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John Morrissey

Einleitung.Von Bösewichtern und Barbaren

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 1/01. 31. Jg.

Wer kennt sie nicht, jene Sprüche, die so leicht über die Lippen kommen, jene Bilder, die in nicht wenigen Köpfen herumspuken. Zählen wir einige wahllos auf: Vandalen zerstören Telephonzellen, unordentliche Zeitgenossen hausen wie die Hottentotten, primitive Menschen nennt man Zulukaffer - oder war es Buschneger vom Kongo? Unelegantes Nasenputzen ohne Taschentuch? Russisch Schnäuzen! Hinterlist, Tücke und Verrat? Das riecht nach Balkanischer Intrige, könnte aber auch eine Byzantinische sein. Aber bezichtigt man nicht auch Italiener der Neigung zum Dolchstoß? Und wie hält man es mit einer getürkten Angelegenheit? Horden aus dem Osten: Hunnen, Awaren und Mongolen. Wie schrieb unlängst der Standard? "BSE, CJD, DU, blitzschnell lernt die Welt ... Abkürzungen, die Schrecken verbreiten wie früher einmal die Pest und Attila."

In einem irischen Rebellenlied heißt es: " ...while Britannias Huns with their long range guns sailed in through the Foggy Dew." Missliebige Personen wünscht man dorthin, wo der Pfeffer wächst, als Alternative wird des öfteren Timbuktu angeboten. Nicht selten muss eine ganze Epoche als Metapher des Bösen herhalten: Reaktionäre Politik wird gerne als Weg in die finstere Vergangenheit bezeichnet.
"Im Minirock aus dem Mittelalter in die Moderne" lautete der Titel eines Berichts über iranische Frauen im "Kurier".
Die Liste ließe sich beliebig verlängern, vor allem wenn man die jahrhundertelange Tradition antisemitischer Klischees bedenkt. Es lohnt aber auch der Blick auf die Kehrseite der Medaille: Die Verherrlichung und Überhöhung bestimmter Ethnien, Kulturen und Epochen. Das Mittelalter scheint gegen Antike, Renaissance oder die gute alte Kaiserzeit weiterhin schlechte Karten zu haben. New Age-Anhänger erklären Kelten, Aborigines, Schamanen aller Kontinente sowie die indigenen Amerikaner - wenn sie nicht gerade Kiowas, Huronen oder mit Punkfrisuren ausgestattete Irokesen sind - zu ihren Leitbildern. Ganz zu schweigen von der Vereinnahmung durch totalitäre Systeme, wie der Germanen durch den Nationalsozialismus.
Angesichts der Überfülle solcher zählebiger Geschichtsklischees fiel die Schwerpunktsetzung der vorliegenden "Beiträge" nicht leicht. Letztendlich erfolgte eine willkürliche Auswahl: Karl Kaser nimmt in einem sehr persönlichen Artikel zu Vorurteilen über den Balkan Stellung und zeigt, wie liebens- und lebenswert diese Region sein kann. Susanne Binder setzt sich mit dem ständig wandelnden Bild des Flüchtlings auseinander, dessen Status erneut einer Neudefinition bedarf. Karin Huber vergleicht zwei Native American Nations, deren Image wohl nicht unterschiedlicher sein könnte: Navajhos und Irokesen. Erik Haidenthaller beleuchtet ausgewählte Aspekte germanischer Kultur, die heute bei vielen Frauen und in der Jugendszene Skandinaviens neue Bedeutung erlangt hat und damit in krassem Gegensatz zur Instrumentalisierung durch die Nazis steht. John Morrissey analysiert die Geschichte der Mongolen, deren fulminante Erfolge ungeachtet aller Ängste, die sie auslösten, die Welt des 13. und 14. Jahrhunderts in einem noch nie dagewesenen Ausmaß vernetzten und intensive kulturelle sowie ökonomische Austauschprozesse in Bewegung setzten. In einem Beitrag zur Fachdidaktik stellen Beatrix Mandl und Hanna-Maria Suschnig das Projekt einer 3. Klasse am Bundesgymnasium Laaerberg Straße vor: Die Schülerinnen beschäftigten sich mit drei Mythen - Amazonen, Kleopatra und Aborigines.
Noch ein Wort zur Entstehung dieser Nummer. Der Impuls ging von zwei Maturanten aus, die 1998 am Bundesgymnasium Baden Biondekgasse hervorragende Fachbereichsarbeiten verfassten, deren Ziel die Analyse klassischer historischer "Ungustln" war, nämlich der Irokesen und Mongolen. Ihre Manuskripte fielen Mitgliedern unseres Instituts in die Hände - die Idee eines Heftes über "Bösewichte und Barbaren" war geboren. In diesem Zusammenhang freut uns besonders, dass einer jener beiden Gymnasiasten - Erik Haidenthaller - nun zu unserem Autorenteam gehört.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 1/01. 31. Jg.
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