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Jürgen Schlumbohm

"Proto-Industrialisierung" als forschungsstrategisches Konzept und als Epochenbegriff - eine Zwischenbilanz

Quelle: HSK 5: Proto-Industrialisierung in Europa. Industrielle Produktion vor dem Fabrikszeitalter. Herausgegeben von Markus Cerman, Sheilagh C. Ogilvie. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik, 1994. S. 23 - 33.

Die Theorien der Proto-Industrialisierung hatten seit ihrer Begründung durch Franklin Mendels (Mendels 1969/1981, 1972,) eine zweifache Stoßrichtung. Zum einen zielten sie darauf, einen neuen Ansatz in die Wirtschafts- und Sozialgeschichte einzubringen, der die Trennung zwischen bisher unterschiedenen Forschungsfeldern überwinden sollte. Zum anderen wurden empirisch gehaltvolle Hypothesen eingeführt, die bestimmte Aussagen zur Epoche des Übergangs von der "vorindustriellen" zur "industriellen" bzw. von der "feudalen" zur "kapitalistischen" Wirtschaft und Gesellschaft zur Diskussion stellten. Diese beiden Aspekte hatten durchaus verschiedene Vorgeschichten: Die Bedeutung der (ländlichen) Hausindustrie für die Entstehung von Kapitalismus und Fabrik-Industrialisierung war seit dem 19. Jahrhundert in vielfältiger Weise erörtert worden (Kriedte/Medick/Schlumbohm 1977:13ff); das Konzept einer integrierenden Forschungsstrategie darf hingegen als originelles Produkt der 1970er Jahre gelten. Auch hinsichtlich der Wirkung, der Leistungen und der Grenzen der Proto-Industrialisierungs-Theorien sollte zwischen den beiden Aspekten differenziert werden.

Eine Forschungsstrategie

Der forschungsstrategische Leitbegriff Proto-Industrialisierung strebte vor allem danach, die Schranken zu überwinden, die zwischen verschiedenen Teilgebieten der Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte entstanden waren. Es ging darum, die Gewerbe- und die Agrargeschichte zusammenzuführen, darüber hinaus die Historische Demographie und die Geschichte von Haushalt und Familie einzubeziehen, aber auch die Alltagskultur und die Entwicklung der Institutionen zu studieren. Die Proto-Industrialisierungs-Theorien stellten die Verflechtung zwischen diesen in der bisherigen Forschung weitgehend separierten Feldern in den Mittelpunkt; die zentralen Hypothesen betrafen die Interdependenzen zwischen den verschiedenen Aspekten der sozialen Realität. Diesem integrativen Ansatz folgten die regionalen und lokalen Fallstudien, die in der Folgezeit entstanden sind, weitgehend. Insofern erwies sich der theoretische Vorgriff als äußerst fruchtbar.
Was den Zusammenhang von gewerblicher und agrarischer Entwicklung betrifft, so hatte Franklin Mendels aufgrund der Einsichten englischer Agrarhistoriker und seiner eigenen Forschungen zu Flandern die "bifurcation" (Gabelung) der regionalen Wirtschaft in den Mittelpunkt gestellt. Demnach kam es im Zuge der Proto-Industrialisierung zu einer kontrastierenden und komplementären Spezialisierung benachbarter Wirtschaftsräume: Während ein Gebiet sich auf die hausindustrielle Massenproduktion gewerblicher Waren für überregionale und internationale Märkte verlegte, wandte sich eine benachbarte Zone der kommerziellen Erzeugung von Nahrungsmitteln zu (Mendels 1972:247f, 1984: 990). Die Einsicht in die enge Wechselbeziehung von gewerblicher und agrarischer Wirtschaft gerade im Entstehungsprozeß des Kapitalismus erwies sich als grundlegend für die weitere Forschung; freilich erkannte diese die "bifurcation" der Regionen bald als bloßen Spezialfall eines wesentlich komplexeren Zusammenhangs. Schon Peter Kriedte (Kriedte/Medick/Schlumbohm 1977:66ff) kam aufgrund eines sorgfältigen Vergleichs der Literatur zu west-, mittel- und osteuropäischen Regionen zu einer differenzierteren Sicht. Inzwischen haben weitere Forschungen das Bild bereichert (z.B. Gullickson 1983, Dewerpe 1985, Kriedte/Medick/Schlumbohm 1992:231ff, Pfister 1992a:393ff).
