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Die Redaktion

1945 - 1955 - Auseinandersetzung mit Politik und Lebenserfahrungen

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 2/95. 25. Jg. S. 39.

Das Jahr 1945 bildet zweifellos einen wichtigen Bezugspunkt österreichischer Identität. Es sind vor allem zwei Veranstaltungen hervorzuheben, bei denen ein unpathetischer Rückblick mit einer kritischen Analyse der Gegenwart verbunden wurde: das "Fest der Freiheit" auf dem Wiener Heldenplatz am 26. April und die Festsitzung des National- und Bundesrates zur Feier des 50. Jahrestags der Gründung der Zweiten Republik am 27. April 1995. Die Reden und Botschaften anläßlich dieser Feiern zeigen sowohl die historischen Bilder des "Neuen Österreich" - mit der Betonung von Staatsgründung und wirtschaftlichen Aufbauleistungen als erfolgreiche Versuche einer nationalen Selbst- behauptung unter schwierigen Verhältnissen - als auch Appelle zur Wahrung einer demokratischen politischen Kultur, etwa mit der Thematisierung alter Tabus im Zusammenhang mit der NS-Schuld oder in der Haltung gegenüber religiösen und ethnischen Minderheiten. Diese Aussagen können in verschiedenen Schulstufen eine fruchtbare Auseinandersetzung mit Fragen der Position Österreichs in den Nachkriegsjahren sowie in der Gegenwart vermitteln.
Die "Wiedergeburt Österreichs" und die Jahre nach 1945 stehen auch im Mittelpunkt von populären Serien österreichischer Zeitungen, seien es nun die Erinnerungen der Mundartdichterin (und früheren Kabarettistin) Trude Marzik, das "Wiener Tagebuch" des Diplomaten und österreichischen Patrioten Josef Schöner oder die Erinnerungen von Pia Maria Plechl. Auch im Rundfunk kamen Zeitzeugen zu Wort, und die Ausstellung des Landes Niederösterreich auf der Schallaburg ist ebenfalls diesem Thema gewidmet: "50 Jahre nach dem Krieg. Schicksale 1945-1955" ermöglicht am Beispiel des Lebenswegs von 14 Menschen (vom Landeshauptmann über einen US-Flieger bis zur jungen Kriegerwitwe) eine Spurensuche in die Erfahrung von Hunger, Sorgen, Ängsten, Tod, Racheakten, Heimkehr und Wiederaufbau. Ein Begleitband von Gerhard Jagschitz, Gottfried Stangler, Barbara Pilz und Michaela Gaunerstorfer erschließt Schüler/innen und Lehrer/innen interessante Bild- und Textquellen.
Im Zusammenhang von Republikgründung, politischen Optionen und den Schicksalen von Zeitzeugen verdient die Frage nach den konkreten Auswirkungen der alliierten Besatzung besonderes Augenmerk. Es handelt sich dabei um ein Thema, das im Rahmen von historisch-wissenschaftlichen Forschungsarbeiten bereits mehrfach angerissen wurde. Um nur einige Beispiele herauszugreifen: Schon 1979 veröffentlichte Manfried Rauchensteiner ein Buch mit dem Titel "Der Sonderfall. Die Besatzungszeit in Österreich 1945-1955". 1986 gaben Anton Pelinka und andere den Band "Österreich und die Sieger. 40 Jahre Zweite Republik - 30 Jahre Staatsvertrag" heraus. Und 1988 erschien der Sammelband "Die bevormundete Nation. Österreich und die Alliierten 1945-1949", hg. von Günter Bischof und Josef Leidenfrost. Eine Reihe von österreichischen und ausländischen Autoren befaßte sich hier mit der Ambivalenz von "Befreiung" und "Besatzung": mit dem Abgehen der Alliierten von der Moskauer Deklaration, mit den vielfältigen Abhängigkeiten Österreichs auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet sowie mit der österreichischen Reaktion in Form der noch heute umstrittenen "Opferthese".
Eine detaillierte Auseinandersetzung mit den recht unterschiedlichen Maßnahmen der einzelnen Siegermächte innerhalb ihrer Besatzungszonen, welche das Gesamtspektrum von Wirtschaft, Sicherheit, Soziales und Kultur umfaßt, steht bisher noch aus. Eine Reihe von interessanten Einzelaspekten wurde im Rahmen von Wiener Diplomarbeiten bzw. Dissertationen behandelt, darunter Studien über die französisch-österreichischen Beziehungen 1947-1955 (Margit Sandner 1985), über die französische Kulturpolitik 1945-1948 (Elisabeth Starlinger 1993), über die Medienpolitik der Besatzungsmächte (Marion Mittelmaier 1993) oder über deren Einfluß auf die Spielfilmproduktion (Ulrike Halbritter 1993).
Ein Forschungsprojekt am Institut für Geschichte der Universität Graz versucht nun die gesamte Palette der Besatzungspolitik am Beispiel des Siegerstaates Großbritannien und seiner Rolle als Besatzungsmacht im Bundesland Steiermark auf der Grundlage von lange unzugänglichen Dokumenten des Foreign Office (London) darzustellen. Politische Neuordnung, wirtschaftliche Maßnahmen, Sicherheits- fragen und Kulturpolitik stehen im Mittelpunkt der einzelnen Beiträge, welche zudem bestrebt sind, Querverbindungen zur (abnehmenden) Bedeutung Großbritanniens als Weltmacht herzustellen.
Diese erste Arbeit des Grazer Mitarbeiterkreises der "Beiträge" will die Leser/innen auf die Bedeutsamkeit regionaler Sonderentwicklungen hinweisen, aber auch über die Komplexität von besatzungspolitischen Maßnahmen und über Spannungen zwischen den vier Besatzungsmächten informieren. Auf Bildmaterial wurde in dieser Nummer bewußt verzichtet - qualitativ hochwertiges Material enthalten Publikationen wie das jüngst erschienene "Österreich 1945- 1955. Fotos aus dem "Wiener Kurier", hg. von Herbert Friedelmeier und Gerda Mraz oder das kommende Buch zu Hugo Portisch' und Sepp Riffs neuen TV-Serien zu "Österreich II."

Leseprobe:
Aspekte der Besatzungszeit in Österreich - die Besatzungsmacht Großbritannien
Siegfried Beer
Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 2/95. 25. Jg. S. 39.

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