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Hans-Jürgen Puhle

Bauern, Widerstand und Politik in der "Dritten Welt"

Einige Vorbemerkungen über Begriffe und über die Leistungen und Grenzen bäuerlicher Resistenz

Quelle: HSK1: Bauern im Widerstand. Agrarrebellionen und Revolutionen in Ländern der Dritten Welt und im vorindustriellen Europa. Herausgegeben von Peter Feldbauer, August Gächter, Gerd Hardach, Andreas Novy. Wien u.a.: Böhlau, 1992. S. 19 - 44.

Das Verhältnis von Bauern, Widerstand und Politik kann in diesem einführenden Beitrag nur in relativ allgemeinen Thesen behandelt werden, die bestenfalls Vorbemerkungen sein können, insbesondere über die Begrifflichkeit von 'Bauern' und 'Bäuerlichem' und über die Leistungen und Grenzen bäuerlicher Resistenz, vornehmlich im 20. Jahrhundert, und hier vor allem in Lateinamerika, von dem ich mehr verstehe als von den anderen Südkontinenten. Die Bemerkungen sind in folgende Bereiche gegliedert:

In den Abschnitten "Bauern" und ihre Charakteristika und Bauern und Politik soll versucht werden, bestimmte Ausgangsfragen zu thematisieren und zu beantworten; in den anderen Kapiteln wird das dafür notwendige ausgewählte Material aufbereitet werden.
Die wichtigsten Ausgangsfragen sind die folgenden: Diese Fragen müßten zum einen allgemein und zum anderen hinsichtlich Lateinamerikas beantwortet werden. In der gebotenen Kürze werde ich sie hier sicherlich nicht ganz, manche dieser Fragen vielleicht nicht einmal hinreichend beantworten können.

"Bauern" und ihre Charakteristika

Was sind Bauern? In Kenntnis der langen und uferlosen Debatte, die darüber geführt worden ist, ist meine Antwort für den Zweck dieser Ausführungen: Bauern sollen alle Agrarproduzenten von niedrigem sozialen und politischen Status heißen, d.h. insbesondere, daß sie keine kapitalistischen Agrarunternehmer sind und nicht zu den politisch Herrschenden gehören. Barrington Moore hat darüber hinaus verlangt, daß Bauern zumindest früher einmal einen der ländlichen Oberklasse untergeordneten Rechtsstatus gehabt haben sollten und daß sie deutliche kulturelle Eigenarten aufweisen und einen beträchtlichen Grad tatsächlicher Verfügungsmacht über Land haben.
Im Gefolge eines Arguments von Eric Wolf ist besonders letzteres bestritten worden: Nicht die Kontrolle über das Land sei ein Charakteristikum für Bauern, sondern im Gegenteil, daß sie diese verloren hätten, ebenso wie die Kontrolle über die eigene Arbeit und die Gewinne aus dieser Arbeit. Übrig bleibt z.B. bei Wolf, daß Bauern Leute sind "that are existentially involved in cultivation and make autonomous decisions regarding the process of cultivation" (Moore 1974:140, Wolf 1966:3 f., Wolf 1969:XIV, zur weiteren Debatte vgl. insb. Landsberger 1969, Shanin 1971 u. 1973/74, Mintz 1973, Chayanov 1986). Dies schließt Pächter, Kleinpächter und Teilpächter ein, nicht aber die besitzlosen Landarbeiter.
Da ich beim Nachdenken über bäuerlichen Widerstand, Protest, Revolten und Organisation und Politik die Landarbeiter gern einschließen möchte und außerdem meine, daß es mit den "autonomen Entscheidungen" in der Realität, vor allem der Pächter, aber auch der "freien" Bauern nicht so weit her ist, habe ich mich erst einmal für die weitere Definition entschieden, also für die Gesamtheit der landwirtschaftlich produzierenden ländlichen unteren Mittel- und Unterschichten, wenn diese Übernahme städtischer Schichtungsbegriffe erlaubt ist. Diese Definition bezieht sich zunächst auf jene Gruppe, die wir in den Blick nehmen sollten, wenn wir über "Bauern in der Dritten Welt" oder in Lateinamerika sprechen, wobei "Bauern" selbstverständlich immer auch "Bäuerinnen" bedeutet.
Es ist klar, daß diese Gruppe außerordentlich heterogen ist und daß wir in der genaueren Analyse immer ausdrücklich zu differenzieren haben zwischen den unterschiedlichen, jeweils konkreten Ausformungen der in einem weiteren Sinne bäuerlichen Existenz, nicht nur zwischen Eigentümern verschiedener Größe und Autonomie, dörflichen Genossenschaftsbauern, Geldpächtern und Teilpächtern, Knechten, Mägden und gebundenen Zwangsarbeitern unterschiedlicher Rechtsform (Sklaven, Zwangsarbeitern, Schuldknechten oder im Familienverband auftretenden Abhängigen, Kleinsiedlern), sogenannten "freien" Lohnarbeitern, usw., sondern auch nach regionalen und produktspezifischen, sektoralen Unterschieden und nach der Größe und relativen Auskömmlichkeit einer Wirtschaft, die mehr oder weniger abhängig ist. Unterschieden werden muß auch zwischen reiner Subsistenzwirtschaft und dem, was gegebenenfalls darüber hinausgeht, nach der Marktnähe und dem Marktbezug, der Land-, Arbeits- und Steuerverfassung, den institutionellen Mechanismen der Dorfgemeinschaften und der Familienverbände sowie der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung. Und wir dürfen nicht vergessen, daß ein Bauer oder eine Familie als Produktionseinheit sehr oft nicht nur einem der zahlreichen genannten Typen zuzurechnen ist, sondern mehreren. Ein Mitglied einer bäuerlichen Familie kann durchaus gleichzeitig freier Bauer sein, auf eigenem Land, und Pächter sowie dienstleistender Teilpächter und Lohnarbeiter in der Nachbarschaft. Dies kompliziert die Analyse und macht unter Umständen manche Interpretation problematisch, da einseitig. "Bauer" in diesem Sinne ist kein reiner Typ, sondern eher ein ganzes Syndrom, das es zu entwirren gilt.
Gibt es nun gemeinsame Charakteristika, auf die man sich halbwegs verlassen könnte? Es gibt möglicherweise keine soziale Gruppe, über die so viele Legenden und stereotype Vorurteile im Umlauf sind wie über Bauern. Es gibt z.B. die These vom Individualismus der Bauern, von ihrem Konservatismus, gar ihrer reaktionären Haltung, oder - das andere Extrem - von ihren besonders revolutionären Neigungen und auch von ihrer ausgeprägten politischen Apathie und geringen Partizipation; daß sie selten oder nie Subjekt seien, wenig autonom und immer nur Objekt der Vorhaben anderer und der Politiker, daß sie neuerungsfeindlich seien, egoistisch und xenophob, landhungrig, aber schwer zu integrieren. Und anderes mehr. An manchen dieser Thesen ist nach den empirischen Befunden, die wir kennen, etwas dran, aber in der Regel sind sie alle falsch. Es scheint jedoch ein paar verläßliche Grundkonstanten zu geben, die sich zumindest mir in meiner Arbeit über Bauern und Agrarproduzenten in der "Ersten" und "Dritten" Welt, in Europa und Amerika, aber auch vielen Kollegen immer wieder bestätigt haben. Dazu gehören etwa die folgenden sechs Aspekte:

  1. Genausowenig wie in der Gesamtgesellschaft gibt es in der bäuerlichen Welt eine klare, dichotomische Trennung zwischen Tradition und Modernität. Die Lage ist gemischt und beides nebeneinander vorhanden.
  2. Bäuerliche Produzenten sind qua Beruf pragmatisch und realistisch. Sie sehen, was ist, lernen, Wahrscheinlichkeiten zu kalkulieren, und sie wissen auch um die Ungewißheiten des Ausgangs von Absichten und Projekten. Sie kennen ihre Interessen und können diese kurz- und mittelfristig benennen. Gegenüber ideologischen Höhenflügen sind sie in der Regel weniger anfällig als Lehrer oder Kaufmannsgehilfen. Um sie zu überzeugen, muß man an ihr konkretes Interesse appellieren. Hier liegt die Wurzel für den Konservatismusverdacht. Für Bauern, die Zugang zum Markt haben, gibt es in der Regel kein überzeugenderes Argument als die Anreize des Marktes (in der "Ersten" wie in der "Dritten" Welt). Für die, die keinen Zugang zum Markt haben, oder deren Zugangsmöglichkeit sich verschlechtert hat, richten sich die Anstrengungen vor allem auf die Wahrung der eigenen Interessen gegenüber den einschränkenden Mechanismen von Märkten und Herrschaft, gegen Ausbeutung und Unterdrückung, gegen Abhängigkeit und Willkür. Hier setzt bäuerlicher Widerstand ein, dessen Formen sich im einzelnen nach den konkreten Gegebenheiten richten.
  3. Da in den meisten nicht-angelsächsischen Ländern die liberalen Reformen der Agrar- und Arbeitsverfassungen des 19. Jahrhunderts, insbesondere die Liberalisierung und Individualisierung des Bodenrechts und die Geldablösungen der Dienste die Lage der kleinen und mittleren Bauern und der agrarischen Unterschichten verschlechtert haben, ist vielfach als Ausweg aus der Misere der Weg zurück zu den Zuständen vor den Reformen als bäuerliches Ziel anvisiert worden, vor allem die Wiederherstellung der dorfgemeinschaftlichen, genossenschaftlichen, kollektivistischen Institutionen und ihrer bescheidenen autonomen Freiräume als der "guten alten Rechte". Hier liegt die Wurzel des Vorwurfs der Reaktion oder der Rückwärtsgewandtheit, zumal dann, wenn solche Vorstellungen noch - ähnlich wie mancher Sozialbanditismus - messianisch aufgeladen sind wie im südspanischen Agraranarchismus, in der guerra de castas in Yucatán in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts oder in manchen andinen Seitentälern Südperus seit der Tupac Amaru-Rebellion um 1780, teilweise bis in unsere Tage.
    Die Feststellung von Eric Wolf, daß Bauern unter bestimmten Bedingungen nur revolutionär würden, um am Ende traditionell bleiben zu können (Wolf 1969:292), ist, glaube ich, nur eine Seite der Wahrheit. Die andere ist, daß traditionelle oder rückwärtsgewandte Forderungen sich mitunter als taktisch optimale Wege zur Verbesserung der Lage in der Zukunft anbieten, besonders in Zusammenhängen, in denen Bauern gewohnheitsmäßig erst den Beschwerdeweg einschlagen, bevor sie zur Pistole greifen. Über das Vorenthalten des "guten alten Rechts" kann man sich beschweren, über das Vorenthalten eines Zukunftsentwurfs nicht.
  4. Der "Individualismus" der Bauern (im Sinne von individueller Landnutzung und 'autonomer' Betriebsführung) ist ein Problem, aber kein einfaches oder eindeutiges: Einerseits ist er keine anthropologische Konstante. In vielen regionalen Traditionen stehen gemeinschaftliche oder genossenschaftliche Leitideen gleichberechtigt neben solchen individueller Landakkumulation und -nutzung. Das Paradebeispiel ist Mexiko. Wir wissen aus den Arbeiten der _moral economists_, daß oft der harte Zwang einer prekären Subsistenzbasis hinter der Suche nach kooperativen Arbeitsformen steckt (vgl. Wolf 1957 u. 1966, Scott 1976). In typischen Latifundiengebieten mit verdrängten Bauern oder Dorfgemeinschaften wird jedoch in der Regel eher das Verlangen nach Aufteilung des Landes artikuliert werden, es sei denn, die Landarbeiter, die teilweise auch Pächter oder Besitzer sind, haben in engerem Kontakt mit nicht-agrarischen Arbeitern bereits überwiegend gewerkschaftliche Orientierungen entwickelt und kämpfen primär für die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen und -löhne, wie z.B. seit den dreißiger Jahren auf den Zuckerhaciendas an der peruanischen Nordküste (Kammann 1990). Für letzteres gibt es aber auch Gegenbeispiele: Im mexikanischen Sinaloa haben sich auch die Tagelöhner gewissermaßen auf bäuerliche Weise organisiert und verlangen Land für sich und ihre Familien. Dies ist plausibel, da dort gewerkschaftliche Organisation bislang chancenlos war, das Recht auf Land aber seit 1917 verfassungsmäßig garantiert ist (Bennholdt-Thomsen 1982:171f.). Auf der anderen Seite können von bäuerlichem Individualismus geprägte Mentalitäten und die Abneigung gegen solidarische, kollektive Organisation und Aktion eklatante Hindernisse für bäuerliche Interessenwahrung, Organisation und politische Partizipation sein, wie es für Frankreich nicht nur Karl Marx im "18. Brumaire", sondern auch die christliche Landjugend der CNJA (Centre National des Jeunes Agriculteurs) schon früh erkannt hat: "L'individualisme, c'est l'ennemi" (Puhle 1975:230ff.).
    Die Individualisierung und oft Isolierung der Arbeit, gegenseitige Konkurrenz, der begrenzte Horizont und das Diktat des jährlichen Arbeitsrhythmus erschweren solidarische Anstrengungen und begrenzen die Kapazitäten für politisches Engagement (eine wichtige Wurzel des Apathie-Vorwurfs). Hinzu kommt, daß Bauer sein nicht nur ein Beruf ist, sondern auch eine Lebensweise und einen sozio-kulturellen Kontext eigener Art konstituiert, der die Suche nach nichtbäuerlichen Bündnispartnern nicht erleichtert, sondern eher Barrieren stabilisiert, jedenfalls zunächst. Außerdem wird auch die Versuchung zur Individualisierung der Interessenlage noch vergrößert:
    Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei aber nochmals betont, daß Bauern keineswegs nur in individualistischen Kategorien denken, sondern ebenso in gemeinschaftlichen, unter Umständen kollektivistischen. Primäre Bezugspunkte sind die Familie und die Dorfgemeinschaft, und auch der dritte zentrale Bezugspunkt, das Land, wird oft nicht als individuelles Gut, sondern als gebunden angesehen, und sei es im Rahmen der Familie.
  5. Ein ganz zentrales Charakteristikum, das in unserem Kontext besonders wichtig ist, ist die lokale, allenfalls noch regionale Einbindung der bäuerlichen Existenz, der bäuerlichen Arbeit und des bäuerlichen Lebens, ganz im Gegensatz etwa zu Kaufleuten und Händlern, und in der "Dritten Welt" noch viel mehr als in der "Ersten". Ein so großartiges Buch wie Eugen Webers "Peasants into Frenchmen", das die allmähliche "Nationalisierung" der Bauern in Frankreich im Zuge des Ausbaus der wirtschaftlichen Integration und der Kommunikationsstränge auf nationaler Ebene (wenn auch etwas zu sehr aus der Perspektive 'von oben') beschreibt (Weber 1976), könnte schon für Spanien oder Italien kaum geschrieben werden, aber ganz gewiß nicht für Bolivien, Mexiko oder Guatemala. Es gibt eigentlich keine (oder doch nur sehr vermittelt) "mexikanischen Bauern", sondern allenfalls solche in Morelos, Sinaloa, in bestimmten Zonen von Veracruz oder, noch kleiner, in La Laguna.
    Ein großer Teil der Bauern sind, wenn überhaupt, nicht in überlokale oder überregionale Wirtschaftsprozesse integriert, ihre sprachlich-kulturelle, ethnische, gelegentlich auch religiöse Identifikation ist lokal geprägt, ihr Einbezug in politische Koalitionen auf nationaler Ebene ist ungeheuer schwierig, meistens unmöglich, auf regionaler Ebene noch begrenzt. Vielfach werden aus der staatlichen Zentrale kommende Modernisierungsvorhaben auch abgelehnt, weil sie "fremd" sind, von außen kommen, keine autochthonen Ansätze und Wurzeln haben oder die lokalen Eigenarten in der Weise mißachten, wie das systematische Entwürfe oft tun. Wenn in einer solchen Situation die lokalen Ressentiments von entsprechenden, oft klerikalen und fundamentalistischen Agitatoren ausgebeutet werden, kann es zu den berühmten konterrevolutionären Bauernerhebungen kommen wie in der Vendée oder im Cristero-Aufstand im mexikanischen Westen der späten zwanziger Jahre, der auch ein Krieg der katholischen Kirche gegen den revolutionierten, laizistischen Staat war (Tilly 1964, Meyer 1973/74).
    Hier muß angemerkt werden, daß sowohl solch konterrevolutionärer klerikaler Fundamentalismus gegen den Staat als auch Bündnisse zwischen Kirche und Staat gegen aufrührerische Bauern zumindest in Lateinamerika nur eine Seite einer insgesamt mehr ambivalenten Rolle der Kirche in den sozialen Auseinandersetzungen widerspiegeln: Es gibt daneben auch eine Kontinuitätslinie des Einsatzes von (in der Regel allerdings in der Hierarchie nicht hochrangigen) Priestern zugunsten der Armen und Entrechteten und des "Fortschritts", die von Las Casas und den Propagandisten des "Indianerschutzes" über Hidalgo und Morelos in Mexiko bis zu dem Guerillero Camilo Torres in Kolumbien und zu den Theologen der Befreiung reicht.
    Aber auch anders gerichtete Erhebungen bleiben durchweg lokal begrenzt. Das Prinzip der Lokalität kann sogar größere Bedeutung bekommen als Berufs- oder Klassenlinien, Hautfarbe oder politischer Status: Bezeichnend sind hier zahlreiche von neo-inkaischem Messianismus durchtränkte Aufstände im peruanischen Cuzco von der späten Kolonialzeit bis in unsere Tage. Sie waren durchweg klassenübergreifende Unternehmungen, getragen von indianischen Bauern, oft besser gestellten Mestizen und den lokalen Machtträgern, den "caciques" verschiedener Hautfarbe (unter denen übrigens gelegentlich auch Frauen waren). Die Frontlinie war deutlich: Cuzco gegen Peru, und nichts anderes (Flores Galindo 1987, Miller 1987, Stern 1987, Cahill 1984 u. 1990, Glave 1990). Auch die gegenwärtige Guerilla des Sendero luminoso aus Ayacucho hat zunächst starke regionale Züge aufgewiesen.
  6. Bauern und agrarische Unterschichten befinden sich gewissermaßen strukturell im Widerstand gegen die Herrschenden, gegen die Umwelt und gegen die Zeitläufte; in Europa spätestens seit dem Durchbruch der Industrialisierung auch gegen ihre Dezimierung und Verdrängung. Auf letzteres und auf die Apparate agrarischer Interessenpolitik, die in diesem Kontext entwickelt worden sind und vor allem zugunsten der größeren, der reicheren und besser organisierten Agrarproduzenten funktionieren, kann ich hier ebensowenig eingehen wie auf die kleineren oder größeren kapitalistischen Agrarunternehmer, die Farmer in Großbritannien und in den USA. Diese gehören nicht zu unserem Thema (vgl. dazu Puhle 1975). In der "Dritten Welt" befinden sich Bauern noch viel mehr und viel länger strukturell im Widerstand, nämlich spätestens seit der Kolonisierung durch die Europäer. Der harte Kern der "Verdammten dieser Erde" besteht aus Bauern im Sinne unserer Ausgangsdefinition. Der gesellschaftliche und politische Rahmen, in dem sich hier Ausbeutung, Leiden und Widerstand der Bauern abgespielt haben, war durch eine besondere Faktorenkonstellation gekennzeichnet, zu der vor allem die folgenden Elemente gehören (die hier am Beispiel Lateinamerikas entwickelt werden und für die anderen Kontinente der "Dritten Welt" analog abzuwandeln wären):
    1. die Verdrängung der autochthonen vorkolonialen Agrar- und Arbeitsverfassungen mit in der Regel hohem Anteil genossenschaftlicher und kollektivistischer Züge, mit Gewalt, zugunsten der aufoktroyierten, europäisch inspirierten Institutionen, gelegentlich unter Nutzung einzelner autochthoner Mechanismen;
    2. die Herausbildung einer kolonialen Gesellschaftsstruktur und eines kolonialen Machtgefälles durch politisch-institutionelle Festschreibung, aber auf der Basis der sich entfaltenden Ökonomie eines abhängigen Kapitalismus;
    3. die Verfestigung dieses abhängigen Kapitalismus auch nach der Dekolonisation und nach dem Beginn der Industrialisierung, unter langer Beibehaltung der Mechanismen außerökonomischen Zwangs, bei gleichzeitigem Vordringen "modernerer" Produktionsweisen nach der Liberalisierung des Bodenmarkts und der zunehmenden Kapitalisierung landwirtschaftlicher Arbeitsverhältnisse seit dem 19. Jahrhundert;
    4. die Zunahme der Monokultur der großen Plantagenkonzerne, später der multinationalen Korporationen, und
    5. die verschiedenen, aber gleichgerichteten Versuche des 20. Jahrhunderts, von Staats wegen zu "modernisieren" und die Außenabhängigkeit abzubauen. Bauern und bäuerliche Bewegungen oder Organisationen haben in diesem Rahmen zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Regionen unterschiedliche Chancen gehabt. Ihr Widerstand war aber insgesamt persistent, wenn auch sehr unterschiedlich ausgeprägt, jedenfalls unter bestimmten Bedingungen. So viel in aller Kürze und notwendigen Vereinfachung summarisch zu den allgemeinen Charakteristika. Bevor ich nun, ebenso summarisch, einiges von dem zusammenzufassen versuche, was sich über bäuerlichen Widerstand sagen läßt, über dessen Träger und Formen, ist es notwendig, kurz einzugehen auf die unterschiedlichen Untergruppen der Universalkategorie "Bauern" und einige ihrer Probleme, auf die unterschiedlichen Koalitionsmöglichkeiten und das gesamtpolitische Umfeld im 20. Jahrhundert (Revolutionen und Reformen), und ein kurzes Resumé zu geben über eine Reihe von exemplarischen Bauernbewegungen in Lateinamerika.

