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Karl Husa, Helmut Wohlschlägl

Von der "alten Seßhaftigkeit" zur "neuen Dynamik der Mobilität" - Migrationsvorgänge in Südostasien im Umbruch

Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 3/95. 25. Jg. S. 85 - 95.

Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen

Wohl keine Großregion der Welt erlebte in den letzten beiden Jahrzehnten derart dynamische und rasche wirtschaftliche und soziale Veränderungen wie Ost- und Südostasien. Dieser Wandel manifestiert sich vor allem in drei Bereichen:

Obwohl das Ausmaß und der Zeitpunkt des Einsetzens des Fertilitätsrückgangs innerhalb Südost- und Ostasiens sehr stark variieren, sind heute bereits alle Länder der Region mehr oder weniger stark in den sog. "Demographischen Übergang" eingebunden. In den Anfangsstadien dieses auch als "demographischer Transformationsprozeß" bezeichneten Wandels der generativen Struktur der Bevölkerung herrscht rasches Bevölkerungswachstum, da das Fertilitätsniveau hoch ist und die Mortalität absinkt, bis schließlich gegen Ende dieses Übergangs auch die Geburtenhäufigkeit abzusinken beginnt und das Bevölkerungswachstum gebremst wird. Mehrere Staaten im Bereich der Region haben das sog. "Ersetzungsniveau" - das ist jene mittlere Kinderzahl pro Frau, bei der die Bevölkerung längerfristig nicht mehr oder nur mehr geringfügig wächst - bereits erreicht, wie zum Beispiel Singapur oder Hongkong, andere Staaten wie Thailand und Indonesien nähern sich rasch dieser Stufe, wobei der Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Fortschritt und der Position der jeweiligen Staaten im demographischen Übergang aus Abbildung 1: Stand des "Demographischen Übergangs in Asien (ohne Westasien) 1994 deutlich hervorgeht.

Die hier nur kurz angerissenen Wandlungstendenzen im ökonomischen und sozio-demographischen Bereich hatten auch gravierende Auswirkungen auf Umfang, Richtung und Zusammensetzung der Wanderungsvorgänge in Südostasien: Das Niveau der räumlichen Bevölkerungsbewegungen ist drastisch angestiegen, aber auch die Komplexität des räumlichen Musters von Migrationsbewegungen und die Zahl der darin involvierten Bevölkerungsgruppen haben erheblich zugenommen, sodaß manche Experten heute bereits neben dem "Demographischen Übergang" auch von einem sog. "Mobilitätsübergang" bzw. einer "Mobility Revolution" in den Staaten Südostasiens sprechen (vgl. z.B. Brown 1991, Brown /Sanders 1981, Hugo 1995).

Vom "Demographischen Übergang" zum "Mobilitätsübergang"

