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Michael Fanizadeh/Gerald Hödl/Wolfram Manzenreiter

Vorwort zu Global Players. Kultur, Ökonomie und Politik des Fußballs

HSK/IE 20: Global Players. Kultur, Ökonomie und Politik des Fußballs. Michael Fanizadeh / Gerald Hödl / Wolfram Manzenreiter (Hg.)Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 2002 (Historische Sozialkunde/IE 20).

"Für einige Menschen heißt der Gott Ronaldo" wusste der spanische Schriftsteller und Fußballfreund Manuel Vázquez Montalbán in der Le Monde diplomatique vom 15.8.1997 zu berichten. Der brasilianische Superstar schickte sich gerade an, das Erbe des genialen argentinischen Mittelfeldspielers Diego Armando Maradona als weltbester Fußballer anzutreten, und Montalbán trieb seine Huldigung noch weiter: "Ronaldo wird immer mehr als nur ein Fußballer sein. Er ist dazu verdammt, den postmodernen Sport zu verkörpern: den janusköpfigen Sport, der zum einen eine säkulare Massenreligion geworden ist, zum anderen ein multinationales Geschäft, das immer mehr seiner Einnahmen jenseits der sportlichen Sphäre erzielt." Ronaldo wurde dann allerdings nur zum tragischen Helden der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich, als er trotz einer akuten Erkrankung im Finale gegen Frankreich auflaufen musste. Bis heute liegen die Ereignisse rund um dieses Finalspiel im Dunkeln: Wer "befahl" den Einsatz Ronaldos, Brasiliens Verbandspräsident Ricardo Teixeira oder gar Teamsponsor Nike selbst?
Derartige Personen, derartige Begebenheiten sind der Stoff, aus dem die Fußballmythen sind. Zugleich sind sie aber auch jene Schnittpunkte, an denen sich ökonomisches Kalkül und sportliches Geschehen kreuzen. Kaum ein anderer Sport als Fußball vermag derart große Zuschauer-Kollektive in seinen Bann zu ziehen und setzt derart große Mengen von Bildern, Waren und Menschen in Bewegung. Fußball ist ein fester Bestandteil populärer Kultur (einer der wenigen, der sein Zentrum nicht in den USA hat) und als solcher zugleich Wirtschaftsfaktor und Prestigeobjekt.
Gründe genug für eine interdisziplinär zusammengesetzte Gruppe von WissenschaftlerInnen rund um das Projekt Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien, sich anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 den kulturellen Formen, dem institutionellen Rahmen und den ökonomischen Mechanismen dieses in den meisten Ländern der Welt hegemonialen Sportes zu widmen. Als mindestens ebenso bedeutsam wie der globale Stellenwert des Fußballsports erscheint uns der Umstand, dass sich an seinem Beispiel viele jener Strukturen und Entwicklungen zeigen, die den Lauf der Welt bestimmen: Zentrum-Peripherie-Beziehungen, Geschlechterverhältnisse, Rassismus, Globalisierung und vieles andere mehr. Nicht um Fußball als isoliertes Phänomen geht es im vorliegenden Band, sondern immer auch um die gesellschaftlichen Verhältnisse, in die er eingebettet ist. Und das auf globaler Ebene.
Anders als die meisten wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema Fußball (die im deutschsprachigen Raum ohnehin eine rare Spezies bilden) beschränkt sich der vorliegende Band nicht auf einzelne Länder. Im Mittelpunkt der geographisch definierten Kapitel stehen Profile und Interdependenzen unterschiedlichster Großregionen, von den westeuropäischen Zentren des Fußballs bis hin zur ostasiatischen Peripherie. Der Schwerpunkt liegt dabei - nicht zuletzt, um dem allgegenwärtigen (West-)Eurozentrismus der Fußballberichterstattung entgegenzutreten - auf ost- und außereuropäischen Regionen.
Bekanntlich war Fußball schon immer mehr als nur ein Spiel, und in der Perspektive dieses Buchs wird deutlich, dass Fußball eben auch ein Spektakel, ein inszeniertes Medienereignis, eine Wachstumsmaschine, eine Folie für Selbstdarstellungen und Projektionen nationaler Errungenschaften ist, ja sogar, dass er seine eigenen Wirklichkeiten erschafft. Wenn in einer strikt westeuropäischen Perspektive das Phänomen Fußball heute hauptsächlich in seinen ökonomischen Dimensionen gedacht wird, entspricht das der Logik einer spätkapitalistischen Werteordnung. Angesichts der exorbitanten Kapitalbewegungen, die von den phänomenalen Ablösesummen und Gehältern der Spieler und Trainer, den Einnahmen aus dem Verkauf der Fernsehrechte und den Börsenotierungen der Klubs hervorgerufen werden, brauchen keine weiteren Legitimationsfragen mehr gestellt werden.

