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Friedrich Edelmayer, Bernd Hausberger, Michael Weinzierl

Einleitung: Die beiden Amerikas

Quelle: HSK 7: Die beiden Amerikas. Die Neue Welt unter kolonialer Herrschaft. Herausgegeben von Friedrich Edelmayer, Bernd Hausberger und Michael Weinzierl. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel; Wien: Südwind; 1996. S. 9 - 15.

Wohl kaum ein anderer Teil der Welt wurde von dem am Ende des Mittelalters einsetzenden Prozeß der europäischen Expansion so tiefgreifend umgeformt wie die beiden Amerikas. Im Laufe einer ungefähr drei Jahrhunderte dauernden kolonialen Herrschaft kam es zu einer völligen Umwälzung der politischen, kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und demographischen Verhältnisse. Das Ergebnis dieser Entwicklung war aber nicht einheitlich. Während der Norden im 20. Jahrhundert zur Weltmacht geworden ist, bilden die heutigen lateinamerikanischen Staaten einen von allen Problemen der Unterentwicklung geplagten Teil der "Dritten Welt". Selbst der alltägliche Gebrauch der geographischen Termini ist von diesem Gegensatz beeinflußt worden, indem heute zumindest in Europa gemeinhin - und auch von einigen Autoren dieses Bandes - nur das Gebiet nördlich des Río Grande als "Nordamerika" bezeichnet wird, obwohl dieses geographisch am Isthmus von Panamá beginnt und Mexikaner gewöhnlich befremdet rEIAieren, wenn ihr Land von Ausländern in Südamerika angesiedelt wird. Auch der Behelfsbegriff "Mittelamerika" ist in Hispanoamerika völlig unüblich, während sich "Zentralamerika" auf die kleinen Staaten zwischen Panamá und Guatemala beschränkt und das kulturgeographische Konzept "Mesoamerika" sich auf den Raum der Hochkulturen zwischen dem Gebiet der Mayas im Süden und den Reichen der Azteken und Tarasken im Norden bezieht und somit wiederum weite Teile Méxicos nicht erfaßt. Angesichts der heute so offensichtlichen Unterschiede stellt sich die Frage, ob an ihren Ursprüngen jemals eine Gemeinsamkeit stand. Hat Amerika überhaupt eine gemeinsame Geschichte?
Wie im Beitrag von Christian F. Feest: Die eingeborenen Völker Nordamerikas unter kolonialer Herrschaft bezüglich Nordamerikas deutlich dargelegt und von Friedrich Katz anhand der beiden präkolumbianischen Großreiche der Inkas und Azteken weiter illustriert, fehlte eine solche Gemeinsamkeit vor der Ankunft der Europäer völlig. Amerika war geprägt von einer kulturellen, sprachlichen und religiösen Vielfalt, welche die des zeitgenössischen Europa weit übertraf. Den "Indianer" gab es nicht, er ist vielmehr eine Erfindung der vom eurozentrischen Blick bestimmten neuen Kolonialherren, die sowohl im Norden wie im Süden über alle Unterschiede hinweg die einheimische Bevölkerung der eroberten Gebiete mit einem Sammelbegriff belegten und diesen, insbesondere im spanischen Bereich, zu einer juristischen Kategorie erhoben. Dies erklärt, warum ihn zahlreiche Autoren immer wieder verwenden, da das ursprünglich ahistorische Konzept des "Indianers" in kolonialer Zeit eine soziale Realität auszudrücken begann. Ähnliches ließe sich auch bezüglich der Angehörigen der verschiedenen afrikanischen Kulturen sagen, die erst in der Sklaverei und unter kolonialer Herrschaft zu den "Schwarzen" oder den "Negern" wurden.
Ist es so also berechtigt, zwischen einer extrem uneinheitlichen präkolumbianischen und einer heute deutlich zweigeteilten Situation von einer, wenn auch in zahlreichen regionalen Varianten ausgeprägten, so doch gemeinsamen kolonialen Vergangenheit Amerikas zu sprechen? Ohne Zweifel unterwarf die europäische Eroberung die Neue Welt einer vereinheitlichenden Dynamik, die letztlich über die Vielzahl von Unterschieden hinweg zur Bildung von zwei großen Blöcken geführt hat, einem spanisch-portugiesischen oder iberischen im Süden und einem angelsächsischen im Norden, in den sich bisher in vielerlei Hinsicht auch das ehemals französische Gebiet von Quebec eingegliedert hat. Zur völligen Vereinheitlichung ist es allerdings nicht gekommen.
Für Lateinamerika findet sich im Beitrag von Horst Pietschmann zusammenfassend skizziert, wie trotz aller Versuche der Gleichschaltung vorkolumbianische Unterschiede die Entwicklung des entstehenden Kolonialsystems geprägt haben und zur Ausbildung mehrerer regionaler Varianten geführt haben, wobei man in das von H. Pietschmann angebotene Klassifikationsschema die englischen/britischen und französischen Eroberungen im Norden des Kontinents mit einigen Einschränkungen einbauen könnte. Doch sind für die abweichenden kolonialen und postkolonialen Entwicklungen nicht allein die vorkolonialen Verhältnisse verantwortlich zu machen. Die von den Europäern in der Neuen Welt etablierten Gesellschafts- und Verwaltungssysteme haben die Entstehung neuer Unterschiede gefördert.
