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Eveline Obitsch/Klaus Edel

Englisch im Geschichtsunterricht
Diskussionsbeitrag

Internetveröffentlichung zu: Beiträge zur Fachdidaktik. Nr. 1/00. 30. Jg.
http://www.univie.ac.at/Wirtschaftsgeschichte/VGS/b001in.html

Kommunikationsfähigkeit und Fremdsprachenkenntnisse sind heute für SchulabgängerInnen unablässige Voraussetzungen, um auf dem Arbeitsmarkt Chancen zu haben. Es ist natürlich Aufgabe der Schule, den jungen Leuten die entsprechenden Lernmöglichkeiten zu bieten. Laut einer Presseaussendung von Frau Bundesministerin Elisabeth Gehrer im Februar 1999 erfolgt ab dem Schuljahr 1999/2000 in verstärktem Ausmaß der Unterricht in den Fächern Geschichte, Geographie, Physik etc. in englischer Sprache.
Der Blick in den Wiener Schulführer zeigt, dass schon einige Wiener Schulen die Idee eines bilingualen Unterrichts aufgegriffen haben. Diese schulautonomen Unterrichtsmodelle oder Schulversuche (Wiener Schulführer '99: 94ff, vgl. Statistik im Anhang) stützen sich rechtlich auf 6, Abs. 1 des Schulorganisationsgesetzes bzw. 16, Abs. 3 des Schulunterrichtsgesetzes.
Als engagierte HistorikerInnen sehen wir uns veranlasst zu hinterfragen, was der Einsatz einer Fremdsprache für den Geschichtsunterricht bedeutet/bedeuten kann! Ermöglicht Geschichtsunterricht in englischer Sprache weiterreichende Erkenntnisse und Einsichten als Unterricht in der Muttersprache? Oder geht es vielmehr vorrangig um die Erhöhung der Fremdsprachenkompetenz auf Kosten der historischen Wissensvermittlung?
Im Lehrplanentwurf 1998 für Geschichte und Sozialkunde findet sich zum Selbstverständnis des GSK-Unterrichts bezüglich der Aufgaben dieses Faches folgender Anspruch: Der Unterricht in Geschichte und Sozialkunde werde als Begegnung mit der Vergangenheit des eigenen und anderer Kulturkreise verstanden, der eine Orientierung des Menschen in Zeit und Raum und zur Identitätsfindung in einer pluralistisch verfassten Gesellschaft ermöglichen solle (Lehrplanentwurf 1998). Hier erhebt sich nun die Frage, ob ein in englischer Sprache abgehaltener Unterricht diese Funktion erfüllen kann!

Welche Argumente sprechen nun für den Einsatz von Englisch im Geschichtsunterricht?

Allerdings sprechen auch einige gewichtige Gründe gegen den Geschichtsunterricht auf Englisch, vor allem wenn der Anspruch besteht, ausschließlich die Fremdsprache zu verwenden!

