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Peter Feldbauer

Einleitung: Bauernrevolten in der Dritten Welt

Quelle: HSK1: Bauern im Widerstand. Agrarrebellionen und Revolutionen in Ländern der Dritten Welt und im vorindustriellen Europa. Herausgegeben von Peter Feldbauer, August Gächter, Gerd Hardach, Andreas Novy. Wien u.a.: Böhlau, 1992. S. 9 - 17.

Im Verlauf der Geschichte ist es weltweit immer wieder zu Bauernunruhen gekommen, die meist schnell aufflammten, eine kurze Phase intensiver Beteiligung und Kämpfe durchliefen, um schließlich wieder relativ schnell zusammenzubrechen. Meist auf die Bauern einiger Dörfer oder weniger Distrikte beschränkt, erfaßten besonders erfolgreiche Bauernrebellionen bisweilen auch größere Regionen und erlangten durch überlokale Massenmobilisierung erhebliche Durchschlagskraft und etwas mehr Dauer. Selbst die berühmtesten Bauernerhebungen in vor- bzw. nichtkapitalistischen Gesellschaften blieben in der Regel eine Sache von Monaten und wiesen den typischen Rhythmus von Ausbruch, intensivem Höhepunkt und raschem Niedergang auf. Dies gilt für die Bauernaufstände im England des 14. Jahrhunderts, den Deutschen Bauernkrieg, die Bauernrevolten in den österreichischen Ländern und die Jacquerien französischer Bauern im 16. und 17. Jahrhundert ebenso wie für die frühneuzeitlichen Bauernerhebungen in China und Japan, die alle, trotz vieler kultur- und regionalspezifischer Besonderheiten, einen in etwa vergleichbaren Verlauf nahmen.
Während Bauernaufstände in den vom Prozeß kapitalistischer Industrialisierung erfaßten Staaten West- und Zentraleuropas seit dem 19. Jahrhundert im wesentlichen der Vergangenheit angehörten - die massive Beteiligung bäuerlicher Massen in den Kämpfen der Französischen Revolution stellt diesbezüglich einen Schlußpunkt dar -, kam es in den ökonomisch und soziopolitisch "rückständigen" Staaten wie Rußland oder auch Spanien bis ins 20. Jahrhundert zu gewaltsamen Aufständen der Bauern. In den ehemaligen Kolonien bzw. den imperialistisch dominierten Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas setzen sich diese bis in die Gegenwart fort. Während in den Industriemetropolen der Stellenwert des Agrarsektors erheblich abnahm und die Zahl - somit auch das politische Gewicht - der bäuerlichen Bevölkerung massiv schrumpfte, setzte in den wenig industrialisierten, abhängigen Staaten der sogenannten Dritten Welt vielerorts eine exportorientierte Kommerzialisierung und Kapitalisierung des Agrarsektors ein, die die traditionell-vorkapitalistischen Konflikte am Land weiter verschärfte oder überhaupt durch neue, meist virulentere Interessen-, Gruppen- und Klassengegensätze ersetzte. Die weltweite Verteilung der Bauernrevolten und der bäuerlichen Beteiligung an Revolutionen verlagert sich dementsprechend seit Beginn des 20. Jahrhunderts mehr und mehr in asiatische, lateinamerikanische und afrikanische Länder. Herausragende Beispiele dafür sind beispielsweise China, Vietnam, Mexiko, Kuba, Algerien oder Kenya (Dahlmann 1986, Wolf 1972, Skocpol 1979, dies. 1982, De Fronzo 1991).
Bereits die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, geprägt durch die verschärfte Großmächterivalität im Weltmaßstab, die verstärkte Ausbeutung aber auch kapitalistische Transformation der Kolonialimperien, die Restrukturierung der Weltökonomie, die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre, die Anfänge nationaler bzw. antikolonialer Befreiungsbewegungen und den Aufstieg des Kommunismus, hatte in vielen Weltteilen eine Zunahme von bäuerlichen Protestbewegungen und Bauernrebellionen verzeichnet. Dennoch erweisen sich insbesondere die einerseits im Zeichen von US-Hegemonie und Kaltem Krieg, andererseits von Dekolonisation und marxistischen Revolutionsanstrengungen stehenden Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg als Phase weltweiter Agrarunruhen und bäuerlicher Mobilisierung. Spätestens in den sechziger Jahren war den meisten Sozialwisssenschaftlern und Historikern der Industriemetropolen, die sich um ein angemessenes Verständnis der turbulenten Entwicklung in den Peripherieländern bemühten, klar geworden, daß der Agrarfrage und besonders auch den Strukturgründen der verbreiteten Bauernrevolten ein prominenter Platz bei der Erklärung der "modernen Welt" zufiel. Gleichzeitig ließ sich auch nicht mehr übersehen, wie wenig analytisches Potential die im Westen gängigen, ahistorisch-strukturalistischen oder psychologisierenden, allgemeinen Gewalt- und Konflikttheorien für die Erklärung von Revolutionen im allgemeinen und Bauernaufständen im besonderen besaßen (Goldstone 1991:17ff.).