Bei einer Beschränkung der Untersuchung auf die beiden Großräume läßt sich ein grundsätzlicher Unterschied zwischen den iberischen und englischen Kolonisationsversuchen in der Neuen Welt aufgrund der unterschiedlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen in den jeweiligen Mutterländern zum Zeitpunkt der Expansion feststellen. Die spanischen und portugiesischen Eroberungen erfolgten rund ein Jahrhundert vor den englischen. Das heißt, während erstere noch wesentlich von spätfeudalen Wirtschaftsstrukturen bestimmt waren, standen letztere schon viel deutlicher im Zeichen modernerer Entwicklungen, die in den Revolutionen Englands im 17. Jahrhundert ihren Ursprung haben.
Die Beiträge von Willi Paul Adams, Heide Gerstenberger und Michael Weinzierl verdeutlichen auf verschiedenen Ebenen, daß sich vor allem die Neu-England-Staaten schon in der Kolonialzeit sehr wesentlich von den Gesellschaften des europäischen Ancien Régime unterschieden. Auf sozialer Ebene ist hier vor allem auf die hohen Aufstiegsmöglichkeiten - verbunden mit für damalige Verhältnisse besonderen Chancen zum Eigentumserwerb - hinzuweisen. Dies wiederum führte zu einer Arbeitsorganisation, die zunächst die Herausbildung einer relativ egalitären Gesellschaft unabhängiger, kleiner agrarischer Produzenten begünstigte. Dem entsprach auch - trotz der Etablierung von Patrizieroligarchien in einigen Handels- und Hafenstädten - das weitestgehende Fehlen einer dem europäischen Adel vergleichbaren Klasse. Einschränkend muß freilich darauf hingewiesen werden, daß sich in den Plantagenökonomien der späteren Südstaaten wesentlich traditionellere Gesellschaftsstrukturen etablierten. In Neu-England hingegen waren auch die konstitutionell-politischen Strukturen schon in der Kolonialzeit durch relativ große Mitbestimmungsmöglichkeiten weißer, männlicher Bürger gekennzeichnet. Dieser Befund ist allerdings durch das gleichzeitig zu beobachtende Deferenzverhalten gegenüber städtischen Eliten zu relativieren. Auch in den Neu-England-Staaten konnten hauptsächlich als Hauspersonal versklavte AfroamerikanerInnen, unfreie ArbeiterInnen (indentured servants), Besitzlose und "IndianerInnen" diese vielfältigen Aufstiegs- und Partizipationsmöglichkeiten grundsätzlich nicht nutzen.
Die Spanier versuchten, die von ihnen entdeckten Gebiete und ihre Bewohner durch Eroberung an die im Mutterland vorherrschenden Strukturen anzugliedern oder - wie H. Pietschmann sich ausdrückt - die Eroberten mit ihrem europäischen Gesellschaftssystem zu überlagern. Die Engländer hingegen gingen daran, die Küsten Nordamerikas gemäß ihren eigenen Vorstellungen völlig neu einzurichten. Für die einheimische Bevölkerung war dabei keine Funktion vorgesehen, sie wurde eher als ein die Besiedlung störender Faktor betrachtet. Während die Spanier die indigene Bevölkerung missionierten und als Basis ihres Wirtschaftssystems einem komplizierten Regelwerk von Schutzbestimmungen und Ausbeutungsmechanismen unterwarfen, verdrängten die Engländer die "Indianer" ins Hinterland, was nur zu oft ihre Ausrottung beschleunigte. An diesem Punkt muß leider angemerkt werden, daß sich im vorliegenden Band keine ausführliche Behandlung der Wirtschaftsentwicklung der Neu-England-Staaten findet. Während der spanische, portugiesische und karibische Bereich (einschließlich der südlichen USA) durch die Beiträge von Bernd Hausberger, Gerhard Pfeisinger und Renate Pieper weitgehend abgedeckt wird, kann für Neu-England neben einigen Abschnitten des Beitrags von H. Gerstenberger nur auf die weiterführende Literatur verwiesen werden (Hanson Jones 1980; Perkins 1980; Innes 1995).
Nur teilweise läßt sich die Eigenart dieses Kolonisationsprozesses mit dem unterschiedlichen Kulturniveau der "Indianer" der späteren USA und Canadas beziehungsweise der Angehörigen der mesoamerikanischen und andinen Hochkulturen erklären. Denn auch die Spanier trafen auf einfache Bauern-, Jäger- und Sammlerkulturen. Stets unternahmen sie aber große Anstrengungen, diese zu unterwerfen und für ihre Zwecke umzuerziehen, das heißt, sie wirtschaftlich benutzbar zu machen. Dabei kam den von den verschiedenen Ordensgemeinschaften gestellten Missionaren große Bedeutung zu, insbesondere den Jesuiten. Wenn diese Politik auch nur bedingt erfolgreich war und vielerorts, wie im angloamerikanischen Raum, mit dem Verschwinden der betroffenen Völker endete, scheint sie doch auf diametral unterschiedliche Herangehensweisen an das Problem der Eroberung hinzudeuten, die als colonialism of inclusion im Gegensatz zu colonialism of exclusion typologisiert wurden.
