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Christian F. Feest

Die eingeborenen Völker Nordamerikas unter kolonialer Herrschaft

Quelle: HSK 7: Die beiden Amerikas. Die Neue Welt unter kolonialer Herrschaft. Herausgegeben von Friedrich Edelmayer, Bernd Hausberger und Michael Weinzierl. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel; Wien: Südwind; 1996. S. 17 - 33.

Zu den liebgewonnenen Fiktionen der amerikanischen Geschichtsbetrachtung, die wir gemeinhin für historische Tatsachen halten und deshalb meist gedankenlos wiederkäuen, zählen die Annahmen, Amerika sei vor seiner Entdeckung durch Kolumbus von "Indianern" bewohnt gewesen, und die Amerikanische Revolution repräsentiere den Beginn der Abschüttelung des kolonialen Jochs durch die Opfer des europäischen Kolonialismus. In der Tat verdanken die äußerst unterschiedlichen eingeborenen Völker des großen Doppelkontinents, der in der westlichen Hemisphäre unserer Erde den Atlantik vom Pazifik trennt, ihre Fehlbezeichnung als "Indianer" nur dem Irrtum des Kolumbus, der in ihnen Bewohner von den der indischen Halbinsel vorgelagerten Inseln sah. Und eben jene Vielzahl verschiedener indigener Völker - die eigentlichen Opfer der europäischen Expansion in die für Europa Neue Welt - lebt in erheblichem Ausmaß bis heute als Teil einer "vierten Welt" unter Verhältnissen kolonialer Herrschaft. An dieser Stelle kann nur versucht werden, zur Dekonstruktion des unsinnigen Begriffs "Indianer" beizutragen und einige Aspekte der kolonialen Erfahrung der indigenen Völker Nordamerikas in Umrissen zu skizzieren. Die Beschränkung in diesem Zusammenhang auf Nordamerika (Canada und die USA) ist natürlich selbst ein Artefakt einer Kolonialgeschichte, die zwischen Nord- (das heißt in erster Linie Anglo-) und Lateinamerika unterscheidet, auch wenn die Grenzziehung zwischen den beiden Regionen eine nachkoloniale ist.

Die Vielfalt des indigenen Nordamerika

Das Gebiet nördlich des Río Grande bot seinen voreuropäischen Bevölkerungen eine große Zahl unterschiedlicher Lebensräume, die nicht unwesentlich zur Differenzierung der indigenen Kulturen beitrugen. An die polare Tundra, die sich zwischen Grönland und Alaska erstreckt, grenzt im Süden eine breite Zone subarktischer Nadelwälder, die sich quer über Canada von der Atlantikküste bis zu den Rocky Mountains ausdehnt und die nördlich und östlich des Mississippi in Mischwälder mit gemäßigtem Klima übergeht. Westlich des Mississippi boten die tiefergelegenen Hochgrassteppen (Prärien) und noch mehr die gegen die Rocky Mountains ansteigenden trockenen Kurzgrassteppen (Plains) beste Lebensbedingungen für die großen Herden des amerikanischen Bison. An der pazifischen Nordwestküste, von Südalaska bis Nordwestkalifornien, begrenzen die steil gegen das Meer abfallenden Küstenberge einen schmalen Küstenstreifen, der vom Ozean und den in ihn mündenden Flüssen bestimmt ist, während das hinter den Bergen liegende Plateaugebiet die Kleinräumigkeit der Bergländer widerspiegelt, wie sie sich ähnlich (wenngleich unter etwas günstigeren ökologischen Voraussetzungen) auch in Kalifornien findet. Südlich des Plateaus weitet sich die Region zwischen Küstenbergen und Rocky Mountains zu einem abflußlosen, intermontanen Becken mit lebensfeindlichen Wüsten und Halbwüsten. Ähnliche, wenngleich nicht ganz so extreme Bedingungen herrschen im angrenzenden nordamerikanischen Südwesten, der freilich von Flüssen wie dem Colorado und Río Grande durchzogen ist. Die eben genannten Lebensräume stellen durch ähnliche Anpassung ihrer indigenen Bewohner an die vorgegebenen Bedingungen auch Gebiete ähnlicher Lebensführung dar, die von der Ethnologie als "Kulturareale" bezeichnet werden. Obwohl selbst innerhalb der Areale die Bevölkerungen heterogen und kulturell nicht ganz einheitlich waren, stellen sie für einen ersten Überblick ein nützliches Ordnungsprinzip dar.
In diesen riesigen Raum (und den südlich angrenzenden Rest des Doppelkontinents) wanderten gegen Ende der letzten Eiszeit, spätestens zwischen etwa 23.000 und 18.000 v. Chr., die ersten Menschen, von Sibirien her kommend, nach Nordamerika über eine breite Landbrücke ein, die als Folge der mit der starken Vergletscherung einhergehenden Absenkung des Meerwasserspiegels entstanden war. Aber auch als nach Ende der Eiszeit diese Landverbindung wieder überflutet war, kam es noch zur Zuwanderung neuer Bevölkerungen über die Beringstraße, diesmal mittels Booten. Schon von ihrer Abkunft her stellten also die ersten Amerikaner, die teils als Großwildjäger, teils als weniger spezialisierte Jäger und Sammler lebten, keine einheitliche Bevölkerung dar. Die Unterschiede vermehrten sich noch in den folgenden Jahrtausenden, indem sich die Kulturen an lokale Verhältnisse anpaßten, spezialisierten und weiterentwickelten, aber auch Einflüsse aufnahmen, die aus Nordasien kamen oder aus México, wo im zweiten Jahrtausend v. Chr. eine zunehmend differenzierte Hochkulturtradition entstanden war. Schon in voreuropäischer Zeit trugen Bevölkerungsverschiebungen, oft ausgelöst durch mikroklimatische Veränderungen, zu einer Durchmischung und gegenseitigen Beeinflussung der Völker bei.
Einen nützlichen Maßstab für die innere Verschiedenheit des indigenen Nordamerika bietet der sprachliche Befund. Zu Beginn der kolonialen Erschließung durch Europa lebten im Raum nördlich von México Sprecher von etwa einem Dutzend Sprachverbänden, während in Europa neben den indogermanischen Sprachen nur Baskisch, Finno-Ugrisch und Turksprachen gesprochen wurden. Die nordamerikanischen Sprachen waren untereinander teilweise nicht nur genetisch, sondern auch im Hinblick auf den Sprachbau und die Lautsysteme verschieden: Eine typisch "indianische" Sprache gab es nicht.
