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Markus Cerman - Sheilagh C. Ogilvie

Einleitung: Theorien der Proto-Industrialisierung

Quelle: HSK 5: Proto-Industrialisierung in Europa. Industrielle Produktion vor dem Fabrikszeitalter. Herausgegeben von Markus Cerman, Sheilagh C. Ogilvie. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik, 1994. S. 9 - 21.

Der Begriff der "Proto-Industrialisierung" umfaßt die Expansion der Hausindustrie in vielen Teilen Europas zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert, die Güter für überregionale Märkte produzierte. Meistens, aber nicht immer, entstanden solche proto-industriellen Gewerbe in ländlichen Gegenden, wo sie gemeinsam mit der Landwirtschaft betrieben wurden; gewöhnlich entwickelten sie sich ohne die Anwendung fortgeschrittener Technologien und ohne die Zentralisierung von Arbeitskräften in Fabriken.
Dieses weitverbreitete industrielle Wachstum im frühneuzeitlichen Europa ist schon lange Gegenstand wissenschaftlicher Forschungen. In den siebziger Jahren zog dieses Phänomen breiteres Interesse auf sich, als es von einer Anzahl stimulierender Aufsätze und Bücher als "Proto-Industrie" bezeichnet und argumentiert worden war, daß es eine wesentliche Ursache der Transformation zum Kapitalismus und zur Fabrikindustrialisierung war.
Der Begriff "Proto-Industrialisierung" wurde von Franklin Mendels in seiner 1969 verfaßten Dissertation und in einem nunmehr berühmten Aufsatz im Jahre 1972 geschaffen (Mendels 1972). Mendels beschreibt mit "Proto-Industrialisierung" die erste Phase der Industrialisierung. Die "vorindustrielle Industrie (...) ging der eigentlichen modernen Industrialisierung voraus und bereitete sie vor" (Mendels 1972:241). Während dieser Phase erfolgte die Einbindung ländlicher Arbeitskräfte in für den überregionalen Markt produzierende hausindustrielle Gewerbe. Durch diesen Prozeß löste sich die Bevölkerung von den agrarischen Ressourcen und es kam zur Beschäftigung freier, aufgrund des saisonalen Charakters der landwirtschaftlichen Produktion zuvor ungenutzter Arbeitskräftepotentiale. Die Ausweitung der Produktion verlangte eine regionale Spezialisierung in ländlich-gewerbliche und kommerziell-agrarische Regionen.
Mendels sah es als selbstverständlich an, daß das gesamte frühneuzeitliche Europa (und nicht nur Flandern) vom Niedergang der zünftigen städtischen Gewerbe betroffen war, als sich das ländlich-industrielle Gewerbe ausbreitete. Dort zerstörte die Proto-Industrialisierung nach Mendels auch ein traditionelles soziales Gleichgewicht - das der Abstimmung des Bevölkerungswachstums auf die vorhandenen wirtschaftlichen Ressourcen. Für die von ihm untersuchte Region Flandern versuchte er nachzuweisen, daß die günstigen industriellen Konjunkturen zu einer Zunahme der Zahl der Verehelichungen führte, die irreversibel war, d.h. auch in Zeiten schlechter Konjunkturen nicht zurückging. Dies hätte umgekehrt zu einer weiteren Expansion der ländlichen Hausindustrien geführt, die letztlich die Arbeitskräfte sowie das Kapital bereitstellte und die Entstehung eines Unternehmertums, der kommerziellen Landwirtschaft und von überregionalen Märkten für die Fabrikindustrialisierung einleitete und förderte.
Während der siebziger und achtziger Jahre wurden Mendels' Argumente von anderen Historikern aufgenommen und gaben den Anstoß zur Entstehung verschiedener Forschungsrichtungen proto-industrieller Theorien. Eine ging von David Levine aus, der in seiner Dissertation die Proto-Industrie ebenfalls als Faktor betrachtete, der das demographische Verhalten revolutionierte (Levine 1977). Für ihn war die Proto-Industrialisierung und die sie begleitende Bevölkerungsexplosion hauptsächlich deshalb von Bedeutung, weil sie die Arbeitskräfte "proletarisierte". Damit meinte er den durch die Entwicklung ausgelösten Zusammenbruch der sozialen und Grundbesitzstrukturen der traditionellen ländlichen Gesellschaft, der die Etablierung einer landlosen, auf Lohnarbeit angewiesenen Gruppe mit sich brachte. Levine betrachtete die Proto-Industrialisierung lediglich als einen Aspekt innerhalb des Prozesses der Proletarisierung, der für ihn die entscheidende Vorbedingung für Kapitalismus und Industrialisierung darstellte.
Auslöser einer Intensivierung der Debatte zunächst im deutsch- (1977) und dann im englischsprachigen Raum (1981) war das Buch von Peter Kriedte, Hans Medick und Jürgen Schlumbohm: "Industrialisierung vor der Industrialisierung. Gewerbliche Warenproduktion auf dem Land in der Formationsperiode des Kapitalismus." Indem sie die Resultate von Mendels und Levine mit früherer Literatur über die Hausindustrie - insbesondere jener der deutschen Historischen Schule der Nationalökonomie - kombinierten, verwandelten sie die Theorie der Proto-Industrialisierung in ein generelles Modell der sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen zwischen dem Mittelalter und dem 19. Jahrhundert (Kriedte/Medick/Schlumbohm 1983). In ihren eigenen Worten läßt sich "Proto-Industrialisierung als 'Industrialisierung vor der Industrialisierung' ... kennzeichnen als Herausbildung von ländlichen Regionen, in denen ein großer Teil der Bevölkerung ganz oder in beträchtlichem Maße von gewerblicher Massenproduktion für überregionale und internationale Märkte lebte. ... In der epochalen Perspektive gehört es in den großen Transformationsprozeß hinein, der die feudal verfaßten europäischen Agrargesellschaften ergriff und sie in den industriellen Kapitalismus hinüberführte" (Kriedte/Medick/Schlumbohm 1977:26).
