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Hannes Stekl

Nationale Mythen. Die Slowakei und Österreich im Vergleich – Einleitung

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 4/03, 33. Jg.

Die Gegenwart ist reich an Umbruchserfahrungen. Die Kommunikationstechnologien lassen virtuelle Realitäten entstehen, spezialisierte Wissenschaftsdisziplinen liefern ein schier unüberblickbares Ausmaß von neuen Erkenntnissen, die Medien und neuartige Möglichkeiten der elektronischen Speicherung erschließen ein scheinbar unbegrenztes Potenzial von Informationen, die unausgewogenen Verfügungschancen über das Angebot des Marktes fragmentieren die Gesellschaften, wachsende Migrationsströme führen zum (erzwungenen) Verlust vertrauter Bindungen, die Erweiterung der Europäischen Union eröffnet ein Spannungsfeld zwischen neuer und vertrauter Selbstvergewisserung. Die Bezugssysteme, die den Individuen als Orientierungshilfe dienen und für sie eine identifikatorische Bedeutung besitzen können, sind vielfältiger und unüberschaubarer geworden.

In zahlreichen europäischen Gesellschaften sind gegenwärtig eine Beliebigkeit im Umgang mit dem verfügbaren "Patchwork von Identitäten" sowie eine "neue Unübersichtlichkeit" zu beobachten. Dieser Befund führte in verschiedenen gesellschaftlichen Teilsystemen (Parteien, Kirchen, Firmen, Vereinen, Familien, informellen Gruppen) sowie auf der Ebene der Nationalstaaten zur Wiederbelebung alter bzw. zur Schaffung neuer "Erinnerungsfiguren". Sie sollen ein verstärktes Bewusstsein von Gemeinsamkeit und Einheit herstellen. Bei der Schaffung eines "kollektiven Gedächtnisses" (J. Assmann 1999; A. Assmann 1999) wird verbreitet auf bestimmte Menschen, Ereignisse, Symbole, Verhaltensweisen sowie bestimmte Vorstellungen von Geschichte (aber auch das Vergessen von negativ empfundenen Ereignissen) zurückgegriffen.

Historiker waren bis zu einem Grad immer auch Mythenproduzenten. Sie sind jedoch zunehmend um eine Dekonstruktion von Mythen bemüht. Dabei fragen sie gezielt nach
- den Inhalten von nationale Identität stiftenden Faktoren
- den Zeitpunkten ihrer Thematisierung (z.B. Kriege oder politische Systemwechsel)
- den Trägergruppen und deren Zielvorstellungen, Ideologien und Legitimationsabsichten
- der Definition des "Eigenem" und nach dem Umgang mit "Fremdem"
- den Methoden zur Propagierung von Identität, und dabei besonders nach der Rolle der Kunst (Gemälde, Dichtungen, Musik, Gesang, Film), der Tätigkeit von Wissenschaftern und der Rolle von Bildungseinrichtungen, den verschiedenen Formen von Feiern (Jubiläen, Anniversarien, Festakte, Volksfeste, Ausstellungen etc.) und nach der Schaffung neuer "Erinnerungsorte" (wie Denkmäler, Ehrengräber, Gedenktafeln, Straßennamen u.a.m)
- nach der Reichweite und Akzeptanz der Identifikationsangebote (die gesamte Gesellschaft bzw. das gesamte Staatsgebiet oder nur Teile davon?) und
- nach deren Veränderung im Zuge der populären Ausformung, der Übertragung auf die lokale Ebene und der "Übersetzung" etwa durch Ortspolitiker, Lehrer, Pfarrer, Journalisten.

Seit den 1990er-Jahren haben sich zahlreiche Forschungsprojekte mit diesen Fragen beschäftigt. Die bereits klassische Veröffentlichung über derartige (im metaphorischen Sinn) "Orte der Erinnerung" entstand in Frankreich - das von Pierre Nora herausgegebene, siebenbändige Werk "Les lieux de mémoire" (Nora 1984-1992). Das theoretische Konzept dieser kulturpessimistisch grundierten Veröffentlichung ging vom gesellschaftlichen Verlust von vertrauten Milieus und gelebten Gedächtnistraditionen aus. Sie beschäftigt sich mit einer Fülle von Symbolen, populären Begriffen, Räumen, Orten, Personen und Institutionen, die im ausgehenden 20. Jahrhundert im populären wie im wissenschaftlichen Diskurs mit "Frankreich" identifiziert wurden. Ähnlich verfuhren die "luoghi della memoria" Italiens, welche die Begründung einer neuen Nationalgeschichte und die Festigung einer Nationalkultur anstrebten (Isnenghi 1996-1997).
Die 1998 am Deutschen Historischen Museum in Berlin veranstaltete Ausstellung "Mythen der Nationen" (Flacke 1998) präsentierte die zentralen Mythen der kollektiven Identität zahlreicher europäischer Nationen - Freiheit, Glaube, blutige Siege oder Niederlagen, Gründungslegenden -, unterstrich die wichtige Rolle der Kunst bei der "Erfindung" der Nationen und sensibilisierte für eine komparative Sicht zum Verständnis von Trennendem und Verbindendem.