Ähnlich unterschiedlich waren die Hauptformen der Nahrungswirtschaft und die daraus resultierenden Lebensweisen. Jagd als Hauptwirtschaftsform herrschte in einem großen Dreieck zwischen der Küste des arktischen Eismeers und dem nordostmexikanischen Teil der Küste des Golfs von México vor. Freilich führte die Seesäugerjagd der Eskimos in der Arktis zu größerer saisonaler Seßhaftigkeit, während sowohl die Karibu- und Elchjäger der Subarktis wie die Bisonjäger der Plains durch die Mobilität der Beutetiere selbst zu einem nomadisierenden Leben veranlaßt wurden. Fischfang war in allen Küstenregionen sowie an den Ufern der größeren Flüsse und Seen von lebenserhaltender Bedeutung, stellte aber insbesondere an der Nordwestküste die Hauptwirtschaftsform dar, die zu ausgeprägter Seßhaftigkeit führte. Auch das Sammeln von an bestimmten Stellen in größerer Menge verfügbaren wildwachsenden Pflanzen (z.B. Eicheln in Kalifornien, eine als "Wildreis" bekannte Grasart im westlichen Seengebiet) konnte eine seßhafte Lebensweise ermöglichen, während das Sammeln verschiedener, kurzfristig in kleineren Mengen verfügbarer Nahrung (Grassamen, Wurzeln, Nüsse, Insekten), ergänzt durch etwas Jagd im intermontanen Becken, die Menschen fast immer in Bewegung hielt. Nur in zwei Gegenden Nordamerikas setzte sich ein pflugloser Bodenbau (Hauptkulturpflanzen: Mais, Kürbis, Bohnen) durch: Im trockenen Südwesten fanden dabei verschiedene Techniken der künstlichen Bewässerung Anwendung, in den Waldländern östlich des Mississippi mußte vor Anlage der wegen der Bodenermüdung etwa einmal pro Generation zu verlegenden Felder der Wald gerodet werden. Herdenviehzucht war in Nordamerika in voreuropäischer Zeit unbekannt; der Hund und gelegentlich auch der Truthahn waren zwar domestiziert worden, dienten aber nur in geringem Ausmaß Nahrungszwecken.
Es ist einleuchtend, daß sich auf der Grundlage seßhafter Lebensweise und gesicherter Ernährung komplexere Formen der gesellschaftlichen Ordnung entwickeln konnten als bei schweifenden Jägergruppen, deren Überleben von Tag zu Tag alles andere als garantiert war. Im intermontanen Becken oder in der Subarktis waren verwandte Gruppen von Familien, die sich um einen Jäger oder eine Sammlerin scharten, deren wirtschaftliche Tüchtigkeit sich bereits erwiesen hatte, für gewöhnlich die sozialen und politischen Einheiten, die sich nur saisonal (etwa zu Treibjagden) zu größeren Gruppen zusammenschlossen, sich in Zeiten der Not aber auch aufspalten konnten. Am anderen Ende der Skala standen Häuptlingstümer mit ausgeprägten sozialen Klassen (Adel und Gemeinfreie, dazu oft noch kriegsgefangene Fremde als Sklaven); städtische Strukturen im engeren Sinn waren selten, in der letzten Periode vor dem Eintreffen der Europäer gab es allerdings im Gebiet des Mississippi und seiner Nebenflüsse urbane Zentren, unter denen Cahokia (in der Nähe von St. Louis) mit geschätzten 10.000 Einwohnern herausragte. Es ist daher nicht sehr sinnvoll, von all diesen Gruppen als "Stämmen" zu sprechen (ebenso wie die neuere, gutgemeinte Benennung aller eingeborener Völker Nordamerikas als "Nationen" die wichtigen Unterschiede der politischen Organisation und Handlungsfähigkeit verdeckt).
Abgesehen von der Tatsache, daß sich die Glaubensvorstellungen der eingeborenen Völker Nordamerikas relativ stark auf die von ihnen belebte Welt bezogen (und daher lokalspezifisch) waren, kann man auch priesterliche von "schamanistischen" Formen der Vermittlung zwischen Menschen und übernatürlichen Wesen (Geistern oder Gottheiten) unterscheiden. Bei letzteren standen Spezialisten im Vordergrund, die im Dienst der Gemeinschaft in psychischen Ausnahmezuständen mit ihren persönlichen Schutzgeistern in Verbindung traten (ein Zugang, der meist auch Nichtspezialisten durch Träume oder Visionen möglich war), während die Priesterschaften durch Gebet und symbolische Handlungen das Wohlwollen höherer Mächte herbeizuführen trachteten. Priesterliche Formen der Religion herrschten in den seßhaften, bodenbautreibenden Gemeinschaften vor, wie bei den Pueblovölkern des Südwestens, wo "Schamanismus" fast zur Gänze fehlte und wo die Priesterbünde auch die politischen Entscheidungen trafen. Schamanistische Praktiken waren am ausgeprägtesten bei den Eskimos und anderen Jägervölkern und fanden sich bei Bodenbauern bestenfalls in speziellen Anwendungsfällen, wie der Krankenheilung.
Zusammenfassend kann man die kulturellen Unterschiede an einer keineswegs vollständigen Aufzählung der Wohnformen deutlich machen, in denen sich Umweltanpassung, gesellschaftlicher Bedarf, technische Fertigkeit und historische Bautraditionen spiegeln. Der Iglu der Eskimos (vor allem der zentralen Arktis) umgeht durch die Schneeziegelbauweise den Mangel an Bauholz, Stein und Lehm, ist schnell als temporäres Jagdquartier zu errichten, dient aber im Winter auch als permanente Wohnform. Der meist kuppelförmige Wigwam aus einem Gerüst gebogener Äste, das mit Rinde oder geflochtenen Matten bedeckt ist, stellt eine typische mobile Behausung der Jäger der östlichen Subarktis dar, die aus lokalen Materialen gebaut, leicht zerlegbar und wiedererrichtbar ist. Ähnliches gilt für das Tipi, das ledergedeckte konische Stangenzelt der Bisonjäger der Plains. Fehlen (wie im intermontanen Becken) die Transportkapazitäten selbst für derart einfache mobile Bauformen, werden temporäre Windschirme errichtet, die man nach der Nutzung zurückläßt. Permanente Häuser errichteten die Völker der Nordwestküste aus Holzplanken, im Pueblogebiet des Südwestens aus Stein oder luftgetrockneten Lehmziegeln, im östlichen Waldland unter anderem aus Holz und Lehm mit Grasdächern.
Sucht man nach Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen des indigenen Nordamerika, so findet man vorwiegend solche, die auf gemeinsame "Mängel" zurückgehen. So führte das Fehlen von Herdenviehzucht zur anhaltenden Bedeutung der Jagd selbst bei bodenbautreibenden Völkern und damit zu einer allgemeinen Assoziation von Mann und Jäger. Gemeinsam mit dem Fehlen des Rads war mangelnde Großtierhaltung auch für die relativ große Bedeutung des Wassertransports und den hohen Anteil menschlicher Tragleistung beim Landtransport sowie für das Fehlen des Pflugbaus verantwortlich. Neben dem Rad fehlten den Völkern Amerikas auch andere Anwendungen der echten technischen Drehbewegung. Diese relativ einfache Gerätekultur führte ihrerseits zu einer geringeren Spezialisierung im Bereich technologischer Prozesse (und letztlich wohl auch zu einer geringeren Entwicklung der Märkte). Unter den technologischen Defiziten ist vor allem auch die mangelnde Kenntnis der Eisenverarbeitung und überhaupt der echten Metallurgie zu nennen (lediglich Kupfer wurde in manchen Gegenden mit lithischen Technologien bearbeitet). Das Fehlen echter Schriften verhinderte vor allem eine weitgehende Anhäufung von Wissen (ohne daß damit eine Geringachtung des Wissensstands "oraler" Kulturen impliziert werden soll); ideographische Bilderschriften und Gegenstandsschriften stellten in erster Linie eine Stütze für mündliche Überlieferungen dar, während eine Geschichtsschreibung im engeren Sinn fehlte.
