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Birgit Bolognese-Leuchtenmüller, Michael Mitterauer

Einleitung: Frauen-Arbeitswelten

Quelle: HSK 3: Frauen-Arbeitswelten. Zur historischen Genese gegenwärtiger Probleme. Herausgegeben von Birgit Bolognese-Leuchtenmüller, Michael Mitterauer. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik, 1993. S. 9 - 16.

"Die Tatsache, welche die gegenwärtige Situation der Frau bestimmt, ist das hartnäckige Überleben der ältesten Traditionen in einer neuen Zivilisation, deren Grundlinien sich bereits deutlich abzeichnen." (de Beauvoir 1968:149)

"Auch Arbeitsteilung ist Sozialisierung, und zwar eine tief berechtigte, wenn sie sich auf dem Prinzip der individuellen Berufung aufbaut." (Buber 1906:IX)

Wenn Untersuchungen der Vereinten Nationen belegen, daß heute weltweit rund 70% des Gesamtarbeitsvolumens von Frauen geleistet werden, ihr Anteil am Einkommen hingegen lediglich bei 10% liegt, so stellt dies zunächst vor allem einen empirischen Befund über das Ausmaß real existierender Ungleichheit zwischen den Geschlechtern dar. Die eklatante Benachteiligung wäre aber niemals so klar nachweisbar, hätten sich die Studien auf den heute zumindest umgangssprachlich reduzierten Gebrauch des Begriffs Arbeit im Sinne von reiner Erwerbsarbeit beschränkt. Ein erheblicher Teil der von Frauen erbrachten Arbeitsleistung - nämlich der unbezahlte - findet sich in keiner volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und ist höchstens gelegentlich Gegenstand des Versuchs einer monetären Bewertung (Estor 1988:62).
Für eine historische Untersuchung zum Thema Frauenarbeit stellt sich die Frage nach einer brauchbaren Begriffsbestimmung von Arbeit aber mindestens ebenso dringend wie für die realitätsgerechte Einschätzung der aktuellen Situation. Arbeit, Arbeitsrollen und Arbeitsteilung stellen sozialgeschichtliche Schlüsselkategorien dar, wenn es um die Frage gesellschaftlicher Statusbestimmung und politischer Berechtigung geht. Es ist also durchaus legitim, in diesem Zusammenhang begriffsgeschichtlich auszuholen. Rein etymologisch gesehen, bedeutet Arbeit ursprünglich "schwere körperliche Anstrengung, Mühsal, Plage", erst im Mittelalter erhält sie ihre ethische Deutung im Sinne von Aufgabe. Diese enge Verknüpfung von Menschsein, Sinngebung und Arbeit ist dem antiken Denken noch völlig fremd, im Gegenteil: ursprünglich stellt Arbeit eine soziale Kategorie dar, die das Leben von Unfreien, von Abhängigen kennzeichnet. Das eigentliche freie Tun bestand dagegen im öffentlich-politischen Handeln bzw. in einer kontemplativen Lebensführung. Schon früh angelegte hierarchische Gefälle zwischen den einzelnen Tätigkeitsformen bestimmen im Grunde genommen bis heute zumindest tendenziell unsere gesellschaftlichen Wertmuster: den Vorrang der Arbeit im öffentlichen gegenüber der Arbeit im privaten Bereich, die, lediglich als Sorge um die tägliche Lebensführung aufgefaßt, sich gleichsam resultatlos und damit auch lange Zeit geschichtslos darstellt (Ostner/Tatschmurat 1983:27ff). Diese Tatsache muß unsere Aufmerksamkeit zwangsläufig auf ein spezifisches Problem in der historischen Beschäftigung mit dem Thema Frauenarbeit lenken:
Ein wesentliches Charakteristikum der fast ausschließlich von Frauen geleisteten Reproduktionsarbeit besteht ja darin, daß ihr Ergebnis sofort aufgebraucht wird und sie nur als ständiger Kreislauf Wirksamkeit erzeugt. Diese Tatsache ermöglicht nun einerseits ihre Geringschätzung als stets gleichförmige, repetitive Tätigkeit, verlangt aber andererseits nach Strategien zur Sicherstellung dieser Arbeitsleistung als einem gesellschaftlichen Grundbedürfnis. Die historischen Reaktionsmuster auf diese Notwendigkeit sind bekannt: im Zuge der Konstituierung eines bürgerlichen Frauenleitbildes wurde den Bereichen häusliche Arbeit, Kinderaufzucht und (familiale) Pflege und Erziehung der Arbeitscharakter entweder überhaupt abgesprochen, oder sie wurden als "andere" Qualität, nämlich unter der Etikettierung "Arbeit aus Liebe" bagatellisiert.