Einen interessanten Versuch, einen Zusammenhang zwischen dem "Demographischen Übergang" und Veränderungen im Mobilitätsverhalten der Bevölkerung herzustellen, stellt Wilbur Zelinskys sog. "Hypothesis of the Mobility Transition" (1971) dar: Seine Grundthese ist, daß sich parallel zum Fortschreiten des demographischen Übergangs und zur zunehmenden "Modernisierung" auch ganz bestimmte Formen der räumlichen Mobilität herausbilden bzw. mit der Zeit einander ablösen. Mit unterschiedlichem sozioökonomischem Entwicklungsstand (bzw. Modernisierungsgrad) geht seiner Konzeption nach also auch ein unterschiedliches Mobilitätsverhalten einher, das sich analog zum "De-mographischen Übergang" in vier bzw. fünf aufeinanderfolgende Phasen untergliedern läßt, die in Abbildung 2: Zelinskys "Hypothesis of the Mobility Transition" verdeutlicht sind.
In der "vormodernen", traditionellen Gesellschaft, die durch hohe Geburtenraten, aber auch durch hohe Sterberaten und damit geringes Bevölkerungswachstum charakterisiert ist, bleibt auch das Mobilitätsniveau der Bevölkerung gering. Mit dem Übergang zur "Frühtransformativen Gesellschaft" und dem steigenden Bevölkerungswachstum setzen dann die großen Wellen der Land-Stadt-Wanderung und der Neulandkolonisation ein; überdies wird ein ebenfalls beträchtlicher Teil des zunehmenden Bevölkerungsdrucks durch internationale Wanderungsbewegungen (Emigration) abgefangen. Die späten Phasen des demographischen Übergangs sind durch eine zunehmende Komplexität der Migrationsvorgänge gekennzeichnet, neue Mobilitätsformen, wie etwa inter- und intraurbane Wanderungen und vor allem zirkuläre (nicht permanente) Formen der Mobilität, gewinnen zunehmend an Bedeutung.
Auch wenn dieses stark simplifizierende Konzept eine Reihe von Schwächen aufweist (auf die teilweise massive und auch berechtigte Kritik an diesem Schema kann an dieser Stelle jedoch nicht näher eingegangen werden) und auch nicht in der Lage ist, die zunehmende Vielfalt der gegenwärtigen Wanderungsvorgänge in Südostasien ausreichend zu erklären, werden doch interessante Parallelen zwischen den Migrationstrends der letzten zwei Jahrzehnte und Zelinskys Ideen offensichtlich. Obwohl die Analyse räumlicher Mobilitätsvorgänge in Südostasien bis vor kurzem in der Bevölkerungsforschung sträflich vernachlässigt wurde (aus verständlichen Gründen lag die Priorität auf Studien zum Fertilitätsrückgang und zur Familienplanung) und die Datenlage sehr schwierig ist, soll im folgenden der Versuch unternommen werden, die wesentlichsten Migrationstrends und ihre Determinanten in Südostasien kurz zu charakterisieren.

Von der klassischen Auswanderung zur neuen internationalen Arbeitsmigration: internationale Wanderungen im Aufschwung

Schon heute werden das letzte Jahrzehnt des 20. und die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts als "the age of migration" (Castles / Miller 1994) bzw. "das Zeitalter der neuen Völkerwanderung" bezeichnet. Vor allem internationale Wanderungsbewegungen waren auf globaler Ebene noch nie zuvor so bedeutend wie heute, sowohl in Hinblick auf Umfang und Komplexität der Wanderungsströme als auch in bezug auf deren sozioökonomische und politische Auswirkungen.
Betrachtet man die großen Trends im Wanderungsgeschehen der letzten Jahrzehnte in Südostasien, so fällt auf, daß sich die Situation seit den achtziger Jahren dramatisch verändert hat. Diese "Mobility Revolution" (Hugo 1995:1) ist vor allem durch ein sprunghaftes Ansteigen aller Formen der internationalen Migration, von dem fast alle Staaten Südostasiens betroffen sind, gekennzeichnet. Noch vor rund zwei Jahrzehnten erreichten internationale Wanderungsbewegungen in Südostasien ein kaum nennenswertes Ausmaß und die wenigen internationalen Migranten waren meist Angehörige von Elitegruppen. Im Gegensatz dazu präsentiert sich das gegenwärtige Muster der internationalen Wanderungen in Südostasien als höchst komplexes System:

Welche sind nun die wichtigsten Gründe für den enormen Bedeutungszuwachs der internationalen Migration in Südostasien? Trotz der Vielfalt und der regionalen Unterschiede der ablaufenden Prozesse lassen sich folgende charakteristische Entwicklungen festhalten (vgl. Skeldon 1992, Hugo 1989, 1995): Welche Dimensionen die internationalen Wanderungsströme in Südostasien heute erreicht haben, läßt sich nur schwer beantworten. Zu spärlich und unzuverlässig sind die vorhandenen Daten und noch dazu dürfte ein erheblicher Teil der Migrationen illegal stattfinden und in der Statistik nicht aufscheinen. In Malaysia zum Beispiel schätzt man die Zahl der indonesischen Gastarbeiter auf insgesamt rund 1 Million Menschen - das ist jedoch ein Vielfaches der in der indonesischen Statistik geführten offiziellen internationalen Migranten insgesamt, inklusive der Gastarbeiter in den Golfstaaten des Nahen Ostens! Ähnliche Tendenzen - wenngleich in noch wesentlich geringerem Ausmaß - beginnen sich jüngst auch in Thailand abzuzeichnen, wo die illegale Arbeitsmigration aus Myanmar und Laos im Zunehmen begriffen ist. Weltweit schätzen die Vereinten Nationen die Anzahl der internationalen Migranten, die gegenwärtig außerhalb ihres Heimatlandes leben, auf mindestens 100 Millionen, ein grobes Drittel davon entfällt auf Asien. Folgende Trends lassen sich aufgrund des vorhandenen Datenmaterials erkennen: Trotz dieser Schwierigkeiten lassen sich innerhalb Südostasiens drei wichtige Senderländer internationaler Arbeitsmigranten herausfiltern: Thailand, Indonesien und die Philippinen (vgl. Abb. 4: Anzahl der im Ausland tätigen Kontraktarbeiter aus den Philippinen, Thailand und Indonesien 1970 bis 1993 und Abb. 5: Bedeutende internationale Wanderungsströme in Südostasien).


In Thailand begann die internationale Arbeitsmigration erst relativ spät ab Mitte der siebziger Jahre, erreichte gegen Ende der achtziger Jahre ihren bisherigen Höhepunkt und ist seitdem wieder etwas zurückgegangen. Primäres Wanderungsziel ist die Golfregion des Nahen Ostens; ein geringer Teil der Migranten geht auch nach Malaysia und Singapur. Tatsächlich befindet sich Thailand heute als neues "Newly Industrializing Country" (vgl. Husa / Wohlschlägl 1991, 1995) in der paradoxen Situation, daß es gleichzeitig zu einem wichtigen Sender- wie auch Empfängerland der internationalen Migration geworden ist, letzteres vor allem für illegale Immigranten: eine jüngste Schätzung des "Institute for Population and Social Research" der Mahidol Universität in Bangkok spricht von gegenwärtig rund 520.000 illegalen Migranten in Thailand, die Hälfte davon aus Myanmar.
In Indonesien und insbesondere auf den Philippinen ist hingegen die internationale Arbeitsmigration noch immer dramatisch im Ansteigen begriffen, wobei Hugo im Fall Indonesiens darauf hinweist, daß mit den offiziellen Daten nur die Spitze des Eisbergs erfaßt wird, da die illegale die legale Migration mindestens im Verhältnis 1 : 5 übertrifft! Auch hier spielt die Golfregion als Wanderungsziel eine wichtige Rolle, ein erheblicher Teil der internationalen Arbeitsmigration aus Indonesien und den Philippinen ist aber auch auf zwei Ziele innerhalb der Region gerichtet: Malaysia und Singapur.
Eine weitere große Welle an internationalen Arbeitsmigranten, die die bisherigen Migrationen an Dynamik wahrscheinlich noch bei weitem übertreffen wird, steht Südostasien erst bevor, wenn die Staaten des ehemals kommunistischen Indochina wie Laos, Vietnam und Kambodscha aber auch Myanmar ihre Grenzen vollständig öffnen.
Auf eine letzte Form der internationalen Migration sei abschließend noch kurz hingewiesen: die Flüchtlingsbewegungen. Weltweit schätzt die UNHCR die Anzahl der registrierten Flüchtlinge gegenwärtig auf mehr als 20 Millionen Menschen, knapp mehr als ein Viertel davon entfällt auf Asien. Obwohl auch Südostasien in den letzten Jahrzehnten von massiven Flüchtlingsbewegungen betroffen war, haben sich die Brennpunkte des Flüchtlingsgeschehens innerhalb Asiens aufgrund der politischen Ereignisse (Afghanistankrise, erster und zweiter Golfkrieg etc.) weiter nach Westen auf die Staaten Iran und Pakistan verlagert. Zwar sind seit 1975 allein aus Vietnam, Kambodscha und Laos mindestens 1,8 Millionen Menschen zunächst in (süd-ost)asiatische Nachbarstaaten geflohen, ein Großteil davon ist jedoch sehr bald in Drittländer weitermigriert, vor allem in die USA. Innerhalb Südostasiens hat nur Malaysia eine nennenswerte Anzahl an Flüchtlingen als permanente Zuwanderer akzeptiert, während Thailand, Indonesien und die Philippinen Flüchtlinge temporär bis zu ihrer Weiterwanderung in Drittländer oder bis zu ihrer Repatriierung in Camps kasernieren.

