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Eva Steiner-Béres

Das Klippert-Modell im GSK-Unterricht

Über Möglichkeiten und über die Notwendigkeit des Methodentrainings im Geschichte- und Sozialkunde-Unterricht

Internetveröffentlichung zu: Beiträge zur Fachdidaktik. Nr. 2/00. 30. Jg.
http://www.univie.ac.at/Wirtschaftsgeschichte/VGS/b002in.html

Warum soll das Klippert-Konzept im GSK-Unterricht eingesetzt werden?

Für die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit methodischen Konzepten wie das hier zu besprechende Klippert-Modell (in Wien auch unter der Bezeichnung "Wiener-Melange" bekannt) gibt es für GSK-LehrerInnen zwei Gründe:

  1. Die bildungspolitische Entwicklung: Die an das Bildungssystem/an die Schule herangetragenen gesellschaftlichen Anforderungen haben in den letzten Jahren zu einer verstärkten Diskussion über den Bildungsbegriff geführt, der zwischen den Gegenpolen der Erweiterung als Konsequenz der rasanten Wissensvermehrung und der Anpassung an die (vorwiegend wirtschaftlichen) Erfordernisse der Brauchbarkeit letztlich eine Erweiterung erfahren hat, die sich sowohl in den Lehr- und Lernzielen als auch in den Lehrinhalten, aber ebenso in den neuen methodischen Konzepten niederschlägt: Der fachspezifische Kenntniserwerb steht nicht mehr allein im Mittelpunkt, methodisch-strategisches, sozial-kommunikatives und affektives Lernen sind auch gefragt. Dieser Entwicklung versuchen die Schulen mit der Erweiterung ihres Bildungsangebotes durch die Einführung neuer "Lernkulturen" Rechnung zu tragen. Wenn man den Wiener Schulführer durchblättert, gewinnt man den Eindruck, dass sich - angefangen bei Volksschulen, über Hauptschulen bis zu den AHS - kaum eine Schule der diesbezüglichen offensichtlichen Nachfrage entziehen kann, das Angebot der sozialen, offenen und eigenverantwortlichen Lernformen wird im Schulprofil stets betont. Das bedeutet, dass sich LehrerInnen aller Fächer mit den neuen Lernformen auseinander setzen müssen.
  2. Die Veränderungen im Fach Geschichte: Die vorhin skizzierten gesellschaftlichen und bildungspolitischen Tendenzen haben in den GSK-Unterricht (ähnlich dem Deutschunterricht) bereits vor Jahren Eingang gefunden, GSK hat sozusagen vorweggenommen, was sowohl inhaltlich als auch von den Zielsetzungen her zunehmend auch für die anderen Fächer gilt: weg vom lexikalischen Wissen, hin zur kritischen Wissensverwertung, statt reiner Rezeption eines fertigen Geschichtsbildes Autonomie und Mündigkeit, durch eigenständiges Erarbeiten historischer Inhalte zur Urteilsfähigkeit, von Fakten zu Erkenntnissen und Einsichten usw. (Diese Reihe wäre beliebig fortzuführen, ist aber an dieser Stelle nicht notwendig.) Als äußeren Ausdruck dieses Wandels kann man die veränderten Bezeichnungen für das Fach ebenso sehen (GSK in der AHS, in dem BHS-Bereich seit einigen Jahren Politische Bildung und Rechtskunde, das Wahlpflichtfach in der AHS heißt Sozialkunde, Politische Bildung und Rechtskunde) wie die Veränderungen der Lehrpläne und die Umsetzung des Erlasses für politische Bildung (die vorwiegend vom GSK-Unterricht erwartet wird). Wenn man diese Vorgaben ernst nimmt, muss das zu essenziellen Veränderungen der Ziele, Themen und Methoden führen. Auf Grund meiner Erfahrungen würde ich sagen, dass wir in den ersten beiden Punkten - Ziele und Themen - Fortschritte gemacht haben, die noch größer sein könnten, wenn wir dem dritten - den Methoden - noch mehr Aufmerksamkeit widmen würden. Selbständiges Arbeiten mit Quellen, Informationsbeschaffung für Referate, forschendes Lernen bei themenzentrierten Projekten, die Durchführung der Projekte selbst und die Präsentation der Ergebnisse - um nur einige gängige Inhalte modernen Geschichtsunterrichts zu nennen - könnten wesentlich effizienter und erfolgreicher gestaltet werden, wenn sich LehrerInnen auf die sichere Methodenkompetenz der SchülerInnen stützen könnten. Und hier bringt das Methodentraining - aber auch andere Elemente des Klippertschen Konzepts - große Vorteile.

Das Modell:
Eigenverantwortliches Arbeiten und Lernen - E.V.A.

Haus des Lernens Hiebei handelt es sich um ein von Dr. Heinz Klippert (1998a) entwickeltes und in Deutschland seit einigen Jahren mit Erfolg durchgeführtes Unterrichtskonzept, das mittlerweile auch an zahlreichen Wiener Schulen praktiziert wird und das von folgenden Überlegungen ausgeht: Trotz veränderter Lehrpläne, -ziele und -inhalte ist die Dominanz der rezeptiven Wissensvermittlung an unseren Schulen unverändert überwiegend - das beweisen sowohl empirische Untersuchungen als auch Erfahrungen der Lehrenden wie der Lernenden. Das größte Manko dabei sei allerdings, dass "dem Lernen des Lernens" kaum Aufmerksamkeit und Raum eingeräumt wird (Klippert 1998a: Einleitung). Hievon ausgehend entwirft Klippert ein neues "Haus des Lernens" (Siehe Abbildung) und setzt wie jeder vernünftige "Häuslbauer" beim Fundament an.
Dieses besteht aus Methodentraining, Kommunikationstraining und Teamentwicklung und ermöglicht eigenverantwortliches Arbeiten in verschiedenen Organisationsformen, das wiederum Voraussetzung für den Erwerb von Schlüsselqualifikationen wie Fachkompetenz, Methodenkompetenz, Sozialkompetenz und letztlich Selbstkompetenz ist. Nicht nur H. Klippert sieht in der Vermittlung dieser Schlüsselqualifikationen die eigentliche Aufgabe der Schule von heute.

