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Ch.Parnreiter

Migration im Weltsystem - Einleitung

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 3/95. 25. Jg. S. 67.

Bereits zweimal war "Migration" Thema der Beiträge zur historischen Sozialkunde (3/1989: "Migration: Mittelalter und Frühneuzeit"; 4/1992: "Migration II: Internationalisierung in der Neuzeit"). Im Mittelpunkt dieser Ausgabe stehen die Wanderungen der Gegenwart - und zwar von einer globalen Perspektive aus betrachtet.
Das zu Ende gehende 20. Jahrhundert wird vielfach als Zeitalter der Migration bezeichnet. 100 Millionen internationale ArbeitsmigrantInnen, ein Vielfaches davon als Binnenwanderer vor allem in den Ländern der südlichen Hemisphäre unterwegs, etwa 20 Millionen Flüchtlinge: eine Bilanz, die keinen Zweifel darüber läßt, daß die menschliche Mobilität in den letzten Jahrzehnten dramatisch zugenommen hat.
Warum ist das so? Migrationen entstehen - entgegen einer weit verbreiteten Ansicht - nicht als spontane Antwort auf soziale Differenzen zwischen zwei Räumen. Menschen beginnen nicht von selbst an Orte mit besseren Arbeits- und/oder Verdienstmöglichkeiten zu wandern. Die Geschichte ist voll der Beispiele, in denen solche Ungleichheiten für die jeweiligen Bevölkerungen bedeutungslos waren.
Geschehen Migrationen nicht naturwüchsig, so werden sie erzeugt und geformt. Welche Faktoren dabei eine Rolle spielen, kann mit den individualistisch ausgerichteten push- and-pull-Modellen, die die Forschung lange bestimmt haben, nicht angemessen untersucht werden. Um die Geschichte von Migrationen und der Ausformung ihrer jeweiligen Muster schreiben zu können, muß die Wanderung von Arbeitskräften in einem breiteren Kontext erforscht werden.
Das Weltsystem oder, um einen anderen Begriff zu gebrauchen, die Weltwirtschaft bietet dafür einen geeigneten Rahmen. Erstens wird es so möglich, Migration in ihrer ökonomischen Funktion als ein System zu analysieren, das den Zentren wirtschaftlicher Produktion Arbeitskräfte bereitstellt. Seit dem 18. Jahrhundert entstand so parallel zum Weltmarkt für Waren einer für Arbeitskraft. International wirkende Kräfte üben aber nicht nur 'nachfrageseitig' Einfluß auf das Entstehen von Migrationen aus. Die zunehmende Globalisierung von Wirtschaft, Kultur und Politik - und ihr jeweils konkreter regionaler Niederschlag - ist ein wesentlicher Faktor im Anwachsen der Migrationspotentiale rund um den Erdball.
Ob und wie (welt)wirtschaftliche Veränderungen sich auf das Entstehen von Migrationen und ihrer spezifischen Muster auswirken, wird in diesem Heft anhand von vier Fallbeispielen - New York, Afrika südlich der Sahara, Südostasien und Österreich - untersucht. Um Kontinuitäten und Diskontinuitäten der jeweiligen Migrationsmuster zu prüfen, wurde als Zäsur der Umbruch der Weltwirtschaft der letzten Jahrzehnte gewählt. Dies einerseits des gewünschten Bezugs auf die Gegenwart wegen, andererseits aber, weil mehr Regionen und Menschen denn je von diesem Umbruch in irgendeiner Form betroffen sind.
Die Zusammenstellung der Fallbeispiele beinhaltet, wie meist in solchen Fällen, sowohl Aspekte der Zufälligkeit wie auch der bewußten Auswahl. Beabsichtigt war, Beispiele nicht nur aus verschiedenen geographischen Regionen, sondern auch aus verschiedenen wirtschaftlichen und sozialen Hierarchieebenen zu untersuchen. Ob diese nun als "Zentrum", "Semiperipherie" und "Peripherie" bezeichnet werden oder als "Industrie-" und "Entwicklungsländer" bzw. als "Newly Industrialized Countries", ist zweitrangig. Entscheidend ist vielmehr, daß gezeigt werden kann, daß Veränderungen der Weltwirtschaft an verschiedenen Orten (im geographischen wie sozialökonomischen Sinn!) verschiedene Auswirkungen auf das Entstehen und die Form von Migrationen haben. Alle Beispiele sind deshalb sowohl typisch wie einzigartig: New York als Spitze der globalen Hierarchie, am anderen Ende das subsaharische Afrika als Kontinent der Flüchtlinge, Südostasien als die dynamischste Wirtschaftsregion der Welt und Österreich schließlich, weil dies die Region ist, mit deren Migrationsmuster die meisten LeserInnen konfrontiert sind.

Ausgewählte deutschsprachige Literatur:

JOURNAL FÜR ENTWICKLUNGSPOLITIK 3/1995, Migration und Entwurzelung.
H. KÖRNER, Internationale Mobilität der Arbeit. Eine empirische und theoretische Analyse der internationalen Wirtschaftsmigrationen im 19. und 20. Jahrhundert. Darmstadt 1990.
CH. PARNREITER, Migration und Arbeitsteilung. AusländerInnenbeschäftigung in der Weltwirtschaftskrise. Wien 1994.
L. POTTS, Weltmarkt für Arbeitskraft. Von der Kolonisation Amerikas bis zu den Migrationen der Gegenwart. Hamburg1988.
PROKLA 83, Migrationsgesellschaft 1991.
S. SASSEN, Einwanderer und Flüchtlinge. Ein europäisches Dilemma? Frankfurt a.M. 1995.


Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 3/95. 25. Jg. S. 67.
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