Die Proto-Industrialisierung stellt für sie die "zweite Phase" des Transformationsprozesses dar, denn sie konnte "nur dort Platz greifen, wo sich das Feudalsystem entweder gelockert hatte oder sich bereits in Auflösung befand" (1977:26). Die Grundlage dieser Entwicklung in der "ersten Phase" bildete die Ausdifferenzierung der agrarischen Klassenstrukturen und die Aufsplitterung der agrarischen Produktion in einen kommerziellen und einen Subsistenztypus, bedingt durch die Umwandlung der Produkt- in Geldrenten besonders in west- und nordwesteuropäischen feudalen Gesellschaften. Die Polarisierung der ländlichen Bevölkerung in, idealtypisch gesehen, bäuerliche Schichten und Angehörige der ländlichen Unterschichten ist die Basis für die spätere Integration der zweiten Gruppe in die ländliche Hausindustrie.
Auslöser für diese Integration ist das Entstehen überregionaler Märkte und die erforderliche Ausweitung der Produktion, die, nach Meinung der Autoren, aufgrund der zünftigen Beschränkungen in den Städten die Verlegung der Produktion auf ländliche Regionen notwendig machte. Über die Abfolge verschiedener, aber nicht starr oder deterministisch zu denkender Entwicklungsstufen wandelte sich die Produktionsorganisation. Ausgehend vom Kaufsystem, in dem die ländlichen Produzenten Autonomie über Produktion und Absatz behielten, bedingte das zunehmende Eindringen von Kaufmannskapital die wachsende Abhängigkeit der Produzenten von Kaufleuten und Verlegern. Wesentlichstes Element dieser Abhängigkeit war der Verlust des selbständigen Marktzugangs sowohl für die Beschaffung der Rohstoffe als auch für den Absatz der Produkte. Diese Entwicklung beinhaltete schließlich die graduelle Konzentration und Mechanisierung der Produktion. Das Konzept von Kriedte, Medick und Schlumbohm berücksichtigt explizit die Möglichkeit eines Scheiterns dieser Entwicklung mit der Konsequenz der REIArarisierung und De-Industrialisierung.
Die demographischen Konsequenzen spielen in der Theorie eine wichtige Rolle. Das von Hans Medick entwickelte "demo-ökonomische System" der Proto-Industrialisierung verknüpft die demographische Entwicklung systematisch mit der Familienwirtschaft der proto-industriellen Haushalte. Medicks Konzept geht damit über die von Mendels interpretierten direkten Zusammenhänge hinaus und wird ausführlicher von Jürgen Schlumbohms Beitrag: "Proto-Industrialisierung" als forschungsstrategisches Konzept und als Epochenbegriff - eine Zwischenbilanz in diesem Band behandelt.
Was von Kritikern und Befürwortern des Konzepts von Kriedte, Medick und Schlumbohm oft übersehen wurde, ist die Tatsache, daß ihre Theorie eigentlich zwei unterschiedliche Einschätzungen der Proto-Industrialisierung bietet. Peter Kriedte und Hans Medick schreiben der Phase der Proto-Industrialisierung in ihrem "Systemkonzept" den Charakter eines eigenen Systems zu, d.h. einer Produktionsweise des Übergangs zwischen Feudalismus und Kapitalismus, die Elemente beider Produktionsweisen vereinigt. Jürgen Schlumbohm hingegen vertritt die These, daß die proto-industrielle Phase zwar Merkmale beider Produktionsweisen vereinigte, aber er betont den Prozeßcharakter der Periode und beurteilt sie nicht als System, sondern als Teil der feudalen Produktionsweise.
Das Konzept der Proto-Industrialisierung hatte sich somit spätestens 1977 in eine Familie verschiedener Theorien verwandelt, die relativ unterschiedliche Definitionen von Proto-Industrie verwendeten und die sich über die Ursachen wirtschaftlicher Entwicklung in grundsätzlichen Punkten uneinig waren. Fast alles, was ihnen gemein war, ist, daß sie diese Ursachen in einem bestimmten Sektor der Wirtschaft ansiedelten - bei den exportorientierten ländlichen Hausindustrien - und daß dieser Sektor das traditionelle demographische Gleichgewicht durchbrach. Über die folgenden Jahre und Jahrzehnte regten die verschiedenen Richtungen der Proto-Industrialisierungs-Theorie eine gewaltige Zahl von Forschungen über Hausindustrie-Regionen in ganz Europa und darüber hinaus an.
1982 wurden Franklin Mendels und Pierre Deyon eingeladen, eine der drei Hauptsektionen des "Eighth International Economic History Congress" in Budapest zu organisieren. Deyon und Mendels hatten davor den Vorschlag einer Definition und eine Liste von Hypothesen zirkulieren lassen. 46 Forscherinnen und Forscher präsentierten empirische Papiere (Deyon/Mendels 1982) und Mendels faßte die Resultate in einem "allgemeinen Bericht" zusammen, der eine überarbeitete Definition und eine Reihe von Hypothesen beinhaltete, die die Basis für darauffolgende Debatten wurden (Mendels 1982).
