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Joachim Becker - Andrea Komlosy

Grenzen Weltweit - Vorwort

Quelle: HSK/IE 23: Grenzen Weltweit. Zonen, Linien, Mauern im historischen Vergleich. Herausgegeben von Joachim Becker undAndrea Komlosy. Promedia/Südwind: Wien 2004 (Historische Sozialkunde/IE 23).

Allerorts ist seit dem Fall des Eisernen Vorhanges von der Aufhebung von Grenzen die Rede, von Integration und Freizügigkeit als Ausdruck eines zusammenwachsenden "Global Village". Die Vervielfachung und Beschleunigung der Kapital-, Waren- und Migrationsströme gilt dafür als Indikator. Es scheint, als gehörten Grenzen der Vergangenheit an, noch bestehende Restexemplare gilt es dem herrschenden Konsens zufolge auf dem unaufhaltsamen Weg in die supranationale Integration und in die Weltgesellschaft zu überwinden.
Bei näherem Hinsehen springen gleichwohl alte und neue Barrieren ins Auge. Zwar gibt es keinen Eisernen Vorhang und keine Berliner Mauer mehr, "Schengen" und die Befestigungslinie zwischen den USA und Mexiko grenzen indes Zentralräume von Randgebieten ab. Zudem existieren Mauern zwischen Stadtvierteln unterschiedlicher religiöser und ethnischer Gruppen von Belfast über Ústí nad Labem bis Jerusalem. Zur Isolierung der Palästinenser in den besetzten Gebieten wird von Israel eine modernisierte Variante des "Eisernen Vorhangs" fertig gestellt. Auch Staaten der Peripherie dokumentieren durch die Errichtung von Grenzzäunen territoriale Ansprüche bzw. hoffen, unerwünschte Migration oder Schmuggel zu unterbinden. Marokko sicherte sich in den 1980er-Jahren mit dem Hassan-Wall die Herrschaft über die annektierte Westsahara. Im Jahr 2003 errichtete Botswana einen Grenzzaun gegen Flüchtlinge aus Zimbabwe, ein ähnliches Vorhaben im indischen Gliedstaat Assam gegen Einwanderer aus Bangladesh scheiterte an der Weitläufigkeit des Brahmaputra-Deltas. Saudi-Arabien zog eine Sperranlage gegen das mutmaßliche Einsickern von Waffenschiebern aus dem Jemen auf.
Neue Grenzen entstehen durch neue Staatsgründungen von Estland bis Moldawien. Zonen, Linien, Marken und Mauern sind also keineswegs von der Landkarte verschwunden. Auch die Europäische Union und die Vereinigten Staaten von Amerika umgeben sich mit starken Außengrenzen. Sie errichten ein strenges Grenzregime, das erwünschte von unerwünschten Einreisenden trennt. Innerhalb der Staaten dienen Aufenthaltstitel zur Unterscheidung zwischen "legal" und "illegal" Anwesenden. Diese Spaltung zieht sich durch Wohnungs- und Arbeitsmärkte, Bildungswege und Freizeitverhalten.
In dem Maße, wie der Staat an Kraft verliert, gewinnt die Region an Bedeutung. Die Globalisierung der Wirtschaft verstärkt den Wettbewerb um möglichst hochrangige Investitionen. Das Bemühen einzelner Regionen, sich im Standortwettbewerb in Szene zu setzen, begünstigt die jeweilige regionale Identität. Diese beruft sich auf Geschichte und Kultur und betont die jeweilige Besonderheit. Sie zieht Grenzen zwischen dem "Eigenen" und dem "Fremden". Regionalismus tritt bei wettbewerbsfähigen Regionen zutage, die sich von schwächeren Mitkonkurrenten abgrenzen wollen (Beispiele: "Padanien" gegenüber Italien, Slowenien gegenüber Jugoslawien, Tschechien gegenüber der Slowakei). Und er zeigt sich in peripherisierten Regionen, welche die unfreiwillige Abkoppelung durch Beschwörung einer besonderen regionalen bzw. - wenn der Regionalismus mit einer neuen Staatlichkeit verbunden ist - nationalen Identität kompensieren (Beispiel: Serbien). Am Ende können wohlstandschauvinistischer Regionalismus, aber auch der Regionalismus abgehängter "Verlierer"-Regionen durchaus in die Gründung neuer Staaten münden, wie sich nach dem Zerfall der Sowjetunion, Jugoslawiens oder auch der Teilung der Tschechoslowakei gezeigt hat (Bar‚a/Strmiska 1999). Das deutet darauf hin, dass der Staat hier grundsätzlich Bedeutung behält - aber seine Rolle verändert sich. In noch stärker peripherisierten Regionen, in denen der Staat durch die umfassende wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Krise überhaupt in seiner Existenz in Frage gestellt ist, verlieren die formalen Grenzen an Bedeutung. Damit wird auch die Frage größerer regionaler Autonomie oder einer "nationalen" Abspaltung meist irrelevant. Das zeigt sich sehr deutlich an Staatskrisen und militärischen Konflikten in Westafrika.

Wenn die staatliche Integration im territorialen und im sozialen Sinn verloren geht, öffnet sich der Raum für konkurrierende Mächte. Das können private Sicherheitsdienste sein, die in den Global Cities die Zonen der Reichen gegenüber den Marginalisierten absichern, oder Warlords in instabilen Weltregionen, die mangels staatlicher Autorität eine Herrschaft über kleinräumige Einflussbereiche erkämpfen. Auch im Währungswesen zeigen sich unter dem Druck von Krisen Zerfallserscheinungen des Staatsmonopols: Das Aufkommen von Flucht- und Parallelwährungen ist für alle peripheren Ökonomien charakteristisch. Sie bringen die Abhängigkeit peripherer Ökonomien von einigen wenigen Leitwährungen zum Ausdruck. Schließlich bringt der Übergang vom Wohlfahrts- zum Wettbewerbsstaat auch neue soziale Grenzziehungen mit sich. Die Deregulierung der Arbeitsmärkte erhöht die Bereitschaft der Menschen, schlecht entlohnte und ungeschützte Arbeitsverhältnisse einzugehen. Auch in den so genannten entwickelten Ländern klaffen neuerdings überwunden geglaubte Gräben zwischen Reich und Arm wieder auf, die neue Mauern auf den Plan rufen. Umgekehrt schaffen MigrantInnen, die in ihrer Herkunftsregion keine Überlebensgrundlage mehr finden, neue soziale Milieus, die sich entlang transnationaler Achsen vernetzen, in den "Gastländern" jedoch oft scharfer Ghettoisierung ausgesetzt sind.
Die explosionsartige Vermehrung von Grenzen einerseits und die Überwindung von Grenzen andererseits stellen zwei Seiten einer Medaille dar. Die Globalisierung provoziert geradezu einen regionalen Reflex, welcher der Uniformierungstendenz des Weltmarkts (vermeintliche) heimatliche Vertrautheit entgegenstellt. Die Grenzen dieser Heimaten sind freilich erst zu ziehen. Der Wettbewerb der Identitäten findet vor dem Hintergrund eines immer schärferen Wettbewerbs der Standorte um Investitionen und Förderungen statt. Regionalbewegungen knüpfen an bestehenden Unterschieden an, die sich zur Durchsetzung von Ein- bzw. Ausschluss eignen. Je nach Bedarf und Interessen werden historische, ethnisch-religiös-kulturelle, politische und wirtschaftliche Unterschiede dafür instrumentalisiert.
Der Blick auf die Grenze

