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Bernardo Calzadilla, Peter Feldbauer, Andreas Novy

Einleitung: Industrialisierung. Entwicklungsprozesse in Afrika, Asien und Lateinamerika

Quelle: HSK 6: Industrialisierung. Entwicklungsprozesse in Afrika, Asien und Lateinamerika. Herausgegeben von Peter Feldbauer, August Gächter, Gerd Hardach, Andreas Novy. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel; Wien: Südwind; 1995. S. 9 - 16.

Die meisten Länder der sogenannten "Dritten Welt" sind seit Jahrzehnten und vereinzelt sogar seit mehr als einem Jahrhundert bemüht, ihre von Landwirtschaft, Kleingewerbe und Rohstoffextraktion dominierten Wirtschaften in stärker industriell geprägte Ökonomien zu transformieren. Wenngleich hinsichtlich des angestrebten Niveaus und der als optimal erachteten Geschwindigkeit des Industrialisierungsprozesses erhebliche Auffassungsunterschiede bestehen und bezüglich der angemessenen Entwicklungsmodelle und wirtschaftspolitischen Strategien die Meinungen weit auseinandergehen, räumen die Regierungen fast aller Staaten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas diesem Ziel höchste Priorität ein. Diese Festlegung auf Industrialisierung hat historische und höchst aktuelle Gründe. In historischer Perspektive läßt sich nicht übersehen, daß der Aufstieg Westeuropas, Nordamerikas und schließlich Japans im Rahmen von Weltwirtschaft und Weltpolitik - wie immer man die Ergebnisse dieses jahrhundertelangen Vorgangs auch bewertet - maßgeblich mit dem in diesen Regionen früh einsetzenden Wandel der traditionellen Agrar- in Industriegesellschaften zusammenhing.
Seit der Industriellen Revolution Englands verband sich die Idee von Fortschritt und Entwicklung nahezu unlösbar mit Industriewachstum, und es läßt sich tatsächlich kaum bestreiten, daß der im 18. Jahrhundert beginnende Siegeszug industrieller Produktions-, Organisations-, Verhaltens- und Denkmuster den folgenreichsten Wandel von Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur innerhalb der letzten fünf Jahrtausende nach sich zog.
Nicht weniger radikal vollzog sich freilich seit dieser Zeit die Polarisierung in Industrie- und Entwicklungsländer, in wohlhabende und arme Nationen, in Kolonialmächte und abhängige Gebiete, in Sieger und Verlierer von Welthandel und internationaler Arbeitsteilung. Es ist daher konsequent, daß Diskussionen über die wirtschaftliche und auch politische Unterlegenheit der meisten Staaten der "Dritten Welt" gegenüber den hochentwickelten Staaten des Nordens in einem unauflösbaren Zusammenhang mit Fragen gelungener, unzureichender oder ausgebliebener Industrialisierung stehen. Obwohl die Sinnhaftigkeit der teilweise gewaltigen, oft mit hohen sozialen Kosten verbundenen Anstrengungen industrieller Modernisierung in Afrika, Asien und Lateinamerika durch Verweise auf die ökologischen Grenzen des globalen Industriesystems an Überzeugungskraft verliert, wird das Thema Industrialisierung zumindest so lange im Mittelpunkt von Wirtschaftspolitik und Entwicklungsdebatte stehen, solange zum einen keine anderen, realistischen Wege zur Sicherung der Basisbedürfnisse des Großteils der Weltbevölkerung bekannt sind und solange zum anderen politische Macht, Wohlstand und kulturelle Dominanz innerhalb des Weltsystems einseitig bei den Industriemetropolen und deren "Global Cities" liegen.
Nachholende Industrialisierung ist in den Staaten der "Dritten Welt" kein erst seit wenigen Jahrzehnten relevantes Phänomen, wenngleich eingeräumt werden muß, daß sich Prozesse selbsttragender Industrialisierung tatsächlich erst in der jüngsten Vergangenheit anzubahnen begannen. In manchen Ländern und Regionen lassen sich erste Industrialisierungsschübe schon im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts beobachten; die Starterfolge blieben aber in bescheidenem Rahmen und bezogen sich, sieht man von der möglichen Ausnahme Indien ab, ausschließlich auf Gebiete außerhalb kolonialer Kontrolle.
