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Wolfram Aichinger

Sinne und sinnliche Erfahrungen in der Geschichte. Einleitung.

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 2/01. 31. Jg.

"Gregorio erinnerte sich, daß er, sobald er ihn irgendwo sah, zu ihm eilte, um ihm die Hand zu küssen. Das taten alle Kinder, weil seine Hände nach Feigenbrot rochen, da er sie sich offenbar jeden Morgen damit einrieb, um die Liebe Gottes unter den Menschen zu verbreiten und seine Existenz zu beweisen. Und obwohl er auch die Hände anderer Priester küßte, die es in den Gerüchen Orange, Schokolade, Erdbeer und Biskuit gab, waren keine wie die von Pater Pelayo Marín, deren Aroma die Geheimnisse des Glaubens leicht und willkommen machte. (…) Noch viele Jahre später sagte sich Gregorio, wenn er einem heiligen Mann begegnet wäre, der nach Benzin gerochen hätte, wäre er vielleicht auch Priester geworden, und hätte Heiden bekehrt." (Luis Landero, Späte Spiele. Frankfurt a. M. 1992, 47f.)

Der Roman "Späte Spiele" des spanischen Autors Luis Landero schildert die weltlichen und sakralen Gerüche des Stillstands und des Umbruchs, der Armut und der Moderne im Dorf und in der Hauptstadt der Franco-Ära. Das Zitat verdeutlicht das Nahverhältnis des Geruchssinns zur Erinnerung und führt zur Kernaussage dieses Heftes: Die Aufmerksamkeit für die Gesamtheit der Sinneserfahrung und des Sinnesgebrauchs verspricht neue Aufschlüsse über historische Lebenswelten, Wertvorstellungen oder auch soziale und kulturelle Verbindungs- und Grenzlinien.
Dazu ist in den letzten Jahren eine faszinierende Literatur entstanden. Die einzelnen Sinne und auch ihr von Kultur zu Kultur wechselndes Zusammenspiel sind Thema zahlreicher Monographien zur Geschichte des Riechens, Schmeckens, Tastens, zum Wandel des Blicks und des Gehörs. Außerdem beziehen auch allgemeine Studien zur Kultur- und Alltagsgeschichte verstärkt vergangene Sinneswelten und Sensibilitäten ein. Beispielgebend sind etwa die Bücher von Bartolomé Bennassar zur Geschichte der SpanierInnen oder die Arbeiten des englischen Kulturhistorikers Peter Burke, die an vielen Stellen die sinnliche Umwelt der Vergangenheit wachrufen.
Dahinter steht die Überzeugung, daß die frühesten und elementarsten Welterfahrungen des Menschen nicht auf Worten, auch nicht auf Bildern, sondern auf Klängen, auf Geruchs- und Geschmacks- und Tastempfindungen basieren. Dahinter stehen auch die Debatten um den zergliedernden, dominanten, "männlichen" Blick des Westens und der westlichen Wissenschaft, seine historischen Wurzeln (man denke an die Arbeiten von Michel Foucault) und die Suche nach anderen "ganzheitlichen" Möglichkeiten der Erkenntnis.
Eine gesamtsinnliche Aufmerksamkeit kann jedes Thema des Geschichtsunterrichts bereichern. Wer etwa die Arbeiten des französischen Sozialhistorikers Alain Corbin gelesen hat, wird hellhörig für die Tragweite von Glockenklängen in der Geschichte und daher vermutlich jeden Hinweis auf das Glockenläuten "mit anderen Augen" lesen. Das Thema lädt also dazu ein, Quellen auf jene Wahrnehmungen hin zu befragen, die gewöhnlich in ihrer Bedeutung Wörtern und Bildern untergeordnet sind. Hier bieten sich Ego-Dokumente (Briefe, Tagebücher, Autobiographien) ebenso an wie Reiseberichte oder auch literarische Texte - von den vielfältigen Sinnessignalen der höfischen Literatur über die grausame Sinnenwelt des Simplicissimus bis zu den Geräusch- und Lärmobsessionen von Franz Kafka. Auch Bildquellen eröffnen unerwartete Einblicke, wenn sie "synästhetisch" (Wolfgang Wagner) betrachtet werden, man also darauf achtet, was auf ihnen zum Klingen gebracht, was beschnuppert, betastet, gekostet wird, worauf oder auf wen sich Blicke, Ohren, Nase und Hand richten. (Das bedeutet übrigens auch eine Annäherung an mittelalterliche und frühneuzeitliche Bildwahrnehmung, denn auch damals sollte vor allem die sakrale Bildkunst umfassende sinnliche Erfahrungen bei den BetrachterInnen auslösen.) Ein solcher Zugang könnte schließlich auch filmische Darstellungen der Geschichte (kritisch) beleuchten. Fächerübergreifende Zusammen- und Projektarbeit von Geschichts-, Literatur-, Kunst-, Musik- und Philosphieunterricht bietet sich hier an.
