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Peter Feldbauer

Mexiko und die historischen Wurzeln abhängiger Industrialisierung

Quelle: HSK 6: Industrialisierung. Entwicklungsprozesse in Afrika, Asien und Lateinamerika. Herausgegeben von Peter Feldbauer, August Gächter, Gerd Hardach, Andreas Novy. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel; Wien: Südwind; 1995. S. 173 - 191.

Mexiko kommt nicht aus den Schlagzeilen der Weltpresse. Als die mexikanische Regierung im August 1982 ihre totale Zahlungsunfähigkeit erklärte und ihre Gläubiger formell um Fristerstreckungen, Überbrückungskredite und anschließende Umschuldungsverhandlungen bat, fand dieses für die Weltwirtschaft dramatische Ereignis umgehend ein enormes Medienecho. In der Folge wurde es üblich, mit diesem Datum die fast globale Schuldenkrise der achtziger Jahre, die ganz Lateinamerika, Afrika und große Teile Asiens erfaßte, wenn schon nicht strukturell so doch zumindest gedanklich zu verbinden.
Der Schock des Jahres 1982, der das mexikanische Wachstums- und Industrialisierungsprogramm der Nachkriegsjahre radikal in Frage stellte, war noch nicht überwunden, als die verheerende Erdbebenkatastrophe, die drei Jahre später die Hauptstadt traf, nicht nur eine schwere politische Krise auslöste, sondern die Weltöffentlichkeit erneut mit den enormen sozioökonomischen Strukturproblemen Mexikos konfrontierte. Zur Kritik an einer angeblich seit Jahrzehnten verfehlten Wirtschaftspolitik, die allzu lange, zu einseitig und zu einfallslos insbesondere auf importsubstituierende Industrialisierung gesetzt hätte, gesellten sich nun Katastrophenschilderungen über Mexico-City. Die damals vermeintlich größte Megastadt der Welt avancierte in den Medien der Industriestaaten des Nordens sowohl zum Hauptgegenstand immer neuer soziopolitischer und ökologischer Weltuntergangsszenarios als auch zum abschreckenden Beispiel für die verhängnisvollen Resultate einer aus Gründen populistischen Machterhalts einseitig hauptstadtzentrierten Industrieförderung.
Seit dem Amtsantritt des des massiven Wahlbetrugs beschuldigten Präsidenten Carlos Salinas de Gortari gegen Ende des Jahres 1988 begann die Stimmung gegenüber Mexiko auf den internationalen Finanzmärkten und in der internationalen Presse umzuschlagen. Durch das in enger Zusammenarbeit mit IWF, Weltbank und den USA eingeleitete neoliberale Modernisierungsprogramm, das zwar die Masse der Bevölkerung bis hin zu den städtischen Mittelschichten enorm belastete und viele traditionelle Führungseliten kaltstellte, begann sich das seit Jänner 1994 mit den Vereinigten Staaten und Kanada zur nordamerikanischen Freihandelszone zusammengeschlossene Mexiko Anerkennung in den Kommandozentralen der Weltökonomie, bei den Experten der global operierenden Banken und internationalen Entwicklungsorganisationen und sogar in vielen wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten zu verschaffen. Gerade als Mexiko dabei war, unter veränderten wirtschaftspolitischen Vorzeichen erneut in den Rang eines zur Nachahmung empfohlenen "lateinamerikanischen Entwicklungsmodells" aufzusteigen, schlitterte das Land erneut in die Krise. Zunächst signalisierte der Aufstand der "Zapatistischen nationalen Befreiungsarmee" in Chiapas zu Jahresbeginn 1994, der das Salinas-Regime und die internationale Öffentlichkeit aus der Neujahrsruhe aufschreckte, ein mögliches Ende der im nachrevolutionären Mexiko trotz aller internen Widersprüche und Machtkämpfe jahrzehntelang behaupteten relativen politischen Stabilität. Knapp zwölf Monate später offenbarten die massive Abwertung des Peso und die anschließenden wirtschaftlichen Turbulenzen das Fiasko des neoliberalen Sanierungs-, Industrialisierungs- und Modernisierungsprogramms. Obwohl sich alle Eckdaten der mexikanischen Ökonomie seit 1993 erneut auffällig verschlechterten, hatte der scheidende Präsident Salinas noch im November 1994 von "neuen wirtschaftlichen Perspektiven ohne Schuldenlast, Inflation und Defizit" phantasiert. Als dann aber knapp vor Weihnachten ein Dollar nicht mehr 3,4 sondern 5,5 Pesos kostete, war "der Traum vom Aufstieg des lateinamerikanischen Wirtschaftswunderlandes in die Erste Welt ausgeträumt, das Vertrauen der internationalen Finanzwelt verspielt" (Wistrcil 1995:4).
Die neuerliche Strukturkrise der Ökonomie erklärt sich selbstverständlich nur teilweise aus den Schwächen der Industrieentwicklung und der damit verbundenen Industriepolitik. Ebenso hatten ja auch die Versäumnisse der industriellen Importsubstitutionsstrategie, trotz aller anderslautenden Kritik, nur beschränkt zu den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der siebziger und zur schweren Rezession der achtziger Jahre beigetragen. Es besteht aber wenig Zweifel, daß die immer wiederkehrenden, profunden ökonomischen Krisen und die damit verbundenen soziopolitischen Probleme ursächlich mit ganz spezifischen Mängeln bzw. Einseitigkeiten nachholender Industrialisierung zusammenhängen. Diese haben selbstverständlich mit den Konjunkturen, Wechsellagen und Funktionsweisen der Weltwirtschaft zu tun. Teilweise erklären sie sich wohl auch aus fragwürdigen wirtschafts- und ordnungspolitischen Konzepten der Nachkriegsregierungen, wenngleich der seit geraumer Zeit in Mode gekommene Verweis auf "falsche" Industrialisierungsstrategien oft sehr eindimensional und mechanistisch ausfällt. Und sie resultieren möglicherweise in viel höherem Maß, als man in der gegenwärtig ziemlich ahistorisch verlaufenden entwicklungspolitischen Debatte anzunehmen geneigt ist, aus Strukturen, die in der Vor- und Frühphase des Industrialisierungsprozesses geschaffen wurden. Ruft man sich ins Gedächtnis, wie langwierig sich der letztlich erfolgreiche Weg zu selbsttragender, nachhaltiger Industrialisierung in Westeuropa, Nordamerika und sogar in Japan gestaltete, so scheint es zumindest nicht unplausibel, auch bei der Suche nach Gründen für die aktuellen Schwierigkeiten der Industrieentwicklung Mexikos weit in die Vergangenheit zurückzugehen.

Frühindustrialisierung im unabhängigen Mexiko

Das im Jahr 1821 endgültig von der Kolonialmacht Spanien unabhängig gewordene Mexiko umfaßte ein riesiges Territorium, zählte etwas mehr als sechs Millionen Einwohner und seine Hauptstadt war die größte Metropole am gesamten amerikanischen Kontinent. Neu-Spanien war nicht nur eine große, sondern vor allem die reichste spanische Kolonie gewesen, deren Silberexporte jahrhundertelang maßgeblich zum Staatshaushalt in Madrid beigetragen und phasenweise auch erhebliche weltwirtschaftliche Bedeutung erlangt hatten. In Zusammenhang mit dem arbeitskräfteintensiven Minensektor, gesteigertem Stadtwachstum und der Nachfrage des wachsenden Binnen- und Exporthandels war auch die Kommerzialisierung der Landwirtschaft mancher Regionen in den letzten fünfzig Jahren bourbonischer Herrschaft merklich fortgeschritten (Jacobsen/Puhle 1986, Liehr 1989).
