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Joachim Becker - Ronald Heinz - Karen Imhof - Karin Küblböck - Wolfram Manzenreiter

Geld, Finanzmärkte und Krisendynamiken

Quelle: HSK/IE 22: Geld Macht Krise . Finanzmärkte und neoliberale Herrschaft. Herausgegeben von Joachim Becker, Ronald Heinz, Karen Imhof, Karin Küblböck und Wolfram Manzenreiter. Promedia/Südwind: Wien 2003 (Historische Sozialkunde/IE 22).

Die 90er-Jahre waren ein Jahrzehnt der Finanzkrisen: Beginnend mit Mexiko 1994/95 folgten Südostasien, Russland, die Türkei, Argentinien und Uruguay. Doch die Finanzkrisen waren nicht auf die Semiperipherie begrenzt. Auch Staaten des Zentrums erlebten einen Aufschwung der Börsennotierungen und manchmal allmählichen Abschwung, manchmal rapiden Zusammenbruch. Der spektakulärste Fall einer Finanzkrise im Zentrum ist Japan (sh. den Beitrag von Heinz und Manzenreiter). Auf sie folgte eine bis heute anhaltende Stagnation und mittlerweile auch eine Phase der Deflation. Ein Sinken der Preise ist äußerst problematisch. Denn so werden Konsum- und Investitionsentscheidungen immer wieder hinausgeschoben, da ein weiterer Preisverfall antizipiert wird. Die Schuldenlast steigt real, da die Preise sinken, die nominalen Schulden aber stabil bleiben. Die Geldpolitik wird ausgehebelt, da der Nominalzinssatz nicht unter 0 Prozent sinken kann. All dies trägt zu einer rezessiven Spirale bei, aus der nur schwer zu entrinnen ist. Auch in europäischen Ländern ist die Gefahr einer Deflation nicht auszuschließen (Bofinger/Flassbeck 2002).
Es hat historisch immer wieder Phasen spekulativer Erhitzung und folgender krisenhafter Ernüchterung gegeben. Giovanni Arrighi (1994) sieht einen Zusammenhang zwischen der Erschöpfung eines Produktionsmodells und dem Aufschwung einer finanzgetriebenen Akkumulation. Erschöpft sich ein Produktionsmodell, fehlt es an ausreichenden produktiven Anlagemöglichkeiten für das Kapital. Weiters ist die Situation durch ein hohes Maß an Unsicherheit gekennzeichnet. Daher suchen die AnlegerInnen liquide Anlageformen. Dies sind diverse Formen von Finanzanlagen. Karl Marx nennt dies das "fiktive Kapital" (Marx 1979:482ff, 510; siehe auch Hilferding 1974: II. Abschnitt). Die Wertpapiere, das fiktive Kapital, verleihen Anspruch auf einen Anteil des Mehrwerts. Dieser Anspruch kann unterschiedliche Formen annehmen. Bei der Aktie ist es die Dividende, bei der Anleihe der Zins, bei Immobilienfonds letztlich die Grundrente. Daher bleibt die Akkumulation fiktiven Kapitals in gewisser Weise immer an die produktive Akkumulation rückgebunden. In manchen Phasen scheint diese Bindung locker. Strömt sehr viel Kapital auf die Börsen, steigen zunächst die Notierungen. Diese Preissteigerungen lassen für eine Zeit vergessen, dass die Profitmasse nicht im selben Tempo mitwächst. Doch nimmt schon jetzt der Verteilungskampf zu. Die Anleger versuchen ihren Anteil am Mehrprodukt zu erhöhen, so drängen sie beispielsweise auf hohe Dividendenausschüttungen, versuchen Mindeststandards der Dividendenhöhe zu definieren (Lordon 2000). Aber auch die Verteilung zwischen Löhnen und Profitmasse ist Gegenstand von verschärften Konflikten. Die Profitmasse soll zugunsten der Löhne ausgeweitet werden, so dass die Kapitalanlage attraktiver erscheint. Die Gewerkschaften werden in die Defensive gedrängt. Gleichermaßen geht es den Anlegern darum, dass die Preise der Wertpapiere sich günstig mit den anderen Preisen vergleichen. Das bedeutet, dass sie auf eine Stabilität der anderen Preise erpicht sind. Daher fordern sie eine antiinflationäre, eher restriktive Geldpolitik (Lordon 1999).