Weniger absolut lassen sich andere Gemeinsamkeiten im gesellschaftlichen oder religiösen Bereich behaupten, obwohl gemeinsame Tendenzen feststellbar sind, deren Kenntnis einem Verständnis von Entwicklungen der Kolonialzeit förderlich ist. So ist das relativ häufige Fehlen von territorialen Prinzipien der politischen und sozialen Organisation auffallend, während andererseits Verwandtschaft in diesem Zusammenhang fast immer eine tragende Rolle spielte. Indem Verwandtschaft die Mitgliedschaft zu einer Gruppe definierte, war Adoption die vorwiegende Methode zur Integration neuer Gruppenmitglieder, während Unverwandtheit zu Rechtlosigkeit von Personen führte (vgl. die Versklavung von Kriegsgefangenen). In Gesellschaften, die aus letztlich unabhängigen Verwandtschaftssegmenten (z.B. "Sippen" oder "Clans") bestanden, gab es daher etwa auch keine zentrale Rechtsautorität: Streitigkeiten und Rechtsbrüche innerhalb eines Segments wurden intern geregelt, zwischen den Segmenten herrschte das Prinzip der Vergeltung, wenn es nicht gelang, den Konflikt auf dem Verhandlungsweg zu lösen. Gerade die ausgeprägten kollektiven Rechte von korporativen Verwandtschaftsgruppen haben zur Behauptung geführt, den indigenen Völkern Nordamerikas sei vor allem individuelles Grundeigentum unbekannt gewesen. Während die Behauptung in dieser Form kaum haltbar ist, muß auf die relativ große Bedeutung von kollektiven Rechten (selten aber "Stammeseigentum") hingewiesen werden.
Im Hinblick auf Religionen läßt sich immerhin behaupten, daß der Begriff von "Religion" als einem trennbaren Bereich des Lebens so gut wie nirgendwo im eingeborenen Nordamerika vorhanden war. Alles war mehr oder minder von der allgegenwärtigen Existenz des Übernatürlichen berührt und durchdrungen, aber das "mehr oder minder" deutet zugleich an, daß es bedeutende Unterschiede im Ausmaß der Heiligkeit von Dingen, Orten oder Personen gab, wobei die Unterschiede unter anderem mit dem Ausmaß der Spezialisierung im rituellen Bereich zusammenhingen. Weil der die Weltordnung bestimmende Mythos auch in der Gegenwart präsent gedacht wurde, beruhten die indigenen Religionen nicht auf einer Heilsgeschichte, sondern auf der Heiligkeit von Orten bzw. von Ritualgegenständen im Besitz von Verwandtschaftsgruppen. Religionen waren daher lokal- und verwandtschaftsspezifisch und hatten keinerlei universellen Geltungsanspruch. Die Idee der Bekehrung zu einer anderen Religion als der des bewohnten Orts oder der eigenen Verwandtschaft war daher in den meisten Fällen unsinnig.
Die Vorstellung von den indigenen Völkern Amerikas als gewissermaßen fossiler Repräsentanten einer ewigen Urzeit, die der englische Philosoph John Locke bereits im 17. Jahrhundert im Satz "Am Anfang war die Welt Amerika" zusammenfaßte, hat sich mittlerweile als radikaler Irrtum herausgestellt: Wie andere lebendige Kulturen auch waren die des eingeborenen Nordamerika einer stetigen Veränderung unterworfen. Andere europäische Vorurteile über "die Indianer" (wobei dieser Begriff selbst die größte Fehlmeinung darstellt) haben sich im Lauf der Zeit verändert und dabei häufig als Ausdruck des europäischen Zeitgeists entpuppt, der seine eigenen Wünsche und Befürchtungen gerne in der "indianischen Fiktion" verdinglichte. Galten die "Rothäute" früher als Inbegriff von Männlichkeit, Martialität und Führertum, stehen die "ersten Amerikaner" heute vielfach für Friedens- und Naturliebe, Matriarchat und Basisdemokratie. Es ist unübersehbar, daß im Zuge der indigenen Erfahrung mit dem europäischen Kolonialismus auch diese Vorurteile nicht wirkunglos blieben. Die Vorstellung von "dem Indianer" schlug sich in recht undifferenziertem Verhalten gegenüber der Vielfalt der angetroffenen Kulturen nieder und schuf so langfristig eine Schicksalsgemeinschaft, die durch pauschale Gesetzgebung auch in einem rechtlichen Sinn zu "Indianern" geworden war. Am Ende steht ein langsam einsetzender "Panindianismus", der die neuen Gemeinsamkeiten höher bewertet als die weiterhin bestehenden Verschiedenheiten.
Analoge Anpassungen an die kolonialen Verhältnisse trugen auch in manch anderer Hinsicht zur Entstehung neuer Gemeinsamkeiten (insbesondere im Bereich der Technologie, der materiellen Kultur, aber auch der Wirtschaft und Gesellschaft) zwischen den eingeborenen Völkern Nordamerikas bei, die aber in anderer Hinsicht durch die Schaffung neuer Unterschiede (etwa in Art und Ausmaß der Anpassung innerhalb einer und zwischen mehreren Bevölkerungen) wieder relativiert wurden.

Die koloniale Erfahrung

Die Erschließung und Eroberung Nordamerikas durch europäische Kolonisatoren vollzog sich in einem Zeitraum von mehr als vierhundert Jahren, wobei sich gewisse Stadien dieses Prozesses zeitverschoben von der Atlantikküste und dem Pazifik her nach der Mitte des Kontinents und nach Norden hin wiederholten: Einer oft diskontinuierlichen Phase des Erstkontakts folgte bei intensiverem Kontakt entweder eine Form der Koexistenz, bei der beide Seiten vor allem durch den Austausch von Gütern profitierten, oder der offene Konflikt - dies vor allem, wenn die Europäer als Siedler kamen und das Land selbst zum knappen Gut wurde. Waren die eingeborenen Amerikaner erst in eine durch wirtschaftliche oder militärische Mittel geschaffene Abhängigkeit geraten, glaubten die Eroberer, sie durch gezielte Veränderungen an die eigenen Vorstellungen von einer gesitteten Lebensweise anpassen zu können. Daß derartige Programme selbst gegenüber Abhängigen selten die beabsichtigte Wirkung zeigten, illustriert einerseits die komplexe Natur der im Zusammenhang mit dem Kulturkontakt ablaufenden Prozesse und macht andererseits deutlich, daß es allzu simpel wäre, die eingeborenen Völker Nordamerikas nur als passive Opfer und nicht als aktiv in diese Prozesse eingreifende Beteiligte zu sehen.
Eine Differenzierung der Kontaktphasen war durch den absoluten chronologischen Zeitpunkt des Kontakts sowie durch die von den indigenen und europäischen Kontaktpartnern mitgebrachten Voraussetzungen gegeben. Sieben europäische Mächte (und ihre amerikanischen Rechtsnachfolger) beteiligten sich aktiv an der kolonialen Erschließung Nordamerikas: Spanien, Frankreich, England, die Niederlande, Schweden, Dänemark und Rußland. (Die Wikinger, die im 10. Jahrhundert Grönland besiedelten und von dort kurzfristig auch nach Neufundland vorstießen, sollen hier außer Acht bleiben, weil ihre Kontakte mit den Eskimos und vielleicht auch anderen eingeborenen Völkern flüchtig waren und jedenfalls nicht zu deren Unterwerfung führten; im Gegenteil trugen diese Völker schließlich zur Aufgabe der transatlantischen Wikingersiedlungen bei.) Die frühesten regelmäßigen Kontakte datieren aus dem späten 15. Jahrhundert (um oder vor der Zeit der ersten Kolumbus-Reise) und betreffen englische und bald auch andere westeuropäische Fischer, die die Fischereibänke von Neufundland aufsuchten und mit den lokalen Bevölkerungen in regen Austausch traten. Obwohl diese Besuche zu keiner Siedlungskolonisation führten, waren die Beziehungen so intensiv, daß bis heute in den Sprachen der Küstenvölker Ostcanadas deutliche Lehnwortbestände aus dem Baskischen vorgefunden werden. Diesen vergleichsweise friedlichen Kontakten folgte entlang der gesamten Atlantikküste in den ersten Jahrzehnten nach Kolumbus eine Phase der Jagd auf die autochthone Bevölkerung, die von westeuropäischen Seefahrern als Sklaven über den Atlantik verschleppt wurde. Die ersten spanischen Kolonisationsversuche in Florida (Ponce de León, 1513), gefolgt von Erkundungen des Landesinneren, waren ebenso erfolglos wie die der Franzosen am kanadischen St. Lorenzstrom (Jacques Cartier, zwischen 1534 und 1542) und in Florida (René de Laudonnière, 1564) und wie auch die von Sir Walter Raleigh finanzierte Kolonie der Briten im Küstenland von North Carolina (1585). Sie stehen für die rasch zunehmende Zahl von Kontakten zwischen Europäern und eingeborenen Völkern Amerikas im Laufe des 16. Jahrhunderts.
