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Gerald Hödl

Zur politischen Ökonomie des Fußballsports (gekürzte Fassung)

Quelle: HSK/IE 20: Global Players. Kultur, Ökonomie und Politik des Fußballs. Michael Fanizadeh / Gerald Hödl / Wolfram Manzenreiter (Hg.)Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 2002 (Historische Sozialkunde/IE 20).

Das Ruhrgebiet, Kernland der deutschen Industriegeschichte - mehr als hundert Jahre lang bildeten seine Kohle und sein Stahl jene Fundamente, auf denen die nationale Ökonomie ruhte. Doch so wie in den Zentren der Schwerindustrie im belgischen Wallonien oder im Norden Englands setzte in den 1960er Jahren der kontinuierliche Abstieg ein. Bergwerke wurden stillgelegt, die Industriefriedhöfe begannen sich auszudehnen.
So auch in Gelsenkirchen, das immer noch zu den größeren Städten des Ruhrgebiets zählt, obwohl seine Einwohnerzahl in den letzten Jahrzehnten auf deutlich unter 300.000 fiel. Im April 2000 wurde der Kohlenbergbau nach mehr als 130 Jahren eingestellt, die letzte Zeche geschlossen. 3000 Arbeitsplätze gingen verloren, die Arbeitslosigkeit stieg auf über 15 Prozent. Etwas mehr als ein Jahr später, im August 2001, wurde in Gelsenkirchen das modernste Fußballstadion Deutschlands eröffnet, die "Arena AufSchalke", in der - neben der Heimmannschaft Schalke 04 und der jeweiligen Gastmannschaft - bis zu 60.000 Zuschauer Platz finden. Die technischen Gimmicks umfassen ein komplett schließbares Stadiondach ebenso wie einen Rasen, der sich ins Freie rollen lässt (um dort das nötige Sonnenlicht zu bekommen), und den "größte[n] Video-Würfel Europas, der obendrein der erste in einem Fußballstadion weltweit ist" (www.arena-auf-schalke.de). Die Errichtungskosten von etwa 180 Millionen Euro schlagen sich in Eintrittspreisen nieder, die für ein Bundesligaspiel in der Saison 2001/2 von (durchaus moderaten) 8 Euro für einen Stehplatz bis zu 77 Euro für einen Sitzplatz in guter Lage reichen. Legt man Wert auf einen gepolsterten Sessel ("Business Seat") und den Zugang zum "stilvollen Business-Club ‚La Ola'", so kostet dieses Vergnügen je nach Lage zwischen 3100 und 4600 Euro pro Saison. Selbst die Bergbautradition findet Platz in diesem Ambiente: "mit Schalke-typischem Augenzwinkern" (www.schalke04.de/knappenkarte.htm) dienen die (Berg-)Knappen - nachdem man die letzten realen kurz zuvor entlassen hatte - als Namensgeber einer eigenen Stadionwährung. Wertkarten zu 10, 25 und 50 Knappen (wobei ein Knappe einem Euro entspricht) sollen den Verkauf von Bier und Bratwürsten beschleunigen und solcherart das Klubbudget in Höhe von etwa 60 Millionen Euro aufbessern. Parallel zur Infrastruktur modernisierte man die Organisationsstruktur und etablierte neben dem eingetragenen Verein Schalke 04 eine FC Schalke 04 AG sowie etliche Tochtergesellschaften (u.a. eine Stadion-Betriebsgesellschaft und eine Catering-Gesellschaft). Mehrheitseigentümer der Aktiengesellschaft, die vor allem die einträglichen Bereiche Marketing, Merchandising und Rechteverwertung abdecken soll, ist der Verein. Der Gang an die Börse scheint zwar nicht unmittelbar bevorzustehen, die Voraussetzungen dafür sind aber geschaffen.
Diese kurze Skizze vermittelt einen Eindruck davon, wie weit sich der europäische Spitzenfußball von jenen Zeiten entfernt hat, als die Stadien hauptsächlich von wetterfesten, vierschrötigen Stehplatzbesuchern bevölkert waren und sich die Vereine primär über deren Eintrittsgelder finanzierten. Die Veränderungen an der Oberfläche des Sports - die neuen Stadien, die massenmediale Inszenierung, die Allgegenwart von Firmenemblemen, die demonstrative Respektabilität der Akteure - verweisen auf eine strukturelle Transformation, die den Fußballsport zu einem der Kristallisationspunkte der Unterhaltungs- und Freizeitindustrie werden ließ. Die bis heute anhaltende Expansion dieses Wirtschaftssegments steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der über weite Strecken stagnativen Entwicklung der industriellen Produktion seit der Weltwirtschaftskrise der 1970er Jahre (speziell in den alten Leitsektoren wie der Schwerindustrie). In diesem ökonomischen Kernbereich wurden ab 1973/74 die Möglichkeiten der Kapitalverwertung auf Grundlage der vorherrschenden "fordistischen" Produktionsorganisation zunehmend prekär, die Profitrate sank. Folglich suchte das Kapital nach neuen, (potenziell) rentablen Anlagemöglichkeiten (Conert 2002:262f) - und fand sie vornehmlich im sogenannten tertiären Sektor, von Tourismus- über Software- bis hin zu Medienunternehmen. Die enormen Geldsummen, die seit den späten 1980er Jahren in den Fußballsport flossen (sei es über die exorbitante Steigerung der TV-Gelder oder den Börsengang von Fußballklubs), können wohl nur vor diesem Hintergrund begriffen werden. Bei der Fußball-WM in Frankreich 1998 verzeichnete allein das französische Organisationskomitee einen Umsatz von knapp zweieinhalb Milliarden Franc, nach heutiger Währung etwas weniger als 400 Millionen Euro; die TV-Rechte trugen dem Fußball-Weltverband FIFA umgerechnet knapp 90 Millionen Euro ein (vgl. Schulze-Marmeling 2000:187). Für die Fernsehrechte an den Weltmeisterschaften 2002 und 2006 legte die (mittlerweile finanziell schwer angeschlagene) KirchMedia-Gruppe ein Vielfaches dieser Summe auf den Tisch, insgesamt 2,8 Milliarden Schweizer Franken (umgerechnet ca. 1,9 Milliarden Euro; vgl. Soccer Investor Daily Bulletin, 4.2.2002). Auf Klubebene bewegt man sich - zumindest in Süd- und Westeuropa - in vergleichbaren finanziellen Dimensionen: Der Jahresumsatz von Manchester United lag laut Berechnungen der Consulting-Firma Deloitte & Touche in der Saison 1999/2000 bei 185 Millionen Euro, diesem Wert am nächsten kamen Real Madrid mit 163 Millionen Euro und Bayern München mit 145 Millionen Euro (http://european-football-statistics.co.uk/special/0201turnover.htm).

