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Literatur zum Thema

Wolfram Aichinger/Nikola Langreiter/Angelika Klampfl

Internetveröffentlichung zu: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 2/01. 31. Jg.

Viktoria Arnold (Hg.)
"Als das Licht kam". Erinnerungen an die Elektrifizierung
Böhlau, Wien/ Köln/ Graz 1986,
288 Seiten. ISBN 3-205-06161-6
Im "Herbst des Mittelalters" spekulierte Jan Huizinga über den ungleich stärkeren Eindruck, den ein Schrei in völliger Stille oder das Aufleuchten einer Fackel in stockdunkler Nacht in vormodernen Zeiten machte. Den Kontrast zwischen Dunkelheit, Dämmerlicht und elektrischen Lampen schildern auch die autobiographischen Texte, die Viktoria Arnold anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der Elektrifizierung zusammengestellt hat. Sie beschreiben anschaulich die Veränderung in Wahrnehmung, Lebensweise, und Gefühlen in der Zeit, als Fackel, Petroleum und Laterne durch "das Licht" ersetzt wurden. (Wolfram Aichinger)

Constance Classen/ David Howes/ Anthony Synnot
Aroma. The cultural history of smell
Routledge, London/ New York 1994, 248 Seiten. ISBN 0-415-11472 (hbk), ISBN 0-415-11473-X (pbk)
Das Forschungsteam von der Concordia University in Montreal begibt sich auf die Suche nach verlorenen Düften, nach den Gerüchen unterschiedlicher Kulturen und nach der Ursache für die Verdrängung des Geruchs in der Moderne. Der erste Teil bringt eine Annäherung an die vielfältigen Duftstoffe (Weihrauch, Myrrhe, Zimt, Kaneel, duftende Harze und Öle, Blüten, Safran …), die Gerüche der Öffentlichkeit, der Küchen, der Feste und geweihten Räume in der Antike. Nach einer Zeit des Verfalls kam der Westen zur Zeit der Kreuzzüge wieder in Kontakt mit der östlichen Aromakultur, die das soziale Leben vom Mittelalter bis zur Aufklärung bestimmte (In Versailles gehörte es im 17. Jahrhundert zum höfischen Etikett, jeden Tag ein anderes Parfum zu tragen). Schließlich wird der Einfluss der Denker des 19. und 20. Jahrhunderts auf olfaktorische Normen der Moderne untersucht.
Teil II (Explorations in Olfactory Difference) vergleicht die Rolle des Geruchs in verschiedenden nonwestern Gesellschaften. Es geht um Strukturierung und Klassifikation von Raum, Zeit, Geschlecht oder Identität, um den Gebrauch von Gerüchen in unterschiedlichen Praktiken und Ritualen (Heilen, Jagd, Verführung, Kommunikation mit der Geisterwelt).
Der dritte Teil des Bandes - "Geruch, Macht, Gesellschaft" - untersucht Duft und Gestank im modernen Westen und die Rolle des Riechens bei der bewussten oder unbewussten Herstellung und Vermittlung von sozialen oder ethischen Grenzen, die Kommerzialisierung des Duftes in der Konsumgesellschaft und Perspektiven künstlicher Odorierung des Lebensraumes.
Der Band enthält eine Fülle außergewöhnlichen Materials und eine interessante These zur Frage, warum natürliche Gerüche im Westen in Diskredit gerieten, sodass sie beständig zugedeckt werden und ihre Botschaften nur noch halbbewusst wirken? Nach Meinung der AutorInnen liegt der Grund im Wesen der Gerüche: Sie sind an keinen Ort gebunden, überschreiten Grenzen, vermischen sich, sind unstet und transitorisch, lassen sich räumlich nicht fixieren und schwer zuordnen; sie lassen sich (auch sprachlich) schwer klassifizieren und kontrollieren. All das widerspricht modernen Konzepten von Sichtbarkeit, Kontrolle, klarer räumlicher Trennung und Einteilung, Privatheit und Intimsphäre. (Wolfram Aichinger)

Constance Classen
The Color of Angels. Cosmology, gender and the asthetic of imagination
Routledge London/ New York 1998, 234 Seiten. ISBN 0-415-18073-2 (hbk), ISBN 0-415-18074-0 (pbk)
Die Autorin "lüftet den dicken Mantel", den der "Visualismus der Moderne über den gesamtsinnlichen Glanz früherer Epochen", als "der Himmel von Musik ertönte", "die Planeten und die Erde vielfältige Düfte und Geschmäcker verströmten", gelegt hat. In drei Abschnitten - Kosmologie, Gender, Ästhetik - untersucht sie fächerübergreifend die kulturellen Modelle, die Bedeutungsketten und Bedeutungshierarchien, die über die Sinne hergestellt wurden, von der mittelalterlichen Mystik (Hildegard von Bingen) bis ins 20. Jahrhundert. Indem sie zeigt, wie auch Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit an den Gebrauch der Sinne geknüpft sind - der "dominante männliche Blick", der "female touch" - beleuchtet sie auf höchst anschauliche und einfühlsame Weise einen wenig erforschten Aspekt der Geschichte der Geschlechter. (Wolfram Aichinger)