Das theoretische Konzept aus dem Jahr 1982 betonte bestimmte Schlüsseleigenschaften (Mendels 1982:77ff). Proto-Industrialisierung wurde nicht als nationales oder internationales, sondern regionales Phänomen betrachtet (und sollte auch am besten in dieser Dimension untersucht werden). Innerhalb von Regionen wurden für eine Definition der Proto-Industrien die Kombination von drei bestimmten Charakteristiken angenommen: (1) Von traditionellen "Handwerken" unterschied sich die Proto-Industrie dadurch, daß ihre Produkte nicht für den lokalen oder regionalen Konsum bestimmt waren, sondern für den Verkauf auf Exportmärkten außerhalb der Region. (2) "Der signifikanteste Aspekt der Proto-Industrialisierung" war, daß sie "Beschäftigungsmöglichkeiten in ländlichen Gebieten schuf": sie wurde in Nebenbeschäftigung von "Bauern" ausgeübt, die auch in der Landwirtschaft arbeiteten, und nur in ihrer "extremen oder letzten Ausformung" schloß sie die Vollbeschäftigung mit ein. (3) Die Proto-Industrialisierung beinhaltete die "Symbiose ländlicher Industrie mit der regionalen Ent-wicklung einer kommerziellen Landwirtschaft". Zusätzlich gab es "das dyna-mische Element": Proto-Industrialisierung wurde als ein diachrones Wachstum in der Industriebeschäftigung von ländlichen Arbeitskräften definiert.
Deyon und Mendels präsentierten vier weitere Hypothesen zu den Auswirkungen der Proto-Industrialisierung. Erstens hätte sie zu Bevölkerungswachstum und zur Zersplitterung des Grundbesitzes geführt, indem sie die durch Bauern, Grundherren oder Erbschaftssysteme getragenen traditionellen Beschränkungen des demographischen Verhaltens brach. Zweitens hätte sie Profite abgeworfen, die das Kapital für die Fabrikindustrialisierung bildeten. Drittens hätte sie eine Schicht von Kaufleuten hervorgebracht, deren Fähigkeiten und Erfahrungen für die Fabrikindustrialisierung gebraucht wurden. Und viertens wäre von ihr die Kommerzialisierung der Landwirtschaft hervorgerufen worden, die in der Folge Urbanisierung und Fabrikindustrialisierung ermöglicht hätte (Mendels 1982:80).
Mendels schlug 1982 auch gewisse Revisionen einiger der ursprünglichen Hypothesen der Proto-Industrialisierung vor (Mendels 1982:93ff). Zuerst gab er zu, daß die Chronologie der Proto-Industrialisierung variierte und im Kontext der Wirtschaftsgeschichte der fraglichen Region untersucht werden muß. Zweitens bestätigte er, daß Proto-Industrialisierung nicht unvermeidlich zur Pauperisierung führte; er meinte, daß die Einkommen der Produzenten von der Produktionsfunktion des spezifischen proto-industriellen Erzeugnisses abhingen. Obwohl er nach wie vor daran festhielt, daß die Proto-Industrie unweigerlich das demographische System störte, räumte er drittens ein, daß ihr Einfluß sich möglicherweise nicht nur auf die Verehelichungen auswirkte, sondern auch auf die Fertilität und Migration. Weiters gestand er ein, daß der Einfluß von der Haushaltsorganisation, vom Vorherrschen eines "europäischen" Familiensystems im Sinne Hajnals (Hajnal 1965, 1983), von der Stellung von Frauen und Jugendlichen, dem Ausmaß des Bevölkerungsdrucks und der Natur der Haushaltsbeziehungen in der spezifischen Gesellschaft abhing. Viertens hob Mendels hervor, daß Proto-Industrialisierung in Abhängigkeit von einer Anzahl von Faktoren entweder zur Industrialisierung oder zur De-Industrialisierung führen konnte. Fünftens wurde von ihm anerkannt, daß der Effekt der Proto-Industrialisierung vom größeren Rahmen der Weltwirtschaft abhängig war, was es riskant erscheinen ließ, die Theorie auf die gegenwärtigen Entwicklungsländer anzuwenden. Zuletzt argumentierte er, daß die Proto-Industrialisierung die modernen Entwicklungsökonomen vor den Gefahren simpler linearer Sichtweisen der Entwicklung, eingeschlossen die geradlinige Transformation von statischen feudalen Gesellschaften zu dynamischen kapitalistischen, warnen sollte.