1. Fußball als Katalysator

Es wäre aber im Rahmen einer ökonomischen Gesamtanalyse deutlich zu kurz gegriffen, beschränkte man sich auf die Einnahmen und Ausgaben der Verbände und Vereine. Der Fußballsport liegt im Mittelpunkt eines Geflechts wirtschaftlicher Aktivitäten, deren bezifferbares Gesamtvolumen um ein Vielfaches höher liegt als die im Rahmen des Spielbetriebs erzielten Einnahmen.
Eine mehr oder weniger symbiotische Beziehung zum Fußball haben erhebliche Teile der Sportartikel- und Sportbekleidungsindustrie. Allein in Großbritannien wurden Ende der 1990er Jahre Replica-Trikots im Wert von mehr als 200 Millionen Pfund (320 Millionen Euro) pro Jahr abgesetzt (Office of Fair Trading 1999). Ein ähnliches Naheverhältnis besteht zur Medienindustrie: Fernsehsender und Printmedien (insbesondere Sportkanäle und -zeitschriften) verdanken ihre Konsumtion zu einem wesentlichen Teil der Attraktivität des Fußballs; Fußballbücher, -videos und -Computerspiele finden ebenfalls regen Absatz. Nur ein Teil der solcherart erwirtschafteten Einnahmen fließt an die Klubs und Verbände: Im Jahr 1997 etwa zahlte der britische Pay-TV-Sender BskyB 83 Millionen Pfund an die Vereine der englischen Premier LEIAue (Dobson/Goddard 2001:83). Im selber Jahr erreichte BskyB einen Umsatz von 1,2 Milliarden Pfund und einen Gewinn von 374 Millionen Pfund - und der überwiegende Teil dieses Geschäftserfolgs verdankte sich der exklusiven Übertragung von Live-Spielen der Premier LEIAue (Szymanski/Kuypers 1999:61). Beträchtliche Summen wurden vor allem seit den 1990er Jahren durch eine beträchtliche Zahl von Stadionum- und -neubauten in Bewegung gesetzt. Ursache dafür waren zunächst - als Reaktion auf die Stadion-Katastrophen von Brüssel 1985 und Sheffield 1989 - Initiativen des europäischen Fußballverbands UEFA und nationaler Verbände (vor allem der englischen Football Association), um in großem Stil Stehplatz- in Sitzplatztribünen umzuwandeln. In jüngster Vergangenheit standen dann vor allem Kapazitätserweiterungen bestehender Stadien sowie Neubauten im Vorfeld von internationalen Großereignissen im Mittelpunkt. Zwischen 1992 und 1999 investierten die Klubs der englischen Premier LEIAue insgesamt 844 Millionen Pfund (nach heutigem Wert knapp 1,4 Milliarden Euro) in ihre Stadien (Dobson/Goddard 2001:69), und wie das geplante neue Stadion von Arsenal London beweist, ist das Bauprogramm keineswegs abgeschlossen. Jede Kontinental- oder Weltmeisterschaft (gleichgültig ob in Frankreich, Mali, Japan oder Deutschland) bedeutet Großaufträge für die Bauwirtschaft, und bereits die Bewerbung als Austragungsort für ein derartiges Turnier vermag erheblich Geldmengen zu mobilisieren, wie aktuelle Beispiele in der Schweiz und Österreich zeigen.
Die Katalysatorwirkung des Fußballs reicht in den Tourismus ebenso hinein (insbesondere anlässlich der großen internationalen Turniere) wie in die New Economy. Im Jahr 2000 erreichte das an der Wiener Börse notierte Online-Wettbüro BetandWin einen Wettumsatz von insgesamt 17,3 Millionen Euro - 56 Prozent davon stammten aus Fußballwetten (Der Standard, 15.3.2001). In Großbritannien erreichen allein die konventionellen Fußballwetten einen jährlichen Umsatz von mehreren hundert Millionen Pfund, und während in Österreich die Toto-Umsätze aufgrund der Konkurrenz durch andere Glücksspiele auf knapp 20 Millionen Euro im Jahr 2000 abgesunken sind (Jahresbericht der Österreichischen Lotterien 2000), konnte sich in Italien Totocalcio zumindest bis Ende der 1990er Jahre als umsatzstärkstes Glücksspiel behaupten (Giulianotti 1999:102). Gerade im Bereich der Fußballwetten haben die wirtschaftlichen Verflechtungen globale Dimensionen, denn ein beträchtlicher Teil der Umsätze wird in Ost- und Südostasien erzielt. Die Summen, um die es dabei geht, sind so groß, dass sie Rückwirkungen auf das sportliche Geschehen selbst haben: Hohe Wellen schlug in England ein - bis heute nicht vollständig geklärter - Bestechungsskandal, bei dem der Torhüter Bruce Grobbelaar beschuldigt wurde, im Jahr 1994 Matchergebnisse im Auftrag ostasiatischer Wettsyndikate aktiv beeinflusst zu haben (vgl. u.a. The Independent, 19.1.2001)..