Trends im Binnenwanderungsmuster innerhalb der Länder Südostasiens

Das vorliegende Datenmaterial zu Binnenwanderungsvorgängen beruht vorwiegend auf Zensusergebnissen, die den Schluß nahezulegen scheinen, daß es sich in Südostasien um Bevölkerungen mit nur geringer Mobilität handle. Neben dem Wohnort zum Zeitpunkt der Zählung wird in den meisten Volkszählungen südostasiatischer Staaten auch der Geburtsort und der Wohnort zu einem früheren Zeitpunkt (meist fünf Jahre vor dem Stichtag des jeweiligen Zensus) erhoben. Andere Daten zur Binnenwanderung gibt es - außer aus regional eng begrenzten Fallstudien - in der Regel nicht.
Aus einem Vergleich des Geburtsorts mit dem Wohnort zum Zeitpunkt des Zensus lassen sich zunächst die sog. "Lifetime Migrants" ermitteln. Das sind alle jene Personen, die zum Erhebungszeitpunkt an einem anderen Ort lebten, als an jenem, wo sie geboren wurden. Aus der Frage nach dem Wohnort fünf Jahre vor dem Zensus-Stichtag läßt sich in Ergänzung dazu das "aktuelle" Ausmaß der Migration ermitteln, nämlich die sog. "Recent" oder "Five Year Migration". In beiden Fällen wird allerdings aus definitorischen bzw. meßtechnischen Gründen das tatsächliche Ausmaß der Mobilität erheblich unterschätzt (vgl. Husa 1991). Trotzdem zeigt ein Vergleich der vorliegenden - zugegebenermaßen sehr problematischen - Daten zur "Lifetime" bzw. "Fünfjahres-Migration", daß das Niveau der Binnenwanderung in Südostasien während der letzten drei Jahrzehnte tendenziell kontinuierlich angestiegen ist (vgl. Tab. 3: Tendenzen der "Lifetime Migration" und der "Five-Year Migration").
Der tatsächliche Umbruch im Binnenwanderungsmuster in vielen Staaten Südostasiens läßt sich allerdings aus den Zensusdaten nicht ablesen. Eine Reihe von Fallstudien läßt jedoch klar erkennen, daß auch hier - ebenso wie bei der internationalen Wanderung - permanente Migrationsformen - und nur diese werden ja durch Zensen erfaßt - zunehmend von temporären, nicht-permanenten Mobilitätsformen abgelöst werden. Hochentwickelte, flexible und größtenteils auch billige Transportsysteme stellen dabei die Grundvoraussetzung für das sprunghafte Anwachsen solcher Mobilitätstypen dar.
Wenngleich es auch nicht möglich ist, konkrete Zahlen zum Ausmaß der temporären Mobilitätsvorgänge für die Staaten Südostasiens zu nennen, so lassen einschlägige Studien doch erkennen, daß diese heute das Ausmaß der klassischen Binnenwanderung mit permanentem Charakter bei weitem übertreffen dürften. So ergab zum Beispiel eine Fallstudie über die Zuwanderung nach Bangkok in Thailand, daß nur rund 12 Prozent aller in dieser Repräsentativerhebung erfaßten Zuwanderer in die thailändische Hauptstadt dort auch amtlich registriert waren (und somit im Rahmen des Zensus als Migranten erfaßt worden wären!) und nur knapp mehr als sieben Prozent die Absicht hatten, längerfristig in Bangkok zu bleiben (Husa 1986). Eine Studie über räumliche Mobilitätsvorgänge in Java, Indonesien, ergab, daß mindestens 25 Prozent aller Haushalte im ländlichen Raum Javas ein oder auch mehrere Haushaltsmitglieder aufwiesen, die sich für einen Teil des Jahres als Arbeitsmigranten in städtischen Zentren befanden (Hugo 1988, 1989).
Was das räumliche Muster der Binnenwanderungsströme betrifft, so zeigt sich, daß wohl nach wie vor ein beträchtlicher Anteil der Binnenwanderungen innerhalb des ländlichen Raumes stattfindet, daß aber die Land-Stadt-Wanderung zunehmend an Bedeutung gewinnt, wie sich zum Beispiel deutlich anhand der letzten drei Zensusrunden in Thailand erkennen läßt (Tab. 4: Richtung der Wanderungsströme in Thailand).
Gewinner dieser Entwicklung sind - wie zu erwarten - in allen Ländern die großen Metropolen, wie zum Beispiel Bangkok-Metropolis, Metro-Manila, Kuala Lumpur oder Jakarta, als überragende Wanderungsziele. Eng mit dem Phänomen der Land-Stadt-Wanderung verbunden ist das zunehmende Tempo des Urbanisierungsprozesses. So ist in Asien zwischen 1950 und 1990 der Anteil der städtischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung von rund 16 Prozent auf 34 Prozent angestiegen (in Südostasien beträgt der Verstädterungsgrad gegenwärtig 31 Prozent), wobei nahezu die Hälfte dieses Zuwachses Binnenwanderungsgewinnen zuzuschreiben sein dürfte.
Wenngleich der Land-Stadt-Wanderungsprozeß und auch die Urbanisierungstendenzen innerhalb der Staaten Südostasiens beträchtliche Variationen aufweisen, so lassen sich doch einige charakteristische Trends erkennen (vgl. Hugo 1989:17 f):