Das ziemlich einseitige Interesse Spaniens an der Ausbeutung von Edelmetallen hat naturgemäß jene wirtschaftlichen Aktivitäten gefördert, die dem Silberbergbau direkt oder mittelbar dienten, wodurch die Peripherie Mexiko im Rahmen der globalen hierarchischen Arbeitsteilung in die typische Rolle eines kolonialen Exporteurs von Primärgütern gedrängt wurde. Dies bedeutete allerdings nicht, daß eine binnenmarktorientierte gewerblich-manufakturelle Entwicklung systematisch unterbunden oder durch kostengünstigere iberische bzw. westeuropäische Importwaren blockiert worden wäre. Besonders im Inneren Mexikos hatten sich schon im 17. Jahrhundert die Textilproduktion sowie die Herstellung anderer Gebrauchsartikel - Möbel, Töpfer- und Metallwaren - weit verbreitet. Ein großer Teil der Woll- und allmählich auch Baumwollprodukte wurde zunächst im Raum von Puebla und Mexico, d.h. in Regionen kommerzieller Landwirtschaft, in Betrieben mit etwa 15-20 Webstühlen - den sogenannten "obrajes" - hergestellt. Im 18. Jahrhundert kam es zum einen zur Verlagerung der Schwerpunkte des Textilgewerbes ins nördlichere Bajío, zum anderen eroberten Baumwollerzeugnisse zunehmend die Märkte, wovon insbesondere das traditionelle Textilzentrum Puebla profitierte (Salvucci 1987:63 ff, Gerst 1988:54 ff, Pérez Herrero 1989:317). Inwieweit sich die Entwicklung der spätkolonialen Textilproduktion Mexikos sinnvoll mit dem Konzept der Protoindustrialisierung analysieren läßt, ist heftig umstritten und kann hier nicht weiterverfolgt werden (vgl. Miño Grijalva 1987, ders. 1989 contra Gerst 1988). Es verdient jedoch Beachtung, daß die traditionellen "obrajes" gegen Ende der Kolonialherrschaft kleineren, oft leistungsfähigeren Betrieben Platz machten, die sich offenbar gegenüber den nun verstärkt ins Land strömenden europäischen Erzeugnissen ganz gut behaupteten und dadurch zu den Hauptträgern gewerblich-industrieller Traditionen im unabhängigen Mexiko wurden.
Die Anfänge des selbständig gewordenen Mexiko standen im Zeichen von soziopolitischer Instabilität und außenpolitischer Schwäche - denkbar schwierige Rahmenbedingungen für eine Neuordnung der Wirtschaft, die überdies unter kriegsbedingten Zerstörungen und Stockungen litt. Das Wegfallen der spanischen Oberherrschaft änderte zwar die Position Mexikos in der Weltwirtschaft, doch setzte sich auch nach 1821 vorerst die an Silber- und Agrarexport orientierte Entwicklung fort, da die freihändlerischen Ideen der Handelshäuser und Agrareliten die Wirtschaftspolitik der jungen Republik dominierten. Obwohl parallel zur Ausschaltung Spaniens als kommerzielles Zwischenglied schon in den Jahren 1808 bis 1825 der Vorstoß britischer Kaufleute und britischen Kapitals sowie der Zustrom englischer und nordamerikanischer Importe einsetzte und obwohl die Ökonomie Mexikos weiterhin viele Strukturmerkmale kolonialer Abhängigkeit aufwies, kam es aber, im Unterschied zu Argentinien und anderen südamerikanischen Staaten, zu keinem massiven Integrationsschub in den Weltmarkt. Dies hatte weniger mit gezielten Alternativmaßnahmen gegen die informell-imperialistischen Strategien Englands zu tun, als mit der durch Kriegsschäden, innenpolitische Wirren und außenpolitische Konflikte verursachten langfristigen Stagnation großer Teile des Agrar- und Minensektors. Das anfänglich offen bekundete britische Interesse an einer Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen mit Mexiko, an der Ausbeutung der Bodenschätze und an der Sanierung des desolaten mexikanischen Staatshaushalts erlahmte rasch, als das Engagement im Silberbergbau und die Vergabe von Krediten nicht nur keine Profite abwarf, sondern maßgeblich zur Londoner Börsenkrise des Jahres 1827 beitrug (Dawson 1990:119 ff).
Die Abwendung des englischen Kapitals von Mexiko führte weder zum Rückzug der in Mexiko ansässigen, im Importgeschäft erfolgreichen britischen Kaufleute - schon 1924 machten britische Baumwollprodukte etwa 30 Prozent der über Veracruz eingeführten gewerblich-industriellen Güter aus -, noch bewirkte sie einen radikalen Bruch der Wirtschaftsentwicklung. Sie verlangsamte aber sicherlich die Integration Mexikos in die Weltökonomie, förderte eine stärker binnenwirtschaftliche Orientierung und trug so indirekt zum ersten Industrialisierungsschub in einem lateinamerikanischen Land bei.
Obwohl vieles dafür spricht, daß die Aufnahmefähigkeit des mexikanischen Binnenmarktes für gewerblich-industrielle Erzeugnisse in den ersten Jahrzehnten der Unabhängigkeit infolge der zahlreichen politischen und wirtschaftlichen Probleme stagnierte oder sogar schrumpfte, was zusammen mit den verstärkten britischen Importen den Niedergang des traditionellen Textilgewerbes erklären könnte (Salvucci 1987:137 ff, Pérez Herrero 1992:317 ff), setzte Mitte der dreißiger Jahre eine Phase der Frühindustrialisierung ein. Massive Krisenerscheinungen im Exporthandel sowie die Ernüchterung über die Resultate des von liberalen Kreisen vertretenen Außenhandels legten es einer eben erst an die Macht gekommenen konservativen Regierung nahe, ohne viel Widerstand ein protektionistisches Handelsregime einzurichten. Möglicherweise waren die teilweise widersprüchlichen Maßnahmen der recht brüchigen Regierungskoalition, der auch einige Liberale angehörten, gar kein Programm gezielter Industrieförderung, sondern lediglich pragmatische Reaktionen auf die Depression des Außensektors, aus der Politiker, Händler und Kleininvestoren einen Ausweg suchten. Da der Staat seit den dreißiger Jahren infolge chronischer Geldnot und mangelnder Kreditwürdigkeit im Ausland zunehmend auf die Dienste von im Land lebenden Finanzspekulanten zurückgreifen mußte, verwies die Verhängung strikter Einfuhrbeschränkungen eher auf die Abhängigkeit der Regierung von den kreditfähigen Großhändlern und Rohbaumwollmonopolisten, denen neue Industrien während der Außenhandelsflaute Investitionsmöglichkeiten boten, als auf eine durchdachte nationale Entwicklungsstrategie (Thomson 1985:133 ff, Bernecker 1987:217 ff).
Wie pragmatisch oder visionär die protektionistische Wirtschaftspolitik auch gewesen sein mag: sie förderte jedenfalls die Anfänge einer mexikanischen Industrieentwicklung, die sich vor allem in der Textilbranche sowie ansatzweise im Bereich der Glas-, Porzellan- und Papiererzeugung vollzog. Besonders die Textilproduktion, die zumindest im Raum von Puebla, Mexico und Querétaro auf vergleichsweise ausgeprägten Gewerbe- und Manufakturtraditionen aufbaute, vollzog den Übergang zu moderner Technologie und Fabriksorganisation (Thomson 1989:71 ff). Analog zu Westeuropa und den Vereinigten Staaten stellten die Baumwollfabriken in einer ersten Etappe vorrangig Garne her, wozu aber schon zu Beginn der vierziger Jahre auch die Erzeugung von Geweben trat. In der Mehrzahl der Fabriken wurde Wasserkraft eingesetzt, Dampfmaschinen blieben vorerst die Ausnahme. Die erforderliche Nähe zu hydraulischer Energie und zu aufnahmefähigen Märkten trug wesentlich zur Konzentration der Fabriken an den traditionellen Standorten des Textilgewerbes in Zentralmexiko bei (Haber 1993:662 f).
Die Anstrengungen zum Aufbau einer eigenen Textilindustrie, wozu auch die Gründung einer Art früher Entwicklungsbank (Potash 1983, Villarreal 1988:269 f) sowie die Einrichtung der "Dirección General de Industrias" zählte, verliefen insofern erfolgreich, als sie Mexiko vor der Jahrhundertmitte die modernste, leistungsfähigste Industrie in Lateinamerika bescherten. Sie zeigen auch, daß die ins Land gekommenen ausländischen Handelshäuser unter erfolgversprechenden Rahmenbedingungen ihr anlagesuchendes, im Import-Export-Geschäft freigewordenes Kapital sogar noch lieber in Industriegründungen investierten, als es wechselnden Regierungen zu kreditieren. Durchschlagende, dauerhafte Erfolge für eine autonomere Wirtschaftsentwicklung Mexikos, d.h. die Anfänge einer mittelfristig in selbsttragendes Wachstum überleitenden Industriellen Revolution ließen sich auf diese Weise allerdings nicht erzielen, da der Binnenmarkt infolge des Fortbestehens der traditionellen sozioökonomischen Strukturen noch viel zuwenige Industriegüter nachfragte und überdies nur unzulänglich integriert war und da weder Regierung noch Eliten über ein brauchbares wirtschaftspolitisches Konzept verfügten. Letzteres führte infolge der gravierenden Auffassungsunterschiede zwischen den einzelnen Interessensgruppen zu widersprüchlichen Zielvorgaben: man wollte industrialisieren und dennoch die Agrarstrukturen im Sinne der Erhaltung des Status Quo nicht antasten, man wollte trotz Protektionismus die Außenorientierung nicht aufgeben, usw. Es überrascht daher nicht, daß sich das Industriewachstum schon in den vierziger Jahren wieder abschwächte.