Als der Erste Weltkrieg und insbesondere die Weltwirtschaftskrise der Zwischenkriegszeit den internationalen Handel stark einschränkten, führte das in den größeren lateinamerikanischen Staaten sowie in einigen wenigen asiatischen und afrikanischen Ländern zu einem ersten bzw. neuerlichen Industrialisierungsanlauf, der notwendigerweise in erheblichem Umfang auf die Substitution bislang importierter Industriegüter zielte. Die Erfahrungen der Depression ließen die Orientierung vieler außereuropäischer Ökonomien auf Agrar- und Rohstoffexporte obsolet erscheinen. Ohne verstärkte Industrieproduktion galten Wirtschaftswachstum, ausgeglichene Zahlungsbilanzen, Versorgung der Binnenmärkte und Bereitstellung von Arbeitsplätzen für die rasch wachsende Bevölkerung in den dreißiger Jahren als undenkbar.
Im Zuge der Dekolonialisierung nach dem Zweiten Weltkrieg begann man, die inzwischen auch theoretisch verarbeiteten Industrialisierungserfahrungen so unterschiedlicher Länder wie Brasilien, Mexiko und Türkei auf viele asiatische und afrikanische Länder zu verbreiten. Trotz gravierender Unterschiede - man denke nur an den starken Einfluß sowjetischer Industrialisierungsmodelle in China und Indien - dominierten daher in großen Teilen der "Dritten Welt" in den fünfziger und sechziger Jahren importsubstituierende Industrialisierungsstrategien, die hohe Zollmauern mit einer Reihe weiterer staatlicher Schutzmaßnahmen verbanden. Thailand, Taiwan und Südkorea waren diesbezüglich keine Ausnahmen.
Der anfängliche Optimismus hinsichtlich der Möglichkeiten nachhaltiger Industrialisierung in der außereuropäischen Peripherie erwies sich rasch als übertrieben. Die technologische Überlegenheit der fortgeschrittenen Industriestaaten erforderte einen aufwendigen Protektionismus in den Ländern der "Dritten Welt" und machte Exporte, die bekanntlich für die Industrielle Revolution in England eine wichtige Rolle gespielt hatten, äußerst schwierig. Dies wog umso schwerer, als die Enge der häufig schlecht integrierten Binnenmärkte die Skalenvorteile größerer Fabrikskomplexe infolge chronischer Unterauslastung zunichte machte. Schließlich schien es, als ob sich bald nach einer ersten, "einfachen" Phase der Importsubstitution der Industrialisierungsprozeß nur mittels zunehmend komplexerer und kapitalintensiverer Aktivitäten weiter vorantreiben ließe. Infolge all dieser Schwierigkeiten erwiesen sich die neuen Industrien der "Dritten Welt" oft als relativ ineffizient und teuer.
Einigen wenigen, insbesondere ostasiatischen Ländern gelang es allerdings, trotz der vielfältigen Hindernisse seit den frühen sechziger Jahren in großem Maßstab für den Export zu produzieren. Dieser Kurswechsel, den selbst die industriell fortgeschrittensten lateinamerikanischen Staaten nur ansatzweise vollzogen, basierte auf ganz spezifischen historischen und strukturellen Voraussetzungen und wäre ohne die vorgelagerten Erfolge der Importsubstitution wohl kaum zustande gekommen. Er setzte aber auch die relativ vorteilhafte Entwicklung der Weltwirtschaft im entsprechenden Zeitraum voraus. So wie die Weltwirtschaftskrise weltweit Importsubstitutionsanstrengungen förderte, so begüstigte die Expansion der Weltwirtschaft in der Nachkriegszeit Nischenstrategien exportorientierter Industrialisierung. Die Jahrzehnte bis knapp nach 1970 brachten nicht nur die bislang stärkste Expansion der weltweiten Industrieproduktion, sondern auch eine spektakuläre Ausweitung des Welthandels und der internationalen Nachfrage, wovon die konkurrenzfähigsten Staaten des Südens, trotz der diskriminierenden Maßnahmen der Industriemetropolen, durchaus profitierten. Da die Gruppe sich relativ rasch industrialisierender asiatischer und lateinamerikanischer Länder klein blieb, betrug ihr Anteil an der Weltindustrieproduktion in den späten sechziger Jahren aber nicht mehr als 10%. Er hatte sich demnach seit Ende des Weltkriegs nicht wesentlich vergrößert.
