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Margret Neuss-Kaneko

Vom "ie" zu "mai homu"Die Entwicklung in Japan

Quelle: HSK 9: Familie im 20. Jahrhundert. Traditionen, Probleme und Tendenzen im Kulturvergleich. Herausgegeben von Michael Mitterauer und Norbert Ortmayr. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel; Wien: Südwind; 1997. S. 87 - 104.

Einleitung

Obwohl Japan im Laufe seiner Geschichte immer wieder unter den geistigen Einfluß Festlandasiens geriet, berechtigen seine geographische Randlage und die lange, selbstgewählte Abschließung des Landes nach außen, es im Hinblick auf seine soziale Ent-wicklung als eigene Region zu betrachten. Mit der zwangsweisen Öffnung des Landes 1854 und der darauffolgenden "Revolution von oben" durch gesetzliche Maßnahmen zur Eliminierung feudalistischer Gesellschaftsschranken begann für Japan die Moderne. Unter dem starken Eindruck der Anpassung an westliches politisches und wirtschaftliches Handeln und der Forcierung der Industrialisierung wird sie überwiegend mit "Verwestlichung" gleichgesetzt. Nicht zuletzt auch, weil Japan heute als einziges asiatisches Land eine führende Position unter den Industrieländern erreicht hat. Im Technologiebereich nimmt es manche Spitzenposition ein und es kann aufgrund seiner Wirtschaftsstruktur bereits zu den postindustriellen Nationen gezählt werden. Dies gibt für manche Beobachter den Anlaß, im Fall Japans von der Konvergenz entwickelter Länder und spätentwickelter, nichtwestlicher Länder zu sprechen. Angesichts der Vielfalt der Familienformen im heutigen Japan scheint sich die Konvergenz auch auf den sozialen Bereich zu beziehen, der wegen seiner Verknüpfung mit traditionellen Gewohnheiten und religiösen Vorstellungen normalerweise am resistentesten gegen Veränderungen zu sein scheint. Geht man aber einmal davon aus, daß sich die menschliche Geschichte nicht nur an ihrem Fortschritt, nämlich dem möglichst leichten Zugang zu den Mitteln der Sicherung und Entfaltung menschlichen Lebens messen läßt, sondern auch daran, wie das Individuum persönliche Freiheit erwirbt und mit den gesellschaftlichen Notwendigkeiten in Einklang bringt, dann kommen Handlungsspielräume und -konflikte zum Vorschein, die meist am Knotenpunkt von Tradition und Moderne stehen. Im Fall Japans zeigt sich, daß es im sozialen Bereich keine unilineare Entwicklung der Verwestlichung gab, sondern daß sich Tradition und Moderne wiederholt im Sinne Karl Mannheims in der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen überlagerten. Damit entstand das heute so komplexe Bild von Japan, das für viele Westler immer noch exotisch anmutet. Die Entwicklung Japans von einem agrarischen, bürokratisch-feudalistischen Staat zu einer postindustriellen Nation hat sich etwa in der Hälfte der Zeit vollzogen, die die anderen westlichen Industrienationen dafür benötigten. Dies hat zu vielen Erklärungsversuchen herausgefordert, u.a. auch zur These, die spezifische Sozialstruktur und das Sozialverhalten der Japaner habe diesen raschen Erfolg erst ermöglicht. Dabei wird der Familie meist eine Schlüsselrolle zugeschrieben. Weniger wohlgesonnene Beobachter vertreten die Auffassung, die wirtschaftliche Spitzenposition Japans sei nur auf Kosten der sozialen Sicherheit und auf Kosten des Einzelnen erreicht worden. Beide Thesen müssen in unserem Zusammenhang mitbedacht werden.
Politisch ist das 20. Jahrhundert für Japan grob in drei Phasen zu unterteilen: Die Zeit von der Verkündung der ersten Verfassung Japans und der Errichtung einer autoritären konstitutionellen Monarchie 1890 bis zum Ausbruch des Kriegs mit China 1931; die darauffolgenden Jahre bis 1945, als das Land unter die Kriegsmaschinerie einer vom Militär dominierten Regierung geriet. Die Jahre von 1945 bis 1996 stellen ein halbes Jahrhundert demokratischer Verfassung dar, die der Niederlage Japans im pazifischen Krieg zu verdanken ist. Wirtschaftlich setzt man allgemein das "take off" der Industrialisierung Japans mit dem Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts an. Gefördert durch die Regierung und aufbauend auf einer breiten Basis an Heimindustrie nahm die Textilindustrie von diesem Zeitpunkt an essentiell an Bedeutung zu und dominierte den Sektor bis nach dem russisch-japanischen Krieg, als die Werft- und die Schwerindustrie den traditionellen Textilsektor in den Hintergrund verdrängten. Aber erst Mitte der dreißiger Jahre überholte die Industrieproduktion die landwirtschaftliche Produktion, nicht zuletzt angeheizt durch die Kriegsunternehmungen auf dem chinesischen Festland.
Der Wiederaufbau geschah nach 1945 so rasch, daß bereits Anfang der sechziger Jahre vom japanischen Wirtschaftswunder gesprochen wurde, und billige japanische Produkte auf ausländischen Märkten massenweise im Handel waren. Mit dem Korea-Krieg 1950 hatte die japanische Wirtschaft den entscheidenden Anstoß zum Aufschwung erhalten. Es setzte nun die Hochwachstumsphase mit einem Zuwachs von über 10% jährlich ein, die bis zum ersten "Ölschock" 1973 andauerte. Danach hielt sich ein stabiles Wachstum von 3-4%, dessen Ende jedoch Anfang der neunziger Jahre durch überhitzte Aktienpreise und überhöhte, spekulative Grundstückspreise zum "Platzen der Seifenblase" (bubble no hôkai) und in eine Rezession führte. Erst im Jahr 1996 gab es schwache Anzeichen einer Wiederbelebung der Wirtschaft.
Ein Charakteristikum der japanischen Entwicklung vom raschen industriellen Aufbau bis zur Deindustrialisierung heute besteht darin, daß es zu keinen schwerwiegenden sozialen Verwerfungen und damit zu Unruhen kam. Dies wird einerseits mit der staatlichen Politik der Stärkung und Förderung der Wirtschaft nach 1868 erklärt, die so drastisch und entschlossen war, daß kaum mehr Raum für weitere radikale Reformforderungen gegeben war, andererseits sieht man zumindest nach dem Krieg in der allgemeinen Anhebung des Lebensstandards einen Faktor, der der sozialen Unzufriedenheit die Spitze nahm. Für relativ lange Stabilität spricht auch die Familienstruktur, die sich erst nach dem Krieg im Zuge der wirtschaftlichen Prosperität signifikant änderte.
Bevor ich diese Entwicklung auf den jeweiligen Ebenen von Recht, Struktur und Beziehungen beschreibe, möchte ich zunächst auf die allgemeine Bevölkerungsentwicklung eingehen, die einen entscheidenden Indikator für den strukturellen Wandel der japanischen Familie darstellt.

Bevölkerungsentwicklung

Auf zuverlässige Daten zur Bevölkerungsentwicklung kann erst mit der ersten Volkszählung 1920 zurückgegriffen werden, aber aus dem vorhandenen Zahlenmaterial seit 1873 lassen sich ausreichend Schlußfolgerungen für die allgemeine Entwicklung ziehen. Die Bevölkerungszahl von 35 Mio. hatte seit der zweiten Hälfte der Edo-Periode (1601-1867) bis Anfang der Meiji-Periode (1868-1911) stagniert. Mit der Öffnung des Landes, dem Fallen regionaler und sozialer Schranken und der Diversifizierung der Wirtschaft, nicht zuletzt aber auch der Verbesserung der Hygieneverhältnisse nahm die Bevölkerung nach 1868 um ca 0,5 %, ab 1897 um 1% zu und war 1932 mit 70 Mio. auf das Doppelte angestiegen. Nach weiteren 55 Jahren hatte sie 1987 122 Mio., d.h. das Dreifache in insgesamt 120 Jahren erreicht (Nihon no jinkô, Nihon no kazoku 1988:3 f). Für diesen raschen Anstieg war vor allem die aufgrund der Fortschritte der Medizin und der Hygie-ne sinkende Rate der Kindersterblichkeit und die steigende Lebenserwartung verantwortlich. Die Lebenserwartung hatte 1887 für Männer bei 43 und für Frauen bei 44 Jahren gelegen, 1921 war sie auf 47 Jahre für Männer und 50 Jahre für Frauen angestiegen, aber für Personen über 15 Jahre lag sie immer noch bei nur 44 und 46 Jahren, was auf schlechte Arbeitsbedingungen, häufige Tuberkuloseerkrankungen und hohe Sterblichkeit im Kindbett für Frauen schließen läßt. Die Lebenserwartung hat sich nach dem Krieg sprunghaft verbessert und liegt heute (1994) mit 76,57 Jahren für Männer und 82,98 für Frauen an der Spitze der Weltskala, ein Ergebnis, das wiederum dem medizinisch-hygienischen Fortschritt und der Ernährungsweise der japanischen Bevölkerung zugeschrieben wird. Daß die Arbeitsbedingungen immer noch negative Auswirkungen haben, zeigt sich darin, daß die Lebenserwartung für Männer und Frauen über 15 Jahre mit 61 bzw. 67 Jahren weiter unter der allgemeinen Lebenserwartung liegt.