2. Klubfußball als Analyseobjekt

Jede einzelne dieser Fußball-induzierten ökonomischen Aktivitäten lohnte eine detaillierte Analyse, aber wir müssen es hier mit diesem kurzen Überblick bewenden lassen - und gleich eine weitere inhaltliche Reduktion vornehmen: Unser Hauptaugenmerk wird in diesem Aufsatz dem professionellen Klubfußball in Westeuropa gelten (ohne dabei die globalen Aspekte seiner Entwicklung aus den Augen zu verlieren). Zwar haben die internationalen Großereignisse wie Copa America, African Nations Cup, Europa- und Weltmeisterschaften, was die Massenwirksamkeit des Fußballs und damit die punktuelle Bedeutung für Sponsoren und Fernsehanstalten betrifft, Dimensionen, die internationale Spitzenspiele zwischen Klubmannschaften deutlich in den Schatten stellen. Dennoch handelt es sich dabei lediglich um die alle paar Jahre stattfindenden Fachmessen des Fußballsports, der Betriebsalltag sind die nationalen Meisterschaften und (für die Top-Vereine) die internationalen Klubwettbewerbe. Aufgrund der Permanenz dieses Betriebs übertreffen schließlich auch seine ökonomischen Effekte jene der von Nationalteams bestrittenen Turniere.
Zumindest in sozialpsychologischer Hinsicht zweifelhaft erscheint hingegen die These (Miller u.a. 2001), dass analog der Verschiebung des Kräfteverhältnisses zwischen transnationalen Konzernen und Nationalstaaten auch die Bedeutung der Klub- gegenüber den Nationalmannschaften zugenommen habe. Nicht nur, dass - bei vergleichbarem Stellenwert des Matchs - Spiele eines Nationalteams im Regelfall nach wie vor von einem signifikant größeren Teil der jeweiligen Bevölkerung verfolgt werden, auch die affektive Wirkung dürfte größer sein: Einerseits aufgrund nach wie vor emotionalisierender nationalistischer Rituale, andererseits scheinen sich in den letzten Jahren angesichts der immer manifester werdenden Warenförmigkeit des Profi-Klubfußballs die Vereine ihren Anhängern zunehmend entfremdet zu haben (vgl. Conn 1997:207ff) - eine Entwicklung, von der die Nationalmannschaften deutlich weniger betroffen sind.
Gerade die zunehmende Warenförmigkeit des Profi-Klubfußballs ist es aber, die ihn als Analyseobjekt so interessant erscheinen lässt (abgesehen davon, dass sich beispielsweise die Strukturen des Arbeitsmarkts nur auf dieser Ebene untersuchen lassen, da Spieler Angestellte eines Klubs und nicht nationaler Verbände sind). Während Kontinental- und Weltmeisterschaften in den letzten drei Jahrzehnten primär eine quantitative Expansion der umgesetzten Geldsummen und eine stärkere Funktionalisierung zum Werbeträger erlebten, kam es im Bereich des Profi-Klubfußballs zu massiven quantitativen und qualitativen Transformationen, und dies auf mehreren Ebenen: veränderte Organisations- und Eigentumsstrukturen, Transnationalisierung und Diversifizierung der Aktivitäten, Deregulierung und ökonomische Konzentrationstendenzen sowie weitere Phänomene, die deutliche Parallelen zur allgemeinen sozioökonomischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte aufwiesen..