Doch lässt sich das Auseinanderklaffen von Gewinn- und Kursentwicklung nicht auf Dauer ganz verdrängen. Die Anleger suchen nach neuen Anlagemöglichkeiten. Diese können dann auch etwas riskanter sein. So wird die Semiperipherie - in der aktuellen Diktion als "emerging markets" bezeichnet - als mögliche Anlagesphäre entdeckt. Dort gibt es meist in den dominanten Kreisen durchaus InteressentInnen am beschleunigten Kapitalimport. Diese drängen dann ebenfalls auf einen wirtschaftspolitischen Kurs, der Finanzanlegern attraktiv erscheint. Hierzu gehört als vermeintliche Sicherheit meist die Bindung der nationalen an eine ausländische Ankerwährung. Unter eng definierten Bedingungen kann der Kapitalimport tatsächlich die produktive Entwicklung stimulieren. Zunächst einmal müssen die Kapitalien produktiv angelegt werden und einen Überschuss schaffen, der höher als die Zinszahlungen ist. Dies ist nach Keynes (1983) das Aufbringungsproblem. Aber der Kapitalimport muss auch über Zins- oder Dividendenzahlung in Fremdwährung bedient, im Fall von Krediten gegebenenfalls auch in Devisen getilgt werden. Somit müssen über Exportsteigerung oder Importminderungen Außenhandelsüberschüsse erzielt werden, welche diese Zahlungen ermöglichen. Dies bezeichnet Keynes (1983) als "Transferproblem". Es ist oft das schwerer Lösbare von beiden. Die wahrscheinlichere Variante ist, dass die Verschuldungspolitik in einer Verschuldungs- und Finanzkrise endet. Dann suchen die Anleger wenigstens die Fortsetzung der Zinszahlungen sicherzustellen. Somit findet eine parzielle Verschiebung der Krisendynamik in die Semiperipherie statt. Über politische Vertretungen mit einem hohen Gewicht der Gläubigerstaaten drängen sie auf eine Wirtschaftspolitik, welche den Zinsendienst sicherstellt. Dies impliziert meist eine drastische Zurückdrängung der Binnennachfrage, Abwertungen etc. Zuweilen sind Schuldenbedienungen sogar mit militärischer Gewalt "gesichert" worden. Im 20. Jahrhundert haben zunächst der Völkerbund, später der Internationale Währungsfonds (bzw. die Weltbank) politische Instrumente zur Durchsetzung einer schuldner- und finanzfreundlichen Wirtschaftspolitik dargestellt (Sgard 2002:197ff). Auch Österreich stand in der Ersten Republik unter der Kuratel seiner Gläubiger. Deren Aufsichtsperson, der Nazi-Sympathisant Rost van Tonningen, befürwortete auch den austro-faschistischen Selbstputsch im Jahr 1934 (Kernbauer/Weber 1988:20).
Doch auch der Kapitalexport ist nicht unbedingt die Lösung der Probleme. Für die Staaten des Zentrums sind die Anlagen in den "emerging markets" meistens (aber nicht immer für alle Investorengruppen) relativ gering, auch wenn die Zuflüsse auf dem Höhepunkt für die Semiperipheriestaaten manchmal an die 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachen. Kippt die Stimmung, sind auch die Zentrumsstaaten hoch gefährdet. Sie müssen den Absturz der Kurse bremsen, Kreditketten möglichst bewahren. Die Zinspolitik bewegt sich dann im Fall freien Kapitalverkehrs zwischen dem Versuch, über Niedrigzinsen Aktien und Produktivanlagen attraktiv zu machen und gleichzeitig nicht über starke Zinssenkungen den Kapitalexport zu stimulieren, was auch zu Abwertungen führen könnte. Die Phasen einer "großen Krise" und einer finanzgetriebenen Akkumulation sind in der Regel auch durch eine verschärfte Währungskonkurrenz gekennzeichnet. So wurde in der Zwischenkriegszeit die Hegemonie des Pfundes durch den Dollar infragegestellt. In den 70er-Jahren erodierte die Vormachtstellung des US-Dollars. Als die US-Regierung Ende der 70er-Jahre auf eine Hochzinspolitik umschwenkte, hebelte sie über die dramatische Verteuerung der Schuldaufnahme nicht alleine die keynesianische Wirtschaftspolitik aus, sondern suchte auch die Dollar-Hegemonie wieder herzustellen (Tavares 1997; Fiori 1999:70ff). Die Währungskonkurrenz erschwert auch eine abgestimmte internationale Bekämpfung von Finanzkrisen. Auch innerhalb der Nationalstaaten ist in der Regel das Maß sozialer Konflikte - um Verteilung und die Durchsetzung unterschiedlicher Konzeptionen der Krisenüberwindung - relativ hoch. Ohne die Herausbildung eines neuen Produktivmodells mit einer entsprechenden neuen Form der Regulation, in dem Kapitalanlagen eine produktive Verwendung fänden, erscheint eine dauerhafte Stabilisierung illusorisch (Becker 2002; Arrighi/Silver 1999:32ff).
