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Ernst Bruckmüller, Sepp Linhart, Christian Mährdel

Einleitung: Nationalismus und Staatenbildung

Quelle: HSK 4: Nationalismus. Wege der Staatenbildung in der außereuropäischen Welt. Herausgegeben von Ernst Bruckmüller, Sepp Linhart, Christian Mährdel. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik, 1994. S. 9 - 15.

Dem aus einer Ringvorlesung zur außereuropäischen Geschichte hervorgegangenen "Reader" liegt zunächst einmal die Ansicht zugrunde, daß Nationalismus nichts "Natürliches", sondern in gewissen Prozessen Entstehendes und Gewordenes ist; ferner die Annahme, daß der moderne Nationalismus nur im Zusammenhang mit den Entwicklungen der letzten (etwa) 200 Jahre erklärbar ist; sowie die Hypothese, daß Nationalismus und Staatenbildung miteinander zu tun haben (wenngleich nicht auf simple und eindeutige Weise).
Als didaktisches Ziel stellten wir uns vor, daß an die Stelle eines moralisierenden, aber hilflosen Anti-Nationalismus die Einsicht in die (historische) Allgegenwart, aber Erklärbarkeit des Phänomens "Nationalismus" treten sollte; erst dies bietet vielleicht die Grundlage für einen rationalen Umgang mit dem weltweit begegnenden und zweifellos beunruhigenden Phänomen.
Ein übernational, ja überkontinental vergleichender Sammelband, dem immer eine gewisse Willkür in der Auswahl der behandelten Regionen vorgehalten werden kann, bedarf eines gemeinsamen Rasters an Fragestellungen, um überregionale Vergleichbarkeit zu gewährleisten. Wir haben den Autoren daher eine ganze Reihe von Fragen vorgelegt, von denen wir annahmen, daß sie wahrscheinlich (wenngleich mit unterschiedlichen Gewichtungen) in den verschiedenen Einzelfällen eine gewisse Rolle spielen würden.
1. Zunächst geht es um theoretische Annäherungen, um die verwendeten Modelle und Begriffe. Es haben ja Soziologen, Modernisierungstheoretiker, Historiker, Ethnologen, Altertumswissenschaftler usw. eine Vielfalt von Modellen und Erklärungsangeboten erarbeitet; es erschien uns günstig, die verwendeten Zugänge zu explizieren. Da in diesem Band die Zusammenhänge von Nationalismus und Staatenbildung im Vordergrund stehen, war jedenfalls die Frage nach den Funktionen des "Nationalismus" zu stellen. Im Prinzip handelt es sich ja um eine Gruppenidentifikation mit Ausschließlichkeitsanspruch. Nationalismus schafft Sicherheit, Geborgenheit, Identität durch Abgrenzung, Ausgrenzung, Schaffung von Zielidentität usw. Diese Funktionalität des Nationalismus macht auch verständlich, warum dem Begriff vielfach die im mitteleuropäischen Kontext üblichen pejorativen Konnotationen fehlen: "nationalism" als Integrationsideologie soll die oft nicht vorhandenen mentalen Gemeinsamkeiten für die emotionale Zustimmung zu einem Staatswesen schaffen.
Die jeweiligen historischen Voraussetzungen (Souveränität versus Fremdherrschaft, "Erste-Welt-Nation" oder "Dritte-Welt-Nation") haben diese Funktionen in der Realität sehr verschieden ausgebildet und entwickelt. Die Tendenz des modernen Nationalismus geht dabei zur Umsetzung der Nation in Staatlichkeit - entweder soll der bestehende Staat die ihn tragende Nation hervorbringen, oder eine (vor oder neben der bestehenden Staatlichkeit entstandene) Nation drängt zu eigener Staatsbildung.
Prinzipiell ist der moderne Nationalismus zu trennen von älteren Formen ethnischen Bewußtseins; als Identifikations-Anspruch an Individuen und Gruppen ist er Teil gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse (die er wieder vorantreiben kann). Sein Loyalitätsanspruch ist tendenziell umfassend, total. Das unterscheidet ihn von mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Formen ethnischen und protonationalen Bewußtseins, die zumeist nur sozial oder regional partielle Loyalitätsansprüche entwickelt haben. In gewisser Hinsicht bedeutet der Nationalismus einen Rückfall in jene Einheit von Gruppenidentität und religiösem Bewußtsein, die alten, kleinräumigen Gesellschaften eigen waren - jetzt freilich auf größere Vergesellschaftungen und Räume bezogen.