3. Deregulierung und Polarisierung

3.1. Kräfteverhältnisse

Im Zentrum dieser Dynamik stehen der west- bzw. südeuropäische Klub-Fußball, und hier wiederum die fünf weltweit bedeutendsten Ligen (sowohl die Reputation als auch den Umsatz betreffend): die englische Premier LEIAue (die Budgets aller Premier-LEIAue-Klubs zusammengerechnet beliefen sich in der Saison 1999/2000 auf eine Gesamthöhe von 855 Millionen Euro), die italienische Serie A (aggregierte Klubbudgets 1999/2000: 694 Millionen Euro), die spanische Primera División (613 Millionen Euro), die deutsche Bundesliga (580 Millionen Euro) sowie - mit einigem Abstand - die französische Première Division (370 Millionen Euro; alle Zahlen laut Dobson/Goddard 2001:30). Demgegenüber beliefen sich beispielsweise die aggregierten Klubbudgets der österreichischen Bundesliga (mit allerdings lediglich 10 Klubs, gegenüber 18-20 in den großen Ligen) in der Saison 2001/2 auf lediglich 67 Millionen Euro (Der Standard, 10. Juli 2001). Die Schweizer Nationalliga A bewegt sich in ähnlichen Dimensionen.
Ein Blick auf die bereits erwähnte, von Deloitte & Touche erstellte Liste der weltweit 40 umsatzstärksten Vereine der Spielsaison 1999/2000 (http://european-football-statistics.co.uk/special/0201turnover.htm) bestätigt die wirtschaftliche Dominanz der genannten Ligen und zeichnet ein klares Bild der ökonomischen Kräfteverhältnisse: Unter diesen 40 Vereinen befinden sich 12 englische, 7 italienische (davon fünf unter den ersten zehn), 6 deutsche, 5 französische und 2 spanische (beide - Real Madrid und FC Barcelona - unter den ersten zehn). Der erste Klub aus einer kleineren europäischen Liga sind die Glasgow Rangers auf Rang 15 (mit einem Umsatz von 81,7 Millionen Euro), als einziger Verein aus der europäischen Peripherie findet sich Galatasaray Istanbul auf Rang 30, gefolgt vom ersten außereuropäischen Verein, den Boca Juniors aus Argentinien (52,4 Millionen Euro). Im letzten Viertel der Liste befinden sich drei weitere außereuropäische Vereine: Zwei aus Brasilien (Corinthians und Flamengo) und einer aus Argentinien (River Plate) - allerdings stammen die Zahlen aus der Zeit vor dem argentinischen Wirtschaftskollaps, daher wären nach heutigem Stand in finanzieller Hinsicht wohl die zwei brasilianischen die einzigen außereuropäischen Klubs, deren Budgets sich mit jenen der europäischen Top-Teams einigermaßen messen könnten.
Eine Topographie des europäischen Klubfußballs müsste von den fünf großen Ligen als Zentrum ausgehen, um das herum sich eine Gruppe kleinerer Ligen mit einigen wenigen sehr finanzstarken Klubs in den großen Städten gruppiert (Portugal, Niederlande, Schottland, Belgien, Griechenland und Türkei). In weiterer Folge zeigt sich ein kontinuierliches Gefälle Richtung Osten bzw. Norden, beginnend bei Ländern wie Dänemark, Österreich und der Schweiz, die aufgrund ihrer Wirtschaftskraft trotz eines stark limitierten Fußballmarktes (Stadionbesuch und TV-Zuschauer) relativ hohe Sponsor-, TV- und Eintrittsgelder generieren können, und endend mit Ländern wie Georgien und Weißrussland, in denen nur wenige Vereine in der Lage sind, einen regulären Profi-Betrieb aufrechtzuerhalten. Ausnahmen innerhalb dieses West-Ost-Gefälles sind Vereine aus den Großstädten Kiew und Moskau, deren beträchtliche Budgets sich (so wie beim norwegischen Sonderfall Rosenborg Trondheim) in hohem Maße aus der regelmäßigen Teilnahme an UEFA-Konkurrenzen und aus Transfers von Spielern nach Westeuropa speisen.
Entgegen der weit verbreiteten Überzeugung, dass im Fußball alles möglich sei, gehen finanzielle Potenz und sportlicher Erfolg Hand in Hand und verstärken einander wechselseitig: Finanzstarke Vereine verfügen über einen Spielerkader, der sportliche Erfolge zwar nicht garantiert, aber wahrscheinlich macht; sportliche Erfolge wiederum verbessern über wachsende Zuschauerzahlen, TV- und Merchandising-Einnahmen, Antrittsprämien etc. die finanzielle Situation. Untersucht man, welche Vereine die großen europäischen Klubwettbewerbe (Meister-Cup bzw. Champions LEIAue, Cup der Cupsieger sowie Messestädte-Cup bzw. UEFA-Cup) dominierten, so stellt man fest, dass die Vertreter der finanzkräftigsten Ligen die mit Abstand erfolgreichsten waren (vgl. Tabelle 1) - die sportliche Hierarchie stimmt mit der materiellen weitestgehend überein. Lediglich mit den Niederlanden kam ein Vertreter der Fußball-Semiperipherie den Vereinen der vier größten Ligen (England, Italien, Spanien, BRD) relativ nahe, wobei diese Anomalie hauptsächlich den Erfolgen eines einzigen Vereins, Ajax Amsterdam, geschuldet ist.

Tabelle 1: Herkunftsland der Sieger der europäischen Cup-Wettbewerbe (bis Saison 2000/01)

Herkunftsland des Klubs
Zahl der Siege in Meister-Cup bzw. Champions LEIAue
Zahl der Siege im Cup der Cupsieger
Zahl der Siege im Messestädte- bzw. UEFA-Cup
gesamt
England
9
8
10
27
Italien
9
7
10
26
Spanien
9
7
8
24
BRD
6
4
6
16
Niederlande
6
1
3
10
Portugal
3
1
-
4
Belgien
-
3
1
4
Schottland
1
2
-
3
UdSSR
-
3
-
3
Frankreich
1
1
-
2
Schweden
-
-
2
2
Jugoslawien
1
-
1
2
Ungarn
-
-
1
1
Türkei
-
-
1
1
Rumänien
1
-
-
1
Tschechoslowakei
-
1
-
1
DDR
-
1
-
1


