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Herbert Knittler

Einleitung. Greißler - Kaufleute - Shoppingmalls

Quelle: Historische Sozialkunde. Nr. 2/03. 33. Jg.

Ein historisch-sozialwissenschaftliches Thema wird im Lehrplan von Handelsschulen, Handelsakademien und anderen Schultypen vielleicht keinen zentralen Stellenwert beanspruchen können. Trotzdem bietet gerade die Bildungs- und Lehraufgabe "wesentliche geschichtsbestimmende Ideen und Kräfte in ihrer historischen Wirksamkeit [zu] verstehen", eine ausreichende Legitimation, um wirtschaftsgeschichtliche, den Themenkreis Kaufmann und Handel tangierende Grundfragen aufzugreifen und darzustellen. Vieles, was in der Frühneuzeit bereits voll ausgeformt erscheint und letztlich in einer Kontinuität zu gegenwärtigen Strukturen gesehen werden kann, wurde im europäischen Mittelalter grundgelegt.

Die Frage, ob der von Henry Pirenne beschriebene Godric von Finchal, der sich im England des 11. Jahrhunderts sein Anfangskapital aus Strandgut beschaffte, ähnlich wie seine räuberischen Zeitgenossen als die entscheidenden Ahnherren des europäischen Fernhandels oder doch nur als Ausnahmeerscheinungen zu deuten sind, wird wohl niemals eindeutig geklärt werden. Oder muss man davon ausgehen, dass es eine "reguläre Art und Weise" gegeben hat, um in den Handel zu gelangen, indem Bauern und Handwerker ihre Überschüsse zu Geld machten? (J. Van Houtte). Jedenfalls lässt gerade dieses Beispiel das Spannungsfeld erkennen, in dem sich der hochmittelalterliche Kaufmann entwickelte. Seine wachsende Rolle innerhalb der Gesamtwirtschaft veranlasste auch die Theologen, seit dem 13. Jahrhundert von der durch Matth. 21, 12 vorgegebenen, auf moralischen Prinzipien gründenden Verurteilung der mercatores abzurücken und nach einer schlüssigen Erklärung wirtschaftlicher Prozesse zu suchen.
Verfolgt man die einleitenden Bemerkungen im Beitrag E. Landsteiners, so wird hier systematisch vorgeführt, wie noch die volkswirtschaftlichen und politökonomischen Klassiker vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert die Entstehung des Handels und die dabei erkennbare Rolle der Kaufleute in unterschiedlicher Weise interpretierten. Die schon bei K. Marx erkennbare Ambivalenz, Kaufleute als Initiatoren von Marktwirtschaft und Kapitalismus oder - mit pessimistischem Vorzeichen - als Verhinderer des freien Wettbewerbs und Förderer von Monopolen zu verstehen, eine Sicht, die im besonderen auch von A. Smith vertreten wurde, hat die weitere Diskussion stark beeinflusst, wenngleich diese auch zahlreiche neue Aspekte aufgriff und weiterentwickelte.
So vermittelt der Beitrag "Handel und Kaufleute im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa" über seine theoretisch-systematische Einführung hinaus einen Einblick in die Genese des Handels im vorindustriellen Europa mit seinen wichtigsten, auf vielfältige Weise miteinander verknüpften Räumen und Nationen, deren Positionsveränderung im Wechselspiel der Konjunkturen, die Entwicklung der Techniken und Formen des Handels bis hin zur Monopoldebatte, die als zentrales Element der Lehrstoffeinheit "Frühkapitalismus und sozialrevolutionären Bewegungen" figuriert.
Auch der Beitrag "An der Wiege der Kapitalgesellschaften. Vorstufen und Frühformen eines Erfolgsprinzips" geht vorrangig der Frage nach, inwieweit heute gültige Rechtsformen der Unternehmung sowie Organisationsformen des Marktes ältere, mitunter bis ins Mittelalter zurückreichende Wurzeln besitzen. Besonderer Wert wird darauf gelegt, mit der Frage nach der Form auch jene nach der Funktion zu stellen, zumal ähnlichen Erscheinungen in früheren Gesellschafts- und Wirtschaftssystemen durchaus unterschiedliche Aufgaben zugekommen sein können. Mit der um 1600 weitgehend ausgebildeten Aktiengesellschaft verbinden sich aber auch wesentliche Schübe in der kolonialen Subordination weiter Räume der Erde unter die europäische Hegemonie mit ihren auch eminent politischen Implikationen. Zugleich entstand die Basis für eine erste, zu Beginn des 18. Jahrhunderts gewaltig ausufernde Spekulationswelle.
Fernand Braudel hat die Unterscheidung von zwei Marktsphären propagiert, der alltäglichen, auf Konkurrenz beruhenden, sowie einer komplexen, an Herrschaft orientierten. In Verbindung mit der konsumentennahen Sphäre zu bringen sind auch die Überlegungen zum Thema "Vom Stadtgewölb zum Urban Entertainment Center". Da die jüngsten Entwicklungsschübe bei der Diversifikation des Detailhandels von einem Großteil der älteren Schüler bereits selbst miterlebt werden konnten, schien es anregend, das Marktinstrumentarium der heutigen Konsumgesellschaft hinsichtlich seiner unterschiedlichen Wurzeln und Entwicklungsstränge, von den Warenhäusern, Ketten- und Genossenschaftsläden bis hin zu den Supermärkten, Einkaufszentren und Shopping-Malls, zu verfolgen. Hinter dem stetig steigenden Warenangebot verbirgt sich freilich auch eine Klammer zu einem vom einzelnen nicht mehr zu überblickenden globalisierten Marktgeschehen.
Ein abschließender Beitrag befasst sich mit der Frage, in welchem Maße Kaufleute im 20. Jahrhundert als Impulsgeber der Wirtschaft fungierten. Hier wird auf das Beispiel einzelner Handelspioniere verwiesen und zur Illustration der sich über mehrere Etappen vollziehenden Veränderungen die moderne Handelsentwicklung in Form einer Chronik dargestellt. Beschleunigte Tendenzen zur Konzentration in jüngster Vergangenheit gehen dabei mit dem sich bereits seit längerem abzeichnenden Bedeutungsverlust des Einzelhandels Hand in Hand.

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Quelle: Historische Sozialkunde. Nr. 2/03. 33. Jg.
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