[VGS | Organisation | Beiträge | HSK | Querschnitte | Weltregionen | GEG | KuK | EIA | Leseproben | Vorschau | Suche | Bestellung]

Gottfried Liedl

Krieg und Akkulturation - Einleitung

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 4/02, 32. Jg.

Das vorliegende Heft widmet sich einem auf den ersten Blick äußerst unsympathischen Thema - der Feindschaft. Und es widmet sich diesem Skandalon in einer Art und Weise, die den Humanismus doppelt zu desavouieren scheint: nicht nur macht es Haß und Bosheit, Neid, Ruchlosigkeit und Brutalität zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Fürsorge, einer wissenschaftlichen Neugier - keine Windungen und Wendungen des vertrackten Themas sind dieser Neugier zu abwegig, um ihnen nicht bis in den letzten Winkel hinein nachzuspüren, nichts daran ist ihr zu pervers, um nicht, wenn möglich, mit dem Licht der Vernunft (oder sollte es heißen: mit List und Vernunft?) ausgeleuchtet, erhellt zu werden. Nein, diese "aufklärerische" Neugier scheint dies noch dazu im Namen des Humanismus zu betreiben, indem sie einen Zusammenhang behauptet zwischen Feindschaft und Sympathie, zwischen dem Willen, den Anderen zu besiegen und der Sehnsucht, von ihm zu lernen - beziehungsweise: ihn kennenzulernen ... Schließlich figuriert all das auch noch unter der herben Chiffre "Krieg".

Krieg, so behaupten die Autoren im vorliegenden Heft mehr oder weniger unverhohlen, ist nicht nur wesentlicher Bestandteil der Menschheitsgeschichte; zum inneren Kern des kulturellen Selbstbewußtseins und Selbstverständnisses gehört er ja nicht nur in Europa (wie der Besuch eines jeden beliebigen Museums der Schönen Künste, jeder Blick in ein beliebiges Meisterwerk der Weltliteratur lehrt). Krieg ist, so will es jedenfalls den Autoren vorliegender Beiträge scheinen, selber ein hervorragender Transmissionsriemen von Kultur und Kulturerwerb oder, wie ein derzeit beliebter Terminus technicus lautet - "Akkulturation". Daß das älteste literarische Zeugnis Europas - die "Ilias" - ein Kriegsbuch erster Güte ist, mag ja noch hingehen. Daß aber die klügsten Köpfe aller Zeiten, daß die "edelsten Gewächse", die dem Boden der Religionen, der Künste und der Wissenschaften entsprossen: daß die Geisteselite ganzer Epochen dem blutigen Handwerk ihre Stimme geliehen haben soll - und daß sie dabei in ironisch-"völkerverbindender" Manier die Grenzen ihrer eigenen Kultur gerne überschritten hat - das scheint doch der skandalöseste Teil des Skandals zu sein. Mit anderen Worten: die Besten ihrer Zeit verherrlichten in Bild und Ton das Schlechteste ihrer Zeit - wofür die europäisch-italienische Renaissance mit ihren Universalgenies auf der einen und ihren Schlimmen Künsten: Feuerwaffen, Festungsbauten, Galeeren und Galeonen auf der anderen Seite gleichsam den "humanistischen" Überbau liefert.

Krieg als "völkerverbindendes" und "kulturschaffendes" Phänomen - alle Grenzen von Religion, Sprache, Kultur mit Leichtigkeit überwindend, ist das zentrale Thema der vorliegenden Studien. Der Haß der Kreuzfahrer - eine Einladung, in die Schule zu gehen - in die Schule des Djihad, in die Schule des - heiligen? Unheiligen? - Krieges; in die Schule des Feindes. Die vielhundertjährige Reconquista - ein Austausch. Und überhaupt: kann man von "Europa" anders reden (zumindest als Historiker) als in Begriffen von Siegen und Niederlagen, welche nahe Verwandte, ja Nächstverwandte gegeneinander erfochten und von einander erlitten? Hier will ich innehalten und der Leserin, dem Leser das Heft in die Hand geben (übrigens auch so eine Redensart kriegerischer Herkunft). Mögen sie sich "durch einen Blick in den Abgrund" selbst ein Urteil bilden.

.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 4/02, 32. Jg.
[VGS | Organisation | Beiträge | HSK | Querschnitte | Weltregionen | GEG | KuK | EIA | Leseproben | Vorschau | Suche | Bestellung]