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Siegfried Beer

Aspekte der Besatzungszeit in Österreich - die Besatzungsmacht Großbritannien

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 2/95. 25. Jg. S. 40 - 44.

In der österreichischen Geschichtsschreibung wird die Zeitspanne von 1945 bis 1955, genauer gesagt vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Erringung des österreichischen Staatsvertrages, als eine geschlossene historische Epoche behandelt: die der Besatzungszeit in Österreich. Jüngere Forschungen haben zu Recht bedeutende Elemente der Uneinheitlichkeit und Unterschiedlichkeit in der Erfahrung dieses Jahrzehnts herausgestrichen, die schon mit dem Ausgangspunkt April/Mai 1945 und auch mit dem Endpunkt Mai/Oktober 1955 als deutliche Zäsuren der Großmachtpolitik in und um Österreich erkennbar werden. Bei genauer Betrachtung der inneren Gliederung dieses Besatzungsdezenniums werden je nach Region bzw. Zone Besatzungsmacht und natürlich auch Fragestellung durchaus voneinander abweichende Verläufe und Befunde deutlich.
Es kann hier nicht der interessanten Frage der inneren und äußeren Periodisierung dieses ersten Jahrzehnts der Zweiten Republik im einzelnen nachgegangen werden; vielmehr sollen einige wesentliche Aspekte der frühen, vielleicht entscheidenden Phase der Okkupation Österreichs durch die vier Siegermächte untersucht werden, und zwar unter dem Blickwinkel von Bevormundung und Kontrolle als Besatzungsherrschaft allgemein und insbesondere in der Konzentration auf eine der vier Besatzungsmächte - Großbritannien - dessen Rolle als Besatzer in Österreich in der historischen Forschung eher unterschätzt und daher lange auch vernachlässigt wurde.

Alliierte Pläne für die Neugestaltung Österreichs

Zunächst ist festzuhalten, daß die Großmächte den Anschluß vom März 1938 de facto und de jure anerkannt hatten und ihre Haltung dazu erst im Laufe des Krieges veränderten. Während die Sowjetunion schon ab 1941 von der Wiedererrichtung eines unabhängigen Österreich sprach, stellten sich die Westmächte erst ab 1943 wirklich der zukünftigen Österreichfrage. Bei diesen frühen Überlegungen, die vor allem von London ausgingen, standen im wesentlichen drei Varianten zur Debatte:

  1. eine katholische Föderation Bayern-Österreich
  2. eine Donaukonföderation nach dem Modell der Habsburgermonarchie
  3. ein unabhängiges Österreich