Wem gehört der Fußball? fragt demgemäß Gertrud Pfister. Diese Frage stellt sich nicht alleine wegen seiner Kommerzialisierung, die den professionell betriebenen Fußball von seinen traditionellen Anhängerschichten zu entfernen droht, sondern auch vor dem Hintergrund kultureller Ansprüche und nationaler Traditionen. Für die "football supporters" von der Insel ist die Sache hinlänglich geklärt: "Football is coming home" hieß der Slogan der Europameisterschaft 1996 in England, und die Welt hat zu danken. Pfister beschreibt in ihrem Beitrag jedoch vor allem, wie dieses englische Spiel die Welt eroberte und seinen Siegeszug rund um die Welt antreten konnte. Spezifische Einblicke in diesen Erfolgslauf gewähren uns dabei Miklós Hadas mit seinem Fußball im sozialen Kontext: Ungarn 1890 - 1990 und Matthias Marschik, der seinen Blick auf Mitropa richtet und dabei die Konstruktionen 'Mitteleuropas' im Sport untersucht. Auch Roman Horak geht in seinem Beitrag der Frage nach, wie sich der metropolitane Fußball in Wien als fester Bestandteil einer urbanen Kultur entwickelte. Verständlich wird die eigentümliche, gleichzeitige Aneignung des Fußballs von Vertretern der Vorstadt- und der Kaffeehauskultur nur dann, wenn die komplexe Beziehung zwischen Hoch- und Popularkultur und ästhetischem Modernismus im Wien der Zwischenkriegszeit berücksichtigt wird. In diesen Beiträgen wird deutlich, wie sich die kulturellen Praxen des Sports unterscheiden und in ihren Strukturen doch ähnliche Muster hervorgerufen haben. In all den hier geschilderten Fällen hat sich der Fußball als Matrix für sehr unterschiedliche, zumeist in lokalen Traditionen verwurzelte Bedeutungen, Ideologien und Funktionen angeboten.
Dass dabei nicht immer nur die Männer am Zug sein müssen, wird oftmals verschwiegen. Über Frauenfußball in Zeiten der Globalisierung berichtet daher Rosa Diketmüller in ihrem Text, der die Probleme, aber auch das Potenzial des Frauenfußballs benennt. Frauenfußball und Frauen als Zuschauerinnen sind schließlich nicht ohne Grund ein "Zukunftsmarkt" für die Profitmaximierer in der Fußballökonomie, deren Schattenseiten nicht nur von traditionellen Fans, die um ihre Privilegien wie Stehplätze und Vollrausch fürchten, beklagt werden. In welche Richtung die ökonomischen Tendenzen zielen und wer die Akteure am Markt sind, zeigt Gerald Hödl bei seiner Bestandsaufnahme Zur politischen Ökonomie des Fußballsports. Dass die Medieninszenierung dabei totale Formen angenommen hat, zeigen Georg Spitaler und Lukas Wieselberg am prägnanten Beispiel der Fußballweltmeisterschaften und ihren Sponsoren: Think global, act local, kiss football.
Doch die Ökonomisierung und Transnationalisierung des Fußballs fordern auch ihre Opfer. Als ein Beispiel untersucht Jörg Zimmermann in seinem Beitrag über Fußbälle aus Pakistan die Sportartikelproduktion insgesamt und den Alltag der ProduzentInnen im Speziellen. Allerdings sind nicht nur die Ausbeutung von ProduzentInnen im Süden eine Begleiterscheinung des von Europa dominierten Fußballs. Spätestens seit den sechziger Jahren ist auch die Beschimpfung und Diskriminierung von "ausländischen"[warum ""??] Spielern ein ständiger Begleiter, wie Michael Fanizadeh und Markus Pinter in ihrem Aufsatz über Rassismus und Antirassismus im goldenen Zeitalter des Fußballs zeigen. Sie setzen sich in ihrem Beitrag mit der Frage auseinander, warum gerade im Fußball des späten 20. Jahrhunderts Anti-Rassismus-Kampagnen Hochkonjunktur haben und inwiefern sich diese Strategien zur Bekämpfung von Xenophobien in der Populärkultur anbieten. Ihre Bestandsaufnahme verdeutlicht, dass der Fußball als Teil der globalen Unterhaltungskultur und der neuen Dienstleistungsökonomie einerseits zur Verstärkung von Rassismus und Xenophobie beigetragen hat, anderseits zu ihrer Überwindung.