Die Darstellung der "Deutschen Erinnerungsorte" (François/Schulze 2001-2002) traf aus der in regionaler, konfessioneller und politischer Hinsicht disparaten Vielfalt von "Erinnerungsorten" eine Auswahl, die sich an drei Aspekten orientierte: Zeitliche Schwerpunktsetzung im 19. und 20. Jahrhundert, grenzüberschreitende Analyse "geteilter Erinnerungsorte" (wie z.B. der Wiener Heldenplatz), Verzicht auf Unterscheidung zwischen "bedeutenden" und "trivialen" Themen (und damit reicht die Palette von "Goethe" bis zum "Weißwurstäquator").
Die in Kürze erscheinenden Studien über die "Memoria Austriae" (Brix/Bruckmüller/Stekl 2003) wollten die Gefahr einer wissenschaftlich kanonisierten Mythenproduktion weitgehend ausschalten - denn jedes Symbol, jedes Stereotyp, jedes Klischee hat ein mehr oder weniger starkes identitätsstiftendes Potenzial (Breuss/Liebhart/Pribersky 1995). Die Auswahl der Untersuchungsobjekte erfolgte daher auf der Grundlage einer repräsentativen, quantitativen und österreichweiten Umfrage über das für Österreich Typische. Davon wurde die Konzeption der drei in Entstehung begriffenen Bände bestimmt: Band 1 behandelt Menschen, Zeiten und Mythen, Band 2 die Orte der Erinnerung (im engeren Sinne), Band 3 die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftsunternehmen bzw. Unternehmern und österreichischer Identität.

Um einen systematischen Vergleich zwischen Österreich und einem seiner Nachbarstaaten, der Slowakischen Republik, vornehmen zu können, wurden aus einigen dieser Teilbereiche sinnstiftende Erinnerungsfiguren ausgewählt. Mit diesen Referenzmustern sollten Codes verbunden sein, die nach Auffassung von slowakischen Wissenschafter/innen auch für die staatlich-nationale Identität der Slowakei eine entsprechende Relevanz besaßen. Es ging also um die komparative Erschließung von Zusammenhängen zwischen nationaler Identität und Geschichte in den Fragen der Grenzmythen, Hauptstadtmythen, Mythen nationaler Heroen, Landschaftsmythen, Mythen der Nationalspeisen und der Mythen der Nationen (Stekl/Mannová 2003).
Eine gekürzte und für Unterrichtszwecke überarbeitete Fassung der Untersuchungen über zwei dieser Themenschwerpunkte - die Faszination von Bergen und Speisen - wird in diesem Heft vorgestellt. Bernhard Tschofen beschäftigt sich mit den Affinitäten der österreichischen Alpen zu Natur und Kultur sowie mit ihrer Nähe zu Identitäten in lokaler, regionaler und nicht zuletzt in nationaler Dimension; ubomir Lipták analysiert die Symbolik um die Tatra von den Anfängen der Nationswerdung bis in die Gegenwart. Susanne Breuss widmet sich der "typisch österreichischen" Ess- und Trinkkultur und ihrer im Verlauf des EU-Beitritts aktualisierten Bedeutung für die österreichische Identität; Rastislava Stoliøná analysiert die Stilisierung des ursprünglich ländlichen Gerichts, der bryndzové halu‚ky (Brimsennockerln) zum slowakischen Nationalsymbol.

Das Titelbild dieses Themenhefts, eine Almhütte im Tiroler Tuxertal, zeigt die enge Verbindung der beiden für das österreichische wie slowakische Selbstverständnis gleichermaßen wichtigen Bereiche, Berge und gutes Essen. Es ist den "Austrian Views" entnommen, dem Bildarchiv der Österreich-Werbung, das nach eigenen Angaben "einer Bewerbung des Tourismus in Österreich sowie der Image-Werbung für die Republik Österreich" dient (http://www. austrian views.at/neu/Deutsch; 2003 07 28) - für das e-learning eine Fundgrube für Selbstbilder und Stereotypen.
Die Beiträge berühren zentrale Inhalte von "Politischer Bildung", wie das "Eigene" und das "Fremde"; die Identitätsstiftung durch gemeinsame Erinnerungen, die sich zur "Geschichte" der Nation verdichten; die Entdeckung jener Akteure, Interessen und Mechanismen, die in beiden Ländern ein distinktives und allgemein verbindliches Identifikationsangebot entwickelten. Damit sollen Anstöße gegeben werden, sich sowohl auf gesamtösterreichischer Ebene als auch im engeren regionalen Umfeld der Schulen, Gemeinden und Bundesländer (Stekl 2002) mit Identitätsentwürfen kritisch auseinander zu setzen.



Juni 2003

Literatur:
A. ASSMANN, Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kollektiven Gedächtnisses. München 1999.
J. ASSMANN, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen (1997). München 1999.
S. BREUSS/K. LIEBHART/A. PRIBERSKY (Hg.), Inszenierungen. Stichwörter zu Österreich. Wien 1995.
E. BRIX/E. BRUCKMÜLLER/H. STEKL (Hg.), Memoria Austriae, 3 Bde. Wien 2003-2004 (in Vorbereitung).
M. FLACKE (Hg.), Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama. Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums … Begleitband zur Ausstellung vom 20. März 1998 bis 9. Juni 1998. Berlin 1998.
E. FRANÇOIS/H. SCHULZE (Hg.), Deutsche Erinnerungsorte, 3 Bde. München 2001.
M. ISNENGHI (Hg.), I luoghi della memoria, 3 Bde. Rom-Bari 1996-1997.
P. NORA, Les Lieux de mémoire, 7 Bde. Paris 1984-1992.
H. STEKL (Hg.), Gedächtnis/Erinnerung/Identitäten. Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 13 (2002), Heft 1.
H. STEKL/E. MANNOVÁ (Hg.), Heroen, Mythen, Identitäten. Die Slowakei und Österreich im Vergleich. Wien 2003.


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