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Thomas Sokoll

Der demographische Übergang: Beiträge zu einer kritischen Bilanz

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 3/00. 30. Jg.

Kaum ein bevölkerungswissenschaftliches Modell ist so weit verbreitet wie das Modell des "demographischen Übergangs". Es gilt als universales Erklärungsmuster für die Bevölkerungsentwicklung im Zeitalter der Industrialisierung und wird namentlich von Wirtschafts- und Sozialhistorikern, Demographen und Geographen verwendet. Auch in vielen Schulbüchern für Geschichte, Sozialkunde (bzw Sozialwissenschaft) und Geographie ist es zu finden. Nach diesem Modell vollzog sich, wie es z.B. in einem neuen Überblick zur industriellen Revolution heißt, "in allen heutigen Industrieländern" eine "Entwicklung von der vorindustriellen Zeit mit hoher Geburten- und Sterberate und mittlerem Bevölkerungswachstum zur Bevölkerungsweise nach der industriellen Revolution mit niedriger Geburten- und Sterberate und geringem Bevölkerungswachstum".
Bessere Ernährung, Fortschritte in der Hygiene und medizinische Errungenschaften hätten zunächst zu einem Rückgang der Sterblichkeit geführt, dem mit einer charakteristischen Verzögerung von etwa einer Generation ("es dauerte jedoch eine gewisse Zeit, bis sich die Erkenntnis, daß die Überlebenswahrscheinlichkeit ihrer Kinder angestiegen war, bei den Menschen durchsetzte") dann auch der Rückgang der Fruchtbarkeit gefolgt sei (Buchheim 1994:28).

Gegenüber dem landläufigen Modell des "demographischen Übergangs" häufen sich im Bereich der historisch-demographischen Forschung seit etwa zwei Jahrzehnten Ergebnisse, die sich kaum noch mit diesem Erklärungsmodell vereinbaren lassen. Vereinfacht gesagt, zeichnen sich an folgenden Punkten deutliche Bruchstellen ab:

  1. Der Ausgangspunkt des Modells: die Annahme, dass sich die vortransitorischen Bevölkerungen gleichsam in einem demographischen Naturzustand befinden. Die noch immer kolportierte Vorstellung, die rohe Gewalt der Lebensumstände - Hunger, Seuchen, Kriege - habe ein so hohes Mortalitätsniveau mit sich gebracht, dass selbst die bloße Bestandserhaltung der Bevölkerung eine ebenso hohe, gewissermaßen‚ naturwüchsige' Fertilität erfordert habe, steht quer zum bereits klassischen Konzept einer auf sozialer Steuerung vor allem des Heiratsverhaltens beruhenden vorindustriellen Bevölkerungsweise. Genau dieses Konzept ist inzwischen durch eine Vielzahl historisch-demographischer Fallstudien erhärtet worden, die gezeigt haben, dass auch bereits im frühneuzeitlichen Europa individuelle Anpassungsstrategien verfolgt wurden.
  2. Der im Modell unterstellte Verlauf des Übergangs und die für die Entwicklung der einzelnen Faktoren (Mortalität, Fertilität) veranschlagten Ursachen. Die Vorstellung, dass der durch medizinischen Fortschritt, hygienische Verbesserungen und steigenden Lebensstandard bedingte Mortalitätsrückgang - bei gleichbleibend hoher Fertilität - das auslösende Moment für das Bevölkerungswachstum im Zeitalter der Industrialisierung gewesen sei, hat sich als zu einfach erwiesen. Zunächst einmal ist der Mortalitätsrückgang nicht stetig verlaufen, sondern durch vielfache Unterbrechungen und Verwerfungen gekennzeichnet, vor allem durch den deutlichen Anstieg der Säuglingssterblichkeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sodann ist die Bedeutung medizinischer Verbesserungen für die Zeit vor dem ausgehenden 19. Jahrhundert als außerordentlich gering zu veranschlagen. Schließlich gibt es Fälle, in denen Mortalitäts- und Fertilitätsrückgang von Anfang an parallel verlaufen sind (Frankreich) oder sogar während des Übergangs ein - im herkömmlichen Modell gar nicht vorgesehener - Fertilitätsanstieg zu beobachten ist, der das Bevölkerungswachstum in ungleich stärkerem Maße beeinflusst hat (England).
  3. Die diffusionistische Erklärung des den Übergang abschließenden Fertilitätsrückgangs (der als solcher nicht strittig ist). Danach gilt der Fruchtbarkeitsrückgang als gesamteuropäischer Modernisierungsschub, der in allen Ländern alle Klassen und Schichten nach und nach auf den demographischen Königsweg der Zwei-Kind-Familie geführt hat. Demgegenüber ist von ‚vielen Wegen' zur Geburtenbeschränkung auszugehen, die sich sowohl in nationalen Sonderwegen (z.B. Frankreich, England) wie in klassenspezifischen Erfahrungen (z.B. der frühe Geburtenrückgang in Arbeiterfamilien der englischen Textilindustrie). Diese lassen sich weder durch konvergenztheoretische Deutungen der Transitionstheorie noch durch die herkömmliche diffusionistische Erklärung - die bürgerlichen Mittelschichten als Vorreiter familialer Verantwortung, denen zunächst die hochqualifizierten, sodann die gelernten und schließlich die ungelernten Segmente der Arbeiterschaft folgen - ausreichend erfassen und deuten. Zudem blenden konvergenztheoretische wie diffusionistische Erklärungen des Fruchtbarkeitsrückgangs die spezifischen Konstellationen der für die ‚politische Ökonomie' der Geschlechterbeziehungen und für die Geburtenbeschränkung entscheidenden Faktoren aus: geschlechtsspezifische Arbeitsteilung auf dem Arbeitsmarkt, innerfamiliäre Kräfteverhältnisse, Zugang zu Verhütungsmitteln, Haltung zur Abtreibung, säkularisierte Sexualmoral etc.

