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Werner Dreier / Eduard Fuchs

Lernorte – Gedächtnisorte – Gedenkstätten: Einleitung

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 4/03, 33. Jg.

Das "Niemals vergessen" und das Postulat, "dass Auschwitz nicht noch einmal sei" (Adorno: 1966) sind Forderungen, welche gewissermaßen als pädagogisches Programm einer "Erziehung nach Auschwitz" gelten können. Dabei stellt sich allerdings die Frage, was denn nun niemals vergessen werden dürfe: in einer Gegenwart, in der massenmedial geschaffene Gedächtnisinhalte bestimmend sind, kommt der Frage nach der Funktion dieser Erinnerungsgehalte im individuellen und kollektiven Gedächtnis neue Bedeutung zu. Zwar sind Erinnerungsinhalte und deren Funktion das Resultat gesellschaftlicher Verständigungsprozesse, doch ist unter den Bedingungen einer Mediengesellschaft der Einfluss von Individuen und gesellschaftlichen Gruppen auf diesen Diskurs sehr ungleich, bestimmen doch die Möglichkeiten des Zugangs zu den Medien ganz wesentlich das, was erinnert wird.

Dieses so geformte gesellschaftliche Gedächtnis ist nicht nur untrennbar mit dem Aushandlungsprozess über Vergangenheit und Gegenwart verbunden, sondern es macht sich auch an Orten fest. Die Orte und deren Wahrnehmung sind - wie die letzten Jahre deutlich zeigen - als Gedächtnisorte ihrerseits Ausfluss des verstärkten Diskurses über Vergangenheit: in Waldstücken werden ehemalige Lager wieder entdeckt, in Krankenhäusern die Stätten der Ermordung von kranken und behinderten Menschen usw.

Unzulässig wäre nun die Schlussfolgerung, diese Orte sprächen für sich, bzw. eine ihnen innewohnende mystische Macht wirke von sich aus auf die Heranwachsenden ein, erwecke Menschlichkeit und Empathie, immunisiere gegen allerhand, gegen das zu immunisieren wir als Lehrer/innen den gesellschaftlichen Auftrag zu haben glauben bzw. der uns aus der Gesellschaft heraus auch zugewiesen wird. Diese Orte haben eine Kraft, die im Vorstellungsvermögen der Besucher liegt und die daran gebunden ist, ob sich Menschen von den dort erzählten Geschichten berühren lassen. Jedenfalls geben sie mannigfachen Anlass zum Sprechen, zum Abgleich der vielen Geschichten, die Heranwachsende - zumeist aus ganz anderen Quellen als der Schule - bereits aufgenommen haben. Waren noch vor wenigen Jahren die Erzählungen bzw. das Schweigen der Großeltern in den Familien prägend, so bestimmen heute - parallel zum Verlust dieser "Erfahrungsgeneration" - immer mehr die Medien (TV, Kino, Internet, Druckwerke …) bzw. durch sie vermittelte Bilder die Erzählungen und Gespräche in Familien und im Freundeskreis.

Die Schule, und hier vor allem der Geschichtsunterricht, bietet eine im Leben der Lernenden so kaum wiederkehrende Chance, dieses kollektive Gedächtnis in seinen individuellen Ausformungen zu besprechen, zu reflektieren und damit tiefere Einsichten in die Konstruktion individueller bzw. kollektiver Identität zu gewinnen.
Eine angemessene Erzählung über die NS-Zeit und die vielen Verbrechen - insbesondere den Holocaust - setzt sich aus Geschichten von Opfern, von Helfern, von Zuschauern und von Tätern zusammen. Allerdings sind das nicht Geschichten derselben emotionalen und ethischen Qualität und nicht alle Orte regen gleichermaßen zur Auseinandersetzung über diese Kategorien an.
Die in diesem Heft vorgestellten österreichischen Gedächtnisorte erinnern an Verbrechen des Nationalsozialismus und halten die Erinnerung an die Opfer, aber auch an Widerstand wach. Sie bieten für jeweils spezifische Orte und damit verknüpfte Geschichten Erzählanlässe; keineswegs aber bergen sie die eine und allgemein gültige Geschichte von Nationalsozialismus und Holocaust in sich: Es finden sich in den hier vorgestellten österreichischen Gedächtnisorten auch kaum Bezüge auf Genozid und Mord in den Vernichtungslagern und durch die Einsatzgruppen im Hinterland der Kriegsfront, auf das Schicksal der Vertriebenen und Emigrierten.

Allgemein gilt für Gedächtnisorte dasselbe wie für Text- und Bilddokumente: sie bedürfen der Kontextualisierung, um "wahr" zu werden. Einerseits ist das Lernpotenzial von Gedächtnisorten insofern begrenzt, als diese Orte jeweils nur ausschnitthaft spezifische Geschichtserzählungen ermöglichen, doch werden dabei andererseits die Grenzen traditionellen Lernens überschritten, wird ein Verstehen durch Erfahrung ermöglicht: Auf dem Weg über die Todesstiege hinab in den Steinbruch von Mauthausen lassen sich zumindest in Bruchstücken der Terror des nationalsozialistischen Lagersystems und das damit verbundene Leid der Häftlinge erahnen.