Eine dauerhafte Besiedlung des Kontinents durch Europäer begann 1565 mit der Errichtung von Fort Augustine in Florida durch die Spanier, die 1598 auch Neu-México im südwestlichen Nordamerika gründeten, das sie sechs Jahrzehnte zuvor erstmals betreten hatten. Alle anderen Gründungen von Kolonien im 17. Jahrhundert erfolgten im Osten des Kontinents. Die Briten machten 1607 den Anfang in Virginia an der mittleren Atlantikküste und 1620 in Neu-England an der nördlichen Küste; weitere Gründungen gab es in den folgenden Jahrzehnten und bis ins 18. Jahrhundert (Georgia, 1733). Die Franzosen setzten sich 1609 in Canada fest und stießen im späten 17. Jahrhundert den Mississippi abwärts nach Louisiana vor, das sie ab 1699 besiedelten. 1624 etablierten sich die Niederländer im heutigen Staat New York, doch fiel ihre Kolonie der Neuen Niederlande 1664 an die Briten, ebenso wie das 1638 am Delaware gegründete Neu-Schweden, das die Niederländer sich bereits 1655 einverleibt hatten. Während an der Ostflanke Amerikas die Dänen ab 1721 das geographisch und ethnographisch zur Neuen Welt zählende Grönland in Besitz nahmen, stießen die Russen nach 1740 im Zuge ihrer Expansion in Sibirien über die Beringstraße südwärts nach Alaska (und im 19. Jahrhundert bis Kalifornien) vor. Die Spanier waren daraufhin bemüht, ihren Besitzanspruch auf die Pazifikküste Nordamerikas zu wahren, und versuchten, sich ab 1774 ebenfalls in Nordwestamerika festzusetzen, kurz bevor James Cook auf seiner 3. Weltreise 1778 feststellte, daß die von ihm billig dortselbst erworbenen Seeotterfelle mit enormem Gewinn in China zu verkaufen waren, was wiederum die Attraktivität der Küste für europäische und amerikanische Händler erhöhte.
Mittlerweile hatte Frankreich 1763 Canada an die Briten verloren, während Louisiana an Spanien fiel. Die dreizehn englischen Kolonien erklärten sich 1776 für unabhängig und wurden nach dem Sieg im Unabhängigkeitskrieg 1783 endgültig zu den Vereinigten Staaten von Amerika, die 1803 das mittlerweile wieder an Frankreich gefallene Louisiana von Napoleon erwarben. Die Anglisierung des Subkontinents setzte sich 1818 mit der Einverleibung des spanischen Florida fort, 1845 annektierten die USA die Republik Texas, 1849 wurde der Rest des ehemals spanischen (und nun mexikanischen) Nordamerika erobert. 1867 schließlich erwarben die USA Alaska von Rußland. Im selben Jahr verbanden sich die englischen Provinzen Canadas (einschließlich des frankophonen Québec) in einer Konföderation zum zweiten angelsächsischen Nationalstaat in Nordamerika. Während damit das Ende der klassischen Kolonialreiche in Nordamerika weitgehend erreicht war (sieht man von Grönland ab, das erst 1979 die Autonomie erlangte und 1985 aus der Europäischen Gemeinschaft austrat), setzte sich die Kolonisation des Kontinents weiter fort. In Teilen der kanadischen Arktis intensivierte sich der Kontakt mit der westlichen Zivilisation erst im 20. Jahrhundert.
Unbeschadet des überstrapazierten Bilds der puritanischen Siedler als Flüchtlinge auf der Suche nach einer in England verwehrten Religionsfreiheit kann nicht übersehen werden, daß das Profitstreben in verschieden abgewandelter Gestalt das Hauptmotiv für die europäische Invasion der Neuen Welt darstellte - gleich, ob man sich den Reichtum aus der Extraktion edler Metalle, aus dem Handel mit Tierfellen, aus der Plantagenwirtschaft oder auch nur aus einer in Europa nicht möglichen Existenzgründung, z.B. als Bauer, erwartete. Die auf biblisches Gebot zurückgehende Absicht zur Bekehrung der indigenen Bevölkerungen diente den Kolonialmächten generell zur Legitimation der Landnahme, wurde aber in der Praxis mit äußerst unterschiedlichem Eifer und Ernst verfolgt.
Das spanische Programm, wie es etwa im Südwesten Nordamerikas in die Tat umgesetzt wurde, zielte eindeutig auf die gleichzeitige Christianisierung und Zivilisierung der als Barbaren eingestuften amerikanischen Völker: Seßhaftigkeit in aus Lehm oder Stein errichteten Häusern in Städten schien die notwendige Voraussetzung für die Ausübung der königlichen Macht auf der Grundlage der Gesetze zu sein; sie war auch Grundlage für die Bekehrung zu christlichem Glauben und ebensolcher Gesittung, die als essentielle Merkmale ein Mindestmaß an Kleidung und ein Familienleben auf Grundlage der Einehe einschloß. Dort, wo man (wie im Pueblogebiet des südwestlichen Nordamerika) bereits in festen Häusern seßhafte Feldbauern antraf, waren Unterwerfung und Zwangschristianisierung nicht erst an die Durchführung eines Zivilisationsprogramms gebunden, dem sich die nicht-seßhaften Gruppen (wie z.B. die benachbarten Apachen) jederzeit durch Abwanderung entziehen konnten. Hier wie anderwärts erwiesen sich die am wenigsten kompliziert strukturierten Gesellschaften als besonders widerstandsfähig gegen eine rasche Europäisierung ihrer Lebensweise.
Der spanische Kontakt mit den Pueblovölkern war auch durch die über lange Zeit hinweg recht geringe Zahl der weißen Siedler in Neu-México bestimmt, wobei die Siedler sich auf Länder konzentrierten, die von den indigenen Völkern traditionell nicht genutzt worden waren. Auseinandersetzungen um das Land blieben so meist im Hintergrund. Andererseits hatten die Missionare die größten Schwierigkeiten, die in der Pueblokultur und -gesellschaft tief verwurzelte traditionelle Religion auszurotten und durch das Christentum zu ersetzen. Drastische Versuche, dies durch Hinrichtung religiöser Anführer zu bewerkstelligen, führten schließlich 1680 zur Pueblo-Revolte und zur zeitweiligen Vertreibung der Spanier, die erst ab 1692 mit ihrer Reconquista begannen. Danach ließ man die eingeborenen Priesterschaften ungestört, solange die Pueblobewohner nur sonntags zur Kirche gingen und der Anschein des Christentums gewahrt blieb. Die zunehmende militärische Bedrohung der Kolonie durch die nomadisierenden Apachen half bei der Integration der Puebloleute in das spanische Kolonialsystem, dem sie - von den Apachen gleichermaßen bedroht - gerne militärische Hilfsdienste leisteten.
