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Ela Hornung/Ernst Langthaler/Sabine Schweitzer

Editorial. Zwangsarbeit in der österreichischen Landwirtschaft 1939-1945

Quelle: Historische Sozialkunde. Nr. 1/03. 33. Jg.

In der medialen Öffentlichkeit kursieren Geschichtsbilder über Zwangsarbeit unter nationalsozialistischer Herrschaft, die sich zwischen zwei Extremen bewegen: Das eine zeigt zerlumpte Gestalten, ausgemergelte Körper, verzweifelte Gesichter; das andere erweckt den Eindruck von wohlversorgten, gesunden und zufriedenen Menschen. "Sklavenarbeit" und "Gastarbeit" - zwischen diesen Kontrastbildern bewegen sich die Vorstellungen über jene Millionen von Jugendlichen, Frauen und Männern, die während des Zweiten Weltkrieges aus dem deutschen Herrschaftsbereich in Europa zur Arbeit in das Reich gebracht wurden. Während das Bild der "Sklavenarbeit" häufig mit dem Einsatz von KZ-Häftlingen in der Industrie in Verbindung steht, wird jenes der "Gastarbeit" vor allem der Landwirtschaft zugeschrieben. Zwangsarbeit in der Landwirtschaft, so die gängige Meinung, sei gegenüber jener in der Industrie ein "leichteres Los" gewesen. Solche Geschichtsbilder gewinnen ihre Geltung unter anderem in Diskursen um die moralische und materielle Verantwortung - um "Schuld" und "Schulden" - für Zwangsarbeit während der nationalsozialistischen Herrschaft.

Wie die populären Geschichtsbilder waren auch die Geschichtsbilder der HistorikerInnen lange Zeit vom Gegensatz zwischen industrieller und landwirtschaftlicher Zwangsarbeit geprägt. Abgesehen von vereinzelten Pionierstudien stieß Zwangsarbeit in der Landwirtschaft bis vor wenigen Jahren in den Geschichtswissenschaften auf geringes Interesse. Der "Ausländereinsatz" in der Landwirtschaft wurde vielfach als "mildere" Vorstufe zur Zwangsarbeit in der Industrie behandelt; dabei wurden die am stärksten diskriminierten Gruppen - PolInnen, SowjetbürgerInnen und KZ-Häftlinge - in das Zentrum der Untersuchung gerückt. Erst im Zusammenhang mit der Debatte um die "Entschädigung" ehemaliger ZwangsarbeiterInnen wuchs auch das Interesse für die in der Landwirtschaft Beschäftigten, die in der ehemaligen "Ostmark" zwischen einem Drittel und der Hälfte aller ausländischen Arbeitskräfte umfassten. So initiierte auch die Historikerkommission der Republik Österreich zwei großangelegte Forschungsprojekte zur Zwangsarbeit in der Landwirtschaft: Eines behandelte das heutige Niederösterreich und nördliche Burgenland, ein anderes das restliche Gebiet des heutigen Österreichs. Eine Reihe neuer Forschungsergebnisse legen - in Abkehr vom vereinfachenden Geschichtsbild des "leichteren Loses" - eine differenziertere Sichtweise von Zwangsarbeit in der Landwirtschaft nahe.
Die Beiträge dieses Heftes streben eine solche Differenzierung des Geschichtsbildes von Zwangsarbeit in der Landwirtschaft an. Ela Hornung, Ernst Langthaler und Sabine Schweitzer skizzieren Strukturen und Praktiken der Zwangsarbeit in der Landwirtschaft im Deutschen Reich am Beispiel des ehemaligen Gaues Niederdonau. Ihr im Auftrag der Historikerkommission durchgeführtes Forschungsprojekt stützte sich neben Archiv- und gedruckten Quellen auch auf Interviews mit ehemaligen ZwangsarbeiterInnen aus Polen, Russland, Frankreich, Ungarn und Italien. Stefan Eminger beleuchtet die Gesetzgebung zur "Entschädigung" ehemaliger ZwangsarbeiterInnen, die auf dem Gebiet der heutigen Republik Österreich in der Landwirtschaft und anderen Wirtschaftszweigen zum Einsatz kamen, und deren Umsetzung am Beispiel Niederösterreichs. Ingrid Oppenauer, Lehrerin an einer Allgemeinbildenden Höheren Schule, und Horst Tschaikner, Lehrer an einer Hauptschule, haben die in diesem Heft vorgestellten Materialien gemeinsam mit SchülerInnen im Unterricht erprobt. Ihre Erfahrungsberichte bieten Anregungen für LehrerInnen, die dieses Thema im Unterricht aufgreifen möchten. Kommentierte Literatur- und Hyperlink-Listen eröffnen Zugänge zu weiterführenden Informationen.


Quelle: Historische Sozialkunde. Nr. 1/03. 33. Jg.
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