Die Perspektive der Grenzziehung, die diesem Band zugrunde liegt, fasst Grenze in vielfältiger Form: als Staatsgrenzen, als innerstaatliche Grenzen und als Regionalblockgrenzen; als ökonomische Grenzen zwischen unterschiedlichen regionalen Wirtschafts- und Integrationsräumen sowie als regionale Wohlstandsgefälle, und schließlich als Grenzen in sozio-kultureller, ethnischer oder religiöser Hinsicht.
Ziel ist es, diese Grenzen in ihren unterschiedlichen Erscheinungs- und Entwicklungsformen und in ihrem gegenseitigen Spannungsverhältnis aufzuzeigen, also:
o Formalität oder Informalität der Grenze
o Verlauf und Form der Grenze, Grenzverlaufskonflikte
o Grenzmarkierung, Befestigung, Grenzregime
o Durchlässigkeit - in Bezug auf was, auf wen, in welche Richtung (Politik der Grenze)
o Grenzerfahrungen

Als Anschauungsraum dient die ganze Welt. Dabei muss bei jeder Grenze darauf Bedacht genommen werden, welche Rolle die jeweilige Region bzw. der jeweilige Staat in der internationalen Arbeitsteilung spielt. Je nach Größe und Verfassung, geopolitischem Gewicht und internationaler Integration eines Staates können Grenzen anders aussehen und gehandhabt werden. Entscheidend ist auch die Frage, ob es sich bei einer Grenzziehung um unabhängige Staaten oder innere Peripherien, um Kolonialreiche, Kolonien oder postkoloniale Staaten handelt.
In zeitlicher Hinsicht bildet die unmittelbare Gegenwart den Ausgangspunkt. Je nach Fragestellung wird dabei in frühere Epochen ausgeholt. So werden auch die Genese der modernen Territorialstaaten, ihre Mechanismen von Staatsbildung und Grenzziehung, Ein- und Ausschluss angesprochen. Dazu kommen groß- und kleinräumige ökonomische Gefälle, geopolitische Demarkationslinien sowie Zivilisationsgrenzen, mit denen beherrschende Kulturen ihren Einfluss auf schwächere oder abhängige Nachbarn erweitern. Jede ältere Grenzziehung wirkt auf die Gegenwart inspirierend. Sie hinterließ im Raum und in der Sozialstruktur Spuren, die auf nachfolgende Integrations- und Desintegrationsprozesse nachwirkten. Zuletzt stellt sich die Frage nach der neuen Rolle des Nationalstaates und der Zukunft der Staatlichkeit.

Die Überlagerung alter durch neue Grenzen und der damit verbundene Funktionswandel wird im Titelbild dieses Bandes symbolisiert. Es zeigt die futuristische Kulisse der Duty Free-Oase "Excalibur City", die im "Niemandsland" südlich von Znaim zwischen den beiden Grenzkontrollposten entstanden ist. Wo bis 1989 der Eiserne Vorhang verlief, nützte ein findiger österreichischer Unternehmer das unterschiedliche Preisniveau und die unterschiedliche Rechtslage an der früheren Blockgrenze und errichtete eine Einkaufs-, Dienstleistungs- und Freizeit-Erlebniswelt für ÖsterreicherInnen. Statt mit Drahtverhau werden die Ein- und Durchreisenden mit szenisch inszenierten Konsumverheißungen begrüßt. Im Vorfeld des Beitritts zur Europäischen Union musste sich Tschechien freilich zur Aufhebung der Duty Free-Vergünstigungen verpflichten, die in Österreich bereits am 1. Juli 1997 eine speziell gegen den neuen Einkaufstourismus gerichtete Einfuhrumsatzsteuer auf Tabakwaren an den Landesgrenzen gegenüber Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Slowenien auf den Plan gerufen hatten. Eiserner Vorhang und Excalibur City stehen für zwei unterschiedliche Markierungen der Wohlstandsgrenze zwischen dem reichen Westen und dem armen Osten Europas. Im einen Fall wurde der Differenz durch Trennung, im anderen durch Verbindung begegnet - eine Verbindung, die allerdings genau zwischen erwünschten und unerwünschten Importwaren und mehr noch zwischen willkommenen Reisenden und abzuhaltenden Flüchtlingen und ArbeitsmigrantInnen zu unterscheiden weiß.