Daß Franklin Mendels eine scharf umrissene These über den Zusammenhang von ländlich-gewerblicher und demographischer Entwicklung zu einem zentralen Bestandteil des Proto-Industrialisierungs-Konzepts machte, erwies sich als der wichtigste methodische Impuls, der von seinem Theorem ausging. Aufgrund aggregativer Daten aus der von ihm untersuchten Leinenregion Belgisch-Flanderns kam er zu einem Modell des Mechanismus, der demographisches Verhalten und ökonomische Veränderungen vermittelte: Auf günstige Konjunkturen antworteten die Leinen-Produzenten mit vermehrter Heiratshäufigkeit, auf ungünstige wirtschaftliche Konstellationen gab es hingegen keine entsprechende demographische Reaktion. In dieser Asymmetrie sah Mendels das ausgeprägte Bevölkerungswachstum proto-industrieller Regionen begründet; die Ursachen für dieses "kurzsichtige" Verhalten suchte er in den "Bedingungen von allgemeiner Rückständigkeit und Analphabetentum" (Mendels 1971:270, 1972:249ff).
Hier setzten die Überlegungen von Hans Medick ein (Kriedte/Medick/Schlumbohm 1977:155ff). Er entwarf ein Modell der Strategien proto-industrieller Familien, um zu zeigen, daß es eine innere Logik und Rationalität ihres demographischen Verhaltens gab. Damit umriß er in sehr viel stringenterer Weise einen "demo-ökonomischen 'System'-Zusammenhang" der Proto-Industrialisierung, freilich in "vorläufiger" Form "im Sinne einer material gehaltvollen Modellhypothese". Als Ausgangspunkt und Kontrast bezog er sich dabei auf das "demo-ökonomische Regelsystem traditioneller Agrargesellschaften", wie es historische Demographen im Anschluß an Malthus oder Mackenroth entworfen hatten: Wurde im agrarischen System das Bevölkerungswachstum prinzipiell dadurch begrenzt, daß die Heirat an eine - in der Regel nur im Erbgang verfügbare - "Stelle" (Bauernhof, Handwerker-Werkstatt) gebunden war, so durchbrach die Proto-Industrialisierung die eiserne "Kette zwischen Fortpflanzung und Erbschaft" (Formulierung von Tilly/Tilly 1971:189). Dafür wurden drei Gründe angeführt: Zunächst wurde eine frühe Eheschließung für die proto-industriellen Produzenten dadurch möglich, daß ihr Lebensunterhalt nicht auf ererbtem Besitz, sondern auf eigener Arbeit beruhte: so unterlagen sie nicht den herrschaftlichen oder genossenschaftlichen Kontrollmechanismen der agrarischen Gesellschaft. Des weiteren war es wegen ihrer typischen Lebensverdienstkurve für die proto-industriellen Arbeiterinnen und Arbeiter nützlich, früh zu heiraten und Kinder zu zeugen; schließlich machte die Form des hausindustriellen Arbeitsprozesses Heirat und Familiengründung sogar zur notwendigen Voraussetzung selbständigen Produzierens: Produktionseinheit war die Familie in Kooperation von Mann, Frau und Kindern.
Diese Hypothesen bezogen zugleich die Forschungen zur Geschichte von Haushalt und Familie, die sich in den 1970er Jahren als neues Feld der Geschichtswissenschaft entwickelten, in den Bereich der Proto-Industrialisierungs-Theorie ein. Vor allem drängten sie auf eine methodische Verbindung zwischen der Makro- und der Mikro-Ebene: Es galt, die großen Entwicklungen, die die Wirtschaft und Bevölkerung ganzer Regionen und Länder durchmachten, aus den Lebenslauf- und Familienstrategien der einzelnen Menschen und Familien zu erklären.
