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Wolfgang Schmale

Einleitung. Politische Zivilisation des Absolutismus

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 4/01. 31. Jg.

Ein Vergleich zwischen den Techniken der Vermittlung von Politik im Zeitalter des so genannten Absolutismus (17./18. Jahrhundert) und heute fördert durchaus Parallelen zu Tage. Vergleiche mit nichteuropäischen Kulturen zeigen, dass in der Epoche des Absolutismus grundsätzliche Besonderheiten der europäischen politischen Zivilisation ausgebildet wurden, die bis heute nicht obsolet sind. Gerade eine kritische Bestandsaufnahme erweist dies, wobei der Absolutismus-Begriff seit dem 19. Jahrhundert insbesondere einer Kritik bestehender politischer Verhältnisse dienlich war (zur Biographie des Begriffs "Absolutismus" vgl. Beitrag W. Schmale). In dieser Perspektive bezeichnet "Absolutismus" nicht nur eine inzwischen vergangene historische Epoche, sondern einen Typus politischer Zivilisation, der bis in die Gegenwart hineinreicht. So verstanden es viele Liberale im frühen 19. Jahrhundert und Widerstandsgruppen im Zweiten Weltkrieg in Frankreich, Italien und Deutschland. Seit der Bildung der ÖVP-FPÖ-Regierung in Österreich im Februar 2000 wurde der Absolutismus-Begriff als kritischer Korrektivbegriff in der innerösterreichischen publizistischen Debatte eingesetzt.

"Absolutismus" sagt(e) insoweit etwas über den politischen Standpunkt der Anwender des Begriffs aus, er diente und dient zugleich geschichtswissenschaftlich der Abgrenzung von einem politischen System, das die Französische Revolution hatte beenden sollen, sowie der Behauptung von Kontinuitäten bis heute. "Absolutismus" ist folglich ein polyvalenter und kein eindeutiger Begriff!
In den letzten Jahren erst haben HistorikerInnen begonnen, den Begriff stärker in Frage zu stellen, haben nach Alternativen gesucht oder haben versucht, ganz darauf zu verzichten. Dem steht gegenüber, dass nach wie vor zahlreiche historische Arbeiten erscheinen, die die Benutzung des Wortes "Absolutismus" im Titel nicht scheuen, ganz davon abgesehen, dass Generationen von Lernenden und Lehrenden mit dieser Epochenbezeichnung groß geworden sind. Interessant wäre es allerdings, an Schulen oder auch unter Studierenden der Geschichte einmal eine Umfrage durchzuführen, was mit "Absolutismus" assoziiert wird.

Der von dem englischen Historiker Nicholas Henshall 1992 provozierend gewählte Buchtitel "Myth of Absolutisme" repräsentiert zwar keine communis opinio, die Perspektive ist aber nicht chancenlos. Nach Henshall ist der Absolutismus, der lange als Verfassungsrealität betrachtet wurde, nichts anderes als ein Mythos, der in der Epoche der Französischen Revolution entstand. Wenn Begriffe ins Wanken geraten, die in der Sattelzeit (um 1800) geprägt wurden, kann dies nicht gleichgültig als Oberflächenphänomen hingenommen werden, das keiner besonderen Beachtung wert wäre, vielmehr verweist dies auf Änderungen in der Tiefenstruktur des Denkens und der Wahrnehmung von Wirklichkeit - ganz gleich den Begriffsbildungen der Sattelzeit.
Ein Grund für das Unbehagen am Absolutismus-Begriff liegt darin, dass die Forschung eine andere politische Wirklichkeit zu Tage gefördert hat, als die, die seit dem 19. Jahrhundert mit "Absolutismus" verbunden wurde. Weder waren alle traditionellen Mitbestimmungsrechte ausgeschaltet, noch war die monarchische Herrschaft wirklich absolut, um nur zwei Argumente aufzugreifen.
Behalten wir den Namen "Absolutismus" erst einmal bei, weil das Kind einen Namen braucht. Behalten wir auch bei, dass mit "Absolutismus" zuallererst Herrscher wie Ludwig XIV., August der Starke von Sachsen oder Maximilian II. Emanuel von Bayern assoziiert werden, kurz die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts (vgl. Beitrag R. Felbinger). Und fragen uns dann, was sich in jenem Jahrhundert so geändert hat, dass es berechtigt ist, durch eine Namensgebung daraus eine historische Einheit, ein historisches Phänomen zu konstruieren.