Die siebziger und achtziger Jahre brachten weltweit ein wesentlich geringeres Industriewachstum als das davorliegende Vierteljahrhundert. Auch die rapide Expansionsphase des Welthandels gehörte vorerst der Vergangenheit an. Der Trend zunehmender Industrieexporte aus Dritte-Welt-Ländern setzte sich zwar fort, das internationale Umfeld machte aber die Implementierung exportorientierter Industrialisierungsstrategien schwieriger. Das Industriewachstum der ost- bzw. südostasiatischen Schwellenländer sowie der großen lateinamerikanischen Staaten bis 1980 reichte aber immerhin aus, den Anteil der "Dritten Welt" an der globalen Industrieproduktion auf gut 13% zu steigern. Zu diesem Zeitpunkt zählten Brasilien und Mexiko weltweit zu den zehn größten Industrienationen, Taiwan, Südkorea, Brasilien und Hongkong zu den zwanzig wichtigsten Exporteuren von Industriegütern. Die Fortschritte der angeführten Länder beruhten teilweise auf beachtlichen Diversifizierungserfolgen, der Ausweitung der Industrieproduktion auf Zwischen- und Kapitalgüter, dem Einsatz verbesserter Technologien und neuen Organisationsformen. Teilweise kamen wohl auch die Auslagerung von Fabriken aus den Hochlohnregionen sowie die Ersetzung fordistischer Produktionsformen durch das System flexibler Spezialisierung den Ländern der "Dritten Welt" zugute.
Obwohl die Industrialisierungserfolge bis 1980 auf das Konto relativ weniger außereuropäischer Staaten gingen, wurde damals nicht selten das Bild einer neuen internationalen Arbeitsteilung beschworen. Das vergangene Jahrzehnt hat aber viele Hoffnungen enttäuscht. Zwar gelang es einigen asiatischen Schwellenländern, den Entwicklungsabstand zu den USA, Japan und Westeuropa auch in diesem Zeitraum zu verringern, für das Gros der Länder der "Dritten Welt" brachte die "verlorene Dekade" jedoch Schuldenkrisen, Stagnation oder gar Kontraktion der Industrieproduktion, Kapitalmangel und gar nicht selten neoliberale Modernisierungsprogramme mit enormen sozialen Kosten. Die Perspektiven für die neunziger Jahre scheinen vor diesem Hintergrund nicht besonders positiv zu sein. Obwohl es im Laufe des 20. Jahrhunderts immer wieder auch Phasen relativ günstiger internationaler Rahmenbedingungen für nachholende Industrialisierung gab und obwohl sich Entwicklungsrückstände bisweilen in Vorteile verwandeln können, gibt es insbesondere für die meisten schwarzafrikanischen und lateinamerikanischen, aber auch für viele asiatische Staaten wenige Anzeichen dafür, daß die anlaufende Konjunkturphase der Weltwirtschaft den Durchbruch zu selbsttragendem, nachhaltigen Industriewachstum bringen könnte. Dieses düstere Bild sollte allerdings nicht den Blick dafür verstellen, daß es neben den pessimistischen Prognosen natürlich auch gedämpfte Hoffnungen gibt und daß die zunehmende Differenzierung der "Dritten Welt" Verallgemeinerungen immer weniger zuläßt, neben Rückschlägen also durchaus auch Raum für Fortschritte bietet.
Die Tatsache, daß die Weltbank den Anteil der "Dritten Welt" an der globalen Industrieproduktion für das Jahr 1990 mit 14% angibt, für die achtziger Jahre demnach immerhin eine geringfügige Zunahme konstatiert, verschleiert, daß große Teile Schwarzafrikas in diesem Jahrzehnt die schwerste Rezession seit der Entkolonialisierung erlebten, viele Staaten Lateinamerikas und des Nahen Ostens einen Rückgang ihrer Industrieproduktion verzeichneten und die Wirtschaftsentwicklung Südasiens wenig erfolgreich verlief. Nur einige stark exportorientierte Schwellenländer und Stadtstaaten Ost- und Südostasiens wiesen auch in dieser weltwirtschaftlich schwierigen Phase ein beachtliches Wirtschafts- und Industriewachstum auf. Dieser Befund paßt sehr gut zu einer ganzen Reihe weiterer globaler Trends, die alle darauf verweisen, wie unterschiedliche Gesellschaften unter Sammelbegriffe wie "Dritte Welt" oder Peripherie bzw. Semiperipherie fallen und daß die Differenzierung der peripheren Länder Außereuropas voranschreitet.