Grenze und Staat

Die lineare Grenze zwischen staatlichen Territorien, die eindeutig im Terrain markiert und auf Landkarten dokumentiert ist und die unsere heutige Auffassung von Grenze prägt, erweist sich als relativ junge Erscheinung. Sie war mit dem modernen Staatsbildungsprozess im nordwestlichen Europa verbunden und trat von hier aus ihren Siegeszug in den anderen Teilen Europas und im Rest der Welt an. Freilich hatten auch die alten Reiche und die mittelalterlichen Staaten Grenzen. Der Kampf um Einfluss und Grenzverlauf zieht sich als ein roter Faden durch die Geschichte. Die lineare Markierung und Befestigung, wie sie etwa im römischen Limes oder in der Chinesischen Mauer zum Ausdruck kam, stellt dennoch die Ausnahme und nicht die Regel dar. Im Regelfall waren die älteren Staaten und Reiche durch Grenzsäume voneinander getrennt, sodass Grenze als Zone gedacht werden muss. So entstanden spezifische Grenzgesellschaften, die Transit- und Brückenfunktionen - wie die Bewohner des römisches Limes (Wlachen, Wallachen, Wallonen …) (Roman/Hofbauer 1996:24f) - oder Verteidigungsfunktionen erfüllten (z.B. verschiedene Militärgrenzen am Balkan und in der Ukraine, deren slawische Bezeichnung als kraijna - Grenzraum - in heutigen Landschaftsbezeichnungen weiterlebt) (Nitz 1997:24-27). Im Konfliktfall wurden Grenzzonen freilich instrumentalisiert, um als Mark, frontera oder frontier den Einfluss in das benachbarte Gebiet auszudehnen. Lineare Festlegungen, vertragliche Vereinbarungen und die Errichtung von Grenz- und Verteidigungsbauten nahm man lediglich in besonderen Konfliktzonen vor.

Auch die Zuordnung der Menschen zu einem politischen Territorium, wie sie heute in der Staatsbürgerschaft zum Ausdruck kommt, ist ein junges Phänomen. In mittelalterlichen Fürstenstaaten gab es keine vergleichbare Exklusivität. Adeliger Grundbesitz begründete Obrigkeitsrechte und Jurisdiktion über die ihm zugehörigen Untertanen. Diese beruhten nicht auf einem territorialen, sondern einem personalen Prinzip. Die flächenhafte Einheit eines Herrschaftsgebietes wurde nicht nur durch die Existenz von Streubesitz, sondern auch durch Rechtsansprüche durchbrochen, die in das Territorium einer anderen Herrschaft hineinreichten, etwa wenn Untertanen verschiedenen Herrschaften als Grundholden, Ortsinsassen, Landgerichtsholden-, Zehent- oder Vogteiholden unterworfen und damit auch mehreren Herren zugleich zu Abgaben und Leistungen verpflichtet waren. Auch die Fürstenstaaten selbst stellten in der Regel kein geschlossenes Territorium dar, sondern bestanden aus zersplitterten Gebieten, die durch ein dynastisches Band zusammengehalten wurden.

Die Formation der Staaten, die sich durch die Abrundung des Territoriums zu einem Staatsganzen, die Eindeutigkeit der Grenzziehung nach außen und die Unterstellung der Untertanen unter die direkte Macht des Staates auszeichneten, vollzog sich seit dem 17. Jahrhundert. Die moderne Staatsbildung beschränkte sich zunächst auf die Niederlande, England und Frankreich, die in dieser Zeit das Zentrum der europäischen Wirtschaft darstellten. Ihre herrschenden Klassen spielten eine führende Rolle im Welthandel und in den kolonialen Unternehmungen, die des Schutzes einer starken Staatsgewalt bedurften. Spanien und Portugal bildeten zwar auch frühzeitig einen Territorialstaat heraus und behielten ihre Kolonien, gerieten in wirtschaftlicher Hinsicht jedoch in die Abhängigkeit von den Staaten im europäischen Nordwesten, welche die gewerblich-industrielle Spezialisierung begünstigten. In den neuen Zentren der Weltwirtschaft ermöglichte die erfolgreiche Position im Welthandel und im kolonialen Wettbewerb die steigende Beteiligung der Bevölkerung am Konsum und an der politischen Willensbildung. Der Einkommenszuwachs war schließlich auch dafür verantwortlich, dass im Inneren des Landes Zentralisierung gegen den Widerstand des Adels und regionaler Sonderinteressen durchgesetzt werden konnte. Die staatliche Zentralmacht beanspruchte unmittelbare politische Herrschaft über sämtliche Bewohner und die gesamte Fläche des Staates. Damit gewannen Staats- gegen Herrschaftsgrenzen an Bedeutung.

Der europäische Staat und seine Bewohner stellten freilich nur die eine Seite der Medaille dar: Die andere bestand aus den Völkerschaften der Kolonien und abhängigen Gebiete, die in den Nationalgeschichten der Kolonialmächte durchwegs ausgeklammert bleiben. Zählte man sie hinzu, ließe sich die Vorstellung von der inneren Homogenisierung im Zuge der Staatswerdung nicht länger aufrechterhalten. Ihre Ausklammerung basiert auf einer strikten Grenzziehung zwischen dem Mutterland und den Kolonialgebieten, die sich aufgrund der räumlichen Distanz leicht aufrechterhalten ließ.
Im Vergleich zu den europäischen Seemächten, die nach Übersee expandierten, war der staatliche Expansionsprozess der zentral- und osteuropäischen Reiche in angrenzende Territorien gerichtet. Wenn Preußen, das Habsburgerreich und das zaristische Russland Polen unter sich aufteilten und Gebiete im Baltikum, in Zentralasien und im Schwarzmeerraum unter ihre Herrschaft brachten, unterschieden sie sich nicht substanziell von den westeuropäischen Seemächten. Ein großer Unterschied bestand allerdings darin, dass ihre Kolonien keine exterritorialen Enklaven blieben, sondern ins Mutterland eingegliedert wurden. Dementsprechend verstärkten sie die bestehende wirtschaftliche und kulturelle Heterogenität. Dies erklärt zum Teil ihre wirtschaftliche Rückständigkeit gegenüber den nordwesteuropäischen Seemächten, allen voran Großbritannien, das um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert zur führenden Industriemacht Europas aufstieg. Frankreich hingegen, das wirtschaftlich mit England nicht mithalten konnte, gab das Staatsmodell vor, an dem sich die Nationalbewegungen im restlichen Europa in Hinkunft orientieren sollten.