In der Forschung sowie in populären Geschichtsmythologien spricht man in diesem Zusammenhang oft vom Gegensatz zwischen "Eroberungs-" und "Siedlungskolonien". Damit hängt auch die Schaffung einer Reihe antispanischer Klischees zusammen, wie das der Arbeitsscheu oder der Goldgier der Iberer. Sie hätten es angeblich in der Tradition des mittelalterlichen Feudaladels vorgezogen, andere für sich arbeiten zu lassen, seien es Bauern oder "Indianer". Die neu-englischen Puritaner hingegen seien bereit gewesen, sich ihren Lebensunterhalt im "Schweiße ihres Angesichts" mit eigenen Händen zu erarbeiten. Trotz einer manchmal allzu simplifizierenden Ausformung dieser These beschreibt sie doch den tiefgehenden Unterschied zwischen der spanischen und der englischen Kolonisation. Allerdings gelangten bei weitem nicht alle Spanier als große Herren in die Neue Welt, und viele von ihnen erfuhren dort einen sozialen Abstieg und verschwanden in der Masse der meist mestizischen Unterschicht. Genauso waren nicht alle Einwanderer in den englischen Kolonien puritanische Kleinbauern und Handwerker, wie man besonders deutlich in Virginia und anderen Regionen des Südens der späteren USA, aber auch in Städten wie Boston oder Philadelphia sehen kann.
Das von den Spaniern eroberte Gebiet übertraf das der Engländer flächenmäßig bei weitem, war in seinen Kernzonen viel dichter besiedelt und intensiver bewirtschaftet. Eine Abdrängung der Einheimischen durch Einwanderer war so kaum möglich und stand natürlich auch nicht im Blickfeld der Interessen der Krone, der von adligen Herrschaftsvorstellungen geprägten Conquistadoren und der mit diesen verbündeten Kaufleute, die sich von Amerika die kostengünstige Produktion von auf dem Weltmarkt absetzbaren Rohstoffen und Produkten erwarteten. An der Entstehung eines breitgefächerten Gewerbes, das die Importe nach Amerika vermindert hätte, oder an der Bildung einer Schicht von freien Kleinbauern, die zudem auf Kosten der ansässigen Indios erfolgen hätte müssen, war ihnen nicht gelegen.
Den Herrschaftsstrukturen in Europa kam bei der Ausformung der unterschiedlichen Kolonisationsformen große Bedeutung zu. In Spanien gelang es den Katholischen Königen nach der Eroberung Granadas, ihre Macht erheblich zu festigen. Schon in den Kriegszügen gegen die Mauren waren die jeweiligen Monarchen als zentrale Kriegsherren aufgetreten, die auch die Verteilung der Beute kontrollierten. Sie waren auch nicht gewillt, den Eroberern in Übersee freie Hand zu lassen. Wenn angesichts der unvollkommenen Kommunikationssysteme und der ursprünglich rasant voranschreitenden Expansion auch den kastilischen Königen die Zügel mehrfach zu entgleiten schienen, so gelang es ihnen doch, eine dominante Stellung durchzusetzen. Die Möglichkeit, als Schiedsrichter zwischen den untereinander konkurrierenden Conquistadoren- und Zuwanderercliquen agieren zu können, hat dazu ohne Zweifel entscheidend beigetragen. Das Resultat dieser Entwicklung war der Aufbau eines umfassenden, zentral gelenkten, eine Flut von Gesetzen produzierenden Verwaltungsapparats, der im Beitrag von Friedrich Edelmayer ausführlich geschildert wird. Von großer Bedeutung war dabei die Durchsetzung einer strengen Reglementierung der Außenbeziehungen der Kolonien, deren monopolistische Strukturen der Krone die Kontrolle und Steuereinhebung erleichterten und den mächtigen Handelshäusern in Andalusien und in den kolonialen Hauptstädten hohe Gewinne sicherten.
Parallel zum Staat und im engen Bündnis, nur manchmal auch im Gegensatz zu diesem, etablierte die katholische Kirche ihre engmaschige Organisationsstruktur. Von Anfang an bildete sie einen zentralen politischen und auch moralischen Faktor (vgl. Hans-Jürgen Prien), der über die ideologische, religiöse und auch politische Einheit wachte. Sehr schnell wurde die iberoamerikanische Kirche auch zu einem Wirtschaftsfaktor ersten Ranges (Schwaller 1985).
