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Michael Mitterauer, Nobert Ortmayer

Einleitung

Quelle: HSK 9: Familie im 20. Jahrhundert. Traditionen, Probleme und Tendenzen im Kulturvergleich. Herausgegeben von Michael Mitterauer und Norbert Ortmayr. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel; Wien: Südwind; 1997. S. 9 - 12.

Der vorliegende Reader hat die familienhistorische Entwicklung während des 20. Jahrhunderts in mehreren kulturellen Großräumen zum Thema. Die Beiträge wurden von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen - von HistorikerInnen, Afrikanistinnen, einem Anthropologen, einer Sinologin sowie einer Japanologin (Margret Neuss-Kaneko: Vom "ie" zu "mai homu". Die Entwicklung in Japan) - verfaßt. Dementsprechend unterschiedlich sind auch die Zugänge, mittels derer das Thema erschlossen wird. Gemeinsam ist allen Beiträgen eine historische und eine vergleichende Perspektive. Bei den Beiträgen handelt es sich nicht um originäre Forschungsarbeiten, sondern um Syntheseleistungen. Ziel des Bandes ist es einerseits, dem deutschsprachigen Leserpublikum einen raschen Zugang zur internationalen Forschungsliteratur zu ermöglichen, andererseits sollen unterschiedliche Themen angesprochen werden, die sich für kulturvergleichende familienhistorische Forschung(en) eignen könnten.
Im Zentrum des Bandes steht die Untersuchung der Vielfalt an Formen und Faktoren familialen Wandels im 20. Jahrhundert. Als Ausgangspunkt können John Hajnals Studie über das europäische Heiratsverhalten (1) sowie William Goodes "World Revolution and Family Patterns" (2) genommen werden.
Beide Arbeiten stammen aus den 1960er Jahren. Sie sind heute natürlich in einzelnen Aspekten revisionsbedürftig; trotzdem bieten sie noch immer sehr nützliche raum-zeitliche Grobstrukturen, in denen familienhistorische Entwicklungen verankert werden können.
Hajnal beschrieb in "European Marriage Pattern in Perspective" zum einen die Einzigartigkeit des europäischen Heiratsverhaltens, also des hohen Heiratsalters und der hohen Ledigenquoten in West-, Mittel- und Nordeuropa im interkulturellen Vergleich. Zum anderen stellte er fest, daß die Gesellschaften West-, Mittel- und Nordeuropas seit den 1940er Jahren einen enormen Heiratsboom erlebten, der zu einem raschen Rückgang des durchschnittlichen Heiratsalters führte. Was Hajnal nicht betonte, war, daß sich auch außerhalb Europas ein revolutionärer Wandel des Heiratsverhaltens anbahnte. Dieser Wandel verlief nun gerade in die entgegengesetzte Richtung. Menschen begannen dort immer häufiger ihre Ehen hinauszuzögern. In einigen Gesellschaften verlief dieser Anstieg des Heiratsalters geradezu dramatisch. So stieg z.B. in Taiwan das durchschnittliche Heiratsalter der Frauen zwischen 1905 und 1990 von 18,2 auf 25,8 Jahre an. Hier vollzog sich also innerhalb einiger Jahrzehnte ein Prozeß, für den Europa mehrere Jahrhunderte benötigt hatte. Der Anstieg des weiblichen Heiratsalters ist heute in praktisch allen außereuropäischen Gesellschaften, die traditionell ein Frühheiratssystem aufwiesen, festzustellen (3)
Interessanterweise scheint sich aber das zweite Charakteristikum des "European Marriage Pattern", die relativ hohen Anteile zeitlebens unverheiratet Gebliebener, nicht in dem Ausmaß wie in Europa auszubilden.
William Goode hat 1963 in "World Revolution and Family Patterns" mittels eines Konvergenzmodells versucht, die Vielfalt an Formen und Faktoren des globalen Familienwandels im 20. Jahrhundert auf ein beschreibbares Ausmaß zu reduzieren. Goode untersuchte den Familienwandel in allen wichtigen kulturellen Großräumen der Welt und konstatierte eine rasch voranschreitende Konvergenz der Familienmodelle aller Weltregionen mit dem Ergebnis der Universalisierung des westlichen, gattenzentrierten Familienmodells. Goode verknüpfte eine Vielfalt familialer Wandlungsprozesse mit dem Aufstieg der gattenzentrierten Famile; so z.B.