Migrationsvorgänge im Zuge staatlicher Umsiedlungsprogramme und spontaner Neulanderschließung

Betrachtet man nun die Tendenzen der Binnenwanderung in den peripheren Regionen Südostasiens, so ist festzuhalten, daß Mobilitätsprozesse innerhalb des ländlichen Raumes bzw. mit Zielgebiet ländlicher Raum - vor allem die Formen und Konsequenzen von staatlich gelenkten Umsiedlungs- programmen und der spontanen Neulanderschließung - im Gegensatz zur Land-Stadt-Wanderung, die aufgrund ihrer Auswirkungen auf die Bevölkerungsentwicklung und die Lebensverhältnisse in den städtischen Räumen schon sehr früh das Interesse auf sich gezogen hat, lange Zeit systematisch vernachlässigt und ihre ökonomischen, sozialen und vor allem auch ökologischen Auswirkungen unterschätzt wurden.
Trotz der bereits geschilderten beachtlichen Erfolge bei der Eindämmung des Bevölkerungswachstums in den meisten Staaten Südostasiens existiert nämlich in dichtbesiedelten Teilen des ländlichen Raumes (etwa in Java oder in Nordostthailand) nach wie vor ein beträchtlicher Bevölkerungsdruck und ein steigender Bedarf zur Aufschließung von neuem agrarischem Lebensraum. Die Ursache für den bereits seit geraumer Zeit dynamisch voranschreitenden Prozeß der "Rodungskolonisation" in Südostasien, der mittlerweile von seinem Umfang her vielfach bereits mit der mittelalterlichen Rodungsperiode in Europa verglichen wird, scheint klar: Weiten Gebieten Südostasiens mit hohen und noch immer zunehmenden Bevölkerungsdichten stehen ausgedehnte und nur dünn besiedelte Flächen mit beträchtlichem agrarischem Potential gegenüber.
Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, daß fast alle Staaten Südostasiens staatlich gelenkte Umsiedlungsprogramme implementiert haben. Üblicherweise wird der Beginn sogenannter "Land Settlement Schemes" - also der geplanten Neulanderschließung in Südostasien - mit dem Jahr 1905 angesetzt, als die Holländer im heutigen Indonesien ihr Neulanderschließungsprogramm starteten. Seit dieser Zeit finden sich in allen heutigen ASEAN-Staaten (außer in den flächenmäßig kleinen Staaten Singapur und Brunei), aber auch in Vietnam, Laos, Kambodscha und Myanmar, ähnliche Projekte. Das bei weitem bedeutendste (und gleichzeitig weltweit größte) staatlich gelenkte Umsiedlungsprogramm, sowohl was die Zahl der Umsiedler, die Dauer, das Ausmaß der internationalen Unterstützung und die Massivität der Kritik betrifft, ist das indonesische "Transmigrasi"-Programm, an dem seit Beginn immerhin mindestens rund 3,9 Millionen Menschen beteiligt gewesen sein dürften. Umfangreiche staatlich organisierte Umsiedlungen fanden noch in Thailand im Zeitraum von den dreißiger Jahren bis zu den späten siebziger Jahren (rund 1,2 Millionen Menschen) und in Malaysia seit den fünfziger Jahren (knapp über 900.000 Menschen) statt.
Vereinfacht gesagt, lassen sich bei den staatlich initiierten Umsiedlungsprojekten drei dominierende Ziele und vier Problembereiche erkennen. Die übergeordneten Ziele sind: Die Entwicklung und Aufschließung von vorher un- bzw. untergenutztem Land, um den nationalen Wohlstand anzukurbeln; der Abbau sozialer, politischer und ökonomischer Spannungen in dicht besiedelten Räumen; und schließlich die Stärkung der sog. "nationalen Sicherheit" in sensiblen Grenzregionen (als charakteristische Beispiele hierfür seien etwa die indonesischen Transmigrantensiedlungen in Irian Jaya an der Grenze zu Papua Neuguinea oder die Transmigrantenprojekte in Ost-Timor genannt).