Barrington Moore (1969) erwies sich in dieser Situation als Vorreiter eines neuen Verständnisses von Bauernrebellionen indem er demonstrierte, in welch hohem Maß die politischen Systeme des 20. Jahrhunderts, demokratisch oder autoritär, historische Wurzeln in spezifischen Formen von Agrarkonflikten und Agrarmodernisierung besaßen. Eric R. Wolf (1969 bzw. 1972) bezog sich viel entschiedener auf die peripheren Länder der Dritten Welt und argumentierte, daß es sich bei den großen Revolutionen des 20. Jahrhunderts grundlegend und generell um "Bauernkriege" handle. Indem das Vordringen des Kapitalismus den Zugriff der bäuerlichen Bevölkerung auf Land und sonstige Ressourcen sowie das gewohnte Funktionieren soziopolitischer Mechanismen unterband und somit die erprobten Methoden von Lebensführung und Produktion blockierte, sei es in den entsprechenden Ländern zur defensiven Mobilisierung großer Teile der Bauernschaft gekommen, die ihrerseits umfassende Revolutionsbewegungen ermöglicht hätten.
In den siebziger Jahren hat sich das Interesse an der Geschichte von Agrarkonflikten und Bauernrebellionen noch weiter verstärkt, sodaß inzwischen neben einer Fülle von Regionalstudien auch überaus qualitätvolle vergleichende Monographien mit erheblichem Generalisierungsniveau (Migdal 1974, Paige 1975, Scott 1976, Adas 1979, Popkin 1979, Skocpol 1979, Huizer 1980, Weller/Guggenheim 1982, Dahlmann 1986) vorliegen, deren Ergebnisse zwar in wichtigen Punkten recht widersprüchlich und bisweilen sogar diametral entgegengesetzt erscheinen, die aber dennoch einige grundlegende Annahmen über Gründe, Verlauf und Ergebnisse von Bauernerhebungen in Dritt-Welt-Ländern teilen. Die Behauptung von einem teilweise erreichten Konsens mag vor dem Hintergrund vielfach heftiger Forschungskontroversen paradox erscheinen. Sie wird aber verständlicher, wenn man zum einen davon ausgeht, daß das auf Lenin bzw. Trotzky rekurrierende geschlossene Theoriekonzept als allgemeines Erklärungsmodell inzwischen als weitgehend obsolet gilt und wenn man zum anderen die vordergründig unversöhnlichen Positionen der "Kulturalisten" und "Rationalisten" durch genaue Benennung des jeweiligen Untersuchungsgegenstandes hinsichtlich ihrer Schärfe und Angemessenheit hinterfragt.
Das traditionelle marxistisch-leninistische Klassenkampfmodell ging, grob vereinfacht, von zwei grundlegenden Phasen revolutionären bäuerlichen Widerstands aus, in deren erster die absteigende Klasse feudaler Landbesitzer durch eine Bewegung reicher Bauern, d.h. angehender Agrarkapitalisten herausgefordert wird, was wesentlich zur Transition von Feudalismus zum Kapitalismus beiträgt, während in einer späteren, zweiten Stufe die Mobilisierung armer Bauern und Landarbeiter die Überwältigung der kapitalistischen Agrarunternehmer einleitet und dem Sozialismus den Boden bereitet. Trotz erheblicher Verfeinerungen, die im Laufe der Zeit an diesem Theorieansatz vorgenommen wurden, erwies sich das postulierte Interpretationsmodell als wenig hilfreich für das Verständnis von Bauernerhebungen und Revolutionen in Ländern der Dritten Welt.