2. Der zweite große Fragenkomplex betrifft Nationsbildung als gesellschaftlichen Prozeß. Die gesellschaftliche Grundlage des vornationalen ethnischen Bewußtseins (Herrscherhaus, "Traditionskern", Stände usw.), aber auch sein Wandel durch gesellschaftliche Modernisierung zum "modernen" Nationalbewußtsein stellen zahlreiche Fragen: Handelt es sich um Fortführung, Übergang oder Bruch? Wenn der moderne Nationalismus eine Folge oder Begleiterscheinung sozialen Wandels ist, dann ist notwendig nach den Trägerschichten des modernen Nationalbewußtseins zu fragen: nach einer neuen Intelligenz bzw. einem neuen Bildungsbürgertum, nach revolutionären Trägergruppen, aber auch nach unternehmerischen und proletarischen Gruppierungen, die als Träger und Verbreiter von Nationalbewußtsein fungieren können.
Gelingen und Scheitern von Nationenbildung als umfassendem, klassenübergreifendem Identifikationsanspruch hängt aufs engste mit dem Vorhandensein oder Fehlen solcher Trägerschichten zusammen. Klassendifferenzierung im Modernisierungsprozeß und Nationalismus sollten wenigstens ansatzweise auf ihre Zusammenhänge untersucht werden. Die Aufmerksamkeit ist dabei nicht nur auf traditionelle, sondern auch auf neue, stark mobile Gruppierungen (etwa von Arbeitsmigranten) zu lenken. Die moderne Nation war ja historisch zunächst eine in sich stark differenzierte Klassengesellschaft. Die gesellschaftlichen Konflikte sind daher ein wichtiger (fördernder oder hemmender) Faktor im Prozeß der Nationenbildung.
Freilich sollten wir dabei keine automatischen Abläufe annehmen: Im gesellschaftlichen Modernisierungsprozeß konnte es zur Stärkung oder Schwächung von nationaler Identifikation kommen, wobei auf die Rolle von Wahlen und Demonstrationen, Wehrpflicht, Arbeitsmigration, auf die verschiedenen Antworten auf Bürokratisierung und Zentralisierung von Herrschaft zu verweisen ist.
Nationalismus als emotionale Massenmobilisierung kann auch gezielt als Modernisierungsstrategie eingesetzt werden. Die Bereitschaft für Opfer im Dienste von Modernisierung ist dabei ähnlich zu bewerten wie die Bereitschaft kriegerischer oder revolutionärer Opfer für das imaginierte nationale "Heil" (die europäische Geschichte bietet dafür ebensoviele eindrucksvolle Beispiele wie die außereuropäische).
3. Im Zentrum unserer Fragen steht die nach dem Zusammenhang von Staatenbildung und Nationalismus. Wir gehen dabei von einer einfachen Definition von "Staat" als Inhaber des Gewalt- und Steuermonopols innerhalb festgelegter Grenzen aus. Die Wege der Staatsbildung sind freilich vielfältig (Stadtstaaten, Flächenstaaten in- und außerhalb Europas, monarchische Staatsbildung, republikanische Formen, revolutionäre Staatsbildung), ebenso die Formen des damit korrespondierenden "nationalen" Bewußtseins. Im Prinzip unterscheidet man in der europäischen Erfahrung das "französische Modell" - hier folgt die Nation dem Staat. Die Population identifiziert sich mit dem vorhandenen Staat und konstituiert sich - freilich in einem revolutionären Prozeß der Machtübernahme - als Nation. Identitätsstiftung und Mobilisierung sind die Funktionen des Nationalismus. Beim "mitteleuropäischen Modell" folgt der Staat der entstehenden oder schon entstandenen Nation. Dabei kann die Staatsbildung durch Integration eines bereits vorher von Nationalbewußtsein erfaßten Gebietes (Deutschland, Italien, Polen) oder durch Desintegration (Nationalstaaten auf dem Gebiet der ehemaligen Habsburgermonarchie, des Osmanischen Reiches, des zaristischen Rußland, der ehemaligen Sowjetunion und des ehemaligen Jugoslawien) erfolgen.
