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Ulf Brunnbauer / Karl Kaser

Einleitung. Transformationen auf dem Balkan

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 3/01. 31. Jg.

Traditionen, Transitionen und Transformationen:

Das südöstliche Europa seit 1989

Mit den politischen Umbrüchen am Ende der achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts begann für das südöstliche Europa eine Zeit tiefgreifenden sozialen und ökonomischen Wandels, der niemanden unberührt ließ. Zum zweiten Mal binnen weniger als einem halben Jahrhundert galt es, eine neue Gesellschaftsordnung aufzubauen: Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die in allen südosteuropäischen Ländern mit Ausnahme Griechenlands an die Macht gekommenen kommunistischen Parteien für einen radikalen Bruch mit den traditionellen Verhältnissen gesorgt. Sie bauten Einparteiendiktaturen sowie Planwirtschaften mit mehrheitlich staatlichem oder gesellschaftlichem Eigentum auf. Dieses System, das sich seit den siebziger Jahren in einer sich vertiefenden Strukturkrise befand, wurde in den neunziger Jahren einer grundlegenden, regelrecht revolutionären Veränderung unterworfen. Die "Wende" war somit nicht nur ein politisches Ereignis, sondern unter den meisten "Reformern" herrschte Konsens darüber, dass die sozialistischen Wirtschaften in marktwirtschaftlich-kapitalistische umgebaut werden sollten. Gerade dieser Umbau erwies sich als sehr schwierig und opferreich. Die Motivation und Rhetorik der marktwirtschaftlichen Reformen war dabei mit derjenigen der kommunistischen Transformation vergleichbar: Die Länder im südöstlichen Europa und ihre Ökonomien sollten "moderner" werden, der Rückstand zu "Europa" - dem Maß aller Dinge - sollte verkleinert werden, man wollte "nach Europa zurückkehren" (im Kommunismus hatte es noch geheißen: "Amerika einholen und überholen").
Von einer Verringerung des Entwicklungsabstandes zu "Europa" kann aber - mit Ausnahme Sloweniens, wo dieser Abstand auch vor 1991 nicht überragend groß gewesen ist - keine Rede sein. Vielmehr hat die letzte Dekade im südöstlichen Europa viele Opfer gebracht: Hunderttausende Tote und Verletzte sowie Millionen Flüchtlinge durch die jugoslawischen Kriege ebenso wie grassierende Armut in Albanien, Bulgarien, Moldawien und Rumänien. Aber es sind auch Erfolge zu verzeichnen, vor allem hinsichtlich der Etablierung demokratischer Strukturen und der Einhaltung der Menschen- und Bürgerrechte.
In diesem, der "Transition" im süd-östlichen Europa gewidmeten Heft sollen einige zentrale Aspekte dieses Wandels dargestellt werden; wir wählten drei aus, die das Leben der meisten Menschen direkt oder zumindest indirekt betrafen: Nationalismus, Migration, Überlebensstrategien. In der Einleitung möchten wir einige konzeptuelle Vorüberlegungen anstellen und unterschiedliche Interpretationen der Entwicklungen der letzten Dekade diskutieren. Dies ist auch deshalb wichtig, weil die verschiedenen politischen Reformstrategien eng mit den unterschiedlichen Deutungen der sozialistischen Vergangenheit sowie der post-sozialistischen Gegenwart verbunden sind.