Das größte Bevölkerungsproblem für das gegenwärtige Japan ist die sinkende Geburtenrate und die Überalterung der Bevölkerung. Bis 1950 lag die Geburtenrate in Japan sehr hoch: 1920 gebar eine Frau im Durchschnitt 5,2 Kinder und 1950 waren es immer noch 3,65, danach nahm die Zahl sprunghaft ab und lag 1990 mit 1,34 auf dem gleichen niedrigen Stand wie in Deutschland und Italien. Während dies anfangs mit der freiwilligen Geburtenkontrolle der Ehepaare und dem späten Heiratsalter der Frauen erklärt wurde, zeigt sich heute, daß verheiratete Frauen immer noch zu 80% zwei bis drei Kinder zur Welt bringen, die Geburtenkontrolle also nicht der entscheidende Faktor sein kann.
Auch die Überalterung der Bevölkerung hat nach 1950 hohe Steigerungsraten aufgewiesen: 1970 lag der Prozentsatz der über 65jährigen bei etwas mehr als 7 %, 1994 ist er bereits auf das Doppelte angestiegen und soll bis Ende dieses Jahrhunderts mit 16% denselben Stand wie in Schweden heute erreicht haben. 1990 war bereits jede zehnte Person über 65 Jahre, 2020 soll es jede vierte sein. Entsprechend hat sich auch das Verhältnis der arbeitsfähigen Bevölkerung (1994: 69,6%) zu der über 65jährigen zugunsten letzter verlagert, eine Entwicklung, die wohl die größte Herausforderung für die staatliche Wohlfahrtspolitik bedeutet.
Zwei weitere demographische Faktoren sind für die Entwicklung der Familienstruktur des letzten Jahrhunderts von entscheidender Bedeutung: die Bevölkerungsdichte und die Migration im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung. Kennzeichnend für Japan ist, daß die Industrialisierung nach 1885 nicht vom Zusammenbruch landwirtschaftlicher Produktion und damit von Landflucht begleitet war (Hokkaidô, das in der Meiji-Ära überhaupt erst planmäßig besiedelt wurde, muß dabei ausgenommen werden). Es kam zwar zu einem Anstieg städtischer Zentren, sodaß 1920 etwa ein Drittel (32%) der Bevölkerung in Städten mit über zehntausend Einwohnern lebten, aber diese verteilten sich bis 1920 gleichmäßig über das ganze Land und die sieben großen Zentren hatten nur einen Bevölkerungsanteil von jeweils 10-13% (Allen 1928:182). Nach 1920 setzte eine Konzentration auf die drei Gebiete um Osaka, Nagoya und Tokyo ein, aber die größte Migrationswelle erlebte Japan überhaupt erst nach Kriegsende, als Tokyo und Umgebung von einem Bevölkerungsanteil von 13% (1945) auf 24,5% (1980) anstieg und damit zur dichtest besiedelten Region Japans überhaupt wurde. Während 1947 nur 30,4% der Bevölkerung in DID (Densely Inhabitated Districts) Gebieten lebten, sind dies seit 1970 mehr als die Hälfte und heute in steigender Tendenz bereits 63,2% (Gotô 1992:12 f). Die allgemeine Bevölkerungsdichte Japans kann nicht genug hervorgehoben werden, will man der Beurteilung der gegenwärtigen Familiensituation gerecht werden: 1885 hatte Japan mit 100 Personen pro Quadratkilometer eine Dichte erreicht, die Frankreich 100 Jahre später (1984) zu verzeichnen hatte. 1994 stand Japan mit 335,4 Personen pro Quadratkilometer nach Bangladesh, Südkorea und Holland im internationalen Vergleich an der vierten Stelle, aber da nur 20% der Gesamtfläche Japans überhaupt besiedelbar sind, nahm es mit einem Anteil von 2.286 Personen pro bebaubarem Quadratkilometer bereits1987 die Spitzenposition vor Ägypten (1.982 Pers.), Korea (1.888) und Bangladesh (1.050) ein (Kuroda 1992:217 f).
Für diese Entwicklung ist vor allem die Strukturveränderung in der japanischen Wirtschaft verantwortlich. Während 1882 noch 82,3 % der Bevölkerung im landwirtschaftlichen Sektor tätig waren, waren es 50 Jahre später nur mehr 49 %. Nach dem Krieg stieg der Anteil wieder leicht an und erreichte 1947 53,4 %, fiel dann aber bis 1990 auf 7,1% im Jahr 1990. Im gleichen Zeitraum stieg der Prozentsatz der im Industriesektor Beschäftigten bis 1970 auf 34% und stagniert seither bei ca 33%. Dagegen hatte der dritte Sektor seit 1955 einen steten Anstieg bis auf 57,3% im Jahr 1985 zu verzeichnen (Gotô 1992:13). Räumlich gesehen bedeutet diese Entwicklung nicht nur eine Konzentration auf die Megastädte Tokyo, Osaka, Nagoya, sondern vor allem eine Ausuferung kleinerer städtischer Zentren in die Umgebung, so daß man heute von einem Verschwimmen städtischer und ländlicher Zentren und damit einer radikalen Nivellierung der Lebensstile spricht. Die unterschiedlichen Strukturen der "typischen" ländlichen oder städtischen Familie, die noch bis vor nicht allzu langer Zeit als charakteristisch für die japanische Gesellschaft betrachtet wurden, sind heute sozusagen verschwunden. Bevor jedoch auf die Entwicklung dieser tatsächlichen Situation der Familie eingegangen wird, soll der rechtliche Rahmen der Familie dargestellt werden, der das Normgefüge auf offizieller Ebene abgibt.

Das Rechtssystem der japanischen Familie

In den hundert Jahren seit 1896 ist die japanische Familie zweimal einer grundsätzlichen rechtlichen Kodifizierung unterworfen worden. 1898 wurde - nicht zuletzt auf das Drängen westlicher Länder hin - das erste bürgerliche Gesetzbuch Japans verabschiedet. Die westlichen Großmächte Amerika, England, Frankreich, Holland und Rußland hatten die Revision der mit Japan 1858 abgeschlossenen "ungleichen Verträge" davon abhängig gemacht, daß Japan ein den Vorstellungen des Westens entsprechendes bürgerliches Gesetzbuch ausarbeitete. Auch das zweite, gegenwärtig gültige bürgerliche Gesetzbuch kam auf Druck des Auslands, in diesem Fall der Besatzungsmacht Amerika, zustande. Während die Amerikaner bei den japanischen Rechtsbeauftragten auf allgemeine Bereitwilligkeit zur Reform stießen, verlief die Abfassung des ersten, sogenannten Alten Bürgerlichen Gesetzbuches unter heftigen Diskussionen und zog sich bis zur Verabschiedung des dritten Entwurfs über nicht weniger als 20 Jahre hin. Allerdings war diese Kompilation auch weitaus schwieriger und aufwendiger, da bis zur Meiji-Zeit - abgesehen von einigen Bestimmungen des Finanzministeriums des Shogunats - lediglich regionale, gewohnheitsrechtliche Bestimmungen existiert hatten und kein einheitliches kodifiziertes Privatrecht vorhanden war. Hinzu kam, daß die Abfassung an sich in den Augen vieler Japaner einen Affront darstellte. So bereitwillig man alle westlichen technisch-industriellen Errungenschaften übernommen und/oder adaptiert hatte, so sehr stieß die Vorstellung auch das spezifische japanische Familiensystem abschaffen zu müssen auf Widerstand. Hier war der Bereich eigener Identität berührt, den man auf keinen Fall aufgeben wollte. Aus konfuzianischer Sicht hatten familiale Beziehungen quasi nach natürlichen Gesetzen der Hierarchie zu funktionieren. Eine rechtliche Fixierung würde diese Grundlage nur zerstören. "Mit Erscheinen des bürgerlichen Gesetzbuches gehen Loyalität und kindliche Pietät zugrunde", war denn auch der Titel einer berühmten Streitschrift gegen die Verabschiedung des zweiten Entwurfs des alten BGB von 1890. Dieser hatte unter dem starken Einfluß des französischen code civil das Ehepaar in den Mittelpunkt der Familie gestellt, was in den Augen der Kritiker eine christliche Vorstellung von Familie verriet und damit der traditionellen japanischen Familie, welche die Ahnenverehrung betonte, widersprach. Überhaupt wurde bemängelt, daß die historisch gewachsenen Gewohnheiten und Bräuche des Landes zu wenig berücksichtigt würden (Eckey-Rieger 1994:39 ff). Das 1898 verabschiedete BGB der Meiji-Ära (1867-1911) war formal dem Pandektensystem des deutschen BGB von 1900 angepaßt, dessen Entwurf in Japan zu Rate gezogen worden war, inhaltlich stellte es jedoch eine Mischung aus französischem, deutschem und englischem Recht unter zusätzlicher Berücksichtigung japanischer Traditionen dar. Diese kamen besonders im Familien- und Erbrecht zum Tragen und müssen deshalb in unserem Rahmen berücksichtigt werden.