Im Wesentlichen sind es zwei Modelle der "Fremdsprachenoffensive", die derzeit sowohl in Pflichtschulen als auch in den AHS erprobt werden:
a) die ausschließliche Verwendung von Englisch als Arbeitssprache
b) der zweisprachige Unterricht in bilingualen Schulen
Einige LehrerInnen wählten einen dritten Weg, indem sie in bezüglich der Thematik und Quellenlage geeigneten Bereichen die Fremdsprache anwenden. In den meisten Fällen ist dies Englisch, nur selten kommt Französisch zum Einsatz (Wiener Schulführer '99:94ff).
Diese Vorgangsweise erscheint uns nach den bisherigen Erfahrungen aus der Sicht der Geschichte Unterrichtenden, denen es im Geschichtsunterricht vorrangig um die Vermittlung von fachspezifischen Kompetenzen geht, am ehesten geeignet, beiden Ansprüchen, nämlich Fachkompetenz und Sachkompetenz, gerecht zu werden.
Eine weitere sinnvolle Anwendung der Fremdsprache im Geschichtsunterricht wäre nach unserer Meinung die fächerübergreifende Behandlung geeigneter Themen, wie beispielsweise "Die Auseinandersetzung zwischen Königtum und Parlament zur Zeit der Stuarts", "Die amerikanische Verfassung" oder "Der Vietnamkrieg" in Form von Teamteaching. Damit könnte auch eine sinnvolle Vorbereitung auf eine mögliche fächerübergreifende Matura bzw. Fachbereichsarbeit erfolgen, die zwar eine interessante Reifeprüfungsvariante darstellt, aber im Regelschulwesen bisher keine institutionelle Entsprechung im Unterricht hat. Die Problematik von Team teaching erwächst aus dem Umstand, dass in der augenblicklichen Situation im Regelschulwesen diese Unterrichtsform nur in selbstausbeuterischer Weise durch die Beteiligten möglich ist, da einer der beiden Partner unbezahlt im Unterricht steht. Als Alternative könnte in beiden Fächern ein Thema gemeinsam behandelt werden, was allerdings ein hohes Maß an Koordination und Kommunikation voraussetzt, Rahmenbedingungen, die ebenfalls nicht zum Schulalltag in unseren AHS zählen. Hingegen gibt es im Schulversuch dafür Koordinationsstunden, die eine solche Arbeit wesentlich erleichtern.

Der Geschichtsunterricht in bilingualen Schulen

Das Modell eines bilingualen Unterrichts hat an Bedeutung gewonnen, da ab dem Schuljahr 1999/2000 an mehreren AHS-Standorten in Wien, darunter im Realgymnasium in der Krottenbachstraße, bilinguale Klassen eingerichtet werden. Diese bauen in Zukunft auf bereits in der Volksschule bilingual ausgebildete SchülerInnen auf, doch ist im Augenblick eine Übergangslösung notwendig, da die VolksschülerInnen noch nicht in der vierten Klasse angelangt sind.
Es wurden daher bei der Einschreibung für die ersten Klassen Aufnahmsgespräche zur Überprüfung der sprachlichen Eignung durchgeführt. Der Unterricht erfolgt im Teamteaching durch eine/n österreichische/n und eine/n muttersprachliche/n LehrerIn. Die Werteinheiten für die Native Speakers werden gesondert vom Stadtschulrat bereit gestellt. Für die deutschsprachigen LehrerInnen gab es eine begleitende Englischveranstaltung, um auch ihre Sprachkompetenz zu sichern, denn die SchülerInnen haben das Recht Antworten in Deutsch oder Englisch zu geben.
In der bilingualen Mittelschule im 10. Bezirk wird, nicht zuletzt um jenen SchülerInnen, die nicht zweisprachig aufgewachsen sind, aber dennoch eine bilinguale Klasse besuchen wollen, eine bessere Startchance zu gewährleisten, in der ersten Klasse ein verstärkter Englischunterricht durchgeführt. Für den Geschichtsunterricht legen die beteiligten LehrerInnen in ihrer Jahresplanung fest, welche Themen auf Englisch und welche auf Deutsch unterrichtet bzw. bilingual unterrichtet werden. Neben den Lernzielen werden auch die Curricular Links aufgelistet.

Reaktionen der SchülerInnen

Die Reaktionen auf den englischsprachigen Unterricht fallen bei den befragten SchülerInnen ganz unterschiedlich aus. Sie reichten von großer Begeisterung in einer Unterstufenklasse, in welcher der weiter oben beschriebene "dritte Weg" gegangen wird, bis zu Klagen über Überforderung, "Ich verstehe überhaupt nichts" und übermäßiges Vokabelpauken in der Oberstufe. Komplexe historische Inhalte müssen "erst recht" auf Deutsch erklärt werden. Einige SchülerInnen betonten auch, dass eine Rückkehr zum Frontalunterricht stattgefunden habe.