Zur Differenzierung der "Bauern"

Hier ist zu reden über Institutionen, über die Landverteilung, über Arbeitsverfassungen und deren Übergänge, über den Marktbezug, im abhängigen Kapitalismus auch über dessen internationale Verflechtungen, über den technologischen Wandel, über die unterschiedlichen Typen von Bauern und landwirtschaftlichen Produzenten und über bäuerliche Migrationen und deren Bedingungsfaktoren und Folgen wie Unterbeschäftigung und Marginalität. Ich kann dies nur in Andeutungen tun. Wenn wir wieder von dem Beispiel Lateinamerikas ausgehen, so haben wir es im wesentlichen mit drei institutionellen Ausgangstypen von Landverteilung und Arbeitsverfassung zu tun: der indianischen Dorfgemeinschaft, der Hacienda und der Plantage.

  1. Die indianischen Dorfgemeinschaften finden sich besonders in den Gebieten der alten Hochkulturen, sind aber seit dem 19. Jahrhundert in einer neuen Welle noch einmal zusätzlich zurückgedrängt worden.
  2. Die koloniale hispanische hacienda und die Arbeitsverfassung der encomienda gehören eng zusammen. Ein conquistador bekam von der Krone außer einem bestimmten Stück Land auch das Recht auf die Arbeitskraft einer bestimmten Anzahl von Leuten, entweder auf dem Gebiet der hacienda oder aus den umliegenden Dorfgemeinschaften, zugewiesen (encomienda). Die hacienda war damit gleichzeitig ein Wirtschaftsunternehmen und eine soziale Lebenswelt voller Abhängigkeitsstrukturen und Abschöpfungsmechanismen, über die Steuern, über den Warenhandel, die Dienstpflicht der Dorfgemeinschaften und durch die Verbindungen zu anderen Zwangsarbeitseinrichtungen in den umliegenden Bergwerken oder Manufakturen. Diejenigen, die Zwangsarbeit leisten mußten, wohnten entweder mit ihrer Familie auf dem Gebiet der hacienda (acasillados) oder sie kamen (oft allein) von außen zur Arbeit. Es gab unterschiedliche Arten der Pächter und der Schuldknechte, sie arbeiteten für die Nahmärkte ebenso wie für die Fernmärkte (vgl. Liehr 1977).
  3. Plantagen sind demgegenüber kapitalistische Unternehmungen, die so gut wie ausschließlich für die Fernmärkte produzieren und entsprechend von den internationalen Preiskonjunkturen für die Monokulturprodukte, die sie erzeugen, abhängen. Die typische Arbeitsverfassung der Plantagen war die Sklavenwirtschaft, wobei die Sklaven der Karibik, des Isthmus, in Venezuela, Brasilien sowie in Ecuador, Kolumbien und Peru an der Westküste in der Regel, solange dies möglich war, neu importiert und nicht, wie in den Südstaaten der USA, selbst erzeugt wurden. Die Aufhebung zunächst des Sklavenhandels, dann der Sklavenarbeit und der Institution der Sklaverei überhaupt im Zuge des 19. Jahrhunderts führte dazu, daß sich um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert überall Mischverfassungen der Arbeit herausgebildet hatten, die zunehmend auch die kategorialen Unterschiede zwischen hacienda und Plantage verwischten. Der Weg zur "freien" Lohnarbeit (als der "fortschrittlichsten" kapitalistischen Form von ländlicher Arbeit) ist hier gepflastert mit einer ganzen Reihe sehr wichtiger Übergangsformen in den landwirtschaftlichen Arbeitsverfassungen, von denen insbesondere für Kuba und Brasilien das Kolonat (colonato, in Peru analog: enganche) untersucht worden ist, ein Pacht- und Siedlungsverhältnis der ganzen Familie, das auch ausdrücklich die Bedeutung der Frauenarbeit hervorhebt (vgl. Stolcke 1988 u. Scott 1985).