Die solchermaßen entwickelte Auffassung, den gesamten Bereich Reproduktion, primäre Existenzsicherung und private Subsistenzwirtschaft in Absetzung von der Berufs- und Erwerbsarbeit im engeren Sinn zu sehen, bestimmte lange Zeit hindurch auch den historischen Zugang zum Thema Arbeitswelt. Erst die ursprünglich nur als Modeströmungen betrachteten neuen Ansätze wie Alltagsgeschichte, Geschichte der materiellen Kultur oder - als radikalstes Gegenkonzept gegenüber der traditionellen Historiographie - die "Geschichte von unten" haben in Verbindung mit der mittlerweile fest etablierten historischen Frauenforschung hier einen Perspektivenwechsel erzwungen. Es sind vor allem drei Aspekte, die diese neue Sichtweise kennzeichnen: zum einen ist klar, daß die willkürliche Unterscheidung von öffentlicher Erwerbstätigkeit und privater Arbeit, von produktiver und reproduktiver Tätigkeit überhaupt nur in Verbindung mit gesellschaftlichen Werturteilen Relevanz besitzt, nicht jedoch vom tatsächlichen Arbeitsaufwand oder ihrer Erforderlichkeit her. Zudem verstellt sie auch den Blick auf die Gesamtheit der Lebenswirklichkeit von Frauen. Dieser Umstand trägt der Forderung nach einer neuen Definition von Arbeit Rechnung, die alle Tätigkeiten zur Lebenserhaltung bzw. zur besseren Qualität menschlicher Beziehungen ausdrücklich beinhaltet. Am ehesten kommt dieser Forderung der englische Begriff "labour" entgegen, der neben Arbeit, Anstrengung auch (Geburts) Wehen bezeichnet. Einen weiteren Ansatzpunkt stellt der Nachweis der historischen Variabilität von Arbeitsinhalten in ihrer sozialen Bedingtheit dar, wie sie sich beispielsweise im historisch höchst unterschiedlichen Zeit- und Energieaufwand für Hausarbeit und Kinderbetreuung manifestiert. Die sozialgeschichtliche Position zu dieser Frage stellt so gesehen die Antithese zur Annahme biologisch-anthropologischer Konstanten als den ausschlaggebenden Faktoren für die Entwicklung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung dar. In Konsequenz muß diese Zugangsweise in einen dritten zentralen Fragenkomplex münden, nämlich den nach den kausalen Zusammenhängen zwischen (geschlechtsspezifischer) Arbeitsorganisation und jeweiliger Ordnung der politischen Öffentlichkeit. Arbeitsrollen bestimmen in zwar sehr vermittelter, aber historisch durchaus nachvollziehbarer Form den politisch-rechtlichen Status von Personen und Gruppen, wie umgekehrt von diesem aber wiederum der Selbstbestimmungsfreiraum hinsichtlich Annahme oder Ablehnung, Form und Umfang determiniert wird.
