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Walter Sauer, Wolfgang Greif

Editorial: Der Österreichische Gewerkschaftsbund als Gegenstand der Politischen Bildung

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 1/95. 25. Jg. S. 3.

Die Sinnhaftigkeit einer schulischen Beschäftigung mit der österreichischen Gewerkschaftsbewegung, ihren Strukturen und Positionen, bedarf heute kaum mehr der Begründung. Die aktuellen Kontroversen über das sogenannte Sparpaket der Bundesregierung haben gerade in Lehrer/innen/kreisen das Interesse an und die Identifikation mit der zuständigen Gewerkschaft und dem ÖGB erheblich ansteigen lassen. Eine Beschäftigung damit im Unterricht kann heute - ohne natürlich einseitig oder propagandistisch zu wirken - lebensnaher und praxisorientierter geschehen als noch vor einigen Jahren, als die Einführung in die Sozialpartnerschaft zwar auch schon zum staatsbürgerlichen Standardrepertoire zählte, jedoch weithin abstrakt und theoretisch verblieb.
Inzwischen ist die Thematik hautnaher geworden: Es geht um die Aufgabe - aber auch um die Fähigkeit - der Gewerkschaftsbewegung, die sozialen Interessen von Millionen von Arbeitern, Angestellten und Beamten gegen die auf eine "Umverteilung nach oben" ausgerichteten Strategien einer neoliberalen Wirtschaftspolitik zu verteidigen.
Die "Beiträge zur historischen Sozialkunde", die auf eine lange Tradition der kritischen Beschäftigung mit Fragen der Arbeitswelt, aber auch mit dem Themenkreis "Jubiläum" zurückblicken können, nehmen den Ende April 1995 gefeierten fünfzigsten Jahrestag der ÖGB-Gründung daher zum Anlaß eines über die aktuellen Anlässe hinaus reflektierenden Schwerpunktheftes. Die Autorinnen und Autoren, durchwegs der jüngeren Sozialwissenschaflergeneration angehörig, sind als Fachexperten teilweise direkt für ÖGB und Arbeiterkammer, teilweise im interessierten Umfeld tätig. Wir freuen uns über die Zusage des ÖGB, dieses "Beiträge" - Heft seinen Funktionären und Betriebsräten auch im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten zugänglich zu machen.
Vielfach wird ein Reflexionsdefizit der öffentlichen Meinung in bezug auf Fragen der Arbeit und Arbeitswelt festgestellt: Lehrbücher und Medien berücksichtigen sie nach wie vor unzureichend und, wenn überhaupt, dann eher arbeitgeberorientiert und kaum auf die sozialen Interessen - und politischen Handlungsmöglichkeiten- lohnabhängiger Staatsbürger/innen ausgerichtet. Politikverdrossenheit und - als Antwort darauf - zunehmender Populismus bei Politikern sind auch dadurch verursacht.
Am Beispiel "50 Jahre ÖGB" soll daher auch dieses Heft Lehrer/innen und Schüler/innen zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Arbeitswelt und den Arbeitnehmerorganisationen anregen. Es soll dazu beitragen, die schon vor Jahren im Rahmen des Lehrerfortbildungsprojektes "Politische Bildung: Arbeitswelt" entwickelten Grundsätze für die Behandlung der Thematik im Unterricht umzusetzen:
Bescheid zu wissen über die grundlegenden Strukturen der Arbeitswelt, bereits vor Eintritt in die Berufswirklichkeit
die Fähigkeit zum Umgang mit Interessenvertretungen und Instrumenten der Konfliktaustragung zu erwerben
Kontakte zwischen allgemeinbildender Schule und Arbeitswelt zu fördern.

Die Redaktion dankt Margareta Straka (Fotoarchiv des ÖGB) für die unbürokratische Hilfe bei der Illustration dieses Heftes.

Weiterführende Literatur:

F. KARLHOFER, "Wilde" Streiks in Österreich. Entstehungs- und Verlaufsbedingungen industrieller Konflikte in den siebziger Jahren, Wien-Köln 1983.
F. KLENNER, Die österreichischen Gewerkschaften von 1953 bis 1978, Wien 1979.
F. KLENNER, Die Österreichische Gewerkschaftsbewegung. Entstehung, Entwicklung, Zukunft, Wien 1987.
P. PELINKA / G. STEGER, Auf dem Weg zur Staatspartei. Zur Geschichte und Politik der SPÖ seit 1945, Wien 1988.
H. PRADER, Die Angst der Gewerkschaft vor'm Klassenkampf. Der ÖGB und die Weichenstellung 1945 - 1950, Wien 1975.
E. TÁLOS, Staatliche Sozialpolitik in Österreich. Rekonstruktion und Analyse, Wien 1981.
E. TÁLOS / K. WÖRISTER, Soziale Sicherung im Sozialstaat Österreich, Baden-Baden 1994.
F. TRAXLER, Evolution gewerkschaftlicher Interessenvertretung, Wien 1982.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 1/95. 25. Jg. S. 3.
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