Eines der zentralen Charakteristika der Nachkriegsentwicklung ist, daß die Exporte viel stärker zunehmen als der Output. Der Welthandel hat gegenüber dem Binnenhandel stark an Bedeutung gewonnen. Doch noch weit dynamischer als der Welthandel entwickeln sich die Finanzmärkte. Allein am Londoner Euro-Dollar-Markt wird im Jahr fünfundzwanzig Mal so viel umgesetzt wie im gesamten Welthandel. Beläuft sich der - expandierende - Handel mit Gütern zusammen mit dem Handel in Dienstleistungen auf rund 3 Billionen US$ pro Jahr, so werden am Euro-Dollar-Markt jährlich 75 Billionen umgesetzt und weitere 35 Billionen jährlich in Devisengeschäften.
Obwohl teilweise nationale Ersparnisse und auch Direktinvestitionen herangezogen wurden, stützte sich die Entwicklung des industriellen Sektors in den meisten Ländern der "Dritten Welt" weitgehend auf internationales Kapital. In den siebziger Jahren spielte die kommerzielle Bankenfinanzierung eine dominierende Rolle, was mit der Verschuldungskrise 1982 endete. Direktinvestitionen wuchsen seit den sechziger Jahren stetig, waren aber quantitativ viel geringer als die Kapitalfinanzierung. Ihre Bedeutung darf trotzdem nicht außer acht gelassen werden. Die Direktinvestitionen konzentrierten sich in einigen Ländern, die heute zu den erfolgreichen "newly industrializing countries" (NIC's) zählen. Die Profitraten der ausländischen Direktinvestitionen in den Entwicklungsländern waren auch viel höher als die Zinsraten, die die kommerziellen Banken von Entwicklungsländern erhielten. In den siebziger Jahren betrug die Rendite von US-Direktinvestionen im Durchschnitt 13,1%, während die Eurodollar-Zinsraten zwischen 5% und 14,36% fluktuierten.
Den Entwicklungsländern ist es in dieser Zeit gelungen, ihren Anteil am Welthandel kontinuierlich zu erhöhen. Aber es sind nur wenige Länder, die in der Konkurrenz mit den Industrieländern bestehen können. Den Großteil der Zuwächse an industriellen Exporten in die Industrieländer erzielten die Länder Südostasiens. Auch Brasilien und Mexiko konnten ihren Anteil erhöhen. Alle anderen Länder und Regionen stagnierten jedoch. Wenn man die Wachstumsraten der Industrieproduktion in Afrika, Asien und Lateinamerika in den achtziger Jahren untersucht, zeigt sich die geringe Dynamik im tropischen Afrika und in Lateinamerika, weshalb diese Periode in den beiden Kontinenten als verlorene Dekade bezeichnet wird. Im Unterschied dazu weisen die arabischen und asiatischen Staaten kontinuierlich hohe Wachstumsraten auf. Einzig in Südostasien kam es 1982 und 1985 zu starken Einbrüchen, die aber durch eine besonders dynamische Entwicklung in den restlichen Jahren kompensiert wurden.
Auch diese Daten zeigen, daß die traditionellen Vorstellungen von räumlichen Mustern der wirtschaftlichen Entwicklung der "Dritten Welt" nur mehr beschränkt gültig sind. Die "Dritte Welt" als ein Sammelbegriff ehemaliger Kolonialländer verliert an Aussagekraft, und es kommt zu Ausdifferenzierungsprozessen. Die peripheren Länder produzieren nicht mehr nur Agrargüter, wie dies Raúl Prebisch noch Ende der vierziger Jahre unterstellen konnte. Die Entwicklungspfade einzelner Länder und Kontinente haben sich, trotz Globalisierung, in den letzten Jahren eher auseinander denn aufeinander zu entwickelt.