Auch die Briten beriefen sich in der Legitimation ihrer Landnahme jenseits des Atlantik auf den christlichen Missionsauftrag, ließen den Worten aber nur in beschränktem Umfang Taten folgen. In Virginia, der ersten permanenten englischen Kolonie in Nordamerika, beschränkte sich das formelle Bekehrungswerk in den ersten 15 Jahren im wesentlichen auf die Taufe der Häuptlingstocher Pocahontas, die den Kolonisten John Rolfe ohne diesen Schritt nicht hätte ehelichen können, und brach nach dem militärischen Versuch der Ureinwohner der Kolonie im Jahr 1622, die landhungrigen Kolonisten zu vertreiben, endgültig zusammen. Erst nach mehr als einem Jahrhundert der Auflösung der traditionellen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen (und damit auch der Grundlage der Sinngebung durch die alten Religionen) wurden die Nachkommen der Ureinwohner zu Christen, wobei ihnen die neue Religion vielfach als Mittel zur Erhaltung einer kollektiven Identität diente. Nicht unähnlich war die Lage in Neu-England, wo gezielte Missionstätigkeit (freilich schon im 17. Jahrhundert) erst dann einsetzte, als die eingeborenen Völker meist auf militärischem Weg ihre Autonomie eingebüßt hatten. Am bekanntesten wurden die vom Missionar John Eliot gegründeten Praying Towns in Massachusetts, in denen zu Puritanern konvertierte Eingeborene nach selbst für Weiße strengen Sittengesetzen selbstverwaltet leben konnten, bis der im und nach dem Krieg mit dem Pokanoket-Häuptling King Philip von 1675 aufwallende Indianerhaß der Siedler auch diesem heiligen Experiment ein Ende bereitete. Abgesehen von lokal begrenzten Konversionserfolgen der Briten war die überregional erfolgreichste Missionstätigkeit in den englischen Kolonien die der aus den Ländern der Böhmischen Krone stammenden Herrenhuter (oder "Mährischen Brüder") im 18. Jahrhundert.
Der geringe Bekehrungsaufwand, den die Briten betrieben, hängt sicher mit den grundsätzlich unterschiedlichen Voraussetzungen ihrer Kolonisationsbestrebungen zusammen. Im Gegensatz zur spanischen Kolonisation des amerikanischen Südwestens beruhte die der Engländer in hohem Ausmaß auf der Ansiedlung von Auswanderern, wobei es sehr schnell zum Konflikt mit den eingeborenen Vorbewohnern um die knappe Ressource Land kam, der selten auf friedliche Weise zu lösen war. Die im Zuge der kolonialen Expansion sich stets aufs neue wiederholenden Verdrängungskriege gegen meist seßhafte und selbst Bodenbau treibende Völker führten zu deren Abdrängung nach Westen oder in eigens für die verbliebenen Restbevölkerungen eingerichtete Reservate. In dieser Hinsicht, wie auch in der Betonung der Notwendigkeit bilateraler Verträge zwischen der britischen Krone und den indigenen Völkern zur Legitimation der Landnahme (ihrerseits letztlich ein spezifischer Ausdruck des Souveränitätsanspruchs der Krone, der den unmittelbaren Landerwerb von eingeborenen Völkern durch Siedler verbot), unterschieden sich die Engländer nicht nur von den kolonialen Mitbewerbern in Nordamerika, sondern prägten auch die von den USA und Canada (mit etwas verschobenen Akzenten) später praktizierte Indianerpolitik. Der Wunsch, die "Indianer" zu assimilieren und zu integrieren, wurde zwar immer wieder zum Ziel einer solchen Politik erklärt, doch führten Vorbehalte gegenüber einer Vermischung der "Rassen" und die Isolation in den Reservaten langfristig eher zur Beibehaltung der Unterschiede, die durch die Vertragspraxis und die damit verbundene Anerkennung eines gewissen Ausmaßes an fortbestehender Souveränität auch auf politischer Ebene festgeschrieben wurden. Die britische Krone (wie später die amerikanische Regierung) übernahm als "großer weißer Vater" mit der Verantwortung für die bilateralen Beziehungen auch eine Schutzfunktion für die eingeborenen Völker gegenüber den hemmungslos westwärts drängenden weißen Siedlern.
Die Abhängigkeit der britischen Indianerpolitik von den äußeren Umständen offenbart sich deutlich in Canada, wo in der Kolonialzeit die Landnahme durch Siedler neben dem Pelzhandel nur eine verhältnismäßig geringe Rolle spielte. In der Folge kam es im Norden und Westen Canadas zur Übernahme einer administrativen Kontrolle der indigenen Völker im Auftrag der Krone durch die monopolistische Hudson's Bay Company, deren Geschäftsinteressen die Erhaltung eines friedlichen Einvernehmens mit und zwischen den Urbevölkerungen nahelegten. Langfristig erkannten die Händler auch den strategischen Vorteil, der sich für sie durch Einheirat in indigene Kommunitäten ergab. Dies gilt auch für jene Teile des Südostens von Nordamerika, die im 18. Jahrhundert noch westlich der Siedlungsgrenze lagen und wo aus der Verbindung von meist schottischen Händlern mit Frauen aus einflußreichen Familien, insbesondere bei den sogenannten "Fünf Zivilisierten Stämmen" (Cherokee, Creek, Seminole, Choctaw, Chickasaw), eine neue Elite entstand. Dieser Vorgang wurde durch die dort vorherrschende Matrilinearität gefördert, nach welcher die Kinder der Händler als Mitglieder der Matrisippen ihrer Mütter auch Stammesmitglieder waren, während sie durch ihre Väter Zugang zur Welt der Weißen besaßen.
Daß das oft zitierte Desinteresse der Briten an "den Indianern" nur das der britischen Siedler an ihren Konkurrenten um die Landbasis war, zeigt auch das Beispiel der französischen Kolonialpolitik in Nordamerika, die durch die geographische Lage von Neu-Frankreich primär von Interessen des Pelzhandels und nicht der Siedlungskolonisation geprägt war. Bei der Ausbeutung dieser Ressource bedurfte man der indigenen Völker als Jäger und ihrer Transporttechnologie (Rindenboote) zur Verbringung der Pelze zu den schiffbaren Gewässern, die eine Anbindung der amerikanischen Hoch- und Hinterwälder an die Zentren des Weltmarkts und des damit verbundenen kapitalistischen Weltsystems ermöglichte. Auf politischer Ebene begründeten die Franzosen Allianzen mit indigenen Völkern, die ihnen Handelsvorteile und den alliierten Völkern Hilfe gegen ihre traditionellen Feinde versprachen. Die Rekollekten, vor allem aber die Jesuiten entfalteten eine rege Missionstätigkeit auch unter nomadisierenden Völkern, die Bekehrung und die zur Assimilation nötige "Zivilisierung" zum Ziel hatte, andererseits aber eine Erlernung der indigenen Sprachen und eine gewisse Toleranz für manche Äußerungen einer traditionellen Kultur einschloß. Ehen zwischen Franzosen und "Indianern" wurden auch offiziell als assimilationsförderlich gutgeheißen. Dort, wo - wie in Louisiana - die Franzosen als Siedler auf bodenbautreibende Völker trafen, blieb andererseits ein ebenfalls bis zum Vernichtungskrieg reichender Konflikt mit den Urbewohnern nicht aus.