Als sich um die Jahrhundertmitte neue Anlagemöglichkeiten im Bergbau und in den exportorientierten Teilen der Landwirtschaft eröffneten, verlor der Protektionismus rasch den Großteil seiner bisherigen Befürworter. Unfähig, das erforderliche Investitionskapital selbst aufzubringen, fiel die Industrie im Rahmen der mexikanischen Ökonomie gegenüber dem Exportsektor wieder an die zweite Stelle zurück. Die Flaute unternehmerischer Aktivitäten von etwa 1845 bis 1880, die sich in der geringen Zahl von Fabriksgründungen, in technologischer Stagnation und in niedrigen Profitraten niederschlug, war ein klarer Beleg, daß der erste Industrialisierungsschub unter den bestehenden Gesellschafts- und Marktstrukturen an seine Grenzen gestoßen war.
In Summe hatte die Einführung moderner Fabriksstrukturen und Technologien in einigen Regionen und Branchen keinen Schlüssel zu größerer wirtschaftlicher Autonomie und dauerhaftem Wachstum geboten. Naturräumliche Hindernisse für die Ausformung eines integrierten Binnenmarktes und regelmäßige Rohstoffversorgung, die unzulänglich entwickelte Kaufkraft der Bevölkerungsmehrheit, die abhängige Position Mexikos in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen und vor allem der geringe Stellenwert des industriellen Sektors innerhalb der Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung des Landes hatten den Industrialisierungsprozeß seiner Diversifikationskapazität und schließlich auch seiner Dynamik beraubt (Thomson 1985:142).
Diese ziemlich negative Bilanz sollte allerdings nicht den Blick für Wandel und begrenzte Fortschritte verstellen. Denn obwohl die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts auch im Bereich der gewerblich-industriellen Produktion ein hohes Maß an Kontinuitäten aufwies, gab es 1850 doch gegenüber 1800 bemerkenswerte Veränderungen: "Modern industrial technology had transformed certain industries - cotton and wool spinning, wool weaving - and had brought industrial processes hitherto absent from Mexico; the manufacture of paper, the smelting of iron in high furnaces for making machinery, the rolling of sheet glass, the printing and bleaching of cloth through chemical processes and the manufacture and decoration of porcelain. Certain industries were in decline: hand spinning, 'obraje' woollen manufacture ... Industry, modern and traditional, now existed in areas where, before 1810, it was scarcely known." (Thomson 1989:83)
Brachte das politisch bewegte dritte Viertel des Jahrhunderts - liberale Reform, französische Intervention, Restauration der Republik - auch keine nennenswerten Industrialisierungsfortschritte hinsichtlich Technologie, Betriebsorganisation, Produktivität und Diversifikation, so erlebten einige wenige Branchen doch ein deutliches Produktionswachstum. Die Textilerzeugung beispielsweise verdoppelte sich zwischen 1854 und 1877, was sich im wesentlichen aus der noch stärkeren Vermehrung der Fabriken erklärt. Interessanterweise sank die Durchschnittsgröße der Textilbetriebe in dieser Zeit sogar und die in den benachbarten Vereinigten Staaten um 1860 schon rasch voranschreitende Mechanisierung ließ in Mexiko noch gut dreißig Jahre auf sich warten (Hansen 1988:22, Haber 1993:663 f).

Vom Porfiriat zum postrevolutionären Mexiko

Ungeachtet der geringen Industrialisierungsfortschritte setzte in Mexiko wie im Großteil Lateinamerikas in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Übergang von einer Phase relativer wirtschaftlicher Stagnation im Anschluß an die Unabhängigkeitskriege zu einer Periode exportorientierten Wachstums (etwa 1880-1930) ein. Nach dem Sieg über Franzosen, Kaiser Maximilian und die mit ihnen verbündeten Konservativen, setzten die "Liberalen" voll auf Primärgüterexporte und Zusammenarbeit mit dem Auslandskapital, das Mexiko erneut als interessantes Betätigungsfeld entdeckte. Im Zuge dieser Entwicklung wurde das Verhältnis zu den metropolitanen Ökonomien neu definiert, erste, auf Lateinamerika spezialisierte britische Banken nahmen ihre Tätigkeit in der Hauptstadt auf, und ausländisches, vorwiegend amerikanisches und englisches Kapital ermöglichte einen spektakulären Eisenbahnboom (Coatsworth 1981).
Die vergleichsweise hohe politische Stabilität während der Regierungszeit des Diktators Porfirio Díaz, der von 1876 bis zum Ausbruch der Revolution 1910/1911 fast ununterbrochen herrschte, förderte den Zufluß ausländischer Kreditgelder und Direktinvestitionen, was erheblich zur Verbesserung der Infrastruktur, zur steigenden Integration Mexikos in den Weltmarkt und zum Aufbau eines nationalen Finanzsektors beitrug. Damit waren die Voraussetzungen für das sogenannte "Wirtschaftswachstum nach außen" geschaffen, das sich im wesentlichen auf den Export von Silber, Kupfer, landwirtschaftlichen Rohstoffen (Sisal, Gummi) sowie zunehmend Erdöl stützte und im starken Aufschwung des Bergbausektors zum Ausdruck kam. Die moderne Edelmetall- und Erdölförderung des Porfiriats lag - im Gegensatz zu den traditionellen Silberminen - fast ausschließlich in der Hand ausländischer Unternehmer, wobei die Bergbaubetriebe von amerikanischem, die Erdölproduktion zunehmend auch von englischem Kapital dominiert wurde (Tobler 1984:51 f, Velasco Avila u.a. 1988:359 ff).
Während sich die Exporte in den Jahrzehnten des Porfiriats versechsfachten und auch die zunehmend aus Kapitalgütern, Halbfabrikaten sowie Rohstoffen bestehenden Importe auf das Dreifache stiegen, konnte sich die verarbeitende Industrie weniger rasch weiterentwickeln. Als Hauptursache für die großen Wachstumsunterschiede wird in fast allen Standardinterpretationen auf die enormen Disparitäten und das hohe Maß externer Abhängigkeit der mexikanischen Ökonomie, die wirtschaftspolitisch eher verstärkt als gehemmt worden sein sollen, verwiesen. In der historischen Realität gestalteten sich die Dinge freilich etwas komplizierter und möglicherweise sogar etwas positiver als meist angenommen.
Hinsichtlich der Schwierigkeiten und Grenzen des Industrialisierungsprozesses herrscht weitgehend Übereinstimmung (vgl. etwa Tobler 1984:52 ff und Villarreal 1988:276 ff). Neben dem Verweis auf den als Ergebnis des Eisenbahnbaus zwar besser integrierten, wegen der traditionellen Sozialstrukturen des Landes aber wenig aufnahmefähigen Binnenmarkt wird insbesondere betont, daß sich eine industrielle Unternehmerklasse nur sehr zögerlich entwickelte und daß sich das ausländische Kapital mit Investitionen in den Industriesektor eher zurückhielt. Obwohl seit dem Greifen der liberalen Reformen der siebziger Jahre die Kapitalakkumulation durch mexikanische Eliten erheblich zugenommen hatte, übten Großgrundbesitz und Handel weiterhin eine so starke Anziehungskraft aus, daß nur wenig Geld in den Industriesektor floß. Die wenigen Industriebetriebe, die von Mitgliedern der heimischen Agrar- und Handelseliten finanziert wurden, verarbeiteten vorrangig landwirtschaftliche Rohstoffe wie Baumwolle, Zucker oder Tabak und wiesen oft noch verlagsähnliche Strukturen auf. Die moderne Fabrikindustrie war nicht selten das Werk ausländischer Unternehmer, die sich erfolgreich im mexikanischen Handel und später im Bankgeschäft etabliert hatten, bevor sie einen Teil ihres Kapitals in der verarbeitenden Industrie investierten. Diese Abfolge war insofern bezeichnend, als im Lande zwar kein grundsätzlicher Kapitalmangel herrschte, Gründung und Unterhalt von größeren Fabrikanlagen wegen des Fehlens eines leistungsfähigen nationalen Banksystems und Kapitalmarktes aber leicht in Finanzierungsprobleme geriet. Wenn es nicht gelang, Auslandskredite zu mobilisieren, war man in hohem Maß auf Eigenkapital angewiesen. Dies war sowohl bei den Unternehmern französischer Herkunft der Fall, welche die moderne Baumwollindustrie aufbauten als auch bei den oft aus Spanien stammenden Besitzern mittlerer und kleiner Industriebetriebe verschiedener Branchen (Haber 1993:667 ff).