Wenn dem Paradigmenwechsel in der Geschichtswissenschaft besonderer Stellenwert für die Neuorientierung im Umgang mit dem Thema Frauenarbeit attestiert wird, so verkennt dies nicht die Tatsache, daß die akademische Auseinandersetzung nur eine Schiene des Bewußtseinswandels darstellt. Ohne die politisch-gesellschaftliche Mobilisierung schon durch die erste, "alte" (vor allem proletarische), wie dann auch die zweite Frauenbewegung in den Sechziger- und Siebzigerjahren, die beide das Thema Arbeit zum zentralen Anknüpfungspunkt ihrer Analysen und Forderungen erhoben, wäre es wohl kaum zur notwendigen Sensibilisierung der Wissenschaft gekommen. Im Grunde gab schon die erste Frauenbewegung jene Themen vor, an denen auch heute keine historische Untersuchung vorbeikommt: berufliche Zugangsmöglichkeiten, ungleiche Aufstiegschancen für Frauen und Männer, Einkommensdisparitäten, Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsrolle, Doppelbelastung, etc. (Hahn 1993:1ff). Der Zusammenhang zwischen politischem Einflußgewinn der zweiten Frauenbewegung und sozialwissenschaftlich-historischer Theoriebildung zeigt sich am frühesten und deutlichsten in den USA. So wenig sich aber die Initialwirkung der politischen Frauenbewegung in Abrede stellen läßt, so wenig läßt sich auch die eher paradoxe Entwicklung leugnen, daß die Intensität der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Frauenthemen den Elan der politischen Bewegung bereits seit längerem deutlich übertrifft.
Was sich am Beispiel der Bedeutung der politischen Frauenbewegung aber klar ablesen läßt, ist, daß das historische Interesse an einem Thema eng an aktuelle gesellschaftliche Orientierungsbedürfnisse gekoppelt ist. Bezogen auf die gegenwärtige Situation muß sich die Aufmerksamkeit notwendig auf die historische Genese zweier Problemfelder richten, die sich unter den Stichworten Segregation des Arbeitsmarktes und Rollenkonflikte subsumieren lassen. Ganz im Gegensatz etwa zum legistischen Bereich oder dem der politischen Partizipation, hat die historische Entwicklung der Arbeitswelt keineswegs zu einer überzeugenden Angleichung der Tätigkeitsfelder und Tätigkeitsbedingungen von Frauen und Männern geführt; der derzeitige Trend geht wieder in Richtung einer sich verfestigenden geschlechtsspezifischen Trennung von Arbeitswelt sowie von Arbeitswelterfahrung. Abgesehen von der für die meisten Frauen existierenden Dualität der Arbeitswelt in Form der Kombination von Erwerbs- und Familienarbeit, haben sich auf dem Arbeitssektor auch klar ausdifferenzierte weiblich bzw. männlich akzentuierte Berufssphären etabliert. Der Produktionsbereich wird im Alltagsverständnis als überwiegend "männlich" assoziiert, der gesamte Bereich der sogenannten Erziehungs- und Sozialberufe als "weiblich". Segregation muß aber auch dahingehend verstanden werden, daß selbst innerhalb derselben oder verwandter Berufsausübung sich der reale Erfahrungs- oder Erwartungshorizont von Frauen und Männern beträchtlich unterscheidet.
Die Frage ist aber nun, ob dieser geschlechtsspezifisch segregierte Arbeitsmarkt von heute tatsächlich das unmittelbare Ergebnis eines linearen Entwicklungsprozesses ist. Ein Urteil in der Frage, ob es sich etwa bei einem reinen Zuwachs an Arbeitsmöglichkeiten auch tatsächlich um eine Verbesserung der Arbeits- und Lebenssituation handelt, ist letztlich ein Bewertungsproblem. In diesem Zusammenhang wäre z.B. anzumerken, daß bis weit in die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts hinein die Industrialisierung der Gesellschaft mehr oder minder vorbehaltlos für den entscheidenden Durchbruch in der Beteiligung von Frauen an den produktiven Beschäftigungsformen gehalten wurde. (Prominent wird diese Auffassung z.B. von Simone de Beauvoir vertreten.) Heute stellt sich diese Beurteilung deutlich differenzierter dar. Sie muß den Umstand berücksichtigen, daß der Eintritt in den industriellen Arbeitsprozeß für die meisten Frauen nicht Entscheidung für eine selbst gewählte Erwerbsform bedeutete, sondern ökonomischen Zwängen folgte und die soziale Situation der Betroffenen häufig drastisch verschärfte. Zudem verbanden sich mit diesen neu eröffneten Tätigkeitsfeldern keinerlei Aufstiegschancen oder die Möglichkeit zu Statusgewinn. Der Zugang zur industriellen Beschäftigung für Frauen bedurfte darüber hinaus ständiger politisch-gewerkschaftlicher Absicherung; in wirtschaftlichen Krisenzeiten mußten Versuche der Erwerbsbeschränkung selbst in unqualifizierten, schlecht bezahlten Tätigkeiten immer neu abgewendet werden.