Die geringe Ausprägung des missionarischen Impulses bei den primär am Pelzhandel interessierten Holländern im Zuge ihrer vierzig Jahre währenden Kolonialherrschaft im Umfeld des heutigen New York wird gerne mit der Säkularität des Lebens in den Niederlanden und der kosmopolitischen Einstellung ihrer Bürger erklärt. (Daß sich die kalvinistischen Missionare ähnlich wie ihre englischen Kollegen mit der Verbreitung einer reinen "Wortreligion" schwerer taten als die Katholiken mit ihrer stark von sichtbaren Symbolen geprägten "Festreligion", ist sicher richtig, auch wenn es genügend Beispiele für die Konversion ganzer indigener Gruppen zu evangelischen Konfessionen gibt.) Das Phänomen hat aber auch etwas mit dem für die holländischen Kolonien auch anderwärts typischen Apartheid-Denken zu tun, das einer Vermischung der Völker abgeneigt war, weil die Holländer aus dem Fortbestehen indigener Kommunitäten und nicht aus ihrer Assimilation wirtschaftliche Vorteile zu ziehen gedachten. Daß der holländische Gouverneur Willem Kieft als Erfinder der "Skalpprämien" gilt, mit denen man alliierte eingeborene Krieger für die Ausschaltung von feindlichen Eingeborenen entlohnte, ist nur ein Beispiel für die Förderung auch als unzivilisiert betrachteter Eigenheiten der "Indianer", solange dies den eigenen Interessen nützlich war. (Entgegen anderslautenden Meldungen war das Skalpieren selbst im östlichen Nordamerika eine voreuropäische Praxis, die durch die Prämien, mehr noch aber durch die Verfügbarkeit scharfer Eisenmesser, lediglich gefördert wurde.) Andererseits erkannten die Holländer die Landrechte der Eingeborenen in den Neuen Niederlanden an und erwarben Land von ihren Nachbarn durch Kauf.
Die russischen Kolonialbestrebungen in Alaska begannen als Fortsetzung der Eroberung Sibiriens im Interesse des Pelzhandels, nahmen aber mit der Errichtung der monopolistischen Russisch-Amerikanischen Gesellschaft im Jahr 1799 eine etwas andere Entwicklung. Wie im Fall der Hudson's Bay Company übernahm auch die russische Handelsgesellschaft in Alaska Regierungsaufgaben. Während die zuvor auf brutale Weise unterworfenen Aleuten zu russischen Untertanen und orthodoxen Christen geworden waren, hielten die militärisch überlegenen Tlingit in ihrem Wohngebiet an der Küste des südlichen Alaska die Russen auf den Handelsposten von Sitka beschränkt und verweigerten sich lange Zeit einer Christianisierung. Ähnlich wie im Fall der Niederländer war der Zeitraum der russischen Herrschaft in Nordamerika zu kurz, um ein klares Programm zielgerichtet verwirklichen zu können; größere Fortschritte eines russischen "Zivilisierungsprogamms" gab es erst in den letzten 25 Jahren vor dem Verkauf von Alaska an die USA, der diese Erfolge zugleich wieder zunichte machte. Als Vermächtnis der Russen blieb den Amerikanern vor allem das ungelöste Problem der Landrechte, das von den USA erst mehr als hundert Jahre später im Alaska Native Claims Settlement Act von 1971 einer ansatzweisen Lösung zugeführt wurde.
So verschieden wie die europäischen Zielvorstellungen waren auch Reaktionen der indigenen Völker auf den zu Beginn unerwarteten Kontakt mit den Europäern, die man vielfach (wenn auch niemals sehr lange) wegen ihrer technologischen Überlegenheit, aber auch wegen ihrer schier unerklärlichen Fremdheit, für übernatürliche Wesen hielt. So brachten die Nootka von Vancouver Island nach der Ankunft der Schiffe der Cookschen Expedition getrocknete menschliche Leichenteile an Bord und mimten dabei den Vorgang des Essens; die Briten fragten sich, ob sie es wohl mit Kannibalen zu tun hätten, waren aber vorsichtig genug, dies mangels eindeutiger Beobachtungstatsachen zu bezweifeln. In der Tat ist es wahrscheinlicher, daß die Nootka die Briten für menschenfressende, übernatürliche Wesen hielten, die man auf diese Weise zu beschwichtigen suchte. Ebenso baten die Nootka um Erlaubnis, hölzerne Schnitzwerke, die möglicherweise Ahnen darstellten, auf und unter Deck aufstellen zu dürfen, wohl, um sich so gegen die vermutete Bedrohung durch die Fremden zu schützen.
Militärischer Widerstand gegen die Kolonisten fand sich, abgesehen von Situationen des Erstkontakts, bei denen die blanke Furcht oder Abscheu vor dem Fremden die Neugierde überwog, hauptsächlich bei den seßhaften Bodenbauern, die von den Siedlern im ruhigen Besitz ihres Landes beeinträchtigt wurden. Aber auch in diesen Situationen war Krieg nur ein letzter, selten beschrittener Ausweg: Einerseits erkannte man bald die waffentechnische Überlegenheit des Gegners und andererseits bedeutete ein militärischer Konflikt meist auch einen erschwerten Zugang zu den begehrten Produkten der euroamerikanischen Zivilisation. Kriegerische Gewalt war allerdings nicht nur eine Reaktion auf die Bedrängung durch die Kolonisten, sie ging auch von den eingeborenen Völkern selbst aus, für die Krieg vielfach das klassische Mittel des Gewinns von Sozialprestige und eine akzeptable Methode zur Aneignung von fremdem Gut durch Plünderung darstellte. Pazifisten fanden sich nur unter jenen Völkern, wie manchen Gruppen des intermontanen Beckens oder der Eskimos, denen ihre eigene Unterlegenheit deutlich bewußt war, deren soziale Integration zur Durchführung gemeinsamer Kriegshandlungen zu wenig entwickelt war oder für die eine kriegerische Auseinandersetzung die normalen wirtschaftlichen Überlebensstrategien gefährdet hätte.
Die Bildung von Allianzen und Konföderationen, unter denen die bekannteste die wohl im späten 16. Jahrhundert gegründete Liga der Iroquois (Irokesen) aus fünf (später sechs) verbundenen Völkern darstellt, waren eine häufige Reaktion auf die Bedrohung durch die europäischen Kolonialmächte, aber, wie bereits angedeutet, alliierte man sich ebenso oft mit der einen oder anderen europäischen Kolonialmacht gegen alte indigene Feinde, wie umgekehrt. Auch die frühesten panindianischen Ideen, die aus dem Versuch des gemeinsamen Widerstands gegen die jeweils vorherrschende Kolonialmacht entstanden, schlossen regelmäßig konkurrierende Kolonialmächte ein. Die vom Ottawa-Anführer Pontiac 1763 gegen die Briten geführte Koalition paktierte insgeheim mit den in Detroit verbliebenen Franzosen, so wie der Shawnee Tecumseh im Krieg von 1812/13 seine "internationale" Streitmacht gemeinsam mit den Briten gegen die Amerikaner führte.