Das Thema könnte methodisch eine Neuorientierung in Feldforschungsarbeiten anregen. Jede Dorfstudie etwa, jede "Oral History" gewinnt, wenn sie auch die "unmittelbaren" sinnlichen Erfahrungen vor Ort und deren verschlüsselte Botschaften einbezieht. (Welche Speisen und Getränke werden Gästen vorgesetzt und was soll damit"gesagt" werden? etc.) Der Gegenstand könnte so auch die Diskussion über Möglichkeiten der Erforschung außereuropäischer Kulturen und Gesellschaften und des Kulturvergleichs beleben und neue methodisch-theoretische Zugänge jenseits des sogenannten Textparadigmas weisen. Auch hier wären die Sinne ein Schnittstellenthema von Literaturwissenschaft, Linguistik, Geschichte, Anthropologie, Musikwissenschaft, Volkskunde, Psychologie und Biologie.
Dieses Heft gibt eine Einführung in einen umfassenden Forschungsbereich und ist von den Vorlieben der AutorInnen geprägt. Es bietet einen groben Überblick über die Literatur, Fragen, Thesen und Ergebnisse aus eigener Forschungsarbeit. Wichtige Aspekte können nicht einmal angedeutet werden: das faszinierende Feld der Sinnesmischungen ("Töne schmecken", "Farben hören"), der "sechste" und weitere Sinne, historische und interkulturelle Vorstellungen vom Übersinnlichen, vom "dritten Auge", vom "Auge der Seele" (Thomas von Aquin). Ebenso bedauerlich ist, dass wir den geheimnisvollen Tastsinn nicht gesondert behandeln können.
So bringt der erste Text Überlegungen zu Quellen und zur Forschungslage. Wolfgang Wagner versucht im zweiten Beitrag, mittelalterliche Klangwelt und ihre Veränderungen zu rekonstruieren (menschliche Stimme, Glocke, Orgel, "steinerne Stadt" …) - und analysiert deren Auswirkungen auf das menschliche Gehör. "Short Cuts" von Angelika Klampfl bietet Ausblicke auf das Schauen und Sehen in der Geschichte und auf Auswirkungen technischer und medialer Veränderungen (Fernrohr, Mikroskop, Kamera) auf die Blicke der Menschen.
Nikola Langreiter geht anhand von Geschmackserinnerungen aus autobiografischen Texten Fragen nach Üblichem und Selbstverständlichem, Außergewöhnlichem und Besonderem nach. Es geht um den Gebrauch des Geschmackssinns und um die Vielfalt der Wahrnehmungen; um Symbolisches, um Toleranzen und um Wertschätzungssysteme. Geschmackserinnerungen haben immer auch mit der Konstruktion von Zugehörigkeiten und Abgrenzungen zu tun, und weisen auf Schnittstellen zwischen dem Ich und der Welt hin.
Die Stadt-Gerüche von Peter Payer - wir stellen den Text im Internet vor - verfolgen den Kampf gegen üble Gerüche, die Desodorierung in der Moderne und Versuche der Reodorierung in den letzten Jahrzehnten am Beispiel Wien. Gerade dieser Text könnte anregen, das Thema im Schulunterricht mit Bezug auf die unmittelbare Lebensumgebung aufzugreifen. Im Fachdidaktikteil präsentiert Klaus Edel Ergebnisse einer Umfrage zu Hörerinnerungen, die SchülerInnen aus verschiedenen Herkunftsländern in ihren Familien durchführten. Außerdem stellen wir eine Auswahl der neueren Literatur zu den Sinnen vor. Neuerdings finden sich im Internet oder auf CD-Rom-Animationen Möglichkeiten zur genaueren sinnlichen Einfühlung in die Vergangenheit, auch dazu Anregungen auf der Serviceseite.
Schließlich haben wir auch versucht, ein möglichst vielfältiges Spektrum an themenbezogenen Seiten im Internet zu recherchieren. Der direkte Zugriff auf diese Seiten lässt sich am einfachsten über unsere Homepage (www. univie.ac.at/wirtschaftsgeschichte/vgs) herstellen - das diesbezügliche Update wird spätestens ab Ende Juni zugänglich sein. Bei der Linkauswahl haben wir besonderen Wert auf Multidisziplinarität, Interaktivität und multimediale Darstellungsform gelegt.
Den Anstoß zu diesem Heft gaben Michael Mitterauer und der Beitrag von Wolfgang Wagner, der in einem Seminar für mittelalterliche Geschichte "Der Körper im Mittelalter" von Karl Brunner entstand. Die Beiträge von Aichinger, Klampfl und Langreiter sind Ergebnis von interdisziplinärem Dialog und gruppenorientierter Zusammenarbeit am IFF-Wien.1 Wir hoffen, dass unsere Ansätze und Fragen auch ein weiteres Publikum interessieren können.