So gibt es die große Gruppe kleiner Länder mit einem schlecht entwickelten Binnenmarkt und einem niedrigen Industrialisierungsgrad. Zu diesen Ländern zählen Bolivien und Mocambique, das von Maria Leitgeb in diesem Band dargestellt wird, wobei ausdrücklich erklärungsbedürftig ist, inwiefern in diesen Fällen von Industrialisierung gesprochen werden kann. Doch sind solche Fallanalysen wichtig, da sie beispielhaft für die Mehrzahl der Staaten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas stehen. Einige dieser kleinen Staaten, als "Tiger" bekanntgeworden, setzen seit einigen Jahrzehnten erfolgreich auf Industrialisierung. Als exemplarisch dafür wird in diesem Band das eher selten analysierte Thailand behandelt.
Demgegenüber stehen Länderstudien über die sogenannten "Wale", die behäbigen, relativ großen und stark binnenmarktbezogenen Ökonomien wie Brasilien, Mexiko, China und Indien. Deren Erfahrungen sind aufgrund der Größe dieser Länder interessant. Diese erlaubt ihnen, Sachzwängen des Weltmarkts gegenüber widerborstiger zu rEIAieren. Alle diese Staaten waren erst relativ spät gezwungen, von Importsubstitutionsstrategien Abschied zu nehmen. Interessant ist, daß die Länderbeispiele Südafrika und Türkei große Ähnlichkeiten mit den Erfahrungen in Mexiko und Brasilien aufweisen.
Zu recht ist in den letzten Jahren die Suche nach nachhaltigen Entwicklungsstrategien intensiviert worden. Dabei zeigte sich, daß der Handlungsbedarf für einen Kurswechsel im Ressourcenverbrauch in erster Linie bei den Industrieländern besteht. Denn die EinwohnerInnen dieser Staaten verbrauchen ein Vielfaches dessen, was die Menschen im Süden konsumieren. Die EinwohnerInnen der Industriestaaten sind es, die einen Lebensstil praktizieren, der nicht verallgemeinerbar und sehr ressourcenverbrauchend ist. Die Industrieunternehmen der Industriestaaten schaffen mit ihren Produktionsmethoden und Produkten die Grundlage dieses Lebensstils.
Die hohen Wachstumsraten der industriellen Produktion in den Entwicklungsländern haben sicherlich auch negative ökologische Konsequenzen, die diskutiert werden müssen. Vielfach haben lokale Industrieunternehmen, die mit mangelhaften ökologischen Auflagen betrieben werden, dramatische Auswirkungen auf die Wohnbevölkerung, wie das Beispiel Bhopal zeigte. Diese ökologischen Probleme sollten im Rahmen demokratisch-partizipativer Strukturen in den Ländern selber diskutiert werden. Ebenso muß untersucht werden, ob sich das elitäre Konsummuster des Nordens nicht in den Ländern des Südens reproduziert und welche sozialen und ökologischen Konsequenzen dies hat.
Es erscheint uns aber nicht angebracht, die Industrialisierungsbemühungen des Südens mit dem Argument der globalen Nachhaltigkeit zu bremsen. Da die Verantwortung für die Zuspitzung der globalen ökologischen Krise eindeutig im Norden liegt, müssen die Industrieländer die Kosten einer nachhaltigen Entwicklung tragen: dies kann geringeren Ressourcenverbrauch im eigenen Land bedeuten oder die Unterstützung von Entwicklungsländern, die selber nachhaltige Industrialisierungsstrategien verfolgen wollen. Eine faire Lösung kann daher nur darin bestehen, daß es zu einer Umverteilung von den Industrie- zu den Entwicklungsländern kommt. Die gegenwärtigen Machtverhältnisse lassen daran zweifeln, ob eine derartige Lösung möglich ist. Wir wollen im folgenden aber nicht weiter auf die Frage der Nachhaltigkeit eingehen, deren Lösung in erster Linie auf weltpolitischer Ebene gesucht werden sollte und nicht direkt in Zusammenhang mit der Industrialisierung in Afrika, Asien und Lateinamerika steht.