Wie kommt es dann, dass das Konzept des "demographischen Übergangs" sich nach wie vor solcher Beliebtheit erfreut? Neben dem Reiz, der darin besteht, dass hier komplexe Strukturveränderungen auf eine ebenso einfache wie plausibel erscheinende Formel gebracht werden, spielen sicher politisch-ideologische Motive eine Rolle (Fortschrittsoptimismus, Planungsphantasien). So hat Simon Szreter in einem brillanten wissensgeschichtlichen Essay die jahrzehntelange Fixierung auf dieses Modell, und zwar nicht allein in Kreisen der Wissenschaft, sondern ebenso im Bereich internationaler Organisationen wie der Weltbank, als modernisierungstheoretisches Selbstmissverständnis gedeutet und die breit angelegten Forschungsprojekte auf diesem Gebiet, namentlich das Princetoner "European Fertility Project", als grandiosen sozialwissenschaftlichen Fehlschlag bezeichnet (1993; ähnlich Sokoll 1992: 409-410).
Manchem mag diese Einschätzung zu weit gehen. Und nicht jeder wird Szreters Auffassung teilen wollen, dass sich der Begriff des "demographischen Übergangs" überhaupt als sinnlos erwiesen habe und daher ganz fallen gelassen werden sollte. Doch die Notwendigkeit einer kritischen Auseinandersetzung lässt sich nicht länger ernsthaft bestreiten. In diesem Sinne haben es sich die Autoren dieses Heftes zum Ziel gesetzt, das Konzept des "demographischen Übergangs" im Lichte der neueren Forschung einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Es geht also der Sache nach darum, neue Ergebnisse zur demographischen Entwicklung seit dem 16. Jahrhundert zusammenfassend darzulegen. Dies soll aber nicht rein sachlogisch geschehen. Vielmehr soll durch die explizite Anbindung der Darstellung an ein weit verbreitetes Erklärungsmuster eine thematische Bündelung des Stoffs erreicht werden. Auch die methodischen Implikationen sollen zur Sprache kommen - liegt doch ein besonderer Reiz des Themas nicht zuletzt darin, dass es die Integration verschiedener Ansätze und Zugriffsweisen erlaubt, ja erzwingt. Daher wird es im Folgenden nicht nur um demographische Befunde gehen, sondern auch um deren historische Einordnung und Deutung unter Berücksichtigung sozialer und ökonomischer, politischer und kultureller Faktoren. Besonderes Augenmerk haben wir auf vergleichende Gesichtspunkte gelegt. So werden die Unterschiede zwischen Ländern bzw. Nationen und innerhalb der einzelnen Länder zwischen Regionen bzw. zwischen Stadt und Land, zwischen sozialen Klassen und Schichten bzw. Berufsgruppen und gewerblichen Sektoren angesprochen und historische Vergleiche über längere Zeiträume angestellt.
Einige kurze Hinweise zu den folgenden Beiträgen: Zum Einstieg befasst sich Georg Fertig mit der Zeit vor dem "demograpischen Übergang". Er fragt nach der sozialen Steuerung vorindustrieller Bevölkerungen und unterzieht zu diesem Zweck das Mackenrothsche ‚Stellenkonzept', das im deutschsprachigen Raum einflussreichste Modell auf diesem Gebiet, einer radikalen Kritik. Auch der folgende Beitrag bezieht die vortransitorische Zeit mit ein, führt aber die Betrachtung bis zum Ende des "demographischen Übergangs" weiter. Thomas Sokoll zeichnet die Grundlinien der demographischen Entwicklung Englands vom 16. bis zum 20. Jahrhundert nach und kommt zu dem Schluss, dass der englische Fall - vor allem im Hinblick auf die Entwicklung der Fertilität - dem klassischen Transitionsmodell weitgehend widerspricht. Die nächsten Beiträge gelten dem Mortalitätsrückgang, hauptsächlich am Beispiel Deutschlands. Rolf Gehrmann befasst sich mit der Mortalitätsentwicklung zwischen 1750 und 1850 und verweist auf die erstaunlichen Fortschritte in der Eindämmung der Säuglingssterblichkeit, die im norddeutschen Raum bereits in der Frühphase des Übergangs zu verzeichnen sind. Anschließend diskutiert er die Implikationen, die sich daraus für das Princetoner Modell des "epidemiologischen Übergangs" ergeben und plädiert für dessen zeitliche Erweiterung. Zum Abschluss wendet sich Andreas Weigl dem demographischen Wandel in den europäischen Metropolen zu. Hauptsächlich am Beispiel von London, Paris und Wien behandelt er zunächst (und gewissermaßen in Ergänzung und Vertiefung der Beiträge von Gehrmann und Vögele) die epidemiologischen Befunde, wobei er besonders die Rolle der kommunalen Gesundheitspolitik betont. Sodann kommt er auf die Besonderheiten des Fertilitätsrückgangs in den Großstädten zu sprechen, wodurch sich der thematische Kreis des "demographischen Übergangs" schließt (und sich wiederum Rückbezüge zu den Beiträgen von Fertig und Sokoll ergeben).