Der im Spätherbst 1943 in Moskau als Kompromißformel erarbeiteten Deklaration der Außenminister Großbritanniens, der Sowjetunion und der USA lag letztlich das dritte Modell zugrunde, weil man von ihm am ehesten einen im Sinne von Widerstand umsetzbaren Propagandaeffekt erhoffte. Vor allem für den britischen Kriegspremierminister Winston Churchill blieb die Frage der Nachkriegsgestaltung im zentraleuropäischen Donauraum aber weiterhin durchaus offen. Die später zum Gründungsdokument der Zweiten Republik hochstilisierte Moskauer Erklärung sollte den höchst ambivalenten Charakter der alliierten Besatzung in Österreich vorwegnehmen.
Die Planungen über die künftige Militärregierung der Alliierten in Österreich bauten auf dem Konzept der Errichtung einer "konstitutionellen Diktatur" in einem militärisch besetzten Territorium auf, deren wichtigste Anliegen einerseits die Demokratisierung des befreiten und zugleich besiegten Landes und andererseits die Entfaschisierung seiner Gesellschaft und Politik sein sollten. Gerade diese vielschichtige Widersprüchlichkeit, die im Programm der Wiederherstellung eines Konstitutionalismus mit dem Mittel diktatorisch-militärischer Notvollmachten in Form eines anfangs noch deutlich militärisch strukturierten Kollektivprotektorats geradezu immanent war, ist den Österreichern schon sehr früh und nachhaltig bewußt geworden.
In diesem Zusammenhang mag allzu schnell vergessen worden sein, daß die für Österreich in Aussicht gestellte Freiheit und Selbständigkeit eben nicht durch einen breit verankerten Befreiungskampf der Österreicher selbst, sondern erst durch das Blutopfer alliierter Soldaten ermöglicht worden war. Darüber hinaus aber begünstigte die allseits mitgetragene Maxime der Notwendigkeit der Loslösung Österreichs von Deutschland die Halbwahrheit der von der Provisorischen Staatsregierung Renner sofort aufgegriffenen und geschickt vertretenen Opferthese. Allerdings war den Alliierten in dieser Hinsicht zunächst nicht viel vorzumachen, wie z.B. ein westalliierter Soldatenführer ("Austria. A Soldier's Guide") für den einfachen Besatzungssoldaten belegt, in dem hinsichtlich der geschichtlichen Verantwortung der Österreicher Folgendes zu lesen stand:
"It was in part the Austrian people's own fault that their country was overrun by the Germans and that they found themselves fighting in Hitler's armies. The fact that we have beaten Hitler gives them another chance. They are lucky."
Die Unschlüssigkeit der Alliierten in bezug auf Österreich spiegelt sich nicht zuletzt auch in den langwierigen Verhandlungen der Europäischen Beratenden Kommission in London wider, die neben der zonalen Aufteilung des Landes auch die Parameter einer zunächst bedingungslosen Kontrolle in Deutschland und Österreich zu erarbeiten hatte. Für Österreich konnte beides erst Wochen nach der militärischen Besetzung des Landes unter Dach und Fach gebracht werden: am 4. Juli 1945 das Abkommen über die Alliierte Kontrolle, das sog. Erste Kontrollabkommen und am 9. Juli 1945 das Abkommen der Alliierten über die Besatzungszonen sowie über die gemeinsame Verwaltung der Stadt Wien.
Die folgenden Ausführungen beschränken sich bewußt auf den eingeengten Zeitraum von ca. fünf Jahren, nämlich auf die Jahre 1943 bis 1948, weil es gerade diese Jahre waren, in denen einerseits im neu aufsteigenden internationalen System der Nachkriegszeit und andererseits auch in der entstehenden Zweiten Republik Österreich die Weichen für die Zukunft gestellt wurden. Da sich, wie gesagt, unser Blick vorwiegend auf die Besatzungsmacht Großbritannien richten soll, gilt es zunächst einmal der Frage des Machtstatus Londons in diesen Jahren nachzuspüren.