Der Postkeynesianer Hyman Minsky hat auch ein Modell der finanziellen Instabilität im Aufschwung erarbeitet. Danach lässt während des Aufschwungs die Vorsicht bei Kreditvergabe- und Aufnahme nach, die Kurzfristigkeit des Kreditgeschäftes wächst in der Tendenz. Die Abhängigkeit zumindest eines Teils der Unternehmer von Krediten wächst. Gleichzeitig steigen allmählich die Zinsen. An einem bestimmten Punkt werden Banken vorsichtiger in der Kreditvergabe oder werden zu einer restriktiveren Geldpolitik durch die Zentralbank angehalten. Dies führt zu Kreditrationierungen, welche die immer labilere Form der Finanzierung der Unternehmen offen legt. Am härtesten sind jene Unternehmen getroffen, die ihre Zinsen durch neue Kredite bedient haben. Je nach Schärfe der Reaktion sind auch solider finanzierte Unternehmen von den Kreditrestriktionen und deren Folgen auf das produzierende Gewerbe betroffen (Minsky 1982; Bellofiore/Ferri 2001).
Grundsätzlich sind zwei Typen nationaler Finanzsysteme zu unterscheiden: das finanzmarktzentrierte und das bankenzentrierte Finanzsystem (Orléan 1999:194 ff; Hall/Soskice 2001). Das finanzmarktzentrierte System zeichnet sich durch eine herausgehobene Rolle des Wertpapiergeschäftes aus. Die Unternehmensfinanzierung läuft vor allem über die Emission von Wertpapieren (Aktien, Anleihen etc.). Die Verbindungen zwischen produktiven Unternehmen und Finanzinvestoren sind schwach. Sie zeichnen sich durch ein hohes Maß an Kurzfristigkeit und Flexibilität aus. Das finanzmarktzentrierte Finanzsystem ist vor allem in angelsächsischen Ländern zu finden. Zu Beginn der Industrialisierung war der Finanzbedarf niedrig, die Produktionszyklen kurz. Das britische Finanzzentrum, die Londoner City, spezialisierte sich sehr schnell auf das internationale Geschäft, einschließlich der Handelsfinanzierung. Mit dem Kolonialismus wurde das Modell exportiert, so dass man es heute auch in den USA (allerdings mit zeitlichen Unterbrechungen), Südafrika, Hongkong oder Australien findet. Grundelemente seiner Funktionsweise wurden schon vor einem Jahrhundert vom Imperialismus-Kritiker John Hobson (1994) herausgearbeitet.
Für die nachholende Industrialisierung mit den Schwerpunkt auf der Schwerindustrie, die im 19. Jahrhundert erfolgte, erwies sich das finanzmarktzentrierte Modell als nicht sonderlich geeignet. Nun waren weit größere Finanzierungsmassen erforderlich, und das Kapital war weit länger gebunden. Als Alternative bildeten sich Universalbanken heraus, die mit den Produktionsunternehmen über Kredite, Kapitalbeteiligungen und Personalverflechtungen (vor allem in den Aufsichtsräten) verbunden waren. Dies ermöglichte langfristige Verbindungen zwischen Banken und Industrie. Dieses Modell erwies sich für die nachholende Industrialisierung als weit angemessener. Es bildete die Referenzfolie für Rudolf Hilferdings bahnbrechende marxistische Studie zum Finanzkapital, der auch Lenin (1946) wesentliche Einsichten für seine Imperialismustheorie verdankte. Dieses Modell breitete sich von Kontinentaleuropa und Japan nach Asien und Lateinamerika aus. Allerdings erodierte es infolge der langen Krise der Produktivwirtschaft und dem Verlangen nach flexiblen Anlagen im letzten Jahrzehnt deutlich (Le Galès/Palier 2002:38).