Im 20. Jahrhundert haben wir es dann in Lateinamerika überwiegend mit zwei unterschiedlichen Klassen von ländlichen Arbeitskräften zu tun: einerseits mit freien Bauern und andererseits mit Kleinpächtern und Lohnarbeitern. Die freien Bauern finden wir überwiegend in den noch existierenden Dorfgemeinschaften, dort, wo sich die haciendas noch nicht ausgedehnt haben, meist auf den schlechteren Böden. Die Zahl der bessergestellten "mittleren" Bauern ist dabei deutlich beschränkt. Wir finden sie ferner in entlegenen Seitentälern oder auf Bergen hinter den Plantagen in den Küstengebieten (z.B. in Peru), in Grenzregionen, auf dem Altiplano oder in den Reduktionen umgesiedelter colonos, die anderswo vertrieben worden waren (z.B. im kubanischen Oriente oder in Santander und Antioquia in Kolumbien). In Mexiko heißen sie auch rancheros, in Brasilien sitiantes. Zu den Kleinpächtern und Lohnarbeitern gehören, auf einer gleitenden Skala, in Institutionen, die teilweise noch die Mechanismen der alten Zwangsarbeit und Schuldknechtschaft widerspiegeln können, die peones, auf dem Altiplano auch pongos oder huasipungos, die inquilinos (eine den ostelbischen Instleuten nicht unähnliche neuere Form der acasillados), sowie die arendires (Teilpächter). Die "freien" Lohnarbeiter können fest oder saisonal oder im Tagelohn beschäftigt sein (braceros, jornaleros).
Wichtig ist, daß es vielfältige Mischformen gibt oder personale Identität zwischen Landarbeitern, Kleinpächtern und bäuerlichen Existenzen, insbesondere unter den Arbeitskräften der großen Zucker- oder Baumwollplantagen oder haciendas. Hier kommt es dann sehr darauf an, zu differenzieren zwischen bäuerlichen Mentalitäten und Organisationsformen einerseits, mit einer starken Bindung an ein bestimmtes Stück Land und dem Bestreben, den Landbesitz zu behaupten oder zu vergrößern, und der Mentalität eines landwirtschaftlichen Proletariats auf der anderen Seite, das gewerkschaftliche Forderungen stellt und in dem sich die Feldarbeiter oft an den organisationstechnisch "fortgeschritteneren" Werkstattarbeitern orientieren und in bestimmten Fällen (z.B. La Libertad an der peruanischen Nordküste) am Ende einer braven Angestelltengewerkschaft angehören (Kammann 1990: 174 ff., 343ff.). Gewürdigt werden muß auch die Persistenz der Repression durch die Mechanismen außerökonomischen Zwangs, die in der Landwirtschaft nicht geringer ist als in den Minen. Dazu gehören das truck-System, die Einrichtung von pulperías, die Spirale der Verschuldung und die Abhängigkeit von den Besitzern, von den Regeln der Polizei, vom Staat. Die Frage, wie revolutionär Landarbeiter (oder Kleinpächter) eigentlich seien, ist in der Forschung wie in der Politik unterschiedlich beantwortet worden: Lenin und Mao Tse Tung gingen - das konkrete Beispiel Rußlands und Chinas vor Augen - davon aus, daß die Landarbeiter wichtige Träger der Revolution seien (Lenin 1905, Mao Tse-Tung 1926 u. 1927). Eric Wolf hat das Gegenteil betont (Wolf 1969:276ff.). Im Hinblick auf die empirischen Ergebnisse muß man sagen, daß Landarbeiter in ihrer Mehrheit eher nicht sonderlich revolutionär sind, obwohl es gelegentliche Ausnahmen gibt, die oft aber relativ untypisch sind, wie z.B. in Chile nach 1970.
Nach der Aufteilung der vormals kollektiv gebundenen Ländereien (desamortización) und dem Ausbau der Monokulturen, insbesondere für Zucker und Baumwolle, ist es allerorten zur Ausweitung der haciendas und Plantagen und zur Verdrängung der auf ihrem Gebiet liegenden Dorfgemeinschaften gekommen: Beispiele dafür liefern Guatemala, Yucatán, Morelos, La Libertad (Peru) und Kuba. Die zunehmende Mechanisierung und Maschinisierung zusammen mit der Bevölkerungszunahme hat überdies zu chronischen Zuständen der Unterbeschäftigung geführt, die ihrerseits Migrationen in die Städte ins Werk gesetzt haben mit entsprechender Aufblähung der marginalen Sektoren, deren Bewohner aber kaum noch Kontakt zum Land haben. Auch die marginados sind bislang relativ wenig rebellisch gewesen, sie haben sich in bestimmten Ländern eher von den reformistischen Christdemokraten umwerben lassen (Chile). Wichtig für die Organisation der Bewegungen ländlicher Unterschichten ist immer auch die Marktnähe und die Stadtnähe. Die Nähe zur Stadt insbesondere ermöglicht den ländlichen Bewegungen im Kontakt mit städtischen Unterschichtenbewegungen einen Austausch von Erfahrungen und von Führern, der sich in der Geschichte Lateinamerikas im 20. Jahrhundert als besonders wichtig erwiesen hat (Morelos, Michoacán, Veracruz, Cochabamba/Bolivien, der kubanische Oriente).