Die vielfältigen empirischen Forschungen, die durch die Hypothesen über das demographische Verhalten proto-industrieller Bevölkerungen angeregt wurden, haben freilich zu sehr differenzierten Ergebnissen geführt; das gleiche gilt für die Untersuchungen zu Familienverhältnissen und Lebenslaufmustern (Kriedte/Medick/Schlumbohm 1992:73ff). Dabei hat sich gezeigt, daß die proto-industrielle Familie keineswegs immer eine arbeitsteilig kooperierende Produktionseinheit war, sondern daß - insbesondere im Verlagssystem - nicht selten mehrere Personen in einem Haushalt nebeneinander jeweils individuelle Lohnarbeit verrichteten. Arbeitsteilige Kooperation mußte also nicht unbedingt innerhalb eines Haushalts, sondern konnte auch zwischen Haushalten stattfinden. Schon aus diesem Grund stellt sich die Verbindung zwischen dem Arbeitsprozeß auf der einen und der Familie als der Einheit der demographischen Reproduktion auf der anderen Seite als komplex dar. Darüber hinaus waren die demographisch relevanten Akte der Heirat und Kinderzeugung nicht die einzigen Wege, auf denen sich die Haushalte an die Erfordernisse der Arbeit und des Überlebens anpaßten. Auch die sozialen Akte des Ausscheidens lediger Kinder oder der Aufnahme von Personen, die nicht zur Kernfamilie gehörten, konnten diesem Zweck dienen. Demnach bleibt zwar der Zusammenhang von Arbeitsprozessen, Haushaltsstruktur und demographischem Verhalten zentral; doch können die Anforderungen der proto-industriellen Arbeitsökonomie nicht mehr einseitig als der determinierende Faktor aufgefaßt werden, aus dem sich generell die Notwendigkeit von früher Eheschließung und hoher Kinderzahl ergeben hätte.
Auch der ökonomische Anreiz zu früher Eheschließung wird dort weniger durchschlagend gewesen sein, wo die jungen Leute bereits ohne Heirat und Haushaltsgründung einen eigenen Lohn verdienen konnten, sei es als Mitwohner in fremdem Hause oder bei gelockerter Abhängigkeit in der elterlichen Familie. Und die Hoffnung, daß bei altersbedingtem Nachlassen der eigenen Arbeitskraft die herangewachsenen Kinder wesentlich zum Familieneinkommen beitragen würden, war unsicher, wenn bereits Jugendliche häufig den elterlichen Haushalt verließen.
Was schließlich die Wirksamkeit von herrschaftlichen und genossenschaftlichen Kontrollmechanismen hinsichtlich Heirat und Haushaltsgründung angeht, so ist einerseits herausgearbeitet worden, daß nicht nur proto-industrielle, sondern auch andere mehr oder weniger "proletarisierte" Arbeitskräfte in dieser Beziehung von Einschränkungen befreit wurden, etwa Landarbeiter im Zuge des Übergangs zum Agrarkapitalismus, möglicherweise auch Arbeiter zentralisierter Gewerbebetriebe und früher Fabriken. Andererseits blieb die proto-industrielle Bevölkerung nicht selten soweit in die bäuerlich geprägte Gesellschaft eingebunden, daß ihr demographisches Verhalten dadurch erheblichen Restriktionen unterlag.
Eine Vielfalt von inzwischen vorliegenden empirischen Befunden weist darauf hin, daß schwerlich ein einziges Verhaltensmuster für alle proto-industriellen Bevölkerungsteile zugrundegelegt werden kann, sondern daß vielmehr eine Reihe von differenzierenden Gesichtspunkten zu beachten ist. Damit teilt das demographische Modell der Proto-Industrialisierung sein Schicksal mit seinem Gegenbild, dem Konzept einer vorindustriell-agrarischen Bevölkerungsweise. War diese in den 1970er Jahren weithin im Sinne eines vom "europäischen Heiratsmuster" (Hajnal 1965) geprägten homogenen Systems verstanden, so ist inzwischen nicht nur grundsätzliche Kritik an den Prämissen des Modells geäußert worden (Ehmer 1991:36ff, 62ff), sondern es hat die empirische Forschung auch die außerordentliche Variabilität des tatsächlichen Verhaltens erwiesen. Die Demographie des frühneuzeitlichen Europa stellt sich mithin komplexer dar, als daß sie durch die Antithese zweier Modelle - eines agrarischen und eines proto-industriellen - auf den Begriff gebracht werden könnte. Zwei grundlegende methodische Impulse, die nicht zuletzt den Proto-Industrialisierungs-Theorien entstammen, scheinen jedoch maßgebend zu bleiben: zum einen das Bemühen um die Integration der Aspekte Ökonomie, Demographie, Haushalts- und Familienstruktur; zum anderen das Bestreben, die Makro-Strukturen der vor- und proto-industriellen Gesellschaften von der Logik der Mikro-Einheiten, von den Lebenslauf- und Familienstrategien her zu verstehen. Sowohl in der theoretischen Modellbildung (Pfister 1992b) als auch in der empirischen Forschung wirken diese beiden Impulse kräftig fort (Kriedte 1991, Medick 1992/1995, Schlumbohm 1994).
