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Andrea Griesebner, Christina Lutter

Geschlecht und Kultur. Editorial.

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Sondernr. 1/00. 30. Jg.

Die Sondernummern der Beiträge zur historischen Sozialkunde setzen sich zum Ziel, neue Zugangsweisen und inhaltliche Orientierungen innerhalb der Geschichtswissenschaften vorzustellen. Das letzte Heft beschäftigte sich mit den Kulturwissenschaften und ihren Einflüssen auf die Geschichtswissenschaft. Auch im vorliegenden Heft stehen die Kulturwissenschaften im Zentrum, nun allerdings in einer geschlechtergeschichtlichen Perspektive.

Hatte sich die Frauengeschichte zu Beginn der 70er Jahre noch primär sozialgeschichtlich konstituiert und ihren Schwerpunkt auf die Rekonstruktion von individuellen wie kollektiven Lebenswelten von Frauen gelegt, so vollzog sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten ein Paradigmenwechsel, der auch als kulturalistische Wende beschrieben werden kann. Den methodologischen und theoretischen Herausforderungen, die mit der Theoretisierung von Geschlecht als kultureller Konstruktion verbunden sind, soll im Rahmen dieser Sondernummer begegnet werden. Dabei geht es, wie Cornelia Klinger in ihrem Beitrag zeigt, weniger um eine Ablöse des sozialgeschichtlichen Paradigmas als vielmehr um eine Erweiterung der Problemstellungen durch die Einbeziehung der kulturellen Dimension des Sozialen. Erst dadurch kann der alte Dualismus von Natur und Gesellschaft bzw. biologischem und sozialem Geschlecht (sex und gender) aufgelöst und die Kategorie Geschlecht auf diese Weise begrifflich umfassender und methodisch praktikabler gefasst werden.
Wie die in den Literaturwissenschaften entwickelten Texttheorien, insbesonders die um die Kategorie Geschlecht erweiterte Narratologie, für die historische Geschlechterforschung nutzbar gemacht werden können, veranschaulicht Birgit Wagner. Brigitte Kossek gibt in ihrem Beitrag einen Überblick über zentrale Debatten im Feld der postcolonial studies und skizziert die Herausforderungen, welche sich aus den Wechselwirkungen mit den gender studies für eine feministische Geschichtswissenschaft ergeben. In einer Fallstudie über brasilianische Populärmusik der 20er und 30er Jahre erläutert Christopher Laferl die diskursive Markierung von Körpern entlang der Kategorien Geschlecht/Ethnizität bzw. ‚Rasse' und nimmt damit auch Birgit Wagners Fragestellung nach der kulturellen Konstruktion dieser Kategorien in und durch die (historische) Erzählung wieder auf.
Dass dichotome Geschlechterkonzepte auch zur Analyse historischer Gesellschaften ‚unserer Kultur' zu kurz greifen, verdeutlichen die nachfolgenden Beiträge. Mittels kurzer chronologischer Schnitte in die Frühe Neuzeit und ins 18./19. Jahrhundert spürt Wolfgang Schmale den Veränderungen in den Männlichkeitsentwürfen nach. Er arbeitet heraus, dass die Männlichkeitskonzepte der Frühen Neuzeit viel stärker an die jeweilige Lebensphase und den gesellschaftlichen Stand gebunden waren, als dies heute der Fall ist. Ebenfalls zwei chronologische Schnitte, nun in die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts und den Beginn des 16. Jahrhunderts, unternimmt Eva Cescutti. Ausgehend von zwei gelehrten Frauen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit fragt sie, in welcher Relation Genus und Ordo jeweils zueinander standen und wie sich diese Relation geschichtlich veränderte.
Den Wechselbeziehungen von Geschlecht, Konsum und Medien gilt das Interesse von Monika Bernold und Andrea Ellmeier. In ihrem Beitrag, der gleichzeitig einen Überblick über die feministischen Ansätze der Konsum- und Mediengeschichtsschreibung bietet, gehen sie der Frage nach, wie seit dem späten 19. Jahrhundert in verschiedenen historischen Zusammenhängen in Konsum und Medienkulturen ‚Männlichkeit' und ‚Weiblichkeit' konstruiert wurden und wie diese Konstruktionen in gesellschaftlichen Machtverhältnissen effektiv werden. Dass staatliche Maßnahmen nicht immer die politisch intendierten Wirkungen entfalten, von den Zielgruppen für ihre eigenen Bedürfnisse und Zwecke ‚angeeignet' werden konnten, verdeutlicht Maria Mesner in ihrem Beitrag, dessen Augenmerk den Ehe- und Sexualberatungsstellen der Zwischenkriegszeit in Österreich gilt. In unserem abschließenden Beitrag versuchen wir, verschiedene Fäden nochmals aufzunehmen. Dabei geht es uns besonders um eine kritische Auseinandersetzung mit den Kategorien "Geschlecht" und "Kultur", die wir als analytische Instrumente bzw. Erkenntniswerkzeuge verstehen, die ihrerseits immer wieder auf ihren Nutzen und ihre Anwendbarkeit in unterschiedlichen historischen Kontexten befragt werden müssen. Auch wenn die Auswahl der Beiträge immer ein Stück willkürlich bleiben muss, so denken wir, mit diesem Sonderheft einen umfassenden Einblick in aktuelle Diskussionen in den postcolonial studies, cultural studies und gender studies und deren Verschränkungen zu bieten. Wir danken den AutorInnen und Andrea Schnöller, die das gesamte Manuskript lektorierte, für die konstruktive Zusammenarbeit und wünschen den LeserInnen eine anregende Lektüre.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Sondernr. 1/00. 30. Jg.
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