Auch die letzte Fassung des Meiji-BGB enthält keine Definition der "Familie" oder des traditionellen "ie" (siehe Seite 95 f). Unter "Verwandte" wird der Hausvorstand mit seiner Familie (koshu oyobi kazoku) folgendermaßen aufgeführt: "Die Verwandten des Hausvorstands, die in dem Haus wohnen und ihre Ehepartner sind als Familie anzusehen." Die Familie umfaßte also Blutsverwandte und angeheiratete Verwandte, die zusammen unter einem Dach wohnten. Indem die Familienmitglieder dem Hausvorstand, die Kinder den Eltern und die Ehefrauen den Ehemännern untergeordnet waren, war im Meiji-BGB durchaus eine konfuzianisch-hierarchische Konzeption von Familie gegeben. Kennzeichnend ist, daß die Position des Hausvorstands weit detaillierter ausformuliert war, als in den vorangegangenen Entwürfen, auch wenn der Hausvorstand nicht mehr, wie noch im zweiten Entwurf, als "Haupt der Familie" definiert war. Die Sonderrechte des Hausvorstands bestanden darin, daß er das Hausvermögen erbte (katoku-sôzoku), worunter man alles Vermögen verstand, das nicht auf den Namen einer anderen Person registriert war. Der Hausherr hatte das Vermögen zum Wohl aller Familienmitglieder, für die er die Schutz- und Sorgepflicht trug, zu verwalten. Er führte den Hausnamen (kamei) weiter und verwaltete das Haussiegel sowie den Familienstammbaum. Er erbte und verwaltete den Hausaltar mit den Ahnentafeln sowie die Gräber. Schließlich konnte er den Wohnsitz der Familienmitglieder bestimmen, bzw. Familienmitglieder aus dem Register streichen lassen, falls diese seine Anordnungen nicht befolgten. Diese Bestimmung wurde damit begründet, daß er seine Schutzpflicht nur wahrnehmen konnte, wenn die Familienmitglieder an einem von ihm akzeptierten Ort wohnten. Allerdings wurde sie, da damit unliebsame Angehörige leicht aus dem Register entfernt werden konnten, so zum Nachteil der Familienangehörigen mißbraucht, daß sie bald vom Obersten Gericht abgeschafft wurde. Der Hausvorstand hatte auch - nach den Eltern - seine Zustimmung zu Eheschließungen und Adoptionen zu geben. Söhne waren bis zum 30. und Töchter bis zum 25. Lebensjahr bei Eheschließungen von der Zustimmung der Eltern und des Hausvorstands abhängig. Grundsätzlich waren nach dem Meiji-BGB alle Familienmitglieder geschäftsfähig, nicht jedoch die Ehefrauen und die unmündigen Kinder. Letzteres war eine Bestimmung, die schon im vorherigen Entwurf dem code civil entnommen worden war. Auch die Bildung eines Zweighauses war von der Zustimmung des Hausvorstands abhängig. Ein Fortschritt gegenüber den vorangegangenen Entwürfen bestand darin, daß den einzelnen Familienmitgliedern ein Sondervermögen zugestanden wurde. Damit konnten sie gegebenenfalls auch einen Ausschluß aus dem Hausregister unbeschadet ihrer wirtschaftlichen Existenz überstehen. Dennoch ist die Tatsache, daß ein Hausregister stets von einem Hausvorstand angeführt wurde und daß alle Personenstandsangelegenheiten nur rechtliche Gültigkeit hatten, wenn sie im Hausregister mit Billigung des Hausvorstands eingetragen waren, ein hinreichendes Moment, um von einer patriarchalen Organisation der Familie im Meiji-BGB zu sprechen.
Diese manifestierte sich auch in den die Frau benachteiligenden Bestimmungen bezüglich ihres Vermögens, das bei ihrer Heirat vom Ehemann verwaltet wurde sowie hinsichtlich der Scheidung, die ihr - wenn auch mit Einschränkungen - jetzt erstmals rechtlich zugestanden wurde (Neuss-Kaneko 1990:62 f). Schließlich ist die Ehefrau auch erstmals verpflichtet, den Namen des Mannes zu tragen und sich an seinem Wohnort aufzuhalten. Im Erbrecht war sie stark benachteiligt, da sie die Hauserbfolge nur vorübergehend antreten konnte, bis ein Mann eingeheiratet hatte. Dasselbe galt für Töchter, falls ein Erbfolger fehlte. Das Sondervermögen (isan) konnte die Ehefrau erst erben, wenn keine Kinder vorhanden waren. Grundsätzlich war sie von deren Unterstützung abhängig, wenn sie in den Witwenstand trat.
Bis auf minimale Änderungen blieb das Meiji-BGB bis 1945 in Kraft und bestimmte so über lange Zeit die patriarchale Verfassung der japanischen Familie. Diese wurde noch durch die politische Entwicklung am Ende des 19. Jahrhunderts entscheidend gestützt, als von staatlicher Seite eine Familienstaatsideologie entwickelt wurde, die die japanische Familie in ihrer traditionellen Form des ie zum Kernstück des japanischen Staatswesens erklärte: Das Kaiserhaus, das in Japan über Jahrhunderte seit seiner Begründung in ununterbrochener genealogischer Folge regiert habe, stelle das Stammhaus der Nation dar, von dessen Ahnen sich letztlich alle einzelnen Häuser ableiteten. Mit dem Kaiserhaus in seiner Mitte stelle Japan ein einzigartiges, familiales Staatsgebilde dar, das auf der Welt nicht seinesgleichen habe (Neuss-Kaneko1990:81 ff). Ie (Haus) und Staat waren somit Einheiten, die auf demselben hierarchischen Strukturprinzip beruhten und organisch miteinander verbunden waren. Aufbauend auf dieser Ideologie und auf der angeblichen Notwendigkeit, Lebensraum und Rohstoffe zu gewinnen, wurden schließlich alle expansionistischen Unternehmungen auf dem Festland Asiens nach 1931 gerechtfertigt. Indem staatliche und familiale Organisation für identisch erklärt wurden, konnte der Einzelne leicht in das totalitäre System eingebunden werden, wo sich jeder verdächtig machte, der die Autorität und Einzigartigkeit dieses Systems anzweifelte oder sein privates Leben diesem System verweigern wollte. Er wurde umgehend zum "Nicht-Bürger" erklärt und Repressionen ausgesetzt.