Obwohl sich zu den aufgezählten Schwierigkeiten noch das Fehlen externer Märkte, auf denen mexikanische Industrieprodukte konkurrenzfähig gewesen wären, die im internationalen Maßstab geringe Arbeitsproduktivität, eine zugunsten des Exportsektors überbewertete Währung und ein überaus geringer Grad interner Konkurrenz gesellten (Pérez Herrero 1992:322), erlebte die mexikanische Industrie im ausgehenden 19. Jahrhundert durch Ausschöpfung der Import-Substitutionseffekte bei einfachen Konsumgütern und Vorprodukten einen beachtlichen Aufschwung sowie eine gewisse Diversifizierung. Neben der weiterhin dominierenden Textilbranche (Keremitsis 1987), die eine merkliche Zunahme von kontinuierlich größer und produktiver werdenden Fabriken aufwies, sowie der ebenfalls schon relativ gut etablierten Lebensmittel- und Tabakindustrie, gab es auch im Bereich der Glas-, Zement- und Eisenwarenproduktion Fortschritte. Abgesehen von einem einzigen Stahlwerk kam es im Rahmen der mexikanischen Industrialisierung während des Porfiriats aber weder zum Aufbau einer die Bedürfnisse des Landes deckenden Schwer- und Grundstoffindustrie noch zur Gründung von spezialisierten, technologisch und organisatorisch anspruchsvollen metallverarbeitenden Betrieben.
Obwohl sich die Industrieproduktion von 1880 bis 1910 nahezu verdoppelt haben dürfte und im Jahrzehnt vor der Revolution sogar Wachstumsraten von 3,6% erreichte, die durchschnittlich leicht über den 2,8% des Zeitraums zwischen 1877/78 und 1900/01 lagen, schwand die anfängliche Dynamik der meisten Industriezweige seit der Jahrhundertwende, nachdem die Effekte der Importsubstitution erschöpft waren und eine Ausweitung des Binnenmarktes für Konsumgüter durch neue Käuferschichten infolge des Fortbestehens der extrem ungleichen Einkommensverteilung ausblieb. Dazu trug auch die Einführung verhältnismäßig kapitalintensiver, dem nationalen Industrialisierungsniveau wenig angemessener Technologien bei, die nicht nur eine enorme Unterauslastung der großen Fabriken bewirkten und in manchen Branchen eine zunehmende Unternehmenskonzentration, verbunden mit der Monopolisierung ganzer Teilmärkte, förderten, sondern auch die Nachfrage nach Arbeitskräften empfindlich einschränkten (Tobler 1984:54, Haber 1989:27 ff, 191 ff).
Der in Summe doch eher negative Befund, der bisweilen noch durch den Verweis auf eine von Anfang an bestehende "strukturelle Ineffizienz" der mexikanischen Industrieproduktion abgerundet wird, die als Konsequenz massive protektionistische Maßnahmen des Staates im Dienste unternehmerischer Einzelinteressen ausgelöst hätte (Villarreal 1988:277), sollte aber nicht dazu verleiten, den Industrialisierungsschub des Porfiriats als in jeder Hinsicht fehlgeschlagen oder gar als langfristig eher folgenlos zu interpretieren. In einer Bilanz des Industrialisierungsverlaufs bis 1940 wird noch zu zeigen sein, daß das vorrevolutionäre Industriewachstum Mexikos durchaus auch positive Folgen für die Wirtschaftsentwicklung im 20. Jahrhundert zeitigte. Zunächst sollte aber zumindest klargestellt sein, daß die mexikanische Regierung schon im Porfiriat einen entschiedenen, wenn auch nicht widerspruchsfreien Anlauf zu importsubstituierender Industrialisierung genommen hatte, der sich mit der ausgeprägten Exportorientierung des Agrar- und Minensektors immerhin so gut vertrug, daß viele der großen Zement-, Glas-, Papier- und Stahlfabriken der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg schon vor der Jahrhundertwende gegründet wurden, daß man im Bereich der Baumwollproduktion die meisten der um 1950 eingesetzten Maschinen schon vor 1910 installiert hatte und daß die bereits vor Ausbruch der Revolution marktbeherrschenden Bierbrauereien bis heute den Ton angeben (Haber 1993:657).
Die Revolutionskriege zwischen 1910 und 1920, die phasenweise mit großer Härte geführt wurden und zu einem Bevölkerungsrückgang von 15,2 auf 14,8 Millionen führten, haben die Wirtschaftsentwicklung am ehesten in den Nordprovinzen sowie im südlichen Zentralraum negativ beeinflußt. Bergbau, Baumwollproduktion, Rinderzucht und Zuckeranbau, aber auch die Geschäftstätigkeit der Eisenbahnen erlitten in diesen Regionen teilweise empfindliche Einbußen. Das Währungs- und Banksystem verlor an Leistungsvermögen und örtlich begann auch die noch in den Anfängen steckende Industrie zu stagnieren. Viele Industriebetriebe blieben aber ebenso wie das Gewerbe von den Revolutionswirren nahezu unberührt. Die von den Kämpfen weitgehend abgeschirmte Erdöl- und Sisalproduktion nahm seit Ausbruch des Ersten Weltkriegs sogar stark zu. Die Folgen der Revolution auf die Wirtschaftsentwicklung hielten sich, entgegen einer weitverbreiteten Meinung, in überraschend engen Grenzen (vgl. Womack 1987:10 ff).
In gewisser Hinsicht bewirkte die Revolution in bezug auf die mexikanische Industrie das genaue Gegenteil von dem, was viele Zeitgenossen und später auch Wissenschaftler angenommen haben: "Most of Mexico's manufacturing plant emerged intact from fighting; it was not destroyed. Mexico's industrial barons did not permanently abandon the nation... If Mexican industry during the Porfiriato was characterized by large, vertically integrated monopolies and oligopolies that relied on government protection to make up for structural inefficiencies, these characteristics were even more evident in the years following the Revolution." (Haber 1989:124)
Obwohl die Industrieentwicklung nach Beendigung der Kämpfe widersprüchlich verlief, gibt es Anzeichen dafür, daß in mehreren Branchen bis weit in die zwanziger Jahre hinein sogar höhere Profite anfielen als während des Porfiriats. Da viele Unternehmer den siegreichen Revolutionseliten zunächst skeptisch gegenüberstanden und wahrscheinlich um den Fortbestand ihres politischen Einflusses fürchteten, dürfte das Jahrzehnt nach der Revolution eine Phase massiver Kapitalflucht gewesen sein, was die auffällig geringe Reinvestitionsquote erklären könnte. Das im Industriesektor investierte Kapital kam dessenungeachtet weiterhin in beträchtlichem Maß von den schon vor 1910 erfolgreichen französischen, spanischen und mexikanischen Unternehmerfamilien. In einigen Wachstumsbranchen, wie der Zementerzeugung, begann zusätzliches amerikanisches Kapital in größerem Umfang zuzufließen. In der wenig innovativen Textil- und Nahrungsmittelherstellung, auf die zusammen gut die Hälfte der Industrieproduktion entfiel, erlangten amerikanische Investitionen nur marginale, im Elektro- und Metallbereich dagegen eine nicht unwesentliche Bedeutung. Das ausländische Engagement bezog sich fast ausnahmslos auf den eigentlichen Fabrikssektor, der gut die Hälfte der im gewerblich-industriellen Bereich tätigen 530.000 Arbeiter beschäftigt haben dürfte (Haber 1989:143 f, Keesing 1969:724).