Was wurde an systematischer Kritik gegenüber den ursprünglichen Konzepten geäußert? Ein grundsätzlicher Punkt betraf vor allem das von Kriedte, Medick und Schlumbohm entwickelte Modell. Ihnen wurde vorgeworfen, falsche Vorstellungen von der Funktionsweise und Struktur jener "traditionellen Gesellschaften" zu haben, aus denen heraus sich die Proto-Industrialisierung entwickelte. Dieser Punkt richtete sich sowohl gegen die von ihnen formulierten Voraussetzungen der "ersten Phase" der Auflösung des Feudalismus als auch konkret gegen ihr Bild der Agrarverfassung, insbesondere jenes Teiles, den sie mit "Subsistenztypus" beschreiben (Coleman 1983:440ff, Eley 1984:525ff, Houston/Snell 1984:491, Linde 1980:106ff, Schremmer 1980:434ff, vgl. dazu Kriedte/Medick/Schlumbohm 1983:92ff und den Beitrag von Schlumbohm in diesem Band). Dies führt zur Frage, ob das übernommene, von Alexander Cajanov für russische Bauern des frühen zwanzigsten Jahrhunderts entwickelte Modell bäuerlicher Familienökonomie (Cajanov 1923) wirklich für frühneuzeitliche europäische Gesellschaften Gültigkeit hat. Kritisiert wird auch das Problem des konstruierten Kontrasts zwischen den subsistenzorientierten proto-industriellen Produzenten und den profitorientierten, d.h. kapitalistisch agierenden Verlegern und Unternehmern (Mosser 1981:404ff). Tatsächlich ist die angenommene ausschließliche Subsistenzorientierung der ländlichen Heimarbeiter keinesfalls erwiesen und kann auch den beobachteten Aufstieg von Produzenten zu Faktoren, Verlegern und sogar Manufakturisten oder die von ihnen vorgenommenen Investitionen in die Landwirtschaft nicht erklären.
Weiters wurde darauf hingewiesen, daß die in den Theorien genannten Voraussetzungen für die Proto-Industrialisierung eigentlich nur im nordwestlichen Europa gültig waren, somit für das Modell keine allgemeine Anwendbarkeit in Anspruch genommen werden kann (Houston/Snell 1984:476). Darüber hinaus wäre England auszuklammern, weil der Kommerzialisierungsgrad und das Vorhandensein kapitalistischer Strukturen bereits vor der Etablierung von Proto-Industrien sehr weit fortgeschritten war, die Proto-Industrialisierung also nicht die Ursache dieser Entwicklung gewesen sein könne. Auch würden die demographischen Postulate und die Charakteristika des Überganges zur Industrialisierung für England nicht zutreffen (Coleman 1983:439ff, Houston/Snell:476).
In den meisten Entgegnungen fand auch die Kritik am "demo-ökonomischen System" bzw. an dem von Mendels hergestellten Zusammenhang zwischen Proto-Industrie und demographischem Wachstum Berücksichtigung. Der Erklärungswert und die Gültigkeit dieser Konzepte wurden insgesamt in Zweifel gezogen (Coleman 1983:442f, Linde 1980:113ff, Houston/Snell 1984:479ff, Schremmer 1980:429ff, Kriedte/Medick/Schlumbohm 1992:73ff).
Eine Kritik kam auch von den Vertretern der Gewerbegeschichte, welche die Konzentration der Proto-Industrialisierungs-Theorie auf lediglich einen Bereich des vorindustriellen Gewerbes - die Hausindustrie - und die Betonung ihrer Rolle im Übergang zur Industrialisierung zurückwiesen (Kaufhold 1986, Stromer 1986).
Ein letzter zentraler Punkt betraf die Rolle der Proto-Industrialisierung in der Vorbereitung der Industrialisierung. Die konkreten Gründe für die Entwicklung zur De-Industrialisierung bleiben weitgehend unklar (Clarkson 1985:34ff, Houston/Snell 1984:488ff; vgl. dazu den Aufsatz von Clarkson in diesem Band).
Obwohl die Erweiterung der Definitionen und Hypothesen aus dem Jahr 1982 wesentlich größere allgemeine Akzeptanz fanden als frühere (oder spätere) und, innerhalb gewisser Grenzen, bis heute Gültigkeit haben, wird weiterhin über beinahe jeden einzelnen ihrer Aspekte diskutiert. Es gibt noch immer Debatten über die Definition der Proto-Industrie (Kriedte/Medick/Schlumbohm 1992:70ff) und es besteht auch keine Übereinstimmung über die genaue Größe einer Einheit, die als Region zu betrachten wäre. Des weiteren herrscht Uneinigkeit über die exakte theoretische Bedeutung des "Exportmarktes", darüber, wie signifikant das Exportelement sein mußte, und über die präzise Abgrenzung zwischen lokal orientierten Handwerken und exportorientierten Proto-Industrien. Obwohl Deyon und Mendels anerkannten, daß "der gesamte gewerbliche Sektor von der Stadt organisiert oder koordiniert wurde", scheinen sie die Proto-Industrie ausschließlich als die ländliche Komponente dieses Sektors betrachtet zu haben (Mendels 1982:78). Dies ist ein Aspekt der Definition, der am stärksten kritisiert wurde. Von einer anderen Richtung wird das Argument gebracht, daß große urbane Exportindustrien, oder jene, die zentralisierte Produktionseinheiten miteinbezogen, ebenfalls unter der Kategorie der Proto-Industrialisierung Berücksichtigung finden sollten (Poni 1984, Hohenberg 1991, Cerman 1993). Auch entwickelten sich Proto-Industrien in Regionen ohne kommerzialisierte Landwirtschaft und es gab eine Anzahl, in denen von Anfang an wenig oder kein agrarischer Nebenerwerb existierte. Schließlich gibt es keine Übereinstimmung darüber, wie groß der Beschäftigungsanteil regionaler oder lokaler Arbeitskräfte oder wie schnell und anhaltend das Wachstum gewesen sein mußte, um als "Proto-Indu-strialisierung" zu gelten.