Bei aller Unvollkommenheit des oft von Korruption und Ineffektivität gekennzeichneten Verwaltungsapparates entstand im spanischen und im portugiesischen Machtbereich ein relativ geschlossenes System. Hingegen gab es im englisch/britischen Bereich keine gemeinsame Verwaltung in Amerika. Dort entwickelten sich unterschiedliche Strukturen, die teils von großen englischen Handelskompanien, Eigentümern und nur partiell von der Krone selbst dominiert wurden. Hiebei wurden der Selbstverwaltung der Kolonisten größere Spielräume gestattet. Es gab auch trotz der Dominanz der Puritaner in Neu-England und der Anglikaner in Virginia letztlich keine einheitliche Kirche, die einen einzelne Kolonien überschreitenden Machtfaktor gebildet hätte. Insgesamt bestand daher bereits in der Kolonialzeit eine hohe politische und administrative Autonomie, was bei Erlangung der Unabhängigkeit von Bedeutung werden sollte.
Während den spanischen Kolonien der interkoloniale Handel ab dem frühen 17. Jahrhundert weitestgehend verboten war, um die Gewinne der europäischen Metropole nicht zu schmälern, konnten die neu-englischen Kolonien trotz der Einschränkungen durch die Navigations-Akte in der Praxis durch einen regen Warenverkehr mit den karibischen Besitzungen ihre eigene Wirtschaft erheblich dynamisieren. Auch im englischen Bereich gab es allerdings ein Besteuerungssystem durch die Metropole, das seine Forderungen ab der Mitte des 18. Jahrhunderts zur Finanzierung der britischen Weltpolitik ständig zu erhöhen begann. Indirekt vermochte es damit die Einzelkolonien im Widerstand zu vereinen.
Nur auf den ersten Blick ist es daher erstaunlich, daß gerade die durchorganisierte Verwaltungsstruktur Hispanoamerikas nach Abschüttelung der spanischen Herrschaft umgehend in zahlreiche Teile zerfiel, aus denen bis heute eine ganze Reihe von Staaten hervorgingen, während die untereinander nur lose verbundenen englischen Kolonien zu einer Einheit zusammenwuchsen, in die sich nur Canada nicht eingegliedert hat. Ohne Zweifel war die gewaltige geographische Ausdehnung des spanischen Überseegebietes der Erhaltung der Einheit abträglich. Darüber hinaus ist zu unterstreichen, daß unter der Oberfläche der einheitlichen Verwaltung eine Fülle von unterschiedlich ausgeprägten Regionalgesellschaften entstanden waren, die nach dem Zusammenbruch der Zentralmacht weder politisch noch sozial oder wirtschaftlich genügend miteinander verbunden waren, um sich aus dem Fortbestand der Einheit einen Vorteil erwarten zu können. Daß die neuen republikanischen Herren in den alten kolonialen Hauptstädten eine Fortsetzung des traditionell zentralistischen Regierungsstils versuchten, hat den Zerfallsprozeß weiter gefördert. Die regionalen Eliten zogen es vielerorts vor, ihre keineswegs revolutionären, sondern auf die Verteidigung des sozialen status quo gerichteten Interessen selbst zu vertreten und ihren eigenen Anschluß an den Weltmarkt zu suchen. Sie waren nicht gewillt, sich dabei wie früher von einer fernen Zentralregierung stören zu lassen, der zudem die monarchisch-religiöse Legitimation der früheren Könige fehlte. Die monarchische Kontinuität des ehemals portugiesischen Kolonialgebietes hat dagegen die Bewahrung der Einheit Brasiliens sicherlich gefördert.
Die späteren USA dagegen entstanden als Zweckbündnis verschiedener, relativ eigenständiger Gebiete im Kampf gegen Großbritannien. Jenes basierte notgedrungen auf föderativen und nicht zentral gelenkten Strukturen. Das erleichterte ein politisches Zusammenleben, da es den auch hier nicht fehlenden unterschiedlichen Partikularinteressen genügend Spielraum gab. Langfristig sollten sich die Gegensätze zwar erheblich zuspitzen, insbesondere zwischen den nördlichen Kolonien und dem von Plantagenwirtschaft und Sklaverei geprägten Süden (so blieb auch den USA ein blutiger Bürgerkrieg zwischen diesen beiden Landesteilen in den Jahren von 1861 bis 1865 nicht erspart), doch der sich inzwischen industrialisierende Norden zeigte sich in der Lage, die Einheit des Staates zu erzwingen und die Strukturen des Südens in wesentlichen Aspekten jenen des Nordens anzugleichen.
Die Unterschiede zwischen und auch innerhalb der verschiedenen Kolonialgebiete waren aber auch von der Ausbildung von Strukturen begleitet, die bisweilen über die Grenzen der Herrschaftsgebiete der einzelnen europäischen Staaten hinausgingen. Am deutlichsten wird dies an von Sklaven- und Plantagenwirtschaft geprägten Regionen Amerikas, die große Teile des portugiesischen Brasilien, spanische, französische und englische Besitzungen in und um die Karibik sowie den Süden der späteren USA umfaßten, die von G. Pfeisinger in diesem Band anschaulich behandelt werden. Hier wird eine gemeinsame koloniale Vergangenheit des amerikanischen Doppelkontinents, wie sie im Verlauf der bisherigen Ausführungen eher in Zweifel gestellt wurde, spürbar. In Gebieten mit unterschiedlicher vorkolumbianischer Bevölkerung errichteten verschiedene europäische Eroberergruppen nach der Verdrängung oder gar Ausrottung der Einheimischen mittels eines massiven Imports afrikanischer Arbeitskräfte unterschiedlicher Herkunft ähnliche, wenn auch nicht identische Kolonialsysteme, die die internationalen Märkte mit einem meist in Monokultur produzierten Agrarprodukt belieferten.
