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Rock'n'Roll - Soul - HipHop. Jugend und Musikkonsum: Einleitung

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 3/04, 34. Jg.

Jugendliche suchen und entwickeln kontinuierlich soziokulturelle Orientierungsmuster, um sich zu identifizieren, sich zugehörig zu fühlen und sich abzugrenzen. Dabei wird Musik stärker als andere künstlerische und ästhetische Objekte dazu benutzt, sich gesellschaftlich zu verorten. Studien von Lazarsfeld über Bourdieu bis Schulze belegen die besondere Bedeutung von Musik gegenüber anderen kulturellen Objektbereichen als soziokulturelles Unterscheidungskriterium, als Mittel der Distinktion und der Orientierung in der Gesellschaft. Dem steht die Vernachlässigung des rezeptiven und produktiven Umgehens Jugendlicher mit Musik durch die soziologische und medienwissenschaftiche Jugendforschung gegenüber, verursacht sowohl durch Berührungsängste mit populärer musikalischer Jugendkultur als auch durch Unterschätzung der Bedeutsamkeit von Musik für jugendliche Orientierungen und jugendliches Problemlöseverhalten. Die soziologische Diskussion über Zusammenhänge zwischen der Ästhetisierung des Alltags, Formen des Lebensstils und sozialer Differenzierung erfordert den Dialog zwischen Jugendsoziologie, Musiksoziologie und anderen Disziplinen.

Aus dem Konzept der Jahrestagung 2001 der Sektion Jugendsoziologie zum Thema "Jugend, Musik und Medien" in Ludwigsburg (http://www.jugendsoziologie.de/jahresbericht2001.htm; 19.8.2004).

Bereits ein kurzer Blick auf die Websites zeigt unter den Schlagworten "Musikkonsum Jugendlicher" die übliche große Bandbreite von Informationen. Da begegnet man Appellen für eine aktive Musikausübung an Stelle passiven Musikhörens, Warnungen vor exzessivem Musikkonsum (Schlagwort "Droge Musik"), Anregungen für den Einsatz von Musik im Firmungsunterricht, pädagogisch motivierten Hinweisen auf die Steuerung des Kaufverhaltens von Tonträgern sowie technischen Geräten und der Nutzung des Internets und seiner Download-Möglichkeiten durch Jugendliche u.a.m.
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema ist vergleichsweise schmal und auf einige charakteristische Schwerpunkte konzentriert.
Eine Reihe von medizinischen und technischen Untersuchungen beschäftigt sich mit den Zusammenhängen zwischen Musikhörgewohnheiten und Gehörschäden von Jugendlichen. Eine Erhebung unter 700 Schweizer Berufsschülern aus dem Jahr 1999 z.B. konnte den Nachweis erbringen, dass 58% der befragten Männer und 41% der Frauen durch Musikkonsum "überexponiert" waren. Große Gehörbelastung durch Musikkonsum mit Kopfhörern, vor allem aber beim Besuch von Diskotheken, Konzerten und Technoparties steigern das Risiko von Gehörschäden. Als Konsquenzen plädieren diese und andere Studien für eine verstärkte Information der Jugendlichen und ihrer Bezugspersonen sowie für Interventionen bei Lokalbesitzern und Veranstaltern (http://www.bag.admin.ch/strahlen/nonionisant/son/documentation/pdf/bag-bul25-2000pdf; 19.8.2004).

Andere Beiträge thematisieren die Zusammenhänge zwischen Musik und Gewalt. Die Diskussion über dieses Thema bewegt sich zwischen zwei Polen: Der Beobachtung von gewalttätigen Handlungen im Umfeld von Musikdarbietungen bzw. der Katharsisthese, derzufolge Musik der Ableitung von Energien und der Verarbeitung von Gewaltphantasien, also der Vorbeugung gewalttätiger Handlungen dienen kann. Eine Befragung von 200 deutschen Jugendlichen aus dem Jahr 2000 hat zwar Ängste vor aggressionsauslösender Wirkung von Musik als unbegründet bezeichnet, aber auch auf Korrelationen zwischen "aggressiven Neigungen" und spezifischen Umgangsweisen mit Musik festgestellt (http://www.uni-oldenbourg.de/musik-for/forschungsberichte/musikgewalt.htm; 19.8.2004). Verzichtet diese Untersuchung wohltuend auf moralisierende Bemerkungen, so sind solche anderen Stellungnahmen keineswegs fremd.

Überaus breit angelegte Fragestellungen finden sich im zitierten Konzept einer Tagung der Sektion "Jugendsoziologe" an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Die Tagung hatte zum Ziel, sich in interdisziplinärer Weise der folgenden Fragestellungen anzunehmen:

o Führt die Globalisierung der Medien, einschließlich des Musikfernsehens, zu neuen Formen der Weltaneignung, die eher durch das Verfügen über audiovisuelle Symbolsysteme als über diskursive Symbolik gekennzeichnet sind? Lässt sich entsprechend die gesellschaftliche Verortung Jugendlicher anhand von Lebensstildefinitionen auf audiovisuelle, massenmedial vermittelte Symbolik zurückführen?
o Formt Musik- und Mediennutzung jugendliche Weltsichten, ihr Gesellschaftsbild, ihre politische Orientierung, ihre kulturellen Präferenzen? (z.B. Klassik in der Werbung; Internet und Rechtsextremismus; Audiovisuelle Sozialisationgewaltbereiter und gewalttätiger Jugendlicher)
o Bewältigen Jugendliche ihre Entwicklungsaufgaben durch ihre Auseinandersetzung mit Musik und Medien? (z.B. Daily Soaps und parasoziale Interaktion; Musik- und Medienproduktionen Jugendlicher als Sozialisation und Kommunikation)
o Dienen Musikgeschmack und Musikkonsum, Medienpräferenzen und Mediennutzung der Ästhetisierung des Alltags, der Präsentation jugendlicher Lebensstile? Signalisieren sie Zugehörigkeiten zu soziokulturellen Milieus?