3.2. Konkurrenz und Konzentration

Eklatante Disparitäten bestehen jedoch nicht nur auf gesamteuropäischer (und natürlich globaler) Ebene, sondern auch innerhalb der einzelnen Länder. Über Jahrzehnte hinweg war versucht worden, durch verschiedene Mechanismen eine gewisse Chancengleichheit zwischen den Klubs einer Liga sicherzustellen bzw. die Dominanz eines oder einiger weniger Klubs zu vermeiden. An dieser Stelle ist auf eine spezifische Eigenschaft des Profi-Sports hinzuweisen, die ihn vom kapitalistischen Normalverhalten unterscheidet: Während ein Konzern bestrebt ist, die Konkurrenz auszuschalten (sei es durch oligopolistische Vereinbarungen, durch Fusion oder durch den Bankrott konkurrierender Firmen), benötigt eine Liga eine möglichst ausgewogene kompetitive Struktur, um sich das Interesse des zahlenden Publikums zu erhalten. Aus diesem Grund haben beispielsweise die US-amerikanischen Profi-Ligen Vorkehrungen getroffen, um die ökonomische und sportliche Übermacht eines Vereins zu verhindern: Im Eishockey, American Football (National Football LEIAue - NFL) und Baseball dürfen die schlechtestplatzierten Klubs der abgelaufenen Saison im Rahmen des "rookie draft" als erste aus dem Pool der talentiertesten Nachwuchsspieler auswählen; im Basketball und in der NFL gibt es eine einheitliche Obergrenze für die Gehaltsausgaben eines Vereins; und in der NFL werden überdies die Zuschauereinnahmen im Verhältnis von 60:40 zwischen Heim- und Gastmannschaft aufgeteilt, um Vereine mit geringerer Anhängerschaft nicht übermäßig zu benachteiligen (vgl. Szymanski/Kuypers 1999:268). Diesem kollektiven aufgeklärten Eigeninteresse steht allerdings das individuelle Eigeninteresse der Vereine gegenüber, möglichst hohe Profite zu lukrieren. Im (west)europäischen Fußball gewann letzteres seit den 1980er Jahren allmählich die Oberhand, parallel zum hegemonial werdenden Neoliberalismus, der an Stelle einer begrenzten, politisch regulierten Umverteilung von Ressourcen deren Allokation durch den Markt forcierte. Und so wie in der Politik mit dem Thatcherismus erwies sich auch im Fußball England als hervorragender Seismograph dieser neoliberalen Wende.
Bereits 1961 (also lange vor Thatcher) wurde in den englischen Profi-Ligen - als erster markanter Schritt der Deregulierung - die bis dahin geltende, sehr niedrige Gehaltsobergrenze für Spieler abgeschafft (sie hatte zur Abwanderung von Spitzenspielern ins Ausland, vor allem nach Italien, geführt und war überdies durch inoffizielle Handgeldzahlungen unterlaufen worden). In der Folge ließ die Konkurrenzfähigkeit kleinerer Klubs deutlich nach (vgl. Dobson/Goddard 2001:91 und Murphy 1999:38), da sie sich die rasch steigenden Spielergehälter nicht mehr leisten konnten. Gleichzeitig kam es erstmals zu einem merklichen Ansteigen der Eintrittsgelder. Diese wurden allerdings noch bis zu Beginn der 1980er Jahre im Verhältnis von 4:1 zwischen Heim- und Gastmannschaft aufgeteilt (Downward/Dawson 2000:47) - eine Bestimmung, die auf Druck der Klubs mit großen Zuschauerzahlen beseitigt wurde, um so den seit den 1950er Jahren anhaltenden Publikumsrückgang auf Kosten der schwächeren Klubs zu kompensieren. Ebenso aufgehoben wurde die Regelung, bei jedem Spiel in allen vier Divisionen der Football LEIAue 4 Prozent der Zuschauereinnahmen in einen gemeinsamen Topf einzuzahlen, aus dem am Ende der Saison jeder Verein den gleichen Anteil erhielt. Die seit 1983 erlaubte Trikotwerbung kam ebenfalls den größeren Vereinen zugute, da sie deutlich höhere Sponsoreinnahmen akquirieren konnten als die kleineren, weniger populären.