Die Antworten auf die englische und die französische Herausforderung fielen unterschiedlich aus. Während die deutschen Staaten unter Führung Preußens durch die Gründung des Deutschen Bundes (1815), des Deutschen Zollvereins (1834) und des Deutschen Reichs (1871) einen Nationalstaat im Nachholverfahren auf die Beine stellten, blieben die Habsburger und die Romanows dem dynastischen Prinzip treu. Das Deutsche Reich setzte auf deutsch-nationale Homogenisierung, die andere Sprachen und Ethnien auf ihre folkloristische Komponente reduzierte: Als einigendes Band der nationalen Zugehörigkeit wurde nicht die Staatszugehörigkeit eingesetzt, sondern die deutsche Sprache und Kultur, die auch Deutsche außerhalb der Staatsgrenzen einschloss. Das Habsburger- und das Zarenreich definierten sich demgegenüber als Vielvölkerstaaten mit einem politischen Staatsbürgerbegriff. Bei den Nationalbewegungen stieß dieser jedoch keineswegs auf Anklang, sodass sich Habsburger und Romanows mit Forderungen nach nationalen Autonomien und schließlich nach politischer Unabhängigkeit konfrontiert sahen. Während in Russland das Vielvölkerprinzip - gegen vielerlei nationale Widerstände - von der revolutionären Verfassung übernommen wurde, zerfiel Österreich-Ungarn in seine nationalen Bestandteile (Hobsbawm 1997:13). Mit Ausnahme von (Deutsch-)Österreich, dem die Siegermächte den Anschluss an Deutschland untersagten, holten die ehemaligen Kronländer mit nicht-deutschsprachigen Bevölkerungsmehrheiten die Nationalstaatsbildung nach deutschem Vorbild nach.
Zwei Beispiele zeigen jedoch, dass die Staatsbildung im Nachholverfahren auch unter multinationalen Vorzeichen möglich war. Das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS) vereinte die südslawischen Völker des Balkans in einem multiethnischen Staat, der über die Titularnationen hinaus eine Reihe von anderen Nationalitäten umfasste. Die Vereinigung trug der Tatsache Rechnung, dass Fremdherrschaft und Herrschaftswechsel, Flucht, Siedlung und Migration im Laufe der Geschichte ein so vielfältig überlagertes Völkergemisch geschaffen hatten, dass eine Aufspaltung in nationale Einheiten nicht möglich war. Ein gänzlich anderes Modell von Vielvölkerstaat wurde schon viel früher in den 13 nordamerikanischen Kolonien praktiziert, die sich von Großbritannien abspalteten. Die USA - wie auch Kanada - als melting pot von Siedlern konnte freilich nur entstehen, weil die indianische Urbevölkerung ausgerottet, vertrieben bzw. aus der Gesellschaft ausgegrenzt wurde. Gleichzeitig begnügte sich der junge Staat nicht mit den Kolonialgrenzen, sondern setzte auf kontinentale Expansion. Er orientierte sich dabei an den strategischen Grenzsäumen, die die mittelalterliche deutsche Ostexpansion, die spanische Reconquista und den Vormarsch Russlands nach Zentralasien geprägt hatten. In allen Fällen wurde sie mit der zivilisatorischen Mission legitimiert (vgl. Nolte in diesem Band).
Die Staatswerdung in Afrika, Asien und Lateinamerika stand ebenfalls im Bann des nationalstaatlichen Modells (Anderson 1988). Ausgenommen davon waren jene alten Dynastien, wie China, Persien, Japan oder Siam, die keine Kolonisierung erlebt hatten. Sie lassen sich in vieler Hinsicht mit den europäischen Vielvölkerreichen vergleichen, die im 18. und 19. Jahrhundert auf äußere Konkurrenz und sozialen wie nationalen Druck von innen mit einer Mischung aus Repression und Reform reagierten und sich dann letztlich auch - allerdings in autonomer Art und Weise - an das nationalstaatliche Modell annäherten. Am stärksten in die Defensive geriet dabei das Osmanische Reich, das im Laufe des 19. Jahrhunderts seine Besitzungen auf dem Balkan und nach dem Ersten Weltkrieg die arabischen Provinzen aufgeben musste. Während in großen Teilen Asiens und Afrikas die koloniale Unterwerfung erst im 19. Jahrhundert einsetzte, erlangten die spanischen und portugiesischen Kolonien in Lateinamerika bereits ihre Unabhängigkeit. Allerdings brachte die Dekolonialisierung keine ökonomische Eigenständigkeit, sondern die Abhängigkeit vom Weltmarkt, der damals von Großbritannien beherrscht wurde. Vor dem gleichen Problem standen die postkolonialen Staatsbildungen der ehemaligen afrikanischen und asiatischen Kolonien nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Die Führungsrolle in der Weltwirtschaft lag nach dem Zweiten Weltkrieg eindeutig bei den USA, die aus nahe liegenden geopolitischen Konkurrenzgründen auch die Unabhängigkeitsbestrebungen gegenüber den europäischen Kolonialmächten unterstützten. Gleichzeitig eröffnete die Systemkonkurrenz zwischen USA und Sowjetunion in den 1960er- und 1970er-Jahren einen gewissen Freiraum für sozialistische Experimente postkolonialer Regierungen.

Einen Sonderfall stellte die Gründung des Staates Israel dar. Sein Entwurf stammt aus dem späten 19. Jahrhundert und entspricht den damaligen Ambitionen der ost- und südosteuropäischen Nationalbewegungen, ihre Siedlungsgebiete aus den Territorien der Großmächte herauszulösen. Im Fall der jüdischen Staatsidee wurde die religiöse Gemeinsamkeit von der jüdischen Nationalbewegung, dem Zionismus, in eine ethnische transformiert. An die Stelle der Sezession trat der Mythos von der Rückkehr ins Heilige Land. Dieser löste eine Siedlungsbewegung in das zunächst osmanische, ab 1922 unter britischer Mandatsherrschaft stehende Palästina aus. Der Gründung eines jüdischen Nationalstaats leisteten schließlich der Holocaust sowie die Aufnahmerestriktionen für jüdische Flüchtlinge in der westlichen Welt Vorschub. Nur so konnte im 20. Jahrhundert ein Staat legitimiert werden, der die Vertreibung der ansässigen Bevölkerung zur Voraussetzung hatte, zumal diese im Zeitalter der Entkolonialisierung ihrerseits auf nachholende Nationalstaatsbildung hoffte.


