[VGS | Organisation | Beiträge | HSK | Querschnitte | Weltregionen | GEG | KuK | EIA | Leseproben | Vorschau | Suche | Bestellung]

Ernst Bruckmüller/Michael Mitterauer/Georg Schmitz/Manfried Welan

Politische Beteiligung: Einleitung

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 2/04, 34. Jg.

"So viele Menschen sind noch nie in der Weltgeschichte zur Wahl gegangen." Mit diesem Satz eröffnet zu Jahresanfang 2004 das Wochenmagazin "Profil" einen Artikel zum Thema "Demokratie". In Russland und in den USA werden Präsidentenwahlen abgehalten. In Indien, dem bevölkerungsreichsten Staat der Erde, finden Parlamentswahlen statt, ebenso in Indonesien, dem bevölkerungsreichsten Staat der islamischen Welt. Die EU-Bürger wählen ihre Vertreter für Straßburg. Mehrere EU-Länder haben Präsidenten- oder Parlamentswahlen. In Österreich wird der Bundespräsident neu gewählt. Und auch über die Zusammensetzung von Landtagen fallen wichtige Entscheidungen. Weltweit hat sich das Prinzip der politischen Beteiligung durch Wahlen durchgesetzt. Während vor zwei oder drei Jahrzehnten die parlamentarische Demokratie noch eher ein Minderheitenprogramm war, leben heute fünfzig bis sechzig Prozent der Erdbevölkerung in Staaten, deren Regierende durch allgemeine Wahlen bestimmt wurden. Das große Wahljahr 2004 mag ein Anlass sein, politische Beteiligung auch im Schulunterricht zum Thema zu machen.

Anknüpfungspunkte für eine solche Themenwahl gibt es viele. Der Lehrplan der AHS etwa sieht für die 5. Klasse vor "Formen und Modelle politischer Beteiligung - Gegenüberstellung mit gegenwärtigen Demokratiemodellen", in der 6. Klasse "Herrschafts- und Staatsformen und ihre Auswirkungen (Absolutismus, englischer Parlamentarismus …)", in der 7. Klasse "Demokratische, autoritäre und totalitäre Staatensysteme", in der 8. Klasse "Das politische System Österreichs und der EU". Zu allen diesen Themenfeldern versucht die vorliegende Nummer Einstiege zu bieten. In einigen Bereichen geht sie mit Beispielen politischer Beteiligung über die explizit genannten Lehrplanthemen hinaus. Es sollen Ansatzpunkte für die Behandlung des Problemfelds für alle historischen Epochen gegeben werden, weiters für vielfältige Räume und schließlich auf unterschiedlichen Ebenen. Es geht keineswegs nur um politische Beteiligung auf der Ebene des Staatsverbands, die in der Diskussion des Themas in der Regel im Vordergrund steht. Überstaatliche Beteiligung soll ebenso Behandlung finden wie solche in kleineren politischen Einheiten auf lokaler und regionaler Ebene. Auch alternative Modelle zur parlamentarischen Demokratie kommen zur Sprache. Es ist wichtig, das Problem der politischen Beteiligung nicht als einen einlinigen Entwicklungsprozess auf ein teleologisch festgeschriebenes Endziel zu verstehen. Die Chance einer historischen Beschäftigung mit Formen von Demokratie besteht ja gerade darin, in Alternativen denken zu lernen und ein Bewusstsein der Veränderbarkeit bestehender Institutionen zu schaffen.

Die vorliegende Nummer behandelt das Thema "Politische Beteiligung" mit dem Schwerpunkt auf der Berechtigung zu wählen. Die Autoren sind sich bewusst, dass es sich dabei bloß um eine der möglichen Perspektiven handelt, das Problemfeld im Schulunterricht zur Sprache zu bringen. Die Behandlung ergänzender Perspektiven ist geplant. Gerade in einem Jahr, in dem weltweit politische Beteiligung durch Wahlen stattfindet, scheint es wichtig, sich den historischen Hintergrund von parlamentarischer Demokratie bewusst zu machen. Er beschränkt sich nicht auf die Stimmabgabe im Wahllokal. Mit der weltweiten Verbreitung von Wahlsystemen erscheint noch lang nicht eine weltweite Verbreitung von Demokratie gewährleistet.

In der vorliegenden Nummer wird in "Historische Sozialkunde" erstmals ein neues didaktisches Konzept versucht. Eine Vielzahl kürzerer Artikel, die einen exemplarischen Einstieg ermöglichen, tritt an die Stelle weniger, breit angelegter Überblicksdarstellungen. Nach Möglichkeit beginnt jeder Artikel mit einer Quellenstelle, einem Bild, einer Graphik, einer Karte. Wir hoffen, mit dieser neuen Struktur, die Arbeit mit "Historische Sozialkunde" im Unterricht zu erleichtern. Eine Rückmeldung, ob das gelungen ist, wäre für die zukünftige Gestaltung der Zeitschrift wichtig.

Februar 2004


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 2/04, 34. Jg.
[VGS | Organisation | Beiträge | HSK | Querschnitte | Weltregionen | GEG | KuK | EIA | Leseproben | Vorschau | Suche | Bestellung]