Transition - Transformation
Einen guten Ausgangspunkt für die Diskussion der divergierenden Einschätzungen der Entwicklungen seit 1989 bietet die Terminologie: Unter "Transition" wird zumeist ein Prozess verstanden, der von der kommunistischen Vergangenheit hin zur demokratischen und kapitalistischen Zukunft führt. Insofern ist "Transition" ideologisch besetzt, denn das Ziel des Prozesses wird vorausgesetzt und gutgeheißen; der Erfolg kann daran gemessen werden, ob das Ziel erreicht wurde oder nicht. Mit dieser Interpretation der Transition verbunden waren Reformstrategien, die auf eine möglichst rasche Zerschlagung der alten Strukturen setzten. Am markantesten geschah dies im Bereich der Wirtschaftspolitik, wo radikale Schocktherapien (auch als Big-Bang-Zugang bekannt) eingefordert wurden. Der Staat sollte sich möglichst schnell und vollständig aus dem wirtschaftlichen Geschehen zurückziehen. Die Prämisse war, dass die freien Marktkräfte nach Abbau des sozialistischen Wohlfahrtssystems, nach Preisfreigabe, Deregulierung, Liberalisierung des Außenhandels und Privatisierung rasch zu erneutem wirtschaftlichen Wachstum führen würden. In den Augen der Vertreter dieser Denkschule waren die kommunistischen Ökonomien derart verrottet, dass nur ihre möglichst rasche Zerschlagung eine Genesung möglich machte. Soziale Kosten wurden als Übergangsphänomen angesehen und galten daher als tolerierbar. Die "internationale Gemeinschaft", repräsentiert vor allem durch die internationalen Finanzinstitutionen (Internationaler Währungsfonds, Weltbank, Europäische Bank für Rekonstruktion und Entwicklung) und durch westliche Regierungen, unterstützte diese radikal-marktwirtschaftlichen Ansätze, die auf von westlichen neoliberalen Ökonomen theoretisch entwickelten Blaupausen basierten. Im südöstlichen Europa kamen solche Strategien nicht oder nur partiell (zum Beispiel in Bulgarien seit 1997) zur Anwendung.
Dem gegenüber standen sogenannte gradualistische Strategien, die auf den Aufbau neuer wachstumsorientierter ökonomischer Strukturen im Rahmen der bestehenden Bedingungen zielten, um die Reformwirtschaften nicht abrupt der Weltmarktkonkurrenz auszusetzen. Damit sollten soziale Verwerfungen verhindert werden. Slowenien ging erfolgreich einen solchen Weg. Die anderen südosteuropäischen Staaten wählten zwar auch "gradualistische" Ansätze, indem sie nur langsam privatisierten, Preiskontrollen aufrecht hielten und ausländische Kapitalinvestitionen Beschränkungen unterwarfen. Allerdings kam es nicht zum notwendigen Aufbau neuer Strukturen, sondern vielmehr zur teuren Konservierung obsoleter und ineffizienter Betriebe. Hinter dem langsamen Reformtempo versteckten sich zumeist eher die rasche Bereicherung einer kleinen Elite und weitverbreitete Korruption, obwohl die Regierungen vorgaben, durch den Verzicht auf radikale Maßnahmen soziale Kosten verhindern zu wollen. Zugleich zerbröselten die staatlichen Strukturen zunehmend und immer größere Teile der Bevölkerung sanken in Armut ab.
Auf einer theoretischen Ebene kann man gradualistische Strategien mit einer Interpretation der Reformprozesse verbinden, die mehr das Prozesshafte und weniger die Zielgerichtetheit betont. Anstelle von "Transition" sprechen die Anhänger dieses Ansatzes von "Transformation", womit die Spontanität und Ungerichtetheit der sozialen und ökonomischen Prozesse, die man nicht einfach als geradlinigen Übergang von Sozialismus zu Kapitalismus ansehen kann, zum Ausdruck gebracht werden. Insbesondere Anthropologen und Anthropologinnen konnten zeigen, wie vielfältig "einfache" Menschen auf die Reformprozesse rEIAierten und wie sie politische Entscheidungen uminterpretierten und manipulierten. Die Ergebnisse der Reformen stellten sich daher auf der Ebene der sozialen (Alltags)Realität anders dar als auf jener der Erwartungen von politischen Entscheidungsträgern. Man spricht daher auch von den "kleinen Transformationen" in den konkreten Lebenswelten der Menschen. Es bestätigte sich also auch im südöstlichen Europa die zentrale sozialwissenschaftliche Weisheit, dass soziale und politische Handlungen nichtgewollte und unvorhersehbare Konsequenzen haben. Gesellschaftliche Prozesse lassen sich nicht einfach steuern, und schon gar nicht durch Null-Acht-Fünfzehn-Pläne ökonomischer Theoretiker.
Die Skepsis der Transformations-Theoretiker hinsichtlich der Zielgerichtetheit der Wandlungsprozesse hat auch mit ihrer Interpretation der sozialistischen Vergangenheit zu tun: Sie sehen die sozialistische Periode nicht als die Zeit einer monolithischen, totalitären Diktatur, in der die Gesellschaft nach dem Willen der Partei geformt wurde. Vielmehr machen sie auch im Sozialismus Raum für autonomes soziales Handeln aus, das die politischen Vorgaben abgeändert hat. Dieser Freiraum im Sozialismus führte unter anderem zum Entstehen sozialer Strukturen und Interaktionen, die mit dem Zusammenbruch des Kommunismus nicht einfach auf dem "Kehrrichthaufen der Geschichte" verschwanden, sondern in mancher Hinsicht überlebten. Allerdings darf man die gegenwärtige Situation nicht einfach als Wiederauftauchen verschütteter Tradition oder weiterwirkender sozialistischer Verhältnisse ansehen. Viele der entstehenden Anpassungsstrukturen und sozialen Verhältnisse sind - trotz aller historischer Parallelen - Reaktionen auf gegenwärtige Marktkräfte und nicht Überbleibsel aus der Zeit vor 1989.
Als Sozialhistoriker teilen wir die Meinung, dass die Veränderungen im südöstlichen Europa nicht nur politisch erklärt werden können. Vielmehr gilt es, die konkreten, sich wandelnden Lebensrealitäten der Menschen mit den "großen" Strukturen in Verbindung zu bringen. Die ehemals kommunistischen Länder durchlaufen komplexe Wandlungsprozesse, von denen die Menschen je nach ihrer sozialen und geographischen Lage sehr unterschiedlich betroffen sind. Aber dennoch lassen sich neue Strukturen erkennen, die im Wesentlichen mit der peripheren Lage des südöstlichen Europa im globalen Wirtschaftssystem zu tun haben. Und gerade in dieser Hinsicht ähnelt die Situation heute jener vor 50 oder vor 100 Jahren. Mehr als zehn Jahre nach Beginn des Wandels müssen sich die neuen Eliten im südöstlichen Europa fragen, ob sie den richtigen Weg gegangen sind, insofern nicht die Verbesserung des eigenen Status ihr alleiniger Antrieb war. Und das westliche Europa muss sich fragen, ob es sich auf Versprechungen und verbale Unterstützungsbezeugungen beschränkt, während das südöstliche Europa vergeblich den Anschluss an die reichen Teile Europas sucht. Der Beginn von EU-Beitrittsverhandlungen mit drei südosteuropäischen Ländern (Bulgarien, Rumänien, Slowenien) ist sicherlich ein erster Schritt in die richtige Richtung. Als Südosteuropahistoriker unterstützen wir den Beitrittsprozess und wünschen seine möglichst rasche Ausdehnung auf andere Staaten in der Region sowie seinen erfolgreichen Abschluss; das inkludiert allerdings, dass dieser auch die Probleme der Region und nicht nur die Vorstellungen der EU berücksichtigt. Mit den folgenden Beiträgen wollen wir daher nicht nur Verständnis für die Probleme der Region, sondern auch für die Dringlichkeit ihrer Integration in die EU wecken.