Um eine Antwort zu finden, müssten wir nun sehr viele Felder Stück für Stück durchgehen: Traditionen in der politischen Theorie seit Jean Bodin (zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts); Traditionen in der Ikonographie der monarchischen Herrschaft, die im Übrigen mit der Ikonographie republikanischer Herrschaftsformen, die es in der Zeit ja auch gegeben hat, verglichen werden müsste. Das lässt sich höchst pauschal damit abhaken, dass diese Traditionen nicht aufgegeben, sondern genutzt und verändert wurden, verändert in quantitativer und qualitativer Hinsicht. Die wichtigsten Veränderungen sind Verlagerungen in der politischen Theorie bezüglich des Verhältnisses Monarch und Gott. Die Nur-Verantwortlichkeit des Monarchen gegenüber Gott, die es in dieser Absolutheit im Mittelalter nicht gegeben hatte, gehört zu den qualitativen Veränderungen, die mit dem Adjektiv "absolut" von den Zeitgenossen, durchaus auch in kritischer Absicht, belegt werden konnten. Dazu kommt eine neue Dimension obrigkeitlicher Durchdringung der Lebenswelt der Menschen (z.B. "Sozialdisziplinierung"; vgl. Beitrag S. Ehrenpreis), dazu kommt eine neue Dimension der Nutzung von Medien zur Vermittlung von Herrschaft (vgl. Beitrag R. Felbinger). Dort ansetzend müsste vergleichend untersucht werden, wie sich andere politische Entscheidungsträger dargestellt haben, z.B. Städte und ihre Räte, Würdenträger, Korporationen, schließlich Frauenpersönlichkeiten. Hier würde sich dann erweisen, wie weitreichend die Medien der monarchischen Selbstdarstellung auch von anderen genutzt wurden. Dies führt einerseits dazu, den Absolutismus-Begriff erneut in Frage zu stellen, andererseits ermöglicht es, mit Recht die Frage nach dem Entstehen einer neuen politischen Zivilisation im so genannten Zeitalter des Absolutismus zu stellen. Beginnt nicht eigentlich das Zeitalter medienvermittelter Politik richtig erst mit dem Absolutismus?
Ich glaube ja, und dass dies nicht von ungefähr kommt.

Gelegentlich wurde in Bezug auf das 17. Jahrhundert und den Absolutismus von "innerer Kolonisation" gesprochen, um die Dichte der inneren Umgestaltung der Gesellschaften und Staaten zu charakterisieren. Dass sich die Wirklichkeit und auch der Wille vieler gesellschaftlicher Gruppen und Stände dem widersetzt haben, ändert nichts am politischen Willen zur systemischen Durchdringung von Staat und Gesellschaft. Steuern und Militär ebenso wie Polizeiordnung und protestantischer Pietismus bzw. "puritanischer Puritanismus" wären einige Schlagworte, die diese innere Kolonisation ausmachten. Statt des heftigen Wortes von der inneren Kolonisation wurde auch von Akkulturation gesprochen, gleichfalls bezeichnenderweise ein Fachbegriff aus der Geschichte des Kolonialismus. Akkulturation verweist auf einen angenommenen Gegensatz zwischen Volks- und Elitekultur auf sehr vielen Feldern der Lebenswelt. Besonders in der französischen Geschichtsforschung hat diese These Verwendung gefunden, selbst wenn nie von einem absoluten Gegensatz ausgegangen wird. Aber z.B. die Durchsetzung des modernen Gerichtswesens, basierend auf dem rationalen römischen Recht, wird als ein Mustervorgang der Akkulturation angesehen.

Hier nähern wir uns dann Norbert Elias' "Prozeß der Zivilisation", der auch als ein ‚Prozeß der politischen Zivilisation' verstanden werden kann. Hier entwickelt das 17. Jahrhundert fast alles, was die moderne politische Zivilisation ausmacht. Das heißt nicht, um es noch einmal zu sagen, daß im 17. Jahrhundert alles neu erfunden wird, der Witz der Sache liegt vielmehr in der Ausbildung systemischer Zusammenhänge zwischen politischer Theorie, Praxis und medialer Darstellung und der Durchdringung der gesamten Lebenswelt. In dieser Perspektive wäre es durchaus angebracht, von "Absolutismus" zu sprechen, also diesen Begriff weiter beizubehalten, allerdings in stärkerer Wiederanlehnung an seine philosophische Herkunft und an die Bedeutungen, die das Adjektiv "absolut" oder "absolutus" in der Frühen Neuzeit vor allem hatte, nämlich ‚perfekt', ‚vollkommen' usw. - Bedeutungen, die auch in der englischen politischen Sprache der Zeit gängig waren. Die ‚absolute monarchy' war nicht grundsätzlich etwas Negatives, sondern es konnte damit die ‚perfekte Monarchie' gemeint sein.

Was würde besser als die sprachlichen und bildlichen Imaginationen und Visualisierungen diesen Absolutismus im Sinne eines umfassenden systemischen Entwicklungsvorgangs dem Verständnis zugänglich machen? Eine genaue Betrachtung dieser sprachlichen und bildlichen Darstellungen erweist sich zugleich als ein aufschlussreiches Instrument zur Diagnose unterschiedlicher systemischer Durchdringungen.
Wenn wir von Absolutismus als politischer Zivilisation reden, so in dreifachem Sinn: einmal in Bezug auf das 17. Jahrhundert, auf dessen zweite Hälfte, und auf das frühe 18. Jahrhundert, sodann in Bezug auf das 18. und frühe 19. Jahrhundert und schließlich in Bezug auf die Grundlagen unserer heutigen politischen Zivilisation. Die Kontinuität dieser Zivilisation seit dem 17. Jahrhundert wird für das 18. Jahrhundert durch Begriffe wie "aufgeklärter Absolutismus" und "Spätabsolutismus" angezeigt, für das 19. Jahrhundert durch Begriffe wie "bürokratischer (Staats)Absolutismus" und die zeitgenössische Kritik der Liberalen, die unseren Begriff so recht eigentlich erst erfindet. Eine umfassende Untersuchung des Wortgebrauchs von "Absolutismus" in historischen und politischen Texten des 19., 20. und 21. Jahrhunderts könnte genaueren Aufschluss darüber geben, wie sehr oder wie wenig die politische Zivilisation des Absolutismus historisiert wurde, d.h. als überwundene Vergangenheit angesehen werden kann.

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Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 4/01. 31. Jg.
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