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Daniela Ingruber, Martina Kaller-Dietrich

Mais: Einleitung

Quelle: HSK/IE 18: Mais. Geschichte und Nutzung einer Kulturpflanze. Herausgegeben von Daniela Ingruber, Martina Kaller-Dietrich. Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 2001 (Historische Sozialkunde/IE 18).

Dieses Buch widmet sich einer Kulturpflanze, die aus Lateinamerika stammt. Innerhalb des ersten Jahrhunderts nach der europäischen Invasion trat sie ihren Siegeszug um die Welt an. Mais ist heute das drittwichtigste Getreide neben Weizen und Reis. Mais hat eine Geschichte und schreibt Geschichte. Im Kontext des Kolonialismus wurde das Lebensmittel der präkolumbischen Götter und Menschen Mittelamerikas zur Arme-Leute-Kost degradiert. Heute werden vor allem Tiere mit Mais gemästet. Die asymmetrischen Macht- und Herrschaftsverhältnisse zwischen Norden und Süden spiegeln sich in der Geschichte und der Nutzung dieser Pflanze. Grund genug, dem Mais auf seinen historischen Spuren zu folgen und seine ernährungspolitische Relevanz zu prüfen.
Die vorliegenden Texte wurden für eine Ringvorlesung des Interdisziplinären MAS-Lehrgangs für Höhere Lateinamerika-Studien verfaßt. Dieser fand im Wintersemester 2000/2001 statt, durchgeführt vom Österreichischen Lateinamerika-Institut in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichte der Universität Wien. Dieser Sammelband reicht aber über den Status eines Vorlesungsmanuskripts hinaus. Es zeigt sich, daß sozial-, natur- und geisteswissenschaftliche akademische Disziplinen zusammengeführt werden können. Betont wird der transdisziplinäre Zugang in der Fragestellung und die interdisziplinäre Aufbereitung der zwölf Artikel im Buch, die sich mit folgenden Themen beschäftigen:
Martina Kaller-Dietrich eröffnet die Debatte um Mais und Kolonialismus, indem sie der Geschichte dieser Kulturpflanze in der Hand der Europäer nachgeht. Mais stillte den Hunger der Armen und bescherte den Großgrundbesitzern Südeuropas bereits im 17. Jahrhundert ein beachtliches Vermögen. Monokulturen und Landverknappung bereiteten der tödlichen Mangelerkrankung Pellagra den Weg unter den verarmten Bauern. Die Erfolgsgeschichte des Mais aber wurde in den USA geschrieben. Seine zentrale kommerzielle Stellung am Weltmarkt machte den Mais zum Lieblingskind der Biotechnologie und der Genmanipulation. Martina Kaller-Dietrich stellt diese Entwicklung in Kontrast zur In-Kultur-Nahme des Mais im vorkolonialen Mexiko.
In den beiden Artikeln von Martin Röser sowie Christian Vogl, Franz Raab und Brigitte Vogl-Lukasser werden Anbaumethoden und Naturgeschichte des Mais beschrieben: einmal aus der Perspektive des Botanikers, wobei Martin Röser nicht nur auf die Geschichte der Domestikation, sondern auch auf die verschiedenen Maissorten eingeht - und im zweiten Fall mit den Augen der Ökologen und Ökologinnen. Letztere haben sich als Ausgangspunkt ihrer Betrachtung die milpa bei den Chol-Mayas in Chiapas, Mexiko, ausgesucht - ein Beispiel für die Bedeutung des Mais aus der Subsistenzperspektive.
Die Historikerin und Sozialanthropologin Virginia García Acosta geht auf den Bruch in der Ernährungsweise ein, der mit der spanischen Invasion in Mexiko einsetzte. Die Speisen aus und rund um den Mais wurden faktisch und symbolisch stets vom Weizenkonsum herausgefordert. Die Autorin betont allerdings die Zentralität, welcher der Mais am Tisch der Mexikaner und Mexikanerinnen weiterhin einnimmt. Auch Elena Lazos Chavero bezieht sich in ihrem Aufsatz auf Mexiko. Sie schildert den Übergang vom Maisanbau zur Viehzucht, die mit dem Zurückdrängen der ejidos durch große Farmen das Ende der lokalen Selbstversorgung bedeutet. Die Entwicklungsexpertin weist auf den damit verbundenen Verlust von Identität der bäuerlichen Bevölkerung in der Zeit der Moderne hin.
