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Christoph Butterwegge

Rassismus und (Standort-)Nationalismus als Ausgrenzungsmechanismen
Kernideologien des Rechtsextremismus im so genannten Zeitalter der Globalisierung (Ausschnitt)

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 4/00. 30. Jg. (Ausschnitt)

Rechtsextremismus ist ein hochkomplexes und sozial heterogenes Phänomen, das Gesinnungen und Gewalttaten, neonazistische Organisationen und "jungkonservative" Orientierungen, jugendliche Schlägerbanden und "Skinheads in Nadelstreifen", "Stiefelfaschisten" und Stammtischbrüder umfasst. Fragt man, was Straftäter und Sympathisant/inn/en miteinander verbindet, stößt man auf die "Kernideologien" des Rechtsextremismus: Rassismus und Nationalismus, aber auch - kaum weniger wichtig - Sozialdarwinismus, Militarismus und Sexismus. Als rechtsextremistisch sind rassistische, nationalistische, sozialdarwinistische, militaristische und sexistische Denk- oder Verhaltensweisen zu bezeichnen, wenn sie zu einem geschlossenen Weltbild bzw. zu einem Aktionsmuster verschmelzen, das politisch motivierte Gewalttätigkeit, -bereitschaft oder -akzeptanz impliziert.

Politik, Wissenschaft und Publizistik im Kampf um den richtigen Begriff: "Ausländerfeindlichkeit", "Fremdenfurcht" oder "Rassismus"?

Unklarheit und Unsicherheit der Fachwissenschaft hinsichtlich des Rechtsextremismus offenbaren sich in einer Begriffsvielfalt, die nur als ein terminologisches Chaos bezeichnet werden kann. Dies gilt nicht bloß für Ausdrücke wie "Rechtsextremismus", "-radikalismus" und "-populismus", die das Forschungsfeld umreißen, sondern auch für verwandte Termini.
Im deutschsprachigen Raum spricht man meist von "Ausländerfeindlichkeit", um Ressentiments gegenüber Bürger/inne/n anderer Nationalität zu charakterisieren. Kritiker/innen meiden das Wort, weil sein erster Teil irreführend und sein zweiter Teil verharmlosend ist. "Ausländerfeindlichkeit" betrifft weder alle Ausländer noch Ausländer/innen allein: Schweizer Bankiers, Skandinavier/innen und weiße US-Amerikaner/innen leiden nicht darunter; Afrodeutschen, z.B. den sog. Besatzungskindern, wiederum nützt es im Konfliktfall wenig, einen Bundespersonalausweis zu besitzen. Zudem wird das Phänomen zum Problem einzelner Personen im Umgang mit Nichtdeutschen umgedeutet, obwohl es gesellschaftlich bedingt und politisch erzeugt ist.
"Fremdenfeindlichkeit" ist noch unschärfer und missverständlicher. Sofort stellt sich die Frage, wie und wodurch jemand zum Fremden (gemacht) wird und warum Menschen abgelehnt, benachteiligt oder erniedrigt werden, die man kennt oder gut zu kennen glaubt, gerade weil sie vielleicht schon seit Generationen in der unmittelbaren Nachbarschaft wohnen (z.B. Türken in der Bundesrepublik Deutschland oder Serben, Kroaten und Moslems im ehemaligen Jugoslawien). In dem damit eng verwandten Begriff "Xenophobie" wird ein Kausalzusammenhang zwischen Furcht und Fremdenfeindlichkeit hergestellt, womit sich zuweilen die Behauptung verbindet, gemeint sei etwas Natürliches und biologisch Vorgegebenes, also nicht sozial Gelerntes und Veränderbares. Bedenklich stimmt auch, dass selbst von erklärten Gegnern der Übergriffe lange nicht mehr so viel von den/dem "Fremden" gesprochen worden ist, wodurch man Ethnisierungs- und Ausgrenzungsprozesse unterstützt, denen bestimmte Gruppen unterliegen.
Präziser ist ein Terminus, der zwar international üblich, hierzulande aber trotz seiner allmählichen Enttabuisierung zum Teil immer noch verpönt ist: "Rassismus" findet nur langsam Eingang in den offiziellen Sprachgebrauch. Es handelt sich um ein zwischenstaatliches wie innergesellschaftliches Macht- und Gewaltverhältnis (institutioneller bzw. struktureller Rassismus), aber auch um eine Weltanschauung, die Rangunterschiede zwischen größeren Menschengruppen pseudowissenschaftlich zu rechtfertigen sucht (intellektueller Rassismus) sowie das Denken und Handeln eines Großteils der Bevölkerung stark beeinflusst (individueller bzw. Alltagsrassismus). Vorurteile, Klischees und Stereotype gelten zwar als Inbegriff des Rassismus, bilden aber mitnichten seinen "harten Kern". Vielmehr sind die rassistischen Denk- und Handlungsweisen weniger eine Sache der persönlichen Einstellung als staatlicher Politik und gesellschaftlicher Mechanismen. Die strukturelle Benachteiligung ethnischer Minderheiten spiegelt sich etwa in einer Ausländergesetzgebung wider, die "Andere" offiziell zu Menschen "zweiter Klasse" stempelt.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 4/00. 30. Jg. (Ausschnitt)
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