LITERATUR

J. BUCHHEIM, Industrielle Revolutionen. Langfristige Wirtschaftsentwicklung in Großbritannien, Europa und Übersee. München 1994.
S. SZRETER, The idea of demographic transition and the study of fertility change: a critical intellectual history, in: Population and Development Review 19/1993, 659-701.
T. SOKOLL, Historische Demographie und historische Sozialwissenschaft, in: Archiv für Sozialgeschichte 32/1992, 405-425.

Einstieg vom Lehrplan aus:
Geschichte und Sozialkunde
7. Klasse
1. Gestaltende Kräfte des 19. Jahrhunderts in
Wirtschaft, Gesellschaft und Staat
Lerninhalte:
Die Struktur der vorindustriellen und der industriellen Gesellschaft

Querverbindungen:
Geographie und Wirtschaftskunde
Bei folgenden Themenkreisen empfiehlt sich eine enge Zusammenarbeit:
 - Bevölkerungs- und Gesellschaftsstrukturen
(Entwicklung und Veränderung)
 - demographische und gesellschaftliche Entwick-
lungen Österreichs

Geographie und Wirtschaftskunde
7. Klasse
Raum, Gesellschaft und Wirtschaft Österreichs
2. Demographische und gesellschaftliche Entwick-
lungen
Lernziele:
 - Kenntnis charakteristischer demographischer
Strukturen und Prozesse


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