Das neue Bürgerliche Gesetzbuch von 1947 wurde - wie bereits angemerkt - unter dem Druck der amerikanischen Besatzungsmacht in den Teilen zur "Verwandtschaft" und zum "Erbsystem" radikal revidiert und dem Konzept einer auf gleichen Rechten aller Mitglieder basierenden Familie angepaßt. Bereits in Artikel 24 der neuen japanischen Verfassung waren die Garantie der "Würde des Einzelnen in der Familie und die Gleichheit der Geschlechter" festgeschrieben. Im einzelnen heißt es dort: "Heiraten sollen nur auf der Übereinstimmung der beiden Partner begründet sein, die beide dieselben Rechte haben und die Pflicht, die Ehe in gemeinsamer Zusammenarbeit aufrechtzuerhalten." Alle Sonderrechte des Hausvorstands wurden im Familienrecht ebenso eliminiert wie die diskriminierenden Bestimmungen hinsichtlich der Stellung der Frau. Sie war jetzt in gleicher Weise scheidungsberechtigt und erbte die Hälfte des Vermögens, falls der Mann starb, während sich die Kinder die andere Hälfte zu teilen hatten. Uneheliche Kinder waren im Erbfall immer noch benachteiligt.
Damit hatte das traditionelle Familiensystem, das ie-seido, seine rechtliche Grundlage verloren. Bekanntlich verschwinden jedoch soziale Erscheinungen mit der Revision von Gesetzen oder dem Widerruf von Ideologien nicht von heute auf morgen. Dies gilt auch für die traditionellen Familienformen Japans, deren Entwicklung wir uns im Folgenden zuzuwenden haben.

Struktur- und Funktionswandel der japanischen Familie

Theoretisch könnten die Hausregister (koseki), deren Einführung Japan bereits im 7. Jahrhundert aus China übernommen hatte, eine gute Basis für Strukturstudien der japanischen Familie bieten. Sie wurden nach langer Unterbrechung in der Feudalzeit unter dem Tokugawa-Shogunat wieder aufgenommen, in der Meiji-Zeit noch vor Erlaß des BGB gesetzlich fixiert und erfüllen noch heute ihre Funktion der Registrierung von Personenstandsangelegenheiten, obwohl gleichzeitig auch ein Wohnortregister besteht. Leider sind die Eintragungen unzuverlässig, nicht nur weil sie Lücken oder Doppeleintragungen enthalten, sondern oft auch willentlich gefälscht wurden, um z.B. Steuererhebungen zu entgehen und vor allem, weil sie zwar etwas über verwandtschaftliche Beziehungen aussagen, nicht aber über die tatsächliche Lebenssituation der Familie, da sie den Wohnort der einzelnen Personen nicht erfassen. Soweit ihre Eintragungen jedoch durch andere Quellen verifizierbar sind, können sie punktuell und gegebenenfalls über einen gewissen Zeitraum ein wertvolles Bild einzelner Familien abgeben. In der Anlage der Eintragungen spiegeln sie nicht nur, wie oben zu sehen war, die patriarchale Struktur der Familie wider - zumindest bis zur Gesetzesreform 1947 - sie sind vor allem ein wichtiger Beleg für die regionale und emotionale Gebundenheit der Japaner an ihr Stammhaus. Auch wenn der Wohnsitz gewechselt wurde, und der Sohn z.B. an einem anderen Ort einen eigenen Haushalt gegründet hatte, blieb er in dem Register seines Elternhauses, das über Generationen geführt worden sein konnte, weiter registriert. Ein Austritt wäre etwa einem Kirchenaustritt in Europa gleichgekommen, da man hiermit seine Verbindung nicht nur zur eigenen Stammfamilie, sondern auch zu den Ahnen unterbrach. Darüber hinaus war mit dem Verbleib im Hausregister ein gewisses Sicherheitsgefühl verbunden, im Eventualfall in dieses Haus zurückkehren zu können. Weil die amerikanische Besatzungsmacht alle patriarchalen Elemente im Familienrecht tilgen wollte, war im neuen koseki-hô (Gesetz zur Hausregistrierung) nach 1947 festgelegt worden, daß mit jeder Heirat ein neues Hausregister einzurichten sei, um so die Abhängigkeit vom Stammhaus zu unterbinden. Dennoch besteht heute die Gewohnheit fort, dieses Register nicht am eigenen Wohnort, sondern immer noch am Ort des Stammhauses einzurichten, womit die traditionelle Bindung an das Stammhaus wenigstens formal noch gewahrt ist, auch wenn sie juristisch keinerlei Wirkung hat. Der Wohnort muß dennoch unabhängig davon bei der nächsten Behörde gemeldet sein.
Nicht anders als in westlichen Ländern hat sich der Mythos von der "heilen Großfamilie früherer Zeiten" in Japan bis heute hartnäckig gehalten. Dies ist hauptsächlich damit zu erklären, daß bei der hohen Geburtenrate vor dem Krieg die absolute Zahl der Familienangehörigen tatsächlich größer war und daß die Großeltern generell bei den Kindern wohnten. Dieser Zeitraum war jedoch wegen der geringeren Lebenserwartung kurz. Wissenschaftlich ist auch für Japan nachgewiesen, daß die durchschnittliche ländliche Familie der Vormoderne die Kleinfamilie mit 5-6 Personen darstellte. Sie entstand durch Erbteilung von Landbesitz und Verselbständigung kleinerer Bauern bereits in der ersten Hälfte der Edo-Zeit. Aber schon Anfang des 17. Jahrhunderts waren Landaufteilungen unter einem chô (ca. ein Hektar) verboten worden, da die Erfahrung gezeigt hatte, daß mit der Naßfeld-Produktion von Reis auf einem ha gerade die Existenz einer Kleinfamilie für ein Jahr gesichert war, auch nach Abzug der Abgaben an die Feudalbehörde. Bis auf wenige Ausnahmen entstand das Großbauerntum in Japan erst in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, nachdem eine fixe, monetäre Steuer auf Landbesitz festgelegt worden war, die viele Bauern zwang, ihr Land aufzugeben oder zu verpachten. Die Kluft zwischen verarmten Kleinbauern und Pächtern und wenigen großbäuerlichen Verpächtern wurde von da an bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts immer größer und brachte extrem gegensätzliche Lebensstile von Klein-und Großfamilien hervor. Wie wenig letztere jedoch auf die gesamte Bevölkerung übertragen ins Gewicht fielen, zeigt sich an der allgemeinen Entwicklung der Haushaltsgrößen, die seit dem ersten Zensus von 1920 zuverlässig erfaßt ist. Von 1920 bis 1955 war die durchschnittliche Haushaltsgröße mit knapp fünf Personen sozusagen konstant. Von da an nahm sie parallel zum wirtschaftlichen Aufschwung rapide ab. Seit 1991 liegt sie unter drei Personen, wobei seit 1985 Einzelhaushalte in Heimen u.ä. Einrichtungen nicht mehr unter "allgemeinem Haushalt" berücksichtigt sind. Beachtenswert ist vor allem das Tempo des Rückgangs von 5 auf 3,4 Personen innerhalb von nur 30 Jahren; eine Entwicklung, für die z.B. die USA etwa 70 Jahre benötigten. Der Anteil der Kernfamilien (bestehend aus: Ehepaar allein, Ehepaar mit Kind/ern, Ein-Eltern mit Kind/ern) lag 1920 bereits bei 54 % aller Familien;1955 war er auf 60,6 % angestiegen und hat sich seither bis 1990 bei ca 62 % gehalten, wenn auch in absoluten Zahlen eine Zunahme um mehr als das Doppelte seit 1955 zu verzeichnen ist. Dies ist hauptsächlich der starken Zunahme der Eltern-Kind-Familien und der Ehepaarhaushalte zuzuschreiben. Während die Zunahme der Einzelhaushalte sich vor allem auf die jüngere Generation in den Zwanzigern bezieht, die meist in den Städten lebt und gerade eine berufliche Tätigkeit begonnen hat, sind die Haushalte alleinstehender Ehepaare vor allem bei der älteren Generation und in ländlichen Regionen zu finden. Die Einzelhaushalte allein machen heute (1993) 22,3 % aus - in Tokyo sind es 35,9%(1990) - und die der Ehepaare mit Kindern 36,6%, was einen prozentualen Rückgang seit 1975 bedeutet, in absoluten Zahlen aber seit 1985 eine annähernd konstante Anzahl (Josei no genjô to shisaku 1994:17). Die Dreigenerationenhaushalte haben von 32,6 % (1955) auf 12,7 % (1994) abgenommen, wobei es jedoch signifikante Unterschiede zwischen ländlichen und städtischen, bzw. stadtnahen Regionen gibt. Die Provinzen mit einem hohen Anteil an Dreigenerationenfamilien, wie z.B. Yamagata mit 40,3 %, haben im Selbstverständnis und im Lebensstil die "traditionelle Familie", die mit dem Begriff ie (Haus, Haushalt, Familie) umschrieben wird, am stärksten bewahrt.
