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Michael Mitterauer / Norbert Ortmayr

Einleitung. Kulturpflanzen - Landwirtschaft - Gesellschaft

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 1/02. 32. Jg.

Agrargeschichte ist nicht gerade in. Das gilt für die historische Forschung, das gilt für die Lehre im Rahmen des Studiums der Geschichte, und das gilt wohl auch für die Lehre im höheren Schulwesen. Warum das so ist - darüber ließen sich auf dem Hintergrund der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Situation der Gegenwart interessante Überlegungen anstellen. Wichtiger jedoch erscheint, diesem Trend entgegenzusteuern. Die Entwicklung der Landwirtschaft ist ein historischer Basisprozess, dem nicht nur für die Entwicklung der Wirtschaft, sondern auch von Politik, Gesellschaft und Kultur essenzielle Bedeutung zukommt. Der Begriff "Agri-kultur" bringt diese grundlegende Bedeutung des Ackerbaus für die Kulturentwicklung schön zum Ausdruck. Auf diesen Stellenwert der Landwirtschaft in historischen Prozessen möchte die vorgelegte Nummer aufmerksam machen.

Vielleicht bedarf es des Anstoßes von außen, damit in der Geschichtswissenschaft in Forschung und Lehre agrarische Grundlagen historischer Prozesse wiederum stärker diskutiert werden. Der entscheidende Impuls zu der hier vorgelegten Nummer ist jedenfalls nicht aus dem Fach selbst gekommen. Es waren die Thesen des Physiologen und Pulitzer-Preis-Trägers Jared Diamond, die Historiker dazu anregten, in analoger Weise von Kulturpflanzen ausgehend landwirtschaftliche Veränderungen in ihren gesellschaftlichen Auswirkungen weiterzudenken. Die diesbezüglich grundlegenden Kapitel aus Jared Diamonds vieldiskutiertem Buch "Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften" (dt. Fischer, Frankfurt a. M. 1998) wurden daher mit freundlicher Genehmigung des Autors wie des Verlags in leicht gekürzter Form übernommen. In den "Beiträgen zur historischen Sozialkunde" ist das sonst nicht üblich, erscheint aber in diesem Fall nicht nur in Hinblick auf den transdisziplinären inhaltlichen Zusammenhang der Artikel angemessen, sondern auch in Hinblick auf das schulische Engagement des Autors. Aus Anlass seines Vortrags an der Akademie der Wissenschaften hat sich Jared Diamond im Rahmen der Junior Academy Wiener SchülerInnen zur Diskussion gestellt. Das mag ein Grund sein, darüber nachzudenken, ob nicht der Themenkomplex "Kulturpflanzen - Landwirtschaft - Gesellschaft" für fächerübergreifenden Unterricht zwischen natur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen besonders geeignet erscheint. Auf jeden Fall könnten dabei die Fächer Biologie und Umweltkunde, Geographie und Wirtschaftskunde sowie Geschichte und Sozialkunde sehr gut kooperieren. Allen drei Beiträgen dieser Nummer ist gemeinsam, dass sie Kulturpflanzen im gesellschaftlichen Kontext behandeln. Diese Zugangsweise verweist geschichtswissenschaftliche Interpretationen auf naturhafte Voraussetzungen, umgekehrt aber auch ökologische Erklärungsmodelle auf die Wirkkraft sozialer Faktoren. Beides ist wichtig. Einem Umweltdeterminismus muss in der Geschichtswissenschaft in Forschung und Vermittlung gegengesteuert werden, ebenso aber auch einem abgehobenen Kulturalismus, der die in traditionellen Gesellschaften durch natürliche Rahmenbedingungen gesetzten Grenzen vernachlässigt. Das Thema "Kulturpflanzen - Landwirtschaft - Gesellschaft" ist wohl besonders geeignet, um sich grundsätzliche Fragen des Zusammenwirkens von Natur und Kultur in der Geschichte der Menschheit bewusst zu machen.
In räumlicher und zeitlicher Hinsicht ermöglicht dieses Thema besonders weite Perspektiven. Es bedarf einer tendenziell globalgeschichtlichen Zugangsweise, um aus dem interkulturellen Vergleich die gesellschaftlichen Auswirkungen des Anbaus bestimmter Kulturpflanzen herauszuarbeiten. Im vorgelegten Heft wird das besonders in Hinblick auf landwirtschaftliche Faktoren des europäischen Sonderwegs der Gesellschaftsentwicklung versucht. Mit der Frage nach der Domestikation bestimmter Kulturpflanzen führt das Thema bis weit in die Ur- und Frühgeschichte zurück. Die Frage des Transfers von Kulturpflanzen und seiner gesellschaftlichen Kontexte reicht aber auch bis in die jüngste Vergangenheit bzw. in die Gegenwart hinein. Wenn von "Agrarrevolutionen" des frühen Mittelalters die Rede ist, so müssen wir uns vergegenwärtigen, dass sich die tiefgreifendsten Agrarrevolutionen in unserer heutigen Zeit abspielen. Dieser radikale Umbruch in der Landwirtschaft heute macht wohl auch die besondere Aktualität des Themas aus - mit Kontinuitätslinien bis zurück in die Frühzeit der Menschheit.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 1/02. 32. Jg.
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