Die heftig geführte Debatte zwischen "Kulturalisten" und "Rationalisten", gut verkörpert durch die Kontroverse zwischen Scott (1976) und Popkin (1979), konzentrierte sich insbesondere auf den Streit um die Relevanz des Konzepts der "moral economy", demzufolge die spezifische Subsistenzethik der Bauern als zentrale Motivationskraft für Widerstand und Rebellion zu gelten hat. Unordnung und Bereitschaft zur gewaltsamen Verteidigung bewährter Lebensformen und Kulturwerte erwuchsen nach Ansicht der "Kulturalisten" immer dann, wenn die traditionellen Mechanismen zwischen kohärenten, vorrangig subsistenzorientierten Dorfgemeinschaften und machtvollen äußeren Protagonisten - Grundherren, Kolonialadministration - radikal in Frage gestellt wurden. Die Kritik der "Rationalisten" am Konzept der "moral economy" unterstrich die Fähigkeit der Bauern, rational und unter Hintanstellung überkommener Subsistenzerwägungen auf Marktchancen und auf politischen Wandel zu rEIAieren, wobei manche ihrer Aktionen rückwärtsgewandt oder sogar irrational erscheinen mochten, in der Regel aber überaus logisch den eigenen Interessen dienten und wenig Nostalgie für die "gute alte Zeit" verrieten. Nebenbei wurde den Kulturalisten auch immer wieder die Romantisierung untergegangener bäuerlicher Lebensformen vorgeworfen. - Trotz aller Heftigkeit sind die Gegensätze aber nicht so fundamental wie oft behauptet. Während die Kulturalisten sich vorrangig mit Bauernrevolten in vorkapitalistischen, wenig durchkommerzialisierten Gesellschaften beschäftigten und dafür einen sicherlich interessanten Interpretationszugriff eröffneten, interessierten sich ihre Diskussionsgegner viel eher für zumindest schon teilweise kapitalistisch transformierte Gesellschaften, zu deren Verständnis politökonomische Kategorien bürgerlicher oder marxistischer Provenienz sicherlich viel beizutragen vermögen, der Rekurs auf noch fortbestehende Formen von Subsistenzethik aber nur mehr zusätzliche Erklärungshilfen bieten dürfte (Edelman 1987: 22ff.).
Ohne die Vielzahl der weiterhin bestehenden Meinungsunterschiede mittels eines harmonisierenden Eklektizismus wegerklären zu wollen, scheint es beim gegenwärtig erreichten Forschungsstand daher zulässig, im Anschluß an Steve J. Stern (1987:5f.) einige jener Thesen zusammenzufassen, über die ein relativ breiter Konsens bei der Einschätzung von Bauernrebellionen in den Peripherieländern innerhalb von Weltwirtschaft und Weltsystem besteht.
Erstens stimmt die Mehrzahl der Wissenschaftler/innen inzwischen darin überein, daß die Inkorporation vorwiegend agrarischer, überseeischer Regionen in die kapitalistische Weltökonomie mittelfristig erhebliche Nachteile für die bäuerliche Bevölkerung nach sich zog und zur Destruktion des gewohnten Dorf- und Gemeindelebens sowie der bewährten Produktionsformen und Subsistenzstrategien beitrug. Traditionelle Werte und Sozialbeziehungen gerieten unter Druck, lokale Institutionen - bisher die Garanten eines Mindestmaßes wirtschaftlicher Absicherung und der Redistribution lebensnotwendiger Güter - verloren ihre Funktion, erprobte politische Strategien gegenüber Grundherren und staatlicher Zentralgewalt erwiesen sich als zunehmend wirkungslos. Das Resultat all dieser Probleme waren politische Unruhe und Protestaktionen, unter gewissen Umständen aber auch bäuerliche Mobilisierung und Rebellion.
Zweitens gilt es als relativ gesichert, daß die kapitalistische Penetration des flachen Landes die interne Differenzierung der Agrarbevölkerung in eine reiche Oberschicht und arme bäuerliche Massen vorantrieb. Durch das allmähliche Wegfallen des sozialen Zwangs zur prestigefördernden, redistributiven Ausgabe von Ressourcen, kamen die wohlhabenden Dorfeliten in die Lage, größere Teile ihres Reichtums in Investitionskapital zu verwandeln und zu Agrarkapitalisten aufzusteigen, während den Dorfarmen Landverlust und Proletarisierung drohten. Die Zukunftsperspektiven der "mittleren Bauern" erschienen unter diesen Umständen ebenfalls problematisch und unsicher. Für sie galt es, die eigenen Interessen durch Verteidigung erprobter Lebens- und Produktionsformen sowie politischer Autonomie längerfristig abzusichern. Dies mußte zwar nicht notwendigerweise, konnte aber zu gewaltsamem Protest und offener Revolte führen, die durchaus mit Unterstützung durch die landlosen bäuerlichen Unterschichten rechnen konnte.