Goode stellte also dem Aufstieg der gattenzentrierten Familie den Fall der abstammungszentrierten Familie gegenüber. Goodes Konvergenzmodell war in den 1960er Jahren in der Tat ein attraktives Erklärungmodell. Im Westen war damals der auf Eltern und Kinder beschränkte Kernfamilienhaushalt zur weithin dominanten Form des Zusammenlebens geworden. Gleichzeitig hatte die Verallgemeinerung des bürgerlichen Familienideals nun zum endgültigen Siegeszug der gattenzentrierten Familie geführt. Außerhalb der westlichen Welt begannen ökonomische, politische, soziale und kulturelle Revolutionen an den Banden der abstammungszentrierten Familie zu nagen und Modernisierungseuphoriker in West und Ost sahen in der Verallgemeinerung westlicher Familienleitbilder einen weiteren Aspekt des umfassenderen Prozesses der Verwestlichung der Welt.
Heute, Mitte der neunziger Jahre, ist Goodes Konvergenzmodell nicht mehr in dem Ausmaß wie noch vor drei Jahrzehnten geeignet, die Vielfalt des globalen Familienwandels zu beschreiben. Insgesamt scheinen die Tendenzen der Konvergenz familialer Kulturen wieder abzunehmen. Dies zeigen die Beiträge des hier vorgelegten Readers ganz deutlich. Im Westen haben der revolutionäre Aufstieg des Ein-Personen-Haushalts, eine spürbare Deinstitutionalisierung der Ehe sowie steigende Scheidungsraten die Dominanz des Kernfamilienhaushalts massiv in Frage gestellt und zu einer neuen Vielfalt konjugaler und familialer Formen des Zusammenlebens geführt. Außerhalb des Westens setzt sich der Zusammenprall westlicher und nichtwestlicher Familienleitbilder weiter fort; vom globalen Siegeszug des gattenzentrierten Familienmodells kann aber auf keinen Fall mehr die Rede sein. Selbst in so industrialisierten Gesellschaften wie jenen Japans oder Taiwans zählen Ahnenbindungen noch immer zu den wichtigsten familialen Leitbildern und sind die Eltern noch immer in hohem Maße in die Gattenwahl der Kinder involviert, wenngleich auch die ausschließlich elternarrangierten Eheschließungen nur mehr eine geringe Bedeutung haben. Die chinesische Kulturrevolution vermochte zwar den Atheismus in breiten Volksschichten zu verankern, konfuzianische Familienleitbilder und Familienpraktiken dominieren aber noch immer die chinesische Gesellschaft. In Hindu-Indien sind Witwen, die zu lebenslangem Zölibat verdammt sind, noch immer ein Massenphänomen. In den patrilinearen Gesellschaften Westafrikas befinden sich noch immer ca. 40-50% der erwachsenen Frauen in polygynen Ehen. Und in der islamischen Welt führte die Begegnung mit westlichen Familienleitbildern nicht nur zur Übernahme dieser Leitbilder, sondern - als Form kultureller Abwehr - auch zur Verstärkung traditionell islamischer Familienmodelle.
Die Einzelbeiträge des Readers liefern auch eine Menge neues Material hinsichtlich jener Faktoren, die den familialen Wandel des 20. Jahrhunderts bedingten. Goode sah in der Industrialisierung, der Urbanisierung sowie in der Verbreitung einer vom Westen ausgehenden egalitären Ideologie die drei Hauptfaktoren, die zur Konvergenz der Familienmodelle in den einzelnen kulturellen Großräumen beitrugen. Die Autoren des hier vorgelegten Readers bringen zusätzliche Faktoren, wie die christliche Mission, die Implementierung europäischen Kolonialrechts, die Plantagenrevolution, etc. mit in die Debatte ein.