Eine solche Ankoppelung an den Weltmarkt, die meist von einer sehr schmalen Palette von Produkten, wenn nicht von einem einzigen, getragen wurde, deren Erzeugung die gesamte Wirtschaftsstruktur einer Kolonie untergeordnet war, bestand auch bezüglich anderer Zonen der Neuen Welt. Als Beispiele könnten die Bergbauregionen Méxicos, des Andenraumes und Brasiliens genannt werden (vgl. B. Hausberger). Hier kam es, wie schon betont, zu zahlreichen Varianten in der Organisation dieser kolonialen Wirtschaften, deren Ausbildung durch die natürlichen Verhältnisse, den Entwicklungsstand der autochthonen Bevölkerung, die Träger der europäischen Eroberung und den Zeitpunkt derselben beeinflußt wurden. Doch ergibt sich eine Gemeinsamkeit darin, wie die jeweiligen europäischen Metropolen und die von ihnen ausgesandten kolonialen Eliten die Rolle der von ihnen beherrschten Gebiete definierten: Alle sollten sie möglichst kostengünstig Produkte erzeugen, die auf dem Weltmarkt gewinnbringend verkauft werden konnten, und möglichst viele Waren aus dem Mutterland importieren. Für beide Ziele war eine innere Diversifizierung der amerikanischen Wirtschaft unerwünscht. Eine solche Einbindung in das entstehende Weltwirtschaftssystem ergab sich trotz aller Unterschiede der regionalen Organisation an der Peripherie im silberproduzierenden Hochland von Bolivien genauso wie in den Plantagengebieten der Karibik.
Viel weniger trifft dies jedoch auf die nördlichen Kolonien der späteren USA zu. Die ungünstigen Klimaverhältnisse, die die Produktion der in Europa so begehrten tropischen Agrarprodukte ausschlossen, sowie das Fehlen von Edelmetallen haben die dortige Situation ohne Zweifel gefördert. Alles, was die Kolonien in Neu-England hätten liefern können, wäre in Konkurrenz zur Produktion der Metropole getreten. Eine Ausnahme bildeten die Pelze, die im Hinterland des Kontinents in großen Mengen zu erwerben waren. Infolgedessen galten diese Regionen zwar lange als ziemlich ärmlich im Vergleich zu México oder den karibischen Zuckerinseln, doch wurden sie nicht so stark den kolonialen Interessen der Metropole untergeordnet, was ihnen einen entscheidenden Spielraum zur Diversifizierung ihrer inneren Wirtschaftsstrukturen erlaubte und ihre langfristigen Entwicklungsperspektiven entscheidend verbessern sollte. Dies scheint wohl einer der grundsätzlichen Unterschiede in der kolonialen Entwicklung Amerikas zu sein, der den heutigen Kontrast zwischen Nord und Süd mit erklären kann. Daß auch mehrere Regionen im hispanoamerikanischen Hinterland nur sehr schwach in das System der kolonialen Wirtschaft eingebunden waren und deren indigene Bevölkerung daher relativ ungestört ihre alten Traditionen weiterführen konnte, kann diesen Gegensatz nicht entscheidend verringern.
Es gibt schließlich gewisse Gemeinsamkeiten im Verlauf und in der Motivation der Unabhängigkeitsbewegungen in Ibero- und Angloamerika. Beide Bewegungen richteten sich in erster Linie auf eine Veränderung der Außenbeziehungen, wobei den überhöhten Finanzforderungen der Mutterländer infolge der europäischen Kriege eine beträchtliche Rolle zukam. Im Falle Hispanoamerikas richtete sich der Unwille der kreolischen Eliten auch gegen die Versuche der Metropole, ihre politische Kontrolle über die Kolonien, die sich im Laufe des 17. Jahrhunderts deutlich abgeschwächt hatte, wieder zu verstärken. Weder in Anglo- noch in Iberoamerika kam es durch die Unabhängigkeitskriege jedoch zu einer tiefgreifenden Veränderung der inneren Sozialstrukturen (vgl. Barbara Potthast-Jutkeit). Die ohne Zweifel größere politische Modernität der neuentstandenen USA gegenüber den jungen lateinamerikanischen Staaten ist daher eine Prolongation der kolonialen Situationen und weniger eine Errungenschaft der Unabhängigkeitsbewegungen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde das Ungleichgewicht zwischen beiden Teilen immer evidenter und hat sich nicht zuletzt in einer wachsenden Hegemonie der USA über ihre südlichen Nachbarn niedergeschlagen.