Literatur

W. AICHINGER, Almendral. Wort, Schrift und populare Kultur in einem kastilischen Gebirgsdorf. Wien 2001.
D. ALEXANDRE-BIDON/ D. LETT, Les Enfants au Moyen Age. Paris 1997.
B. BENNASSAR, Actitudes y mentalidades. Barcelona 1976.
M. E.F. BLOCH, How we think they think. Anthropological Approaches to Cognition, Memory and Literacy. Boulder (Colorado) u.a. 1998.
H. BÖHME, Der Tastsinn im Gefüge der Sinne. Anthropologische und historische Ansichten vorsprachlicher Aisthesis. http:/www.culture.hu-berlin.de/HB/texte/tasten.html. Zugriff: 28.2.2001.
C. CLASSEN, Worlds of Sense: Exploring the Senses in History and Across Cultures. London 1993.
C. CLASSEN/ D. HOWES/ A. SYNNOT, Aroma. The cultural history of smell. London/ New York 1994.
C. CLASSEN, The Color of Angels. Cosmology, gender and the aesthetic imagination. London/ New York 1998.
C. CLASSEN, Fundamentos de una antropología de los sentidos. http://firewall.unesco.org/issj/rics 153/classenspa.html. Zugriff: 7.12.2000.
A. CORBIN, Pesthauch und Blütenduft. Eine Geschichte des Geruchs. Berlin 1984.
A. CORBIN, Zur Geschichte und Anthropologie der Sinneswahrnehmung. In: Ders., Wunde Sinne. Über die Begierde, den Schrecken und die Ordnung der Zeit im 19. Jahrhundert, Stuttgart 1993, S. 197-211.
A. CORBIN, Die Sprache der Glocken. Ländliche Gefühlskultur und symbolische Ordnung im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Frankfurt/M. 1995.
L. FEBVRE, Das Gewissen des Historikers. Berlin 1988.
D. HOWES, The Varieties of Sensory Experience: A Sourcebook in the Anthropology of the Senses. Toronto 1991.
J. HUIZINGA, Herbst des Mittelalters. Studien über Lebens- und Geistesformen des 14. und 15. Jahrhunderts in Frankreich und in den Niederlanden. Stuttgart 19659.
R. JÜTTE, Geschichte der Sinne. Von der Antike bis zum Cyberspace. München 2000.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 2/01. 31. Jg.
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