Das relativ geringe Maß an Kriegsschäden ließ in vielen Industriesparten schon 1922 erste Anzeichen für eine Konjunkturbelebung zu. Die vorrevolutionäre Produktionsspitze wurde aber dennoch erst drei Jahre später überboten. Generell dürfte sich das Wachstum schon vor der Weltwirtschaftskrise wieder verlangsamt haben. Zum Beispiel geriet die technologisch veraltende Textilindustrie schon ab 1926 neuerlich in große Schwierigkeiten. Bezogen auf das Jahr 1910 kam es bis 1929 aber dennoch zu einem Wachstum der gesamten Industrieproduktion um - je nach Berechnung - 30 bis 50 %, sodaß diese am Vorabend der Depression zwischen 15 und 18 % zum Bruttoinlandsprodukt beitrug (Cárdenas 1987:194 ff, Villarreal 1988:289 f).
Die Dynamik des auf den Binnenmarkt beschränkten gewerblich industriellen Sektors blieb freilich viel zu gering, um die Dominanz der exportorientierten Zweige der mexikanischen Ökonomie in Frage zu stellen. Wenngleich sich die Ausfuhren viel stärker als früher auf die Vereinigten Staaten konzentrierten, liegt es insgesamt nahe, die Strukturähnlichkeiten und Entwicklungskontinuitäten der nachrevolutionären und der porfiristischen mexikanischen Wirtschaft stärker zu betonen als die Brüche.

Weltwirtschaftskrise und importsubstituierende Industrialisierung

Die sektoral und regional sehr unterschiedlichen Wachstumserfolge der mexikanischen Industrie in den zwanziger Jahren erwiesen sich als instabil und kurzlebig. Spätestens 1927/28 zeigten nahezu alle Branchen Krisensymptome, bevor die durch den Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems und die Kontraktion der globalen Primärgütermärkte ausgelöste Weltwirtschaftskrise ab 1929/30 Mexiko in vollem Ausmaß traf. Im Gefolge von mengen- und wertmäßig radikal schrumpfenden Exporten, enormen Handels- und Zahlungsbilanzproblemen sowie sinkenden Staatsausgaben und verknapptem Geldangebot wurde auch die Industrie von einer schweren Rezession erfaßt. Während die Textil- und die sonstige Konsumgüterindustrie allerdings mehrere Jahre lang enorm unter der Krise litten, wurde die Zwischengüterproduktion - Zement, Stahl, etc. - viel weniger getroffen und begann sich überdies, nach Revision der anfänglich krisenverstärkenden staatlichen Wirtschaftspolitik, wieder rasch zu erholen (Cárdenas 1987:28 ff, Haber 1989:150 ff).
Die Folgen der Weltwirtschaftskrise waren auch in Mexiko, wie in nahezu allen Peripherieländern, intensiv und weitreichend. Sie wurden aber analog zu einigen anderen lateinamerikanischen Staaten viel rascher überwunden als in den Industriemetropolen. Nach einem Tiefpunkt im Jahr 1932 gab es wenig später in den meisten Sektoren klare Anzeichen für einen Konjunkturanstieg und 1934 war zumindest das Niveau von 1929 wieder erreicht. Zum einen hing die zügige wirtschaftliche Erholung wesentlich mit der relativ unelastischen Nachfrage nach Silber und Erdöl am Weltmarkt zusammen, die bereits am Höhepunkt der internationalen Krise eine Wiederbelebung des entsprechenden Handels und eine Erholung des Preisniveaus bewirkte. Im Vergleich mit den Kupfer- und Kaffeeländern Chile, Brasilien und Kolumbien, deren Ausfuhrgeschäft trotz massiver Währungsabwertungen viel länger stagnierte, hatte Mexiko einfach Glück in der Exportlotterie. Zum anderen trug auch ein Bündel wirtschaftspolitischer Maßnahmen zur Krisenbewältigung bei. Obwohl die sehr pragmatische staatliche Wirtschaftspolitik in der kritischen Phase überaus orthodox, teilweise widersprüchlich und anfänglich sogar krisenverstärkend ausfiel, zeitigte sie nach einem Kurswechsel der Finanzbehörden - Aufgabe des Goldstandards, Peso-Abwertung, Steigerung des Geldumlaufs, Budgetdefizite im Dienste von Arbeitsbeschaffung und Infrastrukturmaßnahmen - für die meisten Sparten der Nationalökonomie und ganz besonders für die Industrie erhebliche Vorteile, die freilich überwiegend den Mittel- und Oberschichten zugute kamen (Cárdenas 1987:47 ff).
Gemessen an den übrigen Zweigen der mexikanischen Wirtschaft entwickelte sich die verarbeitende Industrie nach Überwindung der Krise bemerkenswert gut. Die gesamte gewerblich-industrielle Produktion erzielte zwischen 1932 und 1940 Wachstumsraten von vier bis sechs Prozent, verzeichnete spürbare Produktivitätsfortschritte und trug zum gesamten Wirtschaftswachstum nahezu 40 % bei, obwohl der Anteil am Bruttoinlandsprodukt noch knapp unter einem Fünftel geblieben sein dürfte. Ungeachtet des Wiederaufschwungs der meisten traditionellen Exportbranchen wandelte sich die Industrie allmählich zum zentralen Wachstumsmotor der mexikanischen Nationalökonomie.
Vor dem Hintergrund recht schwieriger interner und internationaler Rahmenbedingungen kommt dieser Erfolg etwas überraschend. Er läßt sich durch die Modifikationen der staatlichen Wirtschaftspolitik auch nicht zulänglich erklären. Stark vereinfacht ermöglichten vor allem steigende Profitaussichten, die zunehmende interne Nachfrage sowie ein massiver Ressourcentransfer aus der Landwirtschaft den Großteil der Industrialisierungsfortschritte. Letzteres wurde durch eine Verschiebung der innermexikanischen Terms of Trade sowie vermutlich auch durch Kapitalflucht aus Teilen der kommerziellen Landwirtschaft infolge der nun konsequenter betriebenen Agrarreform bewirkt. Von vielleicht noch größerer Bedeutung war die Veränderung des Preisverhältnisses zwischen importierten und nationalen Industrieprodukten. Die Preise der eingeführten Güter stiegen infolge der erhöhten Zölle - die aus rein budgetären Gründen eingeführt worden waren, in der Folge aber im Sinne einer gezielten Protektionspolitik wirkten - ganz erheblich, was heimischen Waren trotz unterlegener Qualität und geringerer technischer Effizienz bei der Herstellung Wettbewerbsvorteile eintrug. Schließlich schuf auch die allmähliche Umorientierung des Massenkonsums auf die nationalen Industrieerzeugnisse die Basis für einen sich verstärkenden Prozeß importsubstituierender Industrialisierung. Nach den vorliegenden Daten dürften bis 1940 etwa 40 % des Industriewachstums dadurch zustandegekommen sein, daß man importierte durch heimische Waren ersetzte, was der Entwicklung in Brasilien entsprechen würde.
Die während der Krisenjahre stark schrumpfende Importquote hatte in Mexiko wie in Brasilien und Argentinien einigen Freiraum für nationale Produkte und Fabriken geschaffen. Da die den Wiederaufschwung anführenden Schlüsselprodukte wie Zement, Stahl oder Elektrizität erzeugenden Betriebe seit den zwanziger Jahren - teilweise schon viel länger - über große Überkapazitäten verfügten, die sich bei anspringender Konjunktur sofort abrufen ließen, ermöglichte die Zwischengüterindustrie einerseits umfangreiche Regierungsmaßnahmen zur Förderung der ökonomischen Infrastruktur (Errichtung von Straßen, Dämmen, etc.), profitierte andererseits aber von diesen Programmen in solchem Maß, daß sie zu einem Leitsektor des Wirtschaftswachstums wurde. Etwas langsamer und ungleichmäßiger verlief die Wiederbelebung der Konsumgüterindustrie. Während beispielsweise die großen Brauereien des Landes den Bierausstoß von 1932 bis 1940 vervierfachten, bewegte sich die Textilbranche nur zögerlich in Richtung Wachstum und Profit. Neben den vielen neugegründeten Kleinbetrieben, die bemerkenswerte Anfangserfolge verbuchten, fiel es einigen der noch aus dem Porfiriat stammenden großen Firmen schwer, die neuen Chancen des Binnenmarktes gewinnbringend zu nutzen (Cárdenas 1987:111 ff, Haber 1989:171 ff).