Der Begriff ie bezeichnet sowohl das 'Haus' als Gebäude als auch die darin lebende Familie, die Verwandte und Nicht-Verwandte umfaßt. Insofern ist er dem des "ganzen Hauses" im ausgehenden Mittelalter in Europa am nächsten, wo auch das nichtverwandte Gesinde unter dem Hausvater zur "Familie" gezählt wurde. Für Japan spezifisch ist jedoch, daß er auch die Ahnen und zukünftigen Generationen miteinbezieht, denn das Zugehörigkeitsgefühl der Familienmitglieder leitet sich vor allem von der Abstammung von den gemeinsamen Ahnen ab. Diesen gegenüber ist das Familienoberhaupt u.a. verpflichtet, die Kontinuität der genealogischen Linie des Hauses durch Sicherung eines Nachfolgers zu gewährleisten. Insofern ist ie nicht bloß ein räumlicher, sondern vor allem auch ein zeitlich definierter Begriff. Auch eine Einzelperson kann ein ie fortführen, solange sie den Hausnamen, das Haus und die Ahnentafeln bzw. Gräber als die Symbole des ie aufrecht erhält.
Historisch gesehen ist das ie zuerst im japanischen Mittelalter (12.-14. Jh.) im Militäradel (samurai) aufgekommen und hat sich mit der Verselbständigung der Bauern in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auch im Volk durchgesetzt, als mit der Herausbildung von Hausvermögen und Alleinerbe auch ein Bewußtsein gemeinsamer Abstammung und damit gemeinsamer Ahnen aufkam. Dies manifestierte sich in der Einführung von Hausaltären, Familiengräbern und Hausnamen. Dennoch lag, wie oben geschildert, die durchschnittliche Betriebsgröße mit einem ha an der untersten Grenze; um wirtschaftlich existieren zu können, war ein ländliches ie auf das Kooperationsnetz des ganzen Dorfes angewiesen. Der Naßfeldbau von Reis, dem Grundnahrungsmittel Japans, erforderte notwendigerweise die Kooperation der einzelnen Häuser, denn nur so waren die Wasserregulierung und das effektive Pflanzen und Ernten möglich, das innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne unter Einsatz aller Arbeitskräfte zu erfolgen hatte. Darüber hinaus verfügten die Dörfer über Allmenden (iriaichi), die Holz für den Hausbau und Gras für die Düngung gewährleisteten. Weitere gemeinsame Unternehmungen auf Dorf- oder Gruppenebene einzelner Häuser waren die jahreszeitlichen religiösen Feste sowie Hochzeiten und Begräbnisse. Schließlich war das Dorf als Ganzes für die Ver-teilung der steuerlichen Abgabenlast verantworlich und damit auf die Mitarbeit aller Häuser angewiesen, die neben Reisanbau meist noch einen Nebenerwerb wie Seidenraupenzucht oder Holzkohlegewinnung hatten. Soweit diese Kooperationsformen zweckorientiert auf bestimmte Aufgaben hin organisiert waren, handelte es sich - besonders in Südwestjapan - um horizontal gegliederte Gruppen, deren einzelne Mitglieder gleichberechtigte Positionen inne hatten. Daneben existierte aber eine historisch gewachsene Dorfhierarchie, in der einzelne, besonders traditionelle und begüterte Haupthäuser (honke) die Entscheidungsgewalt in wichtigen, politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten des Dorfes wahrnahmen, während ihnen eine unterschiedliche Zahl von Zweighäusern (bunke/bekke) untergeordnet waren, die ihrerseits Zweighäuser unter sich haben konnten. Diese pyramidenförmige Gruppierung von Haupt- und Zweighäusern, genannt dôzoku, beruhte ursprünglich auf verwandtschaftlicher Beziehung. Das Haupthaus entließ eine verwandte Person in eine quasi-unabhängige Position, indem es ihr Land oder im Fall von Kaufmannsfamilien einen gewissen Kundenstamm übertrug. Auf dieser Basis konnte ein eigener Betrieb aufgebaut werden, der bei Kapital- oder Gerätemangel auf die Hilfe des Haupthauses zurückgreifen konnte. Als Gegenleistung wurde Arbeitskraft zur Verfügung gestellt, wann immer das Haupthaus sie benötigte, so z.B beim Hausbau oder bei Familien- und Ahnenfeiern. Die verwandtschaftliche Beziehung bildete später keine unbedingte Voraussetzung mehr. Ein nicht-verwandtes Haus konnte um Aufnahme in ein dôzoku bitten, und besonders in Kaufmannshäusern kam es oft vor, daß ein langjähriger Angestellter mit der Verleihung eines Zweighauses belohnt wurde, wenn dies ökonomisch opportun war, und das Haupthaus ebenfalls einen geschäftlichen Nutzen daraus ziehen konnte. Auch im landwirtschaftlichen Bereich erwies sich diese lockere Organisation kleinerer Produktionseinheiten als besonders günstig, um flexibel auf die Wechselfälle der Natur, des Klimas und auch des Marktes zu rEIAieren. Schwächen an einer Stelle konnten durch Absprache unter den Häusern selbst ausgeglichen werden. Diese kleinbetriebliche Organisation des Dorfes wird heute überdies für alle traditionellen asiatischen Gesellschaften als charakteristisch angesehen.
Die historische Agrarsoziologie Japans hat dem dôzoku schon vor dem Krieg als einem Spezifikum der japanischen Gesellschaft intensive Studien gewidmet. Für manche Autoren wie Nakane Chie sind sie eine Art Prototyp vertikaler Organisationsform der japanischen Gesellschaft überhaupt (Nakane 1967). Festzuhalten ist jedoch, daß die hierarchisch organisierten dôzoku vornehmlich in Nord- und Nordostjapan verbreitet waren, wo wegen der ungünstigeren klimatischen und geographischen Gegebenheiten größere Betriebseinheiten unter der Führung eines wirtschaftlich starken Hauses effektiver arbeiteten, und die Autarkie einzelner Häuser weniger entwickelt war. In Westjapan, wo die bäuerlichen Betriebe durch Erbteilung in kleine Einheiten aufgesplittert und die Entwicklung des Marktes und die Heimindustrie am raschesten vorangeschritten waren, dominierten die oben geschilderten zeitlich befristeten Kooperationsformen. Die Dorfhierarchie stützte sich aber auch hier auf den durch die Tradition verliehenen Status (kakaku) eines Hauses.
Mit der Mechanisierung der landwirtschaftlichen Produktion sind die dôzoku nach dem Krieg weitestgehend verschwunden. Die notwendige Kooperation und die finanzielle Rückendeckung finden die Betriebe heute in den landwirtschaftlichen Genossenschaften. Und schließlich überwiegen heute die Nebenerwerbsbetriebe, deren Kapitalgrundlage nicht mehr uniform ist. In den Städten sind die dôzoku gänzlich verschwunden; auf dem Land treten sie höchstens sporadisch auf ritueller Ebene noch in Erscheinung, nämlich dann, wenn es um große Familienfeiern geht oder um die Wahl eines Vermittlers für eine Eheschließung. Hier wenden sich die Zweighäuser immer noch gern an das ehemalige Haupthaus und nutzen dessen Autorität und Beziehungen im Dorf bzw. in der Region.