Sylvia Ferino-Pagden (Hg.)
Immagini del sentire. I cinque sensi nell'arte
Leonardo Arte srl, Rom 1996
Dokumentiert ist in dem Katalog die Ausstellung zum Thema, die 1996/1997 in Cremona lief und etliche Stücke aus Wiener Museen zeigte. Die kommentierten Abbildungen reichen vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert, von den alten Meistern bis zu popularen Drucken. Sie bieten einen schönen Überblick über die Bearbeitung von Sinneserfahrung und die Allegorisierung der Sinne in der Kunst. Über die fünf Sinne kommen Konzepte von menschlicher Erkenntnisfähigkeit, geschlechterspezifischen Gesten und Handlungen, von den Lastern der Welt (so auf dem Narrenschiff ), der Vergänglichkeit und dem trügerischen Schein des Irdischen, oder auch diesseitsgewandte Sinnenlust im Zeichen des carpe diem ins Bild. Interessant ist dabei auch, durch welche Handlungen die Sinne bezeichnet sind, der Tastsinn etwa als Biss der Schlange (Selbstmord der Kleopatra) als männlicher (oder auch weiblicher) Zugriff auf die weibliche Brust, als kollektive Ausschweifung im "Narrenschiff", weibliche Handarbeit, Entlausen des Kopfes, Wühlen in Goldstücken usw. (Wolfram Aichinger)

James H. Johnson (1995)
Listening in Paris. A Cultural History
University of California Press, Berkeley/ Los Angeles/ London.
384 Seiten. ISBN 0-520-08564-7
"Warum verstummte das Publikum?" Ausgehend von dieser simplen Frage beleuchtet der Autor den Wandel der musikalischen Hörerfahrung im Pariser Konzert- und Opernleben vom Barock bis zur Romantik; den Übergang vom öffentlichen Spektakel zum individualisierten ästhetischen Hören, das einerseits auf Innovationen in der Musik rEIAierte, andererseits mit einer Reglementierung und Disziplinierung des Verhaltens in der bürgerlichen Öffentlichkeit einherging. (Wolfram Aichinger)

Neunzig, Hans A. (Hg.)
Viele Köche lieben den Brei. Heitere und bedenkliche Geschichten vom Essen und Trinken
München, Nymphenburger 1988. ISBN 3-485-00574-6
31 lustige, satirische aber auch nach- und bedenkliche Geschichten zum Essen und Trinken aus der Weltliteratur wurden für diese Anthologie zusammengestellt. Essen und Trinken begleiten Menschen durchs ganze Leben - in allen Lebensaltern, -bereichen und -lagen, wo immer Menschen sich hinbegeben - Essen und Trinken wird immer eine Rolle spielen. Da Literatur sich um das Leben dreht, so Hans A. Neunzig, dreht sie sich unvermeidlich auch ums Essen und Trinken: von Aesop über Giovanni Boccaccio, Roda Roda zu Guy de Maupassant, von den Gebrüdern Grimm bis zu H. C. Artmann und Stanley Ellin - sie alle waren geeignet, einschlägige Textpassagen zu liefern.
Um Fressen und gefressen werden geht es eigentlich, schreibt der Herausgeber im kurzen Vorwort zur Textsammlung, und weiter, dass Essen und Trinken paradigmatisch für alle Lebensbereiche sind. Menschen "enthüllen" sich bei Tisch und so erzählen die Geschichten alle von etwas ganz anderem als nur von Essen und Trinken: nämlich von listiger und betrügerischer Verteilungskunst, vom Sich-zu-helfen-Wissen, von Versöhnung und Verfeindung - aus dem was Aufgetragen wird, lässt sich mitunter schließen, was ausgetragen wird; die Ess- und Trinkgeschichten berichten von Eitelkeit und Geiz, von Erziehung und Gruppenbildung, es geht um Moral und Amoral, ums Sündigen und Phantasieren, um bitteren und süßen Geschmack, ums Fressen und gefressen werden. (Nikola Langreiter)