Im Zuge der Erstellung dieses Themenheftes ersuchten wir Initiativen, Institutionen und Einzelpersonen in allen österreichischen Bundesländern, solche Gedächtnisorte vorzustellen, deren Lernpotenzial für Schüler/innen-Gruppen zumindest ansatzweise erschlossen ist. Als Ergebnis schwebte uns eine exemplarische Auswahl solcher Orte vor, einerseits um zu Besuchen anzuregen und diese auf eine bessere Informationsbasis zu stellen, andererseits um zur weiteren Erschließung von solchen Gedächtnisorten durch Schüler/innen- bzw. Lehrer/innen-Projekte zu ermutigen.
Dabei sind wir uns der Unvollständigkeit und Unzulänglichkeit unseres Unterfangens bewusst - jene Initiativen, die wir übersehen haben, bitten wir, dies nicht als Missachtung ihres Engagements zu verstehen. Jedenfalls sind wir den vielen Kolleginnen und Kollegen in ganz Österreich für ihre Unterstützung zu Dank verpflichtet.

Den Darstellungen von Gedächtnisorten haben wir einige Aufsätze vorangestellt:
Heidemarie Uhl, Historikerin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und an der Universität Graz, beschäftigt sich schon lange mit Fragen des kollektiven Gedächtnisses in Verbindung mit Gedächtnisorten. Sie setzt sich in ihrem Beitrag mit der Transformation der österreichischen Gedächtnislandschaft seit 1945, den mit der Opferthese einhergehenden Mythenbildungen, der seit den 80er Jahren sich entwickelnden neuen Erinnerungs- und Gedächtniskultur und den daraus resultierenden Chancen für ein verändertes österreichisches Selbstverständnis auseinander.
Bertrand Perz ergänzt diese Darstellung durch eine Hinterfragung der Rolle Mauthausens als quasi-nationaler Gedenkfokus Österreichs.

In die pädagogische Dimension der Arbeit in Gedenkstätten und an Gedächtnisorten führt die an der Universität Siegen lehrende Geschichtsdidaktikerin Susanne Popp ein, ergänzt durch eine Glosse über österreichische Erinnerungskultur von Reinhard Krammer, Geschichtsdidaktiker an der Universität Salzburg.

Ein Zeichen der prägenden Kraft der Medien für die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit sind die vermehrt aufzufindenden "virtuellen" Gedächtnisorte im Internet - mit einigen setzt sich Wolfram Dornik in seinem Beitrag auseinander.

Den Abschluss bildet ein Informationsteil mit Literaturempfehlungen, Hinweisen auf nützliche Websites, einschlägige Fortbildungsveranstaltungen und Serviceeinrichtungen. Alle Links werden auch mittels direktem Zugriff auf unserer Website zugänglich sein (http://www.univie.ac.at/Wirtschaftsgeschichte/VGS/BZHS.html).

Die Projektinitiative "Nationalsozialismus und Holocaust: Gedächtnis und Gegenwart", welche in die Herausgabe dieses Hefts maßgeblich eingebunden war, arbeitet im Wesentlichen auf drei Ebenen, um zu einer vertieften, qualitativ verbesserten Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und deren Verbrechen gegen die Menschheit beizutragen (siehe www.erinnern.at): Die Zentralen Seminare bieten Raum für einen österreichweiten Diskurs. Die Seminare in Yad Vashem gewähren Einblick in fremde Wahrnehmung und Deutung von Geschichte und Gegenwart, die zu den aus Österreich vertrauten Erzählungen in einem Spannungsverhältnis stehen. Von ganz besonderer Bedeutung sind die im Aufbau begriffenen Dezentralen Netzwerke in den Bundesländern: Sie sollen ein Lernen im jeweiligen regionalen Umfeld erleichtern und dazu beitragen, dass die in den Schulen vermittelte Geschichte auch eine Verbindung zum Gedächtnis der jeweiligen Bezugsgruppen hat: der Familien, der Freundeskreise, der Gemeinden und Regionen.

Nicht nur in der Auseinandersetzung mit der allgemeinen Geschichte, sondern ganz besonders durch das Besprechen von Erinnerungen können Heranwachsende sich zu einer Vergangenheit in Beziehung setzen, die - wie die Zeit des Nationalsozialismus - so schwierig zu integrieren ist. Der Besuch von Gedächtnisorten, wie sie in diesem Heft vorgestellt werden, kann Anlass zu Gespräch und vertiefter Auseinandersetzung bieten.

November 2003

Literatur:
Th. W. ADORNO, "Erziehung nach Auschwitz", in: ders., Erziehung zu Mündigkeit. Frankfurt am Main 1971, 88-104.
W. MESETH, Theodor W. Adornos "Erziehung nach Auschwitz". Ein pädagogisches Programm und seine Wirkung, in: Bernd Fechler/Gottfried Kößler, Till Lieberz-Groß (Hg.), Erziehung nach Auschwitz in der multikulturellen Gesellschaft. Weinheim- München 2000, 19-30..


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 4/03, 33. Jg
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