Revolution und Reformen im 20. Jahrhundert und die Bauern

Das 20. Jahrhundert ist in der "Dritten Welt" das Jahrhundert der nationalen Befreiungsbewegungen oder der revolutionären oder reformistischen nationalrevolutionären und imperialistischen Populistenbewegungen. Diese Bewegungen haben ein deutlich artikuliertes emanzipatorisches Potential. Ihre wichtigsten Träger sind das lokale Bürgertum und die Mittelschichten. Der Appell an die Unterschichten, ans "Volk", wird von oben als gezieltes Mittel zu nation building und zur Vermehrung nationaler Integration eingesetzt, die ihrerseits oft den mühsamen Prozeß des state building abstützen müssen, der die wichtigste Voraussetzung für geplante und kontinuierliche Entwicklungspolitik ist.
Wer in den Ländern der "Dritten Welt" dauerhafte Entwicklungen anstrebt und ihre ökonomische und politische Abhängigkeit von der entwickelteren Welt abbauen will, muß politische und soziale Ressourcen mobilisieren und möglichst breite Koalitionen zur Abstützung dieser entwicklungsorientierten Politik zusammenbringen. Der Einsatz nationalistischer Ideologie und Rhetorik bietet sich dazu an. Nationalismus fördert die nationale Integration im Lande, läßt sich als Antiimperialismus nach außen wenden, lenkt ab von den sozialen Spannungen und Konflikten im Innern und rechtfertigt die Zumutung von Opfern ebenso wie den klassenübergreifenden Appell an alle, ans "Volk". In Ideologie und Propaganda weist er einen hohen Anteil populistischer Züge auf, die noch verstärkt werden durch die Gegnerschaft zu den altetablierten Oligarchien, den breiten Ausbau der nationalistischen Partei im Lande in möglichst allen gesellschaftlichen und Altersgruppen und Produktionssektoren, hohe Mobilisierungsraten, angeschlossene genossenschaftliche Organisationen (besonders auf dem Land) und die Legitimationsversuche charismatischer Führer durch Umverteilung oder vermehrte Verteilung und Massenmobilisierung bei gleichzeitiger Massenkontrolle. Die Beziehungen zwischen den primär städtischen nationalistischen Bewegungen und den Bauern sind schon auf Grund der lokalen Orientierung der letzteren sehr problematisch.
Dabei gibt es unterschiedliche Stufen: In den jüngeren dekolonisierten Ländern Schwarzafrikas, die oft noch von Stammesfehden zerrissen sind, sind die ersten Grundlagen für nationale und staatlich-politische Identifikation zu legen. Wie sehr populistischer Nationalismus und der topos von der "nationalen Revolution" dabei helfen können, zeigen z.B. die Fälle von Nkrumahs Ghana, Nyereres Tansania oder Kenyattas Kenia. Die indische Kongreßpartei erfüllt in einem anderen Kontext ähnliche Aufgaben. In Lateinamerika wird die Situation nur dadurch modifiziert, daß die Dekolonisation und die Erlangung der formalen Unabhängigkeit schon über 150 Jahre zurückliegen und so der "neue" entwicklungsgerichtete Nationalismus des 20. Jahrhunderts gelegentlich von Elementen eines - wenn auch nicht so sehr verfestigten - älteren, traditionalen, auch europäischen Vorbildern folgenden nationalen Selbstverständnisses überlagert wird (hierzu und zum folgenden vgl. Puhle 1986 u. 1973).
Ein erstes und grundlegendes Muster, geradezu ein Prototyp des heutigen Dritt-Welt-Nationalismus finden wir bereits bei den russischen Volkstümlern am Ende des 19. Jahrhunderts, städtischen Intellektuellen, die aufs Land gingen, um den Bauern klarzumachen, wie diese sich zu sehen hätten. Die narodniki waren gleichzeitig rückwärtsgewandt und revolutionär: Sie waren reaktionär, wenn sie eine romantisierte Agrargesellschaft wiederherstellen wollten, aber sie waren auch Vorläufer der Revolution, weil sie den gesellschaftlichen consensus aufkündigten, das zaristische System, das "Westlertum" und den Kapitalismus bekämpften. Dieser Kapitalismus war aber der importierte Kapitalismus der imperialistischen ausländischen Mächte. Der Nationalismus der narodniki war antiimperialistisch. In einem unterentwickelten Land ohne starke Bourgeoisie und ohne zahlreiche Arbeiterschaft stellte er die einzige Möglichkeit dar, die Suche nach neuen, angemessenen und bodenständigen Entwicklungswegen auf eine breite soziale Basis zu gründen.
Diesem Vorbild sind bis heute die zahlreichen populistischen Konzepte und Herrschaftsformen in den Entwicklungsländern gefolgt. In unterschiedlicher Weise verbinden sie antiimperialistischen Nationalismus mit sozialrevolutionären oder radikalreformerischen Absichten, insbesondere (wenn auch nicht überall) Plänen zur Agrarreform. Sie bekämpfen die eingesessenen Oligarchien und den Auslandseinfluß, und sie appellieren klassenübergreifend ans "Volk", vor allem an die Massen unterhalb der oberen Mittelschichten, jedoch nicht spezifisch an die Arbeiterschaft. Als Mobilisierungsinstrumente dienen ihnen außer Parteien insbesondere Gewerkschaften, Bauernorganisationen und Genossenschaften, Milizen und Agrarkommunen, in militärischen Entwicklungsdiktaturen auch Offizierslogen. Nahezu alle größeren Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas haben in diesem Jahrhundert Phasen prononciert populistischer und nationalistischer Politik aufgewiesen. Selbst der chinesische Maoismus hat gewisse Züge eines populistischen Nationalismus nicht verleugnet, die sich aus der Pflege nationaler Traditionen und vor allem aus der Konzeption der KPCh (Kommunistischen Partei Chinas) als einer Vielklassenpartei ergaben. Die zentrale Rolle der Bauern in der chinesischen Revolution ist allerdings in der Ideologie und in den strategischen Schriften Mao Tse Tungs wesentlich stärker betont worden, als sie in der Praxis wirklich gewesen ist. Der neue, prononciert antiimperialistische Nationalismus tritt in Lateinamerika im ersten Jahrzehnt der mexikanischen Revolution nach 1910 und dann vermehrt in den 1920er Jahren auch in anderen, größeren, entwickelteren, stärker urbanisierten und ansatzweise industrialisierenden Ländern in Erscheinung, vor allem in Mexiko, Argentinien, Brasilien und Chile. Ich kann jetzt hier nicht reden erstens von der traditionellen Schwäche des lokalen Bürgertums, das vom Staat und vom Ausland abhängig war, in dessen Interesse auch die Modernisierung stattfand; zweitens von dem interessanten Prozess des Versuchs der kulturellen Befreiung von Europa (oder später den USA) durch die Besinnung auf eigene Traditionen, wie z.B. die mexikanische Mestizenkultur und den indigenismo in Peru, der eine wichtige Funktion im Zuge der Gleichsetzung von "campesino" und "indio" hat (vgl. ausführlicher Puhle 1992). Ebensowenig kann ich drittens eingehen auf die Phasen der antiimperialistischen Bewegungen: Hier ist eine erste Welle linksliberaler, "radikaler" Bewegungen seit den zwanziger Jahren in Chile, Argentinien, vorher bereits in Uruguay, zu unterscheiden von den populistischen, nationalrevolutionären Bewegungen, Vielklassenallianzen, die immer auch Bauern einschlossen, sich in Mexiko, Bolivien, Kuba und Nicaragua revolutionär und in den meisten anderen Ländern reformistisch betätigten. Diese Bewegungen sind höchst verschieden in Bezug auf ihre soziale Basis, ihre Mobilisierungskanäle und ihre politischen Interaktions- und Herrschaftstechniken. Wenn man die Feinheiten wegläßt, kann man grob vier Gruppen unterscheiden:
Erstens die in der Regel alle Produktions- und Gesellschaftssektoren umfassenden Systeme zum Zwecke nachrevolutionärer Stabilisierung. Hierher gehören der PRI (Partido Revolucionario Institucional), die mexikanische Staatspartei der "institutionellen Revolution", und das bolivianische MNR (Movimiento Nacionalista Revolucionario) nach 1952, aber auch die frühe Castro-Bewegung in Kuba, bevor sie nach 1960 leninistisch wurde, und die sandinistische Bewegung in Nicaragua.
Zweitens sind die erfolgreichen autoritären populistischen Entwicklungsdiktaturen zu nennen, die gelegentlich in die Nähe des Faschismus gerückt werden, aber nicht faschistisch waren: der argentinische Peronismus und das Vargas-Regime in Brasilien. Beide stützten sich primär auf die städtische Arbeiterschaft; ihre wichtigsten Zubringer- und Mobilisierungsorganisationen waren die Gewerkschaften, ihre Legitimationshilfe wesentlich Verteilungspolitik.
Drittens gibt es eine Gruppe älterer demokratischer Reformparteien, die sich oft auch sozialdemokratisch nennen und eine breite Tradition nicht-autoritärer Entwicklungspolitik mit populistischer Absicherung etabliert haben. Ich nenne nur die APRA (Alíanza Popular Revolucionaria Americana) in Peru, Betancourts Acción Democrática in Venezuela, den Partido Liberación Nacional von Figueres in Costa Rica und Boschs Partido Revolucionario in der Dominikanischen Republik. In der Regel stützen sich diese Formationen auf Arbeiter, Angestellte und Bauern in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen. Auch die Studenten spielen eine wichtige Rolle.
Eine ganz ähnliche Politik verfolgen die jüngeren Gruppen eines vierten Typs, die Christdemokraten, vor allem in Chile, Venezuela und einigen Ländern Zentralamerikas, besonders El Salvador; auch die Belaúnde-Partei in Peru steht ihnen nahe. Sie unterscheiden sich von den älteren, "klassischen" Populistengruppen insbesondere dadurch, daß sie in größerem Umfang und mit einigem Erfolg auch die arbeitslose städtische Marginalbevölkerung ansprechen und zu mobilisieren versuchen. Auch sie sind nationalistisch und antiimperialistisch.
Die populistischen Regimes repräsentieren insgesamt eine schon fortgeschrittene Modernisierungsstrategie, die weitgehend an die der Radikalen anschließt und auf deren Vorarbeiten aufbaut. Ihre große Bedeutung beziehen diese Bewegungen auch aus der Schwäche weitergehender, etwa sozialistischer Reformbewegungen. Ihre Blütezeit haben sie insbesondere in den Jahren zwischen 1930 und 1965/73 gehabt. Danach sind sie oft abgelöst worden von bürokratisch-autoritären Regimes, Militärregimes mit umfassenden technokratischen Zielsetzungen gesellschaftlicher Kontrolle und Modernisierung, mit Alliierten im zivilen Sektor und im Ausland (vgl. Collier 1979 u. O'Donnell 1979). In der Phase der "Transitions from Authoritarian Rule", des Niedergangs autoritärer Herrschaft und der Redemokratisierung, die auf diese Militärregimes seit Anfang der achtziger Jahre gefolgt und inzwischen vermehrt erforscht worden sind (vgl. O'Donnell u.a. 1986), auch schon den interkontinentalen Vergleich ("Transitions" in Lateinamerika, Südeuropa und jetzt Mittel- und Osteuropa) angeregt haben, in dieser Phase des Regimewechsels haben die alten populistischen Nationalbewegungen oft wieder hohe Bedeutung erlangt, weil sie vielfach die einzigen nicht- autoritären Alternativen waren.
In Peru folgten zunächst auf die Militärherrschaft die Regierungen der christdemokratischen AP (Acción Popular) und schließlich der APRA. In Bolivien übernahm bis 1989 wieder das MNR die Macht, mit den alten caudillos aus den fünfziger Jahren; Victor Paz Estenssoro, der die Minen 1952 verstaatlicht hatte, privatisierte sie wieder im Jahre 1987. Das nachautoritäre Parteiensystem Uruguays entspricht im wesentlichen dem Parteiensystem vor der Militärherrschaft, mit der Modifikation, daß die Gruppen der nichttraditionellen "dritten" Parteien stärker geworden sind. In Brasilien haben - bis zum Wahlsieg Collor di Mellos - nach den Militärs insbesondere jene Gruppen dominiert, die sich auf die rechte und die linke Traditionslinie aus dem Varguismo berufen können. In Argentinien haben zuerst die Radikalen und dann die Peronisten wieder die Regierung übernommen, und auch im Prozeß der "transition" in Chile sind besonders die traditionellen Christdemokraten - trotz ihrer dubiosen Rolle im Jahre 1973 - und auf früheren Bewegungen aufbauende demokratische Sozialisten hervorgetreten.
Die bäuerlichen Anteile an diesen Regimes oder Bewegungen waren und sind in jedem Fall begrenzt. Sie waren am geringsten in Argentinien, Brasilien und Uruguay, und auch im Falle der Liberación Nacional in Costa Rica, im Falle der venezolanischen AD (Acción Democrática) und im Falle der peruanischen APRA. Auch in Chile waren die bäuerlichen Anteile sowohl im Fall der Christdemokraten wie im Fall der Unidad Popular nicht ausschlaggebend.