Die Pionierstudie von Rudolf Braun über das Zürcher Oberland (1960) stellte einen entscheidenden Schritt in der Verbindung von der Sozialgeschichte der Hausindustrie mit Fragen der Alltagskultur, die traditionell von der Volkskunde oder Ethnologie bearbeitet wurden, dar. Im Rahmen des Proto-Industrialisierungs-Theorems wurde eine systematischere Verknüpfung zwischen den Konzepten der "Familien-Ökonomie" und der "plebejischen Kultur" angestrebt (Kriedte/Medick/Schlumbohm 1977:138ff). Auch dieser Gesichtspunkt hat, zumal im Zuge der gegenseitigen Annäherung von Geschichte und Kulturanthropologie, wesentliche Anregungen für die nachfolgenden Debatten und Forschungen gegeben.
Bereits in den Proto-Industrialisierungs-Theorien der 1970er Jahre war der Ansatz enthalten, die politischen, sozialen und rechtlichen Institutionen in ihrem Wechselverhältnis zu ökonomischen Strukturen und Strategien zu studieren (Kriedte/Medick/Schlumbohm 1977:61ff, 194ff, 258ff, 273ff). Diese Fragen wurden zunächst im allgemeinen Diskurs weniger aufgegriffen, spielten jedoch auf dem Spezialfeld der Forschung zu Ostmittel- und Ost-Europa eine große Rolle. Hier ging es insbesondere um die Bedeutung des gutsherrschaftlichen Systems für die gewerbliche Entwicklung des flachen Landes (My'ka 1979, Komlos 1980, Fenster 1983, Rudolph 1985, Melton 1987, Klíma 1991, Kulczykowski 1989, 1991). In letzter Zeit hat sich auch die allgemeine und die westeuropäische Diskussion diesen Problemen mit verstärktem Nachdruck zugewendet. Dabei ist - durchaus im Einklang mit den ursprünglichen Hypothesen - betont worden, daß die Proto-Industrialisierung nicht nur zum rechtlich-institutionellen Wandel beitragen konnte, sondern daß sie auch umgekehrt in Verlauf und Ausprägung stark von den politisch-sozialen Rahmenbedingungen beeinflußt wurde (Hudson 1981, Pfister 1992a:139ff, Ogilvie 1993).

Proto-Industrialisierung als Moment einer Übergangsepoche?

Als Franklin Mendels den Terminus "Proto-Industrialisierung" in die wissenschaftliche Diskussion einführte, charakterisierte er die Bedeutung des so bezeichneten Phänomens entschieden aus der ex-post-Sicht: Proto-Industrialisierung war für ihn die "erste Phase des Industrialisierungs-Prozesses"; sie schuf wesentliche Bedingungen für diesen, indem sie eine beträchtliche Kapital-Akkumulation ermöglichte, Unternehmer und brauchbare Arbeitskräfte bereitstellte und den inneren Markt entwickelte (Mendels 1972: bes. 244f).
Obwohl das Wort Proto-Industrialisierung in starkem Maß auf eine Vorlauf-Phase der "eigentlichen" Industrialisierung hindeutet, versuchte die Theorie einer "Industrialisierung vor der Industrialisierung" das Konzept aus dieser relativ engen Festlegung zu befreien. Zum einen wurde sehr viel stärker betont, daß Regionen und Gewerbezweige keineswegs regelmäßig von der Proto-Industrialisierung zur Fabrik-Industrialisierung übergingen, sondern daß in zahlreichen Fällen ländliche Heimgewerbe in De-Industrialisierung und Re-Agrarisierung endeten (Kriedte, in: Kriedte/Medick/Schlumbohm 1977:292ff). Zum anderen ging es darum, die historische Bedeutung der Proto-Industrialisierung nicht allein von der nachfolgenden, sondern auch von der vorhergehenden Periode aus zu bestimmen. Nur in einer solchen umfassenden Sicht konnte das Gewicht des Phänomens in der langen Epoche des Übergangs von der alteuropäischen vorwiegend agrarischen Feudalgesellschaft zum industriellen Kapitalismus näher bestimmt werden (Kriedte/Medick/Schlumbohm 1977:26ff, 36ff, Kriedte/Medick/Schlumbohm 1983:99ff).