Staatsgrenze und Minderheiten

Beileibe nicht alle ethnischen Gruppen bekamen also ihren Staat. In vielen Fällen wurde ein solcher gar nicht angestrebt, in anderen standen die Interessen der bestehenden Staaten einer Unabhängigkeitswerdung entgegen. Die politische Landkarte ist also durchgängig von der Existenz größerer und kleinerer Minderheiten geprägt. Im Fall von kleineren Gruppen ohne eigene urbane Zentren und gesellschaftliche Eliten unterliegen sie einem starken Assimilierungsdruck, der die Zahl der Ethnien und Sprachen im Laufe des 20. Jahrhunderts drastisch zurückgehen ließ. Viele Nationalitäten akzeptieren den Status der Minderheit in einem anderen Staat und richten ihre nationale Aktivität auf die Wahrung kultureller Rechte. Andere haben die Vorstellung von der nationalen Unabhängigkeit - oder der Vereinigung mit einem Nachbarland - niemals aufgegeben und verfolgen dieses Ziel mit mehr oder weniger Militanz. Dabei stellt sich dieses Problem nicht nur in alten multinationalen Reichen oder in Gebieten ehemaliger Fremd- und Kolonialherrschaft, wie in Ost- und Südosteuropa und in den postkolonialen Staaten. Wie das Beispiel Nordirlands, des Baskenlandes, Flamens oder der Bretagne zeigt, existiert es auch in den alten europäischen "Nationalstaaten" und macht deutlich, dass die staatliche Besetzung des Nationsbegriffes auch hier Brüche aufweist (Gerdes 1985).

Herkunft, ethnische und sprachliche Differenz fügten sich stets in die soziale Hierarchie einer Gesellschaft ein. Ethnizität verbindet sich oft mit bestimmten Klassenlagen zu einer ethno-sozialen Schichtung (Balibar/Wallerstein 1990). In anderen Fällen gehören die Angehörigen der ethnischen Gruppen dem gesamten Klassenspektrum einer Gesellschaft an. In keinem Fall gibt es aus einer egalitären Perspektive eine Veranlassung, ethnische Vielfalt multikulturell zu glorifizieren. Umgekehrt gibt es aber auch keinen Grund, ethnische Vielfalt als ein Problem und Homogenisierung als dessen Lösung anzusehen. Eine solche vereinfachende Sicht der Dinge widerspricht schlichtweg dem realen Mit-, Neben-, Über- und Gegeneinander unterschiedlicher ethnischer und sprachlicher Gruppen in einer Gesellschaft. Ethnische Vielfalt im Staatsverband erweist sich als Regel und nicht als Ausnahme. Durch Flucht- und Migrationsbewegungen erhält sie zudem stets neue Gestalt. Schließlich mangelt es nicht an Beispielen, wie Multinationalität in Frieden und gegenseitiger Toleranz bewältigt werden kann. Ebenso wenig ist zu übersehen, dass Differenzen insbesondere in Zeiten ökonomischer Krisen gewaltsam aufbrechen. Wenn die Kämpfe um die Verteilung des gesellschaftlichen Produkts härter werden, akzentuieren sich die Gegensätze zwischen Arm und Reich. Soziale Gegensätze haben immer auch eine regionale Ausprägung. "Padanien" oder Bayern stehen für Regionen, die gegen den Finanzausgleich mit ärmeren Landesteilen stehen; der Mezzogiorno, die ostdeutschen Länder oder das niederösterreichische Waldviertel gehören zu den benachteiligten Regionen, die für mehr Ausgleich und Förderung eintreten. Besonders brisant werden die Verteilungskämpfe, wenn sich die soziale mit der ethnischen Differenz verbindet. In diesem Fall können soziale Ansprüche mit ethnischer Benachteiligung begründet werden. Wenn die soziale Frage politisch diskreditiert ist, wie zum Beispiel in den ehemaligen sozialistischen Ländern, bietet sich die Ethnisierung des Sozialen geradezu als Ventil an. Das kann dazu führen, dass reiche(re) Landesteile, wie Tschechien oder Slowenien, den Wunsch nach Souveränität äußern. Ärmere Landesteile hängen in der Regel stärker am Gesamtstaat mit seinen regionalen Ausgleichsmechanismen. Die Abspaltung und Staatsgründung kann aber auch als Hoffnungsanker aufgegriffen werden, wie im Fall des Kosovo oder der Slowakei. Ohne äußere Einmischung von Mächten, die sich aus dem Zerfall eine Vergrößerung ihres Einflusses in der Region versprechen, hätte es in Ost- und Südosteuropa wohl kaum zur Gründung so vieler neuer Staaten kommen können.


Nationalstaat und supranationale Integration

Während die Zentren der Weltwirtschaft in den 1990er-Jahren Modelle der supranationalen Regionalblockbildung forcierten, erlebten die multinationalen Staaten des Ostblocks und Jugoslawiens Zerfall und eine erneute Welle nachholender Nationalstaatsbildungen. Das Ungleichgewicht zwischen dem Westen und dem Osten des Kontinents kann deutlicher nicht zum Ausdruck kommen. Die geringe Lebensfähigkeit der neuen Staaten macht sie zudem abhängig vom goodwill der westlichen Staaten und ihrer Unternehmungen und öffnet sie der neokolonialen Durchdringung. Die wirtschaftliche Abhängigkeit vom westlichen Ausland kommt nicht nur in der hohen Verschuldung zum Ausdruck, sondern auch durch die Schwäche der nationalen Währungen. Überall gelten Dollar und Euro als Flucht- und Parallelwährung, in Montenegro und im Kosovo wird überhaupt in Euro gezahlt, eine Reihe von Regierungen - z.B. in Bulgarien und Bosnien-Herzegowina - haben die Währungspolitik an Currency Boards abgetreten, die die Interessen der internationalen Gläubiger wahren. Im Fall der Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien ist in vielen Fällen auch die politische Herrschaft so instabil, dass Regierung und Sicherheitskräfte von internationalen Verbänden gestellt werden. Das eigentliche Ziel der internen Akteure, die Wettbewerbsposition durch die Gründung eines Nationalstaats zu verbessern, wurde nur in ganz wenigen Fällen erreicht, wie etwa in Slowenien. Ein großer Teil des Balkan ist hingegen erneut zum Protektorat der Großmächte geworden. Nationale Homogenität ließ sich, wie beispielsweise in Kroatien, nur durch massive Vertreibungen herstellen. Generell führten Flucht und Vertreibung nicht zur Homogenisierung der Region, sondern zu neuen explosiven ethnischen Gemengelagen.