Neben Europa existierte in den Köpfen der Fußballbegeisterten jahrzehntelang nur Südamerika. Dass auch in Afrika oder Asien Fußball gespielt wurde, wurde lange Zeit nicht zur Kenntnis genommen. Kurt Wachter zeigt hingegen, wie alt und allgegenwärtig die europäisch-afrikanischen Fußballbeziehungen sind. Sein Beitrag über Fußball in Afrika beschreibt die Entwicklung vom Kolonialismus zum Postkolonialismus und die Chancen und Probleme des afrikanischen Fußballalltags heute. Und dass die Fußball-WM 2002 nicht allein aus paternalistischen Beweggründen nach Japan und Südkorea vergeben wurde, belegt Wolfram Manzenreiter in seinem Text über Japan und der Fußball im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit. Seine Fallstudie verweist nicht nur auf einen regionalen Fußballboom, sondern auch auf ein delikates Arrangement von wirtschaftlichen und politischen Interessen im Lande, die sich einerseits des Fußballs für ihre außersportlichen Zielsetzungen bemächtigen, andererseits aber auch von der Maschinerie des Fußballs in ihren Handlungen und Entscheidungen beeinflusst werden. Während Japan im vergangenem Jahrzehnt näher an das Zentrum des Weltfußballs herrücken konnte, besteht die Gefahr, dass eine Region, die neben Europa immer im Zentrum der Fußballgeschichte stand, unter Europas Räder gerät. Diese Entwicklung wird von Richard Giulianotti in seinem Beitrag über Fußball in Südamerika: Globalisierung, Neoliberalismus und die Politik der Korruption minutiös nachgezeichnet. Aber auch der Blick auf die Länder Afrikas, Asiens und Südamerikas zeigt wiederum die starke Bedeutung der kulturellen Komponente, denen der Weltsport Fußball seine lokalen und damit lokalisierbaren Eigenheiten verdankt. Um dieses Wechselspiel lokaler und globaler Faktoren, sportlicher und sportexterner Einflussfaktoren geht es diesem Band in erster Linie. Die Auseinandersetzung mit dem Fußball soll den Blick nicht von den Ereignissen ablenken, die sich hinter dem sportlichen Spektakel abspielen. Vielmehr soll in dieser Dokumentation von wissenschaftlichen Annäherungen an den internationalen Fußball die Wahrnehmung seiner Abhängigkeit von den gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Prozessen und Strukturen, in die er gebettet ist, geschärft werden.
Für die Autoren dieses Bandes ist weder Ronaldo ein Gott noch ist Gott rund, oder der Fußball sakrosankt. Das Wissen um seine Konstruktionsbedingungen, zu dem dieser Band in international vergleichender Perspektive beitragen will, ist ein wichtiger Beitrag zur Bildung einer kritisch-mündigen Fangemeinde des Weltsports Fußballs.

Literatur:

Manuel Vázquez Montalbán: Der Profifußball zwischen Mythos und Markt. Eine weltliche Religion auf der Suche nach Gott. In: Le Monde Diplomatique, Nr. 5305, 15.8.1997

Wien April 2002

Leseproben:

Gerald Hödl: Zur politischen Ökonomie des Fußballs

Jörg Zimmermann: Fußbälle aus Pakistan - Der globalisierte Alltag


HSK/IE 20: Global Players. Kultur, Ökonomie und Politik des Fußballs. Michael Fanizadeh / Gerald Hödl / Wolfram Manzenreiter (Hg.)Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 2002 (Historische Sozialkunde/IE 20).
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