion leisten kann oder ob sie im Gegenteil nur deren Unterentwicklung perpetuiert, wird in der Forschung unterschiedlich beantwortet (vgl. z.B. Papademetriou/Martin 1991).
Einige wenige Staaten des Südens verfügen allerdings über spezifische Konzepte zur Förderung des "Exports" heimischer Arbeitskräfte, zum Beispiel die Philippinen, Sri Lanka und Bangladesh, seit wenigen Jahren auch Indonesien. Damit wird einerseits die Hoffnung verbunden, die angespannte Lage auf den heimischen Arbeitsmärkten entlasten und gleichzeitig die im Ausland erworbenen Qualifikationen nach der Rückkehr der MigrantInnen im Land nutzen zu können. Vor allem aber sollen die im Ausland durch die MigrantInnen erwirtschafteten, in Summe meist beträchtlichen finanziellen Mittel in Form von Geldüberweisungen helfen, die wirtschaftliche und soziale Situation in der Heimat zu verbessern (Castles/Miller 1998:148f). Allerdings sehen sich all jene - Individuen, aber auch PolitikerInnen und WirtschaftsplanerInnen -, die Auswanderung als geeignetes Mittel zur Verbesserung der sozioökonomischen Situation der eigenen Person oder des eigenen Landes ansehen, einer Situation gegenüber, in der die Türen zu den meisten Staaten des Nordens bzw. Westens geschlossen sind, während die Ursachen von Migrationen bzw. der Bedarf nach gewanderter Arbeit weiterbestehen (Hammar/Tamas 1997).
Hinsichtlich der Auswirkungen auf das Zielland sind sich viele WissenschaftlerInnen und PolitikerInnen darüber einig, daß die Zuwanderung von Menschen unterschiedlicher Herkunft in ökonomischer, demographischer und nicht zuletzt in kultureller Hinsicht positive Auswirkungen auf die Aufnahmegesellschaften hat. Auf die Funktion von "Gast"arbeiterInnen aus den Peripherien für das westeuropäische "Wirtschaftswunder" der Nachkriegszeit wurde bereits hingewiesen (Nikolinakos 1973; Parnreiter 1994). Eine solche "Entwicklungshilfe der armen an die reichen Länder" (Kosack 1975) läßt sich auch in den USA beobachten. Branchen wie die kalifornische Landwirtschaft, die Fleischindustrie in Texas, Industrien für nicht dauerhafte Konsumgüter oder der niedrige Dienstleistungssektor sind von - dokumentierten und nicht-dokumentierten - ImmigrantInnen regelrecht abhängig geworden, und zahlreiche (allerdings nicht unwidersprochene) Studien zeigen, daß ImmigrantInnen der Wirtschaftsentwicklung der USA zusätzliche Impulse geben. Ungelernte Arbeitskräfte, insbesondere frühere ImmigrantInnen, sind von der Neuzuwanderung jedoch negativ betroffen, da sie die (Lohn-)Konkurrenz durch die Neuankömmlinge zu spüren bekommen (vgl. Portes/Rumbaut 1990; Vernez 1998; kritisch dazu: Borjas/Freeman 1992; siehe auch Biffl in diesem Band).
Gerade der letztgenannte Punkt gehört zu den brisanten Fragen, die im Zusammenhang mit internationalen Migrations- und Fluchtbewegungen besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. Tatsächliche oder vermeintliche Zusammenhänge zwischen Arbeitsmarktproblemen und sozialstaatlichen Aspekten rücken immer mehr in das Zentrum der Debatten um Zuwanderung, wobei die Neigung von PolitikerInnen und "einheimischer" Bevölkerung, der MigrantInnenbevölkerung die Schuld an gesellschaftlichen Problemen in die Schuhe zu schieben, immer größer wird (Biffl 1997; Gächter 1997). In einer Zeit zunehmender innergesellschaftlicher Verteilungskämpfe werden ImmigrantInnen als Bedrohungspotential präsentiert und imaginiert, das die soziale, ökonomische und politische Stabilität ebenso gefährde wie kulturelle Traditionen. Auf der Basis solcher Projektionen gelingt es, die wachsende Zahl "einheimischer" Deklassierter entlang ethnisierender Konzepte an die bestehende Gesellschaftsordnung zu binden. Allerdings wird in etlichen Ländern mit großer Intensität auch ein gegenläufiger öffentlicher Diskurs über Fragen der Integration geführt, d. h. über die volle wirtschaftliche, soziale und politische Gleichstellung der zugewanderten Wohnbevölkerung und deren Schutz gegen Diskriminierung.
Abwehrreflexe und Restriktionen prägen auch die Flüchtlingspolitik, humanitäre Gesichtspunkte traten spätestens seit Beginn der neunziger Jahre in den Hintergrund. Einwanderungs- und sicherheitspolitische Aspekte einerseits, populistisch-demagogische Ziele andererseits spielen in der Definition und Umsetzung der Asylpolitik eine immer größere Rolle, wie die - vor allem in Wahlkampfzeiten sich häufende - Polemik gegen den sogenannten Mißbrauch des Asylrechts zeigt. Zunehmende Fremdenfeindlichkeit und Aggressionen gegenüber ImmigrantInnen stellen deshalb eine zentrale politische und gesellschaftliche Herausforderung für die nächsten Jahrzehnte dar (Joly 1996; von Selm-Thorburn 1998). Diese Herausforderung ist umso größer, als die Faktoren, die das starke Anwachsen der Zahl internationaler MigrantInnen bewirken, aller Voraussicht nach ihre Wirkungskraft behalten werden. Grenzüberschreitende Wanderungen und Fluchtbewegungen werden deshalb auch Phänomene des kommenden Jahrhunderts sein.