Großbritannien als Großmacht

Der amerikanische Politologe William Fox, der 1944 den Begriff "Superpower" quasi erfunden hat und ihn in etwa als "great power and great power mobility" definiert hat, inkludierte neben den USA und der Sowjetunion auch Großbritannien in dieser exklusiven Kategorie. D.C.Watt, einer der führenden Historiker der Internationalen Beziehungen im 20. Jahrhundert, hat wohl zu Recht daran erinnert, daß die Rolle Londons nach 1945 dem Beitrag entsprach, den Großbritannien zur Niederringung Deutschlands und Italiens geleistet hatte. Jüngere Forschungen haben ergeben, daß es vor allem Großbritannien war, das bis 1947/48 den Kurs und den Ton der politischen Auseinandersetzungen insbesondere in Europa bestimmte, vor allem aber im Umgang mit der Sowjetunion. In diesem Zusammenhang wurde z.B. sogar die Frage gestellt: "Did Great Britain start the Cold War?"
Obwohl sich der Niedergang Großbritanniens spätestens ab Mitte der 50er Jahre beschleunigte, blieb es im ersten Nachkriegsjahrzehnt die führende militärische und wirtschaftliche Macht Westeuropas, dessen politische Stabilität in auffallendem Kontrast etwa zu Frankreich und jedenfalls zum Rest Europas stand. Gerade auch Historiker haben den Bedeutungs- und Machtverlust Großbritanniens viel zu früh angesetzt. Erst aus der Perspektive des letzten Vierteljahrhunderts wurde der Niedergang Londons so eklatant, nämlich im globalen Maßstab von der 3. Position 1945 zur 6. Position 1980.
Meine erste These lautet daher: Großbritannien war während des Krieges und blieb in den ersten Jahren danach die dritte Großmacht, oder anders ausgedrückt: die zwei-ein-halbte Supermacht der Welt. Dies ließe sich auch durch Zahlen, etwa durch Rüstungsstatistiken aber auch durch qualitative Faktoren aus Politik, Wirtschaft und Status von Militärmacht belegen. Noch 1947 z.B. gab London einen größeren Anteil seines Bruttosozialprodukts für die Verteidigung aus als die USA oder die UdSSR. 1951 hatte Großbritannien noch fast eine Million Mann unter Waffen und 1952 wurde es die dritte Nuklearmacht der Welt, immerhin acht Jahre vor Frankreich.
Großbritannien wäre bis zur Gründung der NATO im Jahre 1949 wahrscheinlich der einzige Staat Europas gewesen, der einem hypothetischen Angriff der Sowjetunion mit konventionellen Mitteln hätte standhalten können. Auch darin lag vermutlich eine Wurzel des britischen Selbstvertrauens dieser Jahre. Ohne Zweifel war die Selbsteinschät- zung der Briten, sowohl von Regierung als auch von Bevölkerung, die einer globalen Großmacht und es spricht eini- ges dafür, daß auch die Fremdeinschätzung Londons in Washington und Moskau zumindest bis 1947/48 so beschaffen war.
Trotzdem waren die strukturellen Probleme des siegreichen Großbritannien nach dem Krieg nicht zu übersehen: die Abhängigkeit Englands von amerikanischen Lieferungen wurde im Laufe des Krieges immer stärker, in fast allen Bereichen, nicht nur bei Waffen und Munition. Während die Importe dramatisch stiegen, fiel der Exporthandel; 1944 z.B. auf ein Drittel des Jahres 1938. John Maynard Keynes sprach schon 1945 von einem "financial Dunkirk" vor dem England stehe, und auch davon, daß amerikanische Finanzhilfe dringend nötig wäre, weil ohne sie "a greater degree of austerity would be necessary than we have experienced at any time during the war."
Die Versorgungslage im Inneren war damals kritisch, scheinbar sogar schwieriger als im Krieg; die Rationierungen dauerten an, teilweise bis in die frühen Fünfzigerjahre. Als die Nachkriegsanleihe der USA an Großbritannien gegen Ende 1946 beinahe aufgebraucht war, sah sich London mit einer sehr ernsten Zahlungsbilanzkrise konfrontiert, die sogar die britische Währung gefährdete. Der extreme Winter 1946/47 verschärfte die Krise in dramatischer Weise: er brachte Industrie, Wirtschaft und Transportwesen wochenlang zum Erlahmen, sodaß es zu einer schwerwiegenden, in diesem Ausmaß bisher unbekannten Energiekrise des Landes kam.
Vor die Alternative gestellt, dem britischen Volk noch größere materielle Opfer als während des Krieges aufzuerlegen oder von politischen, besser außenpolitischen Program- men Abstriche zu machen, fiel die Wahl der von Clement Attlee und Ernest Bevin geprägten Labour-Regierung auf letztere Option:
Die Überdehnung Großbritanniens, also die Wucht der Interessen und Verpflichtungen Londons in der Welt, trat in das Zentrum politischer Überlegungen in Whitehall. Die Antwort der Regierung Attlee war der sukzessive Rückzug aus Indien, Palästina und aus dem südosteuropäischen Raum, vor allem aus der Türkei und aus Griechenland. Dieser Rückzug, dem eine parallele Tendenz in Zentraleuropa entsprach, war großteils finanzpolitisch determiniert.
Er war jedoch nicht das Eingeständnis der völligen Aufgabe globaler Interessen. Im Gegenteil. Die Übernahme neuer Verpflichtungen der USA vor allem in Europa und bald darauf die kollektive Form der Atlantischen Allianz sollten Großbritannien schon Ende der 40er Jahre wieder freispielen, globale Interessen weiterhin wahrzunehmen und zu erhalten. Was das "British Interest", also die Orientierung der britischen Regierung und wohl auch der britischen Bevölkerung betraf, ist jedenfalls bis 1948 folgende Rangordnung der Wichtigkeiten zu konstatieren:

  1. das Empire oder das Commonwealth, immer noch Quelle des Reichtums und der Hoffnung Londons
  2. das Verhältnis zur USA, mit der die Politik des "Special Relationship" fortzuführen war; und erst
  3. und letztens: Europa
London und Washington brauchten einander, wenn auch wechselseitig nicht im selben Ausmaß. Churchill war ein entschlossener Verfechter einer britisch-amerikanischen Partnerschaft in allen Fragen der Weltpolitik gewesen und der Regierungswechsel zu Attlee und Labour, mitten in der Konferenz von Potsdam, hat darin wie auch sonst zu keinen wirklichen Brüchen in der britischen Außenpolitik geführt; trotzdem gab es genug Konfliktpotential über die natürliche Rivalität zwischen London und Washington hinaus: Trotzdem, die USA brauchten Verbündete, und Großbritannien war die einzige größere Macht, die einzige europäische Großmacht, die dafür in diesen ersten Jahren nach dem Krieg zur Verfügung stand. Washington neigte dazu, London als Führungsmacht Westeuropas, also nur im europäischen Kontext anzusehen, die weltpolitische Bedeutung des Commonwealth jedoch zu ignorieren oder gar zu negieren.
Erst 1947/48 wurde einigermaßen klar, daß Washington sich auf keinen Fall in einen neuen Isolationismus flüchten würde. Dennoch konnte die Furcht Londons, Washington könnte sich über die Köpfe der Briten und Westeuropäer hinweg mit Moskau arrangieren, erst im Vorfeld der Verhandlungen, die zur Gründung der NATO führten, wirklich abgebaut werden.

Österreich und die britische Politik

Ich kehre zur Frage Österreich zurück und komme zu meiner zweiten These. Sie ist sicherlich nicht sensationell, aber vielleicht doch einigermaßen kontroversiell und lautet: Großbritannien war die Großmacht, die in unserem Beobachtungszeitraum, also von 1943 bis 1947/48, in bezug auf Österreich die meisten und zugleich die wichtigsten Initiativen gesetzt hat. Beginnend mit ersten Schritten zur Nachkriegsplanung, genauer gesagt mit ersten Überlegungen, Österreich in die Psychologische Kriegsführung einzubeziehen; über die sog. Moskauer Deklaration; die Initiativen bei der in London tagenden Europäischen Beratenden Kommission (EAC), die sich mit der zukünftigen Zonenaufteilung und mit dem Kontrollapparat in Österreich beschäftigte; dann in der konkreten Besatzungspolitik in Österreich im Sommer 1945 sowie, nach Errichtung der Alliierten Kommission bzw. des Alliierten Rates im Frühherbst 1945 (nicht zuletzt bei der Frage der Anerkennung der Provisorischen Staatsregierung Renner) und ganz essentiell wieder im Zusammenhang mit den Bemühungen um ein zweites, verbessertes Kontrollabkommen.
Die Briten inszenierten den Hauptwiderstand gegen die sowjetische Macht- und Wirtschaftspolitik in Österreich, wie sie überhaupt als Hauptträger des Ersten Kalten Krieges bis hin zur Truman Doktrin 1947 und zum Marshallplan 1948 fungierten. Diese Initiativrolle Londons zieht sich geradezu kontinuierlich von Anfang 1943 bis zur Mitte 1948, als mit dem Marshall-Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und Österreich die Führungsrolle unter den Besatzungsmächten eindeutig und unwiderruflich an Wa-shington abgegeben wurde.
Was waren nun die wichtigsten Stationen dieser britischen Österreich- und Besatzungspolitik?