Während der Nationalstaat in Ost- und Südosteuropa ein Revival erlebt, gilt er im EU-Diskurs als Auslaufmodell. Tatsächlich haben in der Europäischen Union neue Formen der Suprastaatlichkeit im Recht, in der Sicherheits- und Militärpolitik und im Wirtschaftsleben seine Bedeutung de facto eingeschränkt; die gemeinsame Außengrenze und die gemeinsame Währung konstituieren einen, wenn auch nicht ganz kongruenten, suprastaatlichen Raum. Daraus kann eine neue staatliche Souveränität auf höherer Ordnung entstehen, also eine Art "Vereinigte Staaten von Europa". Die Integration kann aber auch im zwischenstaatlichen Bereich angesiedelt bleiben, in dem die Zusammenarbeit von den Regierungen der beteiligten Staaten verwaltet wird. Mit dem Beschluss der Einheitlichen Europäischen Akte (EEA) im Jahr 1986 wurden die Weichen in Richtung verstärkter Suprastaatlichkeit gestellt. Dieses Dokument stellte eine entscheidende Revision des EG-Gründungsvertrages dar. Es bekundete den Übergang von einer Zollunion zu einem gemeinsamen Binnenmarkt, weitete die Bereiche der Zusammenarbeit auf Außen- und Sicherheitspolitik aus und führte Mehrheitsentscheidungen statt des bisher üblichen Einstimmigkeitsprinzips ein. Mit den Verträgen von Maastricht (1992) und Amsterdam (1997) wurde die Absichtserklärung in konkrete Gesetzesform gegossen und in das Primärrecht der nunmehr so genannten Europäischen Union aufgenommen.

Diese Schritte in Richtung einer neuen Form der Staatlichkeit leiten sich nicht selbstverständlich aus dem EG-Vertrag von 1957 ab. Während in den 1960er- und 1970er-Jahren die Integration den Abbau von zwischenstaatlichen Zöllen und Freizügigkeitsbeschränkungen betraf, wurden in den 1980er-Jahren die Aufnahme neuer Mitglieder und die Erweiterung des gemeinsamen Handlungsspielraums in Angriff genommen. Die Motivation für die verstärkte Integration lag in den veränderten weltwirtschaftlichen Wettbewerbsverhältnissen. Die Weltwirtschaftskrise der 1970er-Jahre hatte die Entwicklung neuer Technologien, eine Neuordnung der Standorte im Weltmaßstab sowie die verstärkte Konkurrenz der Staaten um Investitionen auf die Tagesordnung gesetzt. In diesem Wettbewerb der Standorte erhofften sich die stärksten Wirtschaftsmächte, ihre Position durch die Bildung von handlungsfähigen Regionalblöcken zu stärken; diese vertieften einerseits die regionale Integration, andererseits bemühten sie sich, ihre Einflusszonen durch die vertragliche Anbindung peripherer Wirtschaftsräume gegenseitig abzustecken. Dies erfolgte, wenn auch in unterschiedlicher Form, in der Europäischen Union, der amerikanischen NAFTA sowie in Ost- und Südostasien, wo verschiedene zwischenstaatliche Kooperationen existieren. Die Aufgabe der Regionalblöcke besteht primär darin, im Interesse der mit ihnen verbundenen Konzerne in- und außerhalb ihrer Grenzen möglichst günstige Investitions- und Verwertungsbedingungen zu schaffen.

Der verschärfte Wettbewerb auf globaler Ebene bewirkte auch innerhalb der Staaten eine Zunahme der Spannungen zwischen den Regionen. Um den Zugang zu Investitionen und staatlichen Fördermitteln zu verbessern, betreiben diese regionales Standortmarketing. Gleichzeitig schufen sie Einrichtungen zur Koordinierung substaatlicher Einheiten. Seit 1985 errichten sie am Sitz der EU-Kommission in Brüssel Lobbying-Büros und setzten im Vertrag von Maastricht die Einrichtung eines Ausschusses der Regionen durch (Bauer 1994:16-23). Derzeit hat dieser zwar nur beratende Funktion, angestrebt ist aber seine Verankerung als Regionalkammer des Europaparlaments. Die regionalen Lobbyisten treten für eine Stärkung der kleinräumigen Ebene ein. Wirtschaftsschwache Regionen verlangen mehr Fördermittel; starke Regionen hingegen wehren sich gegen vom Zentralstaat vermittelte Ausgleichsmechanismen. In beiden Fällen setzen sie auf die Stärkung der supranationalen Ebene. Der Nationalstaat hat damit nicht nur Kompetenz nach oben, sondern auch nach unten abgegeben.

Stellt der Nationalstaat also ein Auslaufmodell dar? Oder verändert er im Zuge der Globalisierung von Produktion und Finanzströmen lediglich Funktion und Aufgaben? Dabei muss zwischen den starken Staaten des Zentrums und den schwachen Staaten der Peripherie unterschieden werden. Die führenden Wirtschaftsmächte der Europäischen Union haben durch die innere Kompetenz- und Aufgabenverschiebung nicht an Macht eingebüßt. Mit dem Vormarsch der neoliberalen Logik, die politische Intervention als Wettbewerbsverzerrung diffamiert, ist allerdings eine Umwandlung der öffentlichen Aufgaben vom Wohlfahrts- zum Wettbewerbsstaat eingetreten. Der Ausgleich der Interessen, die soziale Abfederung und die Umverteilung von gesellschaftlichem Reichtum zugunsten einkommensschwacher Klassen und Regionen sind gegenüber der Förderung von Wettbewerbsfähigkeit in den Hintergrund getreten. Damit ist eine auf das gesamte staatliche Territorium orientierte, flächenhafte Politik von einer punktuellen Intervention abgelöst worden, die "Tempo", "Spitze", "Überholspur" zu Leitmotiven erklärt. Die Polarisierung zwischen den Raschen und den Langsamen, den Fitten und den Schwachen erzeugt zwangsläufig Spannungen und schwächt den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Die Übertragung von Kompetenzen an EU-Gremien kann als Einschränkung der nationalen Souveränität betrachtet werden; umgekehrt bietet diese Übertragung den die EU dominierenden Staaten aber auch die Möglichkeit, ihre nationalen Interessen - und damit Sonderinteressen - mittels der EU-Regelungen durchzusetzen. Ihre Vorstöße erscheinen so nicht als nackte nationale Interessenspolitik, sondern als Sachzwang, der aus der Gemeinschaftsregel resultiert. Sie brauchen gegenüber der Bevölkerung nicht weiter legitimiert werden. Es erweist sich für die Staaten des Zentrums also durchaus als nützlich, über unterschiedliche räumliche Ebenen der Entscheidungsfindung und Handlungskompetenz zu verfügen und wechselweise der Region, der Nation oder der Union den Vortritt zu lassen.
Noch weiter gehen die Visionen einer "Weltbürgergesellschaft", in der Staaten- und Völkerrecht durch "kosmopolitisches Recht" ersetzt wird, wie sie von deutschen und französischen Philosophen vertreten werden (z.B. Habermas 2000:53; kritisch: Tönnies 2002). Auch hier verschleiert das Gerede vom "Kosmopolitismus" die handfesten Machtinteressen der westlichen Welt. Es hat also ganz den Anschein, als säßen die Staaten desto fester im Sessel, je mehr von ihrem Machtverlust gesprochen wird.

