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Michael Mitterauer

Editorial

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Sondernr. 1/02. 32. Jg.

Man muss in den Heften der "Beiträge zur historischen Sozialkunde" (seit 2002 "Historische Sozialkunde") weit zurückblättern, um auf Titel zu stoßen, die ein Theorieproblem zum Thema machen. Die "Biologismus"-Nummer aus dem Jahr 1983 wäre in diesem Zusammenhang zu nennen. Das Themenheft "Jubiläen und Geschichtsbewußtsein von 1976" fällt auf. Vor allem ist die Nummer "Geschichte und Sozialwissenschaften" aus dem Jahrgang 1974 mit dem richtungsweisenden Artikel von Jürgen Kocka über "Aufgaben und Funktionen von Geschichtswissenschaft und Geschichtsunterricht" zu erwähnen. Aber das alles ist Theoriediskussion der siebziger Jahre. Die Debatten im Fach und zwischen den Fächern um eine notwendige Neuorientierung sind weitergegangen.

Ist "Historische Sozialkunde" eine theorielose Zeitschrift, die den Grundsatzdiskussionen der Geschichtswissenschaft aus dem Weg geht? Kommt der interdisziplinäre Dialog zu kurz? Werden gesellschaftliche Herausforderungen an die Geschichtswissenschaft zu wenig ernst genommen? Sicher gibt es sehr unterschiedliche Wege, grundsätzlich-abstrakte Reflexionen über Aufgaben des Faches mit praktisch-thematischer Arbeit zu verbinden. In der Zeitschrift bildete in der Regel die Aktualität eines bestimmten Themengebiets den Ausgangspunkt: "Drogen", "Sexualität", "Mensch und Tier", "Lebensräume der Jugend", "Kunst und Kitsch", "Migration", "Gedenken-Feiern-Identitäten", um einige Titel aus den letzten Jahren aufzugreifen. Und solche aktuelle Themenschwerpunkte standen schon in den siebziger Jahren in der Beschäftigung mit sozialkundlichen Themen im Vordergrund: "Soziale Sicherheit", "Die Alten", "Schule", "Öffentlichkeit", "Nationalismus", "Technik und Gesellschaft". Von einzelnen Themen ausgehend wurde versucht, über deren gesellschaftliche Bedeutsamkeit nachzudenken, interdisziplinäre Verbindungen herzustellen, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, warum traditionelle Zugangsweisen zur Geschichte dieses Thema bisher vernachlässigt oder überhaupt nicht beachtet hatten. Auch auf diesem Weg gelangt man zu grundsätzlichen Überlegungen über eine notwendige Neuorientierung des Faches. Auch dieser Weg führt zu einer neuen "Schau" von Geschichte - und das meint ja "Theorie". Und so enthielten und enthalten die verschiedenen Themennummern der "Beiträge" implizit viel Theoretisches, ohne dass explizit allgemeine Theoriedebatten geführt wurden.
Beides ist notwendig: Die theoriebewusste Arbeit am einzelnen Thema und die zusammenfassende "Schau", was denn die Geschichtswissenschaft - zusammen mit anderen Disziplinen - an alten und neuen Aufgaben für die Gesellschaft zu leisten hat. Dieser zweiten Aufgabe gilt die vorgelegte Sondernummer, die seit 1997 ein so großes Interesse gefunden hat, dass nunmehr eine Neuauflage notwendig erscheint. Sie wird eingeleitet mit einem Überblick "Zum Stand der Theoriedebatte in der Geschichtswissenschaft" von Ernst Hanisch. Hanisch stellt die Kontrahenten in den vielfältigen Auseinandersetzungen innerhalb der Disziplin vor. Er bezieht aber auch mit erfrischender Offenheit selbst Stellung und macht seine eigene Position erkennbar. Mit seinem großen Werk "Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert" von 1994 hat er seine Schau von Geschichte in die Praxis umgesetzt und im Konkreten überprüfbar gemacht. Mit Hans-Ulrich Wehler kommt dann jener Historiker zu Wort, der wohl wie kein zweiter im deutschen Sprachraum zur Theoriedebatte, aber auch zur inhaltlichen Neuorientierung beigetragen hat. Sein Konzept einer "Historischen Sozialwissenschaft" hat er in seiner "Deutschen Gesellschaftsgeschichte" konkretisiert. Aus Anlass seines 65. Geburtstags blickt er sehr persönlich, sehr offen und sehr selbstkritisch auf die Prozesse des Wandels in der deutschen Geschichtswissenschaft in den letzten Jahrzehnten zurück. Die Bezugnahme auf Prozesse des gesellschaftlichen Wandels als deren Hintergrund eröffnet in besonderer Weise Perspektiven für die Zukunft. Dieser Aufsatz ist inzwischen ein Klassiker geworden, der in seinem zeitspezifischen