Das ie, die Untereinheit eines dôzoku, ist trotz der rechtlichen Eliminierung als traditionelle Familienform Japans vor allem auf der Bewußtseinsebene nicht völlig verschwunden. In der Identität einzelner Mitglieder setzt es sich als Handlungsnorm immer wieder durch, auch wenn dies vornehmlich für die ältere Generation und für ländliche Regionen gilt. Es kommt zwar kaum mehr vor, daß der Sohn zur Aufgabe seiner Karriere und zur Rückkehr aufs Land gezwungen wird, aber immer noch erwartet man vielfach ausgesprochen oder unausgesprochen, daß er den Familienbetrieb mit dem Hausnamen weiterführt, wie dies noch vor dem Krieg selbstverständlich war, als der älteste Sohn bereits in seiner Kindheit als zukünftiger Erbe auf seine Position hin erzogen wurde. Von seiner Frau wiederum, die sorgfältig unter Absprache der beteiligten Häuser ausgewählt war, wurde allem voran die Geburt des Erbfolgers erwartet. Konnte sie diese Aufgabe nicht erfüllen, hatte sie zeitlebens einen äußerst schweren Stand in der Familie, besonders den Schwiegereltern gegenüber, die den Sohn gegebenenfalls zur Scheidung zwingen konnten. Eine andere Methode, dem Haus einen Erben zu sichern und damit dem ungeschriebenen Gebot der Ahnen Folge zu leisten, war die Adoption, die in Japan seit alters her auch unter Nicht-Verwandten möglich war. Es konnten ein Sohn oder Schwiegersohn adoptiert werden, bei Kinderlosigkeit konnten sowohl die Tochter wie auch der Schwiegersohn adoptiert sein, wie dies auch heute noch der Fall ist. Wesentlich war, daß sie den Namen des Hauses annahmen und weiterführten. Umfragen zufolge wird heute die Notwendigkeit der Weiterführung des Familiennamens von der Mehrheit der Befragten nicht mehr bejaht, und der Freiheit der Partnerwahl wird der Vorrang gegeben. Aber dennoch kann es auch heute noch zu nicht gemeldeten Ehen kommen, weil beide Partner, die, wie dies häufig der Fall ist, Einzelkinder sind, den Namen ihrer Stammfamilie weiterführen wollen.
Ein weiterer Bereich, in dem sich der Wandel des ie-Denkens nachweisen läßt, ist die Fürsorge für die ältere Generation, die mit der Sorge um die Erinnerung an die Ahnen den Kernbereich konfuzianischer Familienethik ausmachte. Noch bis in die sechziger Jahre stand für die Elterngeneration in der Regel fest, im Alter von den Kindern versorgt zu werden. So vertrauten 1966 noch 42 % der Befragten auf die Hilfe ihrer Kinder; danach nahm diese Haltung jedoch merklich ab, so daß - zwanzig Jahre später - nur noch 15% auf die Hilfe ihrer Kinder hoffen,während der Anteil derer, die zur Selbsthilfe greifen wollen, 52%, und derjenigen, die auf staatliche Hilfe hoffen, 30,2% erreicht hat (Fuse 1992:199). Das ie als Alterssicherung hat damit weitgehend an Bedeutung verloren, es bleibt lediglich noch die Verantwortung für die Ahnentafeln und die Gräber, die laut BGB immer noch eindeutig geklärt sein muß.

Änderungen im Heiratssystem und in den Familienbeziehungen

Das Heiratsalter lag in der vormodernen Zeit in der Oberschicht, wo vielfach strategische Ehen geschlossen wurden, mit 13-15 Jahren sehr früh, während es auf dem Land eher später lag, weil die Arbeitskraft der Töchter gebraucht wurde. Aber auch hier galt wegen der hohen Kindersterblichkeit und der Sterblichkeit im Kindbett noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, daß eine Ehe besser frühzeitig zu schließen sei. Zweite und dritte Söhne, die wegen Primogenitur nicht erbberechtigt waren, konnten in die Stadt in die Lehre eines Kaufmannshauses gehen und sich später eventuell selbständig machen. Ihr Heiratsalter lag entsprechend hoch. Eine weitere Möglichkeit bestand darin, als Schwiegersohn in ein anderes Haus einzuheiraten, vorausgesetzt, die unterprivilegierte Position in der Familie wurde in Kauf genommen. Da der Schwiegersohn gegebenenfalls "davonlaufen" konnte, war er jedoch seinem Schicksal nicht so ausgeliefert wie die Schwiegertochter, die im Bewußtsein in das Haus des Mannes ging, für eine andere Familie zu arbeiten und dafür dort Aufnahme zu finden. Eine Rückkehr in die eigene Familie war prinzipiell ausgeschlossen, es sei denn, sie war Mißhandlungen ausgesetzt. Die Unausweichlichkeit ihrer Situation, die Unterordnung unter die Sitten eines anderen Hauses und die Verpflichtung, einen Sohn zu gebären, brachten die spezifische, gespannte Beziehung von Schwiegermutter und Schwiegertochter mit sich. Diese ist auch in anderen Ländern mit vorwiegend patrilinearen Familien zu finden, sie gilt jedoch für Japan als besonders ausgeprägt. Als neue Arbeitskraft im Haus des Mannes mußte die Schwiegertochter von der Schwiegermutter angelernt und in die Gepflogenheiten des Hauses eingeweiht werden. Diese Tatsache und die Situation, daß nun zwei Frauen unter einem Dach um die Gunst des Sohnes warben, wird heute vielfach als Ursache für die notorisch gespannte Beziehung zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter angeführt. Seit jedoch das Zusammenleben der jungen Ehepaare mit den Eltern zurückgegangen ist, hat das Problem an Schärfe verloren, und soweit noch ein gemeinsamer Haushalt geführt wird, hat sich das Verhältnis von Schwiegermutter und Schwiegertochter sogar in den letzten Jahren vielfach ins Gegenteil verkehrt. Da die Schwiegertöchter meist selbst berufstätig sind und zum Lebensunterhalt beitragen, findet sich die Schwiegermutter oft nur noch in geduldeter Position. Nun ist sie es, die sich dem Lebensrhythmus der Familie des Sohnes anpassen muß.
Auch in der Eheanbahnung hat sich nach dem Krieg ein radikaler Wandel vollzogen.Während noch bis in die Mitte der sechziger Jahre die vermittelten Ehen (miai) überwogen, hat sich von da an das Gewicht zugunsten der freien Partnerwahl, der sogenannten "Liebesheirat" (ren'ai kekkon), verschoben. Da die Heirat ursprünglich eine Angelegenheit zweier Häuser war, bot es sich an, eine dritte Person als Kontaktperson einzuschalten, die auch bei Konflikten vermittelnd helfen konnte. Die Kenntnis von der autonomen, auf freier Persönlichkeitswahl beruhenden Heirat in westlichen Ländern, wie sie Anfang dieses Jahrhunderts über die Literatur nach Japan kam, stellte eine Herausforderung an die überkommene Sitte der Vermittlung dar und wurde von der jungen Generation der Intellektuellen Anfang der liberalen Taishô-Periode (1911-1925) begeistert aufgenommen. Diese Phase währte allerdings nur kurz, bis sich das Privatleben dem Diktat der japanischen Kriegsführung unterzuordnen hatte und die Funktion der Frauen hauptsächlich im Gebären einer gesunden Nachwuchsgeneration gesehen wurde. Nach dem Krieg dauerte es trotz der forcierten Demokratisierung immerhin noch 20 Jahre, bis sich die "Liebesheiraten" durchzusetzen begannen.
Im Zusammenhang mit der rückläufigen Geburtenrate wird heute in den Medien immer wieder das späte Heiratsalter der jungen Generation und die angebliche Heiratsverweigerung seitens der Frauen thematisiert. Das durchschnittliche Heiratsalter ist tatsächlich seit 1975 stetig angestiegen und lag 1990 bei den Männern bei 28,4 Jahren, bei den Frauen bei 26,1 Jahren, was dem Durchschnitt im damaligen Westdeutschland entsprach. Die Verweigerungshaltung liegt mit 5,2 % der Frauen zwischen 18 und 35 Jahren dennoch nicht hoch, wenn man bedenkt, daß immer noch 72,3% der Männer und Frauen zwischen 18 und 24 Jahren eine Heirat für grundsätzlich erstrebenswert halten (1993), während dies in Deutschland nur 37,6% äußerten (Yuzawa 1995:90-94).
Als Hauptgründe für die späten Eheschließungen, mit denen Japan im internationalen Vergleich die Skala anführt, werden die zunehmend langen Schulkarrieren und die seit den siebziger Jahren stark angestiegene Berufstätigkeit der Frauen angesehen. Schon Anfang dieses Jahrhunderts lag der Anteil der arbeitenden Frauen bei etwas mehr als 30%, und dies ist eine Konstante für die unteren Schichten geblieben, die schon immer auf die Mitarbeit der Frauen für den Lebensunterhalt angewiesen waren. Hinzu kam aber auch noch der große Prozentsatz der in den bäuerlichen und handwerklichen Familienbetrieben mitarbeitenden Frauen. So war, von heute aus gesehen, die Nur-Hausfrau eine vorübergehende Erscheinung nach dem Krieg bis etwa 1970, als der Arbeitskräftemangel die Anstellung der Frauen unumgänglich machte. Heute üben mehr als die Hälfte der verheirateten Frauen eine Erwerbstätigkeit aus, auch wenn diese wiederum zum überwiegenden Teil in Teilzeitarbeit besteht. Jedenfalls ist "die Hausfrau" als der Normaltyp der verheirateten Frau nicht mehr dominierend. Damit verliert die Ehe als Versorgungsinstitution an Bedeutung, und andere Faktoren wie persönliche Befriedigung treten in den Vordergrund. Dies hat sich auch deutlich in den Umfragen der letzten Jahre zu den Erwartungen an die Familie niedergeschlagen, in denen von beiden Geschlechtern seelische Erholung an erster Stelle genannt wird.