Die überwiegend friedliche Reaktion der indigenen Völker auf den kolonialen Prozeß kann aber keineswegs als pauschale Zustimmung zu den von den Europäern angebotenen Zivilisationsprogrammen gedeutet werden. Ganz im Gegenteil waren viele der Prozesse der Akkomodation und Akkulturation keineswegs auf eine langfristige Verschmelzung mit der euroamerikanischen Kultur oder Gesellschaft angelegt. Sie beinhalteten nicht nur ein stark selektives Moment, durch das nur die für die übernehmende Kultur interessanten Teile des Zivilisationsangebots angenommen wurden, sondern sie waren manchmal auch Teile von Prozessen des kulturellen Widerstands und der Dissimilation. Das Bild der europäischen Eisenaxt, die, von den indigenen Völkern zum Tomahawk umgestaltet, sich gegen ihre Erzeuger und Lieferanten richtet, symbolisiert treffend einen Teil der Wirklichkeit der kolonialen Beziehungen. Andererseits waren nativistische oder Revitalisierungsbewegungen, in denen indigene Völker ihre Abkehr von der als Bedrohung empfundenen Überfremdung durch die Kolonisten demonstrierten, häufig begleitet von Lehren, in denen eine Anpassung an das euroamerikanische Wertsystem vollzogen wurde.
Ein anderer Aspekt dieser Wirklichkeit war die unterschiedliche Deutung derselben Handlungen durch die Teilnehmer an der interkulturellen Interaktion. Bei politischen Verhandlungen zwischen indigenen und euroamerikanischen Partnern hatte sich im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts ein Protokoll herausgebildet, das Wesenszüge der beiden Traditionsstränge zu verbinden schien. Reden wurden gehalten, die sich der metaphorischen Verwandtschaftsbezeichnungen, wie sie zwischen indigenen Völkern üblich waren, bedienten, und durch den Austausch von aus Schneckenschalenperlen hergestellten Wampumgürtel bestärkt, die als Gegenstandsschriften dienten. Geschenke wurden ausgetauscht und formelle Verträge besiegelt. Man geht jedoch nicht fehl in der Annahme, daß für die Europäer das aufwendige Zeremoniell lediglich ein Mittel zur Erlangung der Zustimmung zu einem Vertrag darstellte, während für die indigenen Völker das Zeremoniell selbst die bedeutsame politische Handlung darstellte, deren spätere Geringachtung als mangelnde Vertragstreue ausgelegt wurde. Bei Landabtretungen ist es fraglich, ob die Konzepte des Grundeigentums und seiner Übertragung, bzw. von der zeitweisen Überlassung von Nutzungsrechten an unveräußerbarem Kollektivbesitz, von beiden Seiten übereinstimmend gedeutet wurden, wobei die Euroamerikaner, die langfristig ihre Rechtsordnung als verbindlich für alle durchsetzen konnten, bei der Behandlung von Streitfällen strategisch deutlich besser positioniert waren.
Weitgehend ohne Rücksicht auf die Programme der Kolonialmächte und auf die Strategien der betroffenen Völker verlief die demographische Entwicklung - der für das Verhältnis von indigenen Völkern und Siedlern wahrscheinlich bedeutendste aus dem Zusammenprall alt- und neuweltlicher Bevölkerungen entstehende Prozeß. Bereits in der Epoche der frühesten Kontakte zwischen indigenen Völkern und Europäern zeigten sich erstere besonders anfällig für aus Europa eingeschleppte Krankheiten, gegen die die neuweltlichen Bevölkerungen keine entsprechenden Widerstandskräfte entwickelt hatten. Nicht nur auch in der Alten Welt epidemische Erkrankungen, wie Pocken oder Masern, machten dabei den eingeborenen Amerikanern zu schaffen, auch grippale Infekte rafften in kurzer Zeit ganze Völker hinweg und breiteten sich noch vor den Kolonisten selbst ins Landesinnere aus. Die Europäer sahen, sofern sie das Phänomen aus nächster Nähe beobachten konnten, darin oft (und im Vorgriff auf die im 19. Jahrhundert ausformulierte Ideologie des manifest destiny) einen Fingerzeig Gottes, der dem kolonialen Ziel gewogen zu sein schien. Den betroffenen Völkern stellte sich das Massensterben als Folge des überlegenen Schadenzaubers der Fremden dar, führte aber auch zu ernsthaften Zweifeln an den ideologischen Grundlagen der eigenen Religionen. Die Folge davon war eine Verstärkung des Heilaspekts im indigenen Zeremonialismus, aber auch eine Hinwendung zum Christentum als Form der religiösen Heilung, die dem Ursprung der eingeschleppten Krankheiten angemessen war.
Das Ausmaß des Rückgangs der indigenen Bevölkerungen Nordamerikas in der Kolonialzeit läßt sich bis heute nur erraten, weil die Größe der ursprünglichen Bevölkerung unbekannt ist und meist nur durch Annahme bestimmter Entvölkerungsquoten hochgerechnet wird. Ältere Annahmen einer voreuropäischen Bevölkerungszahl in Nordamerika von rund einer Million Menschen haben sich als sicher zu niedrig herausgestellt, vor allem, weil sie die der Siedlungsgrenze vorauseilende Entvölkerung nicht erfaßten. In jüngerer Zeit genannte Zahlen von bis zu 20 Millionen scheinen sehr hoch gegriffen zu sein; sie sind zwar theoretisch denkbar, stellen aber ein Problem bei der Bewertung des urgeschichtlichen Befunds dar, der bislang unter Annahme einer deutlich geringeren Bevölkerung gedeutet wurde. Der Tiefstand der Bevölkerungskurve (die allerdings in den einzelnen Regionen alles andere als einheitlich verlief) wurde erst um das Jahr 1900 erreicht, als man in Nordamerika rund eine halbe Million "Indianer" (einschließlich zahlreicher Mischlinge) zählte. Seither hat die als "sterbende Rasse" apostrophierte eingeborene Bevölkerung Nordamerikas wieder rasch an Zahl zugenommen, wobei die für 1990 ausgewiesene Zahl von rund 3 Millionen - wenn auch aus anderen Gründen - ebenso zweifelhaft ist wie die Schätzungen der voreuropäischen Bevölkerungszahl.
Die eingeschleppten Krankheiten stellen nur den bei weitem wichtigsten Faktor des indigenen Bevölkerungsschwunds dar; dazu kamen die Folgen der in der Kolonialzeit dank effektiverer Waffen und neuer Gegner intensivierten Kriegsführung, insbesondere aber der Gebrauch des in Nordamerika voreuropäisch unbekannten Alkohols, der nicht nur enorme wirtschaftliche und soziale Schäden anrichtete, sondern auch direkt und indirekt die Mortalität der indigenen Völker sprunghaft erhöhte. Genozid, nur selten und kurzzeitig als Mittel der offiziellen Politik eingesetzt, wenngleich gelegentlich geduldet, hatte im Vergleich dazu kaum Bedeutung.