Bauernbewegungen in Lateinamerika

Auch hier muß ich mich wesentlich auf das 20. Jahrhundert beschränken, in dem jedoch auch ältere Traditionen weitergewirkt haben, zum einen in lokalen oder regionalen Kontinuitäten, zum anderen auch gelegentlich wie Versatzstücke relativ isolierter Verhaltensweisen. Wichtig ist seit der Kolonialzeit der Unterschied zwischen indianisch besiedelten und nicht indianisch besiedelten Regionen gewesen. In den indianisch besiedelten Regionen des "Zentrums", Peru und Mexiko, sind bereits den Unabhängigkeitskämpfen zu Beginn des 19. Jahrhunderts Massenaufstände mit sozialen Zielsetzungen (der Tupac Amaru-Aufstand und die von Hidalgo und Morelos geführten Revolten) vorausgegangen, wie es sie sonst nirgendwo in Lateinamerika gegeben hat, wo die "Unabhängigkeit" zunächst überwiegend eine Angelegenheit der regionalen Eliten blieb. Und in der weiteren ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlaubte es hier die notorische Schwäche der neuen Staaten, daß Bauernbewegungen gelegentlich auch in die Offensive gingen, wirkliche oder vermeintliche "alte Rechte" einforderten und sich mit regionalen caudillos gegen den Staat verbündeten. Erst mit dem vermehrten Einbezug Lateinamerikas in den Weltmarkt seit dem späten 19. Jahrhundert sind die defensiven Züge der bäuerlichen Erhebungen gegen Enteignung und Verdrängung wieder stärker geworden (vgl. Golte 1973 u. 1978 und die Beiträge von Katz und Coatsworth in: Katz 1988).
Die Mobilisierungsformen von Bauern im 20. Jahrhundert variieren in Lateinamerika wie auch anderswo in der Welt: Sie reichen von Dorfgemeinschaften und größeren Verbänden von Dorfgemeinschaften (wie in der Bauernarmee von Emiliano Zapata in Morelos, Mexiko) über Genossenschaften und Gewerkschaften bis hin zu Milizen und Banden sowie zu Guerilla-Gruppen. Geführt werden solche Organisationen - mit der Ausnahme von Dorfgemeinschaften - meist von auswärtigen und städtischen Eliten. Weiterhin wird immer zu differenzieren sein, inwieweit die Bauernbewegungen autochthon oder autonom bleiben oder ob sie kanalisiert werden von oben, oder jedenfalls von außen, was der gängige Fall in revolutionären Prozessen z.B. in Mexiko, Bolivien und Kuba gewesen ist. Oft ist dies auch in den Fällen reformistischer Modernisierung festzustellen, wie etwa in Venezuela im Verhältnis der 1935 gegründeten Federación Campesina de Venezuela zur Acción Democrática. Die nationalrevolutionären Populisten haben darüber hinaus oft auch Agrarreformen durchgeführt, und es wäre ein anderes wichtiges Thema, zu untersuchen, was Agrarreformen in Lateinamerika oder in anderen Teilen der "Dritten Welt" im einzelnen den Bauern angetan haben. Erfahrungsgemäß mißlingen sie immer, da sie die selbstgesetzten Ziele nie erreichen, und da selbst bei relativ gutem Ergebnis die Resultate in der Regel andere sind als die, die man beabsichtigt hatte (vgl. zu den Reformbewegungen u.a. Delgado 1965, García 1973, Hirschman 1973 u. 1975, zur Kritik Stavenhagen 1970, Feder 1971 u. 1973, Huizer u. Stavenhagen 1974). In Brasilien organisierten sich in der Epoche nach der autoritären Vargas-Herrschaft seit den fünfziger Jahren die Ligas Camponesas unter Führung des Rechtsanwalts Francisco Julião in Pernambuco und im Nordosten, in Gebieten also, die schon im 19. Jahrhundert gewisse Aufstandstraditionen (Balaiada) aufgewiesen haben. In diesen Bewegungen hat Paolo Freire zuerst sein später weltweit bekannt gewordenes Konzept der "concientização" praktisch erprobt. Der Militärputsch von 1964 setzte diesen Bewegungen ein Ende, und die neueren Bewegungen nach dem Ende der brasilianischen Militärdiktatur thematisieren insbesondere weiter im interior die Zusammenhänge zwischen bäuerlicher Existenz und der Umweltproblematik.
In Peru hat die klassische Populistenpartei APRA seit 1930 relativ wenig Erfolg in der Mobilisierung bäuerlicher Schichten gehabt, obwohl sie sich darum bemühte. Sie hat allerdings in vielen Fällen existierende Landarbeitergewerkschaften (etwa in La Libertad) gleichschalten und unter den Primat ihrer Politik bringen können. Die Unruhen der sechziger Jahre in La Convención (Cuzco) waren überwiegend ein Streik von Teilpächtern, die im Kaffeeanbau, den sie nebenher auf eigene Rechnung betrieben, relativ gut verdienten, gegen die Dienste, die sie noch zu leisten verpflichtet waren und gegen die entsprechende Zeitinvestition, die dem Kaffeeanbau entzogen wurde. Er wurde mit zum Anlaß für die zunächst umfassend geplante und mit vielen Vorschußlorbeeren bedachte Agrarreformpolitik des Militärregimes nach 1969. Die Bewegung von La Convención wurde geführt von dem Trotzkisten Hugo Blanco, und auch in zahlreichen Unruhen in Bolivien und in der Guerilla in Kolumbien in den sechziger Jahren sind trotzkistische Einflüsse städtischer Eliten unverkennbar (vgl. Craig 1969, Blanco 1972, Wolf 1973, Gott 1973).
Ein ganzes Trotzkismussyndrom finden wir in der zentralamerikanischen Guerilla seit den dreißiger Jahren. Trotzkistische Zielsetzungen und Interpretationen hatten eine große Attraktion für die radikalen städtischen Intellektuellen und Studenten mit dem Drang zur Tat, die oft zu den Führern bäuerlicher Bewegungen wurden (und die in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen vielleicht Anarchisten oder Blanquisten geworden wären). Trotzkismus war attraktiv, weil er die Persistenz des Widerstands thematisierte und weil er in den Jahrzehnten vor der Breitenwirkung der Revolutionen von Mao Tse Tung und Castro ein konkurrenzloses ideologisches Angebot mit internationaler Affiliation machen konnte. Über die eigentlichen Beweggründe oder Meinungen der Bauern sagen diese Zusammenhänge allerdings relativ wenig aus.
Trotzkistische Elemente, Versatzstücke oder Propagandapunkte finden wir in den dreißiger Jahren insbesondere in der Sandinobewegung in Nicaragua (nicht zu verwechseln mit der späteren Sandinistenbewegung, die keine Bauernbewegung, sondern eine klassenübergreifende Populistenbewegung war), die aus Bauernrevolten in den nördlichen Bergen der Segovias hervorgegangen war; in Salvador in der Bewegung von Farabundo Martí, die in der blutigen "Matanza" von 1932 niedergeschlagen wurde. Beide Bewegungen waren regional sehr eng begrenzt (vgl. Selser 1979, demn. Wünderich, problematisch Anderson 1971). Auch in den seit der Errichtung des Militärregimes im Jahre 1954 bis heute kontinuierlichen Repressionen, in der Gewaltsamkeit und Violenz in Guatemala finden wir eine dauerhafte Beteiligung von Bauern, insbesondere im Protest gegen die Repression auf den haciendas und Plantagen im Norden, und städtische Führungseliten, die Trotzkisten sind (z.B. Jon Sosa, Turcios Lima, vgl. Gott 1973:6-149, Jonas 1974:148 ff.).
In Mexiko finden wir neuere Bauernbewegungen seit dem Beginn der liberalen Landpolitik und der Ausweitung der haciendas in den 1840er Jahren. Die ganze zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts dauerte der Rassenkrieg in Yucatán, die guerra de castas, eine Bauernbewegung gegen die haciendas, die genau an der Grenze, an der Peripherie der besiedelten Regionen stattfand, die auch weiterhin anfällig für Bauernrevolten blieben (vgl. Buisson u. Riese 1978, Montalvo 1988). Die Grenzregion ist auch im Norden wichtig: Hier gab es den Aufstand der Yaqui-Indianer (vgl. Hu-De Hart 1988) und später insbesondere die Bewegung von Pancho Villa in der Revolution, die derzeit in Studien von Friedrich Katz und von Carlos Schulze untersucht wird. Die Bewegung von Pancho Villa war keine reine Bauernbewegung, sondern eine gemischte Bewegung von Militärkolonisten, Bauern, Banditen, ländlichen und kleinstädtischen Proletariern, die eine Berufsarmee mit bäuerlichen Zügen bildeten. Wenn den Soldaten Villas auch am Ende Land versprochen wurde, so war dessen Politik doch nicht primär auf Agrarreformen gerichtet. Im Gegenteil wurden die unter der Herrschaft von Pancho Villa enteigneten Latifundien staatlich verwaltet, und ihre Erträge flossen einer zentralen Kasse zu, die vor allem den Sold für die Armee finanzierte (vgl. Katz 1976 u. 1980a).