Probleme ergeben sich bei fast allen diesbezüglichen Programmen in folgenden vier Bereichen: Im Bereich der Auswahlkriterien für potentielle Migranten, im Zusammenhang mit der Auswahl der Neusiedlungsareale und ihrer Eignung; in Hinblick auf die Produktivität des neu zu erschließenden Landes und die "Nachhaltigkeit" der angewandten landwirtschaftlichen Nutzungssysteme, sowie in Hinblick auf häufig vorprogrammierte Konflikte mit der bereits ansässigen, örtlichen Bevölkerung.
Der gravierendste indirekte Effekt dieser offiziell initiierten Migrationen in neu erschlossene Gebiete des ländlichen Raumes - nämlich die darauffolgende Welle der spontanen bzw. autonomen Neulanderschließung - ist hingegen gegenwärtig erst so richtig im Anrollen begriffen. Gerade diese unkontrollierte, ungeplante Migrationswelle kann aber unübersehbare ökologische, ökonomische und soziale Konsequenzen haben, wie etwa auch das Beispiel Thailand zeigt, wo ein Großteil der Neulanderschließung der letzten Jahrzehnte ohne staatliche Kontrolle abgelaufen ist. Solche spontanen, weitgehend von öffentlicher Seite unkontrollierten Migrationsvorgänge trugen in Thailand den Hauptanteil an der Erweiterung der agrarischen Flächen des Landes von 7,8 Millionen Hektar 1956 auf mittlerweile bereits 24 Millionen Hektar - bei entsprechend massivem Rückgang des Waldbestandes von rund 60 Prozent auf derzeit gerade noch 17 Prozent der Landesfläche.
Die Spuren dieser ungeplanten und illegalen Landnahme sind heute in vielen Teilen Thailands großflächig sichtbar, so zum Beispiel im sog. "Isaan", dem Nordosten Thailands, oder in der Provinz Chonburi, nicht weit entfernt von der Hauptstadt Bangkok: Bodenzerstörung, Absinken des Grund- wasserspiegels und zum Teil gravierende Erosionserscheinungen haben stark um sich gegriffen und gefährden heute erheblich die nachhaltige Nutzung dieser Gebiete. Erst im vergangenen Jahr erlebte Thailand seine größte Wasserknappheit seit mehreren Jahrzehnten, was zu hitzigen Debatten in der Öffentlichkeit, den Medien und auch im Parlament über die Ursachen dieses Phänomens führte. Eine Anfang dieses Jahres veröffentlichte Studie (Rigg 1995) beweist eindeutig den Zusammenhang zwischen der Wasserproblematik und den oben geschilderten Vorgängen. Auch die schweren Überschwemmungen in Südthailand Ende der achtziger Jahre sind auf die massive Entwaldung zurückzuführen.
Ähnliche Probleme treffen auch auf die offizielle Transmigration in Indonesien zu, die ebenfalls als Initialzündung für die darauf folgende Welle der spontanen Migration gelten kann. Die staatlichen Pioniersiedlungen in Indonesien fungieren quasi als Anker, die immer größere Zahlen von spontanen Migranten nach sich ziehen. Im Lauf der Zeit bilden sich informelle soziale Netzwerke, zum Beispiel über bereits offiziell gewanderte Verwandte und Freunde, heraus, deren Bedeutung für neue Migrationen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Einmal etabliert, erweisen sich solche Netze als extrem starke und kaum mehr kontrollierbare Kraft.