Die vielfach gar nicht als Problem wahrgenommene geschlechtsspezifische Segregation des modernen Arbeitsmarktes (bedingt eben auch durch die zuwenig kritische Einschätzung des oben beschriebenen Prozesses) weist in vieler Hinsicht doch deutlich andere Züge auf: erstens vollzieht sie sich auf wesentlich höherem Bildungs- und Qualifikationsniveau - am bildungspolitischen Aufholprozeß nach dem Zweiten Weltkrieg haben Frauen deutlich stärker partizipiert als Männer. Tätigkeits- und bezahlungsmäßig wenig attraktive Beschäftigungsmöglichkeiten müssen nicht verteidigt werden, in diesem Bereich existiert ein deutliches Überangebot. Und schließlich weisen gerade jene Beschäftigungssektoren, in denen Frauen traditionell stark vertreten sind, das größte Wachstumspotential auf, allen voran der Bereich öffentlicher und privater Dienstleistungen. Eine im historischen Längsschnitt eher neue Entwicklung stellt hingegen der Umstand dar, daß Frauen und Mädchen in ihrer Ausbildungs- und Berufsplanung auch auf genau jene Beschäftigungsbereiche abstellen und damit auch selbst auf die Verfestigung der traditionellen Berufsgliederung hinwirken.
Das zweite Stichwort - "Rollenkonflikte" - aufgreifend, gilt es zu bedenken, daß dieser sozialwissenschaftlich definierte Begriff a priori nicht ohne weiteres auf historische Verhältnisse übertragbar ist. In Anwendung auf die aktuelle Situation meint er die psychologischen Probleme, die sich für Frauen möglicherweise aus ihrem Eingebundensein in stark variierende organisatorische Bezüge wie Familie und Erwerbswelt und den damit an sie gerichteten, unterschiedlichen bis widersprüchlichen Erwartungen entstehen können (Brothun 1977:16). Auf die Gegenwart hin konzipierte Rollentheorien inkludieren aber immer auch die Möglichkeit von Konfliktstrategien, persönlichen Entscheidungen und Prioritätensetzungen. Auf die historische Arbeitssituation von Frauen übertragen, begegnen uns derartige Konflikte natürlich auch in Form von Belastung, Überanstrengung und Vernachlässigung sowohl der eigenen wie der familiären Bedürfnisse. Effektive individuelle Entscheidungsspielräume gibt es jedoch kaum. Die Arbeitsrollen von Frauen wie Männern sind für einen Großteil der Bevölkerung vorgegeben, jedenfalls in den bäuerlichen und den unteren industriell-handwerklichen Schichten. Eine Verweigerung von erwarteten Arbeitsleistungen war nicht vorstellbar; für Frauen kam zusätzlich einschränkend hinzu, daß das Angebot an Arbeitsrollen noch weniger vielfältig war. Unter dem gegebenen Existenzdruck eröffneten sich im Falle der Unvereinbarkeit einer adäquaten Erfüllung von Familien- und Erwerbsrolle lediglich in von vornherein bescheidener angesetzten Standards bezüglich Ernährung, Hygiene, Betreuungsintensität, etc. gewisse Kompensationsmöglichkeiten.