Damit sind aber bei weitem nicht alle Denkmöglichkeiten erfaßt. Jedenfalls existiert auch die staatslose Nation (etwa die Basken), deren Mitglieder dann zweifellos mit dem modernen Staat, der vom Anspruch her ein "Nationalstaat" ist, gewisse Probleme haben werden - und umgekehrt.
4. Kompliziert ist die Frage nach Nationalismus als politischer Philosophie. Dabei geht es um die geistigen Grundlagen von Nationalismus, um Aufklärung, Romantik, Biologismus des 19. und 20. Jahrhunderts, um Kolonialismus und Antikolonialismus. Nationalismus sollte in diesem Zusammenhang auch nach seiner Stellung zu anderen geistigen Phänomenen (Religion, Messianismus und Utopie, Rassismus und "Pan"-Ideen, Fundamentalismus, Kosmopolitismus und Internationalismus, philosophische Strömungen von Aufklärung bis Sozialismus usw.) befragt werden.
Eine zentrale Begründung des modernen Nationalismus ist der seit der Französischen Revolution unterstellte prinzipielle Zusammenhang von Nation und Schutz der Menschen- und Bürgerrechte: Das Recht auf nationale Selbstbestimmung und Staatssouveränität (mit besonderem Gewicht auf Antikolonialismus und "Minderheiten"-Problemen - Verweis auf UNO-Charta, Menschenrechts-Konvention usw.) steht im engsten Zusammenhang mit dem Schutz der Menschen- und Bürgerrechte. Es ist das zentrale Problem jeder Auseinandersetzung mit dem "Nationalismus", daß historisch immer wieder die "Nation" als Rahmen der Verwirklichung dieser Grundrechte postuliert wurde (und wird) - was immer auch gleichzeitig Verweigerung dieser Rechte für die Nichtmitglieder bedeutet. Ähnliches gilt für den Zusammenhang von Nationalismus und Demokratie: Nationalbewußtsein ist in historischer Perspektive stets ein grundsätzlich demokratischer Anspruch (Frankreich 1789, Mitteleuropa 1848, Rußland 1917, antikoloniale Bewegungen); aber die Grenzen der Demokratie werden im Angesicht der Durchsetzung von "Nationen" als Träger des "Politischen" genau dort sichtbar, wo auch die Grenzen für Menschen- und Bürgerrechte für Nichtmitglieder gezogen werden.
Nationalismus ist aber historisch nicht nur der Ausgangspunkt für den Anspruch auf Demokratie und Selbstbestimmung. Nationalistisches Bewußtsein mit seinen Überhebungsphantasien konnte und kann auch immer wieder zur Basis für expansionistische und chauvinistische Haltungen werden. Besonders wichtig erscheint in diesem Zusammenhang die Verbindung von Nationalismus und rassistischer Philosophie, der Einbau des Darwinismus in das Gebäude der nationalistischen Phantasien. Das war deshalb besonders gefährlich, weil dadurch der Rassismus des späten 19. und 20. Jahrhunderts eine (pseudo-) wissenschaftliche Legitimation erhielt und den Anspruch auf "Modernität" erheben konnte: Die Vorherrschafts-Phantasien der Weißen etwa im englischen Kolonialismus oder der kontinentaleuropäische Rassismus (von Gobineau über Chamberlain zu Hitler...) erhielten somit einen "wissenschaftlichen" und damit "zeitgemäßen", "fortschrittlichen" Hintergrund.
5. In der Geschichte einzelner Staaten bzw. Nationen ist der Zusammenhang von Nationalismus und Politik genauer zu untersuchen. Gruppeninteressen versuchten, sich als gesamtnationale darzustellen. Die Nutzung von Gruppen-identitäten für die Verfolgung politischer Ziele im "nationalen" Sinn spielte praktisch überall eine bedeutsame Rolle. Wirtschaftlich-politische Präferenz-Setzungen erhielten ein zuweilen bedeutendes Gewicht als Element nationalpolitischer Dominanz im Herrschaftssystem.