In der Rollenverteilung zur Erreichung dieses Zieles bestehen allerdings immer noch signifikante geschlechtsspezifische Unterschiede. Die traditionelle Instrumentalisierung der Ehe als Kooperationsverbund hat von vornherein den Schwerpunkt auf die Arbeitsteilung der Geschlechter und auch der Generationen gelegt. Gestützt auf die konfuzianisch legitimierte Bevorteilung des männlichen Geschlechts hat sich die Gleichsetzung von Mann und Arbeit und von Frau und Haus hartnäckig bis nach dem Krieg in Japan gehalten. Noch 1987 stimmten dieser Trennung 36,6 % der Frauen und 51,7 % der Männer zu und nur 31,9 % der Frauen und 20,2 % der Männer waren dagegen; drei Jahre später hat sich der Anteil der Frauen, die die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ablehnen, allerdings auf 43,2 % erhöht, der der Männer auf 34%. Dennoch steht Japan mit der Befürwortung der Arbeitsteilung immer noch einsam an der Spitze der Industrieländer, und erwiesenermaßen sind es in Ehen, in denen beide Partner berufstätig sind, die Frauen, die immer noch den größten Arbeitsanteil bei der Hausarbeit bewältigen (Neuss-Kaneko 1990:123). Bevor dies aus europäischer Sicht als rückständig abgetan wird, sollten jedoch zweierlei Faktoren berücksichtigt werden: Japan ist eine Kultur, die der Arbeit als solcher einen hohen moralischen Stellenwert beimißt. Gut zu arbeiten ist sozusagen gleichbedeutend damit, ein guter Mensch zu sein. Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn beide Geschlechter diesem Ziel nacheifern; die Erwartungen an den Mann sind hier besonders hoch. Zum anderen ist die Arbeitssituation zu berücksichtigen. Bekanntermaßen liegen die Arbeitsstunden der japanischen Männer weit über dem Durchschnitt der anderen westlichen Industrieländer; hinzu kommen in den Ballungsgebieten die langen Anfahrtszeiten zum Arbeitsplatz, die nicht selten bis zu zwei Stunden betragen können. Auf die Mitarbeit des Mannes im Haushalt oder bei der Kindererziehung ist somit wegen seiner physischen Abwesenheit kaum zu rechnen. Die Familie hat, wie es so oft in Japan heißt, nur noch Hotelfunktion für den Hausvater, der auch am Wochenende meist noch gezwungen ist, mit Kollegen Golf zu spielen. Entsprechend gering ist die Kommunikation zwischen den Ehepartnern, die im internationalen Vergleich auf Rekordtiefe liegt, und damit auch die Möglichkeit, einen Bewußtseinswandel durch Diskussionen oder Konfliktlösungsversuche herbeizuführen.
Andererseits lagen die Scheidungsraten im Verhältnis zur Kommunikationsarmut international gesehen immer auf niedrigem Niveau. Die relativ hohe Rate vor der Jahrhundertwende wird mit den häufigen Scheidungen und Wiederverheiratungen während der Edo-Zeit erklärt. Die Ehe war in Japan nie ein Sakrament, sondern immer ein Zivilvertrag zwischen zwei Individuen oder zwei Familien. Die Scheidung hingegen bedeutete einen Verstoß gegen die Norm sozialen Handelns und war vor allem in der Oberschicht mit einem Makel behaftet. Ein Denken, das sich in der Moderne auch im Volk durchsetzte. Aber auch diese allgemeine Ächtung, besonders der geschiedenen Frau, hat sich in den letzten Jahren, wie Meinungsumfragen zeigen, stark gewandelt. Die Toleranz gegenüber ehemals von der Norm abweichenden Lebensformen, wie Alleinleben oder Geschiedensein, hat deutlich zugenommen und damit auch die Vielfalt von Familienformen. Dies mag abgesehen von der wirtschaftlichen Unabhängigkeit der jungen Frauen der Grund dafür sein, daß die Scheidungen junger Ehepaare in den letzten Jahren stark zugenommen haben. Hinzu kommen aber auch deutliche Diskrepanzen im Bewußtsein der Geschlechter. Japanische Männer hängen der traditionellen Rollenteilung immer noch weit stärker an als Frauen.
Die Arbeitssituation des durchschnittlichen japanischen Angestellten wirkt sich nicht nur auf die Beziehung der Ehepartner aus, sondern selbstredend auch auf die Beziehung zu den Kindern, die bis vor dem Krieg in ländlichen oder städtischen Kleinfamilien meist mit 3-4 Geschwistern gemeinsam aufwuchsen. Bei dem hohen Anteil der selbständigen Haushalte hatten sie meist die Möglichkeit, die Eltern bei der beruflichen Betätigung zu erleben und waren selbst oft in die Arbeit für den Familienbetrieb miteinbezogen. Dies änderte sich nach dem Krieg mit dem rapiden Anstieg der lohnabhängigen Angestelltenfamilien im nichtlandwirtschaftlichen Sektor. 1970 betrug ihr Anteil 55,6 %, 1985 war er um 15% auf 70,3 % angestiegen, eine Verlagerung, die bekanntermaßen die Trennung von Familie und Berufswelt und die Reduzierung der Familie auf die Konsumgruppe beinhaltet. Parallel dazu vollzog sich der radikale Rückgang der Geburtenrate. Mit der zahlenmäßigen Verkleinerung der Familie, so wird es heute allgemein gesehen, ging eine wichtige Sozialisierungsfunktion der Familie als Gruppe verloren, zumal auch das Zusammenleben mit den Großeltern stark abgenommen hat. Manches soziale Fehlverhalten der Jugendlichen wird denn auch auf diese Familienkonstellation zurückgeführt. Dies dürfte mehr oder weniger für alle Industrienationen zutreffen, für Japan kommen aber noch zwei spezifische Faktoren hinzu, die die häufig anormale Situation der japanischen Kinder erklären. Das eine ist die oben erwähnte Abwesenheit des Vaters, die immer mit der Frage nach dem gemeinsamen Abendessen zu erfassen versucht wird. Demnach sollen nach neuesten Umfragen nur 40 % der 6-12 jährigen täglich mit dem Vater gemeinsam essen, 20 % beinahe nie (Fuse 1992: 182). Nicht wenige Väter, die von der Firma versetzt wurden, leben überhaupt getrennt von der Familie, weil ein Umzug wegen der Schulkarriere der Kinder bzw. des Kindes nicht ratsam ist. Diese zu unterbrechen, könnte Konsequenzen für das ganze weitere Leben des Kindes haben. Damit liegt die Erziehung überwiegend auf den Schultern der Mütter, die nicht selten damit überfordert sind.
Japanische Kinder sind, da die Berufslaufbahn stark von der Zugehörigkeit zu bestimmten Schulen abhängt, spätestens vom 12. bzw. 13. Lebensjahr an einem doppelten Schulstreß ausgeliefert. Nicht die einzelnen Schulleistungen, sondern der Rang der Schule oder der Universität bestimmt über ihre Chancen zur Aufnahme in eine große und damit sozial sichere Firma. Damit setzt bereits in einem sehr frühen Stadium die Konkurrenz unter den Schülern um die Aufnahme in eine gute Schule ein. Die jeweiligen Eintrittsprüfungen verlangen ein hohes Maß an Wissensstoff, das oft nur mit zusätzlichem Unterricht an den bekannten Einpaukschulen in den Abendstunden nach dem regulären Schulschluß erworben werden kann. Dies bedeutet, daß bereits 12 und 13 jährige oft mehr als 12 Stunden von zu Hause fort und in einen Schulbetrieb eingebunden sind. Der Streß, der aus diesem Leistungsdruck entsteht, eskaliert dann nicht selten in Form von Schulverweigerung, Aggression gegen andere, gegen die Familie oder auch gegen sich selbst, Folgen, die von der Öffentlichkeit immer wieder beklagt werden, aber noch zu keinen nennenswerten Reformen des Schulsystems und, was mir noch wichtiger scheint, des Rekrutierungsmodus' der Firmen geführt haben.