Die generell günstigen Profitmöglichkeiten im Industriesektor, die sich unter anderem aus der veränderten Position Mexikos in der Weltwirtschaft und aus der relativen Verbilligung von Rohstoffen und Arbeitskraft gegenüber dem Preis der Endprodukte ergaben, förderten zusammen mit dem individuellen Ressourcentransfer aus dem Agrarsektor eine beschleunigte Kapitalakkumulation, und somit eine wichtige Voraussetzung für ein im Vergleich zu früher konsequenteres Industrialisierungsprogramm. Ein solches ließ aber vorerst noch einige Jahre auf sich warten, obwohl die Regierung im Verlauf der Krisenjahre folgenreiche neue Kompetenzen für politische Eingriffe in die Gesamtökonomie erworben hatte.
Erst unter der Regierung Cárdenas (1934-1940) vollzog sich ein entsprechender Wandel im Rahmen eines umfassenden soziopolitischen und ökonomischen Reformprogrammes, das insbesondere durch die von den Kritikern als "antikapitalistisch" angeprangerte umfangreiche Agrarreform und die Nationalisierung der Erdölproduktion berühmt geworden ist, daneben aber auch die Grundstruktur eines starken korporatistischen Staates schuf, eine gezielte antizyklische Wirtschaftspolitik inaugurierte und das im Regierungsprogramm wenig beachtete Industriewachstum keineswegs vernachlässigte: Infrastrukturmaßnahmen, ein funktionierendes Banksystem, billige Nahrungsmittel für die Industriearbeiterschaft sowie wachsende Kaufkraft sollten die durch Zölle unterstützte Industrieproduktion fördern (Hamilton 1983, weiters Knight 1985 contra Cothran 1986).
Wie wenig antikapitalistisch die linkspopulistische Reformpolitik von Cárdenas war, zeigt sich an den wachsenden Profiten und am steigenden Investitionsvolumen in fast allen Industriesparten. Beides hatte nur begrenzt mit dem Entstehen einer einheimischen industriellen Elite der kleinen und mittleren Unternehmer, die mittels rudimentärer Technologien arbeitsintensiv Konsumgüter produzierten, zu tun - falls die Regierung Cárdenas je eine entsprechende Entwicklung wirtschaftspolitisch fördern wollte, so scheiterte sie in diesem Punkt. Sie signalisierten viel eher die erste massive Reinvestitionswelle von etablierten Großfirmen seit dem Porfiriat sowie die Neugründung zahlreicher relativ kleiner Betriebe in einigen Bereichen der Konsumgüterproduktion. Spielten in der ersten Firmengruppe weiterhin die bekannten Ausländerfamilien bzw. Kapitalverflechtungen mit Europa und den Vereinigten Staaten eine erhebliche Rolle, so standen hinter den neuen Klein- und Mittelbetrieben nur relativ selten Mexikaner, recht häufig dagegen osteuropäische Juden, libanesische Maroniten oder Syrer, die in den zwanziger Jahren ins Land gekommen waren und als Kleinhändler einen bescheidenen Kapitalstock erwirtschaftet hatten. Ihr Erfolg läßt sich wohl kaum als Resultat eines konsequenten nationalen Industrialisierungsprogrammes deuten. Er verweist aber auf die vergleichsweise günstigen Voraussetzungen, die sich in Mexiko für gewerblich-industrielle Investitionen nach Überwindung der Weltwirtschaftskrise ergaben und macht klar, daß die Wirtschaftspolitik des Agrarreformers und "Verstaatlichers" Cárdenas die Aktivitäten privater Unternehmer sicherlich mehr förderte und belohnte als bremste (Villarreal 1988:300 ff, Haber 1989:182 ff).


Stärken und Schwächen der frühen Industrialisierung

Die Fortschritte der Industrieproduktion in den dreißiger Jahren sowie das parallel entstehende wirtschaftspolitische Instrumentarium verdienen als Vorstufen für das beschleunigte Wirtschafts- und Industriewachstum Mexikos ab 1940 größte Beachtung, rechtfertigen allerdings kaum, die Weltwirtschaftskrise einseitig als radikalen Bruch zu interpretieren, der die Ablösung des exportorientierten Entwicklungsmodells durch ein Programm importsubstituierender Industrialisierung nach sich zog. Neben den zweifellos folgenreichen Neuansätzen verdienen gerade hinsichtlich des Industrialisierungsverlaufs auch die unübersehbaren Kontinuitäten Aufmerksamkeit. Diese verweisen einerseits darauf, welch weiten Weg Mexikos Industrialisierung im Jahr 1940 bereits zurückgelegt hatte und auf welche Vorleistungen ein weiterer Prozeß industrieller Modernisierung zurückgreifen konnte. Sie machen aber auch klar, unter wievielen Strukturproblemen, Marktengpässen und Abhängigkeiten der Industriesektor schon seit mindestens einem halben Jahrhundert relativ unverändert litt, von deren völliger oder teilweiser Überwindung künftige Erfolge in diesem Wirtschaftsbereich maßgeblich abhängen mußten.
Die Schwächen, die Mexikos Industrie seit einem ersten Investitionsschub im Porfiriat aufwies und auch in der neuerlichen Wachstumsphase nach der Weltwirtschaftskrise nicht zu überwinden vermochte, betrafen vor allem drei Bereiche. Zum ersten basierte der Aufbau einer verarbeitenden Fabriksindustrie in vielen Branchen von Anfang an auf durchwegs importierten kapitalintensiven Technologien, die ein hohes Maß an horizontaler und vertikaler Integration förderten, einen prekären Grad an Auslandsabhängigkeit nach sich zogen, relativ wenige Arbeitsplätze schufen und somit vergleichsweise wenig zur Steigerung der Massenkaufkraft beitrugen. Zweitens vermochten die Unternehmer infolge ihres politischen Einflusses auf die Risken des engen Binnenmarktes und auf die Konkurrenzunfähigkeit auf äußeren Märkten mit der Bildung von Monopolen und Oligopolen zu rEIAieren. Die schwach entwickelte Konkurrenz innerhalb der mexikanischen Industrie war nicht Zeichen einer die üblichen Konzentrationsprozesse durchlaufenden reifen Wirtschaft, sondern typisch für die abhängige Ökonomie eines armen Landes. Drittens setzte die Industrialisierung kein selbsttragendes Wirtschaftswachstum in Gang. Investitions- und Expansionsschübe erforderten jeweils staatliche Finanzhilfen und Zollprotektion oder die kriegs- bzw. krisenbedingte Reduktion der Einfuhren aus den Industriestaaten (Haber 1989:191 ff).
Die Strukturmängel der mexikanischen Industrialisierung erwuchsen naturgemäß aus vielen Faktoren, hingen aber durchwegs auch mit dem - abgesehen von einigen Exportenklaven - geringen Kommerzialisierungsgrad der Landwirtschaft, der daraus resultierenden Enge des Binnenmarktes sowie mit der, durch die Revolution keineswegs beendeten, politischen Stärke der traditionellen Agrareliten zusammen (Pérez Herrero 1992:332 ff). Sie waren sicherlich nicht unüberwindlich, stellten unter den gegebenen weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen aber eine erhebliche Hypothek für die Zukunft dar, da sich die schon im Porfiriat ausgeformten Grundmuster der Industrieorganisation und Unternehmenskultur als zählebig erwiesen: "Manufacturers did not strive to streamline production methods... Rather, the strategy of firms was to structure the market or manipulate the state so as to preclude competition, either from other domestic manufacturers or from imports... Because Mexico's merchant-financier elite was interested in modernizing the state and the economy only to the degree that they themselves could still maintain control, they sidetracked the industrialization process. Mexico's governments, whether pre- or postrevolutionary, basically went along with this because they needed the nation's industrialists as much as the industrialists needed the state." (Haber 1989:198)
Die ersten Etappen der Industrialisierung sollten aber trotz der unübersehbaren Schwächen und Probleme nicht als eine Serie von Mißerfolgen und Rückschlägen gesehen werden. Wenn man indigene Industrialisierung in Übereinstimmung mit den einleitenden Aufsätzen des vorliegenden Sammelbandes als Ergebnis eines generationenlangen ökonomischen und gesellschaftlichen Wandlungsprozesses begreift, der sich durch wirtschaftspolitische Strategien nur unterstützen und beschleunigen nicht aber überspringen läßt, dann liegen die positiven Seiten der Industrieentwicklung seit dem 19. Jahrhundert auf der Hand. Diese bestanden im wesentlichen in der allmählich gewachsenen soliden Basis an Fabriksanlagen, Werkstätten und Maschinen, weiters im Vorhandensein einer qualifizierten gewerblich-industriellen Lohnarbeiterschaft und schließlich in zumindest rudimentär entwickelten Finanzierungs- und Vertriebsmechanismen. Ohne diese Voraussetzungen wäre die kriegsbedingte rasante Produktionssteigerung ab 1940 schon wegen unüberwindlicher Schwierigkeiten bei der Beschaffung der notwendigen Kapitalgüter sicherlich ausgeblieben (Haber 1989:197 f).


