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Martina Kaller-Dietrich

Mais - Ernährung und Kolonialismus (Ausschnitt)

Quelle: HSK/IE 18: Mais. Geschichte und Nutzung einer Kulturpflanze. Herausgegeben von Daniela Ingruber, Martina Kaller-Dietrich. Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 2001 (Historische Sozialkunde/IE 18).

"Die Geschichtsschreibung feiert die Schlachtfelder, auf denen wir unserem Tod begegnen, aber sie verschmäht es, von den gepflügten Feldern zu sprechen, denen wir unser Leben verdanken; sie kennt die Namen der Bastarde des Königs, kann uns aber nicht die Herkunft des Weizens sagen. Das ist bezeichnend für die menschliche Torheit."
Jean Henri Fabre (Mooney/Fowler 1991:19)

Nahrungsmittel haben eine Geschichte und sie schreiben Geschichte. Noch gibt es wenige Einzelstudien zur Geschichte der Grundnahrungsmittel. Jene Getreide, die erst im Zuge der kolonialen Expansion auf die Teller der Europäer gelangten, sind stark unterbelichtet. Wie die Geschichten jener Menschen und Völker, die sie züchteten und kultivierten, gewinnen sie erst langsam Konturen (Wolf 1986). Bislang gibt es nur eine Monographie zur Geschichte des Mais, verfaßt vom mexikanischen Agrarhistoriker Arturo Warman. Bezeichnenderweise trägt sie den Titel: "Geschichte eines Bastards: Mais und Kapitalismus" (Warman 1988).
Um die Mitte des 20. Jahrhunderts hat die Wirtschafts- und Sozialgeschichte mit einer Haus- und Hofstaatsgeschichte gebrochen, welche den Alltag der Menschen in der Vergangenheit nicht registrierte. Im Gefolge der Historisierung der seit 1968 in den USA entstandenen Ethnic Studies sprechen wir von der Geschichte der materiellen Kultur, wenn es um die historische Verortung von Nahrungsmitteln geht. Die Historiografie zur materiellen Kultur wurde stark von Fernand Braudels erstem Band seines Monumentalwerks "Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts" geprägt (Braudel 1985). Allerdings fällt auf, daß die Geschichte der alltäglichen Ernährung nicht konsequent mit dem Phänomen des europäischen Kolonialismus in Verbindung gedacht und gebracht wird. Auch Braudel isoliert sein kurzes Kapitel über den Mais (Braudel 1985:163-168) von dessen Verbreitungsgeschichte im Zuge der europäischen kolonialen Expansion, indem er den Blick auf die präkolumbische Herkunft und Nutzung von Mais lenkt. Braudel argumentiert, daß es der Kultivierung von Mais als Grundnahrungsmittel zu danken sei, die nach seinen Angaben nur fünfzig Arbeitstage pro Jahr von der Aussaat bis zur Ernte erfordere, daß genügend Arbeitszeit übriggeblieben wäre, um die Bauern der mexikanischen Hochebenen in das "tyrannische Projekt" der Errichtung von "Monumentalbauten ägyptischen Maßes" zu zwingen (Braudel 1985:166). An diese Bewertung der präkolumbischen Verhältnisse anschließend verwickelt sich Braudel in Widersprüche zur Verbreitungsgeschichte des Mais in Europa: Demnach "vollzieht sich nach der Entdeckung Amerikas der Vormarsch des Maises inner- wie außerhalb Europas sehr langsam und erst vom 18. Jahrhundert an mit durchschlagendem Erfolg" (Braudel 1985:170). Weiter unten schreibt derselbe Autor hingegen: "Während sich der Mais in Europa und Afrika verhältnismäßig leicht einbürgern konnte, stieß er in Indien, Burma, Japan und China zunächst auf heftigsten Widerstand." (Braudel 1985:172)