Den stärksten Einfluss hatten allerdings die Veränderungen im Bereich des Fernsehens: Technologische Innovationen (als Pay-TV organisiertes Satellitenfernsehen) in Verbindung mit der Präsenz neuer TV-Anstalten (insbesondere BSkyB des Medienmagnaten Rupert Murdoch) ließen die zu erwartenden Einnahmen aus dem Verkauf der Fernsehrechte in neue Dimensionen ansteigen. Nachdem die Klubs der obersten Spielklasse, der First Division, bereits in den 1980er Jahren den Verteilungsschlüssel bei den TV-Geldern zunehmend zu ihren Gunsten verändert hatten, beschlossen sie zu Beginn der 1990er Jahre die Gründung der Premier LEIAue, die fortan die Fernsehrechte auf eigene Rechnung, und ohne die Einnahmen mit den unteren Ligen teilen zu müssen, verkaufen sollte. Ökonomisch beschritt man also eigene Wege, sportlich blieb die Premier LEIAue mit dem Rest des englischen Profi-Fußballs (dessen zweithöchste Spielklasse nunmehr den Namen First Division übernahm) durch den Auf- und Abstieg von Vereinen sowie durch die gemeinsame Teilnahme an den nationalen Cup-Wettbewerben verbunden.
Der finanzielle Gewinn der Premier-LEIAue-Klubs war respektabel: Hatten sie - damals noch als First Division - zwischen 1988 und 1993 zusammen etwa 8,25 Millionen Pfund pro Jahr erhalten, so stieg diese Summe mit der Saison 1993/94, als BSkyB die TV-Rechte erwarb, auf 43 Millionen Pfund jährlich (Downward/Dawson 2000:161). Der laufende, vier Saisonen (bis 2003/4) gültige Vertrag mit der Premier LEIAue kostete BSkyB bereits insgesamt 1,1 Milliarden Pfund (knapp 1,8 Milliarden Euro). Die Fernsehrechte für die Spiele der restlichen drei Ligen wurden für den gleichen Zeitraum um 315 Millionen Pfund (etwa 500 Millionen Euro) verkauft (Dobson/Goddard 2001:437). Auch innerhalb der Premier LEIAue wurde nur etwa die Hälfte der TV-Gelder gleichmäßig unter den Vereinen aufgeteilt, der andere Teil hing von der Zahl der Übertragungen und der Platzierung am Ende der Saison ab (zwei Kriterien, die den populären und erfolgreichen Klubs entgegenkommen) - auf diese Weise lukrierte in der Saison 1997/98 Arsenal über 3 Millionen Pfund, der Absteiger Crystal Palace lediglich 1 Million Pfund aus jenem Betrag, den BSkyB an die Premier LEIAue zahlte (Downward/Dawson 2000:161).
Da sich diese eklatanten Disparitäten innerhalb der Premier LEIAue sowie zwischen der Premier LEIAue als ganzer und den restlichen englischen Profi-Klubs nicht auf die TV-Einnahmen beschränkten, sondern sich in anderen Bereichen fortsetzten (vom Merchandising bis zu den Sponsorengeldern), bildete sich eine klare Hierarchie: Mit fünf bis sechs (meistens auch im Europacup tätigen) Klubs an der Spitze, die die Meisterschaft Jahr für Jahr untereinander ausmachen (wobei am Ende meist der mit Abstand reichste Klub, Manchester United, die Oberhand behält), und einer sich immer weiter vertiefenden Kluft, die die Premier LEIAue von der First Division trennt. Mittlerweile (Spielsaison 2001/02) liegen die durchschnittlichen Einnahmen eines Vereins der Premier LEIAue bei 65 Millionen Pfund (knapp über 100 Millionen Euro), jene eines Vereins der First Division bei 12,3 Millionen Pfund (knapp 20 Millionen Euro) (The