Drittens wird allgemein akzeptiert, daß die verschiedenen Formen großer Bauernerhebungen und die unterschiedliche Lösung der Agrarkonflikte einen prägenden Einfluß auf die moderne politische Geschichte der entsprechenden Länder hatte - man denke nur an Mexiko, China oder Vietnam -, was natürlich nicht heißt, die Bauern umstandslos zu Hauptgewinnern oder gar zum siegreichen Kern erfolgreicher Revolutionen zu erklären.
Weniger Konsens besteht hinsichtlich der Rolle von subsistenzsichernden Strategien und dem Einfluß der "moral economy" für bäuerliche Protestaktionen und Rebellionen. Es ist aber nicht zu übersehen, daß entsprechende Erklärungsansätze für vorkapitalistische bzw. noch wenig kommerzialisierte Agrargesellschaften von der Mehrzahl der Wissenschaftler inzwischen ernstgenommen werden. Dies gilt auch, sieht man von den Anhängern eines strikten Klassenkampfmodells einmal ab, für mehr oder weniger revisionistische Marxisten. Wieweit die Werte bäuerlicher "moral economy" auch in Phasen verstärkter kapitalistischer oder "sozialistischer" Transformation ihre Wirksamkeit bewahren, ist freilich weiterhin Gegenstand kontroversieller Diskussion.
Nicht weniger umstritten ist die These von den "mittleren Bauern" als den eigentlichen Auslösern und Trägern gewaltsamen Widerstands, die beispielsweise von Wolf und Scott forciert wurde, ohne daß diese allerdings daraus einen strukturell reaktionären Charakter von Bauernbewegungen abgeleitet hätten. Damit ist eine Annahme angesprochen, über die lange Zeit ein ziemlich verbreiteter Konsens bestand, deren Überzeugungskraft inzwischen aber rasch schwindet. Gemeint ist die Einschätzung der Bauern als eine lediglich defensiv und rückwärtsgewandt auf externe, schwer zu durchschauende Faktoren rEIAierende Gruppe, die nur schwer über die Grenzen des eigenen Dorfes hinauszudenken vermöge, keine programmatischen Perspektiven entfalten könne und allzugern bei konservativen millenarischen Religionsführern Zuflucht suche, kurz: eine veränderungsunwillige, revolutionsuntaugliche, in dörflicher Dumpfheit brütende Masse. Die vielzitierte negative Bewertung der politisch konservativen französischen Bauern und ihres "reaktionären" Verhaltens in Revolution und Konterrevolution durch Marx mag zu diesem einseitigen Bild der Bauern maßgeblich beigetragen haben, das von vielen stadtorientierten Sozialwissenschaftlern bis in die Gegenwart als liebgewordenes Vorurteil gepflegt wird (Edelman 1987: 2ff.). In einer differenzierten historischen Analyse von Bauernerhebungen verschiedener Epochen und Kontinente hat dieses Zerrbild aber wohl nichts mehr zu suchen (Vgl. dazu Magagna 1991). Es gilt davon ebenso Abstand zu gewinnen wie von der insbesondere durch Lenin vorangetriebenen, bereits eingangs erwähnten Stilisierung des (unter)bäuerlichen Proletariats zur maßgeblichen revolutionären Klasse auf dem Land.
Die angeführten, auf wachsende Zustimmung oder auch Ablehnung, stoßenden Annahmen über Agrarkonflikte und Bauernrebellionen reichen zur Konstruktion eines verallgemeinernden Interpretationsmodells bzw. zur Formulierung einer einigermaßen kohärenten Theorie bäuerlicher Rebellionen in den im Prozeß kapitalistischer Transformation befindlichen Agrargesellschaften Außereuropas bei weitem nicht aus. Sie machen aber immerhin klar, daß Bauernerhebungen größerer Intensität oder bäuerliche Beteiligung an Revolutionen nur in den seltensten Fällen lediglich eine direkte Reaktion auf allmählich gewachsene Ausbeutung und Unterdrückung darstellten. Bauern ergriffen vielmehr häufig dann die Initiative, wenn sich zum einen die Koordinaten des traditionellen Sozial-, Herrschafts- und Ausbeutungssystems verschoben - sei es durch Bevölkerungswachstum, neue Produktionsformen und verstärkte Marktbeziehungen oder durch veränderte Bedürfnisse oder auch Möglichkeiten der Agrareliten und seitens des Staates - und/oder wenn sich, zum anderen, die Möglichkeit zu erfolgversprechendem Widerstand eröffnete, wofür sowohl dörfliche Mobilisierungskanäle und abnehmende Kontrollkapazität der Grundherren bzw. der Staatsorgane als auch die Intervention charismatischer Führer oder intellektueller Revolutionskader maßgeblich sein konnten (Goldstone 1991:22).