Angesichts der Mißverständnisse, die sich sowohl bei Kritikern als auch bei einzelnen Anhängern dieser Konzeptualisierung einstellten, ist freilich daran zu erinnern, daß der Anspruch nie soweit ging, mit dem Theorem der Proto-Industrialisierung diesen Übergang in seiner Gesamtheit zu erfassen. Es ging lediglich um einen - allerdings wichtigen - Ausschnitt. In chronologischer Hinsicht wurde die Proto-Industrialisierung einer "zweiten Phase" des Transformationsprozesses zugeordnet, der die europäische Feudalgesellschaft erfaßte: diese "zweite" Phase setzte die "erste" voraus, die seit dem hohen Mittelalter zur Entstehung eines dichten Netzes von Städten, einer über den Markt vermittelten Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land sowie - in der agrarischen Produktion - zum Vorherrschen der kleinen Wirtschaften der Bauern gegenüber den Fronhöfen der Herren geführt hatte. Aber auch innerhalb der "zweiten Phase" war das ländliche Exportgewerbe, das im Zentrum der Proto-Industrialisierungs-Theorie stand, nicht der einzig relevante Faktor. Der agrarische Wandel war zwar in mancher Hinsicht in die Theorie einbezogen, muß aber andererseits auch als ein Moment von eigener Dynamik gelten; und selbst den gewerblichen Sektor thematisierte das Konzept bewußt nicht in seiner vollen Breite: das für den lokalen Bedarf arbeitende Handwerk blieb außer Betracht, die frühen zentralisierten Betriebe wie Bergwerke, Hütten und Manufakturen wurden nur als Grenzfall berücksichtigt.
Trotzdem ist aus der Sicht dieses Konzepts zu bedauern, daß der Schwerpunkt der meisten empirischen Forschungen zur Proto-Industrialisierung immer noch im 18. oder sogar 19. Jahrhundert liegt. Gewiß ist für diese späte Zeit die Quellensituation weit günstiger, mithin die Möglichkeit, den Zusammenhang verschiedener Aspekte des historischen Prozesses zu untersuchen, leichter gegeben. In systematischer Hinsicht sind jedoch Untersuchungen über die Ursprünge der Proto-Industrialisierung im späten Mittelalter bzw. im 16. Jahrhundert ebenso wichtig wie solche über ihr Ende in Industrialisierung oder De-Industrialisierung; vom Forschungsstand her sind sie vielleicht sogar das größere Desiderat. Die Arbeiten, die in den letzten eineinhalb Jahrzehnten zu dem bedeutenden Fall Oberschwabens (insbes. zu seinem Barchent-Gewerbe; Barchent ist ein Leinen-Baumwoll-Mischgewebe) erschienen sind, zeigen, daß hier durchaus wesentliche Fortschritte möglich sind (Stromer 1978, 1986, Clasen 1981, Paas 1981, vgl. Kiessling 1989, 1991, Zorn 1988).
Dabei ist gerade auch für diese frühe Zeit - aber nicht nur für sie - das Verhältnis der Proto-Industrialisierung zur städtischen Wirtschaft und Gesellschaft neu zu durchdenken. Ursprünglich waren die Städte aus dem Konzept entweder weitgehend ausgeblendet worden, oder das Verhältnis der ländlichen Exportgewerbe zu den Städten wurde überwiegend und mit einer gewissen Einseitigkeit als negativ unterstellt: Angesichts der geringen Angebotselastizität der städtischen Wirtschaft, der zünftischen Beschränkungen und der höheren Lebenshaltungskosten verlagerte sich in der Frühen Neuzeit der Schwerpunkt des Exportgewerbes von den Städten auf das Land. Dabei handelte es sich freilich nicht immer um die Abwanderung eines bisher städtischen Gewerbezweigs in die Umgebung (so siedelte sich die Wolltuch-Produktion z.B. immer mehr im Umland von Aachen an, während die Bedeutung der Stadt zurückging); es konnten auch neue Produkte sein, deren Herstellung sogleich auf dem Land einsetzte (wie großteils die Herstellung der "Zeuge", d.h. leichte Wollstoffe, in den südlichen Niederlanden); oder es wurden Artikel, die die Bauern bisher für den Eigenbedarf erzeugt hatten, nun von Kaufleuten oder Verlegern in den Handel gebracht (was bei Leinen oft der Fall war).