Starke Kontroversen betrafen auch die Hypothesen von Deyon und Mendels, die sich auf die Auswirkungen der Proto-Industrialisierung bezogen. Die Forschung hat gezeigt, daß die demographischen Auswirkungen der Proto-Industrialisierung und die Beeinflussung der Grundbesitzstruktur extrem variabel waren (Kriedte/Medick/Schlumbohm 1992:73ff,235 ff). Weiters schien Proto-Industrialisierung nur eine von vielen Kapitalquellen für die Industrialisierung gewesen zu sein. In manchen Fällen flossen Profite aus der Proto-Industrie in die Landwirtschaft, in Grundbesitz oder sozio-politische Investitionen. Proto-Industrialisierung war auch nur eine von zahlreichen Ursprüngen von unternehmerischen Kompetenzen für die Industrialisierung und fand manchmal unter stark beschränkten Rahmenbedingungen statt, sodaß es überhaupt nicht zur Herausbildung entsprechender unternehmerischer Fähigkeiten kam. Es gibt darüber hinaus keinen Hinweis darauf, daß die Entwicklung kommerzieller Landwirtschaft tatsächlich durch die Proto-Industrialisierung verursacht wurde und nicht etwa durch landwirtschaftliche Überschüsse, die umgekehrt zum Wachstum sowohl von Proto-Industrien als auch Städten und Märkten geführt haben. Kommerzielle Landwirtschaft entwickelte sich in vielen Fällen früher als eine Proto-Industrie und auch in unterschiedlichen Regionen. Zuletzt kam es in vielen proto-industriellen Gebieten nicht zur Industrialisierung, sondern sie verblieben proto-industriell oder kehrten zur Landwirtschaft zurück. Es gibt über die Faktoren, die diese Frage entschieden, keine Einigkeit und daher sind die determinierenden Aspekte der Theorie stark reduziert.
Mendels' eigene Revisionen der Hypothesen haben weitere Perspektiven eröffnet, und diese werden noch immer erforscht. Somit gibt es eine Reihe anhaltender Debatten sowohl über die Natur der Proto-Industrie und der Proto-Industrialisierung selbst als auch über ihre demographischen, sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen. Die in diesem Buch versammelten Beiträge decken die meisten Aspekte dieser Debatten ab und legen besondere Betonung auf jene, die speziell relevant sind und entsprechend zum Verständnis der Proto-Industrialisierung in den einzelnen Teilen Europas beitragen.
Die Vielfalt der Zugangsweisen im vorliegenden Sammelband zeigt sich an den jeweils gewählten Definitionen von Proto-Industrie. Die Mehrheit der Autoren geht zunächst von den Konzepten von Mendels bzw. Kriedte, Medick und Schlumbohm aus. Leslie Clarkson kritisiert darüber hinaus die Entwicklung, alle möglichen vorindustriellen Gewerbeformen unter die Proto-Industrien zu reihen. Die Autoren anderer Beiträge legen sich diesbezüglich nicht konkret fest und vertreten einen breiteren Ansatz (wie z.B. Lars Magnusson und James Thomson). Dieser breitere Ansatz schließt die Distanzierung von der ursprünglichen Schwerpunktsetzung auf die Textilindustrie (Clarkson 1985, Jeannin 1980) ebenso mit ein wie unterschiedliche Formen der Produktionsorganisation, die während der Proto-Industrialisierung gleichzeitig und auch vermischt existierten. Somit tritt in einzelnen Studien das Kriterium der Produktionsorganisation in Form einer ländlichen Hausindustrie als Definition für Proto-Industrien hinter dem des auf Export bzw. auf überregionale Märkte orientierten Gewerbes zurück (Cerman, Magnusson, Thomson, vgl. Kriedte/Medick/Schlumbohm 1992:70ff).
Dementsprechend differenziert sind auch die von den Beiträgen behandelten Themenschwerpunkte. Während für Belfanti, Clarkson, Deyon, Magnusson und Thomson wirtschaftshistorische Fragestellungen und insbesondere die Übergänge zur Industriellen Revolution im Vordergrund stehen, versuchen die Beiträge von Cerman, Hudson, Myska und Pfister neben der wirtschaftlichen Entwicklung andere Themen miteinzubeziehen. Dazu zählen der Wandel von sozialen Strukturen, die demographische Entwicklung, aber auch sozialhistorische Fragestellungen wie die Veränderung von Geschlechterrollen, der Alltagskultur und des Konsumverhaltens sowie der Familienwirtschaft und -strukturen. Der Beitrag von Christiaan Vandenbroeke ist der einzige mit dem Hauptakzent auf demographischen Fragestellungen.
Von den Schöpfern der ursprünglichen Theorien wird angemerkt, daß die demographischen Voraussagen durch die empirischen Forschungsergebnisse nicht generell bestätigt werden können (Kriedte/Medick/Schlumbohm 1992:73ff). Diese Merkmale traten in Katalonien, Böhmen, in einigen - aber nicht allen - Regionen Österreichs und der Schweiz sowie in der Toskana auf. Fertilität, Nuptialität und Bevölkerungswachstum nahm auch in Flandern mit dem Fortschreiten der Proto-Industrialisierung ab. Eine Vielfalt demographischer Reaktionen auf Proto-Industrien kann für England, Schweden, Österreich und die Schweiz beobachtet werden. Sogar dort, wo sich die demographische Situation veränderte, konnte - wie in Teilen Englands und Irlands - eher die Landwirtschaft als die Proto-Industrie verantwortlich sein. Wie Hudson feststellt, war das proto-industrielle Bevölkerungswachstum auch nicht irreversibel. Die einzige statistische Bestätigung für Mendels' Behauptung, daß sich proto-industrielle Nuptialität und Fertilität bei guten wirtschaftlichen Aussichten erhöhten und in Krisenzeiten nicht zurückgingen, findet sich im Zürcher Oberland; Deyon weist darauf hin, daß französische Forschungen im Gegenteil eine Anpassung des proto-industriellen Heiratsverhaltens und der Fertilität an wirtschaftliche Wechsellagen zeigen.