Die Neubewertung der Bauern als politische Akteure führt zunehmend zu Forschungen über die vielfältigen Formen alltäglichen bäuerlichen Widerstands. Diese ermöglichen nach Meinung mancher Autor/innen wertvollere Aufschlüsse über den soziopolitischen und ökonomischen Stellenwert der Landbevölkerung im historischen Längsschnitt und somit auch über deren gesellschaftsveränderndes Potential sowie die Möglichkeiten zu dauerhafter Verteidigung teilweiser Autonomie und eigener Interessen. James C. Scott revidierte aus diesem Grund sogar seine älteren Positionen indem er erklärte, Bauernaufstände wären viel zu selten und folgenlos, als daß man sie ernsthaft zu einem zentralen Untersuchungsgegenstand erheben sollte (Vgl. dazu Magagna 1991:22). Seiner Meinung nach bezieht sich ein Gutteil der gegenwärtigen historisch-sozialwissenschaftlichen Forschungen über Bauerngesellschaften nur deshalb weiterhin auf ebenso singuläre wie spektakuläre Rebellionen und Revolutionen, weil die marxistische Linke ihre insbesondere durch den Vietnamkrieg angeregte Suche nach bäuerlichen Trägern nationaler Befreiungsbewegungen noch immer nicht gänzlich aufgegeben hat und weil die historischen Archive, bedingt durch die spezifischen Interessen der Staatsmacht, wesentlich mehr und leichter zugängliche Quellen über die vergleichsweise seltenen Bauernerhebungen als über den für die Zentralbehörden gänzlich uninteressanten Alltag der Landbevölkerung enthalten (Scott 1985:XV).
Mag diese skeptische Bestandsaufnahme zutreffen oder auch nicht, es steht außer Debatte, daß die erst seit kurzem systematischer betriebene Untersuchung bäuerlich-alltäglicher Protestkultur und Widerstandsformen unser Bild der Agrargesellschaften in Afrika, Asien und Lateinamerika erheblich modifizieren wird. Wahrscheinlich wird es auf diese Weise möglich sein, Bauernaufstände stärker in die Kontinuitäten der Gesellschafts-Wirtschafts- und Politikentwicklung einzuordnen, was die manchmal überaus angestrengte Suche nach den spezifischen Ursachen eines Aufstandes sowohl erleichtern als auch relativieren dürfte und möglicherweise zu einer angemesseneren Einschätzung verschiedener bäuerlicher Gruppen als politische Akteure führen wird (Stern 1987). Ob es zur Etablierung gegensätzlicher Forschungsparadigmen kommen wird, wie dies bei Scott und anderen, stark sozialanthropologisch orientierten Wissenschaftler/innen anklingt, ist sicherlich nicht auszuschließen, scheint aber auch nicht zwingend.
Im vorliegenden Sammelband, der sich größtenteils aus den überarbeiteten Referaten einer im Sommersemester 1991 an der Universität Wien veranstalteten Ringvorlesung zusammensetzt und der vorrangig für den Gebrauch von Studenten, Lehrern und Dritte Welt-Aktivisten gedacht ist, wird der mögliche Gegensatz zwischen gewaltzentrierten und alltagsorientierten Analysen nur im Beitrag von Martina Kaller problematisiert. Die übrigen Autor/innen konzentrieren sich überwiegend auf die Analyse und Interpretation gewaltförmigen bäuerlichen Widerstands in seinen vielfältigen Formen und Konsequenzen. Dahinter verbirgt sich die Ansicht, daß Bauernrebellionen als Momente außergewöhnlicher Instabilität gute Möglichkeiten bieten, das oberflächlich bisweilen geradezu zeitlos erscheinende Equilibrium bäuerlichen Dorflebens auf seine internen Strukturen, Funktionsweisen, Hierarchien, Konflikte und Kulturmuster im zeitlichen Wandel zu hinterfragen. Dies nicht in der Absicht, um letztlich die revolutionäre Klasse in den peripherkapitalistischen Gesellschaften der Dritten Welt und damit die mehr oder weniger vorgezeichnete Lösung der anstehenden Probleme - seien es die Disparitäten, Engpässe und Zerstörungen abhängiger Entwicklung, seien es soziale Ungleichheit und Unterdrückung unvorstellbaren Ausmaßes - doch noch zu finden, sondern in der viel schlichteren Hoffnung, zum Verständnis der Agrarfrage in den wenig industrialisierten Peripheriestaaten unserer streng hierarchisierten Globalgesellschaft einige Hinweise zu liefern.