Zwar ist von der Urbanisierungsforschung durchaus argumentiert worden, daß die Proto-Industrialisierung ein wichtiger Faktor war, der das Wachstum der Städte im Laufe der frühen Neuzeit verlangsamte (De Vries 1984:bes. 220f, 238ff). Doch zeigt eine genauere Analyse, daß das Verhältnis von städtischer und ländlich-gewerblicher Wirtschaft komplex war (Kriedte 1982). Die Problematik beginnt schon mit der Definition der Trennungslinie von "Stadt" und "Land", die weder rechtlich noch ökonomisch noch sozial oder aufgrund der Bevölkerungszahl und -dichte überall eindeutig ist. Des weiteren gerieten zwar nicht wenige städtische Exporthandwerke infolge der Konkurrenz der billigeren ländlichen Arbeitskräfte in die Krise; doch blieben die Städte meist die Zentren von Handel, Finanz und Organisation. Oft fanden nur besonders arbeitsaufwendige Produktionsstufen auf dem Land statt (so im Textilgewerbe regelmäßig das Spinnen und vielfach das Weben), während andere Etappen, z.B. die wichtige Endverarbeitung, in der Stadt blieben. Wo besonders qualifizierte Arbeitskräfte gebraucht wurden, viel Kapital auf dem Spiel stand und genaue Kontrolle erforderlich war (wie in der Seidenweberei), behielten die Städte ihren Vorteil. Darüber hinaus entstanden im Verlauf der gewerblichen Entwicklung des flachen Landes in verschiedenen Teilen Europas neue Agglomerationen, die sich zu Städten oder Quasi-Städten verdichteten. Insgesamt gab es also im Rahmen der Proto-Industrialisierung zwischen Stadt und Land nicht nur Beziehungen der Konkurrenz, sondern auch der Kooperation und der wechselseitigen Ergänzung.
Die Verflechtungen zwischen Stadt und Land sowie die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen städtischen und ländlichen Exportgewerben scheinen dafür zu sprechen, die ursprünglichen Abgrenzungen aufzugeben und die städtischen Produktionszentren voll in das Konzept der Proto-Industrialisierung einzubeziehen. In diesem Sinne hat man von proto-industriellen Großstädten ("proto-industrial cities") gesprochen (Poni 1982, 1990, Hohenberg/Lees 1985:125ff; Kriedte 1991:bes. 19ff, Cerman 1993). Solchen gewerbegeschichtlichen Argumenten stehen allerdings Bedenken gegenüber, die nicht minder gewichtig sind: Der soziale Kontext der Produktion war auf dem Lande durchaus verschieden von der Großstadt; dies betrifft nicht nur die Verbindung zwischen Gewerbe und Landwirtschaft, sondern auch die institutionellen Rahmenbedingungen.
Auch die Argumente, die für und gegen die volle Einbeziehung der bereits vor der Fabrik-Industrialisierung zentralisierten Gewerbebetriebe sprechen, zeigen eine gewisse strukturelle Ähnlichkeit zur oben geschilderten Debatte. Die Theorie der "Industrialisierung vor der Industrialisierung" hatte in bewußtem Gegensatz zu einer dogmatisch verengten Sicht der "Manufakturperiode" den Blick vor allem auf die Breite der ländlichen Hausindustrie gerichtet, ohne das Verhältnis zu den frühen "Großbetrieben" abschließend zu klären (Kriedte/Medick/Schlumbohm 1977:14f, 29, 37, 115f, 224ff, 233ff, 241f, 271, 275ff). Seitdem haben insbesondere gewerbegeschichtlich argumentierende Autoren das Konzept in dieser Richtung erweitert (Cerman 1993, Mager 1993:199ff).
Neues Licht ist seit den achtziger Jahren auch auf den Kernbereich von Mendels' Theorem gefallen, auf die Proto-Industrialisierung in ihrem Verhältnis zur "eigentlichen" Industrialisierung. Hier sind einige der neueren Tendenzen in der Literatur zur Industriellen Revolution von erheblichem Belang. Besondere Beachtung verdient dabei die Debatte über den Fall England, da in dem "Pionier"-Land der Zusammenhang zwischen frühen Fabriken und proto-industriellen Gewerben ohne die zusätzlichen Brechungen, die bei "nachholender Industrialisierung" auftreten, untersucht werden kann.