Maria Dabringers Aufsatz hebt den Blick über den Mais hinaus auf zwei weitere Grundnahrungsmittel, die aus Lateinamerika stammen. Nach Jahrzehnten des Vergessens werden Quinoa und Amaranth wiederentdeckt und beginnen, mit der "Bewußt-Essen-Bewegung" zu boomen. Damit drohen die beiden Pseudogetreide vom Grundnahrungsmittel der Bauern zum Luxusgut für wenige zu werden.
Im anschließenden Beitrag findet sich der Mais bereits weit von seinem mittelamerikanischen Ursprungsgebiet entfernt am afrikanischen Kontinent wieder. Albert Wirz führt uns in das südliche Afrika, wo Mais längst zum vorherrschenden Getreide geworden ist. Er berichtet über die geschichtlichen sowie politischen und ökonomischen Hintergründe der Ausbreitung von Maisanbaugebieten und zeichnet dabei den Weg von der Hoffnung zur Armut. Sichtbar wird auch jene geschlechtliche Arbeitsteilung in der südafrikanischen Gesellschaft, die mit dem Hunger ihren Sinn verliert.
Eine andere Perspektive eröffnet René Kuppe, der sich mit Biodiversität und dem internationalen Sortenschutz am Beispiel der Maispflanze auseinandersetzt. Das Patentieren von Pflanzen und Nahrungsmitteln gab in den letzten Jahren Anlaß zu immer heftigeren Kontroversen. Der Mais spielt auch in diesem Zusammenhang eine Vorreiterrolle. Die Vorschläge und Widerstände für und gegen die Patentierung von Mais-Saatgut können auch auf andere Getreidesorten umgelegt werden.
Das Kochen von Mais ist in fast allen Gesellschaften Sache der Frauen, was in den altamerikanischen Mythen zu einer besonderen Verbindung von Schöpfung, Frauen und Mais geführt hat. Die Ethnologin Evelyne Puchegger-Ebner beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit der aktuellen Situation der Frauen bei den Tarahumara in Nordmexiko. Sie wählt den Blickwinkel der tesgüinada, einem Fest, bei dem das Maisbier, ausschließlich von Frauen zubereitet, im Mittelpunkt eines Rituals von Nehmen und Geben steht.
Gudrun Gusel und Corinna Milborn runden das Thema Mais mit einem literarischen Beispiel ab. In den vorangegangenen Artikeln wird bereits deutlich, daß Mais nicht nur ein außergewöhnliches Nahrungsmittel ist, sondern das Rückgrat der mexikanischen Küche und Kultur bildet. Laura Esquivels Roman "Como agua para chocolate" und dessen erfolgreiche Verfilmung regten die beiden AutorInnen an, die zitierten Rezepte auf die Herkunft der Zutaten zu untersuchen, sowie den europäischen Einfluß auf die Eßkultur Mexikos herauszuarbeiten. Sie tun dies anhand der Romanvorlage und laden zum Nachkochen ein.
Daniela Ingruber schließt mit einem kommentierten Glossar zu den wichtigsten Begriffen rund um den Mais und faßt die Literaturangaben aus den einzelnen Beiträgen zu einer gemeinsamen Bibliographie zusammen. Damit verdeutlichen die Herausgeberinnen den transdisziplinären Charakter des Gesamtkonzepts und möchten weitere Perspektiven für die Erforschung des ambitionierten Themas dieses Sammelbandes eröffnen.

Silz und Wien im August 2000


Quelle: HSK/IE 18: Mais. Geschichte und Nutzung einer Kulturpflanze. Herausgegeben von Daniela Ingruber, Martina Kaller-Dietrich. Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 2001 (Historische Sozialkunde/IE 18).
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