Strategien zur Bewältigung oder Abwehr potentieller Rollenkonflikte existieren gegenwärtig in ungleich vielfältigerer Form. Für wesentlich mehr Frauen haben sich einerseits die ökonomische Möglichkeit eines zeitweiligen oder dauernden Erwerbsverzichts und andererseits die Chance auf qualifizierte Berufstätigkeit eröffnet. Was den Strategien allerdings als unverändertes Charakteristikum nach wie vor anhaftet, ist die Tatsache, daß sie nahezu ausschließlich von Frauen entwickelt werden müssen. Unverändert gilt, daß für Männer die Frage nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Regelfall weder die Berufsentscheidung noch die Wahl der Lebensform tangiert. Obwohl es etwa keinerlei sozial oder ökonomisch normierte Voraussetzungen für Eheschließung und Familiengründung in unserer Gesellschaft gibt, zeigen gegenwärtige Heiratsmuster signifikante schicht- und bildungsspezifische Differenzierungen. Dabei gilt: je höher die schulische und berufliche Qualifikation einer Frau ist, umso größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, daß sie ledig bleibt. Sogar in der bisher in Österreich mit Abstand heiratsfreudigsten Generation (zwischen 1935 und 1945 Geborene) blieben fast 20% der Akademikerinnen bis heute unverheiratet, während die höchste Ledigenquote bei den Männern unter den Angehörigen der untersten Bildungs- und Qualifikationsstufen anzutreffen ist (Bericht über die Situation der Frau in Österreich 1985/3:23f).
Was die Situation also während der letzten hundert Jahre beinahe umgedreht hat, ist die relativ neue Voraussetzung, daß die Qualität der Standards für Kinderpflege und -erziehung, für familiäres Klima und für viele Bereiche der Hausarbeit nicht mehr beliebig variabel sind. Das Konfliktmanagement muß diese Ansprüche also unangetastet lassen, die Entscheidung muß auf der Ebene des zumindest teilweisen Verzichts auf den einen oder anderen Lebensbereich bzw. in der - auch über gesellschaftlichen Druck erforderlichen - Wahl der Lebensform getroffen werden.
In den Beiträgen zu diesem Buch wird der Versuch unternommen, einen möglichst breiten Bogen von Faktoren, Bedingungen, Auffälligkeiten aber auch Widersprüchen in der historischen Entwicklung von Frauenarbeit darzustellen, wobei jeweils zwei Artikel thematisch komplementär zueinander angelegt sind. So verstehen sich die Beiträge von Michael Mitterauer und Birgit Bolognese-Leuchtenmüller gleichsam als Klammer zwischen den Wurzeln geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung in vorindustrieller Zeit und einem vor allem in den letzten hundert Jahren ausformulierten Argumentationssystem zur Legitimierung ihrer Beibehaltung. Die Faktizität biosozialer Ausgangsbedingungen wie gleichzeitig der Nachweis ihres sukzessiven Bedeutungsverlustes verweist auf den Stellenwert gesellschaftlicher Bedürfnis- und Interessenskonfigurationen im Hinblick auf ihre historische Veränderbarkeit und unterstreicht die Stabilisierungsfunktion ideologischer Konstrukte.
Die Untersuchungen von Juliane Mikoletzky und Bärbel Kuhn beschäftigen sich aus unterschiedlicher Perspektive mit dem Thema Hausarbeit: während erstere einen Abriß über Bestrebungen für ein Berufsbild für Hausfrauen mit Kennzeichen von Professionalität seit dem Erscheinen der ersten Haushaltsratgeber bis heute bietet, analysiert der zweite Beitrag die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der Hausarbeit. In Anbetracht der bereits angemerkten Notwendigkeit einer Korrektur von Auffassungen, die Hausarbeit höchstens marginal den Charakter gesellschaftlich vollwertiger Arbeit zugestehen, erweist sich ein Überblick über die vielfältigen Zugangsmöglichkeiten zu diesem Thema sicher als Anregung zu genauerer Beschäftigung. Den gemeinsamen Bezugspunkt in den Beiträgen von Andrea Komlosy und Josef Ehmer bilden regionalstrukturelle Entwicklungsfaktoren für Form und Umfang der Frauenarbeit, wobei für den ländlichen Raum insbesondere die charakteristische Verschränkung von bezahlter und unbezahlter Leistung untersucht, im Rahmen der Darstellung von Beschäftigungsformen in der industriellen Gesellschaft vor allem auch der Zusammenhang zwischen Erwerbstätigkeit und Lebens- bzw. Familienzyklus hergestellt wird. Die Darstellungen von Erna Appelt und Eva Tesar beschäftigen sich schließlich exemplarisch mit zwei Berufsgruppen, in denen der Prozeß der Feminisierung besonders stark ausgeprägt ist und die zudem als qualifizierte Form von Erwerbstätigkeit besonders Frauen der mittleren Schicht ansprachen. Diese schichtspezifische Akzentsetzung soll gesellschaftliche Strukturen übergreifende Wirklichkeit von Frauenarbeitswelt veranschaulichen helfen.