Der einleitende, stärker theoretisch ausgerichtete und vorrangig, aber nicht ausschließlich, auf die historische Entwicklung Lateinamerikas rekurrierende Beitrag von Hans-Jürgen Puhle: Bauern, Widerstand und Politik in der "Dritten Welt". Einige Vorbemerkungen über Begriffe und über die Leistungen und Grenzen bäuerlicher Resistenz liefert einerseits einen Problemaufriß und eine forschungspraktische, pragmatische Definition dessen, was in weiterer Folge unter dem Begriff Bauer verstanden sein soll - die entsprechende Diskussion um eine angemessene Begrifflichkeit füllt in der Bauernforschung inzwischen Bibliotheken und ist infolge logischer, sprachlicher und ideologischer Probleme nur mühsam vorangekommen -, zum anderen werden auch die zentralen Fragestellungen, Thesen und erkenntnisleitenden Interessen formuliert, auf die nach Möglichkeit in den weiteren Artikeln bezug genommen wird.
Der anschließende Beitrag Ernst Bruckmüllers beschäftigt sich in einem weitgespannten Vergleich mit der beeindruckenden Kette von Bauernaufständen des vor- bzw. frühkapitalistischen, frühneuzeitlichen West- und Zentraleuropa. In bewußtem Kontrast zu den Agrarrebellionen in Ländern der Dritten Welt soll dadurch der Blick geschärft werden für die weniger vertrauten konflikthaften Entwicklungen peripherer Agrargesellschaften in Außereuropa.
Die anschließenden länderbezogenen Fallstudien gliedern sich in zwei Gruppen. Zum einen handelt es sich bei den Beiträgen über Japan, China, Mexiko, Guatemala und Afrika südlich der Sahara um sowohl zeitlich als auch räumlich weitausgreifende Analysen, die entweder die verschiedenen Etappen einer langdauernden, überregionalen Bauernbewegung verfolgen, oder mehrere Bauernrevolten hinsichtlich ihrer Strukturähnlichkeiten interpretieren, oder überhaupt ein Bild von der bäuerlichen Widerstandskultur eines Landes anpeilen. Im Unterschied dazu sind die Artikel zu Indien und Kenya jeweils einem einzigen, lokal und auch zeitlich eher begrenzten Bauernaufstand gewidmet - Naxalitenbewegung und Mau Mau - was die Darstellung spezifischer Ursachen und Verlaufsstrukturen natürlich erleichtert. Im abschließenden Beitrag wird der Versuch unternommen, eventuellen Zusammenhängen zwischen der Weltwirtschaftskrise 1929/34 und bäuerlichen Protest- und Aufstandsbewegungen in mehreren asiatischen und lateinamerikanischen Staaten nachzugehen.
Mit einer einzigen Ausnahme stellen die Aufsätze des vorliegenden Readers Originalbeiträge dar. Lediglich der Artikel von Friedrich Katz ist bereits früher, unwesentlich verändert, in englischer Sprache in einem vom selben Autor herausgegebenen Sammelband (Katz 1988:521-560) erschienen. Für die kostenlose Überlassung der Abdruckrechte ist sowohl dem Social Science Research Council als auch Princeton University Press herzlich zu danken.


Quelle: HSK1: Bauern im Widerstand. Agrarrebellionen und Revolutionen in Ländern der Dritten Welt und im vorindustriellen Europa. Herausgegeben von Peter Feldbauer, August Gächter, Gerd Hardach, Andreas Novy. Wien u.a.: Böhlau, 1992. S. 9 - 17.
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