Wie läuft eine Trainingseinheit ab?

Das Konzept sieht in allen drei Bereichen - Methoden- und Kommunikationstraining sowie Teamentwicklung -, unabhängig von den jeweiligen Inhalten, die Durchführung von Trainingssequenzen in den verschiedenen Fächern vor. Die praktischen Erfolge stellen sich natürlich am besten ein, wenn ein Klassenlehrerteam, das vorher im Rahmen einer theoretischen und vor allem praktischen Ausbildung die Trainingeinheiten selbst erprobt hat, diese in möglichst vielen Fächern umsetzt. Für den GSK-Unterricht bringt von den drei Grundelementen das Methodentraining den größten praktischen Nutzen, darum soll hier beispielhaft eine Sequenz aus diesem Bereich vorgestellt werden.

"Informationen beschaffen und verarbeiten" ist eine Übungseinheit für 6-8 Stunden und setzt sich aus folgenden Bausteinen zusammen:

Grundsätzlich sind nach Klippert bei allen Trainingseinheiten drei Aufbauschritte anzuwenden, die an genaue Zeitvorgaben gebunden sind: Einzelarbeit - Partnerarbeit/Kleingruppe - Plenum/Großgruppe. Diese Vorgangsweise bietet Abwechslung und durch gleichzeitige Entlastung eine verbesserte Konzentration. Das ständige Anwenden dieser Schritte führt zu einer verbesserten Lerntechnik auch in der selbständig organisierten Lernzeit und dadurch zu mehr Effektivität und Lernerfolg, der wiederum der Schlüssel für Motivation ist.

Wo ist die Klippert-Methode im GSK-Unterricht einsetzbar

Auf Grund meiner Erfahrungen aus zwanzigjähriger Lehrertätigkeit und der Beschäftigung mit Geschichtsdidaktik teile ich die Ansicht H. Klipperts, dass bei allen wünschens- und lobenswerten Bestrebungen, Bemühungen und Erfolgen auf diesem Gebiet weiterhin manch Frust auf beiden Seiten (Lehrer - Schüler) aus dem einfachen Grund entsteht, dass es an der Methodenkompetenz der SchülerInnen mangelt, "dass die im Unterricht praktizierten Lernmethoden über weite Strecken Lehrermethoden sind ... und dass Methoden praktisch-experimentell geübt und gelernt werden müssen; sie können erfahrungsgemäß nur sehr begrenzt ‚gelehrt' werden." (Klippert 1998a:26)
Nach der kurzen Darstellung obiger Trainingssequenz sollen nun einige weitere Beispiele inhaltlicher und methodischer Art aus dem GSK-Unterricht zeigen, dass das Klippert-Modell nützliche Anregungen und Hilfen bietet, da es darin für die hier zur Anwendung kommenden elementaren Arbeitstechniken (die wir Lehrer oft fälschlicher Weise als vorhanden voraussetzen) konkrete und praktische, direkt umsetzbare Übungsbeispiele gibt:

Worin liegen die Vorteile dieser Methode?

Der größte Vorteil dieses Konzeptes ist, dass die SchülerInnen von der Passivität und der häufig damit verbundenen Langeweile wegkommen und aktiv - d. h. praktisch-anschaulich - den Stoff bewältigen können. Gerade in Zeiten wachsender Klassenschülerzahlen profitieren davon beide Seiten, also SchülerInnen wie LehrerInnen. Letzteren verlangt zwar die Methode mehr und intensivere Planungsarbeit ab, sie führt aber zugleich zu einer gewissen Entlastung im Unterricht selbst. "Unsere Aufgabe als Lehrkräfte ist es dabei nicht so sehr, den SchülerInnen zu zeigen, "wie es geht", sondern ihnen vielmehr Raum für eigene Entwicklung zu geben, sie zu unterstützen, Denkprozesse anzuregen, Material, Raum, Zeit und natürlich "know-how" zur Verfügung zu stellen." (Enigl 1998)
Positiv empfinde ich, trotz des konsequent durchdachten, systematischen Charakters des Klippert-Modells, seine Offenheit allen anderen Methoden gegenüber, seien es "alte", bewährte Methoden wie Lehrervortag oder neue Wege wie etwa der des offenen Lernens. Sie sind alle integrierbar, da es sich hier in erster Linie um Lernmethoden handelt ,die sich die SchülerInnen aneignen, um aus den verschiedenen Angeboten des Unterrichtes (mit Hilfe der verschiedenen Lehrmethoden ) optimal profitieren zu können. Die Sicherheit der Methodenbeherrschung ist die Basis für jegliche Motivation, ohne die kein erfolgreiches Lernen und damit keine Fachkompetenz möglich ist. Erfolg wiederum führt zur Selbstsicherheit und zur Steigerung des Selbstwertgefühls. Ergänzt durch die ebenso notwendige Sozialkompetenz erwächst aus diesen Faktoren die erstrebte Selbstkompetenz, die die Grundlage für Zufriedenheit in der Lebensgestaltung - beruflich wie privat - bildet. Und was, wenn nicht dies, soll der Sinn der schulischen Ausbildung sein?


Internetveröffentlichung zu: Beiträge zur Fachdidaktik. Nr. 2/00. 30. Jg.
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