Drei Tendenzen der jüngeren Forschung sind hervorzuheben. Zum einen kamen die quantitativ auf der Makro-Ebene arbeitenden Historiker und Ökonomen in den 1980er Jahren zu dem weitgehenden Konsens, daß während der "Industriellen Revolution" das britische Wirtschaftswachstum wesentlich langsamer, der Wandel viel allmählicher war, als in den fünfziger und sechziger Jahren allgemein angenommen (Harley 1982, Williamson 1984, Crafts 1985). Über die Gründe gehen die Ansichten nicht unerheblich auseinander; doch wird weithin akzeptiert, daß der Entwicklungsstand vor Beginn der Industriellen Revolution - etwa um 1760 oder auch schon um 1700 - deutlich höher war, als früher vermutet: Der Anteil der Erwerbstätigen im verarbeitenden Gewerbe war größer, derjenige in der Landwirtschaft kleiner; und das Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung war höher. Zwar ist diese "revisionistische" Sicht der britischen Industrialisierung inzwischen wiederum kritisiert worden (Hoppit 1990, Berg/ Hudson 1992, Jackson 1992); und selbst deren Protagonisten räumen ein, daß es sich bei ihren makro-ökonomischen Zahlenreihen nur um "best guesses" (beste Schätzungen) und "controlled conjectures" (kontrollierte Mutmaßungen) handelt (Crafts/ Harley 1992:703f). Trotzdem besteht Einigkeit, daß Wachstum und Wandel - jedenfalls soweit sie quantitativ gefaßt werden können - bei weitem nicht in dem früher angenommenen Ausmaß in den Jahrzehnten der "Industriellen Revolution" komprimiert waren, sondern sich über viel längere Zeiträume erstreckten. Daraus ergibt sich die Schlußfolgerung, daß die Mendelssche Hinwendung zu den Veränderungen, die der Fabrik-Industrialisierung vorausgingen, durchaus gerechtfertigt war.
Neben der auf volkswirtschaftliche Gesamtgrößen gerichteten Forschungsrichtung - und zum Teil gegen sie - betont ein anderer Strang der jüngeren Literatur, daß die Industrialisierung kein nationales, sondern ein "regionales Phänomen" war: " ... der Prozeß der Industrialisierung ... ist im wesentlichen ein regionaler, der im europäischen Kontext abläuft" (Pollard 1981:vii, 14, 1980, Hudson 1989). Dieser Ansatz entspricht wesentlich dem der Proto-Industrialisierungs-Theorie und -Forschung: Auch hier geht es um eine Ebene unterhalb der nationalen Aggregate und zugleich um den Austausch und Wettbewerb zwischen Regionen in Europa und der Welt, über die Grenzen der Staaten hinweg.
Schließlich gibt es neuerdings ein wiedererwachtes Interesse an qualitativen Untersuchungen und an einer "neuen Mikro-Ökonomie der Industriellen Revolution" (Berg 1985:17). Diese Forschungsrichtung hat herausgearbeitet, daß es keinen plötzlichen Durchbruch am Ende des 18. Jahrhunderts gab, sondern daß schon vorher eine große Zahl von kleinen Verbesserungen und Veränderungen in sogenannten traditionellen Gewerben und Organisationsformen stattfand (Leboutte 1988:95ff, 125ff, 478ff) - eine Einsicht, welche die Bedeutung der Proto-Industrialisierung zu unterstreichen geeignet ist.
Diese Befunde machen zwar die Grenzlinie zwischen der "ersten" Phase, also der Proto-Industrialisierung, und der "zweiten" Phase, der Fabrik-Industrialisierung, problematischer, als sie bei einer emphatischen Sicht der Industriellen Revolution erschien. Doch bestreitet auch die revisionistische Richtung nicht, daß einige Industriezweige (wie die Baumwoll-Produktion) in der Tat revolutioniert wurden; geringer veranschlagt sie nur deren Anteil an der Gesamtwirtschaft. Trotzdem leugnet sie die grundlegende Veränderung der ökonomischen Struktur nicht. Andere betonen neuerdings wieder stärker die qualitativen Brüche und sozialen Diskontinuitäten und "rehabilitieren" so den Begriff der Industriellen Revolution (Berg/Hudson 1992, Hudson 1992).
Wenn der Ansatz der Proto-Industrialisierung auf dieser Seite einige Unterstützung in den neueren Tendenzen der Forschung finden kann, so ist doch nicht zu übersehen, daß von einer anderen grundlegende Bedenken kommen. Die in den letzten beiden Jahrzehnten gewachsene Skepsis gegenüber dem traditionellen Fortschrittsdenken - sei es nun technokratisch-wachstumsorientiert oder marxisierend - ist nicht ohne Auswirkungen auf die Sicht historischer Prozesse geblieben. Dadurch hat der Einwand an Gewicht gewonnen, daß alle Proto-Industrialisierungs-Theorien in mehr oder weniger massiver Form einen teleologischen Charakter tragen und explizit oder implizit die Idee einer Abfolge von Stufen der wirtschaftlich-sozialen Entwicklung enthalten (Coleman 1983:439f, Perlin 1983:36ff, 1985:389ff). Gewiß trifft diese Kritik nicht alle Versionen mit gleicher Schärfe. Wenn der Übergang von der Proto-Industrialisierung zur Fabrik-Industrialisierung nicht als regelmäßig und normal angenommen, sondern der Ausgang als prinzipiell offen - auch hin zur Re-Agrarisierung - konzipiert wird, ist sicherlich Wesentliches getan, um derartigen Bedenken Rechnung zu tragen. Im Rahmen eines solchen offeneren Konzepts kann auch die Tatsache berücksichtigt werden, daß in manchen Regionen die gewerbliche Entwicklung nicht erst unter der Konkurrenz der Fabriken, sondern bereits während der Epoche der Proto-Industrialisierung abbrach (Kriedte, in: Kriedte/Medick/Schlumbohm 1977:292f, Thomson 1982, 1983).