Ein zentrales Thema in den einzelnen Länderstudien stellt auch die Produktionsorganisation dar. Die Dominanz des Verlagswesens in den ursprünglichen Theorien - wenn sie auch in Abgrenzung zu früheren Arbeiten bewußt gesetzt worden war - läßt sich aus der hier geschilderten Vielfalt wohl kaum rechtfertigen. Diese Vielfalt ergibt sich aus der Zahl der unterschiedlichen proto-industriellen Branchen, die unter Umständen in ein- und derselben Gewerberegion koexistierten, und bezieht sich auf zwei unterschiedliche Bereiche: zum einen auf die tatsächlichen Formen der Produktionsorganisation (zünftiges Gewerbe, Kaufsystem, Verlagssystem, Manufakturen, zentralisierte Betriebe) und zum anderen auf die Arbeitsteilung innerhalb der einzelnen Produktionsformen (spezifische Organisation der Heimarbeit, geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Haupt- und Nebenerwerb).
Die Bedeutung einzelner Produktionsformen, teilweise auch in Ergänzung zum Verlagssystem, wird für den ersten Bereich betont. Für die proto-industrielle Textilproduktion in Böhmen und Österreich, für die Seidenverarbeitung in Italien und für die Baumwollproduktion in Katalonien spielten Manufakturen eine wichtige Rolle. Daß die zünftig-gewerbliche Produktion keinen Widerspruch zur exportorientierten ländlichen Hausindustrie darstellen mußte, zeigen die Textilgewerbe in Kastilien, die Leinenindustrie in Österreich und die vielfältigen Formen des Zunftkaufes in den deutschen und böhmischen Gebieten. Über Kaufleute wurden zünftig-gewerbliche Produzenten genauso in das Verlags-system integriert wie die ländlichen Heimarbeiter der späteren Jahrhunderte. Eine klare Abgrenzbarkeit zwischen den Produzentengruppen scheint in diesen Fällen nicht mehr gegeben, zumal es auch - wie Deyon und Thomson zeigen - Zusammenarbeit zwischen ländlichen Hausindustrien und zünftig organisierten Endverarbeitungsgewerben in Städten gegeben hat. Es verschwimmen die Grenzen zwischen den ländlichen Proto-Industrien und ihren zünftig-gewerblichen Vorläufern im Spätmittelalter und in der Frühneuzeit. Dies bedeutet aber keinesfalls die Integration von Gewerbeproduktion für den lokalen Bedarf in die Konzepte der Proto-Industrie (vgl. Kriedte/Medick/Schlumbohm 1992:70ff).
Für die in den Theorien vorrangig behandelten Organisationsformen des Kauf- und Verlagssystems zeigen die Beiträge ebenfalls Variabilität. In den meisten proto-industriellen Regionen Schwedens z.B. gelang es den Produzenten, die Kontrolle über den Produktionsprozeß und den Absatz mit der Aufrechterhaltung des Kaufsystems zu bewahren. Ähnliches gilt für Frankreich, wo Fallstudien auch die Übergangsmechanismen zwischen Kauf- und Verlagssystem zu erklären suchen, bzw. für Katalonien, wo trotz der Involvierung des Handelskapitals keine Beeinflussung des Produktionsprozesses erfolgte. In der Wollindustrie in West Riding erklärt Hudson die Ausbreitung des Verlagssystems in der Zeugproduktion und die Aufrechterhaltung des von Landhandwerkern getragenen Kaufsystems in der Tucherzeugung mit Unterschieden im Landbesitz und der Sozialstruktur (vgl. Kriedte/ Medick/Schlumbohm 1992:232f).
Schließlich zeigen fast alle Beiträge, daß die Arbeitsteilung innerhalb von proto-industriellen Haushalten von der Art des Gewerbes, den Schichten, die sich in der Produktion engagierten (ob bäuerlich oder unterbäuerlich), der Struktur von Haupt- und Nebenerwerb und von sozialen und institutionellen Faktoren abhängig war (vgl. Kriedte/Medick/Schlumbohm 1992:82f, 235ff).
Die ursprünglichen Theorien gingen davon aus, daß die Proto-Industrialisierung die Ablöse "traditioneller" sozialer Institutionen durch Märkte sowohl voraussetzte als auch weiter förderte. Allerdings weist die Überblicksdarstellung von Ogilvie darauf hin, daß städtische Regulierungen, Zünfte, Handelskompanien, Dorfgemeinden und grundherrschaftliche Institutionen in vielen Fällen europäischer Proto-Industrialisierung von Bedeutung blieben.
Mit der Ausnahme von England, Irland und Flandern behielten Städte verschiedene rechtliche Privilegien, um noch bis zu einem späten Zeitpunkt Proto-Industrialisierung regulieren zu können. In Italien konnten sich Proto-Industrien nur in "institutionellen Enklaven" entwickeln, wo städtische Privilegien nicht gültig waren. In anderen Fällen wurde der Aufstieg von Proto-Industrien durch diese Privilegien nicht behindert, aber ihr Wachstum beeinflußt: in Kastilien, in Katalonien während des 18. Jahrhunderts und in Schweden bis ca. 1820. Sogar in der Schweiz, wo der städtische Einfluß während des 17. Jahrhunderts zurückging, bewahrten die Städte Inspektionsrechte, Zollprivilegien und Monopole für Kaufleute; Zürich stärkte sogar nach 1670 seine Kontrolle über ländliche Unternehmer, was später zur Verzögerung der Mechanisierung beitrug.