Dabei sind die Auswirkungen des Nationalismus verschieden, je nachdem er von "großen" oder "kleinen" Nationen getragen wird: Die Auswirkungen auf politisches Verhalten nach innen ("Nationalitätenfrage") und außen (Expansionismus, Forderungen nach Minderheitenschutz für "eigene" Gruppen in "fremden" Staaten usw.) werden ganz unterschiedliche Formen annehmen. Zweifellos ist die Frage nach der Rolle von nationalistischen Parteien, ihren Erfolgen und Mißerfolgen in diesem Zusammenhang bedeutsam. Nationalistische Politik-Strategien (Feindbild-Definitionen, Bündnisse, Kriege) sollten sichtbar werden.
6. Das Problem von Nationalismus und Ethnizität, also die Förderung oder Behinderung von nationaler Integration durch starke traditionelle - oder auch neu bekräftigte- ethnische Bindungen an einen Stamm, ein "Land", einen Clan usw., ist im außereuropäischen Bereich häufig von zentraler Bedeutung: Gelingt es, die traditionellen Bindungen zu überwinden, oder konnte eine dominante ethnische Gruppe "ihr" Selbstbild der entstehenden Nation aufzwingen - oder besteht innerhalb eines Staates ein Gemenge von etwa gleich starken Ethnien, die der Entstehung eines überethnischen "nationalen" Bewußtseins Widerstand entgegensetzen? Können die aus dem älteren Bewußtsein übernommenen Bilder (gemeinsame Abstammung, gemeinsamer Kult, gemeinsame "Kultur" usw.) die moderne Nationsbildung fördern - oder wirken sie sich anders aus ? Kommt es zu einer Behinderung überregionaler Bewußtseinsinhalte durch Lokalismus ("Landesbewußtsein") ?
7. Ein letzter großer Fragenkomplex ist der nach den gesellschaftlichen Institutionen und Mechanismen nationaler Integration. Hier stehen die Symbole und Symbolfiguren (Wappen, Fahnen, Heilige, Herrscher, Revolutionäre, Märtyrer, messianische Botschaften etc.) im Vordergrund, also die "nationalen Ikonen". Im engsten Zusammenhang damit steht die gemeinsame Erinnerung an gewisse Daten (Unabhängigkeitserklärungen, Siege, Niederlagen, Revolutionen usw.). Diese Erinnerung an den nationalen "Mythos" rekonstituiert die Nation stets aufs Neue. Und schließlich die Frage nach der Produktion eines kollektiven Bewußtseins durch Schule, Heer, Bürokratie, Kirchen, Medien, aber auch durch Verbände und Parteien. Besonderes Augenmerk ist immer auf die Frage der Sprache, der Sprachpflege, der Sprachwissenschaft und der Sprachideologisierung (Sprachvereinheitlichung, -erfindung usw.) zu legen, da ja Sprache als zentrales Kommunikationsmittel und zugleich wichtiges (potentielles) nationales Symbol historisch eine sehr bedeutende Rolle bei der Entstehung des Nationalismus spielte.
Kriegerische Auseinandersetzungen als höchste Steigerung der realen Distanzierung von den "Feinden" und zugleich höchste Steigerung der Identifikation mit der eigenen Gruppe haben stets eine bedeutsame Rolle bei der Entstehung und Entwicklung nationalen Bewußtseins gespielt - sowohl real als auch in der institutionalisierten Erinnerung.

Diese Fragen (oder die für den jeweiligen Fall wichtigsten) sollten an exemplarischen Prozessen der Nations- bzw. Staatsbildung dargestellt werden. Dadurch sollten die oben erläuterten Modellvorstellungen besser verständlich werden: Zugleich sollen diese aber auch Korrekturen an der möglicherweise existierenden Vorstellung einer gewissen Automatik von Nationenbildung bewirken. Nationenentstehung ist zwar ein bisher ubiquitärer Vorgang, bei dem die hier aufgezählten Faktoren in der einen oder anderer Weise wirksam wurden - aber ein allein verbindliches Modell dafür existiert nicht.