Die Historische Familienforschung hat seit ihren Anfängen in den 1960er Jahren mehrere Phasen der Ausweitung, der Neuakzentuierung und Neuorientierung erfahren. Einer historisch-demographischen Ausrichtung in ihrer Frühphase folgte eine struktur-funktionalistische Orientierung in den 1970er Jahren. Mitte der achtziger Jahre trat der lebensweltliche Ansatz stärker in den Vordergrund. Dieser mündete schließlich in einer umfassenden historisch-anthropologischen Neuorientierung. Diese einzelnen Phasen der Wissenschaftsentwicklung waren durch unterschiedliche methodische Zugänge sowie eine unterschiedliche Quellenauswahl geprägt. Gemeinsam ist aber allen diesen verschiedenen Etappen, daß sich die Historische Familienforschung immer offen den gesellschaftlichen und familienpolitischen Fragen der Gegenwart gestellt und versucht hat, die historische Dimension dieser Fragen zu beleuchten. Der Familienhistoriker der neunziger Jahre sieht sich einer Reihe gänzlich neuer gesellschaftlicher Problemlagen gegenüber wie den Migrationen, dem rasch an Bedeutung zunehmenden multikulturellen Zusammenleben, der demographischen Explosion, der ökonomischen Verelendung, den steigenden Einkommensunterschieden zwischen "Erster" und "Dritter Welt", der globalen Kommunikationsrevolution, etc. Alle diese Entwicklungen haben familienstrukturelle Implikationen: die transkulturellen Migrationen haben die Problematik interkultureller Eheschließungen auch nach Europa gebracht; ökonomische Verelendung und demographische Explosion zwingen die Regierungen zu massiven Eingriffen in familiale Entscheidungsprozesse, und die globale Kommunikationsrevolution hat außerhalb des Westens zu einer Kulturschlacht zwischen westlichen und nichtwestlichen Familienleitbildern geführt. Diese neuen gesellschaftlichen Problemlagen verlangen vom Familienhistoriker neue Zugangsweisen, neue Fragen an die Geschichte sowie einen geschärften Blick für globale und für kulturräumliche Zusammenhänge familialer Organisation und familialen Wandels. Nur so kann er seiner zentralen Aufgabe voll gerecht werden, nämlich den Orientierungsbedarf der Gegenwart zu erfüllen. Der hier vorgelegte Band bemüht sich darum, einen kleinen Beitrag zu diesem neu entstandenen Orientierungsbedarf der neunziger Jahre zu leisten.

Salzburg und Wien im August 1996


(1) Hajnal, J. (1965): European Marriage Pattern in Perspective. In: Population and History, Hg. D.V. Glass/D.E.C. Eversley, London: Arnold: 101-145

(2) Goode,William (1963): World Revolution and Family Patterns. New York: MacMillan/Free Press

(3) Thornton, A./Hui-Sheng, L. (1994): Social Change and the Family in Taiwan. Chicago/London
Van de Walle, E. (1993): Recent Trends in Marriage Ages. In: Demographic Change in Subsahara Africa, Hg. K. A. Foote/K. H. Hill/L. G. Martin, Washington; Dixon, R. B. (1971): Explaining Cross-Cultural Variation in Age at Marriage and Proportions Never Marrying. In: Population Studies 25:215-233


Quelle: HSK 9: Familie im 20. Jahrhundert. Traditionen, Probleme und Tendenzen im Kulturvergleich. Herausgegeben von Michael Mitterauer und Norbert Ortmayr. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel; Wien: Südwind; 1997. S. 9 - 12.
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