Mais in der Hand der Europäer

Die Aneignung des Mais in Europa

Auch aus der Perspektive der Ernährungsgeschichte betrachtet zeigt sich der Kolonialismus unmäßig, wenn die Objekte der Begierde der kolonialen Expansion - Kontinente, Regionen, Länder, Rohstoffe, Arbeitskräfte und die exotischen Speisen - einverleibt werden. Die Verbindung der Begriffe Ernährung und Kolonialismus erinnern im Regelfall an die sogenannten "Kolonialwaren". Den klassischen Kolonialwaren, den Gewürzen, dem Zucker und den Stimulantien Tee, Kaffee und Kakao, wird von der geschichtswissenschaftlichen Forschung mehr Aufmerksamkeit gezollt als etwa der Verbreitungsgeschichte von Getreiden wie Mais oder Reis. Der deutsche Ernährungshistoriker Hans-Jürgen Teuteberg erklärt: "Im Grunde wissen wir viel mehr über die teuren Luxusgüter als über die billige und eintönige Alltagskost" (Teuteberg 1993:195) und hebt die Relevanz einer jüngeren Studie von Fritz Ruf hervor, die der historischen Bedeutung von Getreidespeisen gewidmet ist (Ruf 1993).
Der Mais wurde weltweit schneller und effizienter rezipiert als jedes andere Produkt aus den europäischen Kolonien der Neuen Welt. Das "amerikanische Korn" fand in den Hausgärten im Süden Spaniens und im nördlichen Italien bereits im 16. Jahrhundert Verbreitung. Mais verdrängte dort lokale Getreidesorten und ersetzte in den ärmeren Bevölkerungsschichten den stets knappen Weizen. Die Italiener nennen Mais auch "grano turco". "Sehr bezeichnend ist aber," schreibt Greben‚çikov, "daß der Mais bei den Türken ‚Ägyptisches Korn' heißt, bei den Ägyptern ‚Syrische Hirse'. In Persien nennt man Mais ‚Mekka-Weizen', in Abessinien ‚Hirse von der See' usw." (Greben‚çikov 1959:53). Unter den Bezeichnungen "Rhodosweizen", "spanischer Weizen" und "indischer Weizen" gelangte Mais nach Lothringen, in die Pyrenäen und nach Bayonne (Braudel 1985:169). Diese Beispiele zeigen, daß der Mais überall dort, wo man nicht genau wußte, woher er stammte, jedenfalls als fremdländische Pflanze und damit als Exotikum wahrgenommen wurde.
Die historische Forschung stimmt überein (Warman 1988:50), daß Christoph Kolumbus diese Pflanze anläßlich seiner ersten Reise auf der karibischen Insel Hispaniola kennengelernt hatte und in seinen Aufzeichnungen registrierte. Bei genauer Lektüre des Textes vom 16. Dezember 1492 könnte aber auch ein Typus von Süßkartoffel gemeint sein (Colón 1892:404). Das läßt Rückschlüsse auf ein noch früheres Kennenlernen des Mais durch die Europäer zwischen dem 2. und 6. November 1492 zu (Weatherwax 1954).
Mit der portugiesischen Expansion in Richtung Osten tauchte der Mais nicht einmal ein halbes Jahrhundert nach seiner ersten Registrierung durch den berühmten genuesischen Seefahrer in Indien und China auf. Ende des 16. Jahrhunderts berichteten Reisende bereits von Maisplantagen in Kleinasien. Von dort drang der Maisanbau bis ins 17. Jahrhundert nach Zentraleuropa vor - möglicherweise eine Erklärung dafür, weshalb der Mais in Italien auch als "grano turco" und noch heute im Deutschen noch als "türkisches Korn" bezeichnet wird. Jedenfalls leiten die unterschiedlichen Bezeichnungen über seine Herkunft ebenso in die Irre, wie der in Österreich gebräuchliche, aus dem Serbischen entlehnte Begriff "Kukuruz", der ebenfalls die Verbreitungsgeschichte des Mais vom Südosten in den Westen Europas dokumentiert. Im 17. Jahrhundert verdrängte der Mais in Westeuropa bereits den Hirsekonsum. Von der Hirse übernahm er im Französischen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts den Namen "millet". Erst nach der Französischen Revolution taucht in französischen Marktberichten der Name "maÄs" auf (Braudel 1985:170).

Weitere Kapitel:

Getreide - das tägliche Brot
Geschmack und soziale Distinktion
Die Wahrnehmung des Mais durch die Wissenschaft
Die Rache des Mais
Die Erfolgsstory des Mais in den USA
Mais und Viehzucht im Norden
Mais und Sklaverei im Süden
"König Mais" - Die Bedeutung von Mais für die US-amerikanische Alltagskost
Mais - das Lieblingskind der professionellen Pflanzenzüchtung
Maismenschen


Quelle: HSK/IE 18: Mais. Geschichte und Nutzung einer Kulturpflanze. Herausgegeben von Daniela Ingruber, Martina Kaller-Dietrich. Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 2001 (Historische Sozialkunde/IE 18).
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