Epilog: Mexikanisches Wunder, Schuldenkrise und neoliberale Reform

Die Schübe nachholender Industrialisierung, die Mexiko im Porfirat und im Anschluß an die Weltwirtschaftskrise erfuhr, schufen offensichtlich ausreichende Voraussetzungen für ein spektakuläres Industriewachstum sowie fundamentale Transformationsprozesse der Gesamtwirtschaft in den Jahren 1940-1970. Die unbestreitbaren Erfolge, die sich in jährlichen Wachstumsraten von über sechs Prozent niederschlugen und den Beitrag des Industriesektors zum insgesamt stark expandierenden Bruttoinlandsprodukt eindrucksvoll ansteigen ließen, wurden vielleicht etwas voreilig mit dem Etikett "milagro mexicano" versehen, gar nicht selten als Vorbild für andere sogenannte Entwicklungsländer angepriesen und des öfteren in sozialwissenschaftlichen Studien einseitig positiv interpretiert. Die inzwischen zahlreich vorliegenden, um Ausgewogenheit bemühten Analysen (etwa Levy/Székely 1983:125 ff, Stamm 1992:59 ff) gelangten dagegen zu einer eher nüchternen Einschätzung, die in aller Regel die Bewertung der vierziger Jahre als radikalen Entwicklungsbruch ebenso relativiert wie die anfänglich oft erstaunlich unkritischen, später jedoch ungerechtfertigt negativen Darstellungen des auf Importsubstitution setzenden Industrialisierungsprogramms.
Das sogenannte mexikanische Wunder, dessen Beginn im Zeichen einer durch den Zweiten Weltkrieg völlig veränderten Import-Export-Situation sowie des Regierungswechsels von 1940 stand, war vor allem ein Industrialisierungs- und weniger ein allgemeiner Modernisierungsschub. Mexiko gelang bis in die sechziger Jahre zwar endgültig der Aufstieg in die Gruppe der sich modernisierenden Länder, doch steckten hinter den eindrucksvollen Wachstumsraten folgenreiche strukturelle Probleme und ungleichgewichtige Entwicklungen. Die trotz der rasanten Bevölkerungszunahme jährliche Steigerung des Bruttoinlandsprodukts wurde maßgeblich von der oftmals mit ausländischem Kapital finanzierten verarbeitenden, privaten und staatlichen Industrie getragen. Die landwirtschaftliche Exportproduktion, die von der geänderten staatlichen Agrarpolitik profitierte - nach Cárdenas trat die Landverteilung zugunsten von Förderungsmaßnahmen für ausfuhrorientierte Großbetriebe in den Hintergrund -, expandierte zwar ebenfalls, vermochte aber das wachsende Handelsbilanzdefizit Mexikos nicht aufzufangen.
Im Zentrum der Entwicklungsstrategie der Nachkriegszeit stand weiterhin die auf den Binnenmarkt ausgerichtete importsubstituierende Industrialisierung, die inzwischen als das von internationalen Behörden empfohlene Kernstück nachholender Entwicklung galt. Bis zum Ende der fünfziger Jahre ging es hauptsächlich um die "leichte" Substitution einfacher Konsumgüter. Die Dynamik der entsprechenden Branchen trug rund zwei Drittel der zusätzlichen Wertschöpfung industrieller Produktion bei. Daneben verzeichneten auch die Stahl-, metallverarbeitende und chemische Industrie beachtliche Zuwächse. Während einer zweiten Phase wurde dann der wesentlich schwierigere Versuch unternommen, auch langlebige Konsumgüter, Zwischengüter sowie vereinzelt Kapitalgüter zu substituieren. Dies gelang beispielsweise bei elektronischen Erzeugnissen und Metallwaren sowie in der Produktion bzw. Montage von Autos mit begrenztem Erfolg. Die Verlangsamung des Wachstums verwies aber immer deutlicher darauf, daß die traditionellen Schwächen von Industrie und Gesamtökonomie keineswegs überwunden waren (Villarreal 1988:310 ff).
Bezüglich der importsubstituierenden Strategie ist diesbezüglich festzuhalten, daß das bis in die frühen siebziger Jahre in vielen Ländern der Dritten Welt populäre Modell nicht notwendigerweise zu Autarkie führt und schon gar nicht historisch verfestigte Mängel der ökonomischen und soziopolitischen Strukturen automatisch beseitigt. Tatsächlich bewirkte das eindrucksvolle Wachstum eines Vierteljahrhunderts weder eine Modifikation von vielfach längst dysfunktional gewordenen Protektionsmaßnahmen oder eine Reduktion der schwerwiegenden sektoralen und regionalen Disparitäten, noch schränkte es die konkurrenzvermeidenden nationalen Monopole altetablierter Firmengiganten oder die teilweise schädlichen Einflüsse transnationaler Konzerne ein.
Die Zählebigkeit problematischer Strukturen hatte viel damit zu tun, daß die private Unternehmerschaft für ihr politisches Stillhalteabkommen mit Subventionen und durch Zollschutz großzügig protegiert wurde. Die auffällige politische Zurückhaltung der Industrieeliten erlaubte es der Staatsführung, d.h. der Partei der Institutionalisierten Revolution, sich weiterhin den Anschein einer soliden revolutionären Fundierung in den Bevölkerungsmassen zu geben. Sie veranlaßte aber gleichzeitig die Regierung, im Gegenzug Protektions- und Förderungsmaßnahmen ungerechtfertigt lange beizubehalten - was die im internationalen Vergleich niedrigen Produktivitätsniveaus vieler mexikanischer Betriebe trotz teilweise moderner Technologie festschrieb -, die fiskalische Abschöpfung der Gewinne zurückzustellen und die Löhne der gewerkschaftlich kontrollierten Industriearbeiterschaft niedrig zu halten. Es war unter diesen Umständen klar, daß zwar die begrenzte heimische Nachfrage nach Importgütern in steigendem Maß von mexikanischen Firmen gedeckt werden konnte, die Erweiterung des Binnenmarktes für haltbare Konsumgüter aber infolge des - besonders im Agrar- und Dienstleistungssektor - extrem tiefen Lohnniveaus der Bevölkerungsmehrheit nur begrenzt gelang. Der Substitution von Zwischenprodukten waren ebenfalls nur Teilerfolge beschieden und die, wenig geförderte, Entstehung einer nationalen Kapitalgüterindustrie blieb weitgehend aus (Stamm 1992:60 ff). Und überdies bestand auch die Dominanz teuer importierter kapitalintensiver Technologien, die oft nicht effizient eingesetzt und selten örtlichen Verhältnissen angepaßt wurden, ebenso fort wie der hohe Konzentrationsgrad der verarbeitenden Industrie - im Jahr 1965 kontrollierte weniger als ein Prozent der Betriebe mit knapp einem Drittel der Arbeiterschaft etwa zwei Drittel der Produktion, die zehn größten Firmenkonglomerate produzierten rund 11 % der Industriegüter. Es läßt sich daher kaum übersehen, wieviele der schon im vorrevolutionären Porfiriat bzw. in der Zwischenkriegszeit bekannten Schwachstellen des Industriesektors trotz jahrzehntelang hoher Wachstumsraten der Gesamtwirtschaft und trotz des weit fortgeschrittenen Wandels von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft weiterwirkten und den Übergang zu selbsttragender nachhaltiger Entwicklung blockierten.