Den Auftakt des Buches bildet eine Reihe an Beiträgen, die sich mit allgemeinen Funktionen und Mechanismen von Finanzmärkten auseinander setzen. Einen ersten Überblick über Rolle und Funktion von Finanzmärkten gibt Vanessa Redak. Ausgehend von der Unterscheidung zwischen markt- und bank-basierten Finanzmärkten diskutiert sie vor allem deren Finanzierungsfunktion. Hierbei geht sie speziell der Frage nach, inwieweit - die theoretisch vielfach postulierte - primäre Funktion von Finanzmärkten tatsächlich in der Finanzierung von Unternehmen liegt. Für die etwa letzten zwei Jahrzehnte lassen die empirischen Daten wichtiger Industrieländer eher den Schluss zu, dass das Spekulationsmotiv immer mehr an Bedeutung gewonnen hat. Unternehmensinvestitionen werden hingegen überwiegend aus unternehmensinternen Quellen finanziert. Vor dem Hintergrund von Volatilität der Finanzmärkte und den aktuellen Kurseinbrüchen stellt Redak die Frage, ob eine Kapitalmarktorientierung am angelsächsischen Modell für Europa überhaupt ein wünschenswertes Projekt ist. Der Beitrag von Derek Aldcroft geht weiter in die Vergangenheit zurück. Er gibt einen Überblick über Verschuldungszyklen und -krisen in der Peripherie im 20. Jahrhundert, speziell in der Zwischenkriegszeit und in den 80er-Jahren.
Martin Schürz untersucht in seinem Beitrag die Legitimationsgrundlagen geldpolitischer Ziele. Die Aufgaben der Geldpolitik haben sich im Lauf der Zeit deutlich verändert. Eine Reihe von Notenbanken wurde in den letzten beiden Jahrzehnten unabhängig gemacht. Diese Entwicklung entspricht dem seit den 1980er-Jahren vorherrschenden neoliberalen Gesellschaftsmodell, das die Überlegenheit von technokratischen Eliten propagiert und ein minimalistisches Demokratieverständnis birgt. DieGeldpolitik autonomer Notenbanken ist daher mit demokratiepolitischen Fragen verknüpft, denen der Autor am Beispiel der Zielsetzung von Finanzmarktstabilität nachgeht.
Martina Neuwirth analysiert die Verschuldungsproblematik der Entwicklungs- und Schwellenländer und geht auf Zusammenhänge mit der forcierten Handels- und Kapitalmarktliberalisierung ein. Als Fallbeispiele beschreibt sie die Finanzkrisen in Südostasien und Russland und ihre Auswirkungen auf die Verschuldungssituation dieser Länder. Den Abschluss bilden Forderungen für ein alternatives Schuldenmanagement.
Joachim Becker und Andrés Musacchio arbeiten in einer langfristig angelegten historischen Analyse zur Verschuldungsgeschichte Argentiniens heraus, dass Phasen intensiver Verschuldung in Argentinien im Zusammenhang mit Kapitalüberschuss im Zentrum standen. Sie waren in der Regel durch unproduktive Kreditverwendung, Hochzinspolitik und strukturelle Leistungsbilanzdefizite gekennzeichnet, was auf Dauer nicht durchzuhalten war. In den resultierenden Verschuldungskrisen wurden die Verluste meist - mit entsprechenden Folgen für das Budget - sozialisiert. Karen Imhof beschreibt die krisenhafte Entwicklung der mexikanischen Finanzmärkte in historischer Perspektive. Ähnlich wie Argentinien versuchte der mexikanische Staat sowohl in den 1970er- als auch in den 1990er-Jahren mit finanzmarktfreundlichen Maßnahmen, Kapitalflüsse aus den Zentren anzuziehen. Auch in diesem Fall führte die Politik zu einer hohen Außenverschuldung, persistenten Leistungsbilanzproblemen und der finanziellen Aushungerung der Binnenwirtschaft. Nach der Schuldenkrise 1982 führte der Druck internationaler Gläubiger auf wirtschaftspolitischer Ebene zur Etablierung des neoliberalen Entwicklungsmodells in Mexiko, dessen Folgen sich in einer zunehmenden wirtschaftlichen und sozialen Polarisierung und dauerhaften Krisenanfälligkeit zeigen.
Mittels des Rekurses auf die historische Entwicklung Brasiliens versucht Florian Wukowitsch die den immer wieder auftretenden Krisen zugrundeliegende (Macht-)Struktur kenntlich zu machen. Sie zeigt sich für Brasilien in einer verfestigten Zentrum-Peripherie-Abhängigkeitsbeziehung. Deren realpolitische Auswirkungen grenzen den Handlungsspielraum der nationalen AkteurInnen bis heute ein. Ähnlich wie Argentinien und Mexiko hat Brasilien sich in den letzten drei Jahrzehnten verstärkt den internationalen Finanzmärkten geöffnet, im Unterschied zu den beiden Ländern allerdings eine Dollarisierung der Ökonomie unterbunden. Daher sind die Handlungsmöglichkeiten nicht so extrem wie in Argentinien eingeschränkt worden, doch zeichnet sich auch die brasilianische Entwicklung durch große ökonomische und soziale Ungleichheiten wie durch Instabilität aus.
Ilker Ataç arbeitet heraus, wie als Reaktion auf die Krise des binnenmarktorientierten Modells in der Türkei zunächst ein politisch repressiver und sozial regressiver Übergang zu einem exportorientierten Modell erfolgte. Die produktive Kapazität wurde in diesem Übergang aber nicht gestärkt, so dass sich auch dieses Modell als krisenhaft erwies. Die Lösung suchten die dominanten Kräfte in einer finanzgetriebenen Akkumulation, die ihrerseits in extremer wirtschaftlicher Instabilität und einer schweren Finanzkrise mündete.
Jugoslawien ist ein fast vergessener Fall einer Verschuldungskrise. Rudy Weißenbacher arbeitet die Dialektik von Verschuldungskrise und Staatszerfall heraus. Der IWF wollte zwar zwecks unproblematischerer Schuldeneintreibung den jugoslawischen Zentralstaat stärken, forcierte aber faktisch über seine neoliberalen Konzepte den Staatszerfall.
Waltraut Urban setzt sich in ihrem Beitrag mit der Krise in Ostasien auseinander, die das bis dahin exportorientierte Erfolgsmodell der so genannten "Tigerstaaten" in Frage stellte. Anhand mehrerer Fallbeispiele stellt sie fest, dass Staaten wie Malaysien, China oder auch die Philippinen, die Kapitalverkehrskontrollen beibehielten, ihre Wirtschaft schneller stabilisieren konnten als jene, die sich an die standardmäßigen Stabilisierungsprogramme des IWF gehalten hatten. Eine positiv zu wertende Folge der Krise ist für sie die gesteigerte regionale Zusammenarbeit der asiatischen Länder untereinander.
Als Gemeinsamkeit der Verschuldungsdynamik in der Peripherie ist festzuhalten, dass diese speziell in Phasen einer Überakkumulation in Staaten des Zentrums und dem damit vorhandenen Kapitalüberschuss eine Beschleunigung erfuhr. Teils wurden die Kredite zumindest in den 1970er-Jahren (z.B. Brasilien), in Ostasien auch noch vereinzelt bis in die 1990er-Jahre, produktiv verwandt. Allerdings ist die produktive Verwendung noch keine hinreichende Bedingung, einer Finanzkrise zu entgehen. So entstanden beispielsweise in Südkorea erhebliche Überkapazitäten. Das Kernproblem bei einer produktiven Verwendung war jedoch in der Regel, dass die Deviseneinnahmen ab einem bestimmten Punkt nicht mehr zur Kreditbedienung ausreichten oder zumindest Probleme auf diesem Gebiet absehbar waren. Bei unproduktiver Kreditverwendung im Kontext finanzbasierter Akkumulation ist bereits die Aufbringung der Mittel für die Kreditbedienung ein Problem. Die Wirtschaftspolitik ist in einem solchen Akkumulationsmodell auf die Anziehung von Auslandskapital durch fixe (und überbewertete) Wechselkurse, Hochzinspolitik und einen liberalisierten Kapitalverkehr ausgerichtet. Ein solches Modell war als Konsequenz der Erschöpfung der bisherigen Muster produktiver Akkumulation in den 1990er-Jahren in den meisten so genannten "aufstrebenden Märkten" vorherrschend. Es hat sich durchgängig als besonders krisenanfällig erwiesen. Sobald der Kapitalfluss versiegt, ist das Modell nicht mehr haltbar. Ein Kapitalabzug bringt auch das innere Finanzsystem in Schwierigkeiten. Ist die nationale Währung in den inländischen Finanzkreisläufen zum Großteil durch Fremdwährung ersetzt worden (den US-Dollar in Lateinamerika, die DM bzw. den Euro in Südosteuropa), kann die Zentralbank auch nicht mehr durch die Zufuhr von Liquidität das Bankensystem stabilisieren. Die Krise fällt dann, wie Argentinien exemplarisch zeigt, extrem schwer aus.
Auch ein Staat des Zentrums, nämlich Japan, ist seit nunmehr fast zehn Jahren mit einer Finanzkrise großen Ausmaßes konfrontiert. Ronald Heinz und Wolfram Manzenreiter versuchen in ihrem Beitrag, die zahlreichen Elemente, die diese Krise hervorgebracht haben, herauszuarbeiten. Am Beginn ihrer Analyse steht ein historischer Rekurs, der einen Überblick über die institutionelle Ausgestaltung des japanischen Finanzsystems bietet. Deren Auswirkungen auf Corporate Governance und Financial Governance werden anschließend beleuchtet, bevor sich die Autoren der Reaktion der politischen Entscheidungsträger - vor dem Hintergrund der voranschreitenden Globalisierung - auf die Krise, zuwenden. Im letzten Abschnitt ihres Beitrages widmen sie sich dem Gespenst der Deflation, das Japan heimgesucht hat. Diese ökonomisch so gefährliche Situation lässt die Hoffnung auf eine baldige Überwindung der persistenten Krise in einem Zentrumsland im Keim ersticken.
Die Krise macht mithin nicht an den Grenzen der Peripherie halt. Die Frage nach Möglichkeiten der Krisenbekämpfung und -prävention stellt sich in Zentrum und Peripherie. Zunächst einmal geht es um kurzfristige Maßnahmen der Krisenbekämpfung (vgl. Huffschmid 2002:Kap. 5).
Aber es geht auch um grundsätzlichere Neuausrichtungen der Regulation. Diese müsste einerseits an der Verwendung des gesellschaftlichen Mehrproduktes ansetzen. Schon Keynes (1994) forderte eine stärkere Sozialisierung der Investitionsentscheidungen, worunter er sich eine recht umfassende staatliche Budget- und Investitionspolitik vorstellte. Diese könnte auch unter stärker demokratisierten Vorzeichen als in der Nachkriegszeit erfolgen. Andererseits würde dies allerdings eine stärkere Kontrolle internationaler Kapitalflüsse voraussetzen. Karin Küblböck beschreibt Beispiele für - teils schon realisierte - Möglichkeiten einer Begrenzung des kurzfristigen Kapitalverkehrs wie Bardepotpflicht, Kapitalmarktregulierungen und Tobin-Steuer vor. Als einen Schritt in Richtung Stärkung der Steuerkraft schlägt sie die Austrocknung von Steueroasen vor. Politisch würde dies in die entgegengesetzte Richtung zur derzeit vorherrschenden Wirtschaftspolitik weisen und wäre daher nicht einfach durchzusetzen. Dennoch ermöglicht eine große Krise manchmal auch eine Richtungsänderung.
Auch die Frage nach der Rechtmäßigkeit und Legitimität der Schulden hat Auswirkungen auf die Art und Weise, wie mit Verschuldung und Schuldenstreichung umgegangen werden kann. Am Fall der Apartheid-Schulden Südafrikas arbeitet Mascha Madörin heraus, wie eine juristische Infragestellung von ererbten Auslandsschulden erfolgen kann. Dies könnte - zumindest in bestimmten Fällen - einen Weg zu Schuldenstreichung oder Reparationen öffnen.
Historische Alternativkonzeptionen und -praktiken, welche die klassischen Funktionen von Geld modifizieren, arbeitet Robert Musil heraus. Am Beispiel alternativer Geldsysteme stellt er dar, wie monetärer Unterversorgung durch die Ausgabe komplementärer Währung oder Kreditvergabe nach ethischen und sozialen Gesichtspunkten Abhilfe geleistet werden kann. Er skizziert aber auch den Alternativentwurf von John Maynard Keynes für eine internationale Finanzordnung aus den 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Diese hätte die Anpassungslast bei Zahlungsbilanzkrisen nicht einseitig auf die Defizitländer abgewälzt, sondern auch die chronischen Überschussländer zu Anpassungen gezwungen. Es hätte sich auch um ein stärker multilaterales, statt einseitig US-dominiertes Regulierungssystem gehandelt. Politisch konnte der Keynes'sche Entwurf damals nicht durchgesetzt werden, doch die in ihm aufgeworfenen Fragen sind aktuell geblieben.


Literatur

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Leseprobe:

Robert Musil: Neue Wege des Wirtschaftens

 

Quelle: HSK/IE 22: Geld Macht Krise . Finanzmärkte und neoliberale Herrschaft. Herausgegeben von Joachim Becker, Ronald Heinz, Karen Imhof, Karin Küblböck und Wolfram Manzenreiter. Promedia/Südwind: Wien 2003 (Historische Sozialkunde/IE 22).


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