Solche Vorstellungen von einer mitteleuropäischen Konföderation wurden nicht nur von Churchill bis ins Jahr 1946 geäußert. Wichtiger aber erscheint mir, daß die Option der Eigenstaatlichkeit Österreichs nie aus dem Horizont britischer Österreichpolitik verschwand.
Ernsthafte Planungen für Österreich begannen in London Anfang 1943 im "Exekutivrat zur politischen Kriegsführung" (PWE), die auf Propaganda und Anzettelung des Widerstands gegen Hitler abzielten. Im ersten umfassenden Memorandum des Foreign Office aus der Feder Geoffrey Harrisons war bekanntlich nicht von Österreich als dem "ersten Opfer", sondern von der Verantwortlichkeit der am Krieg teilnehmenden Österreicher und von einem erst zu leistenden Beitrag bei der Niederringung des Hitlerregimes die Rede. Am Ende blieb der bekannte Kompromiß der Moskauer Deklaration, die - wie Robert Keyserlingk und jüngst vor allem Günter Bischof bewiesen haben - von den Unterzeichnern damals nie und nimmer als Magna Charta für ein Wiedererstehen Österreichs verstanden wurde.
Ich mache einen Sprung mitten in die frühe Besatzungs-phase, als es vor allem die Engländer waren, die die Nichtanerkennung der Regierung Renner forcierten und lange genug auch erreichten. Diese Episode ist das Kernstück eines frühen anglo-sowjetischen Kalten Krieges in Österreich, durch den sich die Engländer angesichts der Entwicklungen z.B. in Polen, Bulgarien und Rumänien dem sowjetischen Expansionismus entgegenstellen wollten. Bekanntlich verwehrten die Briten der Regierung Renner die Anerkennung:
  1. wegen der einseitigen Vorgangsweise der Sowjets
  2. weil diese Regierung nur auf Wien bzw. den Osten Österreichs bezogen war
  3. weil sie schon vor dem Zonen- und Kontrollabkommen etabliert wurde
  4. weil damit der Aufbau der Regierung von unten nach oben verhindert wurde, wie ihn die Briten vorgezogen hätten
  5. weil man in London von Renner keine hohe Meinung hatte
  6. weil die Kommunisten überproportional darin vertreten waren, noch dazu durch Staatssekretäre, die den Krieg in Moskau verbracht hatten.
In dieser Frage, wie auch in der Frage der Übernahme der Wiener Sektoren durch die Westalliierten und der Etablierung der Alliierten Kommission in Wien war die britische Politik beinahe destruktiv. Die maßgeblichen Vertreter des Foreign Office in Österreich bzw. Referenten in London drängten nicht nur auf eine Einbeziehung der westlichen Bundesländer, sondern auf Einsetzung einer neuen Provisorischen Regierung, in der der Einfluß der Kommunisten zurückgedrängt wäre. Dazu ist es vor den Wahlen im November 1945 nicht mehr gekommen, wohl aber zu einer schließlich doch gemeinsamen Anerkennung der Regierung Renner im Alliierten Rat am 20. Oktober 1945.
Wesentlich als Folge der ersten freien und demokratischen Wahlen in Österreich seit 1930 bzw. 1932 verschärfte sich das interalliierte Klima in Österreich so sehr, daß aufmerksame Historiker Zentraleuropas sogar vom Ausbruch des klassischen Kalten Krieges in Österreich reden. Diese Entwicklung brachte durchaus auch vorteilhafte Tendenzen für Österreich, etwa im Bereich der Besatzungskosten, die Renner schon mehrmals als völlig intolerabel angeprangert hatte. Es ist davon auszugehen, daß Ende 1945 neben einer Million Flüchtlinge auch etwa eine halbe Million alli- ierte Besatzungstruppen in und von Österreich lebten, davon 50.000 Amerikaner, 65.000 Engländer, ca. 40.000 Franzosen und - hier schwanken die Angaben gewaltig - zwischen 200 und 350.000 sowjetische Soldaten.
Nach den November-Wahlen 1945 schlugen die Briten eine graduelle Reduktion aller Truppen auf ein annähernd gleiches Niveau vor. Das Ziel war es, bis Ende 1946 auf nur mehr 28.000 sowjetische, 20.000 britische und je 12.500 amerikanische und französische Truppen zu reduzieren. Wenn es auch zu keiner derartigen Einigung kam, so haben doch alle Besatzungsmächte im Laufe des Jahres 1946 ihre Truppenstärken deutlich verringert; die Briten im April auf 50.000 und im Juni auf 25.000 Soldaten. Eine vom War Office für Ende 1946 anvisierte weitere Reduktion auf 15.000 scheiterte am Veto des Foreign Office, dem vor allem die Südgrenze Österreichs zu Jugoslawien sehr am Herzen lag. Schließlich einigte man sich auf die Formel, daß die Kosten für die Besatzungstruppen in Österreich 35% des Gesamtbudgets nicht überschreiten dürften; später wurde auf 25% reduziert, bis die Westalliierten die Kosten für ihre eigenen Truppen schließlich selbst aufbrachten.
Als die Sowjets im Frühling 1946 den wirtschaftlichen Druck auf Österreich deutlich erhöhten, war London selbst trotz eigener Finanzprobleme sogar zu einer Wirtschaftshilfe für Österreich und auch zu einer Aufstockung der britischen Truppenpräsenz bereit. Trotz dieser demonstrativ pro-österreichischen Politik hat die britische Regierung die 1938 erfolgte de facto - und de jure - Anerkennung des Anschlusses erst im September 1947 zurückgenommen und damit erst gegen Ende unseres Beobachtungszeitraumes den Zustand des Krieges mit Österreich beendet, gerade eben nicht vor der Unterzeichnung und Ratifizierung des Friedensvertrages mit Italien.