Kontext zu verstehen ist. Die Redaktion hat daher - zum Unterschied von den anderen Beiträgen - nicht um eine Überarbeitung gebeten und die Originalfassung belassen. Reinhard Sieder hat in die Diskussion um die Neuorientierung der Geschichtswissenschaft vor allem durch seine beiden Aufsätze "Was heißt Sozialgeschichte? Brüche und Kontinuitäten in der Aneignung des Sozialen" in der "Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaften" (1990) und "Sozialgeschichte auf dem Weg zu einer historischen Kulturwissenschaft?" in "Geschichte und Gesellschaft" (1994) eingegriffen. Hier legt er ein Grundsatzreferat zur Alltagsgeschichte vor, die - zurecht oder zu unrecht - vielfach als Gegenposition zum Konzept der "Historischen Sozialwissenschaft" gesehen wird. Mit Gert Dressel kommt ein Vertreter einer neuen Generation zu Wort. Sein 1996 veröffentlichtes Buch "Historische Anthropologie. Eine Einführung" stellt die erste zusammenfassende Darstellung dieser Zugangsweise in der Geschichtswissenschaft dar. Auch die "Historische Anthropologie" wird oft als Gegenposition zur "Historischen Sozialwissenschaft" interpretiert. Für die Überarbeitung seines Beitrags hat er eine besondere Darstellungsform gewählt, die dem Moment dynamischer Entwicklung in der Geschichtstheorie in spezifischer Weise gerecht wird: den Dialog mit sich selbst aus der Position von vier Jahren danach. Aus demselben Kreis einer historisch-anthropologisch interessierten Nachwuchsgeneration stammt Margareth Lanzinger, die in die Neuauflage einen zusätzlichen Beitrag zum Thema "Mikrogeschichte" einbringt. Sie schlägt damit eine Brücke zu "neuen Entwicklungen der Geschichtswissenschaft", wie sie sich primär in Italien ausgebildet haben. Ihre Präsentation einer spezifisch italienischen Zugangsweise kann darauf aufmerksam machen, dass wir im Bemühen um eine theoretische Neuorientierung unseres Faches nicht immer nur nach Westen schauen sollten, sondern auch nach Süden - vielleicht auch einmal nach Osten und Südosten.
Als 1974 Jürgen Kocka in der Themennummer "Geschichte und Sozialwissenschaften" schrieb, nannte er seinen Beitrag "Aufgaben und Funktionen von Geschichtswissenschaft und Geschichtsunterricht". Dass "Aufgaben und Funktionen" von Geschichte in der Wissenschaft und im Unterricht nicht nur gemeinsam behandelt, sondern auch gleichartig gesehen werden können, war für den Autor ganz selbstverständlich. Eine analoge Übereinstimmung wird vielleicht manche Leserin, mancher Leser in der vorgelegten Nummer vermissen. Das liegt nicht an den Autoren, sondern an den Debatten, auf die sie einzugehen haben. Nicht nur Lehrerinnen und Lehrer, die sich auf die kommenden Unterrichtsstunden vorbereiten, auch empirisch arbeitende Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen werden sich fragen, ob "linguistic turn" oder "poststrukturalistische Diskursanalyse" zentrale Probleme ihres Arbeitslebens darstellen. Wissenschaftstheoretische Probleme im Allgemeinen und geschichtstheoretische im Besonderen werden vielfach nicht nur in der Sprache, sondern auch im Inhalt auf einer sehr abgehobenen Ebene geführt. Theoretische Reflexion der eigenen Arbeit grundsätzlich abzulehnen, wäre sicher eine falsche Reaktion auf diesen Befund. Die Entfremdung zwischen Theorie und Praxis ist ein Problem von Arbeitsteilung und von mangelnder Kommunikation. Geschichtstheorie wird dann in der Praxis "anwendbar" sein, wenn Theoriebildung in allen Bereichen jener vielfältigen "Geschichtskultur" erfolgt, die Ernst Hanisch in der Einleitung seines Beitrags anspricht, und wenn zwischen diesen verschiedenen Bereichen geistiger Austausch besteht. Die Schule als staatlich organisierte Form der Geschichtsvermittlung stellt in dieser "Geschichtskultur" einen besonders wesentlichen Bereich dar. Für den Geschichtsunterricht zu erwarten, dass Theorie "von oben" oder "von außen" kommt, wäre wohl verfehlt. Theoriebildung muss in Kommunikation erfolgen. Eine theoretisch ihren Stand und ihre Aufgaben reflektierende Geschichtswissenschaft ist auf Impulse seitens der Schule in besonderer Weise angewiesen.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Sondernr. 1/02. 32. Jg
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