Abschließend sollten wir der Frage nach der Zukunft des Nationalismus nicht ganz ausweichen. Sicher existieren begünstigende Faktoren für die Belebung nationalistischer Haltungen (Instabilität, Zusammenbrüche, wirtschaftliche Probleme). Einige Faktoren könnten aber auch die Schwächung nationalistischer Haltungen bewirken, etwa die Überwindung eines Entwicklungsgefälles, oder die Schaffung von Bedingungen, die persönliche und Gruppen-Identität nicht (mehr) durch tendenzielle Abwertung anderer Gruppen entstehen läßt. Oder wird die Tätigkeit überregionaler und übernationaler Organisationen dazu beitragen, nationale Borniertheiten abzubauen? Oder wird die faktische Überwindung des ökonomisch autarken "National-" Staates (den es in dieser Form freilich nie und nirgends gab) durch neue weltweite Wirtschaftsformen und politische Zusammenschlüsse die "Nation" überflüssig machen? Als Möglichkeit zeichnet sich - neben der jeweils individuellen Überwindung nationaler Identifikation - das Aufbrechen der exklusiven Loyalität der Nation ab und das Erreichen eines Zustandes, der vom Nebeneinander mehrerer möglicher Identitäten in einem einzigen Menschen geprägt ist. Vielleicht beginnt damit ein Weg in eine nachnationale Zukunft (wie ferne diese auch immer liegen mag).
Die Auswahl der Mitarbeiter und Themen reflektiert das Bemühen der Herausgeber, daß die wichtigen Großregionen der Erde wenigstens durch einen Beitrag vertreten sein sollten. Die Wiener Universität als Veranstaltungsort der Ringvorlesung stellte den größeren Teil der Referenten bei. Freilich wäre der Band ohne die Mitarbeit mehrerer ausländischer Fachkollegen in dieser Form nicht möglich gewesen, wofür wir auch an dieser Stelle den gebührenden Dank auszusprechen haben.
Ernst Bruckmüller (Wien) versuchte eine Einführung in das Problem am Beispiel der europäischen Entwicklung. Gerhard Melinz (Wien - Linz) stellt die Entwicklung von Nation und Nationalismus in der Türkei dar. Kernstaaten ehemaliger Imperien sind ja stets besonders interessante Beispiele bei der Entstehung moderner Nationalstaaten und Nationalismen. Paul Georg Geiß (Wien) untersucht Nationenbildung im ehedem sowjetischen Mittelasien - ein Beispiel für die Entwicklung neuer "Nationen" als Folge des Versuches, "sozialistische", zur Sowjetunion loyale Nationen in einem Gebiet mit vielfältiger ethnischer Gemengelage mehr oder weniger als bürokratisch-sozialistische Basis-Organisationen zu schaffen. Andre Gingrich (Wien) führt uns in die arabische Welt und diskutiert das Problem am Beispiel des Jemen. Die verschiedenen Wege in Ostasien werden von Sepp Linhart (Wien) am Beispiel Japans und von Rudolf Kranewitter (Wien) am Beispiel Koreas dargestellt. Zwei Beiträge beschäftigen sich mit Afrika: Axel Harneit-Sievers (Hannover) schreibt über Nigeria, das bevölkerungsreichste Land Schwarz-Afrikas, dessen staatlicher Existenz bis heute keine "Nation" entspricht und das daher andere Modelle emotionaler Zustimmung zum Staat entwickeln muß. Christian Mährdel (Berlin - Wien) untersucht die Frage, inwieweit die politische Ideologie des Afrikanismus den antikolonial - emanzipatorischen Nationalismus beeinflußte. Von Jürgen Lütt (Berlin) erhielten wir zwar keinen Originalbeitrag, durften aber einen kurzen Artikel zum Problem des Nationalismus in Indien abdrucken, der im Informationsmagazin der Universität Zürich (unizürich) Nr.6/1993 erschienen ist. Lateinamerika ist exemplarisch durch einen Beitrag von Hans Werner Tobler (Zürich) vertreten, der die Frage diskutiert, ob hier durch die Revolution ein bestimmter eigener Weg der Nationenbildung beschritten wurde.


Quelle: HSK 4: Nationalismus. Wege der Staatenbildung in der außereuropäischen Welt. Herausgegeben von Ernst Bruckmüller, Sepp Linhart, Christian Mährdel. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik, 1994. S. 9 - 15.
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