Eine wesentliche Folge des Bevölkerungsrückgangs war, ähnlich wie im México des 16. Jahrhunderts, die größere Leichtigkeit der Landnahme durch die Kolonialmächte und eine gesteigerte wirtschaftliche und soziale Bedeutung der europäischen Siedler und Händler für die verbliebenen eingeborenen Völker, die auf marginales Land abgedrängt worden waren. Die Dezimierung der Bevölkerung führte notwendigerweise zur Neugruppierung der Überlebenden, das heißt, zur Ethnogenese durch Fusion der Restgruppen. Auch Fission, die Aufspaltung von Völkern, war ein durch die koloniale Situation hervorgerufener Prozeß: Die im späten 18. Jahrhundert aus den Unteren Creek hervorgegangenen Seminolen in Florida stellen das bekannteste Beispiel dafür dar. Ein dritter wichtiger ethnogenetischer Prozeß kann im weitesten Sinn als Mestizisierung bezeichnet werden. Im Gegensatz zu Lateinamerika, wo dieser Prozeß ein überwiegend sozialer war und die Integration von aus traditionellen Verbänden herausgelösten Mitgliedern in eine Unterschicht der herrschenden euroamerikanischen Gesellschaft bezeichnet, besaß er in Nordamerika einen deutlicheren bevölkerungsbiologischen Aspekt und führte auch zur Herausbildung neuer, distinktiver ethnischer Gruppen und nicht lediglich sozialer Klassen. So entstanden aus der Vermischung von Ojibwa, Cree und anderen subarktischen Völkern mit französischen (und in geringerem Ausmaß auch britischen) Pelzhändlern die heute in Canada als eingeborene Bevölkerung anerkannten Metis, die neben dem Gefühl der Zusammengehörigkeit und einer unterschiedlichen Kultur auch Sprecher einer eigenen (heute im Verschwinden begriffenen) Sprache, des Michif, sind. Ähnlich gingen aus der Vermischung von indigenen Völkern, Weißen und afrikanischen Amerikanern (entlaufenen Sklaven, aber auch "freien Personen von Farbe") insbesondere im Südosten der USA neue Völker, wie die Lumbee in Nord-Carolina, hervor, die sich heute so gut wie alle selbst als Indianer identifizieren. Daneben erfolgte ein genetischer Austausch zwischen indigenen und euro- bzw. afroamerikanischen Bevölkerungen, sodaß heute viele Mitglieder von Stämmen genetisch (wenn auch nicht kulturell) überwiegend von Weißen abstammen, so wie es auch unter den Weißen und Schwarzen viele Nachkommen von "Indianern" gibt.
Ein zweiter Prozeß, der das Schicksal der indigenen Völker nachhaltig beeinflußte, war ihre Integration in ein weltumspannendes Wirtschaftssystem. Die Attraktivität der Kolonisten für die amerikanischen Urbevölkerungen bestand nicht unwesentlich in ihrer Fähigkeit, bestimmte Fertigprodukte zu liefern, für deren Herstellung den eingeborenen Völkern die technologischen Kenntnisse und/oder Rohstoffe fehlten. Eisengeräte aller Art, von Messern über Äxte zu Nadeln, waren den bisher benutzten entsprechenden Geräten aus Knochen, Stein oder Holz offensichtlich weit überlegen; ihr Besitz bedeutete in erster Linie eine Erleichterung oder Verbesserung der traditionellen Lebensbedingungen. Dasselbe gilt für Glasperlen, die nicht nur in verschiedenen Farben lieferbar waren, sondern auch die Mühe der Herstellung von Muschelschalenperlen ersparten; für Tuchstoffe, die auf Webstühlen und in Garnen hergestellt waren, die den amerikanischen Endverbrauchern wunderbar und unerklärlich erscheinen mußten; für Zucker, manchmal für Salz und so gut wie immer für Alkohol; und für eine Vielzahl anderer, (teilweise nicht) notwendiger Güter des einfachen und gehobenen Gebrauchs. Diese begehrten Waren gab es im Tausch gegen Dinge, die man oft ohnedies im Überfluß produzierte, wie die Felle von Rotwild oder Pelztieren, die man mit den eingetauschten Feuerwaffen und Stahlfallen noch leichter fangen konnte als bisher.
So wie die neolithische Revolution, die den Menschen vom Jäger zum Bauern werden ließ, ihn unerbittlich und so gut wie unumkehrbar zum Sklaven seiner Felder und Herden machte und seine tägliche Arbeitszeit als Gegenleistung für die größere Anhäufung von Gütern zumindest verdoppelte, so gerieten auch die indigenen Völker durch die Annahme der Zivilisationsgüter in einen vorerst irreversiblen Zustand der Abhängigkeit von ihren Lieferanten. Schon ein bis zwei Generationen reichten aus, und die Jäger hätten, nur mit Pfeil und Bogen ausgerüstet, den Überlebenskampf kaum noch überstanden. Was anfangs Luxus und Erleichterung bedeutet hatte, war schnell zur Lebensnotwendigkeit geworden. Mit dem Umbau von einer auf Selbstversorgung ausgerichteten Nahrungswirtschaft auf eine auf die Produktion eines Rohstoffs für den Handel ausgerichtete Wirtschaftsform entstand aber letztlich nicht nur die Abhängigkeit von einem bestimmten Händler, dem man drohen oder aus dem Weg gehen konnte, sondern von einem fernen System, über das man überhaupt keine Kontrolle zu haben schien. Bei jedem Bocksprung, den die Herrenmode in London oder Paris machte, stiegen oder fielen die Fellpreise an der Hudson Bay und am St. Lorenzstrom. (Die Abhängigkeit von einem anonymen System setzt sich heute auf andere Art und Weise fort, indem das grundsätzlich notwendige Instrument der staatlichen Fürsorgetätigkeit vielfach zum Suchtgift der indigenen Völker geworden ist.)
Daß die auf eine einzige Ressource spezialisierte Ausbeutung auch zur Verknappung oder gar Ausrottung des entsprechenden Tierbestands führen konnte, hatten die neuen Nutznießer der Marktwirtschaft auch nicht bedacht. Die Erfahrung machte manche Völker zu dem, was das Stereotyp heute allen "Indianern" unterstellt: zu Naturschützern par excellence. Sie führte aber auch zu Kriegen gegen benachbarte Völker, die einer Ausweitung oder Verlagerung der Jagdterritorien im Wege standen.
Nicht alle Völker waren von dieser Situation gleichermaßen berührt, aber auch diejenigen, die nicht voll in den Pelzhandel einstiegen, machten den Übergang von einer Subsistenzwirtschaft zu einer Tausch- und schließlich zu einer Geldwirtschaft durch. Alle Völker waren von den technologischen und ökonomischen Veränderungen betroffen, die durch die europäische Invasion Amerikas ausgelöst worden waren, gleich, ob sie von der Einführung des Pferdes profitierten oder von der Einbindung in den Sklavenhandel (als Händler und Gehandelte) betroffen waren. Die indigenen Völker haben in den daraus resultierenden Prozessen eine wichtige und eigenständige Rolle gespielt und sind unterschiedlich gut mit den Herausforderungen einer im Umbruch befindlichen Welt fertig geworden. Das Ausmaß, in dem sie fünf Jahrhunderte kolonialer Herrschaft überlebt haben, nötigt in jedem Fall Respekt ab.

Literatur

So wie der vorangegangene Beitrag nur einige ausgewählte Fragen aus der Themenvielfalt des hier behandelten Problemkomplexes darstellen konnte, so stellt auch das Literaturverzeichnis nur eine bescheidene Auswahl aus der vor allem in den letzten 20 Jahren angeschwollenen Flut von historischen und ethnologischen Veröffentlichungen dar. Ziel der Auswahl war eine möglichst gleichmäßige Abdeckung von Themen und Regionen, wobei ein Übergewicht an Literatur über das nordöstliche Nordamerika ebenso unvermeidbar war, wie das Vorherrschen der englischsprachigen Literatur durchaus der Forschungssituation entspricht.

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