Der städtische Einfluß auf viele Proto-Industrien zog auch Privilegien für bestimmte Gruppen von Kaufleuten nach sich: die "besonderen korporativen Organisationen" der Deutschschweizer Proto-Industrien; die "franquicias" der katalanischen Baumwollindustrie; die privilegierten Manufakturen, die für die österreichischen Proto-Industrien charakteristisch waren; und der Einfluß der Kaufleute der sogenannten "Blackwell Hall factors" auf die südenglischen Textil-Proto-Industrien.
Ausgenommen England, Irland und Flandern waren auch zünftige Organisationen innerhalb der Proto-Industrien weit verbreitet. Dies galt für die Schweiz bis zum frühen 17. Jahrhundert, für Frankreich bis zum späten 17. Jahrhundert und teilweise darüber hinaus, für Böhmen, Österreich und Katalonien bis zum späteren 18. und für Schweden bis ins 19. Jahrhundert. In Kastilien und Italien verhinderten Zünfte letztlich die Entwicklung von Proto-Industrien überhaupt. Lange politische Auseinandersetzungen waren erforderlich, bevor die Zünfte vieler Proto-Industrien in Katalonien geschwächt werden konnten. In Österreich bezogen "regionale" Zünfte ländliche Produzenten mit ein; zahlreiche ländliche proto-industrielle Zünfte gab es auch in Deutschland und Italien.
Bauerngemeinden und grundherrschaftliche Institutionen beeinflußten ebenfalls Entwicklung und Verlauf vieler Proto-Industrien. In Österreich regulierten sie Niederlassung und Verehelichung bis ins spätere 18. Jahrhundert und verhinderten so eine proto-industrielle Bevölkerungsexplosion oder Proletarisierung. In Böhmen, Schlesien und Mähren determinierte die Stärkung feudaler Institutionen nach ca. 1650 fast jeden Aspekt der Proto-Industrialisierung. In Italien waren es Institutionen des Pachtwesens, die einige Proto-Industrien deutlich formten. Sogar in England waren "sowohl der Standort als auch die Lebensdauer der Proto-Industrie" von agrarischen Institutionen mitbeeinflußt.
Ursprünglich wurde argumentiert, daß die Proto-Industrialisierung unter den Beschäftigten zur Pauperisierung führte. Allerdings zeigen einzelne Beiträge, daß durch die Beschäftigung in Proto-Industrien häufig bessere Lebensbedingungen geschaffen wurden. Belfanti weist darauf hin, daß sie in der Poebene vor sinkenden Einkommen schützte; in der Toskana bedeutete sie lange Zeit Unterstützung gegen die verschlechterten Pachtverträge. Wo die Heimarbeiter geringere Einkommen in Kauf nehmen mußten, hing dies oft mit allgemeinen Konjunktureinbrüchen zusammen wie in Flandern im 19. Jahrhundert und in Nordfrankreich nach 1789. Die Proto-Industrialisierung führte in Flandern im 18. Jahrhundert, in Nordfrankreich und in Katalonien ohne Zweifel zu steigenden Einkommen unter den Beschäftigten. Die meisten proto-industriellen Regionen in der Schweiz verzeichneten laut Pfister aufgrund der besseren Ernährungslage unterdurchschnittliche Mortalität. Wie Deyon schließt, wurde "die Verarmung von Haushalten nicht für alle unterschiedlichen Modelle und aufeinanderfolgenden Phasen der Proto-Industrialisierung bewiesen".
Es wurde angenommen, daß die Proto-Industrialisierung mit der Kommerzialisierung der Landwirtschaft (Mendels 1972) und mit dem Zusammenbruch des Feudalismus (Kriedte/Medick/Schlumbohm 1977) in Zusammenhang steht. Es gilt aber nun als gesichert, daß die Aufteilung in Regionen kommerzieller Landwirtschaft und Proto-Industrie lediglich ein - mit den Worten Jürgen Schlumbohms - "Spezialfall eines wesentlich komplexeren Zusammenhangs" war. In Katalonien verursachte die Proto-Industrie keine Spezialisierung anderer Regionen auf kommerzielle Landwirtschaft. In der Schweiz war das System komplementärer Regionen mit kommerzieller Landwirtschaft oder mit Proto-Industrie komplexer und stärker segmentiert, als im Modell beschrieben. In Italien entwickelte sich die Proto-Industrie in unterschiedlichen agrarischen Kontexten.
Auch stand die Proto-Industrialisierung nicht immer mit dem Zusammenbruch des Feudalismus im Zusammenhang. Spanische Historiker führen an, daß die Proto-Industrie Landwirtschaftsformen geringer Produktivität am Leben erhielt und somit "als eine Stütze für die Fortdauer des Feudalismus" diente. Milan Myska hebt hervor, daß sich in Böhmen, Mähren und Schlesien wichtige Proto-Industrien trotz "der sogenannten 'zweiten Leibeigenschaft' einerseits und des starken Engagements der Obrigkeiten in der Finanzierung und Organisation des ländlichen Heimgewerbes andererseits" bildeten. Myska beschreibt verschiedene Arten, wie die feudalen Obrigkeiten gerade durch die Ausbeutung ihrer Monopolrechte auf die Arbeitskraft ihrer Untertanen in die Proto-Industrialisierung einbezogen wurden. Dieses feudale System war damit durchaus vereinbar.