Unterrichtsmaterialien

Für den Geschichtsunterricht gibt es einerseits für die zweite Klasse (6. Schulstufe) die bilinguale Adaption eines auf dem Markt befindlichen Schulbuches und andererseits nicht sehr umfangreiche Themenbände. Darüber hinaus verwenden die LehrerInnen englische Schulbücher und Unterrichtsbehelfe, mit deren Hilfe sie Unterrichtsmaterialien für die SchülerInnen erstellen. Die Arbeitsblätter, mit denen der Unterrichtsertrag gesichert werden soll, enthalten einfache Einsetzübungen oder Lückentexte. Für das fachliche Verständnis werden die key-words angeführt.
Das Museum für Urgeschichte in Asparn/Zaya hat auf den Trend zum Geschichteunterricht in der Fremdsprache rEIAiert und eine englischsprachige Version seines Kindermuseumsführers herausgebracht, der für einen möglichen Lehrausgang zur Verfügung steht.

Begleitende Maßnahmen

In Wien bietet das Pädagogische Institut für interessierte LehrerInnen Sprach (Praxis)kurse in England an. Ein erster fand Ende Oktober 1999 statt und Anfang Juli 2000 ist ein weiterer Kurs in Exeter geplant. Darüber hinaus gibt es während des Schuljahres begleitende Veranstaltungen der Arbeitsgruppe "Englisch als Arbeitssprache". In Niederösterreich veranstaltet das Pädagogische Institut zu dieser Materie Seminare und an ausgewählten Standorten Schilfveranstaltungen und auch die Arbeitsgemeinschaft der AnglistInnen bietet Begleitveranstaltungen an.
Man kann gespannt sein auf die Erfahrungen und Erfolge im bilingualen Geschichtsunterricht, die sich nach ein paar Jahren zeigen werden. Aus der Sicht der HistorikerInnen ist der Fremdspracheneinsatz im Geschichte- und Sozialkundeunterricht zu begrüßen, wenn dadurch der "historische Horizont" erweitert wird. Es gilt also bei der Beurteilung der verschiedenen Wege darauf zu achten, dass die Aufgaben des Faches "Geschichte" nicht dem Fremdsprachenerwerb untergeordnet werden!

Die Verwendung der Fremdsprache im Unterricht

 

AHS

Hauptschule

Integr. Gesamtschule

             
             

Klasse

E

F

E

C

E

F

Unterst.

   

2

 

Selbstbest. Lernen

         

Keine Klassen

ab 1

1

         

ab 2

1

         

2,3

1

         

ab 3.

2

 

2

     

Projekte

   

2

     

Bilingual

1

 

1

1

   

5-8

1

1

       

5-7

1

         

5,7,8

1

         

6-8

3

1

       

6

1

         

6-7

           

7

1

         

ab 7. Kl

2

1

       

fallw.

3

1

       

Projekte

2

         

6/7 Pr.

1

         

Bilingual

1

         

Keine Schulstufe gen.

2

         

E = Englisch
F = Französisch
C = Tschechisch

Approbierte Unterrichtsmaterialien (Stand: Schulbuchaktion 1999/2000)

Literatur

BmfUkA (Hg.), Materialien zur Unterrichtsgestaltung. Wien 1998.
Lehrplanentwurf für Geschichte und Sozialkunde: "Zum Selbstverständnis des GSK-Unterrichtes". Wien 1998.
Ch. SITTE, Fremdsprachen in Geographie (und Wirtschaftskunde), in: Wissenschaftliche Nachrichten, hg. v. BMfUkA, Nr. 106, Jänner 1998. Wien 1998, S. 46ff.
Schulgesetze, in: Kodex des österreichischen Rechts, hg. v. Werner Doralt. Wien 1995.
Stadtschulrat für Wien (Hg.), Der große Wiener Schulführer '99. Wien 1999.


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