Es stellt sich jedoch die Frage, ob man nicht noch wesentlich weiter gehen muß: Gibt es in der Geschichte von Gewerbe und Industrie wirklich eine große Entwicklungslinie, die in den letzten Jahrhunderten von zerstreuter kleiner Handwerksproduktion zu immer stärker zentralisierten und mechanisierten Strukturen führte? Oder ist es angemessener, von einer Serie zyklischer Fluktuationen zwischen zentralisierter und dezentralisierter, zwischen kleiner und großer Produktion zu sprechen? Unstreitig ist, daß mit dem Einsetzen der Fabrik-Industrialisierung keineswegs ein geradliniger Niedergang der Hausindustrie einsetzte: Neben den Heimgewerben, die durch Mechanisierung verdrängt wurden, gab es solche, die noch lange fortbestanden, andere, die sogar stark expandierten, und wieder andere, die neu begründet wurden und einen kräftigen Aufschwung nahmen - nicht zuletzt in Großstädten (Kriedte/Medick/Schlumbohm 1992:243ff). In unserer Gegenwart nimmt in den fortgeschrittenen Industrieländern neuerdings Heimarbeit wieder zu, nicht zuletzt im Dienstleistungssektor bis hin zur "elektronischen Heimarbeit"; vor allem aber wird in der "unterentwickelten" Welt diese Produktionsform in großem Ausmaß genutzt. Schon im 19. Jahrhundert, erst recht in unserer Zeit mögen "Alternativen zur Massenproduktion" bestanden haben und bestehen, etwa in Gestalt der "flexiblen Spezialisierung" kleinerer Betriebe (Piore/Sabel 1985, Sabel/Zeitlin 1985). Schließlich gibt es gewisse Analogien zwischen der dezentralen Organisation eines proto-industriellen Verlagssystems, bei dem die einzelnen Arbeitsgänge in unterschiedlichen Teilregionen stattfanden, und der "neuen internationalen Arbeitsteilung" unserer Tage, bei der Teilstufen der Produktion auf verschiedene Länder in Zentrum, Semiperipherie und Peripherie kostengünstig verteilt werden (Fröbel/Heinrichs/Kreye 1977). Allerdings sollte nicht übersehen werden, daß solche neuen Tendenzen der Dezentralisierung in einem durchaus anderen räumlichen Maßstab und auf einem anderen technologischen Niveau stattfinden als in der Epoche vor der Fabrik-Industrialisierung. Insofern scheint - bei aller berechtigten Kritik an linearen Entwicklungs-Vorstellungen - doch auch das Bild einer zyklischen Bewegung, die gewissermaßen an den Ausgangspunkt zurückkehrt, nicht angemessen.

Muß man angesichts der vielfältigen Kritik an den spezifischen Inhalten der Proto-Industrialisierungs-Hypothesen folgern, daß diese Theorie ein "Fehler" war - wenn auch möglicherweise ein "talentierter", der zu interessanten Debatten und Forschungen führte und damit vielleicht fruchtbarer war als manche langweilige Wahrheit (Kuczynski 1984:152)? Gewiß findet der heuristische Nutzen des forschungsstrategischen Konzepts breitere Anerkennung als der konkrete Inhalt des Epochenbegriffs Proto-Industrialisierung. Und ohne Frage erscheint die Proto-Industrialisierung heute weniger als ein homogenes System denn als ein vielfältig differenziertes Phänomen; auch ist ihre Abgrenzung nicht ohne Probleme. Trotzdem gibt es nach wie vor den einen oder anderen guten Grund für die Einschätzung, daß mit diesem Konzept einige Züge der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozesse und Strukturen auf den Begriff gebracht werden können, die für Europa zwischen dem späten Mittelalter und der Fabrik-Industrialisierung wesentlich waren.


Quelle: HSK 5: Proto-Industrialisierung in Europa. Industrielle Produktion vor dem Fabrikszeitalter. Herausgegeben von Markus Cerman, Sheilagh C. Ogilvie. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik, 1994. S. 23 - 33.
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