Kritiker bezweifeln, daß Industrialisierung heutzutage immer noch ein wichtiges Entwicklungsziel ist, denn sie meinen, die wirtschaftliche Zukunft läge im Dienstleistungs- und Informationssektor. Die Länder des Nordens seien eigentlich keine Industrieländer mehr, denn es dominiere schon lange der tertiäre Sektor. Genauere Untersuchungen zeigen aber, daß es sich beim Konzept der Dienstleistungsgesellschaft um eine Scheinlösung handelt (ausführlicher dazu Sayer/Walker 1992:56 ff). Was die quantitative Göße betrifft, war der Industriesektor selten der vorherrschende. In den USA wurde mit einem Beschäftigtenanteil von 36% der bisher höchste je erreichte Stand markiert, und schon 1880 war der Anteil des Dienstleistungssektors dort höher als der der Industrie (Sayer/Walker 1992:105). Aber auch Japan und die ostasiatischen Tiger folgten dem stufentheoretischen Muster nicht. Vielmehr zeigen Sayer und Walker, daß auch in der gegenwärtigen kapitalistischen Entwicklung nicht von einem Ende der zentralen Rolle der Industrie gesprochen werden kann, wenn diese auch stärker als früher mit dem Dienstleistungs- und Agrarsektor verwoben ist. So verwundert es nicht, daß die Länder eine besonders dynamische Entwicklung durchmachen, die weiterhin eine starke industrielle Basis haben. Deutschland und Japan, zwei Industrienationen, stehen in bezug auf Wettbewerbsfähigkeit besser da als Großbritannien und die USA, die eine postindustrielle Wirtschaftspolitik betrieben. Doch darüber hinaus führt die starke industrielle Basis auch dazu, im Bereich der Produzentendienstleistungen eine Nachfrage zu schaffen, weshalb Japan z.B. im Bankwesen seinen globalen Einfluß stark vergrößern konnte.
Die Diversifizierung der industriellen Produktion stellte für mehrere Schwellenländer einen wichtigen Impuls für eine nachhaltige soziale Transformation dar. Wenn man den Beitrag des industriellen Sektors in einem breiteren Rahmen betrachtet, so ist bei der Untersuchung der Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas insbesondere die Herausbildung eines agroindustriellen Sektors bedeutsam. Die Verwobenheit von Industrie und Landwirtschaft kann anhand der zahlreichen Austauschbeziehungen (linkages) leicht erkannt werden. Die Industrie fördert das landwirtschaftliche Wachstum, und umgekehrt sind auch die Outputs des Agrarbereiches für die Industrieproduktion wesentlich (UNIDO 1995).
Für die Entwicklungsländer scheint Industrialisierung noch immer ein Pfeiler ihrer Entwicklungsanstrengungen zu sein, vor allem in ihrem Bestreben, am sich intensivierenden Globalisierungsprozeß teilzunehmen, und, was uns noch wichtiger erscheint, Beschäftigung zu schaffen, den informellen Sektor zu integrieren und somit einen Beitrag zu leisten, um die sozialen Kosten der auferlegten Anpassungsprozesse zu mildern und einen nachhaltigen Entwicklungsprozeß auszulösen. Der industrielle Sektor bleibt ein Bereich der Hoffnung für die Entwicklungsländer, in neocepalinischen Termini ausgedrückt: Hoffnung, mit dem ökonomischen Transformationsprozeß ein höheres Maß an sozialer Gleichheit zu erreichen (vgl. CEPAL 1992).
Ein zentraler Aspekt, mit dem sich insbesondere die einleitenden Artikel beschäftigen, ist, inwiefern Industrialisierungsprozesse durch Industriepolitik unterstützt werden können. Die historischen Untersuchungen zeigen zum einen, daß Industrialisierung nicht einfach gemacht werden kann (vgl. Gächter in diesem Band). Der Staat als zentraler wirtschaftlicher Akteur ist eine Fiktion oder zumindest eine grobe Vereinfachung. Andererseits zeigen viele Länderstudien, daß die gesellschaftlichen Kräfte eines Landes, oftmals focussiert in einem starken Zentralstaat, Industrialisierungsstrategien sehr wohl positiv oder negativ beeinflusssen können. Politik, verstanden als kurzfristiges, zentralstaatlich verordnetes Maßnahmenbündel hat nur einen geringen Einfluß auf die Industrialisierung; Politik, verstanden als langfristige Abstimmung der Interessen der wichtigen Akteure im nationalen Entwicklungsprozeß, sehr wohl.