Der klassische Fall einer homogenen und reinen Bauernbewegung ist die Revolution in Morelos unter der Führung von Emiliano Zapata, in der die militärisch organisierten (und schlecht finanzierten) Dorfgemeinschaften Front machten gegen die Zuckerhaciendas, die sie zunehmend verdrängt hatten. Die Zapatabewegung ist gekennzeichnet durch bestimmte Stufen: juristischen Protest, dann politischen Protest, schließlich Gewalt. Ihr Agrarprogramm, das klar auf Landverteilung abzielte (Plan von Ayala) wurde zum Vorbild für die entsprechenden Passagen der mexikanischen Verfassung von 1917. Die Zapatabewegung war stark in ihrem eigenen Gebiet, außerhalb dieses Gebiets war sie schwach und unerfahren und konnte schließlich von den Armeen der Revolutionsgenerale zerschlagen werden (vgl. Womack 1968, Warman 1976). Auch die schwächeren Bewegungen von Primo Tapia in Michoacán und von Ursulo Galván in Veracruz blieben kurzlebig und erwiesen sich anfällig gegenüber der Gleichschaltung von oben (Tejeda in Veracruz) und insbesondere später durch die Partei- und Verbandsgründungen der sonorensischen Revolutionselite. Die Reformpolitik des Präsidenten Cárdenas in den dreißiger Jahren betonte noch einmal die agrarreformerischen Komponenten der mexikanischen Revolution und förderte gerade dadurch die endgültige Gleichschaltung aller regionalen bäuerlichen und ländlichen Bewegungen zum sector campesino der mexikanischen Staatspartei der Revolution (Fowler-Salamini 1980, Tobler 1984 u. 1988, González 1981, Hernández Chávez 1979). Unter dem von der Zapatabewegung inspirierten Verfassungsartikel konnten insbesondere landbesitzende Ausländer enteignet und große Latifundien zerschlagen sowie kollektive Betriebe (ejidos) errichtet werden, die 1960 43 Prozent der bebauten Fläche des Landes ausmachten. Eine letzte agrarreformerische Welle gegen Ende der fünfziger Jahre wurde ausgelöst durch Aufstände und Landbesetzungen in einigen traditionell resistenten nördlichen Gebieten (Cananea). Sie wurde jedoch weiterhin rückläufig, insbesondere durch die Ausweitung des Agrobusiness, z.B. des berühmten "Erdbeerimperialismus" in Michoacán, durch Kartellierung und Kommerzialisierung der Landwirtschaft (Simpson 1937, Huizer u. Stavenhagen 1974:382 ff.; Rott 1978, Feder 1980).
ng und MargiIn Bolivien hat es seit der Jahrhundertwende in bestimmten Gebieten mit freien Bauern vereinzelte Aufstände gegeben, von denen die bekanntesten die unter Führung von Willka Zárate nach 1898, diejenigen um 1927 und vor allen Dingen die Bauernbewegung von Ucureña in Cochabamba unter Führung von José Rojas seit 1936 gewesen sind. Die Forderungen der letzteren wurden außerdem auch von den aus dem Chaco-Krieg heimkehrenden militärischen und zivilen Reformeliten unterstützt. Die Aufnahme der von der Ucureña-Bewegung propagierten Forderung nach moderater Agrarreform in das Programm der späteren Revolutionspartei MNR wurde 1944 von den Organisationen der Großgrundbesitzer (die ebenfalls am MNR partizipierten) torpediert. Die Bauern konnten sich seit 1945 zunächst lediglich auf den Indianerkongressen artikulieren. Die MNR-Revolution von 1952 hatte zunächst kein Agrarprogramm. Erst ein Jahr später, 1953, konnte die Rojas-Bewegung ein umfassendes Agrarreformgesetz und eine entsprechende Beteiligung eines neuen Bauernverbandes, der CNTCB (Confederación Nacional de Trabajadores Campesinos de Bolivia), am nachrevolutionären Regime durchsetzen (Huizer u. Stavenhagen 1974:392-399). Die Agrarreform war in Bolivien (auf Grund der unterschiedlichen Höhenlagen und Bodenwerte) ungeheuer schwer durchzuführen, blieb immer wieder in Ansätzen stecken, hat aber einen hohen symbolischen und politischen Wert auf Grund der zum größten Teil gelungenen Integration der illiteraten indianischen Bauern in die (gelegentlich und tendenziell auch partizipatorischen) Bahnen nationaler Politik. In Bolivien hat es allerdings nicht wie in Mexiko Versuche zur Wiederbelebung kommunaler Betriebsformen gegeben. Auch in Bolivien bedeutete die Beteiligung der organisierten Bauernbewegung am nachrevolutionären Regime schon einen Schritt weg von dessen Autonomie. Einen weiteren entscheidenden Schritt zu deren Gleichschaltung und deren Einbau in das jetzt militärisch geführte Revolutionsregime war die Gründung der Bauernmilizen in Cochabamba durch den Präsidenten Barrientos seit 1964. Die Bauernmobilisierung in Santa Cruz durch den späteren Generalspräsidenten Banzer sicherte die caudillistische Hausmacht eines neuen, im Ansatz bürokratisch-autoritären Regimes, das auf dem Land durchaus auch Refeudalisierungstendenzen beförderte. Daß die bolivianischen Agrarreformen aber zumindest in bestimmten Gebieten in der Mentalität der Bauern Spuren hinterlassen hatten, zeigte auch 1967 die Erfolglosigkeit (mit Todesfolge) des Ché Guevara und seiner Guerilleros im bolivianischen Dschungel (vgl. Puhle 1970, Malloy u. Thorn 1971, McEwen 1975, Gott 1970: 467-561).
In beiden Fällen, Mexiko und Bolivien, brauchte das neue Regime die organisierten Bauern, übernahm dafür deren Forderungen nach Agrarreformen, schaltete sie später weitgehend gleich, ohne damit allerdings bäuerlichen Widerstand völlig ausschalten zu können. Periodisch kommt er hoch.
Auch die Revolution in Kuba war keine Bauernrevolution. Sie war die Revolution der von Castro geführten Bewegung des 26. Juli, der Bewegung einer kleinen Elite mit einem blanquistischen Aufstandskonzept. Von den 125 Mann, die an dem erfolglosen Sturm auf die Moncada-Kaserne im Jahre 1953 beteiligt waren, war kaum einer ein Bauer; auch unter den 82 Besatzungsmitgliedern der "Granma" (von denen 12 die erste Woche überlebten) war kein Bauer; die meisten waren revolutionäre Intellektuelle. Für den versprengten Haufen der dezimierten Castrobewegung war es allerdings ein Glück, daß sie sich in die Sierra Maestra im kubanischen Oriente zurückziehen konnte, denn nur in dieser Region war es möglich, auch auf dem Land Anhänger zu werben. Unter den in der Regel gewerkschaftlich organisierten Zuckerarbeitern im Rest des Landes wäre dies kaum erfolgreich gewesen. Die Sierra Maestra dagegen war ein Rückzugsgebiet aus der Zentralzone vertriebener Bauern mit eigenem Land (colonos), die dieses Land behalten und mehr Land erwerben wollten. Castro konnte hier erfolgreich sein wie sonst nirgends, weil er diesen Bauern eine Agrarreform versprach. Juan Martínez Alier und andere haben dann auch versucht, diese colonos als die "Ersatzbourgeoisie" in der kubanischen Revolution darzustellen (vgl. Mintz 1964, Wolf 1969:251-273, Szulc 1986, Martinez Alier 1972).
Wichtig ist allerdings gerade auch im Vergleich der drei größeren revolutionären Prozesse des 20. Jahrhunderts in Mexiko, Bolivien und Kuba, daß hier auch die Bauern, selbst wenn sie durchweg keine (oder nur in enger regionaler oder zeitlicher Begrenzung eine) führende Rolle spielten, am Ende von den unter Führung anderer Gruppen, in der Regel breiterer Vielklassenbewegungen eingeleiteten gesamtgesellschaftlichen Umwälzungen profitiert haben, in Mexiko durch die cardenistischen Reformen, in Bolivien zumindest durch die Ausweitung der Bürgerrechte und der Partizipation, in Kuba durch die frühen Agrarreformen, und in allen drei Ländern nicht zuletzt dadurch, daß die nachrevolutionären Systeme insgesamt sowohl für das alltägliche Leben als auch für die politische Artikulation der Bauern bessere Bedingungen boten als die vorrevolutionären Systeme: ein klassischer Fall für bescheidene und begrenzte, partielle und sektorale, immer relative, aber doch klar identifizierbare "Modernisierungsleistungen".
Nach diesem knappen Überblick können jetzt die Ausgangsfragen hinsichtlich der bäuerlichen Bewegungen wieder aufgenommen werden.