Anregungen für die Umsetzung der Themen im Unterricht bleiben jedoch Mangelware. Schon Nr. 2/2004 der "Historischen Sozialkunde" hatte sich, auf einem Fachdidaktik-Seminar an der Universität Wien aufbauend, mit dem Thema "Konsumieren im 20. Jahrhundert" beschäftigt und dabei auch die Bedeutung von Kindern und Jugendlichen betont. Ein Unterrichtsprojekt dieses Seminars behandelte den Musikkonsum von Jugendlichen und vermittelte den Anstoß zur Konzeption der vorliegenden Themennummer. Christian Berthold und Christian Girardi informieren eingehend über Ziele, Methoden, Erfolge und Grenzen dieses Projekts in der 4. Klasse einer AHS.

Die anderen Beiträge dieses Heftes versuchen Überblicke zu vermitteln bzw. eine retrospektive Bilanz über den persönlichen Musikkonsum in der Jugend zu ziehen.
Michael Huber und Doris Nicoletti werfen aus musiksoziologischer Perspektive einen Blick auf die Sozialgeschichte des Musikkonsums von Jugendlichen seit den 1950er-Jahren. Sie betonen die auch in anderen Studien empirisch nachgewiesene Bedeutung des Musikhörens sowohl in der individuellen Freizeitgestaltung als auch im Rahmen der für die jugendliche Sozialisation überaus wichtigen Peergroups. Besonderes Augenmerk gilt der Ausweitung des Vermittlungsangebots (vom Röhrenradio bis zum MP3-Portable) sowie der Entwicklung der Jugendmusik (vom Rock'n'Roll zu Techno) und ihrem Stellenwert für die je zeitgenössische Jugendkultur.

René Leinthaler untersucht ein zentrales Gegenwartsphänomen: Die DJ-Kultur und die Globalisierung der Popkultur. Medien- und Kulturindustrie, so die Grundthese, tendieren dazu, jugendkulturelle Protesthaltungen und ihre kulturellen Ausdrucksmittel (und damit auch Musik) in den kapitalistischen Verwertungsprozess einzuführen und auf diese Weise zu entschärfen. Medien, Internet und im besonderen spezialisierte Musiksender wie MTV tragen zu einer Homogenisierung der Musikkultur bei. Als neuer popkultureller Autorentypus entsteht der DJ, der mit Einsatz der neuen Technologien (Sampling, Cut, Remix, Software) aus dem Gesamtinventar der Musikgeschichte neue Collagen schafft - und sich zu einer scharfen Konkurrenz zum lange dominierenden Typus des "großen Stars" entwickelt.

Der Beitrag von Franz Lux wechselt zwischen mehreren Ebenen. Grundlage bildet ein lebensgeschichtlicher Rückblick eines AHS-Lehrers auf den eigenen Umgang mit Musik: Die ersten Schallplatten, das Transistorradio, die Anfänge von Ö3, die Konzept-Platten-Alben, die ersten Konzerte. Die Auseinandersetzung mit den individuellen, biographischen Bezügen zu den verschiedenen Formen von Musik und Liedertexten werden überlagert von Bemerkungen über die veränderten Formen des Musikkonsums seiner Schüler/innen (wie den Verlust der Faszination des Instrumentes) sowie von didaktischen Hinweisen.

Gerade diese Anregungen zeigen, ebenso wie das Fachdidaktik-Projekt der Studierenden, die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten des Themas im Unterricht auf: Fachübergreifende Herangehensweisen, kleine Unterrichtsprojekte, Politische Bildung. Und vielleicht kann auch eine offene Auseinandersetzung mit der Vergangenheit von Lehrer/innen als jugendliche Musikkonsumenten zur partnerschaftlichen Gestaltung des Unterrichts beitragen.
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August 2004, Die Redaktion

Literatur

A. ANDERSEN, Der Traum vom guten Leben. Alltags- und Konsumgeschichte vom Wirtschaftswunder bis heute. Frankfurt am Main-New York 1997.
F. X. EDER u.a., Wirtschaft, Bevölkerung, Konsum. Wien im 20. Jahrhundert. Innsbruck-Wien-München 2003.
H.-G. HAUPT, Konsum und Handel. Europa im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main 2002.
D. ROSENKRANZ/N. F. SCHNEIDER (Hg.), Konsum. Soziologische, ökonomische und psychologische Perspektiven. Opladen 2000.
Eine umfangreiche Literaturliste zur Konsumgeschichte finden Sie unter
http://www.univie.ac.at/Wirtschaftsgeschichte/Eder/FachdidaktikSeKonsumgeschichte%20neue%20Literaturliste. html [16.5.2004] Zugriff am 25.5.2004


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