Süskind, Patrick
Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders
Zürich: Diogenes 1994 (Orig. 1985), ISBN 3-257-22800-7
In aktuellen wissenschaftlichen Texten über Geruch und Geruchssinn wird sehr oft auf diesen Bestseller Bezug genommen. Constance Classen, David Howes und Anthnoy Synnott versuchen in der Einleitung zu ihrem Buch "Aroma. The cultural history of smell" (London-New York: Routledge 1994:4) eine Erklärung des großen Erfolges und der anhaltenden Popularität des Romans: "Das Parfum" ließe sich gut lesen, weil das Thema ungewöhnlich und die Geschichte spannend erzählt sei, aber andererseits und vielleicht stärker auch deshalb, weil der Autor mit den gängigen Stereotypen und Klischees über Geruch operiere und diese bestätige: der Verrückte, der seinen Opfern, seiner Beute den Duft entzieht, auf der einen, die duftenden, unglückseligen Jungfrauen auf der anderen Seite; zentrales Motiv ist das gefährlich wilde Element des Geruchssinns. Auch bei Süskind ist Geruch also etwas Niedriges, Rohes und Unzivilisiertes, etwas, das soziale Regeln und Ordnungen gefährden kann. Und Geruchssinn hat auch hier, wie so oft in westlichen modernen Kulturen, mit moralischer und mentaler Degeneration zu tun. (Nikola Langreiter)

"Zu der Zeit, von der wir reden herrschte in den Städten ein für uns moderne Menschen kaum vorstellbarer Gestank. Es stanken die Straßen nach Mist, es stanken die Hinterhöfe nach Urin, es stanken die Treppenhäuser nach fauligem Holz und nach Rattendreck, die Küchen nach verdorbenem Kohl und Hammelfett; die ungelüfteten Stuben stanken nach muffigem Staub, die Schlafzimmer nach fettigen Laken, nach feuchten Federbetten und nach dem stechend süßen Duft der Nachttöpfe. Aus den Kaminen stank der Schwefel, aus den Gerbereien stanken die ätzenden Laugen, aus den Schlachthöfen stank das geronnene Blut. Die Menschen stanken nach Schweiß und nach ungewaschenen Kleidern; aus dem Mund stanken sie nach verrotteten Zähnen, aus ihren Mägen nach Zwiebelsaft und an den Körpern, wenn sie nicht mehr ganz jung waren, nach altem Käse und nach saurer Milch und nach Geschwulstkrankheiten. Es stanken die Flüsse, es stanken die Plätze, es stanken die Kirchen, es stank unter den Brücken und in den Palästen. Der Bauer stank wie der Priester, der Handwerksgeselle wie die Meistersfrau, es stank der gesamte Adel, ja sogar der König stank, wie ein Raubtier stank er, und die Königin wie eine alte Ziege, sommers wie winters." (5f)

Patrick Süskind erzählt die Geschichte des im 18. Jahrhundert in Frankreich lebenden Jean-Baptiste Grenouille. Die Geschichte dieser genialen und abscheulichen Gestalt konnte nur vergessen werden, weil sich ihr Genie und gesamter Ehrgeiz "auf ein Gebiet beschränkte, welches in der Geschichte keine Spuren hinterläßt: auf das flüchtige Reich der Gerüche." (5) Das Drama "des Helden" ist, dass er sich in einer Welt voller faszinierender - grässlicher und verführerischer - Gerüche bewegt, selbst aber über keinen Geruch verfügt, er riecht nach nichts. Die Jagd nach Gerüchen und Düften wird zu seiner Obsession. Süskind schildert plastisch Geruch und Gestank, wie sie Grenouille umgeben (diese Passagen erinnern an die historischen medizinischen und soziologischen Diskurse zum Thema). Grenouille wird Parfumkünstler und kreiert die herrlichsten Düfte. In seiner Arbeit treibt ihn die Besessenheit, den perfekten unwiderstehlichen Duft für sich zu finden. Und diesem Ziel rückt er immer näher, indem er junge schöne Mädchen ermordet, um ihren Körpergeruch zu extrahieren. Er sammelt diese Düfte und kreiert daraus ein betörendes Parfum, das ihm scheinbar unbegrenzte Macht über die Gefühle anderer Menschen verleiht, ihm die Liebe aller sichert. Am Ende überschüttet sich Grenouille mit diesem Duft, was bewirkt, dass er auf einem Pariser Platz von einer vor Begehren außer Rand und Band geratenen Menschenmenge in Stücke gerissen und verzehrt wird: "Zu so etwas Entsetzlichem, dachten sie, seien sie nie und nimmer imstande. Und sie wunderten sich, wie leicht es ihnen doch gefallen war […]. Es war ihnen, wenngleich im Magen etwas schwer, im Herzen durchaus leicht zumute." (Süskind,1994, S 320)

Internetveröffentlichung zu: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 2/01. 31. Jg.


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