Bauern und Politik

Hier sind vier Punkte zu behandeln, die sich stichwortartig zuspitzen lassen auf die Fragen: wann? was? wer? und auf den Versuch eines Fazits.

  1. Wann brechen Bauernrevolten aus und wann organisieren sich Bauernbewegungen? Die vergleichende Forschung einiger Jahrzehnte hat hier beeindruckendes Material zusammengetragen. Es ist (erstens) insbesondere auf Momente absoluter und relativer Statusdeprivation verwiesen worden, auf gestiegene Erwartungen, die nicht erfüllt wurden, auf Schübe zusätzlicher Frustration und Verschlechterung der Lage, insgesamt also mehr auf Erscheinungen von Status-Inkongruenz als von absoluter Verelendung und Misere, und unter den Umweltfaktoren (zweitens) auf die Zündwirkung
  2. Welche Ziele haben Bauernbewegungen oder -rebellionen? Das überwiegende Muster scheint hier zu sein, daß die Ziele zunächst eng und gemäßigt sind und erst im Fortgang des Konflikts weiter gespannt werden. Die Radikalisierung erfolgt allmählich, in der Interaktion, die Violenz steht am Ende. Die Radikalität der Forderungen bezieht sich zuerst auf die Mittel und erst danach auf die Ziele. In manchen Fällen gibt es aufsteigende Sequenzen wie: Wiederherstellung bestimmter alter Rechte, Wiederherstellung der alten Ordnung, Landverteilung, Etablierung einer neuen Ordnung. Natürlich hängt die Entwicklung bäuerlichen Protests und seiner Ziele auch entscheidend ab von der Lage des jeweiligen Gegners, also vor allem der landwirtschaftlichen Großbetriebe der Region:
  3. Wer initiiert die Rebellionen oder organisiert die Bewegungen? Nach allem, was die vergleichende empirische Forschung dazu bisher zu Tage gefördert hat, sind es nicht die ganz Armen und ganz Entrechteten. Diese können nur ausnahmsweise und dann mit massiver Hilfe von außen erfolgreich sein, insbesondere der Hilfe von Armeen, wie in bestimmten Gebieten Mexikos, Rußlands oder Chinas. Initiatoren des Protests und Organisatoren der Bewegungen sind vor allem die, die Eric Wolf die "taktisch beweglichen" Bauern genannt hat, die weniger armen, weniger rückständigen, weniger isolierten, bessergestellten mittleren Bauern in relativ stadtnahen, relativ dicht bevölkerten Regionen.
    Wenn diese Regionen im staatlichen Kontext periphere Regionen sind, ist dies meist auch ein Vorteil, da die Kontrolle geringer ist und der Austausch über die Grenze möglich (vgl. den Norden und den Süden Mexikos sowie den Süden Chinas). Diese Bauern sind durchweg auch besonders sensibel für ökonomische und politische Veränderungen. Beispiele dafür finden wir in der Bauernbewegung von Morelos, in Cochabamba in Bolivien, im Osten Kubas und in Pernambuco in Brasilien sowie auch in bestimmten Gebieten Rußlands, in China (Kiangsi, Kwangdong, Hunan) und in Vietnam. Hinweise auf die mögliche Zusammenarbeit mit anderen Arbeitern, z.B. im Bergbau oder in der Industrie, bieten die Mobilisierungen in Cananea und La Laguna, Mexiko sowie auch Streiks und Agitationen in so gut wie allen Zuckerfabriken der Karibik und Zentralamerikas, in Brasilien, Ecuador und Peru.
  4. Was läßt sich zusammenfassend über Bauernbewegungen in Lateinamerika sagen? Es fällt auf, daß sie im ganzen relativ schwach waren, und dies nicht nur im Vergleich zu den gemeinhin für bedeutsamer und gewissermaßen "reiner" gehaltenen revolutionären Bauernbewegungen in China oder Vietnam, die übrigens auch so "rein" nicht waren. Die soziale Realität wird hier vielfach verdunkelt durch den ideologischen Stellenwert, der den Bauern als vermeintlichen Trägern der revolutionären Bewegung zugeschrieben wird. Auch in Lateinamerika gibt es diese Zuschreibung unter orthodoxen Linken, die sich auf Lenin und Mao berufen. Rodolfo Stavenhagen hat schon vor über 20 Jahren gegen jene "falsche" These polemisiert, daß nur die Allianz von campesinos und Arbeitern auf der Basis einer fälschlich angenommenen identischen Interessenlage beider Gruppen in Lateinamerika politischen Fortschritt erzwingen könne (Stavenhagen 1973:60-63).
    Schon die Arbeiterbewegungen sind, jedenfalls als autonome Bewegungen und nicht als Mobilisierungs- und Kontrollinstrumente irgendwelcher Regimes, in Lateinamerika im 20. Jahrhundert verhältnismäßig schwach - unter anderem auch ein Ergebnis des abhängigen Kapitalismus -, aber die Bauernbewegungen sind noch wesentlich schwächer gewesen und sie sind es noch, besonders in den größeren, entwickelteren Ländern.
    Sie sind lokal und meistens auch zeitlich eng begrenzt geblieben und haben nur selten autonome Strukturen gebildet, die weiterwirkten. Viele von ihnen sind von Anfang an stark von außen beeinflußt oder gar organisiert und geführt worden (von trotzkistischen oder Guerillagruppen oder Parteien), und insbesondere in den größeren Ländern mit bedeutenden revolutionären oder reformistischen Nationalbewegungen sind die stärkeren Bauernbewegungen in der Regel in die breiteren Kanäle der antiimperialistischen Populisten integriert worden, dominiert von Parteien oder Militärs. Wenn die Umstände günstig waren, wie in Mexiko oder Bolivien, konnten sie vorher die Berücksichtigung ihrer agrarischen Forderungen erzwingen, deren politische Verwaltung ihnen dann jedoch aus der Hand genommen wurde. Und in einer ganzen Reihe von Ländern geschah nicht einmal dies, z.B. in Argentinien, Brasilien, Venezuela oder Kolumbien.
    In Lateinamerika haben im 20. Jahrhundert Bauern keine Revolutionen gemacht, jedenfalls nicht allein und auch nicht primär. Sie haben einige Revolutionen unterstützt, wenigstens zeitweise, und konnten, allerdings selten, in bestimmten Phasen dieser Revolutionen entscheidende Akzente setzen, in Mexiko und Bolivien mehr als in Kuba und Nicaragua. In ähnlicher Differenzierung haben sie auch durchweg von den umwälzenden Modernisierungen der größeren Revolutionen profitiert. Auch ihre Rebellionen blieben begrenzt und haben selten die Politik bleibend prägen können, aus vielen Gründen, die in der Regel angelegt waren in jenen bäuerlichen Existenzbedingungen, die anfangs skizziert worden sind. Ihre Koalitionsfähigkeit und damit auch ihre Politikfähigkeit sind zweifellos begrenzt geblieben.
    Gleichzeitig hat aber, auch unterhalb dieser Schwelle, der persistente Widerstand der Bauern - auf welcher Stelle der Rebellionsskala auch immer - als ein permanenter Stachel im Fleisch nahezu aller lateinamerikanischen Gesellschaften gewirkt und - als struktureller Zwang - beständig den unzureichenden und ungerechten status quo in Frage gestellt. Hier scheint mir die wichtigste Funktion der bäuerlichen Resistenz zu liegen. Denn sozialer Fortschritt kann nach aller Erfahrung nur dann wirklich werden, wenn die, die ihn vor allem brauchen, ihn auch unüberhörbar einfordern.

(Für kritische Kommentare und Anregungen danke ich Friedrich Katz und Peter Feldbauer.)


Quelle: HSK1: Bauern im Widerstand. Agrarrebellionen und Revolutionen in Ländern der Dritten Welt und im vorindustriellen Europa. Herausgegeben von Peter Feldbauer, August Gächter, Gerd Hardach, Andreas Novy. Wien u.a.: Böhlau, 1992. S. 19 - 44.
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