Die überwiegende Zahl der Beiträge bezieht sich schwerpunktmäßig auf den österreichischen Raum, wenn auch zumeist darauf verwiesen wird, inwieweit sich die Verhältnisse hierzulande mit der Entwicklung in anderen Staaten in Übereinstimmung bringen lassen bzw. sie sich von ihnen abheben. Was in diesem Buch zweifellos vielen abgehen wird, ist die Darstellung des großen Bereichs der Pflege- und Fürsorgeberufe, vor allem in Anbetracht des Umstandes, daß es sich bei ihnen heute um ausgesprochene Frauendomänen handelt. Nach eingehender Diskussion gelangten wir allerdings zur Auffassung, daß sie sich in ihrer historisch hochdifferenzierten Entwicklung und der Vielzahl sie tangierender Fragestellungen wenig für eine Darstellung in Form eines notwendig kurzen Abrisses eignen. Die gemeinsamen Wurzeln aller "sorgenden" Berufe im religiös-kirchlichen Bereich, die bis ins 19. Jahrhundert dauernde Unentschiedenheit hinsichtlich der besseren geschlechtsspezifischen Eignung von Frauen oder Männern, die Gegenüberstellung von "männlicher" Medizin und "weiblicher" Pflege (Bischoff 1992:32ff, Sachße 1986:105ff), vor allem aber die langfristige und immer wieder neu bestätigte Verbindlichkeit der Rolleninhalte von leiblicher wie "geistiger" Mutterschaft (Mulieris dignitatem 1988:43f, 49) lassen es geboten erscheinen, die Entwicklung dieses umfassenden Sozialbereichs innerhalb einer eigenen Publikation gesondert darzustellen.

Literatur

Bericht über die Situation der Frau in Österreich: 1985
Frauenbericht 1985/3, hg. v. Staatssekretariat für Allgemeine Frauenfragen im Bundeskanzleramt, Wien
Bischoff, Claudia: 1992
Frauen in der Krankenpflege. Zur Entwicklung von Frauenrolle und Frauenberufstätigkeit im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt a. M./ New York
Brothun, Mechthild: 1977
Bedeutung der Berufstätigkeit von Frauen - Konfliktmanagement in komplexen Rollenkonfigurationen. Opladen
Buber, Martin: 1906
Geleitwort zur Sammlung. In: Werner Sombart: Das Proletariat. Bilder und Studien. Frankfurt a. M.
De Beauvoir, Simone: 1968
Das andere Geschlecht. Sitte und Luxus der Frau. Hamburg
Estor, Marita: 1988
In: Frauenlexikon (Stichwort Arbeit), Traditionen, Fakten, Perspektiven. Hg. v. Anneliese Lissner/ Rita Süssmuth/ Karin Walter, Freiburg i. Breisgau
Hahn, Sylvia: 1993
Vom Webstuhl zum Fließband. Frauenarbeit. vom ausgehenden 18. bis zum 20. Jahrhundert, Hg. Bundesministerium f. Unterricht und Kunst, Wien
Mulieris dignitatem: 1988
Apostolisches Schreiben von Papst Johannes Paul II über die Würde und Befreiung der Frau anläßlich des Marianischen Jahres. Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 86. Bonn
Ostner, Ilona/ Tatschmurat, Carmen: 1983
In: Frauenhandlexikon (Stichwort Arbeit), Stichworte zur Selbstbestimmung. Hg. v. Johanna Beyer/ Franziska Lamott/ Birgit Meyer, München
Sachße, Christoph: 1986
Mütterlichkeit als Beruf. Sozialarbeit, Sozialreform und Frauenbewegung 1871-1929. Frankfurt a. M.


Quelle: HSK 3: Frauen-Arbeitswelten. Zur historischen Genese gegenwärtiger Probleme. Herausgegeben von Birgit Bolognese-Leuchtenmüller, Michael Mitterauer. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik, 1993. S. 9 - 16.
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