"Migration Management"

Vor dem Hintergrund der hier nur kurz dargestellten Trends in der Entwicklung der räumlichen Mobilitätsvorgänge in Südostasien in den letzten Jahrzehnten erscheint es nur zu verständlich, daß Versuche, von staatlicher Seite auf Bevölkerungsverteilung und Migration direkt Einfluß zu nehmen, eine lange Geschichte aufweisen. Die oben genannten Projekte zur Neulanderschließung im ländlichen Raum sind nur ein Teil davon. Einen anderen Typ der Intervention stellen zum Beispiel die Versuche in vielen südostasiatischen Staaten dar, Bergstämme, die Brandrodungs-Wanderfeldbau betreiben, seßhaft zu machen.
Charakteristisch für das Bestreben, "Migration-Management" zu betreiben, sind auch die Strategien in einer Reihe von Ländern (vor allem in Thailand und Malaysia), die Land-Stadt-Wanderungsströme von den großen Metropolen als primären Zielgebieten durch Etablierung sog. "regionaler Wachstumszentren" abzulenken, bislang allerdings mit mäßigem Erfolg.
Ein anderer Trend zeigt sich bei der internationalen Arbeitsmigration. Auch hier steigt das staatliche Interesse, solche Vorgänge stärker zu organisieren bzw. besser unter Kontrolle zu bringen. Die generelle Tendenz - mit Ausnahme von Kleinstaaten wie Singapur und Brunei, aber auch Malaysia, die bereits mit Engpässen auf dem Arbeitsmarkt zu kämpfen haben - ist derzeit das Bestreben, die nach außen gerichtete internationale Arbeitsmigration zu ermutigen, oder - wie Shah und Arnold (1986) meinen - den Export von Arbeitskräften zu "maximieren", um einerseits den eigenen Arbeitsmarkt zu entlasten und andererseits von den Geldrücksendungen der Gastarbeiter Deviseneinnahmen zu erzielen.
Ungeachtet des hohen Niveaus, der Vielfalt, der Komplexität und der dynamischen Veränderungen der räumlichen Mobilitätsvorgänge in Südostasien läßt sich abschließend jedoch feststellen, daß das lange Zeit gehegte konventionelle Stereotyp von den weitgehend seßhaften, hoch immobilen Gesellschaften Südostasiens in den letzten Jahrzehnten starke Veränderungen erfahren hat und wohl der Vergangenheit angehört.

Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen

Literatur

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Quelle: Beiträge zur historischen Sozialkunde. Nr. 3/95. 25. Jg. S. 85 - 95.
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