Eine letzte, allen Beiträgen gemeinsame Fragestellung behandelt den Übergang von der Proto-Industrialisierung zur Industrialisierung bzw. De-Industrialisierung. Die Studien zeigen eine hohe Abhängigkeit dieser Entwicklung von regional wirksamen Faktoren einerseits und richten andererseits auch den Blick auf die Betrachtung eines Phänomens, das in den bisherigen Diskussionen wenig hervortrat, nämlich die Kontinuität von proto-industriellen Produktionsformen gleichzeitig und in Ergänzung zum Fabriksystem.
Wie Jürgen Schlumbohm richtig hervorhebt, waren es zentrale Verdienste der Proto-Industrialisierungs-Theorien, die Industrielle Revolution als regionales Phänomen zu begreifen und durch die Untersuchung der sozialen Auswirkungen der Proto-Industrialisierung Verständnis für die quantitativen und qualitativen "Revolutionen" im Gefolge der Industrialisierung zu schaffen. Was ihre Rolle in diesem Modernisierungsprozeß betrifft, wird von Deyon nochmals darauf hingewiesen, daß die Proto-Industrialisierung nur einen Weg des Übergangs darstellte.
Der Schwerpunkt des Argumentes sollte aber - abgesehen von einer Änderung der wissenschaftlichen Perspektive auf die Phase der Proto-Industrialisierung, die bisher durch den vollendeten Industriekapitalismus im 19. Jahrhundert vordefiniert war (Mosser 1981:392ff) - auf dem Faktum der Variabilität von Kontinuitäten und Diskontinuitäten und ihren Bedingungen liegen. Pat Hudson führt in ihrem Beitrag die Diskontinuitäten, d.h. die De-Industrialisierung, vor allem auf soziale und institutionelle Faktoren zurück, die mit der Art der Produktionsorganisation, aber auch mit dem starken Widerstand der proto-industriellen Produzenten gegen das Fabriksystem zusammenhängen konnten. Für sie und für Lars Magnusson kommt mit der Frage der Standortfaktoren (z.B. Verkehrsverbindungen oder Rohstofflager) ein weiteres Ursachenbündel hinzu. Staatliche Rahmenbedingungen für die Liberalisierung der Gewerbe oder wirtschaftliche Gunstlagen für die Expansion von Agrarwirtschaft oder anderen Industriezweigen (z.B. Baumwolle an der Stelle von Leinen) konnten laut Magnusson ebenfalls entscheidend sein. Es wird aber auch betont, daß Auftreten und Ausmaß der Diskontinuitäten zwischen der einsetzenden Industrialisierung und der vorangegangenen proto-industriellen Phase in hohem Maße gewerbeabhängig waren und die Konzentrationsprozesse in einer Branche zur De-Industrialisierung anderer Regionen führen konnten.
Wenig beleuchtet bleibt in den meisten Studien interessanterweise die Rolle internationaler Konjunkturen in diesem Übergangsprozeß. Die Aufhebung der Kontinentalsperre 1815 und das Eindringen der qualitativ hochwertigeren englischen Garne stürzte z.B. zahlreiche Ansätze mechanisierter Spinnerei in Europa in eine schwere Krise bzw. verursachte den endgültigen Niedergang der proto-industriellen Heimspinnerei, soweit er nicht schon zuvor eingetreten war. Aber auch zeitweilige Diskontinuitäten zwischen proto-industriellen und industriellen Textilgewerben in Österreich, Böhmen, Frankreich und in deutschen Territorien können auf diese Ursache zurückgeführt werden (vgl. Crouzet 1964:572ff).
Einige Beiträge verweisen auf die langanhaltenden Kontinuitäten proto-industrieller Produktion in Ergänzung zu den Fabriken bzw. auf die Frage der Abgrenzbarkeit. Die Bedingungen für diese Kontinuitäten ergaben sich aus der stufenweisen Mechanisierung bestimmter Produktionszweige (z.B. Spinnerei vor der Weberei) bzw. aus den technischen Schwierigkeiten bei der Mechanisierung der Produktion mit bestimmten Rohstoffen. Die Blütezeit der Weberei, die häufig erst nach der Mechanisierung der Spinnerei auftrat, ist eine bekannte Entwicklung. Weniger bekannt hingegen sind die langfristigen Kontinuitäten und die bewußte Aufrechterhaltung von Verlagsproduktion zur konjunkturellen Abfederung der zentralisierten Fabrikproduktion. Ausgehend von solchen Beobachtungen schließt Pierre Deyon, daß die Industrielle Revolution das proto-industrielle System in französischen Gewerben nicht beseitigte, sondern im Gegenteil "umwarb, integrierte und weiterentwickelte". Dies kann wohl auch als die Kernaussage eines sich schon länger abzeichnenden Perspektivenwechsels betrachtet werden, der sowohl die Historiographie der Proto-Industrialisierung als auch der Industrialisierung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten beeinflussen wird.


Quelle: HSK 5: Proto-Industrialisierung in Europa. Industrielle Produktion vor dem Fabrikszeitalter. Herausgegeben von Markus Cerman, Sheilagh C. Ogilvie. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik, 1994. S. 9 - 21.
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