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Elisbeth Vavra

Einleitung. Das Mittelalter im Bild

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 2/02. 32. Jg.

"Um die Passionsgeschichte deinem Geist besser einzuprägen und jede Handlung daraus leichter erinnern zu können, ist es hilfreich und nützlich, dir die Orte und Personen im Geist auszumalen: zum Beispiel eine Stadt, die die Stadt Jerusalem sein wird; zu diesem Zwecke wählst du eine Stadt, die du gut kennst. Finde in dieser Stadt die wichtigsten Orte heraus, an denen all die Ereignisse der Passionsgeschichte würden stattgefunden haben - zum Beispiel einen Palast mit dem Speisensaal, in dem Jesus das Abendmahl mit den Jüngern einnahm, dann das Haus der Anna und das des Kaiphas, dann den Ort, an dem Jesus in der Nacht gefangengenommen wurde, und den Raum, in dem er vor dem Kaiphas gebracht, beleidigt und geschlagen wurde. … Auch mußt du dir einige Personen vorstellen, die du gut kennst, um dir ein Bild von den Personen zu machen, die an der Passionsgeschichte beteiligt sind, … die du dir alle im Geist ausmalst "
(zitiert nach Baxandall 1977).

1454 wurde dieser Text im Zardino de Oration (Gebetsgarten) als Anleitung für ein junges Mädchen geschrieben. Das Imaginieren innerer Bilder sollte dem Gläubigen die Versenkung in Gebet und Meditation erleichtern. Die Idee dieser "inneren" Bilder übertrugen Maler und Bildhauer in "äußere" Bilder. Einen wichtigen Markstein in der Entwicklung der Kirchenausstattungen setzte 1310 die Synode zu Trier mit dem Beschluss, dass hinter jedem Altartisch ein Bild oder eine Statue anzubringen sei; der Gläubige solle daraus ersehen, welchem Heiligen der Altar geweiht ist. Aus kirchlicher Sicht war die Existenz der Bilder durch die Aufgabe gerechtfertigt, den ungebildeten Laien Glaubensinhalte in leicht begreifbarer Form zu vermitteln. Umso effektiver konnte dies geschehen, wenn biblische Szenen in vertrautes Gewand gehüllt wurden.
Das ist ein Aspekt unter vielen, den man berücksichtigen muss, steht man heute - beeindruckt, aber auch mehr oder minder hilflos nach einem Zugang suchend - vor einem Flügelaltar: Bilder im Kirchenraum waren Träger religiöser Aussagen; gleichzeitig ließ sie ihre prominente Position im Kirchenraum zu einem wichtigen Indikator für die gesellschaftliche Stellung und wirtschaftliche Potenz ihres Auftraggebers - Kloster, Pfarre, Zunft, Bruderschaft, Einzelperson usw. - werden. Für den mittelalterlichen Menschen, der sein "Scherflein"" zu ihrem Entstehen beitrug, waren sie eine Art Versicherungspolizze, suchte er sich doch mit einer solchen Zuwendung, den Weg durchs Fegefeuer in den Himmel etwas komfortabler zu gestalten. Von diesem Wunsch waren alle beseelt, nicht nur der Reiche, der mit dem "Nadelöhr" zu kämpfen hatte, auch der kleine Mann von nebenan, dessen Lebensweg nicht immer so geradlinig war, wie die Prediger es von der Kanzel einforderten. Die Beweggründe waren dieselben, wenn auch die aufgebrachten Summen differierten; für den einen war der getragene Rock, den er für den neu zu errichtenden Altar spendete, bereits ein finanzieller Kraftakt, für den erfolgreichen Kaufmann war dieser Geldbetrag im Testament einer unter vielen, den er zur Erlangung seines Seelenheils einsetzte.
Dem "Mittelalter im Bild" kann man sich aus den unterschiedlichsten Richtungen und Blickwinkeln annähern. Um ein stimmiges Ganzes zu erzielen, steht im Mittelpunkt des vorliegenden Heftes nur ein Altar - der in der Wallfahrtskirche von St. Wolfgang (Oberösterreich). Dem Altar widerfuhr das seltene Geschick, von gröberen Eingriffen verschont zu bleiben. Er war in der Vergangenheit nie gut gemeinten restauratorischen Bemühungen ausgesetzt und steht noch immer an seinem ursprünglichen Bestimmungsort. In den letzen Jahrzehnten wurde er einer fachkundigen Restaurierung unterzogen, die gleichzeitig die Möglichkeit zu umfangreichen naturwissenschaftlichen und kunsthistorischen Untersuchungen bot, deren Ergebnisse im Anschluss daran zügig publiziert wurden. Weiters gehört er zu der nicht gerade großen Gruppe von Altären, für die der dem Werk zugrunde liegende Vertrag zwischen Auftraggeber und Ausführendem erhalten ist. Sein Bildreichtum, ausgeführt von einer der qualitätsvollsten Werkstätten seiner Entstehungszeit - nämlich der Michael Pachers in Bruneck (Südtirol) -, macht ihn neben seiner künstlerischen Bedeutung zu einer wertvollen Geschichtsquelle für das Spätmittelalter.
Wir kennen nicht die Gedanken, die den mittelalterlichen Menschen angesichts des Altares von St. Wolfgang bewegten. Vermutlich waren sie so unterschiedlich wie die Beiträge, die sich in diesem Heft mit ihm auseinander setzen. Karl Brunner erläutert den liturgischen Zusammenhang, für den Altäre geschaffen werden. Elisabeth Vavra schildert in ihrem ersten Beitrag den Entstehungsprozess eines Altares vom Vertragsabschluss bis zur Aufstellung an einem Ort, der mehr als 400 km von der Werkstatt in Bruneck (Südtirol) entfernt ist. Mit der historischen Persönlichkeit des Kirchenpatrons setzt sich Gertrud Blaschitz auseinander. Auf die Spuren der Wallfahrer, die mit ihren Spenden die Errichtung des Gotteshauses und des Flügelaltares ermöglicht haben, begibt sich Kornelia Holzner-Tobisch. Mit scheinbar realistischen Details der Tafelbilder - Architektur- und Kleidungsdarstellungen - setzen sich die Beiträge von Thomas Kühtreiber und Elisabeth Vavra auseinander. Ein abschließendes Resümee ziehen Helmut Hundsbichler und Gerhard Jaritz, die noch einmal grundlegenden Fragen der Bildbetrachtung und Bildbedeutung nachgehen.
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Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 2/02. 32. Jg.
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