Guardian, 22.9.2001). Umso einschneidendere ökonomische Auswirkungen hat daher der Abstieg aus der lukrativen Premier LEIAue in die First Division - Vereine, denen nicht sofort der Wiederaufstieg gelingt und die überdies meist im vergeblichen Kampf gegen die Relegation hohe Schulden angehäuft haben, stehen dann oft am Rande des finanziellen Ruins. Umgekehrt ist es für Aufsteiger überaus schwierig, mit ihrem limitierten Spielerkader in der Premier LEIAue zu bestehen. Seit Etablierung der Premier LEIAue nahm daher das sogenannte Jo-Jo-Phänomen markant zu (Murphy 1999:40): Vereine, die zwar den Aufstieg schaffen, aber in der folgenden Saison wieder absteigen (um dem baldigen Wiederaufstieg eine erneute Relegation folgen zu lassen usw.).
Ähnliche Hierarchien wie in England bestehen in den meisten europäischen Ligen, in manchen noch stärker ausgeprägt (etwa in Schottland oder den Niederlanden), in anderen weniger stark (beispielsweise in Frankreich, der Schweiz oder Österreich). Massive sportliche und ökonomische Ungleichgewichte sind kein neues Phänomen im Fußball, doch scheint im Zuge der neoliberalen Umgestaltung die Machtpyramide fester gefügt als je zuvor, ein Vordringen kleiner Vereine in die Elite auf nationaler Ebene nur schwer möglich und auf internationaler Ebene so gut wie ausgeschlossen zu sein (die Erfolge des italienischen, von einem Panettone-Produzenten gesponserten Klubs Chievo dürften ein ebenso sympathisches wie ephemeres Phänomen darstellen).
Die Sezession einer ganzen Liga wie in England blieb bislang die Ausnahme, in manchen Ländern sind die zentrifugalen Tendenzen jedoch auf andere Weise und weiter vorangeschritten. In den Niederlanden beispielsweise schlossen Ajax Amsterdam, PSV Eindhoven, Feyenoord Rotterdam und Vitesse Arnhem separate Verträge mit dem Fernsehsender Canal Plus ab, gegen den Widerstand der restlichen Liga (aber mit Unterstützung der EU-Kommission), die vergeblich eine kollektive Vermarktung der Spiele und damit eine gleichmäßigere Aufteilung der TV-Gelder durchzusetzen versuchte (Giulianotti 1999:95). Auch in Italien und Spanien sind die Spitzenklubs individuelle Verträge mit TV-Anstalten eingegangen, die ihnen wesentlich höhere Einnahmen als den übrigen Vereinen garantieren (Dobson/Goddard 2001:30). Durch die neue Technologie des digitalen Fernsehens, das die parallele Übertragung beliebig vieler Spiele und damit die Wahlmöglichkeit des TV-Konsumenten sicherstellt, wird sich der Trend in Richtung der populären Spitzenklubs weiter verstärken. Nicht nur, dass die großen Vereine von vornherein mehr Anhänger und damit mehr via pay per view zahlende TV-Zuseher haben, auch ein neutraler Fußballinteressent wird eher bereit sein, für ein Spiel zwischen Schalke und Bayern München zu bezahlen als für eines zwischen Cottbus und Stuttgart. Da die Remuneration der Vereine von der Zahl der TV-Konsumenten abhängt, die sie zu mobilisieren vermögen, bessert pay per view vor allem die Finanzen der Großklubs auf (in Italien betrafen Ende der 1990er Jahre 60 Prozent aller pay per view-Subskriptionen die drei Vereine Juventus, Inter und AC Milan; vgl. Szymanski/Kuypers 1999:275). Die für die Zukunft zu erwartende (bzw. im Fall von Manchester United bereits erfolgte) Gründung eigener Fernsehkanäle wird schließlich die individuelle Profitmaximierung der Vereine an ihren folgerichtigen Endpunkt führen..