Wichtig ist nicht so sehr die Frage, ob die Industrialisierung der Entwicklungsländer zu befürworten sei oder nicht, sondern welche Industrialisierungsmodelle und welche Technologien besser geeignet sind, die eigentlichen Probleme der betreffenden Bevölkerung zu lösen und - in einer durch Globalisierung zunehmend wirtschaftlich und kulturell homogenisierten und standardisierten Welt - die lokalen kulturellen Eigenheiten zu bewahren und der lokalen und globalen Sorge um Nachhaltigkeit in der Entwicklung Rechnung zu tragen. Solche Strategien haben aber nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn sie politische Strategien im oben beschriebenen weiten Sinne sind. Der lateinamerikanischen Importsubstitutionspolitik gelang dies über einige Jahrzehnte, der asiatischen Exportförderungspolitik ebenfalls. Der Neoliberalismus hingegen scheint diese Dauerhaftigkeit nicht zu haben, und es gibt starke Tendenzen - insbesondere in Lateinamerika -, die zumindest vermehrte soziale Abfederungsmaßnahmen fordern.
Im vorliegenden Sammelband wird der vielfältige Themenkomplex Industrialisierung in der "Dritten Welt" aus zwei Blickrichtungen problematisiert. Zum einen geht es in mehreren eher allgemeinen Beiträgen um historische Vorbilder, Modelle und Rahmenbedingungen von Industrialisierung in außereuropäischen Entwicklungsländern. Hierbei grenzen sich die Beiträge von herkömmlichen Dichotomisierungen des Themas ab, wie z.B. Importsubstitution oder Exportförderung, Binnenmarkterschließung oder Weltmarktorientierung, lokales oder multinationales Kapital etc. Statt einer "reinen" Lehre industrieller Entwicklung und eines Katalogs "richtiger" industriepolitischer Maßnahmen wird die Komplexität von Industrialisierungsbemühungen in den Ländern des Südens aufgezeigt.
Zum anderen werden in historischen Fallstudien, die bis in die Zwischenkriegszeit, vereinzelt auch bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, Erfolge und Schwächen unterschiedlicher Industrialisierungsverläufe diskutiert. Hierbei überrascht zum einen, wie ähnlich die industrielle Entwicklung in einzelnen Ländern verlief. Dies zeigt, daß strukturelle Faktoren und konkrete weltwirtschaftliche Zyklen, wie zum Beispiel die Weltwirtschaftskrise, in verschiedenen Weltregionen unabhängig voneinander zu ähnlichen Strategien führten. Es zeigt sich ferner, daß erfolgreiche Strategien keinem allgemeingültigen wirtschaftspolitischen Rezept folgen - sei es der "freien" Marktwirtschaft oder einer "geplanten" Industrialisierung -, sondern kontextuelle, kohärente Strategien sind, das heißt, zur rechten Zeit am richtigen Ort angewandt werden. Diese Grundeinsicht, die sich aus historischen Länderanalysen ergibt, erleichtert sicherlich auch das angemessene Verständnis der gegenwärtigen Umbruchsituation.

Literatur

CEPAL - Comisión Económica para América Latina y el Caribe (1992): Equidad y transformación productiva: Un enfoque integrado. Santiago de Chile
Dicken, Peter (1992, 2. Aufl.): Global Shift. The Internationalisation of Economic Activity. Liverpool: Chapman
Helleiner G. K. (1990): "The New Global Economy and the Developing countries". Brookfield, Hants: Edward Elgar
Sayer, Andrew/Walker, Richard (1992): The new social economy. Reworking the division of labor. London: Basil Blackwell
UNIDO (1995): "Social Progress through Industrial Development" - UNIDO Position Paper to the World Summit for Social Development. Vienna 1995


Quelle: HSK 6: Industrialisierung. Entwicklungsprozesse in Afrika, Asien und Lateinamerika. Herausgegeben von Peter Feldbauer, August Gächter, Gerd Hardach, Andreas Novy. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel; Wien: Südwind; 1995. S. 9 - 16.
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