Mit dem schon angesprochenen Zweiten Kontrollabkommen vom 28. Juni 1946 konnte für die demokratisch gewählte Regierung Figl I ein wesentlich erweiterter Aktionsraum geschaffen werden. Dieses neue Kontrollinstrument geht auf einen Entwurf der Briten zurück, der überraschend wenige Veränderungen erfahren hat und dessen Kernstück das berühmte "reverse veto" oder Negativveto war. Dies war in erster Linie ein Verhandlungserfolg der Briten und sicherte den Österreichern eine deutlich bessere Behandlung als den "besiegten" Deutschen. Günter Bischof hat errechnet, daß die Sowjets in den folgenden neun Jahren 550mal ihr Veto gegen einfache österreichische Gesetze vergeblich eingebracht haben.
Die Briten traten ab 1946 für einen schnellen Abschluß eines Vertrages mit Österreich ein und damit für einen gänzlichen Abzug der alliierten Besatzungssoldaten. Ein nicht unwesentlicher Grund dafür ist in der schon erwähnten schweren Finanzkrise zu sehen, in der sich London in diesen Monaten und Jahren befand. Robert Knight behauptet, daß diese Politik darüber hinaus auch die Erkenntnis Londons widerspiegle, daß Österreich eben kein vitales militärisches oder wirtschaftliches Interessensgebiet für Großbritannien darstellte.
Das Engagement der Briten im Rahmen der internationalen Politik, auf der Ebene der Alliierten Kommission in Österreich und auch in der eigenen Zone läßt diese These zumindest bis 1947/48 als höchst ungesichert und angreifbar erscheinen. Gerald Stourzh hat schon 1966 in einem grundlegenden Artikel über die alliierte Kontrolle in Österreich den Zeitraum vom 20. Oktober 1945 bis 28. Juni 1946 als die Phase der "totalen Kontrolle" bezeichnet. Die Verengung auf diese acht Monate mag aus dem Blickwinkel der Regierung in Wien stimmen. Die Kontrolle der einzelnen Besatzungsmächte, insbesondere der drei westlichen in ihren Zonen, ist sicherlich schon früher und auch länger als streng, ziemlich umfassend und insgesamt bevormundend zu bezeichnen.
Die Briten, die 1945 bis 1947 als die vielleicht strengste Besatzungsmacht erlebt wurden, hielten ihren Anspruch auf Totalkontrolle in Wirklichkeit nur bis zum Zweiten Kontrollabkommen aufrecht, zögerten jedoch auch nachher nicht, die Möglichkeiten der Supervision auszuschöpfen, wenn ihnen eine Angelegenheit wichtig genug erschien. Hier ist sicherlich nach Kontrollbereichen zu unterscheiden. So haben die britischen Eingriffe in das steirische Bildungswesen z.B. spätestens 1947 aufgehört, und die Education Branch bestand 1948 praktisch nur mehr auf dem Papier. Nicht so jedoch im sensiblen Bereich der Justizkontrolle, wo die britische Legal Branch erst Ende 1950 weitgehend demontiert wurde. Noch im Jahr 1949 z.B. mußte der Grazer Oberstaatsanwalt Dr. Hans Amschl in Pension geschickt werden, weil er in seiner Amtsführung den Briten mißfiel.
Das Grazer Forscherkollektiv, das sich nun schon seit Jahren mit der britischen Besatzungspolitik in der Steiermark auseinandersetzt, hat gerade die frühe Phase des Besatzungsregiments der Engländer aus den britischen Akten gut rekonstruieren und den sicher schon Anfang 1946 einsetzenden Emanzipationsprozeß der Steirer in der britischen Zone ziemlich exakt verfolgen können. Hier werden vergleichende Forschungen nach den vier Zonen ganz wichtig sein, wie sie leider jedoch noch nicht angestellt wurden.
Wir wissen, um noch ein paar Beispiele anzuführen, daß jedenfalls die Briten sehr auf ihr Image bei den Steirern bedacht waren; darin lag nicht zuletzt auch ein wichtiger Ansporn für ihre emsige und konsequente Zensurarbeit.
Wir wissen auch, daß die Steirer - wie könnte es anders sein - mit der Besatzungsmacht bisweilen sehr unzufrieden waren, eben nicht nur mit der sowjetischen davor. Dafür gäbe es interessante und vielleicht sogar überraschende Beispiele.
Trotzdem scheint mir, alles in allem gesehen, die Wichtigkeit der Besatzungserfahrung für die schon angesprochene zweite Chance, die sich den Österreichern nach dem Zweiten Weltkrieg geboten hat, ganz zentral für die weitere Entwicklung der Zweiten Republik gewesen zu sein. Der Druck der Besatzungsmächte insgesamt und auch der regionalen Besatzer hat wesentlich mit dazu beigetragen, aus der Not der Kontrolle und Bevormundung heraus in relativ kurzer Zeit neue Formen der politischen Kultur zu entwickeln und die Perspektive der Österreicher auf andere, nicht-deutsche Traditionen der Politik und Kultur zu erweitern oder überhaupt erstmals zu lenken.
So gesehen begann mit der zugegebenermaßen äußerst schwierigen Ära des Besatzungsregiments und der langjährigen Bevormundung durch die vier Siegermächte in Österreich erstmals wirklich ein Prozeß der Neuorientierung und der Internationalisierung, den wir gerade heute, in den ersten Monaten der EU-Mitgliedschaft in seiner Bedeutung jedenfalls nicht unterschätzen sollten. Womit eine dritte, vielleicht eher gewagte These in den Raum gestellt wäre.