LITERATUR
S. BRUCAN: Social change in Russia and Eastern Europe. From Party Hacks to Nouveaux Riches. Westport, Con.-London: Praeger 1998.
M. BURAWOY/K. VERDERY (Hg.): Uncertain Transitions. Ethnographies of Change in the Postsocialist World. Lanham, Ml.: Rowman & Littlefield 1999.
C. GOEHRKE/S. GILLY (Hg.): Transformation und historisches Erbe in den Staaten des europäischen Ostens. Bern u.a.: Lang 2000.
M. HATSCHIKJAN/St. TROEBST (Hg.): Südosteuropa. Ein Handbuch. Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur. München: C.H. Beck 1999.
J. KONSTANTINOV: Nahrung vom Dorf, Beziehungen durch die Stadt: Der gegenwärtige Zustand des bulgarischen Land-Stadt-Haushalts, in: Vom Nutzen der Verwandten. Soziale Netzwerke in Bulgarien (19. und 20. Jahrhundert), hg. v. Ulf Brunnbauer and Karl Kaser. Wien-Köln-Weimar: Böhlau 2001, 43-67.
H. ROGGEMANN/H. SUNDHAUSSEN (Hg.): Ost- und Südosteuropa zwischen Tradition und Aufbruch. Berlin-Wiesbaden: Harrassowitz 1996.
The MONEE Project CEE/CIS/Baltics: After the Fall. The human impact of ten years of transition. Florence: UNICEF - Innocenti Research Centre 1999.
UNITED NATIONS DEVELOPMENT PROGRAM: Human Development Report For Central and Eastern Europe and the CIS 1999. New York: Regional Bureau for Europe and the CIS of the UNDP 1999.

Zeitschriften:
Ost-West-Gegeninformationen, erscheint seit 1989 vierteljährlich in Graz zu aktuellen Problemen der postkommunistischen Reformstaaten.
Southeast Europe Review for Labor and Social Affairs, erscheint seit 1998 vierteljährlich in Düsseldorf zu aktuellen sozialen Problemen Südosteuropas.
Südost-Europa, erscheint seit 1952 monatlich in München zu aktuellen und zeitgeschichtlichen Problemen Südosteuropas.


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Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 3/01. 31. Jg.
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