Wien/Berlin, im Oktober 1995

Literatur

Hanson Jones, Alice (1980): Wealth of a Nation to be. The American Colonies on the Eve of the Revolution. New York: Columbia University Press

Innes, Stephen (1995): Creating Commonwealth. The Economic Culture of Puritan New England. New York/etc.: Norton

Krakau, Knud, Hg. (1992): Lateinamerika und Nordamerika. Gesellschaft, Politik und Wirtschaft im historischen Vergleich. Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag

Lang, James (1975): Conquest and Commerce. Spain and England in the Americas. New York/San Francisco/London: Academic Press

Perkins, Edwin J. (1980): The Economy of Colonial America. New York: Columbia University Press

Reinhard, Wolfgang (1985): Geschichte der europäischen Expansion, Bd. 2. Die Neue Welt. Stuttgart/etc.: Kohlhammer

Schwaller, John Frederick (1985): Origins of Church Wealth in Mexico. Ecclesiastical Revenues and Church Finances, 1523-1600. Albuquerque: University of New Mexico Press


Quelle: HSK 7: Die beiden Amerikas. Die Neue Welt unter kolonialer Herrschaft. Herausgegeben von Friedrich Edelmayer, Bernd Hausberger und Michael Weinzierl. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel; Wien: Südwind; 1996. S. 9 - 15.
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