Literatur

Conert, Hansgeorg (2002, 2. Aufl.): Vom Handelskapital zur Globalisierung. Entwicklung und Kritik der kapitalistischen Ökonomie. Münster: Westfälisches Dampfboot
Conn, David (1997): The Football Business. Edinburgh/London: Mainstream Publishing
Dobson, Stephen/Goddard, John (2001): The Economics of Football. Cambridge: Cambridge University Press
Downward, Paul/Dawson, Alistair (2000): The Economics of Professional Team Sports. London/New York: Routledge
Giulianotti, Richard (1999): Football. A Sociology of the Global Game. Cambridge: Polity Press
Murphy, Patrick (1999): Banking on Success: Examining the Links between Performance and the Increasing Concentration of Wealth in English Elite Football. In: Singer & Friedlander's Review. 1998-99 Season: 37-44
Schulze-Marmeling, Dietrich (2000): Fußball. Zur Geschichte eines globalen Sports. Göttingen: Verlag Die Werkstatt
Szymanski, Stefan/Kuypers, Tim (1999): Winners & Losers. London: Viking Press

Gerald Hödl ist Historiker und Lehrbeauftragter an der Universität Wien.


Quelle: HSK/IE 20: Global Players. Kultur, Ökonomie und Politik des Fußballs. Michael Fanizadeh / Gerald Hödl / Wolfram Manzenreiter (Hg.)Frankfurt am Main: Brandes und Apsel, Wien: Südwind 2002 (Historische Sozialkunde/IE 20).
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