Migrationspolitik, die im wesentlichen als Kontrolle der Staatsgrenzen und Regulierung der Zahl, Zusammensetzung und Integration der Zuwanderer verstanden wurde, zählte bis vor kurzem zu den Kernbereichen nationalstaatlicher Souveränität. Seit einigen Jahren zeichnet sich allerdings ein Wandel ab, weil offensichtlich wird, daß einzelne Staaten angesichts der globalen Dimension der Wanderungen nicht isoliert voneinander wirksame Handlungsstrategien entwerfen können. Migrationsfragen werden daher seit einigen Jahren zunehmend im Rahmen bilateraler und multilateraler Kooperationen behandelt. Bereits bestehende internationale Institutionen, die für den Migrationsbereich von Bedeutung sind, bieten zwar keine ausreichende Handhabe, um langfristige Herausforderungen zu bewältigen, betätigen sich aber in wichtigen Teilbereichen: beispielsweise Schutz von Flüchtlingen durch das Hochkommissariat für Flüchtlinge der Vereinten Nationen (UNHCR), Verbesserung der arbeitsrechtlichen Situation von MigrantInnen durch das International Labour Office (ILO), Analyse der Auswirkungen von Migration auf die Wirtschaft (OECD), Schutz von Flüchtlingen, MigrantInnen und Minoritäten, Migrationspolitik (Council of Europe), etc.
Seit Anfang der neunziger Jahre und in einem weiteren Schritt durch den Vertrag von Maastricht (1993) intensivierte sich die Zusammenarbeit der EU-Mitgliedsstaaten, wobei die Entwicklung einer gemeinsamen Zuwanderungspolitik sowie der Aufbau migrations- und integrationsrelevanter Strukturen auf der Tagesordnung stehen. Die EU-Beitrittskandidaten in Mittel- und Osteuropa sind in die westeuropäische Zuwanderungspolitik eingebunden und orientieren sich in ihren Einreisebestimmungen und Grenzregimen zunehmend an der Praxis der EU-Staaten. Mit dem Inkrafttreten des Vertrags von Amsterdam (1. Mai 1999) ist der Harmonisierungsprozeß innerhalb der EU weiter fortgeschritten, ein Großteil der Rechtsinstrumente für die Bereiche Migration, Asyl und Grenzkontrolle sind nunmehr Bestandteil der gemeinsamen EU-Politik und sollen im Zeitraum von fünf Jahren für alle Mitgliedsstaaten rechtsverbindlich werden. Im Gegensatz zur Abschottung nach außen stellt die Personenfreizügigkeit für EU-BürgerInnen neben dem freien Waren-, Kapital- und Dienstleistungsverkehr einen integralen Bestandteil des Europäischen Binnenmarktes dar. Das würde bedeuten, daß nach erfolgter EU-Osterweiterung eine Zone der Freizügigkeit für rund 500 Millionen Menschen entstehen könnte (Thränhardt/Miles 1995; Guild/Niessen 1996; Tomei 1997; Muus 1997; Angenendt 1997; Knapp/Langthaler 1998). Bestrebungen zu einer besseren überregionalen Koordination der jeweiligen Migrationspolitiken sind allerdings nicht nur auf Europa beschränkt. In den letzten Jahren, vor allem seit 1998, wurden etwa auch im asiatisch-pazifischen Raum verstärkt Schritte gesetzt, koordinierte Ansätze zum Umgang mit internationalen Wanderungsbewegungen zu entwickeln (vgl. Husa/Wohlschlägl in diesem Band).
Es wird von den sozioökonomischen Entwicklungen und den politischen Kräfteverhältnissen abhängen, ob diese Multilateralisierung der Migrationspolitik lediglich zu einer verstärkten Abschirmung der kapitalistischen Zentren durch militarisierte Außengrenzen führt, oder ob es auf diese Weise gelingt, eine Migrationspolitik zu realisieren, die menschenrechtskonformen Kriterien besser entspricht.
Aufgabe der Migrationsforschung und Aufgabe dieses Bandes ist es, Ursachen und Funktion internationaler Migration kenntlich zu machen, reale Entwicklungen und systemische Zusammenhänge offenzulegen. Erst auf dieser Basis wird es möglich, das aktuelle Migrationsgeschehen zu begreifen, Ziele, Möglichkeiten und Resultate der herrschenden Politik abzuschätzen und emanzipatorische Alternativen zu entwickeln.

Literatur

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Quelle: HSK/IE 17: Internationale Migration. Die globale Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Herausgegeben von Karl Husa, Christof Parnreiter, Irene Stacher. Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 2000 (Historische Sozialkunde/IE 17), S. 9-23.
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