Der seit den späten sechziger Jahren unter anderem in Agrarkonflikten und Studentenprotesten zum Ausdruck kommenden Krise des mexikanischen Wegs nachholender Industrialisierung versuchte eine neue Administration ab 1970 mittels eines ambitionierten Reformprogrammes beizukommen. Das alte Wachstumsideal sollte nicht aufgegeben, sondern sogar noch forciert werden, zur Importsubstitution sollte nach dem Vorbild der ostasiatischen Schwellenländer eine verstärkte Exportorientierung treten und die noch intensivierte staatliche Industrieförderung wollte man mit einer breiten Palette sozialpolitischer Maßnahmen begleiten. Die Realität sah freilich anders aus: Unbeschadet kleiner Korrekturen am Protektionssystem blieben angesichts einer - durch verstärkte staatliche Kreditaufnahme und Geldschöpfung ausgelösten - inflationsbedingten Überbewertung des Pesos die Exporthemmnisse bestehen, die binnenorientierte Industrialisierung erwies sich als zunehmend unvereinbar mit dem angestrebten außenwirtschaftlichen Gleichgewicht, erneut steigende Importe ließen das Zahlungsbilanzdefizit anschwellen, abnehmende Privatinvestitionen fanden einen prekären Ausgleich in stärkeren Staatsaktivitäten, ausländische Direktinvestitionen konnten die massive Kapitalflucht nicht kompensieren, und zu allem Überfluß wurde das stillschweigende Abkommen zwischen Unternehmerschaft und politischer Elite brüchig.
Mit der deutlichen Pesoabwertung von 1976 schien eine Phase umfassender schmerzlicher Strukturanpassungen zu beginnen. Ein durch gesteigerte Erdölexporte, hohe Staatsausgaben und explodierende Auslandsverschuldung gestütztes, wieder angekurbeltes Wachstum ermöglichte einen letzten Zeitgewinn für Reformen, die in Summe aber wenig bewirkten. Nach einer kurzen Stabilisierung begannen sich Inflation, Arbeitslosigkeit und Haushaltsdefizit sprunghaft zu erhöhen. In den meisten Industriesektoren erfolgte eine Umkehrung des Trends zur Importsubstitution. Gleichzeitig erlaubte die Petrolisierung der Wirtschaft eine nahezu ungebremste Auslandsverschuldung und förderte eine verstärkte Abhängigkeit von den internationalen Rohstoff- und Finanzmärkten. Infolge des rapiden Verfalls des Ölpreises, der Erhöhung des globalen Zinsniveaus sowie der sprunghaften Ausweitung der Einfuhren zu Beginn der achtziger Jahre geriet die Strategie der vor allem auf Importsubstitution aufbauenden, nachholenden Industrialisierung endgültig in die Sackgasse. Die Präsidentschaft von López Portillo endete daher 1982 in wirtschaftlichem Chaos und mit einem politischen Paukenschlag: Die mexikanische Regierung erklärte sich im August als zahlungsunfähig, ersuchte ihre Gläubiger formell um Fristerstreckung sowie Überbrückungskredite und bot umfangreiche Vorleistungen für Umschuldungsverhandlungen an (Kürzinger 1992:154 f, Stamm 1992:68 ff).
Die Vorreiterrolle im Rahmen der globalen Schuldenkrise der achtziger Jahre sowie als gelehriger Schüler internationaler Behörden bei der Implementierung eines neoliberalen Anpassungs- und Modernisierungsprogramms haben Mexiko einen zwiespältigen Ruf und eine enorme Aufmerksamkeit bei Ökonomen, Politologen und Entwicklungsexperten eingebracht. Analysen des Schuldenmechanismus, der "verlorenen Dekade" sowie des Wegs aus der Krise füllen inzwischen viele Bücherregale (vgl. etwa Teichman 1988, Ramirez 1989, Barkin 1990 und Stamm 1992). Hier genügt es darauf hinzuweisen, daß für die Jahre nach 1982 tatsächlich mannigfaltige Entwicklungsrückschläge und Stagnationstendenzen nachgewiesen werden können. Das nach einer Phase kurzfristigen Krisenmanagements insbesonders von der Regierung Salinas de Gortari ab 1988 in Übereinstimmung mit dem IWF konsequent vorangetriebene neoliberale Reformprojekt entsprach im wesentlichen den Anpassungsprogrammen anderer lateinamerikanischer Staaten und sah vor allem eine Reduzierung der Staatsausgaben, den Rückzug des Staates aus der Wirtschaft, die Öffnung des Marktes und verstärkte Exportorientierung sowie eine Flexibilisierung der Arbeitsbeziehungen vor. Während sich die negativen sozialen Folgen dieser Entwicklungsstrategie sofort einstellten, ließen die positiven wirtschaftlichen Effekte lange auf sich warten (Nohlen/Lauth 1992:177 f). Als sich zu Beginn der neunziger Jahre die wirtschaftlichen Kennziffern zu verbessern begannen, dauerte es nicht lange, bis internationale Finanz- und Entwicklungsexperten Mexiko wegen seiner gelungenen neoliberalen Anpassung erneut als "südamerikanisches Entwicklungsmodell" entdeckten (Fortemps 1994:24 ff). Die Ereignisse seit Weihnachten 1994 bescherten allerdings den Erfolgsmeldungen ein jähes Ende.
Vor dem Hintergrund der jüngsten Industrieentwicklung kommt dieser neuerliche Rückschlag, der sich freilich nur durch eine Zusammenschau der internen soziopolitischen und wirtschaftlichen Veränderungen mit dem Bedeutungsverlust Mexikos innerhalb der Semiperipherie des Weltsystems angemessen interpretieren ließe (Barkin 1990, Stamm 1992), wenig überraschend. Die verarbeitende Industrie, die sich in den Krisenjahren als besonders anfällig erwiesen und einen Rückgang ihres Beitrags zum Bruttoinlandsprodukt verzeichnet hatte, schien zwar zuletzt ihre Rolle als Zugmaschine der Ökonomie zurückzugewinnen und an der inzwischen weit fortgeschrittenen Transformation Mexikos in eine der weltweit größten Industriegesellschaften ist nicht zu zweifeln. Zugleich ist aber auch klar, daß sich die gegenwärtigen Schwierigkeiten nicht als temporärer Einbruch eines ansonsten intakten Entwicklungsmodells verstehen lassen. In vielerlei Hinsicht handelt es sich um die Verschärfung alter Widersprüche, die im Fall des Industriesektors teilweise schon eine einhundertjährige Geschichte aufweisen.
Selbstverständlich hat der Industrialisierungsverlauf seit 1940 erhebliche Unterschiede zu jenem des Porfiriats und der Zwischenkriegszeit aufgewiesen, wie sich an der führenden Rolle einer neuaufsteigenden nationalen Unternehmerschaft, am höheren Stellenwert direkter Staatseingriffe, an der subtileren Befriedung der Arbeiterschaft oder am wachsenden Einfluß transnationaler Konzerne - etwa in der Autoindustrie (Bennett/Sharpe 1985) - unschwer erkennen läßt. Vor allem war Mexikos Industrie nach dem Zweiten Weltkrieg viel größer und zum Leitsektor der Ökonomie geworden. Die fundamentalen Struktur- und Organisationsmuster wiesen aber noch immer ein hohes Maß an Kontinuität auf: "Mexican industrialists faced the same kinds of constraints after 1940 as before ... Mexican manufacturing continued to be confined to the home market and to need government protection and subsidization. Oligopolistic production still predominated, with a few firms carving up the lion's share of the market. Similarly, Mexican industry remained technologically dependent, drawing on imported capital goods from the advanced industrial countries. In fact, in the 1980's, close to one hundred years after modern Mexican industrialization got under way, Mexico still lacks a well developed capital goods industry." (Haber 1989:8)
Diese Strukturmängel und Engpässe des Industriesektors werden sich auch im Rahmen der riesigen nordamerikanischen Freihandelszone, die eine verstärkte Abhängigkeit vom Weltmarkt und von den Bedürfnissen der Vereinigten Staaten erwarten läßt, nicht kurzfristig überwinden lassen. Der Verweis auf die Erfolge der exportorientierten, weltmarktintegrierten ostasiatischen Schwellenländer hilft diesbezüglich nicht weiter. Zu unterschiedlich sind die historisch-kulturellen Gegebenheiten in jenem Raum und zu andersartig verlief ihr bisheriger Entwicklungsweg.

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Quelle: HSK 6: Industrialisierung. Entwicklungsprozesse in Afrika, Asien und Lateinamerika. Herausgegeben von Peter Feldbauer, August Gächter, Gerd Hardach, Andreas Novy. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel; Wien: Südwind; 1995. S. 173 - 191.
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