Literatur

S. BEER, "Let Right be Done." Die Briten und der Wiederaufbau der steirischen Justiz im Jahre 1945. In: Graz 1945 (=Historisches Jahrbuch der Stadt Graz 25, Graz 1994).
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A. K. CRONIN, Great Power Politics and the Struggle over Austria 1945-1955 (Ithaca/London 1986).
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R. FRAZIER, Did Britain start the Cold War? Bevin and the Truman Doctrine. In: The Historical Journal 27 (1984) 715-727.
R. H. KEYSERLINGK, Austria in World War II. An Anglo-American Dilemma (Montreal 1988).
A. PELINKA, R. STEININGER (Hg.), Österreich und die Sieger (Wien 1986).
M. RAUCHENSTEINER, Der Sonderfall. Die Besatzungszeit in Österreich 1945 bis 1955 (Graz 1979).
V. ROTHWELL, Britain and the Cold War 1941-1947 (London 1982).
G. STANLEY, Die britischen Vorbehalte gegenüber der Provisorischen Regierung Renner 1945. In: Zeitgeschichte 3 (1975) 38-46.
G. STOURZH, Die Regierung Renner, die Anfänge der Regierung Figl und die Alliierte Kommission für Österreich, September 1945 bis April 1946. In: Archiv der österreichischen Geschichte 125 (1966) 321-342.
R. WAGNLEITNER, Die Kontinuität der britischen Außenpolitik nach dem Wahlsieg der Labour Party im Juli 1945. In: Zeitgeschichte 5 (1978) 273-291.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 2/95. 25. Jg. S. 40 - 44.
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