Abschließend soll auf die Situation der Alten eingegangen werden, deren Anteil an der Bevölkerung, wie oben angedeutet, in einem bisher nicht bekannten Maß zunimmt. Ihre Versorgung ist nicht nur ein Problem der öffentlichen Wohlfahrt, sondern vor allem auch der Familien der jüngeren Generation. Von den über 65jährigen leben 40,7 % (1989) im Haushalt der eigenen Kinder (Fuse 1992:194). Dies ist international gesehen ein sehr hoher Prozentsatz, wenn man bedenkt, daß 1990 von den über 60jährigen in den USA 1,3 %, in England 0,6 % und in Deutschland 3,3 % im Haus ihrer Kinder lebten (Yuzawa 1995:160). Japan (31,9 %) wird nur noch von Korea mit 38,1 % übertroffen. Für diesen kontinuierlich hohen Anteil des Zusammenlebens mit der Familie der Kinder werden allgemein die Tradition konfuzianischer Pietät gegenüber der älteren Generation und das unterentwickelte Wohlfahrtssystem angeführt. Beides trifft auf die Situation nicht mehr angemessen zu. Zwar ist das Pflichtgefühl, die alternden Eltern gegebenenfalls in die eigene Familie aufnehmen zu müssen, im Vergleich zu anderen Ländern in Japan immer noch sehr hoch, aber andererseits hat sich, wie oben zu sehen war, zumindest seit den siebziger Jahren unter der älteren Generation selbst eine zunehmende Tendenz zur Selbständigkeit gezeigt. Dieser Bewußtseinswandel bedeutet aber noch keinen realen Wandel. So kommt es immer wieder zum Zusammenleben gegen die Idealvorstellungen der Partner, vor allem dann, wenn ein Elternteil plötzlich allein gelassen ist. Man unterscheidet heute dreierlei Formen des Zusammenlebens: das permanente, bei dem die Kinder von vornherein mit den Eltern zusammen wohnen, das bedingte, das sich aus Notsituationen ergibt und das abgewogene Zusammenleben in städtischen, gut situierten Familien, wo man sich aus wirtschaftlichen Gründen dazu entschließt. Die jüngere Generation profitiert in diesen Fällen von der Finanzkraft der Eltern, die Wohnraum und Kapital zur Verfügung stellen. Auch in der unteren, der Arbeiter- und Handwerkerschicht, ist eine starke Tendenz zum Zusammenleben zu registrieren. Hier wird nach wie vor vom ältesten Sohn die Übernahme des Familienbetriebs oder des mühsam erworbenen Hauses erwartet.
Die Wohnraumknappheit spielt, wie an der Bevölkerungsdichte eingangs zu sehen war, eine entscheidende Rolle für das Zusammenleben in der Familie. So kommt es nicht selten vor, daß Kinder, die wegen der beruflichen Karriere in die Stadt gezogen sind, die Eltern oder einen Elternteil wegen fehlenden Wohnraums nicht aufnehmen können, und daß wiederum ganze ländliche Regionen langsam aussterben, weil sie nur noch von der Großelterngeneration bewohnt sind. Auch die Entscheidung über die Anzahl der Kinder wird, abgesehen von den Erziehungskosten, in großem Maß vom fehlenden Wohnraum bestimmt. So ist es auch nicht verwunderlich, daß in den letzten Jahren für den einzelnen Japaner und die einzelne Japanerin die Unzufriedenheit mit der Wohnsituation in umgekehrter Relation zum gestiegenen Wert der Familie steht. Die Wohnsituation hat sich nur für die gut verdienenden Schichten qualitativ gebessert; generell ist sie, was Wohnraumqualität und Umwelt angeht, mit den Jahren nach dem Krieg immer schlechter geworden (Neuss-Kaneko 1990:118 ff).
Was die Altersversorgung betrifft, so ist das Bewußtsein, im Alter auf öffentliche Hilfe hoffen zu können, mit etwa 30 % in Japan noch sehr gering. Noch heute haftet der Inanspruchnahme vielfach ein sozialer Makel an, aber das Problem der Altenpflege ist mit dem raschen Anstieg der Seniorenbevölkerung heute für alle Schichten äußerst dringlich geworden und bedarf großer politischer Entscheidungen. Wie in allen familienorientierten konfuzianischen Ländern hat sich das staatliche Wohlfahrtssystem erst spät entwickelt. In Japan liegen die Anfänge bei der Armenfürsorge. Schon 1874 wurde ein "Armengesetz" erlassen, das aber nur auf die Personen Anwendung fand, die keine Familie als Rückhalt besaßen. Die Kenntnis von der Sozialgesetzgebung Deutschlands gelangte Anfang dieses Jahrhunderts nach Japan und führte zu vereinzelten, privaten Initiativen wie der zwangsweisen Mitgliedschaft in "Hilfsvereinen auf Gegenseitigkeit" (kyôsai kumiai) der Staatseisenbahn 1907 und einem "Krankenversicherungsgesetz" (kenkô- hokenhô) 1922, das aber die damals noch große Zahl der Land- und Heimarbeiter ausschloß (Thränhardt 1989). Erst mit Beginn des Krieges auf dem asiatischen Festland und der Kenntnis vom schlechten Gesundheitszustand der Rekruten ging man zu nationalen Wohlfahrtsmaßnahmen über. 1938 wurde das erste Wohlfahrtsministerium und die erste staatliche Krankenversicherung gegründet. Die staatlichen Ausgaben für diesen Sektor lagen aber bis 1942 nie höher als 2 % des Sozialprodukts. Noch 1989 lagen sie mit 14 % an unterster Stelle im Vergleich der westlichen Industrieländer. Andererseits ist die Gesetzgebung nach dem Krieg so vorangetrieben und vor allem der private Versicherungsbereich der einzelnen Großbetriebe so entwickelt worden, daß man ab 1970 von einem den westlichen Ländern entsprechenden Niveau der sozialen Sicherung spricht (Anderson 1993; Thränhardt 1995). Dennoch sind die Investitionen in diesem Bereich trotz unzureichender Infrastruktur vor allem im Altenpflegebereich immer wieder konjunkturellen Schwankungen ausgesetzt. Wiederholte Kürzungen wurden mit der Verantwortung der Familie und der Existenz eines "besonderen japanischen Wohlfahrtssystems" (nihongata fukushi seido) gerechtfertigt. Daß die japanischen Familien und hier besonders die Frauen, die bei der langen Lebenserwartung nicht selten im eigenen Alter ihre Eltern oder Schwiegereltern zu pflegen haben, jedoch längst an die Grenzen des Ertragbaren gelangt sind, ist ein ständiges Thema der Öffentlichkeit. So ist für die japanische Familie neben der Situation der Kinder und Jugendlichen das Alter heute zum vordringlichsten Problem geworden.
Zusammenfassend läßt sich feststellen: neben der Diversifizierung der Familienformen, besonders der Zunahme der Ein- und Zweipersonenhaushalte besteht heute auf Bewußtseinsebene wohl der größte Wandel darin, daß innerhalb der Familie das "Haus" gegenüber dem Beruf den höheren Stellenwert eingebüßt hat. Unter dem Schlagwort "my home" (mai homu) hatte sich in den sechziger Jahren mit steigendem Lebensstandard die wirtschaftliche Unabhängigkeit der städtischen Kleinfamilie herausgebildet. Heute, wo sie zur allgemeinen Erscheinung geworden ist, scheint sich immer mehr auch die geistige Unabhängigkeit ihrer Mitglieder zu entwickeln. Noch sind die gesellschaftlichen Zwänge stärker als in anderen entwickelten Ländern und immer noch werden große Opfer von der Familie verlangt, wenn es um die Vereinbarung von Familie und Berufs- oder Schulkarriere geht. Aber der Wunsch nach Lebensqualität und individueller Selbstverwirklichung hat sich auch in Japan längst Geltung verschafft.

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Quelle: HSK 9: Familie im 20. Jahrhundert. Traditionen, Probleme und Tendenzen im Kulturvergleich. Herausgegeben von Michael Mitterauer und Norbert Ortmayr. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel; Wien: Südwind; 1997. S. 87 - 104.
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