Staaten an der Peripherie sind hingegen durchwegs schwach, zuweilen kaum lebensfähig und extrem außenorientiert. Dies gilt auch für die osteuropäischen Mitglieder der Europäischen Union. Jürgen Habermas hält ihren Anspruch auf nationale Souveränität für anachronistisch. Verächtlich bemerkt er, sie "pochten neurotisch auf ihre Souveränität" (Habermas 2000:64). Er stellt damit auch das Völkerrecht in Frage, das die staatliche Souveränität unabhängig von Größe, innerer Verfasstheit und wirtschaftlicher Stärke garantiert.
In der Europäischen Union sind die peripheren Mitglieder formal gleichberechtigt. Aufgrund ihrer wirtschaftlichen und politischen Macht können jedoch die EU-Zentrumsstaaten - in deutlicher Konkurrenz mit den USA - gegenüber den neuen Staaten der Peripherie ähnlich wie Kolonialmächte auftreten. Um diesen Tatbestand einerseits zu verschleiern, andererseits die Dominanz zu legitimieren, erweist sich die Verwandlung der Peripherien in völkerrechtliche Subjekte ohne tatsächlichen Handlungsspielraum als günstige Voraussetzung. Die nationalstaatliche Fragmentierung der ost- und südosteuropäischen Peripherie, so sehr sie auch von eifrigen Nationalisten herbeigeredet und -gebombt wurde, liegt so gesehen im Interesse der wirtschaftlichen Zentralräume und der mit ihnen verbundenen Konzerne. Die "Weltbürgergesellschaft" wird also wohl weiterhin eine Illusion bleiben, die sich - wie im Fall des NATO-Kriegs gegen Jugoslawien oder des Angriffs der US-Allianz gegen den Irak - gegebenenfalls zur "humanitären" Legitimierung von militärischer Intervention benützen lässt.

Die Tendenz zur suprastaatlichen Integration, die mit den EU-Gipfeln von Maastricht und Amsterdam ihren Höhepunkt erreicht hatte, ist durch den Beitritt der osteuropäischen Mitgliedsstaaten ins Stocken geraten. Beamte und Funktionäre, die mit der Umsetzung der EU-Integrationsziele befasst sind, sind für Entwicklungen, die der Suprastaatlichkeit entgegenlaufen, betriebsblind. Sie nehmen die Unionsebene als dominante Handlungsebene wahr und halten den Weg zu einer neuen Staatlichkeit für unumkehrbar. Gegenläufige Tendenzen sind freilich auszumachen. Sie resultieren aus den Spannungen, die sich aus den Lohn-, Einkommens- und Entwicklungsgefällen zwischen alten und neuen Mitgliedsstaaten ergeben. Die Begeisterung über die Erweiterung ist einer weit verbreiteten Europa-Skepsis gewichen. Dies deutet darauf hin, dass intergouvernementale Formen der Zusammenarbeit wieder Priorität vor der supranationalen Vereinheitlichung gewinnen können. Dies öffnet Räume für bilaterale Kooperation sowie die Bildung von Zweckbündnissen von Staatengruppen innerhalb und außerhalb der Europäischen Union. Eine ähnliche Verlangsamung des Integrationstempos kann auch bei den Verhandlungen um die gesamtamerikanische Freihandelszone (ALCA) beobachtet werden. Der Weg zum Suprastaat ist also keineswegs vorgezeichnet. Ebenso wie die Bildung des Nationalstaats unterliegt Suprastaatlichkeit unterschiedlichen Anforderungen, Interessen und Konjunkturen.


Die Beiträge

In diesem Buch spüren wir dem Wandel von Staatlichkeit und Grenzen nach. Nach einer theoretischen Einführung der Herausgeber richtet Hans-Heinrich Nolte (Hannover) den Blick bis in Hochmittelalter zurück. Er vergleicht drei wandernde Grenzsäume (die deutsche Ostgrenze des Mittelalters, die russische Südgrenze der frühen Neuzeit und die US-amerikanische Westgrenze der Neuzeit), bei denen die kontinuierliche Expansion der wirtschaftlich und ökonomisch leistungsfähigeren Gesellschaft mit religiösen oder "zivilisatorischen Missionen" legitimiert wurde. Hierbei konstatiert er eine Radikalisierung der Grenzziehung in der Neuzeit. Diese hängt zusammen mit den neuen Herrschaftsformen des modernen Staates. Die drei folgenden Beiträge des Buches richten den Blick vom Staat auf die Grenze. In diesen Beiträgen wird davon ausgegangen, dass verschiedene Staatsformen unterschiedliche Formen von Grenze nach sich zogen. Dies gilt auch für Binnengrenzen. Es geht um Staatsbildung, Grenzziehung und Grenzverschiebung.

Als Beispiele für moderne Staatswerdung wurden das Habsburgerreich und das Osmanische Reich ausgewählt. Beide waren sehr heterogene, multiethnische Reiche und unterschieden sich vom Typus des westeuropäischen National- und Kolonialstaates, dessen Vorbild- und Wirkungsmacht sie schließlich unterlagen. Joachim Becker (Wien) und Asli Odman (Istanbul) vergleichen die Habsburgermonarchie und das Osmanische Reich einerseits in Hinblick auf die politische Ökonomie von Zusammenhalt und Zerfall und diskutieren andererseits vergleichend deren Erbe für die Nachfolgestaatsbildung. Andrea Komlosy (Wien) stellt die Binnen- und Außengrenzen des Habsburgerreiches jenen der Europäischen Union von heute gegenüber und vergleicht die Mobilisierung der Bevölkerung sowie die Selektion und Kontrolle von Reise, Aufenthalt und Migration. Henning Melber (Uppsala) setzt sich am Beispiel des südlichen Afrika, speziell Namibias, mit dem Kolonialstaat und dessen Hypothek für die staatliche Unabhängigkeit auseinander. Die koloniale Landnahme zeichnete sich durch besondere Gewaltsamkeit aus - und Namibia ist hierfür ein bezeichnendes Beispiel. Der Völkermord der deutschen Kolonialmacht an den Herero und Nama hat 2004 seinen 100. Jahrestag. Die antikolonialen Bewegungen bekämpften einerseits den kolonialen Staat und traten andererseits sein Erbe an. Das impliziert auch die Anerkennung seiner Grenzen.

In allen folgenden Beiträgen des Buches geht es um verschiedene Typen von Grenzen. Dabei stehen nicht die Staatsgrenze, sondern Wirtschafts-, Wohlstands- und Kulturgrenzen im Vordergrund. Da diese in der Regel nicht mit der politischen Grenze übereinstimmen, stellen sie potenzielle Konfliktherde und Zerfallslinien dar.
Viktoria Waltz (Dortmund) nähert sich der schwierigen Frage der Grenzziehungen zwischen Israelis und Palästinensern über die raumplanerische Seite der Siedlungspolitik. Im Detail beschreibt sie, wie das aus mehreren Epochen stammende Landrecht und die Raumplanung zu Landnahme und Enteignung genutzt wurden. In diese Logik stellt sie auch den jüngsten Mauerbau, der eine Radikalisierung der Grenzziehung bedeutet.

Helga Schultz (Frankfurt/Oder) illustriert den Zusammenhang zwischen Binnen- und Außengrenzen am Beispiel von Zwillingsstädten, deren Stadtgebiet durch das Ziehen neuer staatlicher Außengrenzen zerteilt wurde. In den letzten Jahren gibt es verstärkte Anstrengungen zur grenzüberschreitenden kommunalen Zusammenarbeit. Diese steht vor allem am ehemaligen Eisernen Vorhang vor großen Herausforderungen, da die dortigen Teilungen oft besonders konflikthaft waren, die Grenzziehungen außerordentlich hermetischen Charakter hatten und die Grenze heute oft eine Wohlstandsgrenze ist.
Wohlstandsgrenzen verlaufen auch durch das frühere Jugoslawien. Hannes Hofbauer (Wien) setzt dessen Zerfall mit den Spaltungsebenen in Verbindung, die durch die wechselnden Einflussbereiche von Fremdherrschaft und ihre Auswirkungen auf das wirtschaftlich-soziale, ethnische und religiöse Gefüge des Balkan-Raumes entstanden sind. Ob und welche dieser Gräben zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgerissen und aktiviert werden, ist freilich keine eherne Gesetzmäßigkeit der Geschichte, sondern richtet sich nach aktuellen Kräfteverhältnissen und Interessenlagen.
Auch ein monetäres Territorium kann durchlöchert werden. Ein besonders krasses Beispiel monetärer Vielfalt ist Argentinien, dessen Fall Joachim Becker (Wien) und Paola Visca (Montevideo) diskutieren. Hier verschränkten sich Dollarisierung und die Herausbildung regionaler Parallelwährungen miteinander. In der Krise 2001/2002 tauchten sogar private Tauschbons als Quasi-Geld auf dem Markt auf. Damit verlor der argentinische Währungsraum über 25 Jahre hinweg an Einheitlichkeit, was auch Ausdruck einer Schwächung der Staatlichkeit ist. Gleichzeitig entstanden mit den inneren Währungs- auch soziale Grenzen.

Karen Imhof (Wien) arbeitet die Dialektik von Grenzabbau für das Kapital und neuer Grenzbefestigung gegen MigrantInnen am Beispiel der Grenze zwischen den USA und Mexiko heraus. Die verstärkte Integration zwischen beiden Ökonomien und der damit verbundene Niedergang von binnenwirtschaftlich orientierter Industrie und Landwirtschaft in Mexiko führen zu verstärkter mexikanischer Emigration. Diese wiederum veranlasst verstärkte Grenzbefestigung seitens der USA, die allerdings die Immigration nicht unterbindet, sondern eher legale und illegale Arbeitskräfte voneinander scheidet. Erwerbsbiographien mit mehrfachen Grenzüberschreitungen werden zwar nicht zur Norm, aber doch zu etwas Normalem.


Literatur

Anderson, Benedict (1988): Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Frankfurt am Main/New York
Bar‚a, Pavel/Strmiska, Maxmilián (1999): Národní stát a etnicky´ konflikt. Brno
Balibar, Etienne/Wallerstein, Immanuel (1990): Rasse Klasse Nation. Ambivalente Identitäten. Hamburg-Berlin
Bauer, Ursula (1994): Europa der Regionen - zwischen Anspruch und Wirklichkeit (= ISR-Forschungsberichte 12). Wien
Gerdes, Dirk, Hg. (1985): Der Regionalismus als soziale Bewegung. Frankfurt am Main/New York
Habermas, Jürgen (2000): Bestialität und Humanität. Ein Krieg an der Grenze zwischen Recht und Moral. In: Der Kosovo-Krieg und das Völkerrecht, Hg. Reinhard Merkel. Frankfurt am Main: 51-65
Hobsbawm, E. J. (1997): The End of Empires. In: After Empire. Multiethnic Societies and Nation-Building, Hg. Karen Barkey/Mark von Hagen. Boulder/Oxford: 12-16
Nitz, Hans-Jürgen (1997): Der Beitrag der historischen Geographie zur Erforschung von Peripherien. In: Europäische Innere Peripherien im 20. Jahrhundert, Hg. Hans-Heinrich Nolte (= Historische Mitteilungen im Auftrage der Ranke-Gesellschaft, Beihefte Bd. 23). Stuttgart: 17-36
Roman, Viorel/Hofbauer, Hannes (1996): Transsilvanien - Siebenbürgen. Begegnung der Völker am Kreuzweg der Reiche. Wien
Tönnies, Sibylle (2002): Cosmopolis now. Auf dem Weg zum Weltstaat. Hamburg

 

Leseprobe:

Grenzen und Räume - Formen und Wandel
Joachim Becker/Andrea Komlosy

 

Quelle: HSK/IE 23: Grenzen Weltweit. Zonen, Linien, Mauern im historischen Vergleich. Herausgegeben von Joachim Becker undAndrea Komlosy